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Berlin, 25.09.2018/cw – In den Medien wird erneut eine heiße Debatte um einen vorhandenen oder nicht vorhandenen Antisemitismus in Deutschland geführt. Auslöser war diesmal die Ankündigung der größten Oppositionspartei im Deutschen Bundestag, innerhalb der Partei eine neue Mitgliedervereinigung namens „Juden in der AfD“ zu gründen. Ausgerechnet am unseligen einstigen „Tag der Republik“, dem Paradetag der zweiten deutschen Diktatur „DDR“, die sich nicht gerade mit Freundschaftskundgebungen gegenüber dem Staat Israel hervortat, will die Newcomer-Partei durch diese Gründung alle die Lügen strafen, die ihr einen wie immer gearteten Antisemitismus unterstellen.

Auslöser der neuerlichen Debatte war ein BILD-Artikel („Was machen Juden in der AfD?“, 24.09.2018 – 23:40 Uhr) in dem die „Empörung jüdischer Verbände“ über die beabsichtigte Gründung kolportiert wird. Zahlreiche Medien wie DER TAGESSPIEGEL oder das NEUE DEUTSCHLAND, einstiges Flaggschiff der SED, griffen die BILD-Meldung auf und unterstellten der AfD, die Partei benutze Juden als »Feigenblatt für plumpen AfD-Rassismus«, so Elio Adler vom Berliner Verein »WerteInitiative« im ND. Auch Maram Stern vom Jüdischen Weltkongress warnte davor, dass Juden die AfD legitimieren könnten. „Ich glaube nicht, dass man der AfD einen Koscherstempel geben sollte„, sagte er (TAGESSPIEGEL).

Gedenken an die Opfer der NS-Tyrranei, hier Gedenkstein am Steinplatz – Foto: LyrAg

Und die Seniorin Jüdischen Lebens in Deutschland und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, zitiert BILD mit deren völligem Unverständnis, wie „jüdische Menschen ihre Mitgliedschaft in einer solchen Partei vor sich selbst rechtfertigen können.“ Man solle sich nicht täuschen lassen: Die AfD ist und bleibt eine Partei, „in der Antisemiten sich pudelwohl fühlen können,“ so Knobloch. Durch ihre geplante Vereinigung in der AfD verliehen die jüdischen Mitglieder „der AfD zusätzlich den Anschein von Legitimität.“

Friedmann: AfD macht geistige Brandstiftung wieder salonfähig

Dass die entbrannte Diskussion nicht nur Nicht-Juden offenbar spaltet, belegen die Äußerungen zweier prominenter jüdischer Repräsentanten in Deutschland. Während der streitbare Publizist und früheres Mitglied im Zentralrat der Juden, Michel Friedman, in seiner bekannten und drastischen Bekenner-Weise gegenüber BILD äußerte: „Die AfD ist die Partei, die geistige Brandstiftung wieder salonfähig macht. Niemand sollte in die AfD eintreten, ein Jude erst recht nicht,“ sieht Rafael Korenzecher, u.a. Kolumnist und Herausgeber der Monats-Zeitschrift JÜDISCHE RUNDSCHAU das Engagement der AfD offensichtlich ganz anders.

In einem Beitrag für den Internet-Blog „Achgut.com“ vom 20.07.2018 schrieb der vielfach engagierte Korenzecher unter der Zwischenzeile: „Israel-Feinde in Regierung, Parlament und Medien“ u.a.:

Korenzecher: Vor Einzug der AfD keine Antisemitismus-kritische Reden

Aber soweit man erinnern kann, hat es vor dem Einzug der AfD ins Parlament derartige proisraelischen und Antisemitismus-kritischen, von der ganzen Fraktion zugestimmten Reden im Deutschen Bundestag nicht gegeben, schon gar nicht von den Parteien des israelfeindlichen Blocks des Linksbündnisses inklusive CDU/CSU.

Ausweislich an die „Jüdische Rundschau“ von jüdischen Menschen hierzulande gesandten Schreiben gefällt eben genau das vielen Juden an der neuen Opposition: Die AfD ist zur Zeit die einzige mit Israel solidarische und wirklich Antisemitismus-kritische Partei im Parlament. Und sie hat sofort und ohne Wenn und Aber den Umzug der amerikanischen Botschaft und die Anerkennung Jerusalems als ewige, historisch legitimierte jüdische Hauptstadt Israels begrüßt.

