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Teheran/Wien, 6.04.2016/cw – Der Präsident des iranischen Parlamentes, Ali Larijani, hat jetzt eingeräumt, dass der für den 30.März angesetzte Besuch des Staatspräsidenten Hassan Rohani in Österreich wegen der angekündigten Kundgebung iranischer Oppositioneller abgesagt wurde. Die Organisation der Volksmodjahedin Iran (PMOI/MEK) wollte u.a. dagegen protestieren, dass seit Rohanis Amtsantritt im Jahre 2013 allein 2300 Menschen im Iran hingerichtet worden sind. Auch Amnesty International hatte jüngst in ihrem Bericht auf die internationale Spizenposition des Iran bei vollstreckten Todesstrafen hingewiesen. Rohani hatte die Hinrichtungen ausdrücklich als Beispiele für die Erfüllung der „Gebote Gottes“ und der „Gesetze des Parlaments, das dem Volk gehört“ gerechtfertigt.

Über die Gründe der Absage aus Teheran berichteten übereinstimmend die staatlichen iranischen Nachrichtenagenturen ISNA und Tasnim am vergangenen Samstag. Zuvor hatten österreichische Zeitungen die Ablehnung der Wünsche aus Iran durch die Wiener Regierung veröffentlicht.

Die iranischen Demonstranten hatten am Mittwoch letzter Woche andere europäische Regierungen und die Europäische Union dringend aufgefordert, ihre Beziehungen zum iranischen Regime von der Beendigung der Hinrichtungen und Menschenrechtsverletzungen im Iran abhängig zu machen. In Sprechchören riefen die Anhänger des iranische Wideratndes: „Rohani ist ein Terrorist“; „Khamenei ist ein Terrorist“ und „Nieder mit dem Prinzip der klerikalen Herrschaft im Iran“. Die Kundgebung wurde vom Menschenrechtszentrum für Opfer des Fundamentalismus organisiert, die die PMOI unterstützt, welche sich als Hauptopposition des Iran und als die zentrale Kraft des Nationalen Widerstandsrates Iran (NWRI) versteht.

Shahin Gobadi vom Auswärtigen Ausschuss des Nationalen Widerstandsrates Iran, erklärte zur kurzfristigen Absage des Staats-Besuches, dass die Absage deutlich zeige, wie besorgt die Mullahs über den wachsenden Einfluss des iranischen Widerstandes im In- und Ausland sind. „Ihre Angst hat einen Punkt erreicht, an dem das Regime nicht einmal mehr seine Sorge über eine Demonstration des Widerstandes verbergen kann, die tausende Kilometer vom Iran entfernt stattfindet.“ Teheran sehe sich bereits gezwungen, höchste wichtige diplomatische Anlässe abzusagen.

Beobachter sehen indes ernshafte Probleme für das Selbstverständnis der Europäischen Union. Erst jüngst hatte der türkische Präsident versucht, durch die Einbestellung des Deutschen Botschafters in Ankara Einfluss auf kritische Berichterstattungen in Deutschland zu nehmen und diese untersagen zu lassen. Auf der anderen Seite ist die EU nicht zuletzt unter der Federführung Deutschlands bemüht, die Beziehungen zur Türkei wesentlich zu verbessern, um die akute Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. Auch die Beziehungen zu dem autokratischen Mullah-Regime im Iran sollten nach dem erfolgreichen Abschluss der sogen. Atom-Gespräche auf eine neue Grundlage gestellt werden. Die jüngsten antidemokratischen Vorstöße aus Teheran und Ankara stellten nunmehr die Grundsätze der EU auf den Prüfstand. Diese würde auf der einen Seite die Vorstöße gegen Freiheit und Demokratie aus der Türkeit und dem Iran am liebsten ignorieren, auf der anderen Seite aber überdeutlich gegen eigene Mitglieder (der EU), wie z.B. Ungarn oder Polen Stellung beziehen, weil diese sich nicht an demokratische Standards hielten.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.097)

 

 

 

 

Berlin, 9.November 2015/cw – Wir gedenken heute, am TAG DER NATION, der Höhepunkte in der deutschen Geschichte, die immer auch Auswirkungen auf die europäische Geschichte hatte. Wir gedenken an diesem Tag aber auch der schmerzlichen und verstörenden Tiefpunkte, die ebenfalls an einem 9. November oder um den 9. November geschehen sind.

