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20.12.2005

Familiäre Gründe – Holzapfel tritt zurück

cw – Der Vorsitzende der VEREINIGUNG 17.JUNI 1953 e.V., Carl-Wolfgang Holzapfel (61), hat seinen Rücktritt zum Jahresende 2005 mitgeteilt.

In einem Schreiben an den übrigen Vorstand und die Mitglieder machte er „familiäre und gesundheitliche Gründe“ geltend, die ihn veranlassten, alle politischen Aktivitäten einzustellen.

Holzapfel gehört der VEREINIGUNG seit 1963 an und bekleidete seit 1964 verschiedene Funktionen innerhalb des Vorstandes. Seit 1998 zweiter Vorsitzender übernahm er nach dem Tod des jahrzehntelangen Vorsitzenden und Teilnehmers vom 17. Juni 1953, Manfred Plöckinger, den alleinigen Vorsitz. Zu den „Personalien“ von Holzapfel verweisen wir auf unsere Homepage www.17juni1953.de .

Bis zur Neuwahl, die voraussichtlich im Juni 2006 in Berlin stattfinden wird, werden die Geschäfte gemeinsam vom restlichen Vorstand geführt.

10.12.2005

„So nicht!“ und „Nie wieder!“

Die schwierige Vergleichbarkeit von NS-Opfern mit den Opfern der SED

„Anstatt die Opfer der Diktatur als Kämpfer für die Freiheit permanent zu feiern, steht ihnen ein Großteil der demokratischen Gesellschaft distanziert … gegenüber. Dies zu verändern, ist vor allem eine gesellschaftliche Aufgabe …“ So heißt es im redaktionellen Vorspann zur Abhandlung von Achim Beyer, selbst ein Opfer einstiger SED-Willkür, in der Dezember-Ausgabe 2005 der Quartalsschrift FREIHEIT UND RECHT (Herausgeber: Zentralverband Demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen).

Was FREIHEIT UND RECHT fordert, ist rechtens, beleuchtet aber gleichzeitig das Dilemma, in das sich die Opfer kommunistischer Verbrechen selbst ein Stück weit hineinlaviert haben. Die Darstellung erlittenen Unrechts und der Erduldung staatlich sanktionierter Verbrechen am eigenen Leib ist überwiegend nur in der Schmalspur im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen: Wir haben gelitten, dafür wollen wir jetzt eine Rente!

So falsch und unvollkommen diese Reduzierung auf einzig pekuniäre Forderungen der ehemaligen Opfer (warum „ehemalig“, bleiben nicht Opfer lebenslang Opfer?) war und ist, so berechtigt ist die Spurensuche nach dem Grund für diese in der Tat fatale Negativ-Betrachtung berechtigter Anliegen seitens gedemütigter und misshandelter Individuen.

Ein Grund könnte darin liegen, dass sich Opfer von Verbrechen gleichsam im Fokus selbstbezogener Ausnahmesituation sehen, einer Einmaligkeit von Unrecht, dass so kein anderer nachempfinden kann, weil nie so erlebt hat. Das ist nachvollziehbar, aber nur Teil einer versuchten komplexen Beurteilung. Gerade Opfer politischer Gewalt geraten zumeist (freilich nicht ausschließlich) in eine Verfolgungssituation, weil sie sich einer Situation gegenüber konfrontiert sehen, die ihren Widerspruch, ihre Gegenaktion hervorrufen und damit erst den Verfolgungsmechanismus auslösen. Sie sind also, anders als Opfer rein krimineller Verbrechen, auf einem anderen Bewusstseins-Level, können also eingangs der Verfolgung und zumindest am Ende einer solchen die schmerzliche Erfahrung anders zuordnen: Meist wissen sie, dass ihr Schicksal nicht einzig ist, sondern Teil einer gewaltigen Repressions-Maschinerie, die auf die Gleichschaltung und – schlimmer, falls diese nicht funktioniert – auf die Vernichtung von Menschen gerichtet ist oder diese Vernichtung zumindest billigend („im Namen höherer Ziele“) in Kauf nimmt.

