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Berlin, 24.042017/cw – Über überraschenden Brüche und Nebenwege aus dem Leben des nach Walter Ulbricht zweiten Diktators der DDR berichtet der Honecker-Biograf Prof. Dr. Martin Sabrow am Dienstag, 25. April 2017, 19:00 Uhr, auf einer Veranstaltung des Bürgerkomitees Berlin. Ort: Ruschestraße 103 in 10365 Lichtenberg (U-Bhf. Magdalenenstr.), ehemaliges Stasi-Gelände, Haus 1. Linker Eingang, Raum 614.

Das maskenhafte Gesicht Erich Honeckers, Vorsitzender des Staatsrates und Erster Sekretär der den Staat dominierenden SED prägte das Gesicht des „Ersten Arbeiter und Bauernstaates auf deutschem Boden“ in fast der Hälfte seiner pseudo-staatlichen Existenz. Sabrow zeigt in seiner Biografie die  prägenden Ereignisse im Leben des einstigen saarländischen Jungkommunisten auf.

Der Biograf eröffnet bisher wenig bekannte Einblicke in das Leben Honekers, etwa in seinen Versuch sich der nationalsozialistischen Basis anzunähern, in sein enges Verhältnis zu Herbert Wehner oder in seine Beteiligung an einem Terroranschlag. Schließlich musste der Jungfunktionär 1935 sogar untertauchen. Sabrow berichtet sowohl über die Umstände seiner Verhaftung durch die Nationalsozialisten wie über die rätselhafte Flucht Honeckers aus dem Zuchthaus Brandenburg. Erst durch einen „eher zufälligen Zugang zu Ulbricht im Mai 1945“endete die bisher unstete Jugend des Revolutionärs und Überlebenskünstlers.

Der Autor Martin Sabrow ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Er hat zahlreiche Publikationen zur Geschichte der DDR vorgelegt. U.a. bei C.H.Beck „Erinnerungsorte der DDR“ (Hg., 2009).

Eintritt: 3,00 €.

V.i.S.d.P.: redaktion.hoheneck@gmail.com , Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.244).

Berlin, 9.03.2017/cw – Eine interessante Lesung bietet der Verein „Bürgerkomitee 15. Januar“ am 28. März 2017, 18.30 Uhr, im Cafe Vernunft (ehemaliges Stasi-Gelände Ruschestraße 103, 10365 Berlin-Lichtenberg / U-Bahn Magdalenenstraße) an. Harry Waibel liest aus seinem demnächst erscheinenden Buch „Die braune Saat Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus in der DDR“.

Waibel weist nach, dass heutige rechtsradikale Tendenzen und Attacken auf Ausländer in Ostdeutschland eine längere Tradition haben, als zuweilen angenommen. Auch in der SED-Diktatur bildeten Neonazis sowohl die Speerspitze als auch den Motor für eine sich dynamisch entwickelnde rechte Bewegung, die sich gegen die Existenz der kommunistischen Herrschaft richtete. Nahezu 10.000 antisemitische, rassistische und neonazistische Propaganda- und Gewaltstraftaten seien in der DDR belegt.

Inwieweit der Autor bei der Verwendung dieser Zahlen die Tatsache berücksichtigt, dass die DDR nahezu jeden Widerstand gegen die SED-Diktatur als „revanchistisch“ und „neo-nazistisch“ oder grundsätzlich als „faschistisch“ einstufte und die politisch-ideologisch ausgerichtete DDR-Justiz diesen Widerstand entsprechend hart mit langen Zuchthausstrafen belegte, dürfte an diesem Ort (dem Sitz der einstigen Stasi-Zentrale) die Besucher der Veranstaltung besonders interessieren.

Die Struktur der Neonazis wurde nach Waibel ab Ende der 1970er Jahre dramatisch durch mehrere tausend Skinheads, Hooligans und Heavy-Metal-Fans verstärkt, die zur Szene stießen. Der Autor räumt eine institutionelle Judenfeindschaft ein, die sich lange als „Antizionismus“ verkleidet, in einer verschärften politischen und ideologischen Kontrolle der wenigen Jüdinnen und Juden, die sich zur Jüdischen Gemeinde bekannten, zeigte. Erst ab der zweiten Hälfte des Jahres 1988 wurde von den Sicherheitsorganen eine „Dokumentation R“ erstellt – „R“ wie „Rowdy“ – in der Rechtsradikale erfasst wurden.