Nachfolgend geben wir einen Vortrag wieder, den Carl-Wolfgang Holzapfel* am 29. November 1995 im Haus des Deutschen Ostens in München gehalten hat.

9.November – Schicksalstag der Deutschen Nation?

Dem Thema „9.November“ haftet etwas schwefliges, ruchbares an: Denn Mauerfall hin oder her, nach neudeutscher oder auch nachkriegsdeutscher Geschichtsschreibung ist der 9.November nur mit einem Namen, mit einem Ungeist, verbunden: Adolf Hitler! Und diese, zwischenzeitlich mehreren Generationen eingehämmerte recht einseitige Beziehung oder Assoziation zu einem Datum macht es uns so schwer, mit einem der größten, diesmal freudigem Ereignis in unserer Geschichte vertraut,  ja freudig und letztlich geschichtsbewusst umzugehen.

So musste auch meine Initiative, übrigens drei Wochen nach Öffnung der Mauer, scheitern. Ich stehe dennoch auch heute noch dahinter!
In einem Brief an meinen Freund und damaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Jürgen Wohlrabe, der viel zu früh im Alter von nur 58 Jahren verstarb, schlug ich vor, den 9., respektive den 10.November, zum „TAG DER NATION“ zu erklären. Gerade weil ich mir der Brisanz des 9.November bewusst war, Reichskristallnacht, wollte ich eine alternative Brücke bauen. Zumal die wirkliche Begegnung ja tatsächlich erst in der Nacht vom 9. auf den 10.November – und in den Tagen danach – stattfand.
Auch mein Vorschlag, den bisherigen 17.Juni als Gedenktag der Deutschen Einheit durch diesen Tag abzulösen, hatte einen seriösen Hintergrund. Als jahrzehntelanges Mitglied der VEREINIGUNG 17.JUNI 1953 e.V., einem ursprünglichen Zusammenschluss ehemaliger Teilnehmer am Volksaufstand, wusste ich mich in Übereinstimmung mit meinen Kameraden, das mit dem faktischen Fall der Mauer eine, wenn nicht die wesentliche Forderung der Kämpfer vom 17.Juni erfüllt war: Die Einheit Deutschlands wiederherzustellen!

Wohlrabe hat denkbar mutig reagiert, als er sich in einem Schreiben Ende 1989 an mich inhaltlich voll hinter diesen Vorschlag stellte. Mutig deshalb, weil sich kein anderer Politiker wagte, einen solchen Vorschlag auch nur in den Mund zu nehmen, geschweige, sich damit auseinander zu setzen: Konnte eine „Verbrechernation auf ewige Zeiten“ es wagen, einem 9.November eine andere Bedeutung als (ausschließlich) die der „Reichskristallnacht“, mit all den dahinter stehenden drohenden Zeigefingern zu geben?

Politiker überfordert?

In der Tat sind auch 50 Jahre nach dem Ende einer 13jährigen totalitären Herrschaft unsere heutigen Politiker überfordert, wenn man von ihnen ein wie immer geartetes Bekenntnis zur Deutschen Nation, zu unserer eigenen Geschichte, mit ihren freudigen Höhepunkten, aber auch mit ihren schmerzlichen tiefen Tälern, verlangen sollte.

Haben wir Verständnis! Haben wir Mitleid! Kommen doch die heutigen Vertreter des demokratischen „neudeutschen Adels“ (fast) ausschließlich aus Parteien und Gruppierungen, die zur Grundlage ihrer seinerzeitigen Gründung eine Lizenz, eine Zulassung der Siegermächte brauchten. Das Aufkommen der sogenannten GRÜNEN widerspricht dem nicht: Kamen hier doch Töchter und Söhne jener Gründungsgeneration nach oben, die sich in einem ganz normalen Vorgang gegen ihre Zieh-Mütter und -Väter stellten, ohne aber jemals den Konsens infrage zu stellen, der da nach wie vor lautet: Deutschland, das abschreckende Bild politischen Verbrechertums, gestern, heute, morgen, immer!

Und folgerichtig rückt jeder, wird jeder in diese Ecke politischen Verbrechertums gerückt, der es auch nur wagt, von der Deutschen Nation zu reden und das auch noch ernst zu meinen! Darum also mein Respekt vor dieser uneingeschränkten Solidarisierung Jürgen Wohlrabes mit meinem damaligen Vorschlag!

