Eines der Organe für religiöse Bekundungen, die auch in der Kirche umstritten sind.

Eines der Organe für religiöse Bekundungen, die auch in der Kirche umstritten sind.

Berlin/Neustadt a.d.Weinstraße, 3.08.2014/cw – „Die Pfälzische Kirche steht … in der unheiligen Tradition, in der sie schon in der Vergangenheit dem jeweiligen Zeitgeist verfallen war und mit brutalen Methoden gottesfürchtige Menschen verfolgte und ihnen das Leben schwer machte. Wie sie im 19. Jahrhundert mit polizeilichen Mitteln die Pietisten verfolgte und sich in der Hitler-Zeit als unterwürfige NS-Kirche dem Nazi-Regime anbiederte, bekämpft sie heute wider dem Zeitgeist nicht verfallene, bibeltreue Pfarrer und deren Gemeindemitglieder.“

Das ist nicht nur starker Tobak sondern Zitat aus einem Brief des von der Landeskirche Pfalz ordinierten Predigers und Leiters der Stadtmission in Neustadt an der Weinstraße, Rainer Wagner, an den Kirchenpräsidenten Christian Schadt vom 17. Mai d.J. Wagner engagiert sich in seinem Brief mit diesen harschen Vorwürfen für den Pfarrer Ulrich Hauck. Der bibeltreue Pfarrer war im Rahmen einer Gemeindezusammenlegung durch eine Pfarrerin abgelöst worden; ein angestrengtes Verfahren gegen diese Ablösung war vor dem Kirchengericht gescheitert, die Presse berichtete.

Nun könnte der Inhalt des vorgen. Schreibens auf die kirchliche Ebene verschoben, als Angelegenheit der Landeskirche Pfalz betrachtet werden. Ganz so leicht ist dies jedoch nicht.
Rainer Wagner ist nicht ein einfacher Prediger in der Wüste der Verräter an der Bibel, wie er seiner Kirche auch schon vorgeworfen hat, sondern als Vorsitzender der „Regionalgruppe Südwestdeutschland und angrenzenden Elsass“ führendes Mitglied im Bibelbund. Er war von 1986–1999 Obmann der Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland e.V., in deren Reihen ein führendes Mitglied und einstiger Bundestagskandidat der NPD tonangebend war; Wagner ist seit 1998 Mitglied im Ständigen Ausschuss des Bibelbundes. Er ist darüber hinaus Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Neustadt/W. und überdies seit 1986 Mitglied des Landesvorstandes der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU Rheinland-Pfalz (seit 1998 Stellvertreter des Landesvorsitzenden), Vorsitzender des Beirates der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Mitglied des Beirates der Stiftung Berliner Mauer, seit 2007 Vorsitzender der „Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft UOKG“ e. V., und seit April 2014 auch Vorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS).

Armutszeugnis einer sogen. Volkskirche

Mithin gehört der Verfasser der „Stellungnahme an die Evangelische Kirche der Pfalz“ zum Führungspersonal der Verfolgten- und Opferszene der zweiten deutschen Diktatur. Seine Äußerungen können also nicht einfach abgehakt werden, zumal es sich nicht um die ersten Ausfälle des „bibeltreuen“ Funktionärs handelt. Die Verhaltensweise des zuständigen Oberkirchrates sei „ein Armutszeugnis einer sogenannten Volkskirche.“ Es sei „nur schwer erträglich, dass die Leitung der Evangelische Kirche der Pfalz mit der Abwahl von Pfarrer Hauck bewusst eine blühende Kirchengemeinde zerstört.“ Die Landeskirche habe „in einer Nacht- und Nebelaktion“ der nachfolgenden Pfarrerin die Ernennungsurkunde „zugeschanzt“, dies sei „alles andere als ein fairer, geschweige denn christlicher Umgang miteinander.“

Widerspruch? Religiös verbrämte Hetze gegen Homosexuelle und Freude über gemeinsames Auftreten mit Klaus Wowereit - Foto: LyrAg

Widerspruch? Religiös verbrämte Hetze gegen Homosexuelle und
Freude über gemeinsames Auftreten mit Klaus Wowereit – Foto: LyrAg

Der Prediger aus Neustadt versteht sich aus seinem Selbstverständnis heraus als Protagonist einer ausschließlich dem Wortlaut der Bibel verpflichteten sektiererischen Richtung in der Evangelischen Kirche und glaubt daher offensichtlich an die Richtigkeit seiner missionarisch gedachten Äußerungen über die Juden, die er bis heute von ihm unwidersprochen als „Knechte Satans“ bezeichnete. Auch die Wertung des Islam als heidnische Religion mit dem „erfundenen Namen Allah“ an der Spitze und dessem „falschen Propheten Mohammed“ entspringen wohl eher diesem missionarischem Eifer, als der rationalen Zurückhaltung eines politischen Funktionärs.

