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Rasdorf/Berlin, 24.05.2018/cw – Die Erinnerung an die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands sollte bewahrt werden. Zu diesem Zweck wurde 2003 das „Kuratorium Deutsche Einheit“ gegründet. Erinnerungen wurden dabei wach an das nach dem Mauerbau gegründete „Kuratorium Unteilbares Deutschland“, das sich nach dem Mauerfall ziemlich sang- und klanglos auflöste. Dabei hätten die Aktivisten um dieses Kuratorium eine Nach-Würdigung weiß Gott verdient. Ohne dieses Kuratorium wäre der Glaube an die Machbarkeit einer Wiedervereinigung und die erreichbare Freiheit für die Völker Europas noch viel eher in den Orkus der Geschichte hinuntergespült worden.

Das jetzige „Kuratorium Deutsche Einheit“, ein eigenständiger Verein, fand offenbar profunde Geldgeber, um 2005 erstmals einen bemerkenswerten Preis, den „Point-Alpha-Preis“ zu verleihen. Benannt wurde dieser Preis nach dem gleichnamigen ehemaligen US-Beobachtungsstützpunkt an der innerdeutschen Grenze. Und die ersten Preisträger verliehen dem Preis einen fast unauslöschlichen Glanz, der natürlich auch Maßstäbe für die Zukunft setzte: George W. Bush senior, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl, die Epigonen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung Europas.

Das setzte Maßstäbe, machte die Erkundung weiterer Preisträger nicht eben leichter. Aber immerhin: Neben den weiteren historischen Größen wie Václav Havel, Altbundeskanzler Helmut Schmidt (2010) und Lech Walesa (2013) wurden auch Bürgerrechtler wie Freya Klier, Dr. Ehrhart Neubert und Konrad Weiß ausgezeichnet, unter die sich auch politische Namen wie Felipe González (2011), Miklós Németh (2014) und Dr. Wolfgang Schäuble mischten. Sogar Prof. Dr. Richard Schröder wurde (2016) mit dem Preis geehrt. Eine bunte Mischung also, die den anfangs übergroß erscheinenden „Klotz“, der mit den ersten Preisträgern unüberwindliche Maßstäbe zu setzen schien, positiv relativierte.

Jetzt aber erklärte der Verein, für 2018 keinen Preisträger gefunden zu haben. Wie das? Wurde die Wiedervereinigung tatsächlich „nur“ von einigen Wenigen umgesetzt? Gab es außer den wenigen bislang ausgezeichneten Würdenträgern keine Menschen, die sich – oft unter Aufopferung vieler Lebensjahre – für das Ziel der Wiedervereinigung, für die Freiheit eingesetzt haben? Das ist kaum zu glauben. Noch leben zum Beispiel Teilnehmer am Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Mitteldeutschland, am Aufstand in Posen und Ungarn von 1956, am Prager Aufstand von 1968, wenn auch nur noch wenige. Noch leben mutige Fluchthelfer, die – oft unter Einsatz ihres Lebens – Menschen in die Freiheit verhalfen, zum Beispiel Harry Seidel. Noch leben ehemalige politische Häftlinge, die Jahre hinter den Zuchthausmauern einer Diktatur verbringen mussten, weil sie für die Freiheit des Geistes, der Bewegung – von einem Land in das andere – eingetreten waren. Sicher leben auch noch Akteure des einstigen Kuratorium Unteilbares Deutschland. Noch leben auch Schriftsteller wie Karl-Wilhelm Fricke, der sich durch bewegende Aufsätze und Bücher für die Freiheit des Wortes u n d des Menschen einsetzte.

Es waren 2018 keine Preisträger ausfindig zu machen? Die Verantwortlichen sollten noch einmal in sich gehen. Es gäbe genug Menschen, die diesen Preis tatsächlich verdienten. Man muss nur den Mut haben, von der Brecht´schen Weisheit abzurücken „Und man siehet die im Lichte, Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Der Verein hätte eine glänzende Gelegenheit, nach einem furiosen Start vor 13 Jahren das damit errungene Ansehen zu nutzen, neben verdienten Politikern auch die Menschen zu ehren, die zwar im Schatten standen, aber die Lasten der Teilung Deutschlands und Europas wie die Lasten der Wiedervereinigung mit herausragendem Mut und Einsatz getragen haben. Noch leben diese Menschen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.385).