So sehr also eine gewisse Ich-Bezogenheit nachvollziehbar ist, kann diese für sich nicht als Erklärung für eine unzureichende Transferierung eigener Befindlichkeit in die Öffentlichkeit ausreichen. Auch die immer wieder betonte Vergleichbarkeit der deutschen Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert und die damit einhergehende Forderung nach Gleichstellung der Opfer greift in diesem Zusammenhang zu kurz. Denn die reine Nachahmung des Verhaltens von Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen, die sich (ebenfalls) auf die Einmaligkeit erlittenen Unrechts berufen, schafft für sich noch keinen gleichwertigen Anspruch, so logifiziert diese Forderung auch vorgebracht werden mag.

In einem deutlichen Gegensatz zu den Opfern der NS-Diktatur sind die (meisten) Opfer der SED-Diktatur zu diesen geworden, weil sie nach den schrecklichen Erfahrungen, Erkenntnissen und Überlieferungen aus der NS-Zeit sich zu einem „Nie wieder!“ veranlasst sahen. Diesen Antrieb, diese Vergleichbarkeit hatten die NS-Opfer nicht. Stauffenberg einerseits und Sophie Scholl andererseits, die hier als weithin bekannte Beispiele für den Widerstand gegen das Hitler-System stehen, handelten aus der gereiften Erkenntnis „So nicht!“ oder „Nicht mit mir!“ Ihnen fehlte das (politische) Vorbild, sie handelten aus moralischer Entrüstung und ethischer Verpflichtung.

Diese Unterschiede im Ansatz schmälern keineswegs den Wert des Widerstandes gegen die eine oder andere Diktatur. Aber sie sollten in ihrer Auswirkung auf das nachträgliche Handeln sichtbar werden. Und hier liegt nach meiner Meinung einer der fundamentalen Gründe, wenn nicht der fundamentale Grund für das Missverständnis zwischen den Opfern der SED-Diktatur und der Öffentlichkeit.

Die behauptete Vergleichbarkeit beider System-Opfer und die damit einhergehende vergleichbare Verhaltensweise mit ihrer Flucht in die egomanische Einmaligkeit erlittenen Unrechts stellt sich unübersehbar als Mauer vor die moralische Pflicht, Unrecht nicht in Schubladen einordnen zu können oder mit dem Vermerk „Erledigt“ zu versehen. Wer denn anders als die Opfer hätten die Pflicht und auch den moralischen Anspruch, aus eigenem Erleben ihre Stimme zu erheben gegen neues, aktuell praktiziertes Unrecht? Gegen Gefahren, die der Freiheit, dem demokratischen Staat drohen durch die Unterhöhlung eherner Prinzipien und unveräußerlicher Rechte?

Haben wir, die Opfer kommunistischen Unrechtes, jemals die Stimme erhoben gegen bedenkliche Einschränkungen datenrechtlicher Unversehrtheit? Wer erinnert sich nicht an das öffentliche Gruseln und die Schauer über dem Rücken, als über die Medien die totale Überwachungs-Mechanik der DDR-Staatssicherheit verbreitet wurden, die ganze Straßenzüge erfassten? Haben wir unsere Stimme erhoben gegen die seit Wochen bekannte und offenbar mehrere Jahre andauernde nachrichtendienstliche Überwachung von Journalisten?

Natürlich danken wir unserem demokratischen Staatswesen viel, war dieser Staat letztlich beispielhafter Antrieb für unseren Einsatz gegen ein diktatorisches Regime. Ebenso sind die USA für die meisten der ehemaligen politischen Gefangenen Adresse für tief empfundenen Dank gegenüber einer Weltmacht, ohne die der Ausgang des Kalten Krieges zumindest ungewiss geblieben wäre. Aber entbindet Dankbarkeit von der Pflicht, permanent eigene Erfahrung einzubringen, unüberhörbar die Stimme zumindest dann zu erheben, wenn eherne Prinzipien, für die wir einst eingetreten sind, nun auch im einst zurecht gerühmten „Westen“ unter die Räder der Gleichgültigkeit zu geraten drohen? ( Stichwort: CIA-Flüge, Misshandlung von Gefangenen etc.) So anders eine Diktatur im Vergleich zu einem Rechtsstaat ist, so wach müssen wir (gerade deswegen) bleiben gegenüber den kleinsten Versuchen, diese vorhandenen Unterschiede zu verwischen. Gerade die tief empfundene, weil erlebte, Freundschaft zu einer großen Nation sollte uns eine kritische Begleitung ohne den Geruch des Antiamerikanismus ermöglichen.