Erstaunlich dabei ist die bisher gezeigte Zurückhaltung von Verantwortlichen in der Politik, die sich ansonsten über viel weniger kompakte Äußerungen oder Zusammenhänge ereifert oder ereiferte (z.B. Hohmann, Jenninger, Hermann etc.). Das könnte auch daran liegen, daß diese Ebene bisher die religiöse Vergangenheit des Predigers nicht kennt oder bisher nicht zur Kenntnis genommen hat, was ja an sich auch nicht bedeutsam wäre, ständen da nicht die skandalös anmutenden Äußerungen im Raum. Erstaunlich allerdings angesichts der Tatsache, daß dies alles im Internet nachlesbar ist, auch wenn Rainer Wagner bereits mit Erfolg bei Wikipedia seine Juden- und Islam-feindlichen Äußerungen hat löschen lassen.

Gotteslästerliche und vom Satan aufgebrachte Irrlehre

So kann man unter „Rainer Wagner“ in Wikipedia bis heute noch unter „Theologische Positionen“ dies nachlesen: „Rainer Wagner ist ein biblizistischer Pietist und Kreationist. Wagner betrachtet die 2006 auf der Frankfurter Buchmesse eingeführte Bibelübersetzung „Bibel in gerechter Sprache“ als „gotteslästerlich“ und vom „Satan aufgebrachte Irrlehre“, da sie sich bezüglich Gottesbegriff nicht nur am Urtext orientiere, sondern bewusst weltanschauliche Motive einfließen lasse.“

Und unter „Evangelische Notgemeinschaft in Deutschland“, die 1966 in Stuttgart als Notgemeinschaft evangelischer Deutscher in der Rechtsform eines „e. V.“ gegründet und im Juni 1996 aus dem Vereinsregister wieder gelöscht , aber als Organisation noch 2008 benannt wurde, wird unter „Bekannte Mitglieder“ auch „Rainer Wagner, Vorsitzender der „Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft“ (UOKG), Bundesverdienst-kreuzträger am Bande, Vorstandsmitglied im Bibelbund“ aufgeführt. Die oft verbal in Anspruch genommene Trennung zwischen seiner „hauptberuflichen“ (religiösen) und seiner politischen Tätigkeit wird auch hier nicht deutlich. Diese mangelnde Trennung zeigte sich auch in der Bezichtigung ehemaliger DDR-Verfolgter auf einer UOKG-Veranstaltung, als er diese ebenfalls als „Knechte Satans“ bezeichnete. Von den vielfältigen terminlichen Verpflichtungen in seinem religiösen Bereich ganz zu schweigen, die eine ernsthafte Wahrnehmung seiner „weltlichen“ Aufgaben, insbesondere seiner Vorstandsfunktionen in der UOKG und der VOS zumindest fraglich erscheinen lassen. Neben seiner von ihm ausgewiesenen Lehrtätigkeit in Kirgisien, Usbekistan und der Ukraine stehen aktuell religiöse Termine in Kanada und zahlreiche Vorträge  z.B. im September und Oktober d.J. auf biblizistischen Veranstaltungen an („Lutherischer Gemeinschaftsdienst“, 19.-21.09.2014; drei Vorträge / Süddeutsche Tagung „Christusnachfolge aktuell“, 17. -19.10.2014; drei Vorträge).