 

Berlin/Oggersheim, 2.06.2015/cw – Eben erreicht uns die Vorabmeldung der Illustrierten BUNTE, nachdem Helmut Kohl nach einer OP auf der Intensivstation eines Krankenhauses liegt. Er soll nach der OP für längere Zeit bewusstlos gewesen sein. http://www.bunte.de/politik/helmut-kohl-intensivstation-122090.html

Ohne diese Meldung verifizieren zu können, gehen wir von einem besorgniserregenden Gesundheitszustand des Altkanzlers und „mutigen Umsetzers der Deutschen Einheit“ aus. „Wir wünschen ihm von Berlin aus alles Gute und hoffen mit ihm und seiner Familie auf einen glücklichen Ausgang und eine baldige Genesung,“ schreibt die Vereinigung 17. Juni 1953 heute in Berlin.

Der Verein gründete sich nach dem Aufstand in Mitteldeutschland 1953 als „Komitee 17. Juni“ und wurde unter seinem heutigen Namen am 3.Oktober 1957 in das Vereinsregister Berlin eingetragen. (995)

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 15.Juni 2012/cw – Die LINKE entdeckt den 17. Juni. Allerdings nicht, um sich des Versagens der einstigen Staatsführung und -Partei zu erinnern, die wesentlich identisch waren, sondern um dem Tag offensichtlich ein  anderes Gepräge, sprich Erinnern zu geben.

Die SED/PDS, PDS und heute DIE LINKE feiert an diversen Orten vom 15. – 17. Juni eigens organisierte Feste. Während sich in Berlin bereits Opferverbände empörten, wird in Thüringen eine Debatte offenbar auf höherem Niveau geführt.

Auslöser dafür war ein offener Brief  des Thüringer FDP-Generalsekretär Patrick Kurth, in dem dieser die LINKE auffordert, das Fest abzusagen, das bis zum Tag des Volksaufstandes in der DDR dauern soll. Im Gegensatz zur Berliner Partei-Formation, die auf die Proteste gegen die rote Festivität zum Volksaufstand nicht einging, nahm der rührige Fraktionsvorsitzende der einstigen Honecker-Partei den Ball auf und warf im Gegenzug – ebenfalls in einem offenen Brief – den Liberalen vor, mit dem Kurth-Brief zu versuchen, den Stammtisch zu besetzen.

Wir dokumentieren den öffentlichen Disput unwesentlich gekürzt:

Grenzwertiges Fest an diesem Tag geschmacklos

Sehr geehrter Herr Ramelow,

am Wochenende jährt sich zum 59. Mal der DDR-Volksaufstand.

Beginnend in den Abendstunden des 15. Juni 1953 wagten unter anderem Arbeiter auf Baustellen und in Fabriken der DDR den Widerstand gegen die Diktatur. Die Rote Armee und die Volkspolizei schlugen den Aufstand zwei Tage später direkt nieder.

Im Nachgang sicherten Volkspolizei, Staatssicherheit und Justiz die Macht des SED-Staates durch regelrechte Säuberungen. Mehr als 1600 Aufständische und Verdächtige wurden verurteilt, zum Teil zu langen Haftstrafen in Gefängnissen, Zuchthäusern oder in Sibirien.

Die Ereignisse vom 15. bis 17. Juni 1953 waren der erste Aufstand im kommunistischen Teil Europas. Er wurde von den kommunistischen Machthabern als Konterrevolution bezeichnet, die SED hat bis zuletzt das gewaltsame Vorgehen gerechtfertigt.

Bis zur Wiedervereinigung war der 17. Juni Nationalfeiertag in der Bundesrepublik. Noch heute erinnern zahlreiche Veranstaltungen richtigerweise an den DDR-Volksaufstand. Der Mut und die Opfer der Bürger gegen einen diktatorischen Staat, die Achtung für ihr Eintreten gegen Willkür und ihr letztlich blutiges Scheitern sind Kerninhalt unseres Grundkonsenses. Gerade die Toten mahnen uns.