Der 3. Oktober entfaltet keine emotionale Bindung

Natürlich musste dieser Vorschlag – und wir wissen das inzwischen alle – scheitern. An seiner Stelle wurde ein äußerst künstliches, weil rein zufälliges Gebilde, namens „3.Oktober“, aus der Taufe gehoben. Ein Tag, mit dem niemand etwas anfangen kann, weil er außer dem bürokratisch und recht willkürlich festgelegtem Termin der Einvernahme der „Neuen Länder“ (wie es so schön heißt) keinerlei emotionale oder auch historisch nachvollziehbare Bindung zulässt. Gedenktage bedürfen aber einer Verankerung in der Geschichte eines Volkes, in dessen Geschichtsbewusstsein, in seinen Herzen, um lebendig zu sein und zu bleiben! Um nachkommenden Generationen das einigende Band gemeinsamer Geschichte umzuwinden!

Könnte man darüber streiten, ob der Zusammenbruch eines über 40 Jahre andauernden totalitären Systems, ob die Wiedervereinigung getrennter Teile des Vaterlandes eines Gedenkens würdig wären – ich selbst kann darüber nicht streiten – , so sollte aber nicht strittig sein, dass es Tage im Leben eines Volkes gibt, die wie keine anderen das geschichtliche Auf und Ab, die Höhen und die Tiefen einer Nation, den rühmlichen Kampfgeist ebenso widerspiegeln, wie schmerzliches Versagen. Und selten widerfährt dabei einem Volk, dass sich Ereignisse geschichtlicher Bedeutung immer wieder an  e i n e m  Tag, um einen Tag ereignen, wie das beim Datum des  9. N o v e m b e r  in der deutschen Geschichte, und hier beindruckend vielfältig in diesem Jahrhundert, ganz offenbar geschehen ist.
Und dabei m u s s die Frage erlaubt sein, ob dieser Tag für uns, für das deutsche Volk, schicksalhaft ist – wir werden sehen, dass sich diese Frage schon beantwortet hat – und ob dahinter vielleicht eine Mystik steht, der wir uns nicht entziehen können, auch wenn wir dies – vielleicht – zuweilen wollen.

Unter „Mystik“ ist im Brockhaus u.a. zu lesen, sie sei „eine Grundform des religiösen Erlebens, das unmittelbare Erleben Gottes. Mystik kann der Art nach gefühlsbetont, sinnlich rauschhaft, kontemplativ (betrachtend) oder spekulativ sein, ihre Grundlage ist duchaus asketisch.“ Ende des Zitats. Und unter „Mystizismus“ lesen wir ebda.: Dieser sei (Zitat) „intuitiv-irrationale Geisteshaltung, die durch unmittelbares Ergreifen einer höheren Wahrheit Erkenntnisse sucht, die weder in den Bereich religiösen Erlebens gehören noch verstandesmäßiger Prüfung standhalten.“ Ende des Zitats.

Von Gott bestimmt oder Schicksal?

Ohne hier in eine sicherlich sehr interessante Diskussion oder Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen einzutreten, ist es doch wichtig, den Begriff zu erklären, wenn wir die Frage stellen, ob ein Volk „Mystik“ erfährt , braucht oder nicht braucht. Jeder von uns hat sicherlich schon einmal mehr oder weniger eindringliche Erlebnisse gehabt, die er als mystisch empfunden hat. So stolperte bereits Leo Trotzki über die Tatsache, das sein Geburtstag mit dem Ausbruch der Russischen Revolution am 7.November zusammenfiel. Er vertraute allerdings seinem Tagebuch an, „nur Pythagoräer und Mystiker würden da einen Zusammenhang vermuten!“ Nun ja, hier mag der Zufall zur Fußnote eines Ereignisses geworden sein. Mir war der Tag der Oktoberrevolution über Jahrzehnte eine hilfreiche Gedankenbrücke, um einen wichtigen Geburtstag im Freundeskreis nicht zu vergessen.