Das Buch beschreibt Gründe, wieso der Antifaschismus der SED die neonazistische, antisemitische und rassistische Bewegung in ihrer Entwicklung nicht erkennen und stoppen konnte (oder –Anmerkung: nicht stoppen wollte?).

Der Referent und Autor:

Harry Waibel (*1946 Lörrach) ist durch zahlreiche fundierte Untersuchungen zum Neonazismus und Antisemitismus in der DDR bekannt. Er promovierte als Historiker am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und ist als Dozent und Autor tätig. Ein weiterer Themenschwerpunkt ist der Rassismus in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart. Der Autor (Industriekaufmann) arbeitete nach seiner Entlassung aus der Bundeswehr in verschiedenen Unternehmen als kaufmännischer Angestellter. Er beteiligte sich in Lörrach im Republikanischen Club und in Basel an Aktionen der APO (außerparlamentarische Opposition. 1969 war Waibel gegen die seit 1968 in den Landtag von Baden-Württemberg gewählte NPD aktiv. Mitglied im Sozialistische Büro Offenbach und Sozialistische Bund Südbaden, engagierte sich u.a. für Hausbesetzungen und schrieb für die Zeitungen „Sumpfblüte“ und „Links unten“. PH Freiburg Lehramtsstudium (Zweiter Bildungsweg), Fortsetzung und Abschluss als Dipl.Pädagoge an der FU Berlin. 1993 wurde Waibel bei Wolfgang Benz am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin mit einer Studie über Neonazismus, Antisemitismus und Rassismus in der DDR unter dem Titel Rechtsextremisten in der DDR bis 1989 zum Dr.phil. promoviert. Beide Studiengänge und die Promotion wurden von der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung finanziell gefördert.

Harry Waibel forscht auch in den Archiven des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit und im Bundesarchiv zum Rassismus in der DDR. Er lebt und arbeitet heute als freier Publizist und Historiker in Berlin.

V.i.S.d.P.: redaktion.hoheneck@gmail.com – Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.231).

 

 

 

 

Ostern 2016/cw – In Zeiten heftiger Diskussionen in Europa und Deutschland um eine „von oben“ verordnete Flüchtlings- und Europapolitik bietet die Bibliothek des Konservatismus nach Ostern  eine interessante Buchlesung unter vorgen. Titel an. In der Ankündigung zur Lesung heißt es u.a.:

Das Verdienst des europäischen Nationalstaates der Neuzeit war es, den Einfluß indirekter Gewalten zu neutralisieren, Frieden im Innern zu schaffen und mit sozialen Errungenschaften zum wirtschaftlichen Wachstum und relativen Wohlstand beizutragen. Diese Epoche ist vorbei.

Die politische Klasse scheint, gerade in Deutschland und Österreich, den Nationalstaat offenbar als Auslaufmodell zu betrachten und betreibt dessen Schwächung. Das geschieht, so Werner Mäder, insbesondere durch die Förderung eines Massenzustroms großteils kulturfremder Zuwanderer. Dieser Zustrom untergräbt die Solidarität, löst den Staat allmählich auf und bringt eine amorphe Bevölkerung hervor.

Bisher nur ein krimineller Hintergrund: Tödlicher Sprengstoffanschlag in Berlins City. Wann schlägt der Terror nach Paris und Brüssel in Hamburg, München oder Berlin zu? - Foto: LyrAg

Bisher nur ein krimineller Hintergrund: Tödlicher Sprengstoffanschlag in Berlins City. Wann schlägt der Terror nach Paris und Brüssel in Hamburg, München oder Berlin zu? – Foto: LyrAg

Eingebettet in die supranationale Organisation Europäische Union, so die These des Buches, drohen sich die Staaten Europas in eine Weltgesellschaft aufzulösen, in der keiner dem anderen verantwortlich ist und eine weitgehend anonyme Finanzoligarchie den Ton angibt. Die sich hier aufbauenden Gegensätze drohen, laut dem Autor, bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zur Folge zu haben. Das Todesurteil für den Nationalstaat ist für ihn jedoch noch lange nicht gesprochen.

Dr. Werner Mäder (Jahrgang 1943), Studium der Rechtswissenschaften von 1962-68 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Freien Universität Berlin. Bis 1971 Referendar im Bezirk des Kammergerichts Berlin und Landgerichts Dortmund. Bis 2000 im Dienste des Landes Berlin, seit 1984 in leitenden Stellungen tätig (Ltd. Senatsrat); zuletzt EG-Beauftragter. Seit 2001 freier Justitiar und Rechtsanwalt. Mitherausgeber der wissenschaftlichen Buchreihe „Bausteine Europas“ des Forschungszentrums der Mehrsprachigkeit an der Katholischen Universität Brüssel. Zahlreiche Publikationen zum Staats-, Verfassungs- und Europarecht, zur Rechtsphilosophie und politischen Praxis, u. a. Kritik der Verfassung Deutschlands – Hegels Vermächtnis 1801–2001, Berlin 2002, sowie Vom Wesen der Souveränität, Berlin 2007.