Das ist mehr, als der Zentralrat selbst und die von ihm hofierten linken Israel-Feinde aus Regierung, Parlament und Medien getan haben und wohl auch in der Zukunft bis zu ihrer voraussehbaren Abwahl tun werden. Wie bedauerlich, dass Frau Merkel und Co. die nächste Amtsperiode des im Gegensatz zu der Kanzlerin überaus erfolgreichen US-Präsidenten Trump absehbar nicht mehr im Amt überstehen wird.

Quelle: https://www.achgut.com/artikel/wir_haben_nichts_gegen_juden_wir_sind_nur_blind).

Auch in dieser Diskussion zeigt sich offenbar die Notwendigkeit, wieder zu den Inhalten notwendiger Debatten zurückzukehren, um die über Jahrzehnte erkämpfte Demokratie wieder mit neuem Leben zu erfüllen. Dies wäre die beste Antwort gegen jedweden Extremismus – auch in Wort und Schrift.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.429).

Berlin, 22.09.2018/cw – Stefan Krikowski (57), Vorsitzender der „Lagergemeinschaft Workuta“, hat Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Grund: Das von ihm auf dem Breitscheidplatz nach dem Terror-Anschlag aufgestellte Foto von Dalia Elyakim (60) ist gestohlen worden. Die aus Israel stammende Frau hatte zusammen mit ihrem Mann Rami Elyakim (60) am unglückseligen 19. Dezember 2016 den Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin besucht. Dalia Elyakim starb, während ihr Mann schwer verletzt überlebte.

Rami Elyakim wurde nach dem Anschlag im lebensgefährliche Zustand und ohne Bewusstsein ins Wenckebach-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof eingeliefert. Dort wurde er in ein künstliches Koma versetzt. Mehrere Operationen an Becken und beiden Oberschenkeln folgten. Erst Anfang Januar 2017 konnte er in Begleitung der behandelnden Ärzte nach Israel ausgeflogen werden.

Die unbeantwortete Frage nach dem Terroranschlag in Berlin – Foto: LyrAg

Krikowski und seine Frau Margreet (52) gehörten zu den ersten Bürgern, die den Ort des Verbrechens aufsuchten und sich mit Plakaten und der Zufügung von Namen der nach und nach bekannt gewordenen Opfer für ein würdiges Gedenken einsetzten. Dort stellte das engagierte Ehepaar auch ein Foto von Dalia Elyakim auf. Nach einem Besuch bei Rami Elyakim in Israel im Oktober 2017 startete Margreet und Stefan Krikowski eine Spendenaktion, um dem durch das Attentat berufsunfähig gewordenen Rami zu unterstützen.

„Ein eindeutig antisemitischer Akt“

Stefan Krikowski weist in seiner Strafanzeige darauf hin, dass „die Fotos von anderen Opfern (Angelika Klösters, Nada Cismar, Peter Volker und Klaus Jacob) nicht entfernt oder beschädigt wurden.“ Aus seiner Sicht sei dies „eindeutig ein antisemitischer Akt“ , da nur dass von ihm und seiner Frau „stellvertretend für Rami Elyakim aus Herzliya / Israel“ aufgestellte und eingerahmte Foto des israelischen (jüdischen) Terroropfers Frau Dalia Elyakim gestohlen wurde.

Dieser Diebstahl sei „insofern entsetzlich, da dieser bewusst das Andenken an das ermordete Opfer aus Israel verunglimpft und damit die Totenruhe, das Trauern und Gedenken“ am Ort des Terroranschlages für Angehörige und Freunde des Opfers zutiefst gestört werden.

Krikowski kündigte an, er werde zusammen mit seiner Frau in den nächsten Tagen am Gedenkort vor ihrem eingemeißelten Namen ein neues Foto von Dalia Elyakim an der Gedächtniskirche aufstellen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.428).

