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Berlin, 25.12.1963/2017/cw – Es war 22:00 Uhr, am ersten Weihnachtsfeiertag. Nachrichten gehörten seit geraumer Zeit zu meinem Leben, Weihnachten hin oder her. „Hier ist RIAS Berlin, eine Freie Stimme der Freien Welt. Sie hören Nachrichten. Kreuzberg. Nach dem Versuch, die Mauer hinter der Thomaskirche in Berlin-Kreuzberg zu überwinden, starb in den Abendstunden der 18jährige Paul Schultz im Bethanien-Krankenhaus in West-Berlin. Schulz war von Grenzposten der Sowjetzone beschossen und tödlich verletzt worden…“ An den genauen Wortlaut dieser abendlichen Schreckensnachricht am 1. Feiertag kann ich mich nach 54 Jahren nicht mehr genau erinnern. Um so mehr erinnere ich mich an meine Tränen, an meine Wut, meinen Schmerz. Ich wohnte zu diese Zeit in einem kleinen Zimmer in Untermiete in der Biesenthaler Straße 5 in Wedding. Gerhard Weinstein, ein Tunnelbauer, hatte mir dieses Zimmer bei Frau Weber vermittelt, nachdem unser Tunnelbau am Güterbahnhof in der Bernauer Straße gescheitert war.

Ich eilte zur nächsten Telefonzelle, rief bei Prof. Berthold Rubin (1911-1990) in Lichterfelde an. Rubin war Ordinarius für Byzantinistik und Osteuropakunde an der Universität Köln, hatte seinen Wohnsitz aber in Berlin. Er gehörte zu einem kleinen Kreis von Aktivisten, die sofort und ohne lange zu fragen auf Morde an der Mauer reagieren und damit ein Verschweigen verunmöglichen wollten. Rubin war ebenso entsetzt, hatte von dem neuerlichen Mord noch nicht erfahren. Ich sollte erst einmal nach Lichterfelde in sein Haus in die Hildburghauser Straße 109 kommen.

Bedingt durch den Nachtverkehr der BVG kam ich erst gegen 24:00 Uhr bei ihm an. Seine betagte Mutter, eine ehemalige Kammersängerin und erfinderische Inhaberin einiger Patente schimpfte zwar, was wir denn „um diese Zeit“ noch ausrichten wollten, half aber dann doch mit Rat und Tat, als wir nach Mitternacht im Garten ein ca. 2 Meter großes Kreuz zimmerten. Wir müssten doch wenigstes ein paar Tannenzweige anbringen, grummelte die alte Dame und half bei der Anbringung am Kreuz.

Nach dem Mord: Unheimliche Stille vor Ort

Nachdem ich auf der Couch im Wohnzimmer eine unruhige Restnacht hinter mich gebracht hatte, brachen wir gegen 9:00 Uhr im Pkw von Rubin gen Kreuzberg auf. Hinter der Thomaskirche, im Schatten der Mauer, trafen wir auf eine unheimliche, weil nicht erwartete Stille. Nur ein kleiner Polizist aus Westfalen sprach uns an, als wir an einem Baum das Holzkreuz errichten wollten. Er bestätigte das im Radio gehörte Geschehen und das bisher kaum Menschen am Mordort erschienen seien. Er zuckte etwas hilflos mit den Schultern: Es sei eben Weihnachten.

Der freundliche, im Rahmen der polizeilichen Hilfe nach dem Mauerbau aus Westfalen nach Berlin abgeordnet, machte uns darauf aufmerksam, dass wir Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn wir dieses Kreuz „ohne behördliche Genehmigung“ aufstellen würden. „Haben die Mörder von Paul Schultz denn auch nach einer Genehmigung gefragt, bevor sie auf den jungen Mann geschossen haben?“ fragte ich wütend. Der Polizist beruhigte mich, beteuerte, er meine es nur gut mit uns. Wir einigten uns darauf, das Kreuz stehen zu lassen und uns mit der zuständigen Polizeiinspektion in der Friesenstraße in Verbindung zu setzen. Der Uniformierte wollte solange auf das Mahnkreuz aufpassen.