Werner Mäder:
Die Zerstörung des Nationalstaates aus dem Geist des Multikulturalismus
Donnerstag, 31. März 2016, 19:00 Uhr
Bibliothek des Konservatismus, Fasanenstraße 4, 10623 Berlin

Der Eintritt ist frei, die Bibliothek bittet um eine Spende. Anmeldung bis zum 30. März, der Einlass ist vom Vorliegen einer Anmeldung abhängig. Anmeldung unter: veranstaltungen@bdk-berlin.org.

V.i.S.d.P.: Bibliothek des Konservatismus und Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.091)

 

Berlin, 9.November 2015/cw – Wir gedenken heute, am TAG DER NATION, der Höhepunkte in der deutschen Geschichte, die immer auch Auswirkungen auf die europäische Geschichte hatte. Wir gedenken an diesem Tag aber auch der schmerzlichen und verstörenden Tiefpunkte, die ebenfalls an einem 9. November oder um den 9. November geschehen sind.

Nachfolgend geben wir einen Vortrag wieder, den Carl-Wolfgang Holzapfel* am 29. November 1995 im Haus des Deutschen Ostens in München gehalten hat.

9.November – Schicksalstag der Deutschen Nation?

Dem Thema „9.November“ haftet etwas schwefliges, ruchbares an: Denn Mauerfall hin oder her, nach neudeutscher oder auch nachkriegsdeutscher Geschichtsschreibung ist der 9.November nur mit einem Namen, mit einem Ungeist, verbunden: Adolf Hitler! Und diese, zwischenzeitlich mehreren Generationen eingehämmerte recht einseitige Beziehung oder Assoziation zu einem Datum macht es uns so schwer, mit einem der größten, diesmal freudigem Ereignis in unserer Geschichte vertraut,  ja freudig und letztlich geschichtsbewusst umzugehen.

So musste auch meine Initiative, übrigens drei Wochen nach Öffnung der Mauer, scheitern. Ich stehe dennoch auch heute noch dahinter!
In einem Brief an meinen Freund und damaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Jürgen Wohlrabe, der viel zu früh im Alter von nur 58 Jahren verstarb, schlug ich vor, den 9., respektive den 10.November, zum „TAG DER NATION“ zu erklären. Gerade weil ich mir der Brisanz des 9.November bewusst war, Reichskristallnacht, wollte ich eine alternative Brücke bauen. Zumal die wirkliche Begegnung ja tatsächlich erst in der Nacht vom 9. auf den 10.November – und in den Tagen danach – stattfand.
Auch mein Vorschlag, den bisherigen 17.Juni als Gedenktag der Deutschen Einheit durch diesen Tag abzulösen, hatte einen seriösen Hintergrund. Als jahrzehntelanges Mitglied der VEREINIGUNG 17.JUNI 1953 e.V., einem ursprünglichen Zusammenschluss ehemaliger Teilnehmer am Volksaufstand, wusste ich mich in Übereinstimmung mit meinen Kameraden, das mit dem faktischen Fall der Mauer eine, wenn nicht die wesentliche Forderung der Kämpfer vom 17.Juni erfüllt war: Die Einheit Deutschlands wiederherzustellen!

Wohlrabe hat denkbar mutig reagiert, als er sich in einem Schreiben Ende 1989 an mich inhaltlich voll hinter diesen Vorschlag stellte. Mutig deshalb, weil sich kein anderer Politiker wagte, einen solchen Vorschlag auch nur in den Mund zu nehmen, geschweige, sich damit auseinander zu setzen: Konnte eine „Verbrechernation auf ewige Zeiten“ es wagen, einem 9.November eine andere Bedeutung als (ausschließlich) die der „Reichskristallnacht“, mit all den dahinter stehenden drohenden Zeigefingern zu geben?

Politiker überfordert?

In der Tat sind auch 50 Jahre nach dem Ende einer 13jährigen totalitären Herrschaft unsere heutigen Politiker überfordert, wenn man von ihnen ein wie immer geartetes Bekenntnis zur Deutschen Nation, zu unserer eigenen Geschichte, mit ihren freudigen Höhepunkten, aber auch mit ihren schmerzlichen tiefen Tälern, verlangen sollte.