Die Linke hat entgegen des angebrachten Gedenkens für eben dieses Jubiläumswochenende ein sogenanntes „Fest der Linken“ organisiert. Bereits am 15. und 16. Juni werden laut Programm unter anderem Partys mit kubanischen Livebands oder auch „Das besondere Mega-Konzert“ gefeiert. Am Tag der blutigen Niederschlagung finden sich Programmpunkte wie „Andrej Hermlin and his Swing Dance Orchestra“, „Ulf und Zwulf“ oder „Alice auf Kaninchenjagd“ – also insgesamt ein buntes Programm mit Jazz-Musik, Kinderunterhaltung und Diskussionsrunden.

Den krönenden Abschluss bietet das „Liebeslieder-Konzert“ vom allseits bekannten Kollegen Diether Dehm. Eine Gedenkminute oder eine Kranzniederlegung findet sich auf dem umfangreichen Programm indes nicht.

Ich halte es für undenkbar, dass diese Veranstaltung zum anberaumten Termin stattfinden kann.

Es ist eine große Provokation, am Jubiläumswochenende dieses geschmacklose und für den gesellschaftlichen Grundkonsens zumindest grenzwertige „Fest“ durchzuführen. Dies geht zu weit und überschreitet die Grenze des gesellschaftlich Erträglichen.

Wie dem offiziellen Programm zu entnehmen ist, planen indes auch Sie persönlich, an der Veranstaltung teilzunehmen. Daher fordere ich Sie zu einer Erklärung auf, wie Sie Ihre Teilnahme mit dem gesellschaftlichen Grundkonsens und Ihrer historischen Verantwortung vereinbaren können, die DDR-Diktatur gegenüber den Nachfolgegenerationen nicht zu beschönigen. Ich bitte Sie dringend, Ihren Auftritt beim „Fest der Linken“ dahingehend zu überprüfen. Überdies habe ich die beiden Parteivorsitzenden heute aufgefordert, das „Fest der Linken“ umgehend abzusagen. Ihrer Erklärung sehe ich mit Interesse entgegen und freue mich über eine zeitnahme Antwort.

Mit freundlichen Grüßen, Patrick Kurth“

 

Hier die Replik von Bodo Ramelow:

DIE LINKE muss sich mit dem 17. Juni auseinandersetzen

„Sehr geehrter Herr Patrick Kurth,

 in der Tat – Ihr Brief trägt „grenzwertigen“ Charakter und zeigt mir, auf welch seltsame Art Sie als Geschmacksbestimmer des Stammtisches tätig werden wollen.

Tatsächlich ist der 17. Juni ein wichtiges Datum, und die 59. Wiederkehr der Ereignisse in der damaligen Stalin-Allee sowie die daraus resultierenden Proteste sind für mich starke Argumente, mit denen sich Die Linke auseinandersetzen muss.

Der Bundestagsabgeordnete, der für die PDS kandidiert hat – der Schriftsteller Stefan Heym – hat in seinem Buch „5 Tage im Juni“ eine spannende Lektüre geschaffen. Dass in der DDR dieses Buch zwar in den 50er Jahren in einer Vorfassung noch abgedruckt wurde, später aber nicht mehr zugelassen war, zeigt, wie engstirnig die DDR-Oberen zum Thema 17. Juni agiert haben.

Ich glaube kaum, dass Sie ernsthaft mit mir darüber reden wollen, denn als Generalsekretär einer Blockpartei hätten Sie Gelegenheit, über den LDPD-Teil selbst zu reflektieren. Dass Sie mich sogar auffordern, auf meine Lesung aus dem Buch „Made in Thüringen?“ – Nazi-Terror und Verfassungsschutz-Skandal“ zu verzichten und zudem meine Lesung überhaupt nicht am 17. Juni stattfinden wird, zeigt nur, dass es Ihnen weder um differenzierte Sichten noch um den 17. Juni selbst geht, sondern offenbar um Ihre Form, sich nur des Themas zu bemächtigen.

Ich könnte Ihnen genauso dringlich die Frage vorlegen, wie Sie und Ihre schlagende Verbindung sich zu den Ereignissen von Eisenach stellen. Da Sie aktives Mitglied der „Germania Jena“ sind, die – soweit ich weiß – nicht in der DB vertreten ist, frage ich Sie nach Ihrer burschenschaftlichen Sicht, ob es legitim ist, Herrn Bonhoeffer heute so zu bezichtigen, wie es die Vertreter der DB getan haben und wie es der Mehrheitsbeschluss anschließend sogar noch faktisch bekräftigt hat.