Ich möchte hier auch nicht weiter auf die persönlichen Erfahrungen eingehen. Denn hier sollen Erfahrungen in den Raum gestellt werden, die über das – subjektive wie reale – Erleben des Einzelnen hinausgehen. Erfahrungen, die vielmehr durch die Einbindung vieler, ungezählter Menschen, ja eines ganzen Volkes, erst ihre überragende Bedeutung erhalten haben. Und wenn wir versucht sind, oder auch dieser Versuchung gewollt erliegen oder – besser – gewollt aussetzen, wenn wir also untersuchen, wie weit Erlebtes, Erfahrenes von uns als mystisch empfunden wird, dann ist das sicherlich nicht abhängig von unserer persönlichen Standortsbestimmung zu Gott. Der religiös Empfindende wird sein Erleben als von Gott bestimmt ansehen. Der nicht auf einen Gott Fixierte wird es seinem Schicksal zuordnen. Beides kann sinnlich als eine Grundform religiösen Erlebens empfunden werden, auch unbewusst, eben als unmittelbares Erleben Gottes oder des Schicksals. In jedem Fall wird dies Auswirkungen auf die Emotion, auf das eigene Gefühlsleben haben und damit unser Leben beeinflussen.

Was aber hebt diesen 9.November über die Öffnung der Mauer im Jahre 1989, über die Reichskristallnacht im Jahre 1938, über andere Daten deutscher Geschichte hervor? Was prädestiniert ihn zu einem deutschen Gedenktag, gar zu einem „Tag der Deutschen Nation“?

Weil Friedrich Schiller an einem 10.November geboren wurde? Ein Schiller, der in seinen „Räubern“ sagt: „Dass der Geist Hermanns noch aus der Asche glimmte!- Und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom, und Sparta Nonnenkloster sein sollen.“ Warum nicht? Vielleicht, weil ein heutiger Verfassungsschützer jenen eben zitierten Satz einer rechtsradikalen Gruppe zuordnen würde, deren Anführer offenbar ein gewisser Schiller sei?

1848: Forderung nach bundesstaatlicher Einigung

Immerhin: Am 9.November 1848 jagte der preußische Kavalleriegeneral Graf von Brandenburg das „Demokratenpack der Preußischen Nationalversammlung“ (wie er es nannte) „zum Teufel.“ Und in Wien, wohl auch zumindest mit der deutschen Nation und ihrer Geschichte eng verbunden, ließ der Fürst zu Windisch-Grätz den Revoluzzer Robert Blum am gleichen Tag, am 9.November 1848, erschießen. Blum war immerhin Führer der demokratischen Linken in der Frankfurter Nationalversammlung! Böte nicht dieser 9.November 1848 eine vielfältige Erinnerung an das deutsche Revolutionsjahr 1848, ein gemeinsames Gedenken von „links“ bis „rechts“ – übrigens Grundvoraussetzung eines Nationalen Gedenktages! Immerhin waren die ersten deutschen Nationalversammlungen jene Frankfurter Nationalversammlung (1848-1849) und die Preußische verfassungsgebende Versammlung von 1848. Und ist die Forderung nach bundesstaatlicher Einigung Deutschlands von 1848 keines Gedenktages wert?

 Gedenken - Foto: Lyrag

Gedenken – Foto: Lyrag

Wieder an einem 9.November, diesmal 1918, wurde eindrückliche Geschichte geschrieben: Gleich zweimal – sagt da einer lästernd: Wie es sich für Deutsche gehört? – gleich zweimal also wurde an jenem Tag die Republik ausgerufen: Gegen 14.00 Uhr durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann vom Seitenflügel des Berliner Reichstages aus und gegen 18.00 Uhr durch Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses aus. Die Brisanz in diesen Ereignissen lag nicht zuletzt in der Tatsache, das Scheidemann mit seinem zunächst zögerlichen und dann entschiedenem Handeln Karl Liebknecht zuvor kam, der die „Deutsche Sozialistische Republik“ nach sowjetischem Muster ausrief und dem Dank Scheidemanns das Volk für „diese“ Republik abhanden gekommen war.

Kein Grund, den 9.November als Deutschen Nationaltag zu begehen?

Sicherlich sprachen in der Folgezeit die enttäuschten Monarchisten und Konservativen von den „Novemberverbrechern“, machte sich auch Hitler dieses Schlagwort zu eigen. Aber Hitler wurde nicht durch diese „Novemberverbrecher“ möglich, sondern durch den unseligen Versailler Vertrag! Und es ist ja auch wohl kaum anzunehmen, dass diese Titulierung der Republikaner vom 9.November 1918 durch jene Kreise heutige Politiker davon abhielte, den 9.November als Nationalfeiertag zu begehen. Eher doch wohl im Gegenteil!

