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Berlin, 2.10.2014/cw – Der Schock sitzt auch noch nach 25 Jahren tief. Anders kann man die neurotisch wirkende Selbstdarstellung des letzten „Staatschefs der DDR“, Egon Krenz zwei Tage vor dem 3. Oktober kaum bewerten. Krenz, wegen Totschlags (an der Berliner Mauer) recht zivil zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die er nicht in Bautzen oder Hoheneck, sondern zumeist im Freigang bewältigen durfte, trauert nach wie vor einem Staat nach, der sich selbst um seine Chancen brachte, eine Alternative zur Bundesrepublik aufzubauen. Er wollte offensichtlich seine Auferstehung aus den Ruinen seiner einstigen Mauer demonstrieren, aber außer rund hundert verlesener Genossen will wohl kaum ein vernunftbegabter Mensch den modernden Schallmeienklängen des roten Altpräsiden folgen.

Für DDR-Kritiker war der einstige Staatschef krenzwertig nur hinter den Scheiben der "jungenWelt" zu sehen -Foto: LyrAg

Für DDR-Kritiker war der einstige Staatschef krenzwertig nur hinter den Scheiben der „jungenWelt“ zu sehen -Foto: LyrAg

Von eigener Bevölkerung bejubelter Untergang

Die DDR erstickte nicht an ihren Verbrechen und an ihrem Unvermögen, wirtschaftlich und rechtspolitisch Furore zu machen, sonders sei von der Bundesrepublik übernommen worden, so der gescheiterte Honecker-Nachfolger. Großzügig räumte Krenz zwar ein: „Natürlich haben wir auch Fehler gemacht.“ Aber deswegen scheitern oder gar schämen? Niemals, niemals. Da fällt dann dem kritischen Beobachter die Honecker-Formel ein: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“ Wie wahr. Auch Egon Krenz konnte den Lauf in den von der eigenen Bevölkerung bejubelten Untergang nicht aufhalten.

Tomas Kittan von der B.Z. mußte sich seine Anwesenheit buchstäblich erkämpfen - Foto: LyrAg

Tomas Kittan von der B.Z. (Mitte) mußte sich seine Anwesenheit buchstäblich erkämpfen – Foto: LyrAg

Allerdings waren kritische Beobachter oder gar einstige aus politischen Gründen Verfolgte erst gar nicht zur Buchpräsentation zugelassen. Man hatte in dem von alten Kadern nach wie vor beeinflussten einstigen Zentralorgan der FDJ namens jungeWelt schnell gelernt. In den vergangenen Jahren war es immer wieder sogen. Staatsfeinden der DDR gelungen, an den Veranstaltungen teilzunehmen und den roten Protagonisten unangenehme Fragen zu stellen. Nunmehr wurden Karten verkauft und dabei streng darauf geachtet, nur Reservierungen für altgediente Genossen zuzulassen. Selbst gegenüber der Presse zeigt man wieder vor 25 Jahren und früher gewohnte Praktiken. So wurde der B.Z.-Reporter Tomas Kittan erst nach geharnischtem Protest eingelassen, nach dem dieser mit sehr unangenehmen Konsequenzen wegen Verletzung der Pressefreiheit gedroht hatte.

„Das Krawallblatt B.Z. log über Krenz-Auftritt“ 

Deutliche Ansage: Die ehem. Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, im Hintergrund Egon Krenz - Foto: LyrAg

Deutliche Ansage: Die ehem. Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, im Hintergrund Egon Krenz – Foto: LyrAg

Die jungeWelt revanchierte sich denn auch, als sie am nächsten Tag den Journalisten der Lüge zieh: „Das Krawallblatt B.Z. log danach über den Auftritt des letzten DDR-Staatschefs: »Zugang hatten nur ehemalige FDJ- und SED-Funktionäre und Stasi-Offiziere.«“

Schließlich kennt man sich in Sachen Agitation aus und benutzt gekonnt Teil-Fakten, um den Gegner der Lüge zu überführen. Denn wahrscheinlich waren unter den Anwesenden auch eine Handvoll treuer Genossen ohne hervorgehobene Funktion in der SED oder ihrem Schild und Schwert, der Stasi. Ändert das etwas an der zusammengerafften Beschreibung und Aussage über den offensichtlich gesiebten Zugang durch einschlägig Vorbelastete?