Haben wir Verständnis! Haben wir Mitleid! Kommen doch die heutigen Vertreter des demokratischen „neudeutschen Adels“ (fast) ausschließlich aus Parteien und Gruppierungen, die zur Grundlage ihrer seinerzeitigen Gründung eine Lizenz, eine Zulassung der Siegermächte brauchten. Das Aufkommen der sogenannten GRÜNEN widerspricht dem nicht: Kamen hier doch Töchter und Söhne jener Gründungsgeneration nach oben, die sich in einem ganz normalen Vorgang gegen ihre Zieh-Mütter und -Väter stellten, ohne aber jemals den Konsens infrage zu stellen, der da nach wie vor lautet: Deutschland, das abschreckende Bild politischen Verbrechertums, gestern, heute, morgen, immer!

Und folgerichtig rückt jeder, wird jeder in diese Ecke politischen Verbrechertums gerückt, der es auch nur wagt, von der Deutschen Nation zu reden und das auch noch ernst zu meinen! Darum also mein Respekt vor dieser uneingeschränkten Solidarisierung Jürgen Wohlrabes mit meinem damaligen Vorschlag!

Der 3. Oktober entfaltet keine emotionale Bindung

Natürlich musste dieser Vorschlag – und wir wissen das inzwischen alle – scheitern. An seiner Stelle wurde ein äußerst künstliches, weil rein zufälliges Gebilde, namens „3.Oktober“, aus der Taufe gehoben. Ein Tag, mit dem niemand etwas anfangen kann, weil er außer dem bürokratisch und recht willkürlich festgelegtem Termin der Einvernahme der „Neuen Länder“ (wie es so schön heißt) keinerlei emotionale oder auch historisch nachvollziehbare Bindung zulässt. Gedenktage bedürfen aber einer Verankerung in der Geschichte eines Volkes, in dessen Geschichtsbewusstsein, in seinen Herzen, um lebendig zu sein und zu bleiben! Um nachkommenden Generationen das einigende Band gemeinsamer Geschichte umzuwinden!

Könnte man darüber streiten, ob der Zusammenbruch eines über 40 Jahre andauernden totalitären Systems, ob die Wiedervereinigung getrennter Teile des Vaterlandes eines Gedenkens würdig wären – ich selbst kann darüber nicht streiten – , so sollte aber nicht strittig sein, dass es Tage im Leben eines Volkes gibt, die wie keine anderen das geschichtliche Auf und Ab, die Höhen und die Tiefen einer Nation, den rühmlichen Kampfgeist ebenso widerspiegeln, wie schmerzliches Versagen. Und selten widerfährt dabei einem Volk, dass sich Ereignisse geschichtlicher Bedeutung immer wieder an  e i n e m  Tag, um einen Tag ereignen, wie das beim Datum des  9. N o v e m b e r  in der deutschen Geschichte, und hier beindruckend vielfältig in diesem Jahrhundert, ganz offenbar geschehen ist.
Und dabei m u s s die Frage erlaubt sein, ob dieser Tag für uns, für das deutsche Volk, schicksalhaft ist – wir werden sehen, dass sich diese Frage schon beantwortet hat – und ob dahinter vielleicht eine Mystik steht, der wir uns nicht entziehen können, auch wenn wir dies – vielleicht – zuweilen wollen.

Unter „Mystik“ ist im Brockhaus u.a. zu lesen, sie sei „eine Grundform des religiösen Erlebens, das unmittelbare Erleben Gottes. Mystik kann der Art nach gefühlsbetont, sinnlich rauschhaft, kontemplativ (betrachtend) oder spekulativ sein, ihre Grundlage ist duchaus asketisch.“ Ende des Zitats. Und unter „Mystizismus“ lesen wir ebda.: Dieser sei (Zitat) „intuitiv-irrationale Geisteshaltung, die durch unmittelbares Ergreifen einer höheren Wahrheit Erkenntnisse sucht, die weder in den Bereich religiösen Erlebens gehören noch verstandesmäßiger Prüfung standhalten.“ Ende des Zitats.

Von Gott bestimmt oder Schicksal?

