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Von Susanne Baumstark

Berlin/Pinneberg, 29.09.2015/sb – Grenzenlose Dreistigkeit oder eiliger Schreibfehler? Amnesty International veröffentlicht jedenfalls Artikel 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) abweichend vom Urtext und transportiert auf diese Weise eine Falschinformation großflächig, auf poppig gelbem Hintergrund, in die Öffentlichkeit; in Form von riesigen Plakaten auf verschiedenen Bahnhöfen.

Amnesty-Plakatierung (gesichtet in Norddeutschland) - Foto: Redaktion

Amnesty-Plakatierung (gesichtet in Norddeutschland) – Foto: Redaktion

Der Text auf dem Plakat im Wortlaut: „Artikel 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu erhalten. Amnesty International“.

Tatsächlich ist die Formulierung „Asyl zu suchen und zu erhalten“ lediglich ein Vorschlag der UN-Menschenrechtskommission in der AEMR-Entwurfsfassung gewesen. Der daraus abzuleitende individuelle Rechtsanspruch auf Gewährung von Asyl konnte sich aber international gerade nicht durchsetzen. Durchgesetzt – und in bisherigen Schriften von Amnesty auch korrekt übernommen – hat sich der Wortlaut: „Asyl zu suchen und zu genießen“. Völkerrechtlich herrschte immer weitgehender Konsens, dass es gemäß AEMR keine Pflicht, sondern ein Recht des Staates ist, Asyl zu gewähren.

Dem Zufluchtstaat die Kompetenz erhalten

Vor dreißig Jahren, als es noch überwiegend indoktrinationsfreie Literatur zum Thema gab, konnte man sich darüber informieren, warum ein völkerrechtlich verankertes Individualrecht auf Asyl als wesentlich zu weitgehend kritisiert wurde. Zum Beispiel im „Recht auf Asyl“ des Rechtswissenschaftlers Helmut Quaritsch, 1985: Die Weigerung, ein Asylrecht „absolut“ bei jeder politischen Verfolgung zu gewähren, soll dem „Zufluchtstaat die Kompetenz erhalten, eigene Wertvorstellungen mit dem Begriff der Verfolgung zu verbinden oder bei Flüchtlingen zwischen Freund und Feind unterscheiden zu können“. Die politische Führung sei dadurch fähig, auf „wechselnde Lagen zu reagieren“.

Interessant auch Quaritschs Aussage bereits 1985: „Im Blickfeld von Rechtsprechung und Schrifttum in der Bundesrepublik erscheint so gut wie ausschließlich der humanitäre Aspekt des Asyls; der Verlust der politischen Handlungsfähigkeit wird gar nicht mehr wahrgenommen, der durch die Gewährung des subjektiven Grundrechts auf Asyl eintritt. Die möglichen Beeinträchtigungen der zwischenstaatlichen Beziehungen bis hin zu inneren Unruhen im Zufluchtstaat selbst werden ignoriert oder mit dem formalistischen Argument der juristischen Unzulässigkeit völkerrechtlicher Sanktionen beantwortet.“

Weltweite Absolutierung?

Der deutsche Wunsch nach weltweiter Verabsolutierung eigener Rechtsvorstellungen scheint von jeher ungebrochen zu sein: 1977 beantragte die Bundesregierung unter Helmut Schmidt bei der UNO-Konferenz in Genf erneut die Schaffung eines Individualanspruchs auf Asyl. Ergebnis der Abstimmung: Vier Ja-Stimmen (vorbehaltlose Zustimmung nur vom Vatikan), 21 Enthaltungen, 53 Nein-Stimmen.

Die Respektlosigkeit gegenüber dem menschenrechtlichen Völkerrecht wird indessen weiter forciert. Das falsche Zitat des Artikels 14 AEMR findet sich zum Beispiel auch im Flyer „freundeskreis asyl göppingen“ (UN-Menschenrechtesdeklaration, § 14 Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu erhalten) sowie in diversen Unterrichtsmaterialien. (1.037)

V.i.S.d.P.: Susanne Baumstark – Redaktion Hoheneck , Berlin, Tel.: 030-30207785
Hinweis: Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung des Autors/der Autorin, nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder.