Der Beweis für Kittans Situationsbeschreibung stand vor den Räumen der roten Ladengalerie. Rund zwanzig einst politisch Verfolgte, unter ihnen die einstige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, hatten sich aus Protest gegen den krenzwertigen Auftritt des vorbestraften Staatsfunktionärs eingefunden und pressten ihre Protestschilder so gegen die Ladenscheiben der jungenWelt, dass auch Egon Krenz die Texte lesen konnte. Gut, dass das Schild und Schwert der Partei nur noch in Form alt gewordener Rentner vertreten war. So konnte Krenz nur gequält mit seinem berüchtigten Grinsen auf Sprüche wie diese reagieren: „Stasi go home!“ und „Die DDR war ein Unrechtsstaat!“

Ein aktuelles Anliegen - Foto: LyrAg

Ein aktuelles Anliegen –
Foto: LyrAg

Interessant war allerdings die Feststellung, der Tag der Deutschen Einheit sei ein willkürlich datierter Feiertag. Ob „der wohl nur auf den 3. Oktober gelegt wurde, damit die DDR nicht 41 werden konnte,“ darüber ließe sich trefflich streiten. Denn daß der 3. Oktober „ein Gedenktag nach Aktenlage“ ist, haben Kritiker – besonders wir von der Vereinigung 17. Juni – schon recht früh angemerkt. Diesem Tag fehlen die mit einem Gedenktag unbedingt erforderlichen faktischen, impulsiven und sensitiven Inhalte, wie diese zum Beispiel mit dem 9. November, dem 17. Juni oder dem 8. Mai verbunden sind. Doch darüber wollten die Genossen offenbar nicht diskutieren, schon gar nicht mit Andersdenkenden. Im eigenen ideologischen Saft zu schmoren, die eigenen Indoktrinationen zu streicheln, scheint nach wie vor wichtiger, als sich dem freien Wort, der freien Auseinandersetzung zu stellen.

DDR - Ein Unrechtsstaat, auch das mussten die Genossen zur Kenntnis nehmen - Foto: LyrAg

DDR – Ein Unrechtstaat, auch das mussten die Genossen zur Kenntnis nehmen – Foto: LyrAg

Die Frage nach den Toten  der Mauer ließ Krenz verdunsten

So verließ Egon Krenz die Veranstaltung auch nicht durch den Vordereingang sondern eher fluchtartig durch die Hintertür. Trotzdem gelang es der einstigen DDR-Bürgerin und ehemaligen Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, Krenz mit der Frage zu konfrontieren: „Herr Krenz, wie leben Sie heute mit den Toten der Mauer?“ Der Angesprochene rollte mit den Augen und stürmte geradezu fluchtartig auf seine Limousine zu. Mit aufheulendem Motor brauste der peinlich Befragte davon und ließ einmal mehr eine kritische Frage im Nachthimmel von Berlin ohne Antwort verdunsten.(869)

Siehe auch: http://www.jungewelt.de/2014/10-02/059.php

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 3.10.2013/cw – „Orden für die Wunderkinder“ war 1963 ein furioser deutscher Fernsehfilm, in dem die Ordensbesessenheit in der jungen Bundesrepublik karikiert wurde. An dieser Ordensbesessenheit hat sich wohl bisher nichts oder wenig geändert. Allein der Autor erhält mehrfach im  Jahr Anfragen, ob er denn nicht seinen (im  Übrigen nicht vorhandenen) Einfluss geltend machen könne, um eine „endlich verdiente“ Auszeichnung für den/die Anfragende zu vermitteln.

In der Neuzeit werden diese Orden allerdings nicht mehr „per Gießkanne“ oder über einen „direkten Draht“ an die „Wunderkinder“ verteilt – die sind ja auch in die Jahre gekommen –sondern den „Wunsch-Kindern“ der Republik verliehen. Bei diesen Zeitgenossen handelt es sich in erster Linie um Personen, die den Normen der neuen deutschen demokratischen Republik (nDDR) entsprechen: Angepasst, nicht vorlaut oder aufsässig, im  erwünschten Mainstream vorgegebener Lebenslinien lebend. Orden I_NEW

In  diesen Bereich sind seit einiger Zeit auch Protagonisten  der an dieser Stelle als Aufarbeitungsindustrie bezeichneten Sparte vorgerückt und werden seither kontinuierlich mit entsprechenden Auszeichnungen, Preisen und Orden versehen. Das Signal ist deutlich: Wenn  ihr euch in unsere Vorgaben einpasst, euch dem großen Ziel einer einheitlichen Geschichtsvermittlung anpasst, statt eigensüchtig eure „wahren“ Geschichten  zu verbreiten, dann werdet ihr in den Kanon der verdienten Zeitzeugen aufgenommen.