Da Sie aber von der DB als aktiver Burschenschaftler im Deutschen Bundestag präsentiert wurden, bezieht sich zumindest die DB auf Sie und deshalb meine Frage, wie geschmacklos diese Provokation durch die Burschenschaftsorganisation zu werten ist, die den Grundkonsens in Deutschland mit Füßen tritt. Ihrer Stellungnahme sehe ich entgegen.

Eine letzte Frage habe ich allerdings auch an Sie als Thüringer Bundestagsabgeordneten und als Generalsekretär einer Partei, die von Thüringerinnen und Thüringern gewählt werden möchte: Verlangen Sie auch, dass das am gleichen Tag stattfindende Krämerbrückenfest eingestellt wird?

Oder verlangen Sie von mir, dass ich – falls ich zum Krämerbrückenfest gehen möchte – dort nicht hingehen darf? Oder verlangen Sie, dass der 17. Juni zu einem stillen Gedenktag wird, an dem Feiern in genereller Art verboten sein sollen oder geht es Ihnen nur darum, dass meine Partei am 17. Juni, am Tag des Mauerbaus oder an anderen Gedenktagen der DDR nicht feiern darf, damit es generell keine Irritationen gibt?

Bedeutet das, dass wir in Zukunft den Tag der Maueröffnung nicht mehr feiern dürfen, weil er gleichzeitig einer der schrecklichsten Tage des Nationalsozialismus ist?

Dass Sie und Ihre Partei aber auf der Seite der Arbeiter stehen würden, wage ich zu bezweifeln. So oder so: Arbeiterkämpfe um gerechten Lohn sind nun wahrlich nicht die Angelegenheit Ihrer Partei, und deshalb gedenke ich dem 17. Juni auf meine Art – unbelästigt von Ihren Vorschriften, die Sie versuchen, anderen zu machen.

Mit freundlichen Grüßen, Bodo Ramelow“

 

Kommentar:

Nicht DIE LINKE hat diesen Tag aus dem Gedächtnis rasiert

Die Aufregung um  die Festivitäten am 17. Juni erscheint uns als aufgesetzt. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir als Vereinigung fast gleichlautende Proteste gegen den Missbrauch des Gedenktages an den Volksaufstand durch entsprechende Nutzung für „Freizeit, Sport und Spiel“ erhoben. Wir sind dafür zunehmend müde belächelt oder gar zynisch mit Injurien bedacht worden. Keine Partei, auch die FDP nicht, trat uns seinerzeit zur Seite. Ausgenommen von dieser Kritik: Bayern. Auf unseren seinerzeitigen Protest gegen die Veranstaltung der Ritterspiele in Kaltenberg, einer international einmaligen  Reminiszenz an das Mittelalter am Tag der Deutschen Einheit, wurde diese Veranstaltung bis auf den heutigen Tag auf einen anderen Zeitraum verlegt.

Natürlich entspricht es dem üblichen  Stil dieser Partei, an die Stelle von Sachargumenten mit anderen Themen aufzuwarten, so Ramelow mit seiner Anführung der Burschenschaften und Kurths Mitgliedschaft in der Verbindung. Schlägst du meinen Lukas, hau ich deinen Lukas.

Abgesehen von diesem leicht durchschauten  Geplänkel hat Bodo Ramelow aus unserer Sicht allerdings Recht: Warum soll nicht auch an einem Tag gefeiert werden, der immerhin von den Urhebern als arbeitsfreier Gedenktag zugunsten  eines „Gedenktages nach Aktenlage“ abgeschafft wurde? Nicht DIE LINKE hat diesen Tag wesentlich aus dem Gedächtnis des Volkes rasiert, sondern der Einheitskanzler Kohl und seine willigen  Gefolgsleute.

Wir sollten also die Kirche im Dorf lassen. Solange in Berlin jedes Jahr am 17. Juni feierliche Reden gehalten werden und die gleichen verantwortlichen Politiker sich der Benennung eines kleinen, aber wichtigen Platzes vor dem Bundesfinanzministerium in „Platz des 17. Juni 1953“ mit haarsträubenden Argumenten widersetzen, solange haben Proteste, wie die von Herrn Kurth , so ehrenvoll seine Motivation sein mag, einen mehr als schalen Beigeschmack. Denn die FDP sitzt auch in der Bundesregierung. Herr Kurth, wir wären Ihnen dankbar, wenn  Sie zumindest die selbe Energie dafür aufbringen  würden, diesen Platz zumindest bis zum  60.Jahrestag des Volksaufstandes zu benennen. Von hier ging am 16. Juni der Aufruf zum Generalstreik über den Äther und die Mundpropaganda: „Morgen früh, am Strausberger Platz“.