Wenn es uns, den bisher tatsächlich in der Wahrnehmung schmählich behandelten Opfern der kommunistischen Diktatur, gelingt, im vorgetragenen Sinn als eine ernstzunehmende Stimme gegen jedwede Verletzung von Freiheitsrechten zur Kenntnis genommen und beachtet zu werden, wenn eine neue Nachdenklichkeit über die Beurteilung des Widerstandsverhaltens gegenüber dem NS-System einerseits und dem SED-System andererseits Raum gewinnt, dann sollte die eingangs zitierte gesellschaftliche Distanz kein Thema mehr sein.

Carl-Wolfgang Holzapfel

14.11.2005

Diese Niederlage Hitlers sollte man feiern

Gericht bestätigt Verbot von Neonazi-Demo / SZ vom 3.November

Als Betroffene, die jahrzehntelang dafür gekämpft haben, dass endlich der Tag des Mauerfalls gefeiert werden konnte, verbitten wir uns energisch jede Aneignung dieses Tages durch Neo-Nationalsozialisten! Wer heute noch den 9.November als Putschtag Hitlers gegen die Demokratie feiert, stellt sich nicht nur gegen  die Empfindungen und Überzeugungen eines ganzen Volkes, sondern gegen die eigene Geschichte! Und dann noch die Frechheit besitzen, zur Tarnung des ursprünglichen Vorhabens den „16.Jahrestag des Mauerfalls“  feiern zu wollen! Ohne Hitler hätten wir nie eine Mauer ertragen müssen, hätte es nicht tausende Opfer der Teilung unseres Landes gegeben!

Etwas anders ist es, wie wir mit dieser Neo-Nationalsozialistischen Propaganda umgehen: Wie Kaninchen  auf die Schlange starren wir auf den „Putsch vor der Feldherrnhalle“ von 1923 und rufen nach Verboten.

Besser und überzeugender wäre es doch, an diesem Tag (9.November) ganz bewusst auf die Straße zu gehen und die erfolgreiche Niederschlagung des ersten Anschlages der Hitler-Partei auf die Demokratie zu feiern! Im Gegensatz zu 1933 hat sich am 9.November 1923 der demokratische Staat noch mit Erfolg zur Wehr gesetzt! Das traurige Gegenstück 1938, die so genannte „Reichskristallnacht“, schmälert diesen Erfolg keineswegs, sondern hebt seine historische Bedeutung für unseren demokratischen  Staat, wie weitere Ereignisse in den Jahren 1848 (Ermordung Blums), 1918 (Ausrufung der Republik), 1948 (Uraufführung von Bechers Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ mit dem wundervollen „Deutschland, einig Vaterland“) und schließlich 1989 (Mauer-Öffnung) besonders hervor.

Wir sollten diesen neudeutschen braunen Grüppchen offensiv begegnen und diese statt mit hier und da (auch) notwendigen Verboten mit geschichtlichen Tatsachen konfrontieren. Eine Feier vor der Feldherrnhalle zum Jahrestag des Sieges der Demokratie über Hitlers Kolonnen durch alle demokratischen Gruppierungen wäre also die einzig richtige Antwort auf das widerliche braune Geplänkel!

Carl-Wolfgang Holzapfel

Vereinigung 17.Juni 1953 e.V.

Vorsitzender, Weil/Schwabhsn.

Süddeutsche Zeitung, Nr.262, Montag, 14.November 2005, „Briefe an den Münchner Teil“, Seite 45

13.11.2005

Ehem. US-Kommandant tot

Eugen K. Bird starb am 28.Oktober in Berlin – Beisetzung in aller Stille

cw –  Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der ehemalige US-Kommandant im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis, Eugen K. Bird am 28.Oktober in Berlin. Bird wurde 79 Jahre alt.

Dies teilte die Vereinigung 17.Juni 1953 mit, der Bird in den letzten Jahren freundschaftlich verbunden war.

Eugen K. Bird wurde am 11.März 1926 in Lambert, Montana/USA, geboren. Er trat 1944 in die US-Army ein und kämpfte bis zum Kriegsende gegen die Deutschen. Dabei war er u.a. an der Schlacht um Aachen beteiligt und überschritt als achter amerikanischer Soldat die weltberühmt gewordene Brücke  bei Remagen.

