You are currently browsing the tag archive for the ‘Zeitzeugen’ tag.

von Martin Sachse*

Berlin, 20.03.2018 – Dr. Karl-Heinz Bomberg ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und auf Spätfolgen politischer Repression spezialisiert. Die politische Verfolgung in der ehem. DDR ist dabei ein Schwerpunkt seiner psychoanalytischen fachärztlichen Tätigkeit.

Das im Februar 2018 editierte Buch „Heilende Wunden“ umfasst neben wissenschaftlichen Exkursen zu den Themen Resilienz, Traumatisierung, Psychotraumatologie auch Therapieformen – so die Sinnestherapie und Psychoanalyse. Die Formen der Bewältigung beziehen dabei auch die Spiritualität und Religion, die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Trauma und das soziale Netz ein. Der Ansatz des Autors ist damit ein ganzheitlicher. Das Buch gibt einen Einblick in die komplexe Problematik. Fallbeispiele ergänzen seine Ausführungen.

Damit hat der Autor erneut ein wichtiges Werk vorgelegt, dass für Therapeuten und die Wissenschaft wichtige Impulse gibt – für Betroffene ist es begleitende Unterstützung bei der Bewältigung ihrer seelischen Verwundungen infolge erlittenes Unrecht.

Der Autor beginnt seine Ausführungen mit biografischen Notizen und eigenen Erfahrungen mit politischer Verfolgung. Zur Bewältigung von Traumata notiert er: „Allgemein gilt: Die Psyche ist nicht so stabil wie die Körpertemperatur. Wird ihr zu stark zugesetzt, so ist der entscheidende Punkt die Symbolisierung dieses Traumas. Das Erlebte muss in heilsame Gedanken gebettet werden.“ So wird auch schnell klar, dass Re-Traumatisierungen infolge verweigerter Anerkennung erlittenen Unrechts und antidemokratische wie autoritäre gesellschaftliche Entwicklungen der Resilienz entgegenstehen.

Im Buch wird der Zusammenhang der Art und Stärke des Traumas in Relation zu den Verarbeitungs- und Bewältigungsmöglichkeiten aufgezeigt. Hier zeigt sich auch der Gewinn des Buches durch die jahrelange praktische Erfahrung des Autors mit Betroffenen. So verbindet der Autor immer wieder persönliche Erfahrungen und Therapieansätze mit wissenschaftlichen Exkursen. Es ist ihm zu danken, dass er die Vielfalt der Betroffenen in den Fokus rückt und nicht Opfergruppen gegeneinander ausspielt.

Humor und Versöhnung

Der Autor gibt weiteren Bewältigungsformen breiten Raum. Dazu gehören Humor und Versöhnung. Humor und Freude am Leben bleiben nach schwerer und/oder langanhaltender politischer Verfolgung oft auf der Strecke. Auch die Stasi wusste diese Erkenntnis zu nutzen und so hörten Menschen in Verhören nicht selten den Ausspruch: „Ihnen wird das Lachen noch vergehen“. Dr. Bomberg setzt die Bedeutung des Humors für die Bewältigung von Traumata auch hier in den Kontext persönlicher Bewältigungsstrategien und ergänzt diese durch eigene Gedichte und Sentenzen, wie im folgenden Beispiel:

“Beide können gut hören.
Der Psychologe gut zuhören.
Der Sicherheitsbeamte gut abhören.“

Das Kapitel zu weiteren „Bewältigungsformen/Humor und Versöhnung“ wird mit persönlichen Erfahrungen des Autors und einem wissenschaftlichen Exkurs eingeleitet. Die Bedeutung des Lächelns bei Kindern wird dabei ebenso angesprochen, wie auch „Humor und soziale Kompetenz“ sowie die „Theorien des Humors“ und „Humor in psychotherapeutischen Ansätzen“.

Trotz der Wissenschaftlichkeit der Ausführungen erschließt sich dem Leser der Inhalt durch die klar gegliederten Ausführungen und Quellenbezüge. Der Autor beschreibt die Rolle des Humors in der Psychoanalyse. Er bezieht sich u.a. auf Sigmund Freud und seine Schriften „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ sowie „Der Humor“ und führt aus: „Freud hatte schon frühzeitig erkannt, dass die Dynamik der Witzentstehung eine enge Affinität zum primärprozesshaften Traumdenken aufweist und sich ähnlicher Vorgänge bedient (Verdichtung, Verschiebung, Doppelsinn)“ (S. 68).

