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Von Dr. Werner Gumpel

Hannover/Berlin, 09.07.2018/wg – Prof. Dr. Siegfried Jenkner, der dank seiner Publikationen und öffentlichen Auftritte bei wissenschaftlichen Konferenzen weit über den Kreis der Workutaner hinaus bekannt geworden ist, und der durch seine verbindliche und warmherzige Art viele Freunde gewonnen hat, ist am 20. Juni 2018 nach lang anhaltender schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren in seinem Wohnort Hannover verstorben. Um ihn trauern nicht nur seine Angehörigen, sondern auch viele Kameraden, die mit ihm die bitteren Jahre in Workuta geteilt haben. Viele von ihnen hielten bis kurz vor seinem Tod einen engen Kontakt zu ihm.

Siegfried Jenkner hatte an der Universität Leipzig Zeitungswissenschaften studiert, als er aus dem Studentenleben gerissen wurde. Nach einigen Tagen im Gefängnis in Leipzigs Wächterstraße wurde er an die Russen übergeben, die ihn in das berüchtigte Kellergefängnis in der Bautzner Straße in Dresden brachten, wo er nach ca. vier Monaten zu zweimal 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Wie auch viele andere Workuta-Häftlinge, wurde er nach dem Paragraphen 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches der „antisowjetischen Agitation und Propaganda“ sowie der „Spionage“ bezichtigt. Es folgte zunächst die Verbringung in das Zuchthaus Berlin-Lichtenberg. Von dort ging es über Brest, Gomel, Moskau und Wologda weiter nach Workuta, wo er den größten Teil seiner Haft im Kohlebergbau verbrachte. Erst anderthalb Jahre nach Stalins Tod wurde er in die Freiheit entlassen.

Nach seiner Rückkehr studierte Siegfried Jenkner in Wilhelmshaven. Nach der Promotion wurde er auf einen Lehrstuhl an die Universität Hannover berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung tätig war. In den antikommunistischen Widerstand ging er wohl vorwiegend wegen der unhaltbaren Zustände an der Universität Leipzig, und der fortdauernden ideologischen Indoktrination und die allgemeine Unfreiheit im kommunistischen Staat. Nach der Entlassung ging er unverzüglich in die Bundesrepublik, wo er nach dem Studium seine berufliche Karriere aufbaute. Er hielt den Kontakt zu vielen seiner ehemaligen Mitgefangenen aufrecht und nahm auch an den Veranstaltungen der Lagergemeinschaft Workuta teil. Mit Siegfried Jenkner verlieren wir einen aufrechten Kämpfer für Demokratie und Freiheit.

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Quelle: http://www.workuta.de/aktuelles/index.html

Titel HB 2014

Nr.052Einigkeit und Recht und Freiheit15. 04. 2016

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Merkel knickt ein: Demokratischer Samba oder Totentanz?

Ade, du schöne Zeit voll Glück

die Freiheit geht verlor´n

Der Schrecken sitzt jetzt im Genick,

der Sultan sprüht vor Zorn.

Einst hat man bei uns aufgetrumpft

und ließ die Freiheit zu.

Jetzt sind wir wieder eingeknickt:

Was machen wir denn nun?

Stimmung, es lebe die Mauerfall-Zeit

denn nun wird diese zur Nach-Wende-Zeit.

Und weil wir bei uns der Freiheit nicht mehr trau´n

wird auf die Macht-Pauke gehau´n.

Einst war´n wir endlich frei,

jetzt sind wir entsetzt:

Wir dienern vor der großen Türkei,

sind von der Demokratur besetzt.

Lieb Vaterland, magst ruhig sein,

das hatten wir ja alles schon:

In Weimar ließen wir es ganz allein,

da war dann Hitler unser Lohn.

Bald haben wir dann Einsamkeitsgefühle,

der Widerspruch wirkt sehr antik.

Nur wenige machen sich dann noch Mühe.

Kein Wunder nach des Sultans Sieg.