1947 wurde Bird Erster amerikanischer Wachoffizier im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis in Berlin, zu dessen Kommandant er 1964 ernannt wurde. In Spandau bewachten die vier Siegermächte USA, UdSSR, Frankreich und Großbritannien die in Nürnberg verurteilten Kriegsverbrecher. In den letzten Jahrzehnten wurde dort nur noch Hitlers Partei-Stellvertreter Rudolf Hess bewacht; nach dessen Tod am 17.August 1987 wurde das Areal abgerissen.

Bird hatte während seiner Amtszeit eine Vertrauensbasis zu Hess aufgebaut und darüber einen in 35 Ländern der Erde verlegten Bestseller geschrieben. Bis zu seinem Tod hielt Bird an seiner heftig umstrittenen Version fest, nach der der letzte Gefangene in Spandau ermordet wurde (u.a. Verlag Heitz& Höffkes, Essen).

Nach Angaben seiner Familie starb Eugen K.Bird, der Berlin nach seinem Ausscheiden aus der US-Army als Wahlheimat gewählt hatte,  „glücklich und in Übereinstimmung mit dem Erlöser Jesus Christus.“

Die Beisetzung findet in aller Stille im engsten Familienkreis statt. Die Familie bittet ausdrücklich darum, von Beileidsbekundungen am Grab Abstand zu nehmen. Dies entspräche dem ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen.

Die Vereinigung betrauert einen treuen Freund und Ratgeber. Sie wird das Andenken an Eugen K. Bird in Ehren halten.

V.i.S.d.P.: C.-W.Holzapfel, Vorsitzender, Anschrift w.o.

07.11.2005

Redaktion

Süddeutsche Zeitung

Sendlinger Str.8

D-80331  München

Dienstag, 8. November 2005

„Der neue Mythosdes 20.Jahrhunderts“, SZ 254 vom 4.11.2005, Seite 17

Sehr geehrte Redaktion,

sehr geehrte Frau Augstein,

die unzweifelhafte Häme, mit der Sie über die Opfer der DDR-Diktatur schreiben, ist erschütternd. Nicht, weil diese Häme einmalig ist. Diese deckt sich zweifellos mit den Ergüssen der sogen. Antifa, zum Beispiel in Internet-Foren (wie „anifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum e.v.“, ein Verein, der den Widerstand gegen das DDR-Regime mit „Antitotalitarismus als Konzept“ diffamiert).

Nur ist für den jahrzehntelangen Leser der SZ diese Übereinstimmung mit den Apologeten einer frisierten Geschichtsbetrachtung, wonach es „gute“ und „schlechte“ Diktaturen, vulgo „gute“ und „schlechte“ Verbrechen gebe (wobei hier stets nach „links=gut“ und „rechts=schlecht“ sortiert wird), neu. Ein demokratisches Flaggschiff deutscher Presse macht sich ohne Not auf, in trübe Gewässer einzutauchen, ohne Furcht und Tadel vor dem historischen Gestank unappetitlicher Jauche! Erstaunlich? Empörend!

Würden Sie auch so abfällig von einem „Hitler-Erinnerungswesen“ oder „Dritte-Reich-Erinnerungswesen“ schreiben, wenn sich Opfer dieser Diktatur zu Recht um die Bewahrung der steten Erinnerung an dieses mörderische System bemühen? Nein, wahrscheinlich nicht. Denn gerade das machen Sie ja überdeutlich: Für Sie ist die DDR ein freundlicher, etwas altertümlich gestrickter Staat (gewesen), in dessen Kuschelecke man sich gedanklich angesichts kapitalistischer Verformungen im jetzigen Deutschland nostalgisch räkeln kann. Was zählen da schon tausende Tote dieses Regimes, hunderttausende Opfer demokratisch gesinnter Menschen (z.B. aus SPD und CDU)? Und was zählen da geschichtliche Fakten, die unbedingte Treue eines Walter Ulbricht (und Genossen) zum Kommunismus stalinscher Prägung, der Millionen Menschen das Leben und noch mehr Menschen die Freiheit kostete?