Preussische Allgemeine Zeitung:

Bürgerrechtler Carl-Wolfgang Holzapfel kritisiert gegenüber der PAZ Umgang mit 17. Juni und DDR

Berlin, 17.06.2013/SB – Vor 23 Jahren musste er als offizieller Nationalfeiertag weichen: der Gedenktag an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953. Das hält allerdings den Bürgerrechtler Carl-Wolfgang Holzapfel nicht davon ab, die Bedeutung dieses Tages zu würdigen. Das Interview führte PAZ-Mitarbeiterin Susanne Baumstark.

PAZ: Herr Holzapfel, wo waren Sie am 17. Juni 1953 und was haben Sie an diesem Tag getan?

Holzapfel: Da gibt es nur eine Erinnerung: Ich war neun Jahre alt, wohnte in West-Berlin und unsere Großmutter verbot uns, auf die Straße zu gehen: „Kinder, die Panzer kommen.“ Die verbindende Erinnerung entstand erst drei Jahre später mit der aktiven Verfolgung des Aufstands in Ungarn. Das war die Initialzündung, dieser verzweifelte Ruf nach Hilfe über Radio Budapest. Von da an gehörte mein Herz dem Freiheitskampf.

PAZ: Nun steht der 60. Gedenktag des 17. Juni 1953 vor der Tür. Wie werden Sie sich an diesem Tag einbringen?

Holzapfel: Wir werden, wie seit sechs Jahrzehnten, die Toten dieses für Deutschland und Europa so wichtigen Aufstandes ehren. Das beginnt traditionsgemäß am Vorabend mit der Ehrung am einzigen originären Mahnmal, am Holzkreuz in Berlin-Zehlendorf, und setzt sich am nächsten Tag mit diversen Erinnerungen fort. Dem Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße wird die größte Aufmerksamkeit gewidmet. Immerhin nehmen alle zehn Jahre die Spitzen des Staates daran teil. In diesem Jahr wird die Bundeskanzlerin sogar die Ansprache halten. Unser Verein ist als einziger Verband traditionsgemäß an der feierlichen Kranzniederlegung direkt beteiligt.

PAZ_NEWPAZ: Sie sind in West-Berlin aufgewachsen und wohnten auch später nie auf dem Gebiet der DDR …

Holzapfel: Na ja, bis auf Hohenschönhausen und Bautzen II von 1965 bis 1966.

PAZ: Welche Bedeutung hat für Sie der Volksaufstand und weshalb interessieren Sie sich überhaupt dafür?

Holzapfel: Die Bedeutung des Aufstands in Mitteldeutschland begriff ich erst durch die intensive Aufnahme der Ungarischen Revolution von 1956. Ich war zwölf Jahre alt und begann, mich mit dem Widerstand gegen totalitäre Strukturen auseinanderzusetzen. Mit 13 Jahren schrieb ich ein interaktives Theaterskript über den Ungarn­aufstand. Es beschreibt den dramatischen Kampf zwischen Budlap (Budapest) und Kremlowski (Kreml). Im Alter von 14 schrieb ich dann ein 60 Artikel umfassendes „Deutschlandpapier“, in dem ich eine mir möglich erscheinende Lösung der Teilung Deutschlands entwarf. Die Veröffentlichung im Berliner „Telegraf“ scheiterte an einem erneuten Heimaufenthalt, diesmal in Westdeutschland. Ich stamme aus einer Scheidungsfamilie, das war alles sehr kompliziert.

PAZ: „Volksaufstand“ und „Arbeiteraufstand“ sind ja die gängigen Bezeichnungen für den 17. Juni. Ausgelöst wurde er durch die Verkündung der Normenerhöhung durch das SED-Regime: Die Bürger sollten mehr arbeiten, allerdings ohne Lohnerhöhung. Welche Bezeichnung ziehen Sie vor und warum?