Ohne hier in eine sicherlich sehr interessante Diskussion oder Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen einzutreten, ist es doch wichtig, den Begriff zu erklären, wenn wir die Frage stellen, ob ein Volk „Mystik“ erfährt , braucht oder nicht braucht. Jeder von uns hat sicherlich schon einmal mehr oder weniger eindringliche Erlebnisse gehabt, die er als mystisch empfunden hat. So stolperte bereits Leo Trotzki über die Tatsache, das sein Geburtstag mit dem Ausbruch der Russischen Revolution am 7.November zusammenfiel. Er vertraute allerdings seinem Tagebuch an, „nur Pythagoräer und Mystiker würden da einen Zusammenhang vermuten!“ Nun ja, hier mag der Zufall zur Fußnote eines Ereignisses geworden sein. Mir war der Tag der Oktoberrevolution über Jahrzehnte eine hilfreiche Gedankenbrücke, um einen wichtigen Geburtstag im Freundeskreis nicht zu vergessen.

Ich möchte hier auch nicht weiter auf die persönlichen Erfahrungen eingehen. Denn hier sollen Erfahrungen in den Raum gestellt werden, die über das – subjektive wie reale – Erleben des Einzelnen hinausgehen. Erfahrungen, die vielmehr durch die Einbindung vieler, ungezählter Menschen, ja eines ganzen Volkes, erst ihre überragende Bedeutung erhalten haben. Und wenn wir versucht sind, oder auch dieser Versuchung gewollt erliegen oder – besser – gewollt aussetzen, wenn wir also untersuchen, wie weit Erlebtes, Erfahrenes von uns als mystisch empfunden wird, dann ist das sicherlich nicht abhängig von unserer persönlichen Standortsbestimmung zu Gott. Der religiös Empfindende wird sein Erleben als von Gott bestimmt ansehen. Der nicht auf einen Gott Fixierte wird es seinem Schicksal zuordnen. Beides kann sinnlich als eine Grundform religiösen Erlebens empfunden werden, auch unbewusst, eben als unmittelbares Erleben Gottes oder des Schicksals. In jedem Fall wird dies Auswirkungen auf die Emotion, auf das eigene Gefühlsleben haben und damit unser Leben beeinflussen.

Was aber hebt diesen 9.November über die Öffnung der Mauer im Jahre 1989, über die Reichskristallnacht im Jahre 1938, über andere Daten deutscher Geschichte hervor? Was prädestiniert ihn zu einem deutschen Gedenktag, gar zu einem „Tag der Deutschen Nation“?

Weil Friedrich Schiller an einem 10.November geboren wurde? Ein Schiller, der in seinen „Räubern“ sagt: „Dass der Geist Hermanns noch aus der Asche glimmte!- Und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom, und Sparta Nonnenkloster sein sollen.“ Warum nicht? Vielleicht, weil ein heutiger Verfassungsschützer jenen eben zitierten Satz einer rechtsradikalen Gruppe zuordnen würde, deren Anführer offenbar ein gewisser Schiller sei?

1848: Forderung nach bundesstaatlicher Einigung

Immerhin: Am 9.November 1848 jagte der preußische Kavalleriegeneral Graf von Brandenburg das „Demokratenpack der Preußischen Nationalversammlung“ (wie er es nannte) „zum Teufel.“ Und in Wien, wohl auch zumindest mit der deutschen Nation und ihrer Geschichte eng verbunden, ließ der Fürst zu Windisch-Grätz den Revoluzzer Robert Blum am gleichen Tag, am 9.November 1848, erschießen. Blum war immerhin Führer der demokratischen Linken in der Frankfurter Nationalversammlung! Böte nicht dieser 9.November 1848 eine vielfältige Erinnerung an das deutsche Revolutionsjahr 1848, ein gemeinsames Gedenken von „links“ bis „rechts“ – übrigens Grundvoraussetzung eines Nationalen Gedenktages! Immerhin waren die ersten deutschen Nationalversammlungen jene Frankfurter Nationalversammlung (1848-1849) und die Preußische verfassungsgebende Versammlung von 1848. Und ist die Forderung nach bundesstaatlicher Einigung Deutschlands von 1848 keines Gedenktages wert?

 Gedenken - Foto: Lyrag

Gedenken – Foto: Lyrag

Wieder an einem 9.November, diesmal 1918, wurde eindrückliche Geschichte geschrieben: Gleich zweimal – sagt da einer lästernd: Wie es sich für Deutsche gehört? – gleich zweimal also wurde an jenem Tag die Republik ausgerufen: Gegen 14.00 Uhr durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann vom Seitenflügel des Berliner Reichstages aus und gegen 18.00 Uhr durch Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses aus. Die Brisanz in diesen Ereignissen lag nicht zuletzt in der Tatsache, das Scheidemann mit seinem zunächst zögerlichen und dann entschiedenem Handeln Karl Liebknecht zuvor kam, der die „Deutsche Sozialistische Republik“ nach sowjetischem Muster ausrief und dem Dank Scheidemanns das Volk für „diese“ Republik abhanden gekommen war.