 

Achtung: Satire! © 2016 LyrAg

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Nach Toresschluss: Betroffene sollen endlich gehört werden

Berlin, 15.04.2016/cw – Ulrike Poppe, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg, will, jetzt – quasi in letzter Minute – den Betroffenen dieser Diktatur die Möglichkeit geben, zu den beabsichtigten Änderungen der BstU Stellung zu nehmen und eigene Vorstellungen vorzutragen. Der Deutsche Bundestag hatte am 5.04. d.J. seinen Bericht zur Zukunft der BstU abgeschlossen und am 12. April dem Bundestagspräsidenten übergeben. Einzig Hildigund Neubert hatte in einem Minderheitenvotum wesentliche Aussagen der Expertenkommission widersprochen. Betroffene, wie ehemalige politische Gefangene der Diktatur oder Flüchtlinge waren zu keinem Zeitpunkt zur Mitwirkung eingeladen oder z.B. in durchaus möglichen Anhörungen um ihre Meinung gebeten worden. Anzunehmen ist, dass der Bundestag die Einbindung „anerkannter Bürgerrechtler“, die vielfach zu „Parteisoldaten“ mutiert waren oder von Funktionären der Aufarbeitungsindustrie als ausreichend angesehen hat, das komplexe Thema zu bewältigen.

Bei den zitierten Betroffenen hingegen genießen die Bürgerrechtler bis auf wenige Ausnahmen nicht den besten Ruf. Waren sie doch meist zu einem sehr späten Zeitpunkt in den Jahren 1988 und 1989 auf den in Fahrt gekommenen historischen Zug aufgesprungen. Dabei wird deren zweifelloser Verdienst um die Beschleunigung des Auflösungsprozesses nicht infrage gestellt, andererseits aber auch entgegen gehalten, dass die Bürgerrechtler zunächst vielfach für eine Vernichtung der Stasi-Akten gestimmt hatten, um das Land „zu befrieden“. Auch sei deren Ziel zunächst eine Erneuerung der DDR und keinesfalls deren Beseitigung oder gar Wiedervereinigung gewesen. Vielmehr waren es die Millionen Flüchtlinge und Widerständler, die der DDR die Existenz-Grundlagen durch beharrlichen Widerstand entzogen hätten. Auf diesem Hintergrund erklärt sich auch, dass die Expertenkommission die „demokratische Kräfte der Friedlichen Revolution von 1989“ mehrfach besonders hervorhebt, denen die „Sicherstellung eines großen Teils (!) der Akten“ zu verdanken sei.

In ihrer Einladung an die „Lagergemeinschaften, Opferverbände und -vereine und Aufarbeitungsinitiativen im Land Brandenburg“ lädt die Landesbeauftragte „zur Verständigung über eine gemeinsame Stellungnahme zum Bericht der Expertenkommission über die Zukunft der Behörde des BstU“ ein. Das „außerordentliche Treffen“ soll am 21. April 2016 von 11:00 – 13:00 Uhr „wie immer in der Dienststelle der Landesbeauftragten, Hegelallee 3, in Potsdam“ stattfinden.

Wenn auch der eingeräumte Zeitraum von einer Woche (zwischen Veröffentlichung/Übergabe) für das Studium der Empfehlung für die meisten Verbände zu kurz sein dürfte, eine kritische Beurteilung oder gar Alternativen zu erarbeiten und die angesetzten zwei Stunden für eine ernsthafte Beratung kaum ausreichend sein dürfte, ist der erkennbare gute Wille der Landesbeauftragten zu würdigen, die unmittelbar Betroffenen wenigstes „kurz nach Toressschluss“ einzubeziehen. Der Dachverband jedenfalls kam nicht auf diese Idee.

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Demo ehemaliger DDR- Heimkindern vor dem OLG Brandenburg

von Lutz Adler

Recht haben und Recht bekommen ist, so die Feststellung der ehemaligen Heimkinder der ehemaligen DDR, selbst 26 Jahre nach der Wende offensichtlich wieder zweierlei. Das war der Grund für den vom DEMO Landesverband Hessen e.V. organisierten Protest vor dem OLG Brandenburg am 11.04.2016.