Vorstehendes entbehrt zweifellos nicht der Satire, zugegeben. Aber diese Zustandsbeschrei-bung entbehrt auch nicht einer gewissen Realität. Natürlich gibt es am Rande immer auch Auszeichnungen für tatsächliche „Helden des Alltags“. Hier werden die Unterschiede allerdings auf anderer Ebene austariert. Der/die Orden werden entweder durch den Präsidenten der neuen deutschen demokratischen Republik höchst persönlich oder eben „in Vertretung“ durch den jeweiligen Herrn Landrat, Bürgermeister, Senator etc. (je nach zugedachter Bedeutung) verliehen. So erhielten beispielsweise eine Reihe von Fluchthelfern, die oft unter Einsatz ihres Lebens („Fluchthilfe ist die Wiederherstellung eines Rechts!“) vielen Menschen unter abenteuerlichen Umständen in die Freiheit verholfen hatten, das Verdienstkreuz „in Vertretung“ verliehen (Wir haben darüber berichtet). Und die Fluchthelfer waren darüber ausnahmslos glücklich, wird kolportiert.Orden II_NEW

Orden für „Die bröckelnde Festung“?

Am 4. Oktober verleiht der Präsident wieder höchstpersönlich den Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des Tages der Deutschen Einheit. Unter den Geehrten befindet sich auch Gabriele Stötzer. Allein der Umstand, Autorin, Publizistin und Lyrikerin zu sein, kann  nicht ausschlaggebend für diese Ehrung gewesen sein, denn dann müsste der Präsident wohl Sonderschichten einlegen oder zusätzliches Vertretungspersonal rekrutieren. Es muss also etwas Besonderes im  Leben der einstigen Hoheneckerin (1977/78) aufgefallen sein, was ihr den direkten Gang in das Republik-Schoss Bellevue geebnet hat.

Vielleicht – und  das ist freilich nur eine Annahme – war das Buch „Die bröckelnde Festung“ ausschlaggebend? In dieser Biografie beschreibt die damalige Insassin des berüchtigten DDR-Frauenzuchthauses Hoheneck ihren Aufenthalt in den Zellen der Burg. Die Zustandsbeschreibungen weichen allerdings derart gravierend von anderen Zeugnissen aus dieser Zeit ab, dass der aufmerksame Beobachter – vorsichtig ausgedruckt – stötzert, also stutzig wird. Vielleicht  ist es aber gerade dieser „Mut“, sich gegen alle bisherigen Darstellungen grauenhafter Erlebnisse zu stellen, die Stötzer auszeichnungswürdig macht? Hier einige Zitate der einstigen  FDJ-Sekretärin aus dem angeführten  Buch:

Sie hatte eine kurze Strafe im leichten Vollzug, das bedeutete viermal im Monat einen Brief schreiben zu können, einmal im Monat einen Sprecher zu haben, alle zwei Monate ein Paket zu erhalten und in offenen Stationen untergebracht zu sein…  .“ (Seite 30).Orden III_NEW

Über die Einkaufsmöglichkeiten im Knastkiosk liest man auf Seite 35:

Neben Kosmetikartikeln, Obst, Zigaretten, Kuchen, Süßigkeiten, Brötchen, Milch, Quark, Vitamintabletten oder Brause auch Papierbons, für die man sich, da es zu jeder Brotmahlzeit nur Malzkaffee gab, Bohnenkaffee oder Schwarzen Tee holen konnte. Außer in der Nachtschicht, da gab es besseres Essen: Leber, alle sechs Wochen ein gegrilltes Hähnchen und abends, vor der Schicht, kostenlos eine Tasse Schwarzen Tee oder Bohnenkaffee.“

War Stötzer in  einem Interhotel? Hat sie womöglich in der Haft von nahezu paradiesischen Zuständen geträumt (was ja nachvollziehbar wäre)? Oder, das wäre allerdings ein  schlimmer Verdacht, hatte sie eingeräumte Privilegien, die nur „ausgesuchten“ Personen eingeräumt wurden?