Holzapfel: Gehen wir davon aus, das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 war ein Aufstand der Intelligenz mit Planung von oben, aber ohne Beteiligung des Volkes, so war der 17. Juni 1953 in der Tat ein Arbeiteraufstand von unten, ohne Führung. Beide hätten Aussicht auf Erfolg gehabt, wenn ihnen nicht jeweils ein wesentlicher Faktor gefehlt hätte. Diese Tragödien, die den Ausgang beider, wenn auch sehr unterschiedlichen Aufstände bestimmten, werden viel zu wenig beachtet. Der 17. Juni war von seinem Ursprung her ein Arbeiteraufstand und wuchs sich in seiner kurzen, aber heftigen Entwicklung zum Volksaufstand aus, wobei der größere Teil des Volkes (im Westen) nicht einmal „Gewehr bei Fuß“ stand. Das hatte auf der Westseite mehr den Status des interessierten Beobachters, den das Ganze im Grunde aber nichts anging. Erst danach erwuchs das Gedenken, das wir Ernst Reuter, Ernst Scharnowski, Konrad Adenauer und Herbert Wehner verdanken.

PAZ: Für Ihr Freiheitsverständnis investierten Sie bereits einiges an Zeit und Energie, nicht nur zu DDR-Zeiten. Im Juni 2005 protestierten Sie mittels Hungerstreik vor dem Bundesfinanzministerium gegen die Abnahme der dortigen Erinnerungstafeln an den 17. Juni, allerdings erfolglos. Welche Politiker waren für die Abnahme verantwortlich? Und welche Antwort erhielten Sie auf Ihren Protest?

Holzapfel: Na ja, ich bin ja Bankkaufmann und als Investment würde ich mein Engagement nicht bezeichnen wollen. Ich brach nach dem Bau der Mauer eine Lehre in Hamburg ab und kehrte nach Berlin zurück. Als ich die Mauer das erste Mal sah, brach ich in Tränen aus. Ich war fassungslos, dass so etwas nach all den Geschehnissen im Dritten Reich im Herzen Europas möglich war: quer durch eine Millionenstadt eine tödliche Mauer zu ziehen. Und ich schwor mir vor der zugemauerten Versöhnungskirche, nicht eher zu ruhen, bis entweder diese Mauer fallen oder ich nicht mehr leben würde. Daran habe ich mich gehalten.
In der Tat hungerte ich 2005 vor dem Bundesfinanzministerium neun Tage lang aus Protest gegen die Entfernung der großen Erinnerungstafeln an dem Gebäude. Daraus wurde dann die „Ersatzforderung“, das Areal vor dem Ministerium in „Platz des 17. Juni“ zu benennen. Seither demonstrieren wir jedes Jahr zum 17. Juni dafür. Leider ist außer der Errichtung von Bildtafeln, die wir auch anregten, noch nichts geschehen. In diesem Jahr soll es endlich soweit sein. Wir rechnen damit, dass am 16. Juni das Gedenkareal in „Platz des Volksaufstandes von 1953“ benannt wird. Der jetzige Finanzminister ist da offensichtlich geschichtsbewusster als sein Vorvorgänger Hans Eichel, der seinerzeit unter Zuhilfenahme eines in diesem Fall zweifelhaften Denkmalschutzes die Tafeln entfernen ließ.

PAZ: Sehen Sie dies als Zeichen dafür, dass dem Gedenktag zukünftig wieder mehr Ehre zuteil wird?

Holzapfel: Bei allem Respekt vor dieser 23 Jahre nach der Einheit überfälligen Rückkehr des Gedenkens an den Ort des Geschehens, müssen wir realistisch bleiben: Der Volksaufstand hat nicht mehr den Stellenwert im Bewusstsein unseres Volkes, der ihm als erster Aufstand gegen den Kommunismus nach 1945 in Europa zukommt.

