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Stasi-Unterlagen aus Görlitz aufgetaucht.

Von Helmut Müller-Enbergs Thomas Wegener Friis*

Görlitz/Berlin/Odense, 21. Juni 2017 – Sein Tod kam zwar überraschend. Bevor aber ein Hamburger Schriftsteller im Juli 2012 verstarb, hatte er sich bereits Gedanken über den Verbleib seines Nachlasses gemacht. Einen Teil übergab der Nachrichtendienstspezialist dem Zentrum für Kalte-Kriegs-Studien an der Süddänischen Universität in Odense. Die Pappkisten und ein Koffer verblieben zunächst im Depot des Zentrums, bis kürzlich damit begonnen wurde, die Unterlagen archivarisch zu erschließen. Wir staunten nicht schlecht, als sich zwischen Manuskripten, Zeitungsartikeln und Bergen an Kopien eine Registermappe mit der Aufschrift „MfS Sachsen 1950er“ fand. Darin lagen vergilbte Originale von Stasi-Unterlagen. Sie stammen allesamt aus der Dienststelle Görlitz des „Staats-Sicherheitsdienstes“ (SSD), wie er sich selbst einst genannt hatte, und betreffen den Zeitraum vom Januar 1952 bis zum Mai 1953.

Akten aus der Thälmannstraße 7

Kein Zweifel: Diese Akten befanden sich in der Dienststelle in der Thälmannstraße 7 in Görlitz und sind seit dem 17. Juni 1953 nicht mehr im Bestand des MfS-Fundus. Auch dem äußeren Erscheinungsbild nach werden die Papiere damals auf dem Boden gelegen haben, vereinzelt sind auch Schuhabdrücke darauf zu sehen – wie auf der „Schiesskladde“ der Dienststelle Görlitz. Und schließlich stammen die Papiere zweifelsfrei von unterschiedlichen Schreibtischen – teils aus der Verwaltung, teils von Führungsoffizieren –, sind also erst im Nachgang zusammengelegt worden. Welchen Weg die Akten von Görlitz aus genommen haben und wie sie nach Hamburg gelangt sind, erschließt sich aus dem Nachlass nicht. Der Schriftsteller neigte nicht dazu, seine Quellen offenzulegen.

Kein guter Tag für VP-Kommissar Nießner

Das war kein guter Tage für den Leiter der Dienststelle in Görlitz, Nießner. Unter den Augen von Grenzpolizisten und Rotarmisten stürmten Bürger die Dienststelle und plünderten in den elf Zimmern der zweistöckigen Dienststelle – bis die Sowjetarmee das Treiben beendete. Dabei gab es im Außenbereich der Dienststelle genügend Sicherungen. Noch im Juni 1952 wurde der Hundezwinger vergrößert, das zweiflügelige Hoftor verfügte über einen elektrischen Türöffner. Die Fenster waren mit Winkelstahl geschützt, in die Luftschutztür ein neues Schloss eingebaut. Es gab einen Übernachtungsraum mit zwei Betten, neben einem Sportzimmer und einem Klubraum mit Klubtisch auch zehn Polsterstühle und vier Polstersessel. Die Dienststelle war gerüstet. Selbst im Keller lagen 35 Tonnen Braunkohlen, 15 Tonnen Koks und vier Raummetern Holz. Schließlich gab es Waffen, regelmäßig gab es Schießübungen, bei den 150 bis 250 Schuss Munition abgegeben wurden. Die meisten erfüllten die Bedingungen nicht – wie aus dem Aktenfund hervorgeht.

Nähere Angaben zur operativen Arbeit der Stasi-Dienststelle

Die Unterlagen präzisieren das bisherige Bild der DDR-Staatssicherheit in Görlitz. Enthalten sind zwar auch Charakteristiken von Personen wie die vom Leiter des Finanzamtes in Görlitz, der als Informator in Betracht kam, oder dem kaufmännischen Leiter des VEB Feinoptischen Werkes Görlitz in der Fichtenstraße. Aber auch die Planungen für den 1. Mai 1953. Interessanter sind jedoch interne Sitzungsprotokolle wie das vom 11. Mai 1953, als die nächsten operativen Aufgaben definiert wurden. Als „die Hauptaufgabe auf dem Lande“ galten die Maschinen- und Traktorenstationen. Alles war dort zu überprüfen, um den „Feind“ ausfindig zu machen: Die Kreditgewährung an „Großbauern“ war ebenso zu ermitteln wie die Sollerfüllung, Bodenstrukturen, Anbaupläne oder die schlechte Versorgung. Zugleich war der „verschärften Sabotagetätigkeit“ nachzuspüren, die in Form von Viehvergiftungen, falschen Impfstoffen, Pestübertagungen, Brände und unbrauchbar gemachte Traktoren registriert wurden.

Der Schreibtisch des VP-Hauptwachtmeisters Günther Urbansky

Der beste Schütze der Dienststelle, Urbansky, hatte im Frühjahr 1952 die Leitung des Referates III übernommen, das sich mit den volkseigenen Betrieben befasste. Sein Schreibtisch bildet sich am besten in den nun gefunden Stasi-Unterlagen ab. Demnach stellte er bei Aufnahme seiner Arbeit alsbald fest: Weder in der Fabrik für Keramikmaschinen, noch bei IKA-Schaltgeräten, im Nähmaschinenteilewerk Textima, beim VEB Schlacht- und Viehhof oder aber der Oberlausitzer Volltuchfabrik gäbe es „noch keine Informatoren“. Die Folge: Es gab „keine konkreten Stimmungsberichte“. Selbst über die Erfüllung von Produktionsplänen oder dem Abschluss der Betriebskollektivverträge wisse man nichts durch eigene Arbeit als vielmehr nur das, was Parteisekretäre oder Betriebsgewerkschaftsleitungen mitgeteilt hätten. Überdies war das Referat noch mit einzelnen Vorgängen bei den „Zeugen Jehovas“ oder des Görlitzer „Widerstandskreises der Jugend“ befasst. Gleichwohl heißt es, die Disziplin sei in den Betrieben allgemein gut oder befriedigend, bei Sabotage seien Vorfälle nicht bekannt geworden. Dennoch, vereinzelte Stimmungsberichte lassen sich dennoch finden wie den vom September 1952: „Die augenblickliche Stimmung in den Betrieben ist derart, dass fast ausschließlich über die schleppende und teilweise total schlechte Kartoffel- und Gemüseversorgung diskutiert wird. Es ist auch das Gerücht aufgetaucht, dass die Brotrationierung wieder eingeführt würde.“ Doch die tatsächliche Stimmungslage in der Gesellschaft war auch von der Dienststelle in Görlitz verkannt, der spontane Aufstand nicht erwartet worden. Geschichte. So gibt es nun im Stasi-Archiv in Dresden, dem der Aktenfund nun zugeleitet wurde, Neues zu Görlitz aus dem Koffer, der aus Hamburg kommt.

* Die Professoren Friis und Müller-Enbergs (Letzterer Mitglied  im Beirat der Vereinigung 17. Juni 1953) lehren an der Syddansk Universitet Nachrichtengeschichte. Mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

V.i.S.d.P.: Die Autoren und. Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.259).

 

 

 

 

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