Es ist nicht auszuschließen, dass der sogen. Novemberputsch 1923 in München aus den vorgenannten Gründen terminiert war, als Hitler mit General Ludendorff am Abend des 8.November revoluzzerte. Brach vielleicht dieser Putsch deswegen am 9.November 1923 unter den Schüssen der Bayerischen Bereitschaftspolizei zusammen, weil sich Geschichte nicht künstlich zwingen lässt nach dem Motto: Am 8.Mai beschließen wir die Freiheit? Gleich, wie: Sollte nicht auch dieses Scheitern Hitlers nach unserem heutigen Geschichtsverständnis ein Tag freudigen Gedenkens, zumindest der inneren Einkehr über Inhalt und Wesen einer wehrhaften Demokratie sein?

Bedacht oder unbedacht? Zufällig oder schicksälig? Jedenfalls schoß der polnische Jude Grünspan am 7.November 1938 in Paris auf den deutschen Legationssekretär vom Rath, was bekanntlich die Nationalsozialisten zu dem unseligen und verbrecherischen Rachefeldzug gegen jüdische Einrichtungen und Gotteshäuser am 9.November veranlasste. Dieser Tag schrieb sich als „Reichskristallnacht“ in das Buch deutscher Geschichte und wurde faktisch in seiner Bedeutung und Auswirkung mit dem Synonym Auschwitz gleichgesetzt. Welches Argument aber spricht gegen einen 9.November als Gedenktag, um auch dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte zu gedenken?

Mögen folgende 9.November im Vergleich zu den bisher geschilderten (bis auf den 9.November 1989) marginal sein, so sind sie doch zumindest erwähnenswert:
Am Vorabend des 9.November 1939 entging Hitler nur knapp einem Bombenanschlag im Münchner Bürgerbräukeller. Marginal? Warum also den 9.November nicht auch als Gedenktag des Widerstandes gegen Hitler (siehe 1923)?
Kurz vor dem 9., am 7.November 1942, beginnt mit dem Angriff der 6.Armee auf das Hüttenwerk „Roter Oktober“ in Stalingrad der Entscheidungskampf, die Zäsur für Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Ein Jahr später, am 9.November 1943, nimmt der deutsche Geheimdienstchef Walter Schellenberg im Auftrag Heinrich Himmlers in Stockholm Geheimkontakte zu den Amerikanern mit dem Ziel von Friedensverhandlungen mit den USA auf.

Am 9.November 1948 – es wird immer schwerer, alles nur noch mit „Zufällen“ erklären zu wollen, wird die sogenannte „Becher-Hymne“ von Johannes R. Becher, die spätere DDR-Hymne, aufgeführt, die vom Text her im Gegensatz zu ihrer BILD-Benennung (Spalter-Hymne) die Einheit Deutschlands beschwor: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt … Deutschland, einig Vaterland.

Deutschland, einig Vaterland

Kein Grund, dieses Motto über einen „Tag der Deutschen Nation“ am 9.November zu stellen? Wird nicht auch hier eine Chance vertan, die viel beschworene Einheit ein Stück weit real durchzusetzen? Oder sollen wir uns im Westen, als Bewohner der „alten“ Bundesrepublik, nur deshalb gegen diese Sätze wehren, weil diese von einem ehemaligen Kulturminister der DDR stammen oder weil die DDR in einem Anflug „nationaler Betonung“ dieses Lied zu ihrer Hymne erkor?

Halten wir fest: Am 9.November 1948 Uraufführung des Textes, der da beinhaltet: „Deutschland, einig Vaterland“. Und 41 Jahre später mündet der hunderttausendfache Ruf „Deutschland, einig Vaterland“ in den lang ersehnten Fall der Mauer, in das Ende des zweiten totalitären Staates auf deutschem Boden, der DDR, in die Wiedervereinigung mit Mitteldeutschland!
Und da soll man keine Gänsehaut bekommen? Keinen Atem der Geschichte spüren?