Von früheren Demonstrationen kannte ich den Inspektionsleiter, Polizeioberrat Dähne. Er würde uns sicher eine Ausnahmegenehmigung zusichern. Andere Behörden konnten wir wegen der Feiertage und das anschließende Wochenende ohnehin nicht erreichen. Dort angekommen wurde uns bedeutet, Oberrat Dähne liege mit einer Grippe im Bett, sei also nicht erreichbar. Jemand anders sei nicht befugt, eine Entscheidung im Sinne unseres Anliegens zu treffen. Wir sollten uns „am Montag an des zuständige Bezirksamt wenden“. Frustriert kehrten wir an die Thomaskirche zurück, um den Polizisten vor Ort zu informieren. Er teilte mit aller gebotenen dienstlichen Vorsicht unser Unverständnis und versprach, alles Mögliche zu tun, um ein Abbau des Kreuzes zu verhindern. Er wolle ggf, darauf hinweisen, dass eine Genehmigung bereits beantragt sei.

Berthold Rubin teilte zwar meine Empörung, sah aber auch keinen anderen Weg, als bis zum Montag wegen einer Vorsprache beim Bezirksamt Kreuzberg zu warten. Als ich ihm die Idee unterbreitete, zum Wohnort von Willy Brandt (1913-1992) an den Schlachtensee zu fahren, hielt er diese Idee allerdings für etwas verrückt. Wir trennten uns mit dem Versprechen, uns über “Veränderungen“ gegenseitig zu informieren.

Abendroth: Aus der Mauer kein Friedhof machen

Am späten Vormittag traf ich vor dem Wohnsitz in der Marinesiedlung am Schlachtensee ein. Ein Polizist stand etwas gelangweilt vor dem Haus, ließ sich aber freundlich auf eine Erklärung meines Anliegens ein. Ein kurzer Blick auf die Uhr, dann: Willy Brandt ist nicht da, aber seine Frau würde gleich den Hund ausführen, diese könnte ich wohl ansprechen.

Tatsächlich trat Rut Brandt (1920-2006) pünktlich vor das Haus und hörte sich geduldig mein Anliegen an: „Mein Mann ist gerade mit den Söhnen am Schlachtensee spazieren und,“ nach einem kurzen Blick auf die Uhr, „sie können ihm gerne ihr Anliegen vortragen. Sagen sie ihm, sie hätten bereits mit mir gesprochen.“

Es dauerte dann auch nicht lange, als Willy Brandt mit seinen drei Söhnen auf dem Weg vom See her kommend auftauchte. Matthias, der jetzige große Schauspieler, saß auf seiner Schulter, die größeren Söhne Lars und Peter gingen links und rechts neben dem Vater. Wie mit seiner Frau Rut vereinbart, sprach ich den Regierenden Bürgermeister unter Verweis auf das vorherige kurze Gespräch an und trug ihm unsere bürokratischen Schwierigkeiten um die Errichtung eines Mahnkreuzes für den am Vortag ermordeten Paul Schultz vor. Brandt erkundigte sich eingehend nach den Motiven und den Personen, die in das Vorhaben involviert waren. Meinerseits führte ich vorsorglich meine Besorgnis um die mögliche Wiederholung einer unsäglichen vorherigen Diskussion um die Errichtung von Mauerkreuzen an. Brandts parteipolitischer Gegner, der Kreuzberger Bezirksbürgermeister Günther Abendroth (1920 – 1993) hatte sich vehement gegen die Errichtung von Mahnmalen und Kreuzen an der Mauer ausgesprochen, man könne aus dieser „keinen Friedhof machen“. Brandt hatte dieser Sicht energisch widersprochen und darauf hingewiesen, dass „nicht wir die Morde an der Mauer“ provozieren.

Nach einem geduldigen Diskurs fragte Brandt, ob ich denn das Anliegen schon Heinrich Albertz (1915-1993), seinem Stellvertreter und Innensenator, vorgetragen hätte. „Ich weiß zwar, wo Sie wohnen aber nicht, wo Heinrich Albertz wohnt,“ antwortete ich. Brandt konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und fragte dann, ob ich die „Stallwache“ im Rathaus Schöneberg kennen würde. Nachdem ich verneint hatte erklärte er mir den vorhandenen „Notdienst“ im Rathaus und versprach mir eine Klärung. Ich solle in ca. zwei Stunden dort anrufen, man würde mich dann über das Ergebnis unterrichten.

50 Jahre danach: Gedenkkreuz von Unbekannten zerstört

Natürlich hatte ich Sorge, mich bei Rubin zu blamieren, wusste ich doch nicht, wie das Ergebnis der Rücksprache mit Willy Brandt ausgehen würde. Nachdem aber ein Rückruf im Rathaus Schöneberg positiv verlaufen war, rief ich sofort Berthold Rubin an und informierte ihn über den Erfolg. Der engagierte Professor war zunächst sprachlos, versprach aber, umgehend nach Kreuzberg zu fahren.

