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Von Carl-Wolfgang Holzapfel*

Berlin, 26.11.2021/cw – Es war ein kalter Novembertag – vor sechzig Jahren: Die JUNGE UNION, deren Mitglied ich wenige Monate zuvor in Hamburg geworden war, hatte in Berlin am 21.11.1961 zu einer Demonstration aufgerufen: „Die Jugend protestiert gegen die Mauer“. Nach meiner spontanen Rückkehr aus Hamburg Ende August – nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 hielt mich auch das gerade begonnene Lehrverhältnis als Einzelhandelskaufmann nicht mehr in der Hansestadt – war dies meine erste aktive Teilnahme an einer Demonstration gegen die Mauer. Es sollte der Beginn einer 60jährigen politischen Aktivität sein. Grund genug , mich nach sechs Jahrzehnten dem Ruhestand zuzuwenden.

Rückblickend war dies die erste Schulung im demokratischen Widerspruch, die erste Erfahrung mit dem Begriff „Widerstand“. Der Zug bewegte sich – nach meiner Erinnerung – vom Wittenberg- über den Ernst-Reuter- zum Theodor-Heuss-Platz. Dort waren auf einem Stein die Worte unübersehbar zu lesen: „EINIGKEIT – RECHT – FREIHEIT“. Auf diesem Stein stand eine Schale, aus der eine „Ewige Flamme“ loderte.

Der 17jährige C.W. Holzapfel auf der Demei (Mitte, mit Brille, 5. v. re.) Quelle: rbb RETRO

LINK: https://www.ardmediathek.de/video/rbb-retro-berliner-abendschau/protest-der-jugend-gegen-die-berliner-mauer/rbb-fernsehen/Y3JpZDovL3JiYi1vbmxpbmUuZGUvYmVybGluZXItYWJlbmRzY2hhdS8xOTYxLTExLTIxVDE5OjMwOjAwXzFlZGU4OTQzLTdiOWItNDgzOS1iMWIzLWU1ZGJkMGM1NDIzMi9yZXRyb18xOTYxMTEyMV9Qcm90ZXN0bWFyc2No/

Warum ziehen wir nicht an die Mauer?

Schon auf dem Weg wagte ich, laut meinen Protest zu formulieren: „Warum ziehen wir nicht an die Mauer? Was soll der Weg durch Straßen, die keine Mauer versperrt?“ Ein Ordner ermahnte mich, die Leute nicht aufzuwiegeln, es ginge hier um eine ernste Sache.

Am Zielort angekommen – ich erinnerte mich an meine Kinderzeit, als hier allwöchentlich Britische Soldaten aufmarschierten und wir am Rande der Show um Kaugummi bettelten („Have you a gum?“) – sprach zunächst Jürgen Wohlrabe, ein späterer Freund, und dann Ernst Lemmer, der allseits anerkannte Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Lemmers Rede war anklagend, ganz im Tenor der Empörung über die Aktion „Antifaschistischer Schutzwall“, als den das „Pankower Regime“ den Bau der Mauer bezeichnete.

Diese Demonstration ist nicht angemeldet

Nach dem Absingen der Nationalhymne und der obligatorischen Feststellung durch den Veranstalter „Die Kundgebung ist beendet“ blieben die Demonstranten stehen, als erwarteten sie eine weitere Aktion. „Wir Auf zur Mauer! Auf zur Mauer!“ Überraschend setzte sich dieser Ruf rasend schnell unter den Demonstranten fort. Bald klang es aus hunderten Kehlen: „Auf zur Mauer!“ Nur: Keiner bewegte sich.

Wieder wurde diese Klassenkameradin zu meiner ersten Lehrmeisterin, als sie bemerkte: „Wenn  Ihr nicht lost zieht, bleibt hier alles stehen.“ Dankbar nahm  ich diese Anregung auf und setzte mich mit lauten Rufen in Richtung Ernst-Reuter-Platz in Bewegung. Tatsächlich folgten immer mehr Teilnehmer dem Aufruf, zunächst noch zögerlich.