Erdbeeren, Himbeeren und Pampelmusen im  DDR-Knast

Auch die Schilderung der erhaltenen Paketinhalte (Seite 44) oder der Besuche in der Haftanstalt („Sprecher“) steht in den Berichten über das Frauenzuchthaus einzig da:

In den Paketen ließ sie sich Parfüm, Zahnbürsten, Wimpernspiralen, Deostifte, Lidschatten und Schreibwaren schicken. Gegen den immer gleichen Geschmack des Essens bestellte sie sich einen runden Plastikstreuer mit mehreren Gewürzen, Knoblauch und Fischpasten. Zum Sprecher wechselten Äpfel, Zitronen, Erdbeeren, Kirschen, Himbeeren über das Jahr hin zu Pampelmusen, Bananen und Apfelsinen. Manchmal wünschte sie sich weichgekochte Eier, Pfannkuchen oder sinnlose Dinge wie Blumen, die außerhalb der Geldklausel mitgebracht werden durften…

Stötzer selbst schreibt im November 2011 in einem Beitrag für die Thüringer Allgemeine Zeitung: „In meinem Knastbuch hat die Hauptfigur keinen Namen, niemand muss sich mit ihr identifizieren. Sie bleibt einsam, isoliert.“ Und: „Wenn eine schwierige Wahrheit nicht besprochen wird, sucht sie sich andere Wege und verschlimmert sich.“Orden III_NEW_0001

Augenscheinlich im  Widerspruch zu den im Buch geschilderten Erfahrungen steht ihr viel beachteter und kürzlich eigens mit einem  Preis versehener fünfzehnminütiger MDR-Radio-Feature, in dem sie eine Insassin in  Hoheneck aus den fünfziger Jahren zu Wort kommen lässt. Trotz entsprechender Vorabinformationen lässt Stötzer diese mit nachgewiesenen Lügen zu Wort kommen („.. ihr Freund ist zu diesem Zeitpunkt bereits in der Haftanstalt Bautzen II verstorben“ und sie „wird in den Keller gebracht. Die Wasserzelle ist größer als in Leipzig.“)

Lügen hier, Unwahrhaftigkeiten da? Vielleicht hat ja gerade diese Vielfältigkeit der Autorin und Publizistin im Präsidialamt überzeugt? Liegt sie damit doch im offenbaren Trend der Aufarbeitungsindustrie, die sich zunehmend an den Vermarktungsmöglichkeiten von Geschichte und Geschichten und weniger an nachweisbaren Vorgängen orientiert. Anzunehmen bleibt, dass ein  Bundespräsident Christian Wulff nach seiner eigenen Inaugenscheinnahme der finsteren Burg in Stollberg im  Mai 2011 einer Ehrung für eine  derartige Glanz-Berichterstattung über Hoheneck wohl widersprochen hätte. Aber die Zeiten  haben  sich ja auch in Bellevue geändert. In dem sitzt jetzt als höchster Repräsentant ein  Mann, der den Besitz von zwei Pässen und die zahlreichen in Anspruch genommenen Ausreisen aus dem Gefängnis DDR als „nicht untypisch“ bezeichnet.

Kristin Derfler wurde bisher übersehen

Während also Gabriele Stötzer der feierlichen Aufnahme in  den Club der Ordensträger entgegensieht, wurde eine andere Frau bislang übersehen: Christin Derfler. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie über Jahre andauernde Studien über das Verlies in  Hoheneck gemacht und schließlich auf dieser Grundlage ein spannendes Drehbuch geschrieben. Der Film: „Es ist nicht vorbei“ (In den Hauptrollen: Ulrich Noethen, Anja Kling, Tobias Oertel) wurde zur besten Sendezeit am 9.11.2011 in der ARD ausgestrahlt, hatte die höchste Einschaltquote. Danach folgte ein Dokumentarfilm über Hoheneck. Autoren: Kristin Derfler und Dietmar Klein, ihr Ehemann. Es war nicht ihr erster Film und wird – nach überstandener schwerer Krankheit – nicht ihr letzter Film sein.

Vielleicht nutzt Gabriele Stötzer ja die gegebene Gelegenheit am 4. Oktober, auf diese Frau aufmerksam zu machen. Vielleicht aber ist Kristin Derfler nicht in den beschriebenen Kanon der Aufarbeitungsindustrie aufgenommen?

Man weiß nicht, was wünschenswerter wäre…

V.i.S.d.P.:Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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