Bomberg war auch immer Musiker, Liedermacher und Lyriker, bereits in der Zeit der ehem. DDR. Autobiografisch notiert er zu seiner Armeezeit bei der NVA: „Meine Armeezeit hätte ich ohne Trompete nicht überlebt (..). (S. 79 f.)

Die im Buch angefügte Lyrik und Gedichte prägte eine ganze Generation von Oppositionellen der ehem. DDR. So die Lyrik von Reiner Kunze (Der Vogel Schmerz, 1963/1996), Wolf Biermann (Was wird bloß aus unsern Träumen, 1981) oder Jürgen Fuchs (Auf dem Weg zum Briefkasten, 1978). Im Kapitel „Psychoanalyse und künstlerische Kreativität“ geht der Autor auf den wichtigen Zusammenhang zwischen künstlerischer Auseinandersetzung und der Psychoanalyse ein. Bomberg: „Kreativität schafft und zerstört. Beide Seiten wohnen ihr gleichermaßen inne: Sowohl konstruktive als auch destruktive Wirkungen werden ihr stets zu eigen sein.“

Soziales Netz

In der Einleitung des Kapitels „Soziales Netz“ schreibt Bomberg: „Ein soziales Netz ist die Gesamtheit der sozialen Beziehungen, die ein Mensch mit anderen Menschen eingeht. In der Familie, später im Kindergarten, in der Schule, dann in verschiedenen Lehrstellen sind wir immer wieder in soziale Systeme eingebunden. Der Ort, das Land, der Erdteil und schließlich die Erde selbst bilden den Rahmen für unsere Existenz.“

Transgenerationale Sicht

Sehr persönlich geprägt ist das Kapitel: „Transgenerationale Sicht“. Dort kommen die Kinder des Autors zu Wort, der durch eigene Verfolgung in der ehem. DDR geprägt wurde und weil gerade Kinder darunter besonders leiden mussten. Die Ausführungen der Kinder von Bomberg machen betroffen. Der Mut der Kinder, über das Erlebte zu schreiben, wie auch der Mut des Autors eine „transgenerationale Sicht“ zuzulassen, verdienen höchsten Respekt.

Fallbeispiele

Im Kapitel: „Fallbeispiele“ kommen Betroffene selbst zu Wort. Die Authentizität der Berichte und „Zustandsbeschreibungen“ über erlittene Haft, Heimaufenthalt, Psychiatrieeinweisungen und anderen Formen der Repression und Zersetzung sind von einer emotionalen Dichte, die betroffen macht. Auch für Freunde und Angehörige sind die Erfahrungen Betroffener im Sinne der transgenerationalen Weitergabe von immenser Relevanz.

Viele der politisch Verfolgten der ehemaligen DDR leiden bis heute an einer PTBS (Posttraumatischen Belastungsstörung). S. beschreibt im Buch das Gespräch mit einem Gutachter wegen der Anerkennung seiner Versorgungsansprüche. Zitat: „Der Kollege sagte ihm, dass die PTBS wie ein Holzwurm sei. Sie frisst und frisst“. Von der Unterstellung, sich lediglich nur Versorgungsleistungen erschleichen zu wollen bis zur Konfrontation mit belasteten oder voreingenommenen Gutachtern findet sich hier die gesamte Bandbreite an Verantwortungslosigkeit gegenüber schwer traumatisierten Betroffenen. Das Buch „Heilende Wunden“ soll Wege aufzeigen, mit dem Erlebten umzugehen. Das vorliegende Buch ist hier eine wichtige Hilfestellung, sowohl für Therapeuten als auch für Betroffene. Die Versäumnisse der Politik und Aufarbeitung kann es allerdings nicht kompensieren.

Der Autor widmet sich auch seiner eigenen Biografie, was dem Buch eine weitere Tiefe gibt. Er wechselt sozusagen die Seiten. Im Kapitel OV „Sänger“ notiert er seine eigenen Erfahrungen und die Verfolgung in der ehem. DDR. Bomberg bezieht hier ebenso Stellung zu aktuellen Tendenzen der Gesellschaft und schreibt (Zitat, S. 168):

„Die Spaltung der Gesellschaft ist eine Gefahr. Eine Gesamtidentität ist für eine lebendige Demokratie erforderlich. Nichts ist jemals einfach: In der DDR gab es zwar weniger Freiheit, dafür aber mehr >Einbettung<. Allerdings war diese an einen Kommandeur gebunden, der einem sagt, wo es langgeht. Dies ist in Diktaturen eine typische Erscheinung. Früher musste immer ein Genosse zugegen sein, heute ist es ein Techniker.“ Bomberg führt weiter aus: „Freiheit und Demokratie sind nicht selbstverständlich. Politische Haft kann in diese Hinsicht widerstandsfähiger machen. Aktivitäten helfen, um aus der Opferposition herauszukommen. Kunst setzt Wirkung. … Hafterfahrung macht stark. Wer flüchtet schon gerne?“