Es tut ausgesprochen weh, wenn so intelligente Menschen wie Sie, die dazu noch einen verpflichtenden Namen tragen ( „Augstein“) oder für einen  solchen arbeiten

(„Süddeutsche Zeitung“), sich einer ungerechtfertigten Ideologisierung von Geschichte ausliefern. Die Krone setzen Sie dem Ganzen mit der (gewollten?) Gleichsetzung zu Rosenbergs unsäglichem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ auf. Der wollte damit die Verbrechen der Nationalsozialisten in ein logifiziertes strahlendes Licht setzen. Sie diffamieren mit dieser Gleichsetzung den Widerstand gegen eine deutsche Diktatur! Absurder, unethischer, schändlicher geht es wohl nicht mehr?

Mit freundlichen Grüßen

Carl-Wolfgang Holzapfel

Vorsitzender

Süddeutsche Zeitung Nr.254, Seite 17  vom  4.November 2005

Der neue Mythos des 20. Jahrhunderts

Die Bundesrepublik soll gut dastehen, die Erinnerung an die DDR wird

abgewickelt: Über den konzertierten Versuch, die deutsche Geschichte

umzuschreiben

Die Vergangenheit, heißt es, ist ein fremdes Land.  Dort herrschen Sitten und Gebräuche haben, die Zugereiste nicht durchschauen. In dieses historische Irgendwo verflüchtigt sich auch die DDR. Für manche Menschen ist dieser Staat indes noch so präsent wie eh. Dazu zählen jene, die eingesperrt und verfolgt wurden und sich damit nicht stille abfinden können. Von der Bundesrepublik erhoffen sich diese Leute die Anerkennung ihrer Lage und Entschädigung für das, was sie zu DDR-Zeiten auszustehen hatten.

Das Gedenken ist indes‘ von der NS- Zeit besetzt. So ergab sich eine unschöne Konkurrenz. Wer von den Nazi-Taten spreche, so fanden manche Opfer der SED-Diktatur sowie ihre Fürsprecher in Politik und Gesellschaft, der solle von den Verbrechen in der DDR nicht schweigen. In den 90er Jahren feierte die Totalitarismustheorie Urstände, nicht obwohl sondern weil sie die Frage nach fundamentalen Unterschieden zwischen linken und rechten Diktaturen a priori mit Nein beantwortet: Stets handelt es sich um Totalitarismen. Dass Regime und Diktaturerfahrungen verschieden sind, lässt sich mit Totalitarismustheorie nicht darstellen. Mit ihr ist eine differenzierte Betrachtung der SED-Herrschaft nicht möglich. In der Arztausbildung entspräche dieser Ansatz der Beschränkung auf das Credo: Ich bin gegen Krankheit.

Da Fördermittel stets beschränkt sind, legten viele Mitglieder auf dem Feld der DDR-Erinnerungskultur es darauf an, das Gedenken der Nazi-Verbrechen zugunsten der Erinnerung an die SED-Taten zurückzudrängen. Das konnten sie nicht durchsetzen. Jetzt buhlen Museen, Gedenkstätten und Vereine um das Geld, das der DDR-Geschichte gewidmet ist.

Vor zwei Wochen ging es in Weimar hoch her. Die Stiftung Ettersberg hielt eine Tagung ab. Das Thema: „Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur“. Die wichtigsten Repräsentanten des DDR-Erinnerungswesens trafen hier zusammen, und die von der Geldnot provozierten Streitigkeiten in der Gemeinde der DDR-Opfervertreter traten offen zutage. So sagte Rainer Eckert, Mitglied der „Expertenkommission zu Schaffung eines Geschichtsverbundes ´Aufarbeitung der DDR-Diktatur´“, es gebe zu viele Mauer-Museen. Damit hat Eckert Recht.  Überhaupt gibt es zu viele unprofessionell organisierte Institutionen, die mehr aus Überzeugung denn mit didaktischer und historischer Kompetenz geführt werden. Keine will das Nachsehen haben, also schlägt man die „weniger wichtige“ Konkurrenz fürs Sparen vor.