Wir werden auch heuer wieder der Opfer und Toten des Volksaufstandes gedenken. Wir werden aber ebenso feiern, dass die Forderungen, Träume und Ziele der Aufständischen von 1953 so traumhaft friedlich 1989/1990 in Erfüllung gegangen sind.

Carl-Wolfgang Holzapfel                                                                                                                                           Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.

 

 V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Diverse Wahlen: Vertrauen in etablierte Parteien kaum noch vorhanden

1.Januar 2009/cw – An „der Krippe“ eines neuen Jahres stehen wir mehr oder weniger andächtig und verlieren uns in Wünsche und Hoffnungen oder auch Ängste, die vor uns liegen.

Im vor uns liegenden Jahr werden uns neben dem hoffnungsvollen Amtsantritt des neuen US-Präsidenten die Finanzkrise und die anstehenden Wahlen in Deutschland hautnah beschäftigen. Die Finanzkrise ist eh ein Ungeheuer, das uns von außen bedrängt und gegen das wir nahezu machtlos sind. Die Politik muss, die Politik wird das schon richten – unabhängig von der Richtigkeit dieser leicht abenteuerlich klingenden Hoffnung. Aber was bleibt uns anderes?

Die anstehenden Wahlen – zum Beispiel. Hessen macht den Auftakt und wird so wohl die Stimmungslage vorgeben. Einer Frau namens Ypsilanti hat die Republik diese Vorgabe zu verdanken. In völliger Verkennung der real-politischen Situation glaubte sie, ihr Wahlversprechen ad acta legen zu können. Sie mochte zwar das einstige BVG-Urteil im Kopf gehabt haben, nach dem Politiker nicht an ihre Versprechen gebunden sind und wäre vermutlich damit auch durchgekommen, hätte es sich hier nicht um das Versprechen gehandelt, keinesfalls mit der ehemaligen PDS, vormals SED, an die Macht gelangen zu wollen.

Trotz einer unglaublichen Propaganda-Offensive der LINKEN (die in ihren Auswirkungen bis weit in das bürgerliche Lager reichte und reicht), nach der man nichts mit der einstigen SED etwas zu tun gehabt hätte und (ersatzweise) die Untaten der SED-DDR nicht annähernd mit den schlimmen Verbrechen der Nazis (sprich: National-Sozialisten) zu vergleichen wären, gab es in der (ehemals westdeutschen) Öffentlichkeit noch genug Erinnerung an Jahrzehnte der geistigen Vergewaltigung, der morbiden körperlichen und psychischen Verfolgung Andersdenkender, der kaltblütigen Ermordung Fluchtwilliger an der innerdeutsche Grenze im Herzen Europas. So sprachen letztlich vier mutige Abgeordnete der Hessen-SPD durch ihre Lügen-Verweigerungshaltung das aus, was die Mehrheit dachte. Sie stellten sich damit in die glorreiche Ahnen-Galerie mutiger Sozialdemokraten, die über Jahrzehnte, während der NS-Herrschaft und später der Ulbricht-Honecker-Diktatur Freiheit, Leib und Leben für die Grundsätze der Sozialdemokratie geopfert hatten. Die mutigen Vier verloren zwar nicht ihre Freiheit oder gar ihr Leben, aber sie mussten ihre Haltung mit in einer Demokratie kaum fassbaren Diffamierung durch die eigene Partei und mit dem Verlust der Kandidatur und damit ihrer weiteren Mitarbeit im neu zu wählenden Landtag bezahlen.

Die Dame Ypsilanti wird vermutlich eine Fußnote in der hessischen Parteiengeschichte bleiben, über die mutigen Vier wird man noch länger – als von den Partei-Oberen gedacht –sprechen.

Vom Abschneiden der LINKEN in Hessen wird wohl auch die Zukunft Oskar Lafontaines im Saarland maßgeblich abhängen. Denn verpasst der einstige Vorzeige-Sozialdemokrat durch negative Vorgaben aus Hessen sein Traumziel, erneut im Saarland Ministerpräsident zu werden, dürfte die LINKE in ähnliche Turbulenzen und Rückzugs-Taumelei (aus den Länderparlamenten) verfallen, wie weiland die rechten Republikaner in den neunziger und vor diesen die NPD in den siebziger Jahren.