Bereits auf dem Kaiserdamm hörten wir die ersten Sirenen von Polizeiwagen und auch die ersten Durchsagen: „Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei. Diese Demonstration ist nicht angemeldet. Bitte verlassen Sie die Fahrbahn und gehen Sie nach Hause!“müssten aufrufen, zur Mauer zu marschieren,“ sagte ich zu ein paar jungen Leuten, unter diesen eine ehemalige Klassenkameradin vom Gymnasium in Zehlendorf. „Da müsst Ihr wohl anfangen, sonst bewegt sich da nichts,“ erwiderte die Kameradin mutig. Also rief ich „

Auf dem Ernst-Reuter-Platz angekommen bemerkten wir, daß die „Straße des 17. Juni“, also der direkte Weg zur Mauer vor dem Brandenburger Tor, abgesperrt war. Darauf reagierten wir Demonstranten mit einem Sitzstreik auf den Fahrbahnen rund um die dortige Mittel-Insel. Nach mehreren erfolglosen Ermahnungen der Polizei, die „illegale Demonstration“ sofort abzubrechen, weil man sich sonst „polizeilichen Maßnahmen“ aussetzen würde, hieß es plötzlich „Knüppel frei“, und die eingesetzten Beamten schlugen mit Gummiknüppeln auf uns sitzende Jugendliche ein. Ich sprang auf und rannte in die Hardenbergstraße in Richtung Bahnhof Zoo.

Dort ziemlich atemlos angekommen, verabredete ich mich mit einigen Versprengten zu einer Fortsetzung unseres Protestes am berühmt gewordenen Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße. Nachdem ich noch angewidert beobachtet hatte, wie ein offenbar enthemmter Polizist auf einen jungen Mann grundlos und brutal mit seinem Gummiknüppel einschlug, der infolge mit blutender Kopfwunde zusammenbrach, eilte ich zur U-Bahn.

Große Worte und reale Wirklichkeit

In der Kochstraße angekommen, war ein Gang zum Checkpoint gar nicht möglich. Mit lautem „Tatütata“ fuhren  mehrere Mannschaftswagen des Typs HANOMAG auf. Kaum  waren  die Klappen gefallen, sprangen Polizeibeamte herunter und knüppelten auf gebildete Gruppen von Demonstranten ein. Mir ist dieser Tag unvergesslich als Widerspruch zwischen „Großen Worten“ („Die Mauer muß weg“) und realer Wirklichkeit. Man kann auch einfach sagen: An diesem Tag vor sechzig Jahren habe ich meine politische Unschuld verloren.

Dieser bitteren und realen Erkenntnis folgte die zunächst verzweifelte Suche nach vertretbaren Formen des Widerstandes gegen neuerliches Unrecht, wie dieses sich in der Mauer manifestierte. Schon bald entschloss ich mich zum „Gewaltlosen Widerstand“ nach Mahatma Gandhi. Dabei half mir ein kleiner, unscheinbar wirkender Mann  aus Indien: T. N. Zutshi. Er war erstmals nach dem Ungarn-Aufstand 1956 nach Europa gekommen, um uns in Europa im Kampf gegen die Rote Diktatur die Methoden Gandhis zu vermitteln. Legendär sein damaliger Fußmarsch (1960)  über hunderte Kilometer von München an die „Brücke von Andau“, über die viele Ungarn nach dem Zusammenbruch des Aufstandes nach Österreich geflüchtet waren.

Nach dem Mauerbau wollte Zutshi in Berlin diesen Kampf fortsetzen, uns vermitteln: „Der erste Schritt zur Freiheit – Legt Eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit.“ 1964 verließ uns der mutige Inder. Von diversen Behördenschikanen und Androhungen bedrängt, ihn  als unerwünschten Ausländer abzuschieben, kehrte Zutshi nach Indien (Benares) zurück, wo sich seine Spur verlor. Berlin hat diesem tapferen und uneigennützigen Ingenieur aus Nehrus Indien bis heute keine Erinnerung gewidmet. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Mir blieb der gewaltlose Widerstand gegen bestehendes Unrecht. So forderten mein Freund Dieter Wycisk und ich anlässlich eines Hungerstreiks am zuvor aufgestellten Mahnkreuz für den am 25.12.1963 ermordeten Paul Schulz (Thomaskirche/Mariannenplatz) bereits plakativ die UNO zum Handeln auf: „Wir brauchen die TAT!“

Holzapfel bei seinem Hungerstreik 1963/64 am Mauerkreuz für Paul Schulz an der Thomas-Kirche in Kreuzberg – Quelle: rbb-RETRO