Eckert tat es diplomatisch. Hubertus Knabe hingegen, der Leiter der Gedenkstätte Hohen-schönhausen, sagte Marianne Birthler ins Gesicht, ihre Behörde gehöre abgeschafft; die 100 Millionen Euro, die sie im Jahr bekomme, sollten andernorts verteilt werden. Aber Knabe hat die Rechnung ohne die Bürgerrechtler gemacht, die 1990 die Erhaltung der Stasi-Akten erzwangen. Die Behörde wird vorerst fortbestehen, den Leuten zuliebe, die wollen, dass die Akten – wie der Historiker Martin Sabrow es beschreibt – „ein lebendes Denkmal“ bleiben.“

Darüber hinaus wird von der DDR wenig übrig bleiben. Der kleine Staat gerät zunehmend in Vergessenheit, nicht nur bei Jugendlichen, die sagen, von Erich Honecker noch nie gehört zu haben, sondern auch in der gesamtdeutschen Geschichtsschreibung. Zwar gibt es viele spezialistische Detailstudien, aber in den Gesamtschauen wird die DDR zu einer Episode.

Auf der Tagung in Weimar gab Horst Möller, der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, den Ton vor, wie die DDR künftig historisch einzuordnen sei: Die Westdeutschen, so legte er dar, seien immer gegen den Kommunismus gewesen. Der „intellektuelle Kommunismus“ – Möller meinte marxistisch inspirierte Ansichten Intellektueller – habe „keine Realität“ besessen. Die RAF-terroristen könne man nicht als Kommunisten bezeichnen.

Der 17. Juni statt „Auschwitz“

Das klingt bizarr, ist aber ein Baustein des bundesdeutschen Mythos, der heutzutage von einem Teil der , mit Möller gesprochen, intellektuellen Bundesrepublik gebastelt wird. So wenig die Westdeutschen mit dem Kommunismus je am Hut hatten, so wenig sollen diesem Mythos zufolge die Ostdeutschen es gehabt haben. Zum Beleg dieser Ansicht werden die Aufstände vom 17. Juni 1953 zu einer gescheiterten Revolution umstilisiert. Der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach, Mitglied vieler historischer Kommissionen, zählt zu denen, die heutzutage den 17. Juni als eine missglückte Revolution betrachten: Faulenbach zufolge hätten die Ostdeutschen schon 1953 das Joch der SED-Diktatur abgeschüttelt und den Anschluss an den Westen gefunden – wenn nicht die Sowjetunion sie daran gehindert hätte.

Weder im  Westen noch im Osten, so geht der Mythos der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, habe der Kommunismus Anklang gefunden. Die DDR wäre folglich ein Unfall gewesen, für den die Deutschen nicht das Geringste können.

Nichts Neues gibt es unter der Sonne. Diese Deutung arbeitet mit den gleichen Argumenten, die einstmals dazu dienten, die Nazizeit wegzureden. Die Hitler-Clique ausgenommen, hatte es keine Nazis je gegeben, und die „zwölf  dunklen Jahre“ waren ein Betriebsunfall.

Bernd Faulenbach selbst gebrauchte in Weimar das Wort „Gründungsmythos“, als er über den 17. Juni sprach. Der Tag diene dazu, den bisherigen Gründungsmythos „Auschwitz“ zu ersetzen. Das ist indes lediglich ein Stein im großen Bauwerk, an dem einige deutsche Geschichtspolitiker sich derzeit versuchen. Nach dem, was im Land zu hören und zu lesen ist, ruht die Neue Deutung Unserer Geschichte auf vier Pfeilern:

1.        Die DDR wird zu einer Fußnote in der gesamtdeutschen Geschichte.

2.        Weil man die Bürger der DDR nicht abwickeln kann, werden sie – mit Ausnahme der schwarzen Schafe, die bei Frau Birthler registriert sind – zu unschuldig Beteiligten erklärt. Dies geschah schon bei der Einrichtung der ersten Enquete-Kommission des Bundestages zum Thema DDR, von der Kommissionsmitglied Peter Maser erzählt,  man habe sich darauf geeinigt, dass die DDR eine Diktatur gewesen sei, für die nicht die Bevölkerung die Verantwortung trage.

So nett das war von der Kommission, so falsch ist die Lehre, die daraus gezogen wird. Sie lautet: Die   Ostdeutschen waren gegen den Kommunismus. Wer das unterschreibt, darf sich heute einen guten Deutschen nennen. Wer hingegen daran erinnert, dass die meisten DDR-Bürger sich irgendwie in  und mit ihrem Staat einrichteten,  der gilt als Ewiggestriger. Gelten soll: Weil (fast) alle DDR-Bürger den Staat bekämpften, haben (fast) alle am Ende auch die Revolution gemacht. Dass die meisten Demonstranten und Bürgerrechtler, welche die Öffnung der Mauer tatsächlich erwirkten, gar nicht den Anschluss an den Westen und seine Marktwirtschaft suchten, wird heutzutage unterschlagen. Dass Michail Gorbatschow einen sehr wichtigen Anteil am Gelingen dieser „Revolution“ hatte, darf auch nicht mehr wahr sein.