Die eingangs gestellte Frage, ob wir einen nationalen Gedenktag brauchen, möchte ich uneingeschränkt mit JA beantworten. Ein Volk kann ohne die Identifikation mit der eigenen Geschichte nicht überleben! Vielleicht haben die DDR-Bürger deswegen die Energie und Kraft zu Veränderungen gehabt, ein „Wir sind das Volk“ an die Stelle egomanischer Selbstverwirklichung gesetzt, weil sie in ihren Herzen den Glauben an  e i n  Deutschland mehr verinnerlicht hatten , als ihre Brüder und Schwestern im Westen?

Bis zur Wiedervereinigung hatten wir, zugegeben, wenig Grund, einen nationalen Feiertag zu begehen. Der 17.Juni (1953) war nur ein notdürftig gelittener Feiertag, erinnerte er doch zu sehr an eigenes Versagen und Unvermögen in einem historischen Augenblick. Aber immerhin handelte es sich um den ersten Aufstand im kommunistisch besetzten Machtbereich Nachkriegs-Europas. Wir sind mit diesem Ereignis, auf das unsere geschändete Nation stolz sein darf, gotteslästerlich umgegangen. Auch aus diesen Erfahrungen im Umgang mit einem historischen Ereignis stellt sich für alle Deutschen, von „links“ über die „Mitte“ bis „rechts“ die Frage: ob nach dem Desaster von 13 Jahren deutscher Geschichte, nach dem fraglosen Missbrauch nationaler Identität, ein „Nationaler Gedenktag“ angebracht ist?

Mit der Schaffung eines „3.Oktober“ ist diese Frage vorweg beantwortet worden, nicht durch uns, das Volk, aber durch das politische Establishment. Die Frage kann also nicht sein, ob es einen solchen Gedenktag geben kann oder geben soll, sondern welche Inhalte, welche über die verschiedenen politischen Lager, einschließlich und ausdrücklich unserer jüdischen Mitbürger, verbindende Kraft ein solcher Tag haben sollte.

Ich meine, der 9.November wäre der  n a t ü r l i c h e , der sich geradezu aufzwingende „Tag der Deutschen Nation!“ Die Faszination dieses Datums geht nicht nur von seiner unheimlichen Häufung historischer Ereignisse, sondern auch von der Tatsache aus, das sich  k e i n e politische Kraft in unserem Land diesen Tag aneignen kann, aber  j e d e  politische Kraft in diesem Tag bewahrenswerte Ereignisse erkennen und bewegen kann.

Gibt es ein gravierenderes Argument für einen nationalen, alle Bürger dieses Landes einschließenden Gedenktag am 9.November? (1.057)

* Der Referent ist seit 1963 Mitglied und seit 2002 Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 12.12.2012/cw – Vorausgeschickt: Der Roman ist die Langform der schriftlich fixierten Erzählung. Die Autobiografie beschreibt das Leben des Autors. Ein Sachbuch will ein bestimmtes Sachthema für ein unwissendes oder bereits vorgebildetes Publikum darstellen.

Edda Schönherz, („Eine begehrte Fernsehmoderatorin begehrt auf.“), hat in den letzten Wochen und damit pünktlich zur Weihnachtszeit ihr broschürtes Buch „Die Solistin“ als Roman vorgelegt. Auf 205 Seiten (ohne mehrseitige Fotos und Dokumente) schildert die „Zeitzeugenreferentin für politische Bildung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen“ ihr bewegtes Leben zwischen dem magischen Möbel  der Besetzungs-Couch („Kommt man einmal darauf zu „liegen“, kommt man nicht mehr davon frei. Man klebt fest.“), der Reise nach Ungarn, die ihr Leben veränderte und dem neuen Karriere-Start im  Bayerischen Fernsehen.

CoverDieSolistinDa die Autorin auf dem Cover ihr Schreiberzeugnis selbst als Roman bezeichnet, brauchte man über die Frage nach geschichtsbewusster Wahrhaftigkeit eigentlich nicht nachzudenken. Der Inhalt wie die beigefügten Dokumente belegen dann aber eher eine vorgelegte Autobiografie, unterlegt mit teils ausführlichen Anmerkungen, die wiederum einem Sachbuch gut zu Gesicht ständen. Bleiben wir bei dem ausgewiesenen Roman.