Vor dem OLG in Brandenburg fand am 11.04.2016 eine Demo engagierter ehem. Heimkinder statt - Foto: LyrAg

Vor dem OLG in Brandenburg fand am 11.04.2016 eine Demo engagierter ehem. Heimkinder statt – Foto: LyrAg

Die Vereinigung DEMO ist ein Zusammenschluss von ehemaligen Heimkindern der DDR bzw. ehemaliger Insassen von JWH und Spezialkinderheimen. Diese können, so will es der Gesetzgeber nach dem Strafrechtlichem Rehabilitationsgesetz, ihre Rehabilitation für die zu Unrecht erlittene freiheitsentziehenden Maßnahmen beantragen. Allerdings sind bereits im Gesetz immer klarer zutage tretende Ungereimtheiten verankert. Dieses Gesetz ist offenbar nicht für minderjährige und strafunmündige Kinder gemacht worden.

Diese Verfahren werden, und das ist eine erhebliche Fehlentwicklung in der Umsetzung dieses Gesetzes, als ausschließlich schriftliche Verfahren geführt. Die Kammern haben  die Praxis entwickelt, diese Verfahren ohne Öffentlichkeit und ohne Anhörung der Betroffenen zu führen. Selbst die Entscheidungen „Im Namen des Volkes“ werden ohne dieses verkündet. Das ist der derzeitige Stand zumindest beim OLG Brandenburg.

Aufgrund dieser Praxis kann Niemand überprüfen, welche Verfahren die Gerichte und die einzelnen Kammern  durchführen. In einer Rüge des Bundesverfassungsgerichtes, die das OLG Brandenburg im Dezember 2014 bezüglich eines solche Verfahrens erreicht hat, hat das BVG bewusst den Begriff „veranstalten“ gewählt . In der besagten Rüge (AZ.: 2 BvR

Forderungen ... Foto: Adler

Forderungen …
Foto: Adler

2063 /11) ist weiter die Rede von „ineffektiven Verfahren“, von einer „Nicht-Erfüllung der Ermittlungspflicht von Amtswegen“, die das Gesetz eindeutig vorschreibt, und weiter von „der Verweigerung des rechtlichen Gehörs“, auf das jeder Bürger laut GG-Artikel der Bundesrepublik einen Anspruch hat.

Verfahrenszeiten von mehr als fünf Jahren

Als wäre diese juristische Ohrfeige nicht schon schlimm genug, trifft ein weiterer Vorwurf die Vorsitzende des zweiten großen Strafsenates des OLG Brandenburg, Frau Pisal. Die im Gesetz explizit herausgestellte „besondere Fürsorgepflicht“ gegenüber den Antragstellern, alle samt und sonders im fortgeschrittenen Lebensalter, scheint bei der Vorsitzenden vollkommen unter die Räder der Justiz gekommen zu sein. Wie sind sonst Verfahrenszeiten von mehr als fünf Jahren zu erklären? Derzeit sind allein fünf Fälle bei diesem OLG anhängig. Der Verdacht drängt sich förmlich auf, das diese Kammer offensichtlich mit dieser Aufgabe überfordert zu sein scheint.

Alle Teilnehmer der Demo vor dem OLG, auch ich, (mit einer Kunstaktion „Offizieller Gerichtstag“) achten die unbedingte Unabhängigkeit der Richter und Gerichte in einer Demokratie. Dies bedarf keiner ausdrücklichen Betonung. Das kann aber nicht dazu führen, das wir als Betroffene stillschweigend zusehen, wie man uns unserer Rechte beraubt. So ordnet die genannte Vorsitzende die Erstellung und Beschaffung von „Vollbeweisen“ in Form von Gutachten an, die schnell mehrere tausend Euro kosten können. Sie beruft sich dabei offenbar nach einer Rüge auf die Ermittlungspflicht von Amtswegen. In einem Verfahren soll ein überklebtes Zeugnis in einem aufwändigen Verfahren vom Unterblatt getrennt werden, wofür eigens die Generalstaatsanwaltschaft und ein Gutachter eingeschaltet wurden. Auch das ist im Gesetz (StrehaG) eindeutig anders geregelt. So heißt es in der zitierten Rüge an das OLG Brandenburg: „An die Darlegung durch den Antragsteller sind keine allzu hohen Anforderungen zu stellen“.