Die im Buch hinterlegten Lied- und Verszeilen des Autors sind zugleich Dokumente und literarische „Zeitzeugen“. Sie sind eine Art „poetisches“ Gleichgewicht zu den wissenschaftlichen Ausführungen und Analysen. Das Buch schließt mit der Vorstellung von Institutionen, die sich der Aufarbeitung widmen, einem ausführlichen Literaturverzeichnis und einem Anhang mit Abbildungen der künstlerischen Arbeiten.

Fazit

Die Verhaltensmuster von Menschen und politischen Systemen wiederholen sich in den geschichtlichen Abläufen. Und sie grenzen immer wieder Menschen aus und führen zur Verfolgung Andersdenkender. Bomberg will mit seinem Werk „Heilende Wunden“ Hoffnung machen, dass dieser Teufelskreis eines Tages durchbrochen werden kann.

Mit seinem Buch macht Bomberg den Menschen Mut, sich Verwerfungen der Gesellschaft entgegenzustellen. „Heilende Wunden“ ist ein gewichtiger Beitrag zur Aufarbeitung, Analyse und Bewältigung politischer Traumatisierung. Es zeugt vom großen Respekt gegenüber den Opfern politischer Verfolgung. Nicht zuletzt liegt auch darin seine Stärke.

Dr. Karl-Heinz Bomberg, Buchreihe: Forum Psychosozial, Verlag: Psychosozial-Verlag, 245 Seiten, Broschur, Februar 2018, ISBN-13: 978-3-8379-2775-7, Bestell-Nr.: 2775, 24,90 €
* Der Autor ist selbst Opfer der Stasi-Diktatur. Der professionelle und leidenschaftliche Fotograf (ullstein) betreibt unter http://www.medienfabrik-b.de/fotografie/bild012.html ein eigenes Forum. Die vorliegende Buchbesprechung ist redaktionell verkürzt. Sie ist vollständig nachzulesen unter: https://text030.wordpress.com/2018/03/19/heilende-wunden-wege-der-aufarbeitung-politischer-traumatiserung-in-der-ddr/

© 2018 Martin Sachse u. Redaktion Hoheneck (Kürzungen), Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.365).

Berlin, 15. Juni 2017/cw – Zum diesjährigen 17. Juni, dem Gedenktag an den Volksaufstand in Mitteldeutschland von 1953, veranstaltet die BStU einen Aktionstag. Unter dem Titel „Aufruhr in der Diktatur“ werden am kommenden Samstag, 17. Juni 2017, von 16:00 – 22:00 Uhr in der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Ruschestr.103 in Berlin-Lichtenberg (U-Bhf. Magdalenenstraße) Diskussionsrunden angeboten, Filme und Dokumente zum Thema gezeigt und Führungen durchgeführt. Mitveranstalter dieser seit vielen Jahren umfangreichsten Veranstaltung zum Volksaufstand sind u.a. das Stasimuseum Berlin, die Gedenkstätte Hohenschönhausen, die Robert-Havemann-Gesellschaft und die UOKG.

Die in Berlin  ansässige Vereinigung 17. Juni, der nach dem Aufstand begründete und am 3. Oktober 1957, also vor sechzig Jahren in das Vereinsregister eingetragene historische Veteranen-Verein begrüßte ausdrücklich die „umfangreiche öffentliche Präsentation“ des Themas nach Jahrzehnten des „beschämten  Schweigens“ im ehemaligen „Zentrum der Unterdrückung“. Kritisch sieht der Vorstand „die vertane Chance, noch lebende Zeitzeugen in die Gestaltung dieses wichtigen Events einzubeziehen. Wir haben vor wenigen Tagen mit Hardy Firl erneut einen  Teilnehmer am Aufstand zu Grabe getragen. Die Chance, noch lebende Zeitzeugen dieses herausragenden Ereignisses in der Deutschen Geschichte der heutigen Generation vorzustellen und mit diesen ins Gespräch zu kommen, wurde einmal mehr vertan,“ erklärte der Vorstand heute in Berlin.

V.i.S.d.P.: VEREINIGUNG 17.JUNI 1953 e.V., Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.255).

Berlin/Potsdam, 6.04.2013/cw – Die Tageszeitung „Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ)“ mit Sitz in Potsdam sucht Zeitzeugen, die den Volksaufstand vom 17. Juni in Brandenburg erlebt haben. Unsere Vereinigung begrüßt diese Aktion und bittet um entsprechende Teilnahme.