 

 

 

Als Dichter war er unterschätzt. Am Ende applaudierte ihm die AfD. Jetzt ist Ulrich Schacht mit 67 Jahren in Schweden gestorben.

von Gregor Dotzauer

Das Schicksal meinte es von Anfang an nicht gut mit ihm. Schon seine Geburt im erzgebirgischen Frauengefängnis Hoheneck am 9. März 1952, wo seine Mutter als Antikommunistin einsaß, machte ihn zum Außenseiter. 21 Jahre später kam Ulrich Schacht wegen „staatsfeindlicher Hetze“ selbst in Haft. Von seinen sieben Jahren Gefängnis verbüßte er indes nur einen Teil: Im Herbst 1976 kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Doch er blieb traumatisiert. Erzählerisch wusste er seine Geschichte wie in seinem letzten, autobiografisch geprägten Roman „Notre Dame“ (Aufbau) kühl zu halten, und dem naturlyrischen Feinsinn des Dichters waren die Verletzungen nicht anzumerken. Den Staatsbürger prägten sie umso mehr: Sein Hass auf alles Linke trug selbst ideologische Züge. Er wurde einer von denen, die der DDR-Sozialismus in der Bundesrepublik in die rechte Ecke trieb.

Er fand Aufnahme bei der „Welt“ in Hamburg

Im Osten hatte der gläubige Christ zuletzt evangelische Theologie studiert. Im Westen stürzte er sich auf Philosophie und Politikwissenschaft und fand als Kulturjournalist Aufnahme bei der „Welt“ in Hamburg, die schon rechtskonservativen DDR-Philosophen wie Günter Zehm Obdach gewährt hatte. Dietrich Bonhoeffers „Ethik“ wurde für ihn so wichtig wie Albert Camus’ „Mensch in der Revolte“.

Zu den Umwegen seines langen Wegs nach rechts gehören 16 Jahre SPD-Mitgliedschaft. Die Abkehr war nicht zu übersehen. 1994 gab er zusammen mit Heimo Schwilk „Die selbstbewusste Nation“ heraus, eine Gründungsschrift der Neuen Rechten. 1998 floh er das wiedervereinigte Land und sein politisches Klima. In Skåne län, Schwedens südlichster Provinz, fand er eine neue Heimat, die ihn zu zahlreichen Versen inspirierte. In seinem Haus in Förslöv ist er nach einem Herzinfarkt nun mit 67 Jahren gestorben. Erzrechte wie Götz Kubitschek und Michael Klonovsky, Alexander Gaulands persönlicher Referent, haben ihm schon nachgerufen. Es steht zu befürchten, dass dieser hochgebildete, als Schriftsteller unterschätzte Mann, der sich politisch in fragwürdigen Kreisen aufgehoben fühlte, davon geehrt gewesen wäre.

Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/zum-tod-von-ulrich-schacht-der-lange-weg-nach-rechts/23087514.html

* Gregor Dotzauer (* 13. Mai 1962 in Bayreuth) ist ein deutscher Literaturkritiker, Essayist und Kulturredakteur. Als Essayist und Literaturwissenschaftler hat Dotzauer für text + kritik, Kursbuch, Sinn und Form sowie für den Hörfunk geschrieben, wie zum Beispiel für den Deutschlandfunk Köln oder das Deutschlandradio Kultur. Daneben moderierte er Podiumsdiskussionen und Autorengespräche. Seit 1999 ist Dotzauer Literaturredakteur des Berliner Tagesspiegels (wikipedia).

Weitere Nachrufe:

https://www.boersenblatt.net/artikel-der_aufbau_verlag_trauert.1519075.html

http://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Wismar/Autor-Ulrich-Schacht-ist-gestorben

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ehemaliger-dresdner-stadtschreiber-ulrich-schacht-ist-verstorben-15793397.html

https://m.sz-online.de/nachrichten/ehemaliger-stadtscheiber-verstorben-4015790.html

https://www.mz-web.de/kultur/freigekauft-und-freigedacht-zum-tod-des-autors-ulrich-schacht-31323588

 

Von Michael Klonovsky*

Berlin, 18.09.2018/mk – Am 17.September erreichte mich die Nachricht, dass Ulrich Schacht gestorben ist. Das ist keiner der Tode, mit denen zu rechnen war. Der Schriftsteller zählte 67 Jahre und befand sich, als ich ihn das letzte Mal sah, bei bester Laune und gesegnetem Appetit. Er war ein großer, kräftiger, wenn man so will lutherischer Kerl, von einer gewissen Gemütsverschattung und zugleich derbem Humor, der gern lachte und seine Melancholie mit Heiterkeit und Gottvertrauen umgab.