Einstimmung auf die Kunstaktion... Foto: Adler

Einstimmung auf die Kunstaktion…
Foto: Adler

Es entsteht der Eindruck, so auch der Präsident des Brandenburger Verfassungsgerichtes, Herr Möller, auf einer Veranstaltung der UOKG im Landtag vor ca. drei Wochen, dass diese Vorsitzende am OLG das Gesetz offensichtlich entweder nicht gelesen oder mindestens nicht verstanden hat. Eine freie Beweiswürdigung, so schreibe es das StrehaG vor, ist oft mehr als 50 Jahre nach diesen Vorgängen vom Gesetzgeber verständlich und nicht von ungefähr sachangemessen vorgesehen. Hier einen Vollbeweis erbringen zu wollen oder von den Betroffenen einzufordern, die meist noch heute unter schweren traumatischen Folgen der menschenverachtenden Behandlungen in diesen Einrichtungen leiden, steht im krassen Widerspruch zu der vorhin erwähnten „Fürsorgepflicht“.

OLG Naumburg: Schwere Menschenrechtsverletzungen

Als Richterin "Frau Pi" Heike E. vor dem OLG. - Foto: Adler

Als Richterin „Frau Pi“: Heike E. vor dem OLG.
– Foto: Adler

Dass es auch anders geht, beweist derzeitig die Kammer für Rehabilitation am Oberlandesgericht von Sachsen–Anhalt in Naumburg. Dort hat man offensichtlich die prekäre Situation des StrehaG und auch die Mängel des Gesetzes erkannt. Hier sind inzwischen zwei Entscheidungen zu Gunsten der Antragsteller ergangen. In diesen wurde umfassend den damaligen schweren Menschenrechtsverletzungen und der unwürdigen Behandlung der Betroffenen Rechnung getragen (AZ.: 2 Ws ( Reh) 45/15 vom 03.12.2015 und 2 Ws ( Reh) 8 /16). Hier hatten die Richter offensichtlich das Gesamtbild und auch die Belastungen, die ein solches Verfahren für die Antragsteller bedeutet, im Auge. Weiterhin bemerkenswert ist der Leitsatz der erst genannten Entscheidung: „Die Einweisung in ein Spezialkinderheim ist in der Regel unverhältnismäßig, wenn der Betroffene sich nicht gemeingefährlich verhalten oder erhebliche Straftaten begangen hatte.“

Drei Richter, die offensichtlich nicht nur das Gesetz gelesen, sondern es auch verstanden haben. Drei Richter, die ihrer vom Gesetz vorgeschriebenen „Fürsorgepflicht“ nachkommen und drei Richter, die mit ihren Entscheidungen gegen den bundesweiten Strom schwimmen und den Betroffenen endlich 26 Jahre nach der Wende eine Anerkennung ihrer Leiden zusprechen. Der Deutsche Bundestag hatte schon im Sommer 2011 in öffentlicher Sitzung klar erklärt: „Wir wollen den Betroffenen nun endlich Glauben“ zuteil werden lassen!

Gerne hätten wir während der DEMO vor dem Haus diesbezügliche Fragen an den derzeitigen Präsidenten gestellt. Aber da standen wohl nicht nur terminliche Hindernisse im Weg. Ist es nicht auch für das OLG Brandenburg längst an der Zeit, die eigene Haltung zu überdenken und im Sinne eines Gesetzes zu handeln?

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Workutaner: Hansgeorg Wagner am 1. April 2016 verstorben

Ein Nachruf von Werner Gumpel

Wieder ist einer der besonders liebenswerten Workuta-Kameraden von uns gegangen: Hansgeorg Wagner, der zuletzt in Feucht bei Nürnberg gelebt hat, ist am 1. April 2016 nach langer Krankheit verstorben. Tapfer hat er jahrelang versucht gegen die mit seinem Leiden verbundene Atemnot anzukämpfen, hat aber am Ende doch diesen Kampf verloren. Immerhin: Trotz seines oft schweren Lebens hat er das 91. Lebensjahr erreicht und damit bewiesen, dass er zu kämpfen versteht: Er verlor seine ostpreußische Heimat, er überstand zwei Jahre Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern.