Der Aufruf hat folgenden Wortlaut:

Erinnerungen an dramatische Tage

In den Tagen um den 17. Juni 1953 beteiligten sich viele Brandenburger an Streiks und Demonstrationen. Anlässlich des 60. Jahrestages des Volksaufstandes sucht die MAZ nun Zeit- und Augenzeugen.

Schreiben Sie uns! Wer ging wann und wo auf die Straße? Wie reagierten Polizei und Besatzungsmacht? Was geschah mit den Verhafteten? Wie beeinflusste das Geschehen den Alltag nicht unmittelbar Beteiligter?

Die Beiträge werden in der MAZ veröffentlicht. Fotografien, sofern vorhanden, sind natürlich besonders erwünscht. Die Texte können per Post oder E-Mail geschickt werden.

Die Adresse: Märkische Allgemeine, Ressort Kultur, Kennwort „1953“, Friedrich-Engels-Straße 24, 14473 Potsdam oder kultur@MAZonline.de. Weitere Informationen unter

0331/2840351. Einsendeschluss ist der 3. Juni 2013.

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12497355/63369/Erinnerungen-an-dramatische-Tage.html#

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin (Für den wiedergegebenen Inhalt des Aufrufes „Erinnerungen an dramatische Tage“ ist die MAZ verantwortlich (siehe vorstehenden LINK).

Berlin, 6.03.2013/cw (605) – Die Vereinigung 17. Juni startet am 17. März „Gespräche mit Zeitzeugen“ vom Volksaufstand am 17. Juni 1953. Die für das gesamte Jahr aus Anlass des 60. Jahrestages konzipierte Veranstaltungsreihe sollte bereits im Januar beginnen. „Wegen gesundheitlicher Probleme, die bei dem hohen Alter unserer Gesprächspartner nicht ausszuschließen sind, kam es zu unvorhergesehenen Verzögerungen,“ sagte heute eine Vereinssprecher. Jetzt sei man froh, „die sicherlich spannenden Erlebnisse“ der Zeitzeugen Interessenten präsentieren zu können. Um eine Termin-Planung zu erleichtern, wurde als jeweiliger Veranstaltungstermin der 17. eines jeden Monats am gleichen Veranstaltungsort festgelegt. „Lediglich am 17. Juni selbst könnte es wegen diverser Veranstaltungen, u.a. Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße mit Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angele Merkel, zu einer Verlegung kommen,“ heißt es in der Mitteilung der Vereinigung.

Renate Weiss (85) erlebte den Aufstand in Berlin-Pankow

Renate Weiss (85) erlebte den Aufstand in Berlin-Pankow

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 30.01.2013/cw – Wir erinnern uns: Nicht nur in der Gedenkstätte des ehem. KGB-Gefängnisses in der Potsdamer Leistikowstraße entbrannte ein Streit zwischen Historikern und Zeitzeugen um die reale Präsentation erlebter Geschichte. Sie mündete seinerzeit in die Feststellung von Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, die Zeitzeugen seien die schlimmsten Feinde der Historiker.

Morsch stieß auf empörte Proteste der Zeitzeugen, die den Historikern, hier aus gegebenen Anlass der für die Gedenkstätte Leistikowstraße verantwortlichen Dr. Ines Reich vorwarfen, diese würde angeblichen historischen Erfordernissen folgend die Erlebnisse der Zeitzeugen hintanstellen oder gar verfälschen.

Irritierungen über Angaben im Programm

Irritierungen über Angaben im Programm

Mittlerweile scheinen sich neue Sichtweisen auf den zweifellos schwierigen Komplex zu ergeben. Immer häufiger wird einigen Zeitzeugen vorgeworfen, es mit der Wahrheit nicht genau zu nehmen oder gar Berichte anderer Zeitzeugen in die eigene Vita „einzubauen“. Betroffene der SED-DDR-Diktatur befürchten  durch diese „eigenwillige Geschichtsdarstellung“ eine schleichende Aushöhlung der Glaubwürdigkeit und „Wasser auf die Mühlen Ewiggestriger.“ So diffamieren alte Stasi-Kader schon seit längerer Zeit Gedenkstätten mit ihrem Angebot von Zeitzeugen-Vorträgen als „Werkstätten der potenzierten Lügen“.