3.        Weil die DDR diskreditiert ist, darf der DDR-Antifaschismus, den dieser Staat zu seinem Gründungsmythos machte, nicht mehr anerkannt werden. Der Antifaschismus wird als „Instrument zur      Legitimierung der SED-Herrschaft“ abgetan. Dass viele SED-Bonzen jahrelang in NS-Gefängnissen und KZs einsaßen und es mit dem Antifaschismus ernst meinten, fällt zunehmend unter den Tisch. Vergessen Wolf Biermanns Wort an Honecker, es bleibe „da ein Rest von Respekt: Es haben dich die verfluchten Faschisten elf Jahre in Brandenburg eingesteckt“. Umgekehrt wird die westliche Pädagogik – den Befunden der Bildungsforschung zum Trotz – in den Himmel gelobt. Die „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit im  Westen hält Joachim Gauck für gelungen. Westliche Jugendliche seinen tief in ihrem Gemüt von Verständnis erfüllt worden, die Schüler im Osten hingegen hätten lediglich Floskeln gelernt.

4.        So wie die DDR-Geschichte in der deutschen Geschichte aufgehen soll, so muss der „real-existierende Sozialismus“ der DDR im Kommunismus aufgehen. Das Thema der Tagung in Weimar – „Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur“ – gibt die Richtung vor.

Die Neue Deutung Unserer Geschichte sieht es so: Alle kommunistischen Regime waren erfolglos und so unwandelbar repressiv, dass am Ende auch die Theorie, das Werk von Marx und Engels, überführt ist.  So pauschal denkt zum Beispiel Horst Möller, der sagt, siebzig unglückliche Jahre kommunistischer Regime zeigten ja an, das mit der Idee selbst etwas nicht stimme. Sofern Möller hier als Historiker spricht, strebt er danach, das politisch Spezifische der DDR zum Verschwinden zu bringen.

Diese vier Punkte beschreiben die Ecksteine einer Geschichtsbetrachtung, die durchaus einflussreiche Leute sich für die Bundesrepublik wünschen. Das Wenige, das von der retouchierten Geschichte dann noch durch den Firnis stäche, wäre nicht weiter betrachtenswert. Es gibt einen  Betriebsunfall und eine Fußnote; und auf dem Dritten Weg sind Deutsche nie gewesen, immer nur auf dem rechten. Viele Opfer der SED-Diktatur und viele ehemalige DDR-Bürgerrechtler, die ihre Aufgabe jetzt darin sehen, Ersteren zu ihrem Recht zu verhelfen, nehmen diese Geschichtsdeutung leider hin.

Der ehemalige Bürgerrechtler Ehrhart Neubert hat die Lage seinesgleichen auf den Punkt gebracht: Sie seien „Wächter“, sagte er in Weimar, er kenne indes „viele, die wollten gar nicht aufarbeiten. Die wollten ganz andere Politik machen.“ Neubert spricht heutzutage nicht mehr davon, dass er einst ein Verfechter des Dritten Weges zwischen Sozialismus und Marktkapitalismus war. Und er sagt auch nicht, wie es denn kam, dass die Bürgerrechtler auf die Aufarbeitung der Vergangenheit verpflichtet wurden. Er sagt nicht, dass dies mehr oder weniger der abgesprochenen Strategie der Politiker um Helmut Kohl entsprach, die den Bürgerrechtlern von ihrer Macht nichts abgeben wollten und sie stattdessen ins ehrsame Reservat des Gedenkens delegierten.

Was Neubert nicht einfällt, sagt Markus Meckel. Einst Mitbegründer der SPD in der DDR, ist er heute SPD-Bundestagsmitglied. Es sehe doch jetzt so aus, sagt Meckel, „als ob die Ostdeutschen nur zwei Schilder malen konnten. Auf dem einen stand ´Wir sind das Volk´. Auf dem anderen: ´Wir sind ein Volk´. Den Rest haben kluge westdeutsche Politiker gemacht“.

FRANZISKA AUGSTEIN

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