Kein Grund, den 9.November als Deutschen Nationaltag zu begehen?

Sicherlich sprachen in der Folgezeit die enttäuschten Monarchisten und Konservativen von den „Novemberverbrechern“, machte sich auch Hitler dieses Schlagwort zu eigen. Aber Hitler wurde nicht durch diese „Novemberverbrecher“ möglich, sondern durch den unseligen Versailler Vertrag! Und es ist ja auch wohl kaum anzunehmen, dass diese Titulierung der Republikaner vom 9.November 1918 durch jene Kreise heutige Politiker davon abhielte, den 9.November als Nationalfeiertag zu begehen. Eher doch wohl im Gegenteil!

Es ist nicht auszuschließen, dass der sogen. Novemberputsch 1923 in München aus den vorgenannten Gründen terminiert war, als Hitler mit General Ludendorff am Abend des 8.November revoluzzerte. Brach vielleicht dieser Putsch deswegen am 9.November 1923 unter den Schüssen der Bayerischen Bereitschaftspolizei zusammen, weil sich Geschichte nicht künstlich zwingen lässt nach dem Motto: Am 8.Mai beschließen wir die Freiheit? Gleich, wie: Sollte nicht auch dieses Scheitern Hitlers nach unserem heutigen Geschichtsverständnis ein Tag freudigen Gedenkens, zumindest der inneren Einkehr über Inhalt und Wesen einer wehrhaften Demokratie sein?

Bedacht oder unbedacht? Zufällig oder schicksälig? Jedenfalls schoß der polnische Jude Grünspan am 7.November 1938 in Paris auf den deutschen Legationssekretär vom Rath, was bekanntlich die Nationalsozialisten zu dem unseligen und verbrecherischen Rachefeldzug gegen jüdische Einrichtungen und Gotteshäuser am 9.November veranlasste. Dieser Tag schrieb sich als „Reichskristallnacht“ in das Buch deutscher Geschichte und wurde faktisch in seiner Bedeutung und Auswirkung mit dem Synonym Auschwitz gleichgesetzt. Welches Argument aber spricht gegen einen 9.November als Gedenktag, um auch dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte zu gedenken?

Mögen folgende 9.November im Vergleich zu den bisher geschilderten (bis auf den 9.November 1989) marginal sein, so sind sie doch zumindest erwähnenswert:
Am Vorabend des 9.November 1939 entging Hitler nur knapp einem Bombenanschlag im Münchner Bürgerbräukeller. Marginal? Warum also den 9.November nicht auch als Gedenktag des Widerstandes gegen Hitler (siehe 1923)?
Kurz vor dem 9., am 7.November 1942, beginnt mit dem Angriff der 6.Armee auf das Hüttenwerk „Roter Oktober“ in Stalingrad der Entscheidungskampf, die Zäsur für Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Ein Jahr später, am 9.November 1943, nimmt der deutsche Geheimdienstchef Walter Schellenberg im Auftrag Heinrich Himmlers in Stockholm Geheimkontakte zu den Amerikanern mit dem Ziel von Friedensverhandlungen mit den USA auf.

Am 9.November 1948 – es wird immer schwerer, alles nur noch mit „Zufällen“ erklären zu wollen, wird die sogenannte „Becher-Hymne“ von Johannes R. Becher, die spätere DDR-Hymne, aufgeführt, die vom Text her im Gegensatz zu ihrer BILD-Benennung (Spalter-Hymne) die Einheit Deutschlands beschwor: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt … Deutschland, einig Vaterland.

Deutschland, einig Vaterland

Kein Grund, dieses Motto über einen „Tag der Deutschen Nation“ am 9.November zu stellen? Wird nicht auch hier eine Chance vertan, die viel beschworene Einheit ein Stück weit real durchzusetzen? Oder sollen wir uns im Westen, als Bewohner der „alten“ Bundesrepublik, nur deshalb gegen diese Sätze wehren, weil diese von einem ehemaligen Kulturminister der DDR stammen oder weil die DDR in einem Anflug „nationaler Betonung“ dieses Lied zu ihrer Hymne erkor?