LINK: https://www.ardmediathek.de/video/rbb-retro-berliner-abendschau/gebet-und-mahnwache-fuer-mauertoten/rbb-fernsehen/Y3JpZDovL3JiYi1vbmxpbmUuZGUvYmVybGluZXItYWJlbmRzY2hhdS8xOTY0LTAxLTA0VDE5OjMwOjAwXzBiMmEzZDcwLTJlNTQtNGNkNS1hODkzLTMzOTcwOWQ5OGU2YS9yZXRyb18xOTY0MDEwNF9nZWJldHVuZG1haG53YWNoZW1hdWVydG90ZQ/

Nach 60 Jahren Widmung der Familie

Für mich ist es Zeit, mich nach sechzig engagierten Jahren der nachdenklichen Rückschau zu widmen und die verbleibenden, vermutlich wenigen Jahre meiner lieben Frau, meiner Familie und den verbliebenen Freunden, von denen viel zu Viele schon diese Erde verlassen haben, zu widmen. Meinen Pflichten für die Vereinigung 17. Juni, der ich seit 1963 angehöre und deren Vorsitzender ich seit 2002 bin, werde ich – wie den bereits begonnenen und noch nicht abgeschlossenen Initiativen (z.B. für das stiefmütterlich behandelte originäre Denkmal an den 17. Juni 1953 in Berlin-Zehlendorf) – selbstver- ständlich und so gut ich es vermag nachkommen. Schon jetzt bitte ich um Nachsicht, wenn  dies nach sechzig kraftzehrenden Jahren nicht mehr so, wie gewohnt, erfolgt oder erfolgen  kann.

Time to say goodbye
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* CWH wurde als „Mauerdemonstrant“ bekannt.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.683).

Berlin, 05.08.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (8 -Teil 7 siehe 04.08.2019).

Am Abend des Ersten Weihnachtsfeiertages hörte ich um 22:00 Uhr wie üblich zum Abschluss des Tages die Nachrichten. Gerhard Weinstein hatte mir eine Untermiete bei der alten Frau Weber in der Biesentaler Straße 5 im Wedding vermittelt, wo ich ein Zimmer bewohnte.

An Weihnachten 1963 tödliche Schüsse hinter der Thomas-Kirche in Kreuzberg – Foto: LyrAg

In der Nachrichtensendung des RIAS wurde zu Beginn ein erneuter schwerer Grenzzwischenfall geschildert. Bei dem Versuch, die Grenzanlagen hinter der Kreuzberger Thomaskirche am Mariannenplatz zu überwinden, war der erst 18jährige Paul Schulz (* 02.10.1945; † 25.12.1963) aus Neubrandenburg unter Beschuss der DDR-Grenzposten geraten. Tödlich verletzt war er zwar auf die Westseite der Mauer gefallen, aber kurz darauf seinen schweren Verletzungen im nahe gelegenen Bethanien-Krankenhaus erlegen. Seinem Freund war zuvor die Flucht unverletzt gelungen.

Aufgewühlt zog ich mir etwas über und suchte die nächstgelegene Telefonzelle auf, um Prof. Rubin in Lichterfelde anzurufen. Wir hatten uns seit einiger Zeit in einer kleinen Gruppe gefunden, die unmittelbar nach einem Mord an der Mauer zur Stelle sein wollte, um vor Ort durch die Aufstellung eines Kreuzes oder anderer geeigneter Maßnahmen das Geschehen öffentlich zu machen und damit ein mögliches Vertuschen zu verhindern. Zu dieser Zeit hatte der Berliner Senat seine von Egon Bahr kreierte Politik des „Wandels durch Annäherung“ begonnen. Wir führten die aufkommende Kritik an der Errichtung von „Mauerkreuzen“ auch darauf zurück. So hatte Willy Kressmann (* 06.10. 1907; † 05.03.1986) gen. „Texas-Willy“ und Bürgermeister von Kreuzberg, öffentlich deklariert, man könne nicht wegen jedes Toten an der Mauer aus dieser einen Friedhof machen. Willy Brandt (*18.12 1913; † 08.10. 1992) hatte dem Vorhalt seines innerparteilichen Widersachers damals noch heftig widersprochen: „Nicht wir ermorden diese Menschen an der Mauer.“

Gedenken zum 50. Jahrestag: B.Z. vom 27.12.2013, Seite 18 – Archiv

Irmgard Klatt, die Inhaberin eines Blumenladens in der Bernauer Straße, war unsere engagierte Verbündete. Wir konnten diese auch nachts anrufen. Entweder wußte sie schon durch das Radio Bescheid oder sie fragte dann ahnungsvoll: „Haben die schon wieder einen Menschen ermordet?“ Innerhalb einer oder zwei Stunden hatte sie einen Kranz gebunden, den wir dann am Ort des Geschehens niederlegen konnten. Sie gehört in unserer Erinnerung zu den stillen Helden an der Berliner Mauer.