Danach verschlug es ihn nach Döbeln in Sachsen. Seine Kontakte zu der von den Kommunisten gehassten „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ und seine Proteste gegen die Verhaftung von liberalen Lehrerkollegen führten zu seiner Verhaftung durch den Staatssicherheitsdienst, der ihn nach wenigen Tagen an die Russen übergab. Ein sowjetisches Militärtribunal in der Dresdener Bautzner Straße verurteilte ihn wegen „antisowjetischer Propaganda“ und „Gruppenbildung“ (Artikel 10 und 11 des StGB der RSFSR) zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Ebenso wie einige tausend andere politische Oppositionelle wurde er in ein Zwangsarbeitslager im Gebiet Workuta, 160 Km. nördlich des Polarkreises, verbracht. Nach vier Jahren wurde er nach Deutschland entlassen. In der Bundesrepublik begann er ein neues Leben, aus dem er nun gerissen wurde.

Hansgeorg Wagner hat sich tapfer durch die Zeit der Gefangenschaft geschlagen und sich stets als guter Kamerad bewährt. Trotz der vielen negativen Erfahrungen, die er schon frühzeitig in seinem Leben machen musste, ist er Optimist geblieben. In der Freiheit hat er den Kontakt zu vielen seiner ehemaligen Kameraden aufrechterhalten, die es stets geschätzt haben, mit ihm zusammenzutreffen. Die ihn gekannt haben, werden ihn in angenehmer Erinnerung behalten.

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Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, der Verein ist für die Inhalte nicht verantwortlich. Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung des/der Verfasser/Verfasserin wieder.
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Berlin, 27.09.2013/cw – Die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) hatte am Donnerstag zu einer Veranstaltung in das Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer eingeladen. Thema: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953, Ursachen, Verlauf, Folgen. Lag es am späten Termin (drei Monate nach dem 60. Jahrestag), an der fehlenden Einladung an Veteranen des Volksaufstandes (die Vereinigung 17. Juni als Vereinsgründung einstiger Teilnehmer war zum Beispiel nicht eingeladen) oder am allgemeinen mangelnden Interesse an diesem Thema, jedenfalls hatten sich abzüglich der Podiumsteilnehmer und der Vertreter der UOKG selbst weniger als 20 Interessenten zu der Veranstaltung eingefunden.

Das war schade, denn besonders die beiden Professoren, Werner Gumpel aus München und Karol Sauerland aus Warschau, steuerten spannende Informationen und oft wenig bekannte Details aus der fraglichen Zeit bei.

Nach einem Impulsreferat von Dr. Jens Schöne, einem bekannten Historiker der LStU Berlin, der dankenswerter Weise noch einmal bekannte Fakten kurz zusammenfasste und so den thematischen Einstieg ermöglichte, kamen unter der Gesprächsführung von Holger Kulick, BStU, die beiden Professoren, Günther Gossler und Klaus Gronau auf dem Podium  als Zeitzeugen zu Wort.

Von Links: Axel Klausmeier (von  hinten), Holger Kulick, Günther Goßler, Karol Sauerland, Werner Gumpel, Klaus Gronau Foto: LyrAg

Von Links: Axel Klausmeier (von hinten), Holger Kulick, Günther Goßler, Karol Sauerland, Werner Gumpel, Klaus Gronau
Foto: LyrAg

Zu Beginn schilderte Klaus Gronau die von ihm bereits mehrfach vorgetragenen Erlebnisse um den 17. Juni. Ausschließlich für den Kenner der Materie waren durchaus Korrekturen und Erweiterungen zu bisherigen Darstellungen erkennbar, die aber insgesamt die Sicht eines damaligen Lehrlings auf die Ereignisse nicht beeinträchtigten. Gronau war beeindruckend nahezu an allen Orten des Geschehens zwischen Stalinallee, Oberbaumbrücke, Ostbahnhof, Lustgarten und Haus der Ministerien und konnte so eine fast lückenlose Reportage  über die Abläufe am 16. und 17. Juni in Berlin liefern. Eine beachtliche Leistung für einen Jugendlichen in einer Zeit, als „die Angst wie eine Glocke“ über Berlin schwebte, wie Gronau zutreffend zur Situation anmerkte.

