Berlin, 11.11.2018/cw – „Wie schon im Fall Hubertus Knabe agiert die aktuelle Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) auch bei der Kritik an der Grenztoten-Studie vorschnell und zumindest unglücklich. Die Kritik an der Arbeit des Forschungsverbundes ist wenig überzeugend und getrieben von der Konkurrenz um Forschungsmittel. Um die Sache geht es offensichtlich weniger.“ So der leitende Redakteur Geschichte, Sven Felix Kellerhoff, in DIE WELT (7.11.2018) in seiner Kritik an den jüngsten Auseinandersetzungen um die reale Anzahl der Mauertoten. Der Forschungsverbund SED-Staat hatte 2017 eine Studie vorgelegt, in der 327 Tote an der innerdeutschen Grenze dokumentiert worden waren.

Nach einem Bericht des Senders RBB waren 50 der 327 Toten zum großen Teil Täter, also keine Grenzopfer. Die Staatsministerin hat nach der jüngsten Kritik den Bericht von der Internetseite nehmen lassen, um eine nochmalig Prüfung vornehmen zu lassen. 2017 hatte die Stellungnahme von Monika Grütters zu der jetzt kritisierten Studie noch anders geklungen: „Die Erinnerung an die Schrecken des Grenzregimes an der ehemaligen innerdeutschen Grenze aufrechtzuerhalten ist ein zentrales Anliegen bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur.“ (DIE WELT, 07.06.2017).

Scharfe Kritik von der UOKG

Zu den schärfsten Kritikern der Studie gehört mittlerweile der Historiker Christian Sachse vom Dachverband der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), der in den vergangenen Jahren durch eigene Studien, zum Beispiel zur Zwangsarbeit von politischen Häftlingen für den schwedischen Möbelkonzern IKEA und für die Reichsbahn bekannt wurde. Sachse war allerdings um 2006 im Unfrieden aus dem Forschungsverbund ausgeschieden.

So erhob Sachse seitens der UOKG in der rbb-Sendung sogar Manipulationsvorwürfe gegen den Forschungsverbund: „Wenn Täter zu Opfern gemacht werden, dann ist das eine Verhöhnung der Opfer.“ Der Verbands-Historiker bezog sich in seiner Kritik auf den in Moskau hingerichteten ehemaligen DDR-Polizisten Walter Monien, der 1951 die Flucht in den Westen plante und von einem MfS-Informanten verraten wurde: „Den Fall des SS-Mannes Monien kann ich nur als gewollte Manipulation verstehen,“ so Sachse.

Dagegen stellt der Forschungsverbund in einer Stellungnahme zu den erhobenen Vorwürfen, die von Prof. Dr. Klaus Schroeder und Dr. Jochen Staadt unterzeichnet ist, fest, dass der rbb-Bericht „gezielte Auslassungen wichtiger Zusammenhänge und Falschbehauptungen“ enthalte.

So habe die Moderatorin Gabi Probst wichtige Tatsachen zu Walter Monien verschwiegen, obwohl ihr diese bekannt gewesen seien. Der Forschungsverbund hatte sich  bei der Einbeziehung Moniens als „Teilungsopfer“ auf den  biografischen Eintrag und die seinerzeitige Urteilsbegründung in der Dokumentation „Erschossen in Moskau – Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950–1953“ (3. Auflage 2008) bezogen. Dieser Dokumentation ist zu entnehmen, dass Walter Monien von der Russischen Militärstaatsanwaltschaft am 15. Februar 1999 rehabilitiert wurde. Der Forschungsverbund: „Die russischen Militärstaatsanwälte gingen 1999 mit den von stalinistischen Geheimpolizisten erzwungenen Aussagen Moniens wesentlich quellenkritischer um als der rbb in seinem Bericht. Völlig unkritisch verbreitet die öffentlich-rechtliche Anstalt die nach stalinistischen Verhörmethoden zustande gekommenen Aussagen Moniens eins zu eins in ihrer Sendung.“

Das Totenbuch wurde von Memorial Moskau, dem Forschungsinstitut Facts&Files und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben.

Forschungsverbund: Seitens der UOKG gab es 2012 keine Kritik

Schröder und Staadt weisen in ihrer Stellungnahme auch darauf hin, dass Staadt auf dem Verbändetreffen der UOKG vom 17. November 2012 das Forschungsprojekt zu den Todesopfern des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze vorgestellt habe. Dabei war „insbesondere die sensible Fallgruppe der „Suizide im Grenzdienst““ ausführlich erläutert worden. Der auf der Veranstaltung anwesende und nun als Kritiker im rbb präsentierte Dr. Christian Sachse „meldete sich in der Diskussion über die Todesfallgruppe nicht zu Wort und erhob auch im Nachgang des Verbändetreffens ebenso wie andere Mitglieder der UOKG dagegen keine Einwände.“

Nach Felix Kellerhoff dürfte der Hintergrund des jetzigen Streites und der Kritik der UOKG eher sein, „dass vor wenigen Monaten der Forschungsverbund SED-Staat vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Geld für eine Anschlussstudie zu den deutschen Opfern der Grenze zur Ostsee hin und der nichtdeutschen Außengrenzen des Warschauer Paktes bekommen hat“.