Bei aller Freiheit ist hier aber die dreiste Abweichung von historischen Abläufen durch Behauptungen zumindest für den kundigen Leser – und an den richtet sich ja wohl dieser „politische“ Roman in erster Linie – ärgerlich.

Beispiel: Der Vater verstarb 1958. Als das junge Mädchen während des Reitunterrichtes (laut eigenen Angaben auf der Buchvorstellung in Rostock „eine  jedem DDR-Bürger offen stehende Möglichkeit“)am 13. August 1961 von den Absperrmaßnahmen der DDR erfährt, erinnert sie sich an die Worte ihres Vaters: „Der Amerikaner lässt niemals zu, dass eine Mauer gebaut wird“. Auch die deutlichen Worte des Stallmeisters: „Ulbricht hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ am 13. August zu der jungen  Reit-Elevin dürften eher der berühmten  Pressekonferenz Ulbrichts im Juni 1961 entlehnt worden sein, als dem Geschehen „gegen  Mittag vor dem Reitstall auf einer Bank“.

CoverDieSolistin2_NEWÜberhaupt scheint sich die Autorin in den Vorstellungen des beabsichtigten Romans verfangen  zu haben, sah sich also offenbar nicht verpflichtet, es mit den tatsächlichen Geschehnissen so genau zu nehmen. So klingt beim Abschied von ihrem wehrpflichtigen Mann auf einem DDR-Bahnhof (April 1963) aus den Lautsprechern Elvis Presleys „Muss i denn,/ muss i denn, /zum Städtele hinaus, / Städtele hinaus, / aber du mein  Schatz bleibst hier.“ Dass der junge Ehemann noch im selben  Jahr mit dem Todesurteil Blutkrebs zu seiner kleinen Familie (die junge Mutter hat inzwischen zwei Kinder zur Welt gebracht) zurückkehrt, berührt ohne Zweifel. Warum Peter ein Staatsbegräbnis bekommt, („Es gibt ein großes Brimborium Staatsflagge, Stahlhelm auf dem Sarg, und 12 Mal Salutschüsse.“), dass lässt die Roman-Autorin im Ungewissen. Hingegen wählt sie „für meinen Teil den Weg nach vorn“.

Durch Beziehung erhält sie eine Anstellung als Textilkauffrau, macht dort ihren Großhandelskaufmann. 1966 lernt sie schließlich Hans-Joachim Schönherz kennen, der neben seinem Beruf als Bootsbauer die Artistengruppe „Die Luftkometen“ leitet. „Ich bin  Feuer und Flamme, nicht nur für ihn, sondern steige auch mit in die Gruppe ein. Ich trainiere hart, um  auch hier meinen Mann  zu stehen“.

Edda Schönherz registriert: „In dieser Zeit munkelt man auch schon, der eine oder die andere in unserer Truppe, sei womöglich Informant der Stasi. Auch dieser Aspekt dringt nun tiefer in mich ein. Oft beherrschen derartige Diskussionen die Zeit vor den Auslandsgastspielen. Neben Auftritten im sozialistischen Ausland kommen schließlich West-Gastspiele hinzu. So weilen wir auf Einladung der KPÖ einige Male in Wien“.

CoverDieSolistinInnen_0001_NEWNeben ihrer artistischen Arbeit führt die Autorin auch durch das Programm und wird auf diese Weise schließlich vom DDR-Fernsehen entdeckt. „Als ich schließlich begreife, dass sein Angebot durchaus ernst gemeint ist, schwinden mir vor Freude die Sinne“. Die Schilderung des Wochen  später stattfindenden Vorsprechtermins in Adlershof ist eine der wenigen authentisch wirkenden Beobachtungen und spritzig formuliert:

Zum Teil sind die Hüte noch größer als der Mund, hier und da grell geschminkt flitzen sie durch den Raum. Die Kleider, die sie tragen, sehen  aus wie aus Kostümfilmen. O je.“

Dann wird die Kandidatin aufgerufen: „Nur nichts vorspielen. Nur nicht in Szene setzen.“ Schade, dass diese Einsicht wohl nicht vorgehalten hat. Titel und Foto von „Die Solistin“ stehen diametral gegen die Einsicht der damals jungen Frau.