Halten wir fest: Am 9.November 1948 Uraufführung des Textes, der da beinhaltet: „Deutschland, einig Vaterland“. Und 41 Jahre später mündet der hunderttausendfache Ruf „Deutschland, einig Vaterland“ in den lang ersehnten Fall der Mauer, in das Ende des zweiten totalitären Staates auf deutschem Boden, der DDR, in die Wiedervereinigung mit Mitteldeutschland!
Und da soll man keine Gänsehaut bekommen? Keinen Atem der Geschichte spüren?

Die eingangs gestellte Frage, ob wir einen nationalen Gedenktag brauchen, möchte ich uneingeschränkt mit JA beantworten. Ein Volk kann ohne die Identifikation mit der eigenen Geschichte nicht überleben! Vielleicht haben die DDR-Bürger deswegen die Energie und Kraft zu Veränderungen gehabt, ein „Wir sind das Volk“ an die Stelle egomanischer Selbstverwirklichung gesetzt, weil sie in ihren Herzen den Glauben an  e i n  Deutschland mehr verinnerlicht hatten , als ihre Brüder und Schwestern im Westen?

Bis zur Wiedervereinigung hatten wir, zugegeben, wenig Grund, einen nationalen Feiertag zu begehen. Der 17.Juni (1953) war nur ein notdürftig gelittener Feiertag, erinnerte er doch zu sehr an eigenes Versagen und Unvermögen in einem historischen Augenblick. Aber immerhin handelte es sich um den ersten Aufstand im kommunistisch besetzten Machtbereich Nachkriegs-Europas. Wir sind mit diesem Ereignis, auf das unsere geschändete Nation stolz sein darf, gotteslästerlich umgegangen. Auch aus diesen Erfahrungen im Umgang mit einem historischen Ereignis stellt sich für alle Deutschen, von „links“ über die „Mitte“ bis „rechts“ die Frage: ob nach dem Desaster von 13 Jahren deutscher Geschichte, nach dem fraglosen Missbrauch nationaler Identität, ein „Nationaler Gedenktag“ angebracht ist?

Mit der Schaffung eines „3.Oktober“ ist diese Frage vorweg beantwortet worden, nicht durch uns, das Volk, aber durch das politische Establishment. Die Frage kann also nicht sein, ob es einen solchen Gedenktag geben kann oder geben soll, sondern welche Inhalte, welche über die verschiedenen politischen Lager, einschließlich und ausdrücklich unserer jüdischen Mitbürger, verbindende Kraft ein solcher Tag haben sollte.

Ich meine, der 9.November wäre der  n a t ü r l i c h e , der sich geradezu aufzwingende „Tag der Deutschen Nation!“ Die Faszination dieses Datums geht nicht nur von seiner unheimlichen Häufung historischer Ereignisse, sondern auch von der Tatsache aus, das sich  k e i n e politische Kraft in unserem Land diesen Tag aneignen kann, aber  j e d e  politische Kraft in diesem Tag bewahrenswerte Ereignisse erkennen und bewegen kann.

Gibt es ein gravierenderes Argument für einen nationalen, alle Bürger dieses Landes einschließenden Gedenktag am 9.November? (1.057)

* Der Referent ist seit 1963 Mitglied und seit 2002 Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 14.07.2015/cw – Nur wenige Plätze am Rande waren noch frei. Wieder einmal hatte die Bundesstiftung Aufarbeitung das richtige Gespür gehabt und ein Thema auf die Tagesordnung gesetzt, das offenbar auf großes Interesse stieß: Das Gesundheitswesen in der DDR.

Aufmerksamkeit für kritische Frage  aus dem Publikum: Das Podium (Mi. Bergmann-Pohl) - Foto: LyrAg

Aufmerksamkeit für kritische Fragen aus dem Publikum: Das Podium (Mi. Bergmann-Pohl) – Foto: LyrAg

In einem einführenden Vortrag stellte Dr. Rainer Erices vom Institut für Ethik der Medizin aus Erlangen komprimiert und gut nachvollziehbar die wunden Stellen in der „sozialistischen Medizin“ der DDR vor. Das Manko habe nicht in einer mangelnden Ausbildung oder Motivation gelegen, das Manko sei die Rückständigkeit in der technischen und pharmazeutischen Versorgung gewesen. Standards, die im Westen längst eingeführt waren, konnten so nicht in die medizinische Versorgung eingeführt werden, Patienten wurden dadurch häufig unzureichend versorgt oder erhielten nicht die Medikamente, die für eine Behandlung unablässig gewesen wären.