PAZ: Menschen, die sich für mehr Aufmerksamkeit für den 17. Juni 1953 einsetzen, wollen offenbar der Bevölkerung etwas vermitteln. Was genau ist das?

Holzapfel: Die Deutschen waren international und aus ihrem Selbstverständnis heraus diskreditiert als Bücklinge, als kritiklose Jasager „nach oben“. Der 17. Juni bewies in der neueren Zeit das Gegenteil. Nur acht Jahre nach dem Ende des braunen Desasters standen deutsche Arbeiter wider ihre diktatorische Obrigkeit auf. Ein Fanal! Und dieses Fanal war Beispiel und Ausgangspunkt für die Erhebungen in Posen (Polen) und Ungarn 1956, für den Widerstand in der damaligen CSSR 1967 und wieder in Polen 1980 mit der Gewerkschaftsbewegung. Es sollte uns nachdenklich stimmen, dass der 17. Juni in Polen, der Tschechei und Ungarn einen weit höheren Stellenwert hat als bei uns in Deutschland. Es wäre Zeit, sich aus dem historischen Trauma zu lösen und Geschichte wieder lebendig, als immerwährenden Auftrag und Wegbegleiter wahrzunehmen.

PAZ: Wie könnte diese Geschichte wieder lebendig werden?

Holzapfel: Zunächst einmal war und ist die Politik gefordert. Sie prägt das öffentliche Bewusstsein. Versagt sie in diesem Punkt, versagt auch die Erinnerung. Der Bundespräsident, der Bundeskanzler oder die Kanzlerin sollten es als Pflicht sehen, jedes Jahr öffentlichkeitswirksam dieses Tages zu erinnern – nicht nur im Rhythmus von zehn Jahren. Die Schulbücher, das Lehrprogramm sollte Geschichte eher von vorne als von hinten thematisieren. So interessant die Eis- und Steinzeit ist, unser Leben wird durch die Geschehnisse der letzten 100 Jahre geprägt und diese wiederum durch die davor liegenden Epochen. Ein Mensch, der die Gegenwart nicht begreifen kann, weil er über deren Entstehung durch die Ereignisse der letzten 100 bis 150 Jahre nicht informiert ist, geht für die Gegenwart als mitagierender Zeitgenosse verloren. Er wird zum Spielball für Demagogen, die sehr wohl geschichtsbewusst sind und ihr Wissen zur Manipulation Unwissender einsetzen.

PAZ: Neben dem 17. Juni – welche Forderungen liegen Ihnen sonst noch am Herzen?

Holzapfel: Die Aufarbeitungsindustrie muss sich auf ihre Grundidee besinnen und in erster Linie denen eine Stimme geben, die durch Zivilcourage und ihre Leiden in den Zucht­häusern der Diktatur die Grundlagen für unser heutiges Deutschland geschaffen haben.

PAZ: Sie sprechen von Aufarbeitungsindustrie: Was meinen Sie damit?

Holzapfel: Die DDR-Diktatur und ihre Folgen können nicht wirklich ernst genommen werden, solange an deren Aufarbeitung nahezu ausschließlich Menschen arbeiten, für die vor allem zählt: die Sicherung des Arbeitsplatzes oder die Auflagensteigerung historischer Bücher, die oft auch noch während der Arbeitszeit geschrieben, also bezahlt und in Vertragsverlagen ga­ran­tiert aufgelegt werden.

Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmen im Rahmen der Aufarbeitungsindustrie sehen zum Beispiel so aus: Ehemalige DDR-Zwangsarbeiter bei Ikea werden nicht entschädigt, stattdessen gibt es jetzt wissenschaftliche Mitarbeiter, die zu diesem Komplex forschen. Es hat sich eine satte Schicht herangebildet, die von der Aufarbeitung lebt. Jenen aber fehlt das innere Feuer, die Begeisterung für eine Sache, die unsereins unabhängig von Lohn- und Brotaussichten ein Leben lang motiviert und angetrieben hat und immer noch bewegt.

http://www.preussische-allgemeine.de/nachrichten/artikel/wider-die-aufarbeitungsindustrie.html

Ist die medienkritische Reflexion nun endlich eröffnet?