Jedenfalls kommt Schönherz in die engere Auswahl, wird schließlich engagiert. Zuvor muß sie allerdings eine dreijährige „Ausbildung an der Fernsehakademie in Berlin-Adlershof“ absolvieren, um  dann  schließlich am 4. Oktober 1969 „mit dem Tag der Eröffnung des DDR- Farbfernsehprogramms auf dem Bildschirm präsent“ zu sein. Wie die zeitliche Abfolge zwischen Einarbeitung und Aufstieg bei den Luftkometen mit der endlichen Werbung durch den DFF und der folgenden dreijährigen Ausbildung in die behaupteten Geschehnisse zwischen  1966 und 1969 passen, läst Schönherz auch in diesem Fall offen.

O-Ton 2009: "Ich schrieb ja meine Texte selbst"

O-Ton 2009: „Ich schrieb ja meine Texte selbst“

Die Ärgerlichkeiten werden schließlich zur Provokation des gebildeten Lesers. Zu Beginn ihrer Fernseh-Karriere beschreibt die Ansagerin: „Bereits Wochen vorher bekommen wir unsere Texte zum Lernen. Jede einzelne Zeile ist vorher vom zuständigen  Lektorat des ZK abgesegnet und kontrolliert“ (Seite 32), um vier Seiten weiter (36) zu schildern: „Für einen DDR-Fernsehmoderator gilt der Grundsatz: Jeder Text zu den anliegenden Themen ist aus eigener Feder abzugeben. Bezüglich der Sendetauglichkeit der Texte findet jeden Montagvormittag extra eine Sitzung statt. … Vor der Sitzung gehen die Texte durch die Zensur des zuständige Lektorats.

Auch die folgende Schilderung der peinlichen Überwachung („Am Hebel sitzt stets ein hauptamtlicher Stasimitarbeiter. Auch IM kommen hierfür in Frage“.) lässt die im ganzen  Buch unbeantwortete Frage aufkommen, warum Schönherz nach eigener Darstellung von Anfang an um  das DDR-Stasi-System wusste und sich dennoch diesem System verschrieb?

Im Kontext zu diesen Fragwürdigkeiten steht dann  auch die beabsichtigte Flucht über Ungarn. Zwar schildert Schönherz ausführlich Informationsgespräche in der BRD- und US-Botschaft in Budapest. Festgenommen wird sie hingegen in der Nähe der jugoslawischen Grenze (wo man keinerlei Fluchtabsichten hatte). Und: Ohne Erklärung der Hintergründe wird Schönherz wieder freigelassen und darf selbst nach Ost-Berlin  zurückfliegen. Üblich war die Abholung durch eigens entsandte Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit.

Auszeichnung für die Solistin

Auszeichnung für die Solistin

Auf alle bedauerlichen Ungereimtheiten einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen. Eine wichtige Behauptung sei hier aber noch erwähnt: Auch in dem vorliegenden Buch schildert die „politische Referentin“ die Mär von ihrem „eigenen Haus“ (Seite 41), dass ihr durch die Stasi-Machenschaften abhanden kam. Recherchen ergaben zweifelsfrei, dass weder Schönherz noch andere Familienangehörige zu keiner Zeit mit diesem Haus im Grundbuch eingetragen waren. Warum dann  diese Mär, die auch außerhalb des vorgelegten Romans kolportiert wird?

Die „Solisten“-Broschüre lässt Zweifel an der behaupteten Moderatoren-Tätigkeit zu, jedenfalls ist von den einst vermittelten Fähigkeiten kaum  etwas zu spüren. Die Autorin kennt offenbar auch nicht die Unterschiede zwischen Roman, Biografie und Sachbericht. Schade. Persönlich hätte ich der Autorin einen großen Wurf gewünscht.

Die Autorin schrieb in das Rezensionsexemplar einen sehr schönen Satz: „Vergessen ist menschlich, aber politisch sehr gefährlich.“ Ich habe mich für die menschliche Variante entschieden. Und: Rezensionen sind immer subjektiv. Sie müssen also, neben der Sachkritik, nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen.

Edda Schönherz. „Die Solistin“, Eigenverlag, 14,95 € (zzgl. 2,50 € Porto), ISBN978-3-00-038562-9, Oktober 2012 – 1. Auflage.

Für interessierte Leser zum Abgleich: Das Leben zweier Anderer  / Playboy 2/2009  http://www.christoph-woehrle.de/download/pdf/0902_playboy.pdf

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