Jetzt auch Wasserzelle am 17. Juni entdeckt

Günther Goßler, dessen Frau Anita in Vertretung des verhinderten UOKG-Vorsitzenden Rainer Wagner die Anwesenden begrüßte, schilderte seine Erlebnisse vom Aufstand um Wolfen und Bitterfeld. Er habe sich eigentlich nicht aktiv beteiligt, „Politik ist nicht meine Sache.“ Aber am Morgen  des 17. Juni „sind Kollegen aus Bitterfeld auf die Baustelle gekommen und haben  gesagt: Ihr müsst mitkommen, wir streiken. Da sind wir dann mitgezogen.“ Um 15:00 Uhr kamen die Russen, „dann war Ruhe.“ Gossler: „Ich bin dann nach Hause. In Delitzsch wohnte ich gegenüber der Schokoladenfabrik und einer Polizeiwache. Dann hörte ich einen Krach.“ Als er sich um die Ursache kümmerte, gewahrte er einen Radfahrer, der von einem Volkspolizisten erschossen worden war. „Eigentlich sind ja zwei Leute erschossen worden, aber ich habe nur diesen gesehen.“

Günter Goßler berichtete von einer Wasserzelle im Raum Bitterfeld - Foto: LyrAg

Günter Goßler berichtete von einer Wasserzelle im Raum Bitterfeld – Foto: LyrAg

Auf Nachfrage von Holger Kulick räumte Gossler ein, doch mehr erlebt zu haben. So habe man Polizisten entwaffnet  („Es fiel kein  Schuss, wir haben die Waffen alle deponiert.“) und Häftlinge befreit: „Da war auch eine Wasserzelle, da stand einer bis zu den Knien im Wasser.“ Ob dieser Teil seiner Erinnerungen der Solidarität mit seiner Frau geschuldet war, konnte im  Rahmen der Veranstaltung nicht geklärt werden. Seine Frau war als ehemalige Hoheneckerin in die Kritik geraten, weil sie in diversen Veröffentlichungen über Aufenthalte in Wasserzellen sowohl in  Leipzig wie in Hoheneck berichtet hatte, was aber Überprüfungen nicht standhielt.

Goßler betonte mehrfach seine unpolitische Haltung. Auch als er mit seiner Familie 1957 in den Westen zog, „hatte ich nur Sorgen um meine Frau.“ Eine Aussage, die einem eher spröde wirkenden Zeitzeugen menschliche Sympathie vermittelte. Goßler hob sich mit seinen eher zögerlich vorgetragenen Beobachtungen  um  den Volksaufstand deutlich von der meist kolportierten „anhaltenden Begeisterung“ einstiger Teilnehmer ab.

Umstrittene Darstellungen

Umstrittene Darstellungen

„Schießt doch, Ihr Hunde!“

Werner Gumpel, emeritierter Professor aus München und Ehrendoktor der Hacettepe-Universität in Ankara, schilderte beeindruckend seinen Aufenthalt in der Hölle von Workuta, „140 Kilometer vom Eismeer entfernt.“ Er war wegen seiner Beteiligung an einer Oppositionsgruppe in Leipzig zu 2 x 25 Jahren verurteilt und nach Sibirien verbracht worden, wo er bis 1955 war. In den Lagern seien Menschen aus der gesamtem UdSSR gewesen, auch aus der CSSR, aus Ungarn und Polen. Von den Polen hieß es, unter jeder Schwelle der Eisenbahnschienen läge ein Pole, „die haben besonders Schlimmes in den Lagern durchgemacht.“

Die Ukrainer waren am Besten organisiert, auch die Russlanddeutschen, die als „Verbannte nicht direkt in den Lagern, sondern davor wohnten.“ Die hörten Nachrichten. So hätten die Gefangenen hin und wieder erfahren, was in der Welt vor sich ging. Durch diese Nachrichten und eine dürre Mitteilung in der Prawda habe man schließlich vom Aufstand in Mitteldeutschland erfahren. Dann fuhren plötzlich weniger, dann  gar keine Züge mehr, die die abgebaute Kohle transportierten. Schnell sprach sich die Ursache rum: Im Schacht 29 werde gestreikt. Man forderte die Überprüfung der Urteile, die Freilassung politischer Gefangener. Das lief zunächst relativ friedlich ab, bis ein Ukrainer an das Lagertor ging, sein Hemd über der Brust aufriss: „Schießt doch, ihr Hunde.“ Er wurde erschossen, Truppen wurden eingesetzt. Am Ende des Aufstandes von 1953 in Workuta gab es 64 Tote und über 120 Verletzte.