Im Gegensatz zum Vormittag war vor Ort an der Thomaskirche ein richtiger Trubel. Der Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers in Berlin, Ernst Lemmer (1898 – 1970), der Oberrat Dähne, weitere Personen, ein Kamerateam und weitere Presseleute waren anwesend, um Blumen und Kränze an dem von uns spontan errichteten Kreuz in Erinnerung an den am Vorabend ermordeten Paul Schultz (1945-1963) aus Neubrandenburg niederzulegen. Ein weiteres Mal war das „Übergehen zur Tagesordnung“ über einen Mord an der Mauer verhindert worden.

Nachtrag: Vom 28.Dezember 1963 bis zum 8. Januar 1964 führte Dieter Wycisk und ich einen Hungerstreik am Kreuz für Paul Schultz durch. Wir forderten mit diesem Hungerstreik in einem Schreiben an den UNO-Generalsekretär die UNO auf, gegen das Morden an der Mauer zu protestieren. Ein zum 50. Jahrestag der Ermordung von Paul Schultz neuerlich errichtetes Holzkreuz wurde nach wenigen Tagen von Unbekannten mutwillig zerstört.

© 2017 Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.333).

 

B.Z. vom 27.12.2013, Seite 18 - Siehe auch BERLINER KURIER vom 21.12.2013

B.Z. vom 27.12.2013, Seite 18 – Siehe auch BERLINER KURIER vom
21.12.2013

Berlin, 25.12.2013/cw – Die Vereinigung 17. Juni wird heute, 25.Dezember 2013, um 14:00 Uhr des achtzehnjährigen Mauer-Opfers Paul Schultz mit einer Kranzniederlegung am neu errichteten Holzkreuz gedenken. Schultz war am ersten Weihnachtsfeiertag vor fünfzig Jahren hinter der Kreuzberger St.Thomas-Kirche am Mariannenplatz in Kreuzberg bei dem Versuch, in den Westen  zu flüchten, von den Kugeln der DDR-Grenzer tödlich getroffen worden. Er fiel auf die Westseite der dortigen Grenzanlage. So konnte er zwar geborgen  werden, erlag aber kurz darauf im nahe gelegenen Bethanien-Krankenhaus seinen Verletzungen.

Von der Öffentlichkeit übersehen, von Zeitzeugen am Todestag geehrt: Paul Schultz - unvergessen. Foto: Lyrag

Von der Öffentlichkeit übersehen, von Zeitzeugen am Todestag geehrt: Paul Schultz – unvergessen.
Foto: Lyrag

Der Tod von Paul Schultz löste große Trauer und Empörung aus, weil erneut ein junger Mensch an der Mord-Mauer sterben mußte, während 1963 erstmals seit dem Bau der Mauer tausende West-Berliner in den Osten strömten, um ihre Angehörigen an Weihnachten zu besuchen. Das erste Passierscheinabkommen zwischen  dem West-Berliner Senat und der „DDR“ machte es möglich.

Der Freund Hartmut D., der ebenfalls wie Schultz aus Neubrandenburg stammte, überwand hingegen die Grenzanlagen unverletzt. Das weihnachtliche Drama erinnerte überdies an den tragischen Tod von Peter Fechter, der eineinhalb Jahre zuvor an der Mauer nahe dem Checkpoint Charlie verblutet war  und dessen Freund ebenfalls die Flucht gelungen war.

http://www.bz-berlin.de/bezirk/kreuzberg/seine-moerder-bekamen-als-praemie-eine-uhr-article1781183.html

  V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17.Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 0176-48061953 oder 030-30207785

Der BERLINER KURIER erinnerte auf zwei Seiten an das Geschehen vor 50 Jahren - Siehe auch B.Z. vom 27.12.2013

Der BERLINER KURIER erinnerte auf zwei Seiten an das Geschehen vor 50 Jahren – Siehe auch B.Z. vom 27.12.2013

Berlin, 20.12.2013/cw – Vor fünfzig Jahren, am ersten Weihnachtsfeiertag 1963, hatte sich der in Neubrandenburg geborene achtzehnjährige Paul Schultz (* 2. Oktober 1945 in Neubrandenburg; † 25. Dezember 1963 in Berlin) mit seinem Freund Hartmut D. getroffen, um eine günstig erscheinende Fluchtmöglichkeit über die Mauer zu suchen. An der Ecke der Melchiorstraße zum Bethaniendamm – an der Grenze von Berlin-Mitte zu Kreuzberg – beobachteten sie im Schatten der jenseits der Mauer in West-Berlin stehenden Thomas-Kirche die umherlaufenden Grenzsoldaten. Als die Gelegenheit günstig erschien, kletterten die beiden Freunde über den Hinterlandzaun, durchquerten den Grenzstreifen und bestiegen die letzte Mauer zu West-Berlin hinter der Kirche. Als sie an der letzten Mauer waren, riefen zwei Grenzposten zum Halt auf und begannen auf die Flüchtenden zu schießen. Hartmut D. gelangte unverletzt über die Mauer. Paul Schultz wurde getroffen und stürzte, von den Kugeln der Mauerschützen tödlich getroffen, auf die Westseite der Mauer. Im nahegelegenen Bethanien-Krankenhaus starb der Flüchtling kurz danach an einem Lungendurchschuss.

Ab heutigen  Sonntag , 22.12.,  erinnert wieder ein Kreuz an den sinnlosenTod von Paul Schutz -  Foto LyrAg

Ab heutigen Sonntag , 22.12., erinnert wieder ein Kreuz
an den sinnlosenTod von Paul Schutz – Foto LyrAg

Der tragische Tod erinnerte an Peter Fechter, der eineinhalb Jahre zuvor, am 17. August 1962 nahe dem Checkpoint Charlie an der Mauer verblutet war. Auch damals war einem Freund die Flucht gelungen. Schultz wuchs mit zwei älteren Brüdern auf. Mit seinem späteren Fluchtbegleiter war er seit seiner Schulzeit befreundet, die er mit der Mittleren Reife abgeschlossen hatte. Ab September 1962 machte er eine Lehre zum Elektriker.

In den Abendstunden des ersten Weihnachtsfeiertages hörte der neunzehnjährige Mauerdemonstrant Carl-Wolfgang Holzapfel aus dem Radio in den 22:00-Uhr-Nachrichten von dem Mord an Paul Schultz. Noch in der Nacht zimmerte Holzapfel zusammen mit einem Freund aus Lichterfelde spontan ein mannshohes Holzkreuz zusammen, das die Beiden  nahe der Mordstelle am nächsten Tag aufstellten. Zwei Tage später begann der zwanzigjährige Dieter Wycisk am Kreuz einen unbegrenzten Hungerstreik, dem sich Carl-Wolfgang Holzapfel spontan anschloss. Mit dem Hungerstreik wollten die beiden Demonstranten die UNO veranlassen, gegen „den Mord an der Mauer“ zu protestieren und vorzugehen. Bei Minusgraden hielten die beiden Berliner ihren Hungerstreik zehn Tage lang durch. Holzapfel, der bereits mehrere Hungerstreiks durchgeführt hatte, mußte sich danach entkräftet sechs Wochen  in ein Krankenhaus begeben.

Hier, im Bethanien-Krankenhaus, starb Paul Schultz noch am selbenTag -               Foto LyrAg

Hier, im Bethanien-Krankenhaus, starb Paul Schultz noch am selbenTag – Foto LyrAg

Auch der Tod von Paul Schultz löste unterschiedliche Reaktionen aus. Während die Schützen von der Führung der DDR belobigt wurden, kam es am Mariannenplatz zu mehrtägigen Protesten, die durch den spontanen Hungerstreik beflügelt wurden.

Holzapfel, der heute Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 ist, wird am Sonntag, 22. Dezember gegen 12:30 Uhr (Mariannenplatz, hinter der Thomas-Kirche) mit Freunden zum 50. Todestag von Paul Schultz an dessen sinnloses Sterben erinnern und symbolisch, wie vor 50 Jahren, ein Holzkreuz aufstellen und einen Kranz niederlegen. Der Verein kritisierte aus diesem Anlass scharf das „vor Ort praktizierte Vergessen an das achtzehnjährige Mauer-Opfer.“ Keine Stele, kein  Schild erinnere vor Ort an das Geschehen. Immerhin habe „Willy Brandt persönlich der damaligen  Bitte um Intervention entsprochen, ein Mahnkreuz errichten  zu können,“ erinnert sich Holzapfel. Wegen  der Weihnachtsfeiertage wollte man zunächst die Errichtung mangels fehlender Genehmigung vor Ort verhindern. Der Mauerdemonstrant hatte daraufhin den Regierenden Bürgermeister spontan an dessen Wohnort in Zehlendorf aufgesucht.

Gottesdienst: 22.12.2013, 10:00 Uhr,   Pfarrerin Claudia Mieth

V.i.S.d.P.:Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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