Rubin forderte mich nach meinem Anruf auf, nach Lichterfelde zu kommen, dort würden wir beraten. In seinem Haus in der Hildburghauser Allee kurz vor Mitternacht angekommen beschlossen wir nach kurzer Diskussion, im verschneiten Garten seines Anwesens ein Holzkreuz zusammenzubauen.

Ein Mahnkreuz für Paul Schulz

Nach einem kleinen Frühstück fuhren wir gegen 9:00 Uhr nach Kreuzberg an die Thomaskirche, um dort an einem Baum das gefertigte, etwa 2 Meter hohe Holzkreuz aufzustellen. Der diensthabende Polizeibeamte, ein vorübergehend in Berlin eingesetzter Westfale, begrüßte unser Vorhaben. Gleichzeitig machte er uns darauf aufmerksam, dass wir dafür eine Genehmigung brauchten, sonst könne er nicht dafür garantieren, dass dieses Kreuz nicht beseitigt werden würde. Mein Einwand: „Die DDR-Schützen haben doch auch nicht um Genehmigung gefragt, bevor sie gemordet haben,“ änderte nichts an der bürokratischen Realität.

Von der Öffentlichkeit übersehen, von uns zum 50.Todestag erneut aufgestellt: Holzkreuz für Maueropfer Paul Schultz – Foto: Lyrag

So befestigten wir das Kreuz an dem Baum und machten uns auf den Weg zur Friesenstraße, wo sich auch die zuständige Polizeiinspektion befand. Der mir durch die Mauer-Aktionen bekannte Polizeioberrat Däne war „wegen Grippe“ im Bett, also nicht erreichbar. So wollte man uns auf das Bezirksamt vertrösten, welches ja „nach den Weihnachtsfeiertagen wieder ansprechbar“ wäre. Zornig verließen wir am 2. Weihnachtsfeiertag die Inspektion. Während der Professor als treuer Beamter resignierte, erklärte ich ihm, zu Willy Brandt zu dessen Wohnung in Schlachtenssee fahren zu wollen. Meine Hoffnung, dass mich Rubin chauffieren würde, trog. Er hielt die Absicht für aberwitzig.

So fuhr ich also allein mit der BVG nach Zehlendorf. Vor dem Domizil des Regierenden Bürgermeisters angekommen, fragte mich ein dort stationierter Polizist nach meinem Begehr. Im Ergebnis sagte er nach einem kurzen Blick auf die Uhr, Willy Brandt sei nicht da, aber seine Frau Ruth käme in wenigen Minuten, um ihren Pudel und die Katze auszuführen.

So sprach ich Rut Brandt auf mein Anliegen an. Auch sie war entsetzt über den neuerlichen Mord. „Mein Mann ist mit den Söhnen am Schlachtensee unterwegs, er müsste aber jeden Augenblick zurück sein. Sie könne ihm ja sagen, sie hätten schon mit mir gesprochen.“

Intervention von Willy Brandt

Denkmal-Schändung – Wenige Tage später: Das zerbrochene Kreuz an der Thomaskirche im Januar 2014 – Foto: LyrAg

Nachdem ich den Polizisten über den Inhalt des Gespräches informiert hatte, wartete ich auf den Regierenden. Der kam wenig später tatsächlich mit seinen Söhnen Lars, Peter und Matthias (der heutige bekannte Schauspieler saß auf den Schultern seines Vaters) den Anstieg vom Schlachtensee herauf. Brandt hörte meinen Schilderungen ernst und aufmerksam zu und fragte sehr gründlich, wer denn an dieser Kreuzaufstellung und warum beteiligt sei: „Haben sie schon mit Heinrich Albertz (Bürgermeister und Innensenator) gesprochen?“ fragte er schließlich.

