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Drei Jahre nach seinem Tod ist Dr. Rainer Hildebrandt noch immer nicht beerdigt, steht seine Urne noch immer in einem Regal des Krematoriums Ruhleben. Angesichts dieses Skandals und der dieser auslösenden Gemengelage zwischen einer eifrigen Witwe und gesetzestreuen Institutionen bleibt nur noch die bittere Satire:

Offener Brief an Klaus Wowereit

„Warum  steht Rainer Hildebrandt nach drei Jahren noch immer im  Regal?“

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,

vor drei Jahren, am 9.Januar 2004, starb Dr. Rainer Hildebrandt, Initiator und Schöpfer des mittlerweile weltberühmt gewordenen Museums „Haus am Checkpoint Charlie“ (was ja eigentlich erst den berühmten alliierten Kontrollpunkt so richtig berühmt machte, oder?).

Der verdiente Bürger unserer Stadt hatte bis zu seinem Tod keine Anstrengung gescheut, um sein großes Erbe über die Widrigkeiten der Wiedervereinigung zu retten (wozu die beängstigende Allianz der „Rot-Roten“ in Berlin gehörte). Bereits vom Tode gezeichnet, jettete er noch zwei Tage vor seinem Abruf in die Ewigkeit in die neutrale Schweiz, um mit vermutlich zittriger Hand aber doch vermutlich festen Willens die Urkunde einer Stiftung zu unterzeichnen, die nicht nur auf seinen Namen lautete, sondern auch die mühsam verdienten Gelder aus den Kassen seines Museums (das ja schon längst in die dankbaren Hände seiner geliebten Frau geglitten war) vor den lüsternen Ambitionen einer postkommunistischen Stadtregierung zu retten.

Wie Rainer, erlauben Sie diese vertrauliche Bezeichnung, nach diesem, seinem letzten großen Lebenswerk, zurück nach Berlin gelangte, um dort nach getaner Arbeit sterben zu dürfen, gehört zu den Intimitäten rund ums Sterben, die wir zu respektieren haben. Auch die wenigen Tage Abstand zwischen Tod und Vergeistigung, wie viele meiner Freunde die krematöse Verbrennung bezeichnen, gehört zu den Geheimnissen der Ewigkeit, an denen wir zu Recht nicht rütteln wollen. Was (nicht nur) mich umtreibt, ist das große „Danach“:

Bis heute durften wir, seine Witwe, seine offiziellen und inoffiziellen Angehörigen, seine vielen Freunde (von denen er nach seinem Tod mehr hatte, als er verkraften konnte, aber das soll so üblich sein) und alle sonstigen Bürger nicht gesittet von ihm Abschied nehmen. Zwar bot die Witwe dankenswerter Weise die Möglichkeit, vor einem Bildnis Rainers im ehemaligen, nein, nachgebautem Kontrollhäuschen am berühmten Checkpoint andächtig zu verharren. Auch konnte und kann man, wenn einem dies nicht reichte, im Keller des Museums ausgelegte Kondolenzlisten beschreiben, was ja ein ehrfürchtiges Unikum drei Jahre nach dem Tod eines Menschen darstellt und wofür wir der Witwe immer dankbar sein werden. Aber: Das Begängnis eines Friedhofes, der Abschied an „letzter Stelle“ ist uns noch immer verweigert. Warum?