In der anschließenden Podiumsdiskussion kamen dann unter der Moderation der Wissenschaftsjournalistin Lilo Berg einstige DDR-Mediziner zu Wort: Dr. med. Sabine Bergmann-Pohl, Ärztin und einstige Präsidentin der Volkskammer und kurzeitiges Staatsoberhaupt der DDR nach der ersten freien Wahl, Bundesministerin a. D. und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft e. V. , die neben der Stiftung Aufarbeitung die Veranstaltung organisierte; Prof. Dr. med. Jürgen Kleditzsch, Arzt und 1990 Minister für Gesundheitswesen der DDR; Dr. med. Winrich Mothes, Arzt und u.a. Ehrenpräsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern.

Notierte im Anschluss Hintergründe zur vorgetragenen Kritik: Dr.Tomas Kittan von der B.Z. - Foto: LyrAg

Notierte im Anschluss Hintergründe zur vorgetragenen Kritik:  Dr.Tomas Kittan von der B.Z. – Foto: LyrAg

Während die Diskutanten sich in der Beurteilung einig waren, daß das Gesundheitswesen der DDR „trotz einiger Mängel eigentlich beispielhaft organisiert war,“ also nur unwesentliche Unterscheidungen in der Rückschau gelten lassen wollten, kam es zu einem emotionalen Ausbruch bei einer Zuhörerin, der in der DDR während der Schwangerschaft ohne ihr Wissen das Medikament CERUTIL verabreicht worden war. Aufgrund dieser „kriminellen“ Falschbehandlung sei ihre Tochter seither zu 50 % schwerbehindert und keine Macht der Welt erkenne ihre Forderungen auf Entschädigungen an. Sie sei als Mutter und Geschädigte auf jahrelange Prozesse und ermüdende Bittstellungen in der Bürokratie angewiesen, was sie nach dieser Vergangenheit nicht leisten könne.

Frau Bergmann-Pohl zeigte sich „tief betroffen,“ verwies aber auf die „gute und ausreichende Entschädigungspraxis“ und merkte etwas hilflos wirkend an, sie sei „seit 13 Jahren aus der Politik“ und könne daher „in dieser Sache gar nicht helfen.“ Auf den Gedanken, hier selbstlos einfach ihre sicher noch bestehenden Kontakte zur Hilfestellung anzubieten, kam die ehemalige Spitzenpolitikerin (CDU) allerdings nicht.

Dachsimpeln am Rande: Ehem. OP-Schwester im Klikum Buch und nachmalige Hoheneckerin (li.) im Gespräch mit Bergmann-Pohl - Foto: LyrAg

Fachsimpeln am Rande: Ehem. OP-Schwester im Klikum Buch und nachmalige Hoheneckerin (li.) im Gespräch mit Bergmann-Pohl – Foto: LyrAg

Etwas hilflos wirkte dann auch die Hausherrin Anna Kaminsky, als sie nach mehreren emotionalen Unterbrechungen des Podiums – es meldeten sich weitere Betroffene aus der einstigen DDR – zur Ordnung rief und eine „pauschale Beschimpfung“ des Podiums seitens des Veranstalters ablehnte. So schwerwiegend die vorgetragenen Erlebnisse seien, müsste man zur Kenntnis nehmen, dass „dies nicht das Thema der Veranstaltung“ sei. Auf den Gedanken, die Kritik auf die fehlende Einbeziehung von Opfern der DDR-Medizin einzugehen, kam Kaminsky offenbar nicht, was zu weiteren Unmutsäußerungen führte. Dabei wäre das Angebot, eine weitere Veranstaltung unter Einbeziehung von Betroffenen in Aussicht zu stellen, sicherlich geeignet gewesen, die aufgewühlte Stimmung zu beruhigen. Auch hätte es dem Anspruch der Stiftung auf „Aufarbeitung der DDR-Diktatur“ sicherlich nicht geschadet.

So blieb der Eindruck eines zwar informativen Abends zurück, der letztlich aber in der etwas mittlerweile langweiligen Aussage einmündete: Die DDR war nicht so schlecht, wie ihr Ruf (im Westen!) es suggeriere. Einzig die aufbrechenden und nachvollziehbaren Emotionen aus dem Publikum relativierten die verharmlosenden Aussagen zur DDR-Gesundheitspolitik und hinterließen zumindest bei kritischen Teilnehmern den Eindruck, wenigstens einen rudimentären, wenn auch nicht beabsichtigten Einblick in die zweifellos vorhandenen Schattenseiten der Gesundheitspolitik im Sozialismus erhalten zu haben. (1.012)

Siehe auch (Hinweis):

http://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/erschuetternde-frauenschicksale-durch-medikamente

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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