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Berlin, 13.04.2020/cw – Sein Leben las sich wie eine historische Tragödie. Im Vorfeld, das heißt ein Jahr vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, 1932 geboren, wurde das früh erkrankte Kleinkind von seiner Mutter 1934 in ein Heim weggegeben. Über die Hintergründe kann im Nachhinein nur spekuliert werden. Die Mutter, Tochter einer Halbjüdin, war eben aus diesem Grund vom Vater ihres Kindes verlassen worden. Hatte sie ihr Kind aus Angst in fremde Hände gegeben? Gerhard Weinstein starb heute im Alter von 88 Jahren. Er wurde am Morgen vom Pflegedienst tot in seiner Wohnung aufgefunden.

Gerd Weinstein 1932 – 2020  Foto: LyrAg/Holzapfel

Im Januar 2018 entdeckten die Berliner Wasserwerke beim Bau eines Rückhaltebeckens die Tunnelreste eines von Weinstein 1963 an der Bernauer Straße gebauten Fluchttunnels. Medien in aller Welt berichteten über den lange Zeit nach dem Mauerfall sensationell wirkenden Tunnelfund. Der Ort des ursprünglichen Tunneleinstiegs war durch einen Gebietsaustausch zwischen der DDR und West-Berlin 1988 gänzlich in das Hoheitsgebiet der DDR gelangt und damit in Vergessenheit geraten. Wie aber wurde Weinstein zum Fluchthelfer und dadurch zum „Staatsfeind der DDR“? Erst 1985, vier Jahre vor dem Fall der Mauer, wurde die Fahndung nach ihm „wegen Erfolglosigkeit“ eingestellt.

Verlegung nach Brandenburg-Görden

Gerhard Weinstein erkrankte schon in jungen Jahren an allen erdenkliche Krankheiten: TBC, Masern, Keuchhusten und dgl. Er wurde in der Folge von einem Krankenhaus zum andern gereicht, zwischendurch in mehreren Kinderheimen untergebracht. 1938, so die recherchierte Aktenlage, wurde er in die berüchtigte Anstalt Brandenburg-Görden verlegt, wo man u.a. „medizinische“ Versuche an Lebenden unternahm und auch die Euthanasie an „unwertem Leben“ praktizierte. Dass der Knabe „jüdischer Abstammung“, wie es in den Aktenvermerken der Anstalt hieß, diese Grauenzeit überlebte, grenzt an ein Wunder. Sein Großvater Bruno Weinstein wurde in dieser Zeit (1943) im KZ Auschwitz ermordet.

Im September 1945 wurde Gerd, wie ihn seine Freunde abgekürzt nannten, aus der Brandenburger Anstalt in den Haushalt seines leiblichen Vaters entlassen. Hatte der „Vater“ ihn wohlmöglich nur aufgenommen, weil für Familien, die ein Opfer des Faschismus in der Familie hatten, zusätzliche Lebensmittelkarten ausgegeben wurden? Der inzwischen 13jährige hatte bis dahin so gut wie keine Schulbildung genossen. Im Hause des Vaters wurde er – nach späteren Vermerken in den Akten der Staatssicherheit – zu regelrechten Sklavendiensten herangezogen. Er durfte nicht mit der Familie gemeinsam Mahlzeiten einnehmen, für ihn war dafür stets ein einsamer Platz in der Küche vorgesehen. Kam er den aufgetragenen Hausarbeiten, wie Putzen und Abwasch nicht nach, setzte es Prügel durch den „Vater“. Eigene Genossen zeigten den „Vater“ schließlich beim Jugendamt an, das Gerd dann erneut in Heimen, u.a. in dem Jüdischen Kinderheim in Niederschönhausen, unterbrachte.

Nachkriegs-Haft in Rummelsburg

Erst im Alter von 18 Jahren, damals in der gerade gegründeten DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik die Volljährigkeitsgrenze, wurde der junge Mann in die Lebenswirklichkeit ent- und damit sich selbst überlassen. Als Analphabet, ohne Schul- und Ausbildung, in den damaligen Wirren der Nachkriegszeit eine schwere Last. Gerd versuchte, durch dieses Leben zu kommen, wobei er sich hin und wieder auch mit kleineren Diebstählen buchstäblich über Wasser hielt. Das führte schließlich zu einer Bewährungs- und nach Wiederholung zu einer längeren Haftstrafe, die er in der Strafanstalt Rummelsburg verbüßte.

Der Zukunft zugewandt: Gerd mit seiner Frau 1960

Das junge Ehepaar Angelika und Gerhard Weinstein 1960 – Archiv LyrAg/Holzapfel

Nach seiner Entlassung wechselte Weinstein nach West-Berlin, besuchte aber immer wieder alte Bekannte im Osten der geteilten Stadt. Dort lernte er schließlich 1960 seine erste und, wie er bekannte, „einzige große Liebe“ kennen. Als ein Kind erwartet wurde, heiratete das junge Paar. Nach der Geburt von Tochter Liane im Frühsommer 1961 beschlossen die Eltern, in West-Berlin eine Wohnung zu suchen, um endgültig der DDR den Rücken zu kehren. Im August war es endlich soweit. Gerd hatte eine Wohnung in der Soldiner Straße im Wedding ausfindig gemacht. Am Wochenende des 12./13 August 1961 gingen er und seine Angelika daran, die Wohnung durch notwendige Renovierungsarbeiten bewohnbar zu machen. Die gerade zwei Monate alte Tochter Liane war zu dieser Zeit bei den in Ost-Berlin wohnenden Großeltern untergebracht.

Die Mauer trennte die Eltern von ihrem Baby Liane

Am 13. August 1961 begann die gewaltsame Abtrennung zwischen Ost- und West-Berlin. Noch zwei Monate zuvor hatte Walter Ulbricht in einem Freudschen Versprecher versichert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Nun wurden tausende Familie über Nacht von einander getrennt. Trotz verzweifelter Bemühungen gelang es den jungen Eltern Gerd und Angelika Weinstein nicht, ihr Baby in den Westen zu holen.

War es da ein Wunder, das der Junge Vater zur Tat schritt und quasi Tag und Nacht darauf sann, Wege zu finden, um seine Tochter zu den Eltern zu holen? Diese sollte nicht ebenso elternlos aufwachsen wie der Vater. Nach mehreren Anläufen gelang es dem organisatorisch Begabten, 1963 einen Ausgangsort für die Grabung eines Tunnels und eine entsprechende Crew zusammenzustellen, die den beschwerlichen Weg durch den Berliner Lehmboden in sechs bis acht Meter Tiefe bewältigen sollte. Achtzehn Menschen sollten durch diesen Fluchttunnel geleitet werden, darunter natürlich Tochter Liane und deren Großeltern, aber auch andere Fluchtwillige: Heinz B. zum Beispiel. Er war durch den Mauerbau von seinen Eltern getrennt worden, die zwar im Osten ein Haus besaßen, aber in West-Berlin ein Möbelgeschäft betrieben. Oder die Ehefrau, deren Ehemann eine Zoo-Handlung nahe dem Schlesischen Tor betrieb. Der Vater von Heinz B. konnte die notwendigen Holzstützen für den Tunnelbau liefern, der Zoohändler steuerte Geldmittel bei. Immerhin beliefen sich die Kosten des Flucht-Unternehmens 1963(!) auf über 30.000 DM.

Großeltern verhaftet: Die zweijährige Liane (1963) wurde in ein Heim verbracht. – Foto: Archiv LyrAg/Holzapfel

Nachdem das Fluchtunternehmen im Juli 1963 durch Verrat gescheitert war (es fehlten nur wenige Meter in den Keller des Zielhauses), waren 21 Menschen verhaftet und kurze Zeit später zu hohen Zuchthausstrafen (bis zu 7 Jahren) verurteilt worden. Tochter Liane wurde auf Anweisung des MfS in ein Kinderheim eingeliefert, die Großeltern mussten ihre Strafen in Hoheneck (Großmutter) und Rummelsburg (Großvater) verbüßen. Gerd Weinstein versuchte seither und zum Teil erfolgreich, Menschen auf anderen Wegen, z.B. über die Transitautobahn, in die Freiheit zu holen, gehasst und verfolgt durch das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR.

Elf Jahre Kampf um Liane

Den Kampf um ihre Tochter führten die Eltern, inzwischen geschieden, über insgesamt elf (!) Jahre über alle erdenklichen Ebenen weiter. Erst am 9. November 1972 konnte der damalige Bundesminister Egon Franke der Mutter in einem Telegramm die „nunmehr erreichte Ausreise von Liane“ übermitteln. Aus den Akten der Staatssicherheit ging hervor, daß man die Tochter gewissermaßen als Faustpfand benutzen wollte, um über diese an den gesuchten Vater heranzukommen. Zu diesem Zweck sollte die Mutter in ihrer geäußerten Absicht bestärkt werden, u.U. wieder nach Ost-Berlin zu gehen, um ihrer Tochter nahe sein zu können. Dadurch erhoffte man sich dann auch einen möglichen Zugriff auf den zur Fahndung ausgeschriebenen Staatsfeind Gerd Weinstein.

In den letzten Jahren seines Lebens hatte Gerd Weinstein offenbar mit vielen Verbitterungen zu kämpfen. Rückblickend war sein Leben nicht so verlaufen, wie er sich das einst wohl nach den Enttäuschungen seiner Kinder- und Jugendjahre erträumt hatte. Auch der bereits jahrelang andauernde und noch immer nicht entschiedene Kampf seiner Tochter Liane um die Rehabilitierung wegen der unrechtmäßigen Vorenthaltung der Eltern trug dazu bei. Gemessen an seiner fehlenden Schul- und Ausbildung hatte er es dennoch zu beachtlichen Leistungen gebracht. Er führte selbständig eine Zoo-Handlung undhernach erfolgreich zwei Antiquitätengeschäfte, bevor er sich als Rentner zur Ruhe setzen konnte.

Seine Mutter hatte nie mehr nach ihm gefragt, das durch Freunde ausfindig gemachte Grab wollte er nicht mehr sehen. Ebenso nicht mehr seinen Vater. Bis zu seinem Tod bestand er konsequent auf seiner einmal gefundenen Haltung.

Der am 15.Januar 1932 in Berlin-Dahlem geborene Gerhard Weinstein verstarb am 13.April 2020 in Berlin-Wedding.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.532).

Berlin, 08.März 2020/cw – Dank meiner/unserer Mutter, das sie uns unter schwierigsten Bedingungen zur Welt gebracht hat. Ich danke unserer Großmutter, ohne deren Beistand und Hilfe wir wohl nicht überlebt hätten. Ich danke der Kindergärtnerin, die mich in jungen Jahren in den Arm genommen und getröstet hat. Ich danke der Lebensgefährtin meines Vaters, sie trug den schönen Namen Liebe, für die stete und ruhige Begleitung in schwierigen Jahren der Pubertät.

An dieser Stelle DANK allen Frauen, die ihren Weg gegen alle Widerstände gegangen sind. Wie Petra Koch (Foto), eine ehemalige Hoheneckerin – Foto: LyrAg

Ich danke meiner Schwester, die im Alter von sechs Jahren darauf bestand, bei mir im Kinderheim zu bleiben und die vier tolle Söhne groß gezogen hat. Ich danke den Frauen, die unvergesslich mein Leben begleitet haben, voran der Mutter unserer Kinder. Und ich danke der Frau, die den Mut hat, mit mir die letzten Jahre unseres Lebens zu gestalten und mich auch in meinen schwierigen Seiten zu ertragen.

Aber ich empfinde es als eine Beleidigung dieser und anderer Frauen, dass ausgerechnet die Stadt, die so fürchterlich unter der trennenden Mauer und dem blutigen Stacheldraht gelitten hat, das diese Stadt als erstes Bundesland einen sozialistischen, von der SED normierten Feiertag zum arbeitsfreien Staatsfeiertag erhoben hat. In der DDR hatte der Frauentag den Charakter einer sozialistischen Veranstaltung. Geschichte des Frauentages her oder hin, die genannten und ungenannten Frauen benötigen kein sozialistisches Kleiderethos als Anerkennung ihrer Leistungen, schon gar nicht einen (erneuten) Staatsfeiertag. Sie benötigen und verdienen Anerkennung, die diesen Namen verdienen. Hier nur ein Stichwort: Mütterrente. Von der Politik als Jahrhundertwerk gefeiert, führt sie in der Praxis zu neuen Ungerechtigkeiten – gegen die vorgeblich geförderten Mütter. Ich schäme mich für diesen geheuchelten „Polit-Feiertag“, ich schäme mich für Berlin.

V.i.S.d.P: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.516).

Ein später Nachruf von Carl-Wolfgang Holzapfel

Ostheim/Bautzen/Berlin, 23.02.2020/cw – Zugegeben, es gibt nicht mehr viele Nachrichten, die einen im 76. Lebensjahr wirklich erschüttern (von den aktuellen Verbrechen unverzeihlichen Terrors wie 2016 in Berlin oder jetzt in Hanau abgesehen). Der Tod von Harald Möller (4.12.2019) bewegt mich tief, zumal ich erst jetzt, eher durch Zufall, im Netz auf diese Nachricht stieß. Grund: Von Mitte November bis zum Jahresende war ich durch Krankenhausaufenthalte „aus dem Verkehr gezogen“, wie man das so beiläufig nennt. Das mag den späten Nachruf entschuldigen.

Harald Möller gehört neben dem unvergessenen Horst Schüler zu den bewegenden Persönlichkeiten, die mir in den Jahren meiner aktiven Verbandsarbeit in der Aufarbeitung von Folgen der Zweiten Deutschen Diktatur begegnet sind. Die Standhaftigkeit seiner unverbrüchlichen Überzeugungen paarte sich mit einer Bescheidenheit im Auftritt. Er hatte es nicht nötig, als mehr erscheinen zu wollen, als der er war. Sein Schicksal, seine Erscheinung selbst bürgte für eindrucksvolle und unvergessene Glaubwürdigkeit.

In Memoriam Harald Möller – Foto: LyrAg

Urteil: Zweimal 25 Jahre Haft

Der langjährige verdiente Vorsitzende des seinerzeit legendären Bautzen-Komitees (2003 –2013) wurde 1928 in Untermaßfeld (Thüringen) geboren. Nach dem Besuch eines Gymnasiums geriet Harald Möller als Wehrmachtssoldat 1945 in Kriegsgefangenschaft der US-Armee. Sein nach der Entlassung 1947 aufgenommenes Lehrer-Studium wurde 1948 durch die Verhaftung unterbrochen. Der seinerzeitige  Vorläufer der späteren Staatssicherheit, Abt. K5 der Kriminalpolizei, lieferte den jungen Mann an die Sowjets aus, von denen er zunächst in die NKWD-Untersuchungshaftanstalt in Weimar eingeliefert wurde. Wenig später wurde Möller im gleichen Jahr wegen „Spionage und antisowjetische Propaganda“ zu zwei mal 25 Jahren Haft wegen antisowjetischer Propaganda und Spionage verurteilt.

Im „Gelben Elend“ litt Harald Möller mit tausenden weiterer Haftkameraden unter den unmenschlichen Haftbedingungen. Er erkrankte an offener Tbc und überlebte nur, weil ihm andere Gefangene mit medizinischen Kenntnissen notdürftig helfen konnten. Im März 1950 erlebte er den Bautzener Häftlingsaufstand mit, der von der DDR-Volkspolizei brutal niedergeschlagen wurde. Harald Möller war insgesamt acht Jahre in Bautzen inhaftiert, bis er 1956, nach den erfolgreichen Verhandlungen Konrad Adenauers 1955 in Moskau, in die Bundesrepublik entlassen wurde.

Nach seiner Entlassung lebte der von der Haft gezeichnete zunächst in Bremen und Neuss am Rhein und später durch den folgenden Besuch der Höheren Handelsschule in Düsseldorf. Dort wurde Möller 1961 Regierungsinspektor und war von 1968 bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahre 1990  Prüfungsbeamter am Landesrechnungshof Nordrhein-Westfalen. Den Ruhestand verlebte er mit seiner Familie in Ostheim, wo er jetzt auch verstarb.

Zeitenwende in der Geschichte des Bautzen-Komitees

Möller, der Nachwelt bekannt für sein Engagement im  Bautzen-Komitee, war aber auch im nichtpolitischen Vereinsleben stark engagiert. Unvergessen in Ostheim ist seine siebzehnjährige Tätigkeit als Vorsitzender des „Musikvereins Stadtkapelle“. Nach seinem Rücktritt im September 2006 wurde er einstimmig zum Ehrenvorsitzenden des Musikvereins gewählt.

Den Abschied des Bundesverdienstkreuzträgers nach zehn Jahren Vorstandschaft im Bautzen-Komitee 2013 sahen viele Weggefährten und langjährige Mitglieder als Zeitenwende in der Geschichte des Vereins. Mit Harald Möller ginge „der letzte Grandseigneur der alten Kameraden, die mit Namen wie Benno von Heynitz, Hans Corbat, Horst Schirmer und Günther Mühle dem Verein Ansehen und  Akzeptanz verliehen hätten.“ Zwar blieb Harald Möller als einer der Stellvertreter noch eine zeitlang als Ehrenvorsitzender Mitglied des Vorstandes, die Geschicke wurden aber fortan durch den einstigen stv. Bundesvorsitzenden der VOS, Alexander Latotzky, bestimmt, der in der Nachfolge als einziger Kandidat für den Vorsitz zur Verfügung stand. Harald Möller sah die ursprüngliche Unterstützung seines Nachfolgers später als einen „schweren persönlichen Fehler“ an, der „leider nicht mehr korrigierbar“ gewesen sei.

Mit Harald Möller verliert die Gemeinschaft ehemaliger politisch Verfolgter des Kommunismus eine über weite Strecken herausragende Persönlichkeit der Aufarbeitung. Wir werden seinen Ratschlag, seine Treue zur gemeinsamen Aufgabe in lebendiger Erinnerung behalten. Harald Möller bleibt für uns, die wir ihn kannten und als Freund und Mitkämpfer schätzten, unvergessen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.514).

Von Tatjana Sterneberg

Berlin, 17.02.2020 – Um 12:15 Uhr klingelte vor der JVA Plötzensee das Mobil-Telefon des einstigen Mauerdemonstranten. Der Anrufer: Ein ehemaliger Teilnehmer vom Arbeiteraufstand 1953 aus Niedersachsen. Er teilte dem überraschten Carl-Wolfgang Holzapfel mit, dass der Anrufer eine erste Rate des auferlegten Ordnungsgeldes an die Landesjustizkasse überwiesen und zu Spenden aufgerufen habe, um den Rest auch zahlen zu können. „Du hast soviel in Jahrzehnten für uns getan, jetzt sind wir daran, einmal dafür DANKE zu sagen,“ erklärte Günther D. aus Wolfenbüttel. Er bat Holzapfel dringend, nunmehr von seiner Absicht abzulassen, das Ordnungsgeld durch Haftantritt auszugleichen. Dieser solle auf seinen Gesundheitszustand Rücksicht nehmen.

Ein Anruf aus Niedersachsen schaffte Klarheit – Foto: T.Sterneberg

Holzapfel, der wie angekündigt, pünktlich vor dem Eingang der Haftanstalt erschienen war, zeigte sich tief bewegt von dieser Mitteilung und erklärte schließlich, trotz „schwerwiegender persönlicher Bedenken“ das Angebot seiner Kameraden zu respektieren, um damit seinerseits seinen „tief empfundenen Dank für diesen unerwarteten Akt der Solidarität“ auszudrücken. Ihm sei diese Form des Dankes in den Jahrzehnten seiner Aktivitäten gegen das Unrechtsregime und die Berliner Mauer „erstmals begegnet,“ er werde dies sicherlich „nie vergessen.“ Holzapfel schränkte allerdings ein, dass dies für die letzten Jahrzehnte gelte. Am Beginn seines Gewaltlosen Widerstandes (im Alter von 18 Jahren) habe er auf eine ermutigende Unterstützung bauen können. So habe eine Familie im Haus der ersten Mauerausstellung („Die Freiheit darf hier nicht enden“), als er dort ohne Entgelt arbeitete und sozusagen „von der Hand in den Mund lebte“, für ihn ab und an ein warmes Essen gekocht. Nach seiner Verhaftung durch DDR-Grenzorgane habe die CDU seine Miete bezahlt und zuvor auch viele Jahre kostenlos einen Rechtsanwalt gestellt, um Holzapfel vor Rechtsfolgen  für seinen Widerstand zu schützen. Auch habe ein deutsch-ukrainisches Ehepaar, Maria und Wenzel Reiter, beide in Kiew geboren,  dem jungen Aktivisten nach einem Tunnelbau in der Bernauer Straße kostenlos ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Dies alles sei für ihn unvergessen und „stärkende Basis“ für seinen Gewaltlosen Kampf gewesen.

Gegen 12:35 Uhr beendete der einstige Mauerdemonstrant seinen Aufenthalt vor der JVA Plötzensee und kehrte mit seiner ob dieser Wende glücklichen Frau nach Hause zurück. Holzapfel hatte, wie berichtet, infolge eines 2018 verbreiteten kritischen Artikels über die Witwe Rainer Hildebrandts, die heute das von diesem gegründete Mauermuseum am Checkpoint Charlie leitet, auf Antrag von Alexandra Hildebrandt 2019 eine Ordnungsstrafe in Höhe von 1.000 € erhalten, obwohl der Museumschefin andererseits zwei Drittel der angefallenen Gerichts- und Anwaltskosten in dem Unterlassungsverfahren auferlegt worden waren.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-85607937 (1.512).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin-Dahlem, 25.Januar 1932, Wehen, Schmerzen, dann der Schrei im Vorjahr des Beginns der Dunkelheit: Gerd erblickt das (kurze) Licht der Welt. Die Mutter: Tochter eines deutschen Juden und einer deutschen Christin. Sie ist überfordert. Der Kindsvater mit dem sinnigen Namen Urmeister lässt die junge Mutter im Stich. Weil diese Halbjüdin war?

1934 heiratet die Mutter einen jungen deutschen Offizier, gibt den problematisch gewordenen Sohn zweijährig in das Jüdische Waisenhaus in Berlin-Pankow. War die Angst größer als die Mutterliebe? Und war diese Angst unbegründet? Später, 1943, stirbt ihr Vater in Auschwitz. Ein weiterer, im Horror von Millionen Opfer kaum sichtbarer Mord. Nur noch in den Opferakten von Auschwitz vermerkt: Namen, Geburtsdatum, Morddatum…

Die SS besetzte das Waisenhaus

Wir wissen wenig über das Leben des kleinen Gerd in dieser jüdischen Einrichtung. Es muss wohl für alle dortigen Insassen eine Qual gewesen sein: Den Erziehern, denen jeden Tag nur die Hoffnung blieb, am nächsten Tag noch Dasein zu dürfen. Den Kindern, von denen jene wie Gerd schon aus Altersgründen nicht wissen konnten, was ihnen bevorstand, auf die sich aber die stets präsente Angst ausgewirkt haben dürfte. Um 1940 besetzte die SS das Jüdische Waisenhaus. Noch im August 1942 hatten sich in der folgend zusammengelegten Einrichtung Auerbach-Pankow 282 Säuglinge und Kinder, sowie 14 Erzieher befunden. Diese wurden mehrheitlich über das Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße in die Vernichtungslager deportiert. Zuvor waren einige Kinder – so gut es ging – „verteilt“ worden. Der augenscheinliche Versuch sich verantwortlich Fühlender, zu retten, was noch am Leben zu retten war. Gerd kam so am 1.11.1938 in die ursprüngliche Kinderpsychiatrie nach Brandenburg-Görden, später auch Stätte der Euthanasie. Im Alter von sechs Jahren. Dort blieb er bis zum 28.09.1945. Gerd erfuhr in dieser Zeit keine Schulbildung, niemand brachte ihm Lesen und Schreiben bei.

    Das Jüdische Waisenhaus in Berlin-Pankow um 1932 – Foto: Archiv LyrAg

1945. Das unbeschreibliche Verbrechen endet in Trümmerlandschaften einst blühender Städte, in Hunger, Not und vielfacher Verzweiflung auch derer, die ihre Augen verschlossen oder geschwiegen hatten. Ein namentlicher „Urmeister“ erinnert sich an ein 1931 gezeugtes und 1932 geborenes Leben. Er nimmt seinen Sohn in seiner Familie auf, in der zwei Töchter nachgeboren worden waren. Aber ihn trieb wohl nicht Verantwortung oder gar späte Liebe. Für „Opfer des Faschismus“ gab es Sonderrationen auf die begehrten Lebensmittelkarten. Gerd durfte nicht am Tisch der Familie sitzen. Sein karges Essen musste er stets in der Küche einnehmen. Das Arbeitsfeld für den Dreizehnjährigen: Putzen, Geschirr spülen, Wäsche waschen. War das nicht konform, setzte es Erzeuger-Prügel.

Als „Analphabet“ verspottet

Das war selbst Genossen des Erzeugers an sozialistischen und Antifa-Guten zuviel: Sie wandten sich an das Jugendamt. Dieses nahm Gerd aus der „Familie“ heraus, steckte ihn (wieder) in – im Laufe der Zeit – diverse und sehr verschiedene Heime. In den – späteren – Akten der Staatssicherheit wird u.a. vermerkt sein, dass sich einzig eine Frau sehr darum bemühte, dem „verlorenen“ Jungen aus dem einstigen Jüdischen Waisenhaus das Schreiben und Lesen zu vermitteln. Aber der bis dahin Geschubste und Verladene, von Gleichaltrigen als „Analphabet“ verspottete Gerd, zumal in der Pubertät, versagte sich diesen Bemühungen, zeigte sich aggressiv, wehrte mit aufkommendem Bewusstsein jede weitere Bevormundung und Fremdbestimmung ab.

Endlich achtzehn Jahre alt. Damals, in der „DDR“, bedeutete das Volljährigkeit, Selbstbestimmung. Folgerichtig wurde Gerd aus dem Heimleben entlassen. Aber wie auf eigenen Füßen stehen, wie das täglich Notwendige erlangen? Ohne Bildung, als Analphabet? Gerd versuchte, was andere seines Alters – mit Bildung, mit „arischem“ Hintergrund – vielfach auch taten in den Jahren nach dem Krieg: Er wandte sich der Beschaffung zu, sammelte dieses und jenes in Ruinen, um es zu veräußern und so ein wenig, wenn auch notdürftig, zu leben. Zwangsläufig erfolgte die Verhaftung, die Kriminalisierung, das Urteil, das Gefängnis (Rummelsburg). Erneut fand sich Gerd, inzwischen ein junger Mann, in der Fremdbestimmung, eingesperrt, hinter Gittern.

Der Zukunft zugewandt: Gerd mit seiner Frau 1960

Der Zukunft zugewandt: Gerd mit seiner Frau 1960 – Foto: Archiv-LyrAg

Nach dem zweiten Gefängnisaufenthalt nutzte Gerd die Chance der damals noch offenen Grenzen in Berlin. Er zog in die Westsektoren. Trotzdem besuchte der Lieb- und Heimatlose immer wieder seine alten Kumpels im Osten. Und in dieser Zeit begegnete ihm 1960 eine junge und schöne Frau, die wohl erstmals in ihm andere Sinne weckte, als das stetige Trachten nach Möglichkeiten des Überlebens. Als Geli schwanger wurde, beschlossen die jungen Leute zu heiraten. Im März 1961 wurden sie Eltern einer Tochter.

Durch den Mauerbau vom Baby getrennt

Gerd überzeugte seine junge Frau, die Zukunft für sich und das Kind im Westen Berlins zu suchen. Geli wohnte noch immer im Ostteil der Stadt bei den Eltern. Im August 1961 fanden sie endlich eine Wohnung, im Wedding, gegenüber einer Kirche. Das junge Paar renovierte die Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Toilette befand sich im Aufgang auf dem Treppenabsatz. Am Sonntag, 13. August 1961, wurde West-Berlin abgeriegelt, der Mauer-Bau begann. Trotz der Zusage von Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Aber was galten schon derartige „Zusagen“?

Die junge Familie wurde von ihrem wenige Monate alten Baby getrennt. Seither trieb es Gerd um. Sollte seine Tochter das gleiche Schicksal erleiden, von Mutter und Vater getrennt in einem feindlichen Umfeld aufwachsen?

Nach vielen vergeblichen Versuchen: Im März 1963 fing eine von Gerd zusammengewürfelte Crew an, sich durch das Erdreich von West nach Ost zu graben. Von einem ehemaligen Kartoffelschuppen aus. Der stand direkt an der Mauer, die dort die Bernauer Straße am ehemaligen Güterbahnhof querte. Dort buddelten sich die Fluchthelfer sechs Meter unter der Erde auf ein Haus an der Eberswalder Straße zu. 19 Menschen setzten auf diese Fluchtmöglichkeit. Unter den Fluchtwilligen die Großeltern mit der zweijährigen Tochter.

Gerd vor dem Eingang zum ehem. Kartoffelschuppen, von dem aus der Tunnel 1963 gegraben wurde –
Foto: LyrAg

Im Juli 1963 platzte dieser Traum wie eine Seifenblase. Vor den Grundmauern des Zielhauses angekommen, wurden zwei Kuriere, die von Gerd zum Kontakt zu den Fluchtwilligen eingesetzt worden waren, verhaftet, der Tunnel verraten. 21 Menschen wurden verhaftet, zu hohen Strafen verurteilt. Das Kind von Gerd und seiner Frau kam in ein Heim, die bisher fürsorglichen Großeltern nach Rummelsburg und Hoheneck, berüchtigte Haft-Einrichtungen des DDR-Staates.

Elf Jahre lang von der Stasi als „Faustpfand“ missbraucht

Aus den (späteren) Stasiakten ging hervor, dass man das Kind als Faustpfand nutzen wolle: Die Mutter hatte brieflich ihre Eltern wissen lassen, evtl. wieder zurück nach Ost-Berlin zu ziehen. Um bei ihrer Tochter sein zu können. „Über diese,“ so der Stasi-Vermerk, „könne man dann an den Terroristen Gerd W. gelangen.“ Gerd, der nach dem Tunnelbau aktiv bis in die achtziger Jahre Fluchtunternehmen plante, war nach wie vor Zielscheibe seiner Verfolger.

Ein Kind als Faustpfand einer erneuten Diktatur ausgeliefert. 11 Jahre lang. Dann durfte das inzwischen junge Mädchen zu ihrer Mutter ausreisen. Nach endlos erscheinenden Verhandlungen mit der Bundesregierung. Da waren die Eltern bereits geschieden. Die Großeltern durften später ihrer Enkelin folgen. Der Großvater allerdings stirbt nach einem Herzinfarkt bei der Ausreise im sogen. „Tränenplast“ am Grenzübergang Friedrichstraße. Der durch die Abläufe verursachte Stress hatte erneut seine unbarmherzigen Spuren hinterlassen.

Das verbliebene Credo: Niemals mehr fremdbestimmt

Heute kümmert sich die Tochter, selbst inzwischen vielfache Mutter und Großmutter, in liebevoller Verzweiflung um ihren alten Vater, der am Samstag seinen 88. Geburtstag vermerken konnte. Zum Feiern bestand für ihn kein Anlass. Sein Gesundheitszustand ist besorgniserregend. Aber Gerd widersetzte sich den Bemühungen seiner Tochter, ins Krankenhaus zu gehen. Der am Geburtstag alarmierte Notarzt muss sich dieser Verweigerung beugen.

Vieles ist auf der Lebensstrecke dieses Mannes verkümmert. Als einziges Credo ist ihm geblieben: Niemals mehr fremdbestimmt leben zu müssen. Auch seine Tochter dürfe ihn nicht Fremdbestimmen. Dabei ist diese von Liebe und Fürsorge für ihren Vater bestimmt. Aber kann man es Gerd vorhalten, das er nie gelernt, noch weniger erfahren hat, zwischen Liebe und Fremdbestimmung zu unterscheiden?

Auschwitz ist nicht irgendwo, weit weg von uns. Auschwitz, zumindest mit seinen Vorläufern und Folgen, ist stets näher, als wir denken oder zulassen wollen …

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.504).

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