„Nein,“ erwiderte ich. „Ich weiß zwar, wo Sie wohnen, aber den Wohnort von Albertz kenne ich nicht.“ Brandt schmunzelte. „Kennen sie die Stallwache im Rathaus (Schöneberg)?“ Nachdem ich vermeinte erklärte mir Brandt, dies sei der Bereitschaftsdienst im Rathaus. Er würde mit Albertz sprechen und ich solle in ca. zwei Stunden dort anrufen. Die Stallwache würde mich dann über die Entscheidung informieren.“

Nachdem mir telefonisch vom Schöneberger Rathaus eine Bestätigung gegeben worden war, machte sich der überraschte Prof. Rubin sofort auf den Weg, und so trafen wir fast zeitgleich erneut an der Thomaskirche ein. Hier war vor Ort bereits Ernst Lemmer (*28.04.1898; †18.08.1970) und zahlreiche Medien eingetroffen. Auch Polizeioberrat Däne war plötzlich, trotz Grippe vor Ort. Gemeinsam gedachten wir an dem nun offiziell aufgestellten Holzkreuz des am Tag zuvor verstorbene Maueropfers Paul Schulz.

Hungerstreik: UNO soll Morde verurteilen

Mit einem Schild auf dem Kreuz wiesen wir auf das Geschehen vor 50 Jahren hin – Foto: LyrAg

Täglich suchte ich den Gedenkort auf. Am 28. Dezember traf ich dort auf den wenige Jahre älteren Dieter Wycisk, einen Kollegen der BVG. Dieter erklärte mir, er habe „heute einen Hungerstreik begonnen, um gegen diesen Mord zu protestieren.“ Spontan schloss ich mich auf der Stelle diesem Streik an. Wusste ich doch aus inzwischen erlangter Erfahrung, wie wichtig eine solidarische Unterstützung war. Schnell einigten wir uns auf eine gemeinsame Forderung: Die UNO sollte die Morde an der Mauer verurteilen, damit diese international geächtet werden würden.

Der Hungerstreik an der Thomaskirche „bei Wind, Wetter und winterlicher Kälte“ dauerte insgesamt 10 Tage. Danach lag ich im Gegensatz zu Dieter mit einem Magengeschwür sechs Wochen im Krankenhaus. Die Ärzte empfahlen mir dort, künftig „andere Wege des Widerstandes“ zu wählen, da ich ansonsten meine Gesundheit gefährden würde.

Da erinnerte ich mich an T.N. Zutshis Demonstrationen für die Freilassung der politischen Gefangenen in der Sowjetisch besetzten Zone, wie wir damals noch in großer Übereinstimmung die DDR nannten. Und ich beschloss im Frühjahr 1964, mich künftig auf dieses Ziel zu konzentrieren.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.450)

Berlin, 22.12.2013/cw – Seit heute erinnert wieder ein Kreuz an den Mord vor fünfzig Jahren an der Kreuzberger Thomas-Kirche. Die Vereinigung 17. Juni stellte heute in Anwesenheit von Angehörigen der Kirchengemeinde und Freunden des Vereins ein 2-Meter hohes Holzkreuz an der selben  Stelle auf, wo vor fünfzig Jahren das erste Kreuz errichtet wurde.

Vor fünfzig Jahren tödliche Schüsse hinter der Thomas-Kirche in  Kreuzberg - Foto: LyrAg

Vor fünfzig Jahren tödliche Schüsse hinter der Thomas-Kirche in Kreuzberg – Foto: LyrAg

Der Vorsitzende des Vereins, Carl-Wolfgang Holzapfel, hatte zur Mahnung an den am ersten Weihnachtsfeiertag erfolgten Mord an Paul Schultz am folgenden Tag zusammen mit einem Freund das Kreuz aufgestellt, nachdem er erfolgreich Willy Brandt um Unterstützung gebeten hatte. Heute erinnerte er in bewegenden Worten an das Geschehen vor fünfzig Jahren und an das Leben und die tödliche Flucht von Schultz. Holzapfel sprach die Hoffnung aus, dass „dieses Kreuz zumindest solange stehen bleibt, bis eine Stele oder eine Gedenktafel dauerhaft an Paul Schultz erinnert.“

Die Kirchengemeinde hatte zuvor im Gottesdienst des achtzehnjährigen Paul Schultz gedacht.

Die Vereinigung wird am Todestag von Schultz, dem 25. Dezember um 14:00 Uhr, mit einer Kranzniederlegung am Holzkreuz des Mauer-Opfers gedenken.

Siehe auch:  http://www.berliner-kurier.de/kiez-stadt/mauer-opfer-paul-schultz-der-weihnachts-mord-an-der-mauer,7169128,25684000.html

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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