„Das aber schadet dem Ansehen aller Verfolgten der SED-Diktatur,“ stellt eine ehemalige Insassin des Frauenzuchthauses Hoheneck der DDR fest: „Wir haben individuell und gemeinsam so viel Schlimmes erlebt, dass es keiner Aufbereitungen oder Hinzufügungen bedarf, um diese Erlebnisse glaubwürdig erscheinen  zu lassen.“

Angeblicher Aufenthalt in der Wasserzelle Hoheneck

In der Tat haben sich erstmals Zeitzeuginnen zusammengetan, um gegen Lügen  und Verfälschungen vorzugehen. In einem gemeinsamen Schreiben wandten  sich elf von fünfundzwanzig Frauen, die als ehemalige Frauen von Hoheneck in einem Buch portraitiert worden waren, an den  Verlag und forderten die Berichtigung offensichtlicher Unwahrheiten. Anderenfalls, so die Frauen in ihrem bereits vor mehreren Wochen verfassten Schreiben, würden sie ihr Einverständnis zur weiteren Nutzung der eigenen Vita für dieses Buchprojekt zurückziehen.

Hintergrund war der Bericht einer Haftkameradin, die von einem Aufenthalt in der Wasserzelle im Zuchthaus Hoheneck berichtete, obwohl diese nie in dieser Wasserzelle war, was sie später auch selbst einräumte. Die gleiche Zeitzeugin wird nun im Programm der zitierten Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam für den 25. September als „ehemalige Inhaftierte des Speziallagers Sachsenhausen und des Gefängnisses Hoheneck“ angekündigt, obwohl sie erst 1953 verhaftet und das Speziallager des KGB bereits 1950 aufgelöst worden war. Nun macht sich unter den ehemaligen Frauen von Hoheneck Empörung breit, zumal die angeführte Zeitzeugin in ihrer „Repräsentations- und damit Vorbildfunktion“ für die betroffenen Frauen bereits seit längerer Zeit in der Kritik steht.

Verschiebungen in den rückwärtigen Wahrnehmungen

Ein weiteres Beispiel „einer gewissen Selbstverliebtheit in die eigene Geschichte“ bot ein einstiger 16jähriger Lehrling, der als Zeitzeuge des 17. Juni auf einer Veranstaltung im Bundesfinanzministerium präsentiert wurde. Im Kontrast zu seinen eigenen bisherigen Berichten gegenüber dem Autor, die dieser u.a. auch im Buch „Blackbox der DDR“ (Ines Geipel/Andreas Petersen, 2009) veröffentlicht hatte, berichtete der heute 75jährige neben anderen „Ergänzungen“  darüber, daß er während der damaligen Ereignisse „auch Steine geworfen“ habe.

Variable Erinnerungen?

Variable Erinnerungen?

Vielleicht meinten Morsch, Reich und Kollegen ja diese „Verschiebungen  in den rückwärtigen  Wahrnehmungen“ von Zeitzeugen, als sie die Priorität historisch belegter Tatsachen hervorhoben. Gefehlt hat ihnen jedenfalls die Sensibilität gegenüber einstigen  Opfern, die vielfach auch von Geschehnissen „aus eigenem Erleben“ überzeugt sind, die sie anderen Erlebnissen entliehen haben. Die zweifellos vorhandenen traumatischen Erfahrungen der Zeitzeugen bedürfen einer historischen Analyse, ohne die berechtigten  Anliegen dieser Menschen auf authentische Bezeugung ihrer Verfolgung zu negieren oder diese Zeugen gar als „Feinde“ zu klassifizieren.

Der behutsame Umgang mit den vielschichtigen  „Wahrheiten“ sollte es ermöglichen, zwischen Zeitzeugen und Historikern „auf Augenhöhe“ einen unerlässlichen und gleichberechtigten Dialog zu führen. Dabei sollten Historiker und hier die verantwortliche Ines Reich allerdings mit gutem Beispiel vorangehen und zumindest in  ihren Veranstaltungsprogrammen nur Veröffentlichungen vornehmen, die wissenschaftliche Seriosität belegen. So wird eine solche Ankündigung, wie der einer angeblichen  Insassin des Speziallagers Sachsenhausen (Jahre nach dessen Auflösung), zum offenen Ärgernis für eine Sparte, die gerade gegenüber den Zeitzeugen ihre gründliche wissenschaftliche Arbeitsweise betont. Mit dieser Schludrigkeit werden genau jene unguten Auswüchse der subjektiven Erinnerungsleistung gefördert, der man vorgeblich durch exakte eigene  wissenschaftliche Arbeit begegnen will.

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“, Tel.: 030-30207785

April 2018
M D M D F S S
« Mrz    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Blog Stats

  • 547,463 hits

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 93 Followern an