Prof.em.Dr. Werner Gumpel - Foto: LyrAg

Aus München: Prof.em.Dr. Werner Gumpel – Foto: LyrAg

Karol Sauerland, Professor an der Universität Warschau, wurde 1936 in Moskau als Kind kommunistischer Emigranten geboren. Sein Vater schloss sich den Komintern an, war Chefredakteur des „Aufbau“ und flüchtete 1935 in die UdSSR. In Moskau wurde er trotz seiner Überzeugung ein Opfer der stalinistischen Säuberungen und erschossen. Sauerland: „Davon erfuhr ich erst 1963. Davor glaubte ich, er lebe in Sibirien.“ Die Familie siedelte nach dem Krieg in  die DDR über: „Meine Mutter blieb trotz dieser Erlebnisse überzeugte Kommunistin.“

Posen, das war die Wiederholung des 17. Juni

Der junge Sauerland wurde immer nachdenklicher. Nach Stalins Tod sagte ein Freund und Gesinnungsgenosse zu ihm: „Nun gilt es, Trübsal zu blasen.“ Wenige Monate später sah er sowjetische Panzer gegen das Volk rollen. Ein bleibendes Bild, das sich für ihn 1956 in Posen wiederholte: „Für mich war das die Wiederholung des 17. Juni.“

Sauerland siedelte 1956 nach Polen über, erhielt die polnische Staatsbürgerschaft, studierte und wurde schließlich Professor. „Für dieses Land habe ich mich engagiert und gekämpft.“ Immerhin waren nach dem Beginn  der Sowjetherrschaft 1944 „über eine halbe Million Polen in den Gefängnissen gelandet. 1953 hatte dieses Land keinen Atem mehr.“ Aber nach dem Aufstand in Posen habe es positive Entwicklungen gegeben. Ab dieser Zeit gab es „keinen verpflichtenden Marxismus“ mehr, und es entstand wieder eine freie Marktwirtschaft.

Sauerland engagierte sich besonders in der freien Gewerkschaft Solidarnosc. Obwohl er nie zuvor einer Gewerkschaft oder Partei angehört habe und eigentlich „von Politik nichts mehr wissen wollte,“ sei diese Organisation ein  Teil seines Lebens geworden.

Aus Warschau: Prof.Dr. Karol Sauerland -        Foto: LyrAg

Aus Warschau: Prof.Dr. Karol Sauerland – Foto: LyrAg

Nachdem Jaruzelski Anfang der 80er Jahre (1981-1983) das Kriegsrecht verhängt hatte, war Sauerland untergetaucht, aber auch überzeugt: „Das System ist am Ende!“ 1988 habe er gesagt: „Wenn  Polen selbstständig wird, wird Deutschland wiedervereinigt. Die waren alle entsetzt,“ kann  Sauerland heute nicht ohne Schmunzeln berichten.

Man hätte sich vielleicht noch eine  Vertiefung über die „Folgen“ des 17. Juni, die heutige mangelhafte Befassung mit dem Volksaufstand und der Frage nach den Ursachen gewünscht. Vielleicht ist aber gerade diese Fragestellung politisch nicht gefragt und daher auch auf derartigen  Veranstaltungen obsolet.

Werner Gumpel beklagte am Ende die mangelnde Schulbildung über Geschichte und Auswirkungen  des Kommunismus und erhielt von seinem Kollegen  aus Warschau und aus den Reihen der Zuhörer ausdrückliche Zustimmung. Holger Kulick ließ dieses Fragezeichen stehen. Schade, andererseits nach Zuhörer wie Diskutanten fordernden drei Stunden Aufmerksamkeit irgendwie auch verständlich.

Der Direktor des Mauermuseums, Prof. Dr. Axel Klausmeier, kündigte in seinem Schlusswort für den kommenden Sonntag, 29. September, 18:00 Uhr, eine Veranstaltung zum 100. Todestag von Ernst Reuter an. Teilnehmer und Ehrengast: Der Sohn Dr. Edzard Reuter, vormaliger Industrie-Chef (u.a. Daimler).

V.i.S.d.P.:Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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