Dieses „Warum?“, verehrter Herr Regierender Wowereit, schreien wir Ihnen und ihren roten Weggefährten heute, am dritten Todestag, laut und schallend entgegen. Sie haben sich schockierend, weil bewegend, gegen die Witwen-Wünsche gewandt. Sie waren bislang nur zu läppischen Gesten bereit, zu denen die Beseitigung einer Trennungsmauer zwischen einem stillgelegten und einem noch betriebenen Friedhof gehörte, um die Nähe zu dem erwünschten Freundesgrab zu ermöglichen. Dazu gehörte auch ein eigenes Tor zur Straße, um eine Erreichbarkeit zum Grab von Rainer zu sichern. Das nachgeschobene Angebot, Rainer ein Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Ehrenfeld für die Opfer des 17.Juni 1953 (Friedhof Seestraße) zu verschaffen, gehört wohl auch zu dieser Perfidie angeblich wohlmeinender Bewegungs-Bereitschaft? Wir müssen Ihnen heute deutlich sagen, dass dies alles ausgeklügelte Finten zur Vermeidung einer Beisetzung waren. Ihre Bewegung – oder die der Friedhofsverwaltung – war doch nur ein Scheingefecht, um der Witwe eine Ablehnung dieser unwürdigen Gesten des guten Willens zu ermöglichen, oder?

Hätte diese sonst ihre Verzweiflung so artikulieren können, nach der es ihr egal sei, wie lange (ihr) Rainer im Regal (des Krematoriums) in Ruhleben stände? Schämen Sie sich nicht, Herr Wowereit, einer Frau aus den unendlichen Weiten der Ukraine, die so verdienstvoll im Rahmen der Wirren um  den Zusammenbruch des roten Weltreiches in unserer einst geteilten Stadt ihren Lebensmittelpunkt und ihre Lebensaufgabe fand, ihren Willen so rigoros zu verweigern? Hat es Rainer nicht verdient, über Regeln und sonstige Gesetzesfloskeln rüberzusteigen und einmal „fünfe gerade sein“ zu lassen? Oder haben Sie doch andere Motive, als vorgegebene Gesetzestreue? Wollen Sie nicht doch der Witwe eines großen Bürgers  unserer Stadt demonstrativ die „rote Karte“ zeigen, weil diese Stadt rot-rot regiert wird? Wie lange wollen Sie der Witwe und uns noch zumuten, mit der verordneten Ewigkeit im Regal eines tristen Krematoriums zu leben?

Bewegen Sie sich, Herr Regierender! Geben Sie endlich einer bescheidenen Frau und ihren noch bescheideneren Wünschen nach und zwingen sie diese nicht länger, ihren Duktus des Egal-Seins über Rainers Urnen-Regalität verbreiten zu müssen. Diese Härte hat Rainer, seine Witwe und wir Bürger Berlins (unabhängig von jeder neiderfüllten Sicht auf die Schweizer Stiftungs-Landschaft) nicht verdient. Öffnen Sie den geschlossenen Friedhof! Schaffen Sie endlich Platz für neue Möglichkeiten in den Regalen des fraglichen Krematoriums! Ersparen Sie letztlich den Nachfolgern des Hauses am Checkpoint die demonstrativen Unkosten weiterer Blumengebinde vor den Kugelschutz-Säcken am (nachgebauten) Kontrollhäuschen!

Jeder Euro, der so zusätzlich in die befreundete Schweiz transferiert werden kann, ist ein guter Euro! (Ja, das können Sie ruhig Ihrem verehrten  Herrn Finanzsenator stecken!)

Ihr ***

*** Sie kennen mich gut. Aber die aus dem vorgeschilderten Ungemach heraus entstandene verzweifelte Situation veranlasst die Witwe zu unablässigen Beschäftigungen von Anwalts-Kanzleien, um das Ansehen von Rainer in jeglicher Form zu verteidigen. Das verstehe ich, und darum möchte ich auf die Anführung meines Namens verzichten. Das verstehen Sie doch auch, oder?

Name und Anschrift des Autors sind der Redaktion bekannt. Er war ein jahrzehntelanger Weggefährte und Freund Rainer Hildebrandts. Wir bitten daher um Verständnis, wenn wir aus datenschutzrechtlichen Gründen dem Autoren-Wunsch gefolgt sind und dessen Namen nicht unter dem Brief sondern nur hier angeben können: Carl-Wolfgang Holzapfel, wohnhaft in Bayern. Die Redaktion

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, holzapfellyrag@aol.com

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