Gastkommentar von Susanne Baumstark

24.April 2013/ef-magazin – Das ist ja mal erfrischend wie ein Kopfsprung vom Zehnmeterbrett ins Becken der Reflexion:  Hans-Ulrich Jörges prescht im „Stern“ vor mit einem Beitrag, der an Deutlichkeit nichts missen lässt. Unter dem Titel „Fürsorgliche Vernichtung“ schreibt er: „Es ist Zeit – und Anlass wahrlich genug –, über Macht und Hybris der Medien nachzudenken. Auch selbstkritisch. Denn deren Auftreten und Wirkung haben sich verändert, dramatisch.“ Von „Rudeljournalismus“ traut er sich zu sprechen, von lustvoll schmähenden Kampagnen. Widerworte gebe es kaum noch, ebenso wenig Besinnung. „Denn ideologische Gräben sind planiert, publizistische Lager aufgelöst. Das Rudel folgt Leitwölfen, vereint in Skandalisierung und Emotionalisierung. Das Ergebnis ist eine Medienrepublik, in der Journalisten nicht mehr argumentieren, wer regieren sollte und wer nicht, sondern in der sie darüber entscheiden.“ Ja, das Mitglied einer Chefredaktion hat das geschrieben, ganz aktuell.

Unter Journalisten wurde gewettet auf Wulffs Rücktritt, gibt Jörges preis. Wulff redet mit solchen Leuten nicht mehr. Dem „Stern“ sagte er: „Barmherzigkeit, Menschenwürde, Unschuldsvermutung, faires Verfahren, Privatsphäre, Familie, Kinder, nichts ist mehr heilig.“ Ein Satz, der nicht veröffentlicht werden sollte. Passt ja auch nicht wirklich zu seiner Verbrecherrolle, in die er medial gehetzt wurde. Auch Jörges erlebte „dieses Jagdfieber“. Mehrfach sei er bedrängt worden, ebenfalls Wulffs Rücktritt zu fordern. Im Ton lag auch er selbst schon mal daneben, so seine heutige Sicht: „Ich habe dem Druck nachgegeben, nicht die Kraft aufgebracht, weiter alleine zu stehen. Auch wenn sich alles in mir dagegen sträubt: Ich war Teil der Meute.“ Chapeau!

Jörges hat völlig recht: Den kritischen Journalismus gilt es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Der Nächste. Bitte!

Susanne Baumstark, Jahrgang 1967, ist freie Redakteurin und Diplom-Sozialpädagogin. Sie engagiert sich im christlich-menschenrechtlichen und medienethischen Bereich. (ef-magazin)
Mit freundlicher Genehmigung des ef-Magazins „Eigentümlich frei“ und der Autorin:

http://ef-magazin.de/2013/04/24/4173-outing-ein-journalist-geht-in-sich

Liebe in Zeiten der Hühnerhofmediokratie

Ein Gastbeitrag von Susanne Baumstark

Garmisch, 12.02.2013 – Gesucht, gefunden: Die Wege zum Kommunismus führen augenscheinlich über die Liebe. Fast alle lieben Gysi, wie man etlichen Zeitungen und Leserkommentaren entnehmen kann. Einer seiner Genossen könnte gar einen Weinkrampf bekommen haben. Anders wäre sein fluchtartiges Verlassen des Immunitätsausschusses kaum erklärbar, worüber der Tagesspiegel informierte: „Vertreter der Linken war der sächsische Abgeordnete Jörn Wunderlich, selbst in den 90er Jahren Richter in Chemnitz. Er aber konnte seine Genossen nicht über die Aufhebung von Gysis Immunität informieren, denn er war just in dem Moment aus dem Saal, als Ausschusschef Thomas Strobl das Thema aufrief.“ Na sowas. Da scheint es einen ganz schwer erwischt zu haben. Liebeskummer wegen Gysi eben.