Im Interview in der aktuellen Ausgabe der Sezession sagt Jean Raspail: “Ich will mit aufrechten Menschen Umgang pflegen.” Das ist eine gute Maxime. Schacht war ein Aufrechter. Kein Taktierer, kein Heuchler, kein Verräter. Einer der meinte, was er sagte. Ein Protestant alten Schlags.

Geburtsort Frauenzuchthaus Hoheneck

Schacht kam am 9. März 1951 in Stollberg zur Welt. Sein Geburtsort legt den Gedanken nahe, er sei, wie u.a. ich, ein Erzgebirgler gewesen – aber das stimmt nicht. Er wurde im Frauengefängnis Hoheneck geboren, wo die SED-Genossen seine Mutter eingesperrt hatten. Tatsächlich war er ein Nordlicht. Er ist in Wismar aufgewachsen. Von 1970 bis 1973 studierte Schacht Evangelische Theologie in Rostock und Erfurt. 1973 wurde er wegen “staatsfeindlicher Hetze” zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt. 1976 kaufte ihn die BRD frei (würde sie heute wahrscheinlich nicht mehr tun). Als Sohn einer Antikommunistin im Gefängnis geboren und 22 Jahre später aus demselben Grund wie seine Mutter eingesperrt zu werden – das ist ein meines Wissens singulärer Fall. Fortan war Schacht ein Gezeichneter. Er besaß eine sehr dezidierte Meinung über linke Gesellschaftsexperimente. Dementsprechend entsetzt war er darüber, wie beharrlich westdeutsche Linke an deren Wiederholung arbeiteten (wenn dieser Begriff gestattet ist).

Nach seinem Freikauf ging Schacht nach Hamburg, studierte Politikwissenschaften und Philosophie und verdingte sich als Feuilleton-Redakteur bei der Welt und der Welt am Sonntag. Sofort nach seinem deutsch-deutschen Seitenwechsel trat er in die SPD ein, von der er damals noch glaubte, es sei die Partei Bebels, Eberts und Kurt Schumachers. Die Illusion hielt, formell, bis 1992. Dann kehrte Schacht, der glühende Herbeisehner der deutschen Einheit in Freiheit, jener Partei den Rücken, die sich längst für ihre patriotische Vergangenheit schämte und mit Freiheit ohnehin nie besonders viel anfangen konnte.

Als BRD-Dissident nach Schweden

Ich lernte Schacht 1993 kennen, als er gemeinsam mit seinem Freund und mehrfachen Co-Autor Heimo Schwilk den Sammelband “Die selbstbewusste Nation” publizierte, der im Post-68er Biedermeier viel Jaulen und Zähnefletschen auslöste. Er vertraute mir mehrfach an, wie sehr die linken Wortführer der West-Republik ihn ernüchtert hatten, wie er in diesem Milieu von Anfang an wegen seiner antisozialistischen Haltung auf Misstrauen und Ablehnung gestoßen war. Der DDR-Dissident wurde schließlich noch schneller zum BRD-Dissidenten als der Kommunist Trittin Minister. 1998 zog er die Konsequenzen und siedelte nach Schweden um. Ohnehin übte der Norden eine magische Anziehung auf ihn aus, immer wieder reiste er in die Polargegend, um “Gottes Schöpfung am zweiten Tag zu betrachten”, wie er schwärmte. Viele seiner Gedichte fassen diese eisige Welt in lakonisch-poetische Worte, und noch in seiner letzten Mail an mich erinnerte er sich begeistert an seine erste Fahrt ins Franz-Joseph-Land anno 1991, eine “Wahnsinnsreise, wie zum Mond”, der 1992, 1993 und 1995 drei weitere folgten. Im Eis war dieser Gebrannte offenbar glücklich.

Die letzte Reise mit dem Blick aufs Meer

Schachts Flucht aus und vor allem vor Deutschland ins Multikulti-Schweden – “alter Schwede” nannte ich ihn seither – mag in einem gewissen Sinn ein grotesker Wechsel “vom Regen in die Jauche” (Wolf Biermann) gewesen sein, doch er war durchaus optimistisch, dass die Schwedendemokraten das Land wieder auf einen christlich-freiheitlichen Weg führen könnten. “Hier tut sich was, keine Sorge”, schrieb er mir, “das Ende der ideologischen Fahnenstange ist auch in Schweden erreicht, die Wahl steht drohend bevor, die Prozente für die SD steigen und steigen, das Lager der etablierten Wirklichkeitsverdränger und ideologischen Nutten bricht gerade auseinander!”

Ulrich Schacht, der Vater, Ehemann, Poet, Essayist, Romancier, Publizist und Großkomtur des St. Georgs-Ordens, ist nicht mehr unter uns. Er starb, offenbar an den Nachfolgen eines Herzinfarkts, am Sonntag in seinem Haus oberhalb von Förslöv, im Lesesessel sitzend, mit dem Blick aufs Meer. Fahr wohl, alter Schwede, und sei frei!

Vorstehender Beitrag im Original unter:

https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna und

https://vera-lengsfeld.de/2018/09/18/nachruf-auf-ulrich-schacht/

* Michael Klonovsky ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Von Juni 2016 bis Anfang 2017 war er parteiloser Berater von Frauke Petry, als sie Bundessprecherin der Alternative für Deutschland war. Seit Februar 2018 ist er persönlicher Referent des AfD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag Alexander Gauland.

Zwischenüberschriften eingefügt von Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785

Munster/Stade/Berlin, 14.09.2018/cw – Am Montag, 24. September, beginnt knapp sieben Jahre nach der Insolvenz der in Munster ansässigen Unternehmensgruppe Curanis-Holding das Verfahren gegen den Chef der von der Insolvenz nicht betroffenen operativen Curanis-Gesellschaften Dr. Rafael Korenzecher. Um 9:15 Uhr erfolgt die Eröffnung mit der Verlesung der Anklage. Derzeit hat die 5. große Strafkammer (Wirtschaftsstrafkammer) des Landgerichts Stade 20 Verhandlungstage (bis zum 20. Dezember) terminiert. Vor der Strafkammer müssen sich neben Korenzecher dessen Sohn Joel und die ehemalige Holding-Geschäftsführerin Angela W. gegen die Vorwürfe „wegen Steuerhinterziehung in 44 Fällen“ >500 KLs 141 Js 31172/11 (28/15)< und „wegen Bankrotts“ (500 KLs 131 Js 4771/11 (37/15)< verteidigen.

Angela W. hatte 2010 für die Curanis Holding beim Amtsgericht Lüneburg Insolvenzantrag wegen Zahlungsunfähigkeit gestellt. Nach einem Bericht der IMMOBILIENZEITUNG vom 18.08.2010 hatte Korenzecher sen. vor Mitarbeitern erklärt, dass Holding-Geschäftsführerin Angela W. den Insolvenzantrag habe stellen müssen. Unbeschadet davon gehe „das Geschäft des Gebäudeverwalters unverändert und mit konstanter Beschäftigtenzahl weiter.“ Curanis hatte zu diesem Zeitpunkt mehr als 550 Beschäftigte und verwaltete einen Bestand von mehr als 50.000 Einheiten (darunter gemessen in Fläche rund 70% Wohnungen) und etwa 40.000 Stellplätzen. „Die erst am 23. April 2010 eingesetzte Holding-Chefin sei für die Gründe, die zur Insolvenz führten, jedoch nicht verantwortlich,“ hatte Korenzecher seinerzeit betont.

Insolvenz statt führender Immobiliendienstleister

Für die Insolvenz wurden seinerzeit offenkundige „hohe Außenstände gegenüber Gläubigerbanken und Leasinggesellschaften“ verantwortlich gemacht. Zudem hätten Kunden Haftungsansprüche in Millionenhöhe vorgetragen. Dennoch kündigte Korenzecher sen. an, Curanis zu einem der führenden Immobiliendienstleister in Europa machen zu wollen. Er habe das Ziel, die Zahl der verwalteten Einheiten schon im nächsten Jahr (also 2011) auf 100.000 zu erhöhen. Spätestens 2013 sollen 200.000 Einheiten verwaltet werden – darunter zunehmend auch Gewerbeflächen.

Seit Jahren Baugerüst am Kaiserdamm: Vortäuschung von Arbeiten? – Foto:LyrAg

Auch diese Pläne gingen wohl „in die Hose.“ Jedenfalls berichtete die Böhme-Zeitung (28.02.2017), dass das Unternehmen Curanis Wohnimmobilien (sechs Jahre zuvor) „mit mehr als 300 Beschäftigten – hinter der Bundeswehr zweitgrößter Arbeitgeber in Munster – ins Wanken geraten sei und betriebsbedingte Kündigungen“ vorgenommen habe. Das Unternehmen habe seine Zahlungen weitgehend eingestellt. Arbeitnehmer mussten ihre Löhne und Gehälter einklagen.

Ende 2009 galt die Curanis als florierende Unternehmensgruppe und spielte „in der ersten Liga der Wohnimmobilien-Verwalter mit“ (Böhme-Zeitung), „wurde 2008 sogar als zweitgrößter in der Branche gehandelt, der für Jahrsüberschüsse von zwei bis drei Millionen Euro gut war.“ Nach dem zitierten Bericht hatte Korenzecher Ende 2009 mit seiner Consus Property Group die 80%-Beteiligung der in Köln ansässigen Vivacon AG an Curanis übernommen. Allerdings war die Vivacon bereits wirtschaftlich angeschlagen und hatte den Verkauf offensichtlich getätigt, um eigene Gläubiger bedienen zu können. Nur acht Monate danach war die Muttergesellschaft Curanis Holding insolvent. Dem Insolvenzantrag folgten weitere Pleiten, das „ganze Curanis-Firmengeflecht fiel in sich zusammen.“ Schließlich wurde auch die Wohnimmobiliengesellschaft abgewickelt.

Aktivitäten nach Berlin verlegt?

Aus Berliner Sicht ist in diesem Zusammenhang interessant, dass Korenzecher, der auch als Herausgeber einer Zeitung firmiert, nach seiner Pleite in Munster offensichtlich seine Aktivitäten auf die Hauptstadt konzentriert. Hier ist die Korenzecher-Familie an mehreren Immobilien-Objekten „beteiligt“, wie Recherchen unserer Redaktion ergaben. Ein Firmenkonglomerat von diversen GmbHs ist in mehreren Etagen eines Charlottenburger Wohnhauses untergebracht, weitere Immobilien unterhält der Clan u.a. in Charlottenburg am Kaiserdamm oder in der Schönhauser Alle im Prenzlauer Berg. Beiden gen. Immobilien eigen sind unübersehbare Baugerüste, die seit Jahren die Fassaden verdecken, ohne dass dort irgendwelche Bauarbeiter gesichtet werden. Auch stehen seit Jahren Wohnungen leer, ohne dass sich die zuständigen Bauverwaltungen der Bezirke veranlasst sehen, hier „nach dem Rechten“ zu sehen.

Auch in der Schönhauser Alle: Baugerüste a la Korenzecher – Foto: LyrAg

In Charlottenburg gab der zuständige Baustadtrat auf Nachfrage die Auskunft, dass „der Wohnungsleerstand bis zum 31.07.2018“ wegen Renovierungsarbeiten bewilligt worden sei. Seither ist von einem etwaigen Nachhaken des Bezirkes ebenso wenig bekannt wie die Tatsache, dass der zitierte Leerstand zumindest für einige Wohnungen bereits seit zehn Jahren vorliegt. Ob die Berliner Volksbank wegen des Dauergerüstes vor ihrem Eingang ihre Filiale am Kaiserdamm aufgegeben hat, ist nicht bekannt. Tatsächlich fühlen sich Geschäftsinhaber an der Schönhauser Allee durch das dortige seit Jahren stehende Gerüst in ihrem Geschäftsbetrieb geschädigt, zumal eine Ende der „dekorierten Bauarbeiten“ nicht abzusehen ist, wie ein Betroffener, der seinen Namen „wegen möglicher Folgen nicht im Internet sehen will“ uns gegenüber erklärte.

Die einschlägigen bzw. verantwortlichen Behörden sollten den nun anstehenden Prozess in Stade zumindest zum Anlass nehmen, die Aktivitäten und offensichtlichen Ungereimtheiten des nunmehrigen Berliner Immobilien-Moguls unter die Lupe zu nehmen. Es ist nicht auszuschließen, dass ein weiterer Prozess dem in Stade folgt, nur diesmal vor dem Landegericht in Berlin.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.425).

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