Brief an DDR-Goebbels, von der Hetze gegen Israel abzulassen

Die UOKG hat vermutlich infolge anhaltender Kritik an Wagners religiös motivierten Juden- und Islam-Äußerungen vor wenigen Tagen eine Erklärung in ihre Homepage eingestellt (http://www.uokg.de), die jegliche Form von Antisemitismus verurteilt. Zur Unterstreichung wurde zusätzlich die „Abschrift“ eines Briefes an Karl-Eduard von Schnitzler, dem medialen Goebbels der DDR, vom August 1981 eingestellt, in dem der 30jährige Wagner dem als „Sudel-Ede“ bezeichneten DDR-Kommentator rät, „von der Hetze gegen Israel“ abzulassen.
Warum – im Gegensatz zum seinerzeitigen DDR-Urteil gegen Wagner – nur eine Abschrift veröffentlicht wird, ist hier nicht das Thema. Vielmehr muß festgestellt werden, daß sich der in der Öffentlichkeit wirkende Verbandsfunktionär bisher trotz mehrfacher Aufforderungen mit keiner Silbe von seinen unsäglichen Äußerungen gegen die Juden, den Islam und anderen Religionen distanziert hat. Keiner, auch wir nicht, bezeichnet Wagner bisher als Antisemiten. Aber seine Äußerungen sind dazu geeignet, potentielle Antisemiten zu ermuntern, ihr unheilvolles Handwerk, gestärkt durch die Worte eines von der Kirche ordinieren Predigers und führenden Funktionärs anerkannter Verfolgten- und Opferverbände, fortzusetzen. Nicht von Ungefähr findet Wagner auch unter einigen Opfern von SED-Verbrechen Zustimmung für seine spezifischen Äußerungen.

Lothar Scholz (Mitte), vormaliger stv. UOKG-Vorsitzender, gehört zu den unbeugsamen Kritikern Rainer Wagners, hier 2008 mit  Ministerin Prof. Johanna Wanka (re.) und der Historikerin Ines Reich - Foto: LyrAg

Lothar Scholz (Mitte), Workuta-Veteran und vormaliger stv. UOKG-Vorsitzender, gehört zu den unbeugsamen Kritikern der Äußerungen Rainer Wagners, hier 2008 mit Ministerin Prof. Johanna Wanka (re.) und der Potsdamer Historikerin Ines Reich – Foto: LyrAg

Unsägliche Eintragungen in einem Blog aus der Umgebung von Neustadt, in denen dazu aufgefordert wird, Schweine durch die (örtliche) Moschee zu treiben (eine unbeschreibliche Beleidigung des Islam), könnten ebenfalls Ergebnisse unheilvoller, durchaus als Hetze verstandener Äußerungen sein. Wagner hat bisher auch diesen Eintragungen in seinem Wirkungs-Umfeld in Neustadt nicht widersprochen.

Religiöse Bedürfnisanstalt

Eine der vielen Schlüssel zum Wagnerischen Verständnis über den Transport von Wahrheiten könnte auch in dieser Aussage unter der zitierten „Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland“ liegen:

2007 stellte die EKD ein Reformpapier zur Umstrukturierung der kirchlichen Arbeit vor dem Hintergrund neuer gesellschaftlicher Bedingungen vor. Robert Meskemper, Vorsitzender der ENiD warf daraufhin der Evangelischen Kirche in Deutschland vor, sie verkomme zu einer „religiösen Bedürfnisanstalt“. Er warf der Kirchenleitung vor, das Ende der protestantischen Gemeinden und die Selbstauflösung der evangelischen Kirche zu betreiben.“

Und zum Selbstverständnis gegenüber der Vergangenheit:

Teilweise sieht sich die Evangelische Notgemeinschaft in der Tradition der Bekennenden Kirche, wie durch die Namensgebung des Walter-Künneth-Instituts, einem eingetragenen Verein, deutlich wird. Dabei bezieht sich die Notgemeinschaft auf die konservativen Teile der Bekennenden Kirche, die den Einfluss des NS-Regimes auf die Kirche ausschließlich aus Gründen des Bekenntnistreue und nicht wegen dessen Antisemitismus ablehnten.“

Die vorangeführte kleine, aus Platzgründen unvollständige Auslese aus der Vita eines umtriebigen Funktionärs lässt den Rückschluss zu, dass hier eine unumgängliche Trennung zwischen der religiösen Mandatierung und den weltlichen Funktionen als notwendig erscheint. Die Positionen sind wegen der hier aufgezeigten Inhalte unvereinbar. Da Wagner selbst bisher eine Trennung zwischen beiden Polen ablehnt, weil er diese für vereinbar hält, müsste ihm dies von verantwortlicher Seite angetragen werden. Eine Abwahl oder Abberufung aus den diversen (weltlichen) Positionen wäre die ultima ratio für den Träger des Bundesverdienstkreuzes (2004) und steten Gast im Schloss Bellevue. (834)

Siehe auch:

Reportage bis 05.08.14 unter:
http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/die-story-im-ersten-mission-unter-falscher-flagge-100.html

WIEDERHOLUNGEN
tagesschau24, 7. August 2014, 20:15 Uhr
tagesschau24, 8. August 2014, 07:45 Uhr

oder:

http://www.youtube.com/watch?v=95ESpJn4Szs

 

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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