Nach Meinung von Insidern spricht einiges für diese Wertung des angesehenen WELT-Journalisten. In der UOKG werde mit „viel Aufwand um weitere Finanzierungsmittel“ gerungen. Dabei komme es wohl „nicht immer auf die gebotene Sorgfalt und Seriosität“ an. So habe der Vorsitzende im letzten Jahr eine Stiftung „Haftzwangsarbeit“ ins Leben gerufen, deren Eintragung beinahe an der notwendigen aber zunächst ausgebliebenen Startfinanzierung gescheitert wäre. Zwar sei im Frühjahr die Eintragung nach einem Geldmitteleingang (dem Registergericht war eine Zahlung von IKEA über 50.000 Euro avisiert worden) erfolgt, die Stiftung komme allerdings nicht in Schwung, weil „angestrebte Finanzierungen durch die öffentliche Hand“ ausgeblieben seien. Zu den Gründungsmitgliedern gehören neben dem Vorsitzenden Dieter Dombrowski (CDU) Hildigund Neubert (CDU) und Dr. Christian Sachse.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.354).

Berlin, 3.Oktober 2020/cw – Segen oder Fluch? Einzig die ausgerufene Pandemie verhinderte ein opulentes Fest zum „Feiertag nach Aktenlage“ am heutigen  3. Oktober anno 2020. Stattdessen wurden Pandemie-freundliche Events wie die stadtweite Ausstellung in Potsdam, eine „Einheitsstunde“ im Deutschen Bundestag oder die Verlängerung der wunderschönen „Berlin leuchtet“-Veranstaltung durchgeführt. Deutschland entging so der Peinlichkeit, sich der Wahrheit zu stellen und schonungslos die noch immer vorhandenen und skandalösen Defizite näher zu beleuchten.

Natürlich haben wir gewichtige Gründe, auch eine ganze Generation später die Vereinigung der durch den 2. Weltkrieg verbliebenen Reste Deutschlands zu einem  Staat zu bejubeln. Traurig, wenn wir das nicht täten. Aber müssen wir deswegen weiterhin lügen, Tatsachen verschweigen, uns geradezu euphemistisch einreden, dass wir „das große Glück“ mit Anstand, Bescheidenheit und Dankbarkeit gemeistert haben?

Geschichtliche Dimension des 9. November verschwiegen

Warum beschränken wir uns alljährlich am 9. November auf die zeitgeschichtliche Würdigung der Maueröffnung, ohne den 9. November als den Tag zu begehen, der uns die einmalige Chance vermittelt hat, einen überzeugenden „Nationalen Feiertag“ würdig zu begehen? Der 3. Oktober wurde doch nur aktenkundig, weil es offensichtlich in diesem Punkt überforderten Politikern nicht möglich erschien, den 9. November als  d a s  Datum der neuen Deutschen Einheit festzuschreiben. Man wollte wohl ein absolutes Wohlverhalten nach Außen zelebrieren, hatte wohl Befürchtungen, dem neuen Deutschen Staat stände ein solcher geschichtsträchtiger Feiertag nicht zu. Könnte doch ein selbstbewusster und in seiner geschichtlichen Duplizität einmaliger Feiertag bei unseren Nachbarn Stirnrunzeln, vielleicht sogar Irritationen auslösen? Waren wir nicht durch den 2. Weltkrieg zu immerwährender Bescheidenheit, zu  Zurückhaltung verpflichtet?

Erstaunlich, wie es gelang, die geschichtliche Dimension des 9. November gegenüber dem eigenen Volk bereits über drei Jahrzehnte zu verschweigen, im künstlichen Jubel-Nebel des 3. Oktober verschwinden zu lassen. Auch in der bereits erwähnten Einheits-Stunde des Deutsche Bundestages kein Wort zu diesem Komplex. Selbst der beste Redner an diesem Tag, Ralph Brinkhaus, Fraktionschef der CDU/CSU,  vermied dieses Thema wie der Teufel das Weihwasser. Dabei wäre es dreißig Jahre nach dem ersten „3.Oktober“ an der Zeit gewesen, auch zu diesem Thema Tacheles zu reden.

Hier noch einmal zur Erinnerung:

Am 9. November 1848 wurde bei Wien das Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung (Paulskirche) Robert Blum (* 10. 11.1807 in Köln; † 9. 11.1848), eine führende Persönlichkeit der liberalen und nationalkirchlichen Bewegung, hingerichtet.  Blum setzte sich als einer der führenden Köpfe der Demokraten für eine republikanische Verfasstheit des deutschen Nationalstaates ein. Dabei war er auf Kompromisse mit dem linken Flügel der Liberalen ebenso bedacht wie auf einen strikt demokratischen Kurs. Während der zweiten Revolutionsphase nahm Blum während des Oktoberaufstandes auf der Seite der Revolutionäre an der Verteidigung Wiens gegen die kaiserlich-österreichischen Truppen teil. Nach der Niederschlagung des Aufstands war der Demokrat durch ein Standgericht zum Tode verurteilt worden.

Am 9. November 1918 wurde die Republik ausgerufen. Gleich zweimal: Durch Philipp Scheidemann (SPD) von einem Balkon des Reichstages aus und durch den Führer des kommunistischen Spartakusbundes, Karl Liebknecht, vom Balkon des Berliner Schlosses. Die Ausrufung der Republik beendete das Kaiserreich und wurde zur Geburtsstunde der „Weimarer Republik“.

Am 9. November 1923 scheiterte der Putsch Adolf Hitlers und Erich Ludendorffs gegen die parlamentarische Demokratie. Es war Hitlers erster Versuch, die verhasste Reichsregierung in Berlin zu stürzen. Ein damaliger Sieg der Demokratie, der jeder Erinnerung und Würdigung wert ist.

Am 9. November 1938 kam es zu den ersten und reichsweiten Pogromen gegen jüdische Mitbürger, bekannt geworden unter dem zu trauriger Berühmtheit gelangten berüchtigten  Namen „Reichskristallnacht“. Es war der Auftakt zu einer der schrecklichsten staatlich veranlassten und geführten Mordmaschinerie gegen eine Minderheit im  Deutschen Reich und nach Beginn des 2. Weltkrieges in ganz Europa. Ein „Nationaler Feiertag“ beinhaltet nicht nur Jubelstunden, er ist Anlass, auch der dunklen Stunden einer Nation zu gedenken.

Untrennbar verbunden mit dem „9. November“ ist auch der 8. November 1939.  Seit 1933 versammelten sich Teilnehmer des Putschversuches von 1923 stets am 8. November im Bürgerbräukeller, von dem seinerzeit aus der Marsch zur Feldherrnhalle begonnen hatte. Hitler hielt vor seinen Gefolgsleuten jeweils eine Rede. Am 8. November 1939 entging er an diesem geschichtsträchtigen Ort nur knapp einem Attentat. Georg Elser, (* 04.01.1903 Hermaringen; † 09.04.1945 im KZ Dachau), ein Kunstschreiner und Widerstandskämpfer gegen die NS-Herrschaft, hatte in  die Säule hinter dem Rednerpult eine Zeitbombe eingebaut. Hitler beendete an diesem Abend seine Rede vorzeitig. Als die Bombe nur 20 Minuten später explodierte, hatte der „Führer“ bereits den Bürgerbräukeller verlassen.

Am 9. November 1989 fiel nach 28 Jahren in Berlin die Mauer, wurde nach einer sensationellen Mitteilung durch den SED-Funktionär Günter Schabowski (* 04.01.1929 Anklam; † 1.11.2015 Berlin) die Ausreise von DDR-Bürgern „ab sofort, unverzüglich“ möglich. Dieser Tag war die Geburtsstunde der jetzigen Deutschen Einheit, daran ändern auch keine Aktenvermerke, wie die statische Festschreibung auf ein willkürliches Datum, nichts.

Ein Geschenk der Geschichte

Es bleibt erstaunlich, dass diese geschichtlichen Zusammenhänge, die jede andere Nation als „Geschenk der Geschichte“ behandeln und begehen würde, bei uns – übrigens auch in den Medien – stiefmütterlich behandelt, wenn nicht ganz unterschlagen wird.

Die Vereinigung 17. Juni (Berlin) hatte bereits im Dezember 1989 in einem Brief an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Jürgen Wohlrabe (* 12.08.1936 Hanau; † 19.10.1995 Berlin) den Vorschlag unterbreitet und begründet, den „9. November“ zum Nationalen Feiertag zu bestimmen. Wir signalisierten seinerzeit unsere Bereitschaft, dafür auf den „17. Juni“ als arbeitsfreien Gedenktag zu verzichten, da wir in der aktuellen Entwicklung eine Umsetzung der Ziele des Aufstandes von 1953 sahen. Wohlrabe war begeistert und wollte das Schreiben mit entsprechender Befürwortung an den Präsidenten des Deutschen Bundestages weiterleiten. Von dort erhielt der Verein nie eine Reaktion. Zwar wurde der „17.Juni“ tatsächlich unter der Ägide des Einheitskanzlers Helmut Kohl (* 03.04.1930 Ludwigshafen am Rhein; † 16.06.2017 ebenda) als „arbeitsfreier“ Tag durch den „3.Oktober“ ersetzt, nachvollziehen können (nicht nur) wir diesen Verwaltungsakt auch nach 30 Jahren nicht.

