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Berlin, im Oktober 2019/cw – Zum 30. Jahrestag der Maueröffnung findet in Berlin an herausragender Stelle auch ein Festakt in „Geschlossener Gesellschaft“ statt, zu der insbesondere Akteure der Erinnerung eingeladen sind. Unserer Redaktion gelang es, vorab die geplante Rede des hauptamtlichen Akteurs zu erhalten, die wir exklusiv als wichtiges Dokument der Erinnerungs-Geschichte im Folgenden abdrucken.

„Exzellenzen,

Herr Präsident,

Frau Bundeskanzlerin,

Meine Damen und Herren Abgeordneten,

Hochverehrte Gäste,

– und nicht zu vergessen –

Werte Vertreter der Erinnerungsarbeit an Jene, deren wir heute besonders gedenken wollen,

wir f e i e r n heute einen Tag, den wir aus unser aller Leben nicht mehr streichen wollen, selbst wenn wir dies könnten: Vor 30 Jahren, d r e i ß i g , verehrte Anwesende, vor dreißig Jahren wurde jene Mauer geöffnet, die die einen als „antifaschistischen Schutzwall“ begriffen, die anderen als „Trennungsmauer der Schande“.

Für die Einen verwirklichte sich am legendären 9. November vor dreißig Jahren ein Traum, für die Anderen wurde ein Alptraum Wirklichkeit. Und   w i r , verehrte Anwesende, standen überwiegend zunächst als Zuschauer, nunmehr als wichtige Zeitzeugen inmitten des Geschehens und konnten nicht fassen, was da geschah.

Und nachdem wir die Fassung gefunden hatten, reihten wir uns ein in die Kolonne der Glücklichen, der Überglücklichen, feierten mit diesen immer als Brüder und Schwestern empfundenen Menschen über Nächte und Tage hinweg diesen „Glücksumstand der Geschichte“, wie es richtig ein großer Politiker dieser Zeit spontan und unvergesslich für uns alle so treffend formuliert hat.

Die Erinnerung nur zelebrieren? Joachim Gauck und Angela Merkel 2013 auf der Gedenkfeier zum 17. Juni 1953 – Foto: LyrAg

Stellvertretend für unser Volk

Wir alle, die wir hier stellvertretend für unser Volk zur Feier dieses unvergesslichen Tages versammelt sind, wir sind uns bewusst, welche unendlichen Erschwernisse vor uns lagen, die es zusätzlich zu beseitigen galt, um die durch den Mauerfall virulent gewordene Sehnsucht nach der Einheit unseres Landes, nach der so lang ersehnten Wiedervereinigung, nach einer berechtigten Beteiligung dieser erwähnten 9.November-Menschen in die Realität umzusetzen.

Was, verehrte Anwesende, war das für ein Kraftakt im wahrsten Sinne des Wortes. Wer daran, ob – erlauben Sie mir diese Metapher –ob „oben“ oder „unten“ daran mitgewirkt hat, hat sich unvergesslich in das Geschichtsbuch eingetragen. Diese unendliche Geschichte mühsamster Verhandlungen, durch Nächte, Tage, Wochen und Monate bleiben unvergesslich, haben sich als bleibender Verdienst in unsere Agenda eingetragen.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen die oft mühsamen Austarierungen unterschiedlichster Interessen, die Einbindung in bereits vorhandene Strukturen, vielfältigen Ämter und Positionen. Ja, die Erlebnis-Zeugen der historischen November-Nacht und Akteure der Nach-Mauer-Zeit hatten einen unwiderruflichen Anspruch darauf. Waren wir nicht geradezu verpflichtet, diese so wichtige Mitwirkung an der Aufarbeitung der unausbleiblichen Folgen dieser unvergessenen Maueröffnung anzuerkennen, diese Zeitzeugen zu integrieren, in unseren bestehenden Apparat der Funktionen einzugliedern? Das war unser Dank an diese unterstützenden Zeugen des Mauerfalls, die zu Wegbereitern der Einheit wurden, die wir ein knappes Jahr später Dank dieser uneigennützigen Zeugenschaft endlich, endlich umsetzen konnten?

Natürlich haben wir in dieser Zeit auch die Menschen einbezogen, die in den vorausgegangenen Jahrzehnten so unendlich viele Mühen und Plagen auf sich genommen, oft ihr Leben aufs Spiel gesetzt oder viele Jahre Gefängnis auf sich genommen hatten, um diese für unveränderlich gehaltene Spaltung unseres Landes zu überwinden. Wir haben dafür gesorgt, dass viele Institutionen, von Stiftungen bis zu Vereinen, geschaffen wurden, um die Erinnerung an diese mutigen Menschen aufrecht zu erhalten, diesen mit dieser permanenten Erinnerung ein ewiges Denkmal zu setzen.

Wertvolle Arbeit der Erinnerung

Was wäre diese Erinnerung wert, meine Damen und Herren, wenn wir nicht jede Möglichkeit und Chance nutzen würden, um dieser Menschen zu gedenken. Das tun wir mit unserer Veranstaltung auch hier und heute. Und Sie dürfen mit mir die Gewissheit teilen, dass diese Menschen auch unsere heutige Feier nicht nur als Dank für die wertvolle Arbeit der Erinnerung, die Sie, hochverehrte Anwesenden, in all den Jahren danach geleistet haben, verstehen sondern auch als Ausdruck der großartigen Wertschätzung der Verdienste dieser Menschen, ohne die wir heute und in Zukunft dieses Kapitel unserer Geschichte nicht feierlich und in gebührendem Rahmen begehen könnten.

Lassen Sie mich bitte auch ein Wort zu der am Rande vorgetragenen Kritik an dieser und/oder ähnlichen Veranstaltungen sagen. Kritik ist das Salz unserer Demokratie, nicht wahr? Und darum ordnen wir diese als überzeugte Demokraten auch entsprechend ein. Aber zum Recht auf Kritik gehört natürlich auch das Recht der maßvollen Entgegnung, auch das ein umgesetzter wertvoller Bestandteil unserer Nach-Mauer-Ära. Und hier frage ich denn diese Kritiker: Sollten wir denn Hunderttausende zu dieser Feier einladen? Schließlich gedenken wir hier dankbar dieser Hunderttausenden, ohne die wir hier nicht die Verwirklichung einstiger Träume feiern könnten. Lassen wir also die Kirche im Dorf, liebe Kritiker. Begnügen wir uns bescheiden mit dieser Feier im demokratischen Konsens, dass es nun einmal auch ein Merkmal dieser unserer Demokratie ist, es nicht allen recht machen zu können.

Erheben Sie mit mir das Glas auf unser Land, auf die, die es nach dem Mauerfall so gut gestaltet haben, auf Sie, die sich tagtäglich in Stiftungen und vielen Vereinen abmühen und abkämpfen, um der Arbeit der Vorkämpfer dieser Einheit eine stete Erinnerung zu bewahren.“

V.i.S.d.P.: Der Fest-Redner, für den Vorabdruck: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil:0176-48061953 (1.481).

 

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