Die Rücktrittsforderungen aus Koalitionskreisen scheinen nur auf den ersten Blick lieblos, wenn auch möglicherweise blind vor Liebe. Denn ginge Gysi, stünde Lafontaines Liebste, die sich selbst schon ausführlich zur Liebe äußerte, unmittelbar auf dem roten Teppich. Ob wohl die Geliebte des Brutus aus dem Saarland als Gysi-Ersatz auch ein Wunschziel der Koalition ist? Die Liebe zur Beschaulichkeit ist ja seit der Affäre Brüderle auch in vorgeblich konservativen Kreisen allseits bekannt. Da können verliebte Gockel schon mal, blind vor Liebe, Verbindungen zur Kommunistischen Plattform übersehen. Wagenknecht statt Gysi tut der Liebe jedenfalls keinen Abbruch, den öffentlich-rechtlichen Talkshows sicher auch nicht. Schließlich versuchen uns die Medien fast durchgängig seit Monaten beizubringen, um welch anbetungswürdige Politikerin es sich dabei handelt. Die elegante Frau faltet ihre schlanken Hände und ähnliche Dinge konnte man unlängst lesen. Liebesbriefe statt Artikel eben.

Aus lauter Liebe zur Konsequenz erhebt sich selbige Politikerin nicht, wenn Schimon Peres anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Bundestag spricht. Und ihre Missachtung gegenüber Stasiopfern erfolgt wohl aus Liebe zur Geradlinigkeit. Unserer Schnatterindustrie ist jedoch viel wichtiger, die Öffentlichkeit über Wagenknechts Liebe zu schönen Reisen und guten Restaurants zu informieren. Investigative Höchstleistung ist eine politisch höchst bedeutsame Recherche zu einem Vorfall aus ihrer Kindheit: Sie fackelte einen Weihnachtsbaum ab. „Es macht ‚Puff!‘, und der schöne Weihnachtsbaum brannte lichterloh.“ Journalistenblödelei statt Aufklärung eben.

Am Ende wird es schon klappen, die Linke mit ihrer Zugstute wieder in den Bundestag zu hieven. Der bisherige Zughengst kann ja inzwischen auch wirklich mal in die Seniorenliga abtreten. Ganz bestimmt bekommt er dort boulevardträchtiges Gnadenbrot gereicht. Empfohlener Leitspruch für den künftigen Wahlkampf ist ein Zitat von Goethe: „Wahrhaft Liebende betrachten alles, was sie bisher empfunden, nur als Vorbereitung zum gegenwärtigen Glück.“

Susanne Baumstark ist freie Redakteurin und Diplom-Sozialpädagogin

V.i.S.d.P.: Susanne Baumstark, Garmisch, c/o Tel.: 030-30207785 (Admin)

Anmerkung der Redaktion: Die Anzeige gegen Gysi soll ein „ehemaliger Richter“ erstattet haben. Der zeitgerechte Nestflüchter aus dem Immunitätsausschuss war einst Richter. Ob sich hier das neutestamentarische Liebesdrama um Judas gegenüber seinem Herrn wiederholt hat, muss allerdings Spekulation bleiben. Wie so vieles in der Politik und der Liebe.

Glosse von Susanne Baumstark

Antirassismus ist harte Arbeit

Also, vorneweg muss den gut dotierten Posteninhabern und ehrenamtlichen Helfern der Antirassismusarbeit zugutegehalten werden: Es ist wirklich sehr viel Arbeit, die zu bewältigen ist. Sämtliche Märchenbücher, Schulbücher, literarische Klassiker, ja wenn man die Sache ernst nimmt eigentlich sämtliche Schriftstücke müssen geprüft und politisch korrekt geändert werden. Da kann es schon mal vorkommen, aber einmal muss es auch deutlich ausgesprochen werden: Es wurde hie und da schlampig gearbeitet. Ein besonders augenscheinlicher Fauxpas ist der Regensburