Berlin, 11.11.2018/cw – „Wie schon im Fall Hubertus Knabe agiert die aktuelle Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) auch bei der Kritik an der Grenztoten-Studie vorschnell und zumindest unglücklich. Die Kritik an der Arbeit des Forschungsverbundes ist wenig überzeugend und getrieben von der Konkurrenz um Forschungsmittel. Um die Sache geht es offensichtlich weniger.“ So der leitende Redakteur Geschichte, Sven Felix Kellerhoff, in DIE WELT (7.11.2018) in seiner Kritik an den jüngsten Auseinandersetzungen um die reale Anzahl der Mauertoten. Der Forschungsverbund SED-Staat hatte 2017 eine Studie vorgelegt, in der 327 Tote an der innerdeutschen Grenze dokumentiert worden waren.

Nach einem Bericht des Senders RBB waren 50 der 327 Toten zum großen Teil Täter, also keine Grenzopfer. Die Staatsministerin hat nach der jüngsten Kritik den Bericht von der Internetseite nehmen lassen, um eine nochmalig Prüfung vornehmen zu lassen. 2017 hatte die Stellungnahme von Monika Grütters zu der jetzt kritisierten Studie noch anders geklungen: „Die Erinnerung an die Schrecken des Grenzregimes an der ehemaligen innerdeutschen Grenze aufrechtzuerhalten ist ein zentrales Anliegen bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur.“ (DIE WELT, 07.06.2017).

Scharfe Kritik von der UOKG

Zu den schärfsten Kritikern der Studie gehört mittlerweile der Historiker Christian Sachse vom Dachverband der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), der in den vergangenen Jahren durch eigene Studien, zum Beispiel zur Zwangsarbeit von politischen Häftlingen für den schwedischen Möbelkonzern IKEA und für die Reichsbahn bekannt wurde. Sachse war allerdings um 2006 im Unfrieden aus dem Forschungsverbund ausgeschieden.

So erhob Sachse seitens der UOKG in der rbb-Sendung sogar Manipulationsvorwürfe gegen den Forschungsverbund: „Wenn Täter zu Opfern gemacht werden, dann ist das eine Verhöhnung der Opfer.“ Der Verbands-Historiker bezog sich in seiner Kritik auf den in Moskau hingerichteten ehemaligen DDR-Polizisten Walter Monien, der 1951 die Flucht in den Westen plante und von einem MfS-Informanten verraten wurde: „Den Fall des SS-Mannes Monien kann ich nur als gewollte Manipulation verstehen,“ so Sachse.

Dagegen stellt der Forschungsverbund in einer Stellungnahme zu den erhobenen Vorwürfen, die von Prof. Dr. Klaus Schroeder und Dr. Jochen Staadt unterzeichnet ist, fest, dass der rbb-Bericht „gezielte Auslassungen wichtiger Zusammenhänge und Falschbehauptungen“ enthalte.

So habe die Moderatorin Gabi Probst wichtige Tatsachen zu Walter Monien verschwiegen, obwohl ihr diese bekannt gewesen seien. Der Forschungsverbund hatte sich  bei der Einbeziehung Moniens als „Teilungsopfer“ auf den  biografischen Eintrag und die seinerzeitige Urteilsbegründung in der Dokumentation „Erschossen in Moskau – Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950–1953“ (3. Auflage 2008) bezogen. Dieser Dokumentation ist zu entnehmen, dass Walter Monien von der Russischen Militärstaatsanwaltschaft am 15. Februar 1999 rehabilitiert wurde. Der Forschungsverbund: „Die russischen Militärstaatsanwälte gingen 1999 mit den von stalinistischen Geheimpolizisten erzwungenen Aussagen Moniens wesentlich quellenkritischer um als der rbb in seinem Bericht. Völlig unkritisch verbreitet die öffentlich-rechtliche Anstalt die nach stalinistischen Verhörmethoden zustande gekommenen Aussagen Moniens eins zu eins in ihrer Sendung.“

Das Totenbuch wurde von Memorial Moskau, dem Forschungsinstitut Facts&Files und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben.

Forschungsverbund: Seitens der UOKG gab es 2012 keine Kritik

Schröder und Staadt weisen in ihrer Stellungnahme auch darauf hin, dass Staadt auf dem Verbändetreffen der UOKG vom 17. November 2012 das Forschungsprojekt zu den Todesopfern des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze vorgestellt habe. Dabei war „insbesondere die sensible Fallgruppe der „Suizide im Grenzdienst““ ausführlich erläutert worden. Der auf der Veranstaltung anwesende und nun als Kritiker im rbb präsentierte Dr. Christian Sachse „meldete sich in der Diskussion über die Todesfallgruppe nicht zu Wort und erhob auch im Nachgang des Verbändetreffens ebenso wie andere Mitglieder der UOKG dagegen keine Einwände.“

Nach Felix Kellerhoff dürfte der Hintergrund des jetzigen Streites und der Kritik der UOKG eher sein, „dass vor wenigen Monaten der Forschungsverbund SED-Staat vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Geld für eine Anschlussstudie zu den deutschen Opfern der Grenze zur Ostsee hin und der nichtdeutschen Außengrenzen des Warschauer Paktes bekommen hat“.

Nach Meinung von Insidern spricht einiges für diese Wertung des angesehenen WELT-Journalisten. In der UOKG werde mit „viel Aufwand um weitere Finanzierungsmittel“ gerungen. Dabei komme es wohl „nicht immer auf die gebotene Sorgfalt und Seriosität“ an. So habe der Vorsitzende im letzten Jahr eine Stiftung „Haftzwangsarbeit“ ins Leben gerufen, deren Eintragung beinahe an der notwendigen aber zunächst ausgebliebenen Startfinanzierung gescheitert wäre. Zwar sei im Frühjahr die Eintragung nach einem Geldmitteleingang (dem Registergericht war eine Zahlung von IKEA über 50.000 Euro avisiert worden) erfolgt, die Stiftung komme allerdings nicht in Schwung, weil „angestrebte Finanzierungen durch die öffentliche Hand“ ausgeblieben seien. Zu den Gründungsmitgliedern gehören neben dem Vorsitzenden Dieter Dombrowski (CDU) Hildigund Neubert (CDU) und Dr. Christian Sachse.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.354).

Berlin, 07.05.2021/cw – Seine letzte Gefährtin Christa, sein Neffe Thomas, weitere Familienmitglieder und Freunde sowie der Vorstand der Vereinigung 17. Juni 1953 geleiteten die sterblichen Überreste des Zeitzeugen Joachim Fritsch zu seiner letzten Ruhe an der Seite seiner 2014 verstorbenen Frau Uschi auf dem Evangelischen Friedhof Alt-Friedrichsfelde. Wir zitieren aus der bewegenden Trauerrede des Vereins-Vorsitzenden. Der Verstorbene war viele Jahre Geschäftsführer des Vereins.

Abschied von Joachim Fritsch

>Sie  hat ihre letzte große  Reise  angetreten. Nach  über  58  Jahren gemeinsamer Ehe,  dem  Tragen und  Ertragen   schwerer  Zeiten,  die oft durch  den  Verlauf  der  deutschen   Geschichte  bestimmt waren,  trifft mich dieser Abschied  besonders schmerzlich.<

Einfacher, schnörkelloser, hätte man diesen Schmerz um den Verlust eines Menschen, seiner geliebten Uschi, die ihm wahrhaftig ein Leben lang zur Seite gestanden hatte, nicht ausdrücken können, wie er es in der Traueranzeige formuliert hatte. So war Joachim, von dem wir heute Abschied nehmen, im Ursprung und Leben seines Seins: Einfach, gradlinig, schnörkellos.

Joachim konnte sich durch feierliche, große Worte zwar beeindrucken, manchmal sogar begeistern lassen. Aber schnell fand er zu den Grundfragen zurück: War das nicht übertrieben? Waren die Worte nicht ein wenig zu viel, um ehrlich zu sein?

Alles andere als ein Philosoph hatte Joachim sich ein  untrügliches Gefühl für Offenheit und Ehrlichkeit bewahrt, konnte Phrasen, Unehrlichkeit, ja Lügen nicht vertragen. Einmal erkannt oder durchschaut, konnte er sehr lebhaft, ja zornig werden. Dieser wägende, dieser auch suchende Prozess nach Grundlinien, die auch sein  Leben beinhalten und bestimmen sollten, machten seinen Charakter aus.

Joachim war stolz, Zeitzeuge eines großartigen geschichtlichen Vorgangs, wie den Aufstand vom 17. Juni 1953, geworden zu sein. Aber er war auch stets bescheiden genug, die führende Rolle anderer Persönlichkeiten neidlos anzuerkennen. Er wollte nie mehr sein, als er tatsächlich war:

Ein Arbeiter, der durch unglückliche Umstände in die Verhaftungsmaschinerie der kommunistische Diktatur geriet, in den relativ kurzen Tagen – die ihm  seinerzeit endlos erschienen – sogar gefoltert und mit dem Tod bedroht worden war. Obwohl „nur ein kleines Rädchen in einem großen Spiel“, wie er es selbst einmal ausdrückte, wandelte sich dieser „historische Zufall“ in eine Bewusstseinswerdung gegenüber einem System, das sich mehr in täglichen Lügen  erging, als der Wahrheit in das traurige politische Antlitz zu sehen. Eigentlich wurde Joachim erst durch diese prägenden Erlebnisse zum eigentlichen Widerstandskämpfer. In den sechziger Jahren erfolgte dann  tatsächlich seine erneute Verhaftung und eine Verurteilung, die ihm noch nach dem Volksaufstand erspart geblieben war. In dieser Zeit, so hat er es mir einmal glaubhaft dargestellt, wurde er erst zum wirklichen „17.Juni-Mann“, zum Oppositionellen, der als Arbeiter diesem erklärten Arbeiter- und Bauernstaat die Gefolgschaft verweigerte.

Der Barde Detlef Jablonski, einst selbst politischer Häftling, spielte zum Abschied

Noch im  Januar überraschte er uns durch eine großzügige Spende in Höhe von 500 Euro für die von der Vereinigung beabsichtigte Erneuerung der sogen. Mauerkreuze am Reichstag. Wir wollen mit dieser Aktion den Opfern ein Gesicht geben, den bisherigen bloßen Namen ein  Portrait-Foto und eine kurze Biografie hinzufügen. Alle Spender ab 500 Euro wollen wir überdies eine  Patenschaft über ein  Kreuz ausweisen. Für Joachim haben wir das Kreuz „17. Juni 1953“ ausgewählt. So wird an dieser Stelle auch sein Name sichtbar bleiben.

Joachim wäre nach seiner Haftentlassung liebend gerne in den Westen übergesiedelt. Allein die erreichte gute Stellung seiner Frau, ihre flehentliche Bitte, das alles nicht für eine ungewisse Zukunft aufzugeben, ließ ihn von diesen Ausreisewünschen Abstand nehmen. Uschi aufgeben für eine  ungewisse Zukunft? Was für eine Frage, höre ich ihn  sagen.

Die endliche Begegnung mit Christa, seiner letzten Gefährtin, erlaubte ihm schließlich die Versöhnung mit sich selbst, mit seiner inneren Unruhe, mit dem Schmerz um Uschis “Abreise ohne ihn“. Sie gab ihm  in den letzten drei Jahren seines Lebens einen neuen Halt. Nach so vielen Jahren schmerzgewohnter Umtriebe fand er wieder zu Begriffen wie „Glück“ und „Zufriedenheit“.

Dann kam die unselige CORONA-Pandemie. Die Absicht, uns wieder regelmäßig zum Gedanken-Austausch zu treffen, vercoronerte in immer unübersichtlicher werdenden Auflagen. Einmal noch, Anfang Dezember letzten Jahres trafen wir uns – wie wir jetzt wissen ein letztes Mal – in einem neu eröffneten Lokal von Aserbaidschanern, hier ganz in der Nähe. Es war ein unvergesslicher Nachmittag mit Joachim und Christa.

Angesichts der erneuten CORONA-Restriktionen sandte er mir seine persönlichen Aufzeichnungen drei Tage vor Weihnachten zu: Eigentlich wollte er diese persönlich übergeben, wie er begleitend schrieb. Ahnte er seinen baldigen Abschied von dieser Welt? Im Nachhinein berühren seine letzten Zeilen sehr.

Neben seiner 2014 verstorbenen Uschi wurde Joachim Fritsch beigesetzt

Auf der anderen Seite verliefen noch folgenden Telefonate bis kurz vor seinem für uns plötzlichen Tod in gewohnter Lebhaftigkeit. Seine Stimme war wie immer fest und klar im unnachahmlichen Berliner Jargon. Sobald CORONA vorbei sei, Joachim sagte „überstanden“, würden wir uns wieder zum vertrauten Kaffeeplausch treffen. Es sollte nicht mehr sein.

Als sei Neffe Thomas uns Anfang April anrief, um uns den Tod seines Onkels zu übermitteln, konnten wir das zunächst nicht glauben. Zu lebendig, zu frisch klang noch das letzte telefonische Gespräch mit ihm Anfang März in unseren Ohren.

War Joachim ebenfalls ein Opfer von CORONA? Jedenfalls starb er überraschend schnell, nur wenige Tage nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Er soll „positiv“ getestet worden sein, auch seine Christa. Anders als er überstand sie CORONA ohne wesentliche Schäden, während Joachim sich auf die Reise zu seiner Uschi machte. Er soll

Auch hier konsequent seinen Überzeugungen folgend soll er alle lebensverlängernden Maßnahmen abgelehnt haben. Hier darf ich – auf Joachim bezogen – die an Krebs erkrankte Journalistin Laila Mirzo zitieren: „Das Schlimmste ist der Kontrollverlust.“ Sie habe „heute mehr denn je Angst davor, auf die Gunst anderer angewiesen zu sein.“ Wer wollte also hier richten oder gar den Stab über Joachim  brechen?

Schlimm, jawohl anklagend empfinde ich das staatlich verordnete „Allein-Lassen“ in diesem Sterbeprozess. Obwohl seine Lebensgefährtin Christa im  selben Krankenhaus unter der Diagnose CORONA lag, durfte sie den Sterbenden nicht besuchen, mußte Joachim seinen letzten Weg alleine, ohne Begleitung ihm lieber Menschen  gehen.

Wir hören jeden Tag anklagende Berichte über den hundertfachen Tod von Menschen. Aber wir vernehmen keine  oder zumindest kaum  einen Laut über diese verordnete bittere Einsamkeit von Sterbenden. Das ist unverzeihlich, das rächt sich eines Tages – wie auch immer – bitter. Joachim hätte nur sarkastisch zu mir gesagt: „Wundert Dich das? Die können doch gar nicht anders. Wenn die“ – er meinte die Politiker – „Gefühle hätten, würde einiges in diesem Land anders verlaufen.“

Ein Journalist schrieb zu diesem Themenkreis kürzlich: „Wir brauchen einen anderen Umgang mit dem Sterben und dem Tod.“ Wir müssten wieder lernen, dass es viele Möglichkeiten gibt, „sterbenskranken Menschen beizustehen, sie zu trösten, ihnen zu helfen.“

Auch diese Worte könnten von Joachim, den wir heute auf seinem letzten Gang begleiten, gesprochen worden sein: „Wenn Gott mich jetzt ruft, werde ich nicht betteln.“

Joachim, lieber Freund: Ruhe sanft.“

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. / Redaktion Hoheneck – Berlin (1.640).

Berlin, 24.04.2021/cw – Aus gesundheitlichen Gründen wird diese Seite zur Zeit nicht bearbeitet. Wir bitten um Verständnis.

VEREINIGUNG (AK) 17.JUNI 2021

Von Tatjana Sterneberg*

Berlin, 12.04.2021/tst – Der Verein „Berliner Unterwelten e.V.“ hat dem einstigen Mauer-Demonstranten und Tunnelbauer Carl-Wolfgang Holzapfel (77) die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Die Ehrung erfolgte mehr oder weniger zufällig zum 77. Geburtstag des Vor-sitzenden der Vereinigung 17. Juni 1953. In der Ehrenurkunde wird die Verleihung mit den „besonderen Verdiensten und außergewöhnlichem Engagement für unseren Verein“ begründet.

Ehrenurkunde des Vereins „Berliner Unterwelten e.V.“

In einer ersten Reaktion zeigte sich Holzapfel „tief bewegt.“ Diese Ehrung sei für ihn zweifellos „wertvoller, als jedes staatliche Kreuz.“ Komme sie doch von einer Gemeinschaft, die sich ebenso um die Aufarbeitung der Berliner Geschichte und hier speziell der spannenden Unterwelten in der Wieder-Hauptstadt verdient gemacht hat. Und dies alles vornehmlich auf ehrenamtlicher Basis.

Holzapfel hatte bereits im Alter von 14 Jahren ein „Deutschland-Papier“ entworfen, in dem er Wege zur Wiedervereinigung des geteilten Landes unter internationaler Beteiligung aufgezeigt hatte. Nach dem Bau der Mauer am 13. August vor sechzig Jahren widmete er sich dem Kampf gegen diese „neuerliche KZ-Mauer“ in Deutschland“. Der junge Mann schwor vor der zugemauerten Versöhnungskirche in der Bernauer Straße „so lange zu kämpfen, bis diese Mauer gefallen sein“ oder er „nicht mehr leben würde.“

Zahlreiche Hungerstreiks gegen das Ulbricht-Honecker-Bauwerk, Demonstrationen für die Freilassung politischer Gefangener, die spontane Errichtung von Kreuzen für ermordete Flüchtlinge und die aktive Beteiligung an einem Fluchttunnel, dem sogen. Weinstein-Tunnel (1963) prägten für Jahrzehnte das Leben des späteren Bankkaufmanns. 1966 wurde er sogar nach seiner Festnahme am Checkpoint Charlie (Oktober 1965) für sein Engagement in Ost-Berlin zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch nach dem Freikauf durch die Bundesregierung (Oktober 1966) führte er unermüdlich seinen gewaltlosen Kampf gegen die Mauer fort. Letztlich demonstrierte er am 28. Jahrestag, dem 13.August 1989, „für die Einheit Berlins und Deutschlands“ am Checkpoint Charlie. Über drei Stunden lag er dort auf dem berühmten weißen Strich, der dort die Trennung markierte, ehe er nach langwierigen Verhandlungen zwischen der amerikanischen und sowjetischen Besatzungsmacht von Beamten der West-Berliner Polizei weggetragen wurde.

Als wenige Monate später die Mauer fiel, bezeichnete sich Holzapfel als „den glücklichsten Menschen.“ Auch nach dem Mauerfall widmete er sich dem Thema. So wirkte er im Rahmen der Währungsunion in Eisenach für die COMMERZBANK. Dort unterbrach er im August 1990 seine Tätigkeit, um in Berlin vor dem noch existierenden „Justizministerium der DDR“ einen unbegrenzten Hungerstreik gegen den Justizminister Prof. Wünsche zu beginnen. Wünsche trat sechs Tage später von seinem Amt zurück. Holzapfel hatte kritisiert, dass der Justizminister einer „frei gewählten Regierung“ dieses Amt bereits unter Ulbricht und Honecker inne gehabt habe.

Seinen letzten Hungerstreik führte der nunmehrige Vorsitzende der „Vereinigung 17. Juni 1953“ im Sommer 2005 vor dem heutigen Bundesministerium für Finanzen durch, vor dem im Juni 1953 tausende Arbeiter für „freie Wahlen“ demonstriert hatten. Nach neun Tagen brach der sichtlich Entkräftete seinen Hungerstreik „gegen die Entfernung der Fototafeln an der Fassade des einstigen „Haus der Ministerien“ ab, die dort an den Volksaufstand vom 17. Juni erinnerten. Seine Forderung, den Platz vor dem Ministerium nach dem Volksaufstand zu benennen, wurde erst 2013 nach langen internen Kämpfen umgesetzt.

* Tatjana Sterneberg ist ehemalige Hoheneckerin und Mitglied im Vorstand der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. in Berlin. Der Beitrag erschien zuerst unter „Redaktion Hohenecker Bote“.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.631).

Joachim Fritsch, Zeuge des Volksaufstandes von 1953, ist tot

Ein Nachruf von Carl-Wolfgang Holzapfel*

Berlin, 07.April 2021/cw – „Eigentlich wollte ich Dir das alles persönlich übergeben, aber ich möchte, dass Du es noch vor Weihnachten erhältst.“ Mit diesen Begleitworten übersandte Joachim Fritsch drei Tage vor dem letzten Weihnachtsfest persönliche Unterlagen zu seine Erlebnissen am und um den  17. Juni 1953 an mich.

Man könnte meinen, Joachim hätte seinen  Abgang aus dieser Welt erahnt. Dem war aber nicht so. Noch drei Woche  vor seinem Tod hatten wir wieder einmal eines der lebhaften Telefonate geführt, uns über Gott und die Welt – natürlich auch über die aktuelle politische Lage – ausgetauscht. Nichts deutete auf einen baldigen Abschied hin, seine Stimme war wie immer fest und klar im unnachahmlichen Berliner Jargon. Sobald CORONA vorbei – er sagte „überstanden“ – sei, würden wir uns wieder zum vertrauten Kaffeeplausch treffen. Die letzten Male trafen wir uns statt mit seiner 2014 verstorbenen Frau Uschi mit seiner jetzigen äußerst liebenswerten Lebensgefährtin Christa. Ein weiterer Treff sollte nicht mehr sein, und so bleibt das letzte persönliche Treffen in einem guten aserbaidschanischen Lokal in Lichtenberg im Dezember letzten Jahres in lebhafter Erinnerung.

Joachim Fritsch, am 22.November 1936 in Berlin geboren, erlebte wie viele seiner Generation bereits im Kindesalter die Schrecklichkeiten des Krieges. Letztlich blieb auch eine normale schulische Bildung unter diesen Umständen auf der Strecke. So strebte der junge Joachim nach dem Besuch der Grundschule (1943 – 1950) zunächst eine Bäckerlehre an, die er vorzeitig aus gesundheitliche Gründe 1952 abbrechen mußte. Von 1952 – 1958 war er in verschiedenen Firmen als „Arbeiter“ beschäftigt.

Am 17. Juni 1953, als Volksaufstand in die Geschichtsbücher eingegangen, wurde der 17jährige von  der Straße weg verhaftet, obwohl er, wie er später berichtete, kein aktiv Beteiligter sondern eher als „Zuschauer“ die aufregenden Ereignisse am Straßenrand verfolgt hatte. Aber er konnte sich nicht ausweisen. Es folgten 14 Tage Haft, die der junge Mensch sein Leben lang nicht mehr vergessen konnte.

Bundespräsident Joachim Gauck, (verdeckt Klaus Wowereit), Bundeskanzlerin Angela Merkel, Joachim Fritsch u. der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle (v.l.n.r.) auf dem Staatsakt zum 60. Jahrestag

„In der Untersuchungshaft in der Keibelstraße wurde ich geschlagen, mit Füßen  getreten und mit Tötungsdrohungen  konfrontiert,“ berichtete er im November 2000 im Schloß Bellevue dem Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD).

Diese Erfahrungen, weniger das Geschehen am 17. Juni selbst, so sagte Joachim später, haben ihn geprägt, in eine dauerhafte kritische Einstellung zur DDR gebracht. „Der SED-Sozialismus war seither für mich gestorben.“ Die Bundesrepublik „mit ihrer demokratisch und freiheitlich verfassten Grundordnung“ war hinfort für ihn die Alternative.

1956 heiratete er seine Uschi, mit der er zeitlebens glücklich war. Letztlich hinderte ihn  diese Verbindung auch daran, in den Westen zu fliehen. Uschi hatte eine gut dotierte Stellung und hinderte oftmals ihren Mann durch ihre ruhige Umgangsart, unbedacht zu agieren.

Dennoch vertrat Joachim Fritsch zunehmend offen eine kritische Haltung und geriet damit in das Blickfeld der Stasi (MfS), die ihn  seit Oktober 1963 observierte. 1965 wurde der nunmehr 29jährige wegen „staatsfeindlicher Hetze und staatsgefährdender Verleumdung der DDR“ erneut in Untersuchungshaft genommen. Im September folgte die Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis, aus dem er nach neun Monaten mit zweijähriger Bewährungsfrist entlassen wurde. Weil er in seinem alten Betrieb nicht mehr arbeiten durfte, verlor er die vor der Inhaftierung bereits zugesagte Qualifizierung zum „Meister für Energie“.

Joachim Fritsch im Austausch mit der Bundeskanzlerin nach dem Staatsakt (2013) – Fotos: LyrAg-Press

Aus den 430 Seiten seiner nach dem Mauerfall zugänglichen Stasi-Akte ging hervor, daß er bis zum Ende der DDR von der Stasi beobachtet wurde. So wurde ihm klar, warum seine Bemühungen um einen Facharbeiterabschluss erfolglos geblieben waren.

Eine Rehabilitierung im Sinne einer Entschädigung für eine aus politischen Gründen verhinderte Ausbildung blieb ihm  verwehrt, da er mit elf Monaten Haft die damals gezogene Mindestgrenze von zwölf Monaten knapp verfehlte.

Nach dem Mauerfall engagierte sich Joachim mit Überzeugung bei der örtlichen CDU, sah er in dieser Partei doch die Kraft, der die schnelle Wiedervereinigung nach dem Mauerfall zu verdanken war. Gleichzeitig engagierte er sich mit erstaunlichem Nachdruck für die Belange der einst politisch Verfolgten. Zahlreiche Briefwechsel in seinem Nachlass, u.a. mit dem damaligen „Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion“ Olaf Scholz (2007) aber auch mit Vertretern der örtlichen CDU über die mangelnde Umsetzung der Bedürfnisse politisch Verfolgter belegen seinen neu gewachsenen Mut, sich mit den „Oberen“ demokratisch auseinanderzusetzen.

So mutig er auch Konsequenzen aus vorgehaltenen „Fehlentwicklungen“ zog – er trat 2007 aus Protest gegen die Verweigerungshaltung der CDU gegenüber den Rehabilitierungsanforderungen verfolgter DDR-Bürger mit seiner Frau aus der Partei aus – so sehr war er dann doch geprägt von seinen seit der Kindheit erfahrenen Haltung ggüb. den Personen der „Staatsführung“. Nur so lässt sich sein Verhalten auf dem Staatsakt der Bundesregierung zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 auf dem Friedhof in der Seestraße einordnen.

Joachim Fritsch, inzwischen Geschäftsführer unserer Vereinigung 17. Juni, sollte neben der Staatsspitze, u.a. dem Bundespräsidenten, den Präsidenten des Bundesrates, Bundestages,  der Bundeskanzlerin und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes auch einen Kranz der Vereinigung niederlegen. Im Vorfeld bemerkte die Kanzlerin das Vereinsabzeichen am Revers und forderte Joachim Fritsch im herrschenden Tonfall auf, dieses zu entfernen. Joachim gehorchte, wenn  auch „verdattert,“ wie er im Anschluß an den Staatsakt berichtete. Auf den Hinweis, er hätte sich klar weigern müssen, reagierte er unsicher: „Aber wenn doch die Bundeskanzlerin das verlangt?“

Am 29. März verstarb der Vierundachtzigjährige in der Sana-Klinik in Lichtenberg, in die er wenige Tage zuvor nach einem positiven Test auf CORONA eingeliefert worden war. Sein letzter Kampf soll schwer gewesen sein. In einer letzten Aufwallung verweigerte er sich angebotenen Hilfsmaßnahmen. Er wollte wohl, so kannten wir ihn, selbstbestimmt sterben. Seiner Lebensgefährtin Christa, selbst nach positiver Testung in die Klinik eingeliefert, blieb eine Begleitung Joachims auf seinem letzten Weg wegen der Isolierungsmaßnahmen verwehrt. Wenigstens sie ist genesen und darf diese Woche auf ihre Entlassung hoffen.

Wir trauern um einen mutigen und aufrechten Arbeiter aus Ost-Berlin mit der unnachahmlichen Berliner Schnauze, der sich mit seinen Mitteln und Möglichkeiten für Freiheit und Gerechtigkeit bis zuletzt eingesetzt hat. Wir werden seiner dankbar und ehrend gedenken. Ruhe in Frieden, lieber Joachim.

Trauerfeier und Besetzung am 7.05.2021, 11:00 Uhr, Evangelischer Friedhof Alt-Friedrichsfelde, Marzahner Chaussee 20, 10315 Berlin. Verkehrsanbindung: S-Bahn 5, 7 + 75, sowie U-Bahn 2

* Der Autor ist Vorsitzender der Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V.

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.629).

Der Vorstand der VEREINIGUNG 17. JUNI 1953 e.V. wünscht allen Mitgliedern, Freunden und Interessenten auf diesem Weg herzlich ein besinnliches Osterfest. Möge CORONA Euch/Ihnen nicht die Feiertage coronern sondern Euch trotz alledem schöne Stunden im Kreis der Familie oder/und Freunden vermitteln.

Vorstand

VEREINIGUNG 17. JUNI 1953 e.V.

Nachtrag:

Die Kreuze am Reichstag als Zeugnis des einstigen Terrors. Foto: LyrAg-Press

Sollte es Ihr/Euer durch CORONA vielfach eingespartes Budget erlauben, so sind wir für eine Unterstützung unseres aktuellen Vorhabens „Den Opfern ein Gesicht geben“ sehr dankbar. Wir wollen bis zum 60. Jahrestag des Mauerbaus am 13.08.2021 die Gedenkkreuze am Reichstag erneuern. Die neuen Kreuze sollen jeweils mit einem Portrait des/der an der Mauer ermordeten Menschen, dem Geburts- und Sterbedatum und einer Kurzbiografie ausgestattet werden. Damit soll Besuchern der Gedenkstätte eine wichtige Annäherung an Leben und Schicksal der an der Mauer zu Tode gekommenen Frauen und Männer ermöglicht werden. Die Hälfte der benötigten rund 4.000 € haben wir bereits (auch mit Hilfe von Bundestagsabgeordneten) einwerben können, so daß wir in Kürze acht von insgesamt 16 Kreuzen bereits erneuern können.

Die Erinnerung an die Opfer der Teilung unsers Vaterlandes ist uns eine stete Verpflichtung.

Herzlichen Dank im Voraus!

Konto: Vereinigung 17. Juni 1953, Ammerseebank, IBAN: DE27 7009 1600 0000 6329 02 BIC: GENODEF1DSS – Verwendungszweck: Spende Gedenkstätte Mauerkreuze

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