Dies ist allerdings nur ein schwarzer Punkt in der Aufarbeitungsgeschichte. Ungeklärt harren noch viele wichtigen Punkte einer endlichen Klärung. So wurden in den gen. Bundestagsreden zum  3. Oktober zum Beispiel auch die „nach wie vor niedrigeren Renten in der ehemaligen DDR“ als Unrecht beklagt. Von dem nach wie vor andauernden Unrecht an den Flüchtlingen, die bis zur Maueröffnung oft unter Gefahr für Leib und Leben aus der Diktatur geflüchtet waren, war nicht einmal ansatzweise die Rede. Diesem Personenkreis war seinerzeit bei ihrer Ankunft im freien Teil Deutschlands zugesichert worden, die bis dato erbrachten Arbeitszeiten rentenrechtlich so zu behandeln, als wären diese in der (alten) Bundesrepublik erbracht worden. Nach der Wiedervereinigung wurde dieser Personenkreis handstreichartig rückwirkend wieder zu DDR-Bürgern erklärt. Dieser Rentenbetrug hatte bis heute Rückwirkung auf die Berechnung der Renten, die auf diese Weise um 100 bis 800,00 Euro gekürzt wurden. Auch dieses Unrecht steht neben anderen politischen Fehlhandlungen (Deutsche Treuhand!) immer noch ungeklärt, schlimmer, weil ignoriert, im  Raum.

„Soziale Zuwendung“ und „Ehrenpension“

Ein weiteres Thema wären die sogen. Opferrenten, die Verfolgte bzw. aus politischen Gründen von der SED-Diktatur zu Haftstrafen Verurteilte unter der Bezeichnung „Soziale Zuwendung“ seit 2007 (!) erhalten. Im  gleichen Jahr wurde für die letzten Minister einer DDR-Regierung, weil frei gewählt, eine „Ehrenpension“ beschlossen. Diese Minister kamen ihren staatsbürgerlichen Verpflichtungen für ein  sicher nicht kleines Gehalt für längstes 5  Monate (!) nach. Dafür wurde diesen eine Ehrenpension in  Höhe von 600 € monatlich zugesprochen, die mit den Bezügen der Bundesminister jeweils prozentual angehoben wird und auf hinterbliebene Ehepartner vererbt werden kann. Der letzte Ministerpräsident Lothar de Maiziere startete sogar mit einer anfänglichen Ehrenpension in Höhe von 800 €. Und dies, obwohl er lt. vorliegenden Stasiakten die Fluchtabsichten eines DDR-Bürgers übermittelte und nach weiteren hinlänglich bekannten Berichten in den Medien von der Stasi als „IM Czerny“ geführt wurde. Ein ehemaliger Politischer Häftling erhält als „Soziale Zuwendung“ inzwischen monatlich 330 € (nach 250 € ab 2007). Diese ist allerdings an Einkommensgrenzen gebunden, wird also in vielen Fällen erst nach der Verrentung gezahlt und ist im Vergleich zur angeführten Ehrenpension für die DDR-Minister nicht vererbbar, auch wenn der/die EhepartnerIn vielfach die Verfolgung mitge- oder ertragen hat.

Dass es auch 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch anders geht, hat in den letzten Wochen Polen gezeigt: Hier erhalten die einst politisch Verfolgten eine Ehrenrente in Höhe von 600 € monatlich.

Rückzahlungen von SED-Millionen werden im  Haushalt vergraben

Last not least: Kürzlich hat das höchste Schweizer Gericht eine Schweizer Bank  in  letzter Instanz dazu verurteilt, über 100 Milliarden € illegal von der einstigen SED transferierten Vermögens an die Bundesrepublik zurückzuzahlen. Bei der vorhandenen fehlenden Empathie der meisten im Deutschen Bundestag sitzenden Politiker für die Belange der einstigen wirklichen Opfer der SED-DDR-Diktatur steht zu erwarten, dass diese Millionen nicht diesem Personenkreis zugeschrieben werden, sondern in „vereinigungsbedingte Strukturmaßnahmen der Ostdeutschen Länder“ fließen werden. So kann der Corona-gebeutelte Haushalt entlastet und auch Geschichte entsorgt werden.

Nein, den einstigen Lastenträgern der Zweiten Deutschen Diktatur bleibt der Jubel zum Aktendatum „3. Oktober“ nicht nur ob der nach wie vor gezeigten Ignoranz gegenüber den offenen Problemen durch die Politik im Halse stecken.

Ja, am 9. November werden diese Menschen sich trotzdem besonders freuen, weil ihr Kampf um die Freiheit, um die Einheit ihres Vaterlandes letztlich an diesem (weiteren) 9. Novembertag vor nunmehr 31 Jahren gekrönt wurde.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin – Tel.: 030-85607953 (1.564).

Der Radsportler und Fluchthelfer starb am 8. August in Berlin

Berlin, 13.09.2020/cw – Wegen der Corona-Maßnahmen durften ihn nur die Angehörigen auf seinem letzten Weg begleiten. Harry Seidel wurde vor wenigen Tagen, am 10. September, auf dem Evangelischen Friedhof in Lichtenrade beigesetzt. Die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Maria Nooke, sprach die Abschiedsworte.

Der am 2.04.1938 in Berlin geborenen Seidel Harry Seidel wuchs im Stadtteil Prenzlauer Berg auf. Schon früh störte sich der Jugendliche an den politischen Indoktrinationen, die für ihn so unerträglich wurden, daß er die Schule bereits nach der zehnten Klasse verließ. Harry der eine Lehre zum Elektroinstallateur absolvierte, engagierte sich schon früh im Radsport, der für ihn zur Leidenschaft wurde. Im Verein Semper Berlin, später im SC Einheit Berlin trainierte er und gewann schließlich neben der mehrfachen Berlin-Meisterschaft 1959 die DDR-Meisterschaft im Zweier-Mannschaftsfahren mit Rainer Pluskat,  auch den dritten Platz in der 4000 Meter Einerverfolgung. Nahezu zwangsläufig wurde er Mitglied der DDR-Bahnradsport-Nationalmannschaft und wurde hier als erfolgreicher Sportler von der Staatspropaganda benutzt. Obwohl er die nötige Qualifikation vorweisen konnte, wurde Seidel 1960 die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Rom verweigert. Er hatte sich im Gegensatz zu anderen Sportlern der geforderten Einnahme von Anabolika verweigert.

Filmreife Vita

Obwohl nach wie vor in Ost-Berlin wohnend, verlegte Seidel nach diesem Eklat seine Radsport-Ambitionen nach West-Berlin und startete dort für den Verein Grünweiß. Wenige Monate vor dem Mauerbau, im April 1961, trat er aus dem Verein SC Einheit aus, kündigte seine Arbeitsstelle im Osten  der geteilten Stadt und begann eine Tätigkeit als Zeitungsfahrer im Westen Berlins.

Nach dem 13. August 1961 begann Seidel eine wahrhaft filmreife Vita. Am Tag des Mauerbaus war Seidel in Ost-Berlin und flüchtete erstmals am selben Tag nach West-Berlin, kam aber am selben Tag wieder zu seiner Familie zurück. Noch in der gleichen Nacht floh er erneut, diesmal durch die Spree. Weinige Woche später, Anfang September, holte er seine Frau und seinen kleinen Sohn durch eine Lücke im Grenzzaun in der Kiefholzstraße in den Westen. Danach wurden seine Mutter und weitere Angehörige wegen der Flucht zunächst festgenommen und auch nach ihrer Entlassung von der Staatssicherheit schikaniert.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt engagierte sich Seidel in der Fluchthilfe. Er schnitt Löcher in die trennenden Zäune, zerstörte Scheinwerfer an der Grenze. Bereits im Dezember 1961 wurde Seidel erstmals am Brandenburger Tor festgenommen. Durch eine waghalsige Sprung aus einem Fenster in acht Meter Höhe konnte er entkommen.

Erstmals versuchte Harry Seidel  im Januar 1962 eine Beteiligung an einem Tunnelbau in der Kiefholzstraße, der durch einen Wassereinbruch unbenutzbar wurde. Schließlich schloss er sich dem Kioskbesitzer Fritz Wagner an, der allerdings als bezahlter Fluchthelfer arbeitete, was Seidel stets ablehnte. Seidel handelte bis zuletzt aus ideellen Motiven. Zu einem ersten blutigen  Drama kam es 1962, als Seidel zusammen mit Heinz Jercha durch Verrat in einem Tunnel aufgespürt wurden und es zum Einsatz von Schusswaffen kam. Der Zugriff der DDR-Grenztruppen erfolgte am 27. März 1962, Seidel gelang zwar mit dem durch einen Querschläger getroffenen Jercha der Rückzug in den Westen, wo dann Heinz Jercha den erlittenen Schussverletzungen erlag.

Fluchthilfe wurde zur Lebensaufgabe

Einen im Mai 1962 begonnenen Fluchttunnel (Seidel und Wagner) in der Heidelberger Straße 28/29 gaben die Fluchthelfer nach Warnungen durch den Verfassungsschutz auf. Im Jahr 2004 fanden Bauarbeiter teile eines noch intakten Tunnels, den Seidel zusammen mit anderen in Treptow gegraben hatten. Durch diesen Tunnel waren bis zu seiner Entdeckung durch Grenzorgane allein am 11. Juni 1962 ca. 55 Personen in den Westen  geflohen. Seidel hatte noch 2006 der Anbringung einer Erinnerungstafel beigewohnt.

Augrund der vielen Fluchthelfer-Aktivitäten setzte die Staatssicherheit zunehmend erfolgreich Informelle Mitarbeiter (IM) ein, durch die der Einsatz Seidels und Anderer zunehmend gefährlicher wurde. So wurde ein Flucht-Projekt, dass Seidel, Wagner, Hasso Herschel und die Girrmann-Gruppe mit Studenten der FU umsetzen wollte, am 7. August 1962 verraten. Etwa 60 Fluchtwillige wurde noch am gleiche Tag verhaftet. Durch den selben IM „Hardy“ wurde auch das nächste Fluchtprojekt von Seidel und Wagner in der Heidelberger Straße verraten. Beim Zugriff der Staatssicherheit wurde einer der Tunnelbauer schwer verletzt.

Verhaftung und Urteil

Nachdem Seidel endlich auch seine Mutter in den Westen  holen wollte, beteiligte er sich an einem von der CDU finanzierten Tunnelbau an der Grenze zum Ortsteil Kleinmachnow. Im Rückblick vermutete Seidel einen geplante  Hinterhalt des MfS. Jedenfalls wurde am 14. November 1962 im Tunnel festgenommen.

Unter dem Vorsitz des Präsidenten des Obersten Gerichtes der DDR, Heinrich Toeplitz, begann nur sechs Woche nach Seidels Festnahme der dreitägige Schauprozess in Ost-Berlin. Mit Urteil vom 29. Dezember 1962 wurde Seidel des fortgesetzten Verstoßes gegen das „Gesetz zum Schutze des Friedens“ und des Waffengesetzes für schuldig befunden und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Das MfS hatte zuvor in einem internen „Vorschlag zur Durchführung eines Prozesses vor erweiterter Öffentlichkeit“ vom 26. November 1962 unter anderem das Ziel beschrieben, „der Weltöffentlichkeit die Gefährlichkeit derartiger Aggressionshandlungen gegen die Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik“ zu zeigen. Allerdings stammte das bei der Verurteilung zum ersten Mal seit Jahren angewandte Gesetz von 1950 aus der Hochzeit des Stalinismus. Auch die Urteilsbegründung erschien absurd: Das Gericht verglich die angeblich von der bundesdeutschen Regierung gesteuerten Taten Seidels mit den in den Nürnberger Prozessen abgehandelten Verbrechen und beschuldigte ihn, Vorbereitungen für einen Angriffskrieg unternommen zu haben. Besonders dieses Vorgehen kritisierte die Internationale Juristenkommission in ihrem 1963 angefertigten Gutachten zu dem Urteil, da die Fluchthilfe damit auf eine Stufe mit den Verbrechen des Nationalsozialismus gestellt wurde.  Auch Willy Brandt verurteilte das Verfahren scharf: „Es gibt kein Wort, das genügen würde, um der Empörung über dieses Schandurteil der modernen Inquisition eines Unrechtsstaates Ausdruck zu verleihen.“

Kampf für „Harry Seidel und 14.000 Politische Gefangene“

Seidel saß seine Untersuchungshaft im Zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Hohenschönhausen und die dem Urteil folgende Haft im Zuchthaus Brandenburg ab. Auch dort unternahm er einen sichtbaren Protest, als er einen Schornstein bestieg. Während seiner Haft fanden zahlreiche und international beachtete Proteste gegen das Urteil und für die Freilassung Seidel statt. So fuhr der indische Gandhi-Anhänger und Bürgerrechtler Tapeshwar N. Zutshi am 14. September 1963 mit einem Ruderboot auf die Ost-Berliner Seite des Britzer Verbindungskanals. Er führte ein Plakat mit, auf dem er Freiheit für Seidel und andere politische Gefangene der DDR forderte. Der West-Berliner Freund Zutshis, Carl-Wolfgang Holzapfel, führte nach der Rückkehr Zutshis nach Indien diesen Protest fort und demonstrierte mehrfach für die „Freiheit Harry Seidels und 14.000 politischen Gefangenen“, in dem er versuchte, mit diesem Protest nach Ost-Berlin zu gelangen. Nach einem dritten Protest wurde dieser am 18.10.1965 am Ausländerübergang Checkpoint Charlie verhaftet und 1966 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Urteil wurde eigens angeführt, das der Angeklagte „durch seine Aktionen der Weltpresse permanent hetzerische Schlagzeilen gegen  die DDR“ geliefert habe. Bemerkenswert dabei ist, dass Harry Seidel vier Wochen vor Holzapfel freigekauft wurde. Beide konnten erstmals Ende Oktober durch die Vermittlung des Schwedischen Gesandten und Unterhändlers für den Freikauf, Carl-Gustav Svingel, miteinander telefonieren.

Seidel, der zunächst zum Schutz „vor der Presse“ von Svingel in Schweden untergebracht worden war, kehrte später nach West-Berlin zurück und arbeitete dort bis zu seiner Verrentung beim Senator für Inneres. Er war dort für die politisch und religiös Verfolgten des Nationalsozialismus zuständig.

Auch im Radsport war er der einst weltbekannte Sportler nach seiner Haft zunächst wieder aktiv und gewann 1973 sogar zusammen mit Burckhard Bremer, Roger Poulain und Peter Lindow die deutsche Meisterschaft im Mannschaftszeitfahren.

In einem Gespräch zwischen Seidel und Toeplitz (Fernsehmagazin  Monitor der ARD am 1.12.1992)  bezeichnete Toeplitz sein Urteil gegen Seidel als „aus neuer Sicht nicht mehr zeitgemäß“, ohne sich bei Seidel zu entschuldigen. Seidel wurde für seine zweifellosen Verdienste 2012 mit dem „Verdienstkreuz am Bande“ ausgezeichnet.

Wir teilen die Trauer um den Verstorbenen mit seiner Frau Rotraud, seinem Sohn und den weiteren Angehörigen  und Freunden. Wir werden diesen aufrechten Menschen und Freund nicht vergessen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

V.i.S.d.P.: C.W.Holzapfel, Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.560).

Berlin, 10.09.2020/cw – Regelmäßig schrieb er uns seine Emails, kam bis 2018 trotz seiner schweren Erkrankung (regelmäßige Dialyse) zum Staatsakt in der Seestraße und am Tag zuvor zu unserer Mitgliederversammlung. Nachdem wir ihn 2019 auf der Feier zum 30. Jahrestag des 9. November vor dem Reichstag ein letztes Mal getroffen hatten, erhielten wir in diesem Jahr keine Mitteilungen mehr. Nunmehr besorgt fragten wir bei der Stadt Recklinghausen nach. Heute erhielten wir die traurige Bestätigung: Christoph Hölker war bereits Ende 2019 verstorben. Das Sterbedatum vermochte uns die freundliche Mitarbeiterin nicht zu benennen, weil verboten. Deutsche Bürokratie über den Tod hinaus …

Christoph war im besten Sinn ein Patriot. Er konnte immer wieder ausführlich seine Mitgliedschaft im seinerzeitigen Kuratorium Unteilbares Deutschland referieren, berichtete mit Stolz über diverse Gedenkfeiern an die geschichtsträchtigen Daten unseres Landes in seiner Umgebung. Er empfand es als Ehre und war stolz darauf, alljährlich an den Gedenkfeiern in Berlin, besonders dem Staatsakt der Bundesregierung und des Senats von Berlin auf dem Friedhof Seestraße teilnehmen zu dürfen. Freilich gelang ihm dies nicht alle Jahre, denn der Gesundheitszustand erforderte sogar während seines Aufenthaltes in Berlin die Dialyse. Einmal mußte er sogar durch einen Notarztwagen auf dem Friedhof kurz vor Beginn der Gedenkfeier abgeholt werden.

Der am 1.10.1960 Geborene war trotz seiner gesundheitlichen Beeinträchtigungen seit Jahrzehnten ein treues Mitglied unserer Vereinigung. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 war für ihn stets lebendige Geschichte und empfundener Auftrag, gegen die Teilung Deutschlands Stellung zu beziehen. Familie hatte Christoph keine mehr, er schwieg sich auch uns gegenüber darüber aus. So gab es wohl Niemanden in seiner Umgebung, der um ihn weinte, als er diese Welt für immer verließ. Schon im letzten Jahr, nicht einmal von uns, seinen Kameraden, bemerkt. Wir werden den liebenswerten Menschen aus NRW nicht vergessen, der unsere Vereinigung für sich als Familie empfunden hatte, auch wenn wir ihm nicht Familie sein konnten. Er wäre in drei Wochen 60 Jahre alt geworden, die Glückwunschkarte lag bereits auf dem Schreibtisch des Vorstandes. Es sollte nicht sein. Wir werden Christoph Hölker ein ehrendes Andenken bewahren.

Der Vorstand – Vereinigung (AK) 17. Juni 1963 e.V.,  Berlin – (1.559).

Berlin/Brüssel, 23.08.2020/tst – War da was? Demokratische Proteste in Belarus? Gewaltloser Widerstand gegen eine der letzten Diktaturen in Europa? Solidaritätsbekundungen der demokratischen Staaten in der Europäischen Union? Fehlanzeige.

Die in Berlin ansässige Vereinigung 17. Juni 1953, die ihre Herkunft aus dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR ableitet, hatte unlängst in einer Presseerklärung vorgeschlagen, den Tag der Erinnerung an die kommunistischen und nationalsozialistischen Verbrechen am 23. August  zu nutzen, um europaweit mittags um 12:00 Uhr alle Ampeln in der Union für fünf Minuten auf ROT zu schalten und damit den Verkehr symbolisch zum Stillstand zu bringen. Damit sollte Europa ein unübersehbares Signal der Solidarität mit den Demonstranten in Belarus zeigen.

Heute, um 12:05 Uhr, zeigte sich der Vorstand enttäuscht über den „vorgeblichen, weil immer wieder betonten Willen, demokratischen und vor allem gewaltlosen Widerstand gegen diktatorische Systeme zu unterstützen.“ Die Nicht-Reaktion „auf einen einfachen, aber wirksamen Vorschlag“ zeige die „Doppelmoral zwischen Wort und Tat, zwischen öffentlichen Lippenbekenntnissen und tatsächlichem Handeln nicht nur in Deutschland auf,“ sagte der Vorstandsvorsitzende Carl-Wolfgang Holzapfel (76) heute in Berlin.

Holzapfel hatte sich seinerzeit selbst als 17jähriger dem Gewaltlosen Widerstand gegen die SED-Diktatur und die durch diese errichtete Berliner Mauer verpflichtet. Er führte zahlreiche gewaltfreie Demonstrationen durch und war nach seiner Festnahme 1965 am Checkpoint Charlie im April 1966 in Ost-Berlin zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Er gehört der Vereinigung seit 1963 als Mitglied an und ist seit Ende 2002 deren Vorsitzender.

Wir bitten um Beachtung der Sperrfrist: 23.08.2020, 12:05 Uhr

V.i.S.d.P.: VEREINIGUNG (AK) 17. JUNI 1953 e.V., Berlin – Mobil: 0176-48061953

Berlin, 20.08.2020/cw – Die in Berlin ansässige Vereinigung 17. Juni 1953 hat heute in einer Presseerklärung dazu aufgerufen, den „friedlichen Protest in Belarus durch ebenso friedliche symbolische Akte in Europa“ nachdrücklich zu unterstützen. Dazu könnten zum Beispiel am kommenden Sonntag, 23. August, dem „Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ europaweit „um 12:00 Mittags alle Ampeln in den Staaten der EU für fünf Minuten auf ROT gestellt werden.“ In dieser Zeit „sollten alle sonstigen Unternehmungen eingestellt werden.“

Der in Berlin ansässige Verein wurde als „Komitee 17. Juni 1953“ nach dem Volksaufstand in der damaligen DDR gegründet und trägt seit dem 3. Oktober 1957 seinen jetzigen  Namen. Der Vorstand hat heute „alle relevanten Organisationen, die sich der Erinnerung an die Diktaturen in Europa widmen“ und „alle politischen Organisationen, Parteien in den Parlamenten und die Regierungen“ aufgerufen, sich diesem Appell anzuschließen.

In der heute verbreiteten Erklärung der Vereinigung heißt es:

„Wir, die Erben und Nachfahren des ersten Volksaufstandes in Europa nach Beendigung des 2. Weltkrieges rufen dazu auf, den beeindruckenden friedlichen und demokratischen Protest der BürgerInnen in Belarus in ebenso demokratischer und friedlicher Form zu unterstützen. Die Belarussen brauchen eine breite symbolische Unterstützung durch Europa, ohne den Charakter einer problematischen politischen Einmischung in die Angelegenheiten von Belarus zu erwecken.

Dazu könnten zum Beispiel am kommenden Sonntag, 23. August, dem „Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ europaweit um 12:00 Mittags alle Ampeln in den Staaten der EU für fünf Minuten auf ROT gestellt werden, womit der Verkehr zum Erliegen käme. In dieser Zeit sollten auch alle sonstigen Unternehmungen eingestellt werden. Mit diesem symbolischen Akt, der ohne viel Aufwand durchgeführt werden kann, sollen die demokratischen und friedlichen Proteste in Belarus unter weltweiter Beachtung unterstützt werden.

Wir rufen alle relevanten Organisationen, die sich der Erinnerung an die Diktaturen in Europa widmen und alle politischen Organisationen, Parteien in den Parlamenten und die Regierungen in den EU-Staaten auf, sich diesem Appell anzuschließen. Der Vorstand.“

Nicht nur die Demonstranten in Belarus sondern auch Beobachter halten das Ergebnis der kürzlich durchgeführten Wahlen für falsch. Die Belarussen fühlen sich um ihre Stimme betrogen. Felix Krawatzek vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien sagte gegenüber der Deutsche Welle (DW), dass es mittlerweile um deutlich mehr gehe, als um reine Proteste gegen die Wahlen, nämlich „um die Autonomie des Volkes und die Forderung, das eigene politische Schicksal in die Hand nehmen zu können.“

Was als oppositionelle Kundgebung schon vor den Wahlen begann, weitete sich nach der Bekanntgabe der angeblichen Wahlergebnisse, die als massive Wahlfälschung die Menschen erbosten, weiter aus. Der seit 1994 amtierende Diktator Lukaschenko hatte seinerzeit durch die bisher einzige freie Wahl die Macht erlangt und sich kurz darauf die Kontrolle über das Fernsehen gesichert. Zwei Jahre später, 1996, löste er Parlament und Verfassungsgericht auf und verlieh sich damit selbst das Recht, Gesetze zu erlassen. Jedwede Opposition wurde seither durch entsprechenden staatlichen Terror unterdrückt.

Auf die jetzigen friedlichen Demonstrationen reagierte die Lukaschenko-Regierung mit Wasserwerfern und Tränengas. Seither sollen mindestens 6.700 Demonstranten festgenommen und mehrere Menschen ums Leben gekommen sein. Auch die nach weiteren Demonstrationen erfolgten ersten Freilassungen politischer Gefangener führten nicht zu einer Einschränkung der Proteste.

Beobachter registrieren überrascht, das bei den Protesten mittlerweile auch immer wieder Frauen hervorstechen – barfuss, in weißer Kleidung und Blumen in der Hand. Dabei kommt es immer wieder auch zu Umarmungen uniformierter Polizisten, denen die gewaltlos agierenden Frauen Blüten in die Schutzschilde stecken. Der Gewalt des Staates wird auf diese Weise ein friedliches Gegengewicht entgegengesetzt.

V.i.S.d.P.: VEREINIGUNG (AK) 17. JUNI 1953 e.V., Berlin – Mobil: 0176-48061953

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