Und natürlich hätten diese Szenarien Auswirkungen auf die Bundestagswahl, hätte die Bundeskanzlerin Glück im Unglück und erhielte trotz Finanz- und Wirtschaftskrise die Chance, ihre Amtszeit verlängern zu können.

Für die ehemaligen Streiter für Einheit, Recht und Freiheit, für die Opfer der zweiten deutschen Diktatur wird sich allerdings weder durch diese noch durch andere Szenarien etwas an der weiterhin beschämenden Situation ändern, auch wenn die Hoffnung zuletzt stirbt. Zwar werden in diesem Jahr sämtliche politischen und medialen Kräfte aufgeboten, um den 20. Jahrestag der Mauer gebührend zu feiern. Auch werden dann Jene mit Lobhudeleien überschüttet werden, die durch ihren mutigen Einsatz erst das Ende dieser Mord-Mauer und der dahinter stehenden zweiten Diktatur ermöglicht haben. Das wird es dann aber auch gewesen sein. An der bisherigen Verweigerungshaltung der etablierten Parteien, a l l en Opfern der SED-DDR-Diktatur eine Anerkennung ihres Einsatzes, ihrer dadurch verursachten vielfachen gesundheitlichen und beruflichen Leiden widerfahren zu lassen, wird sich nichts ändern.

Im Gegenteil: Die Festredner werden sich auf die „honorige Zuerkennung“ einer angeblichen Ehrenpension für „die DDR-Opfer“ berufen und weiter verschweigen, dass es sich hier nur um die notdürftige Zuerkennung einer sozialen Leistung für Minderbemittelte handelt. Sie werden weiterhin schamhaft verschweigen, dass in einem „Nacht- und Nebel-Gesetz“ (nämlich im Schatten der Fußball-EM) ehemaligen Ministern des letzten DDR-Kabinetts wegen derer „besonderen Verdienste um die Deutsche Einheit“ für maximal fünfeinhalb Monate Dienstzeit eine Ehrenpension in Höhe des nahezu dreifachen Satzes der Sozialleistung für DDR-Opfer zuerkannt wurde. Und natürlich wird auch weiter nicht darüber diskutiert werden, dass einige Minister dieses Amt nur wenige Tage ausgeübt haben, das ein Minister dieses Amt bereits unter Ulbricht und Honecker ausgeübt hat, mindestens drei Minister bereits von der (letzten) Volkskammer als IM der Stasi eingestuft wurden, dass die Minister diesen Anspruch „ab dem 55.Lebensjahr“ haben (also auf fette Nachzahlungen vertrauen dürfen), diese Ehrenpension dynamisch an die Vergütungen der (aktiven) Bundesminister gebunden und (auf den überlebenden Ehepartner) vererbbar ist.

All das – und mehr – werden die lobpreisenden Politiker und Medien verschweigen, als unwichtig abhaken. Die in diesem Jahr verbal besonders zum Lob anstehenden Opfer werden tiefer und nachhaltiger in ihre Traumata versinken, die bekanntlich durch die Wiederbelebung von Erinnerungen neue Wunden aufreißen. Und nicht wenige von ihnen werden erneut darüber sinnieren, wie weit sich Einsatz und Opfermut gegen eine Diktatur angesichts der öffentlichen Ignoranz gegenüber den Alimentierungen ehemaliger Systemträger rechtfertigen lassen. Und sie werden genau überlegen, welcher Partei oder welchem Politiker sie ihre Stimme unter diesen Umständen an den Urnen dieses Jahres geben.

Mutige und gradlinige Menschen, wie die „mutigen Vier“, stehen ja nicht mehr – und schon gar nicht außerhalb Hessens – zur Wahl. Da wird die Entscheidung, an die Urne zu gehen, zur Qual oder verkommt bestenfalls zum karnevalistischen Kalauer: Wolle wer hingehe?

Ob dieser Aussichten bleiben Wünsche und Hoffnungen seitens der Diktatur-Opfer fast schon auf der Strecke, bevor das Jahr seine ersten Tage hinter sich hat.

© Carl-Wolfgang Holzapfel, Tel.: 030/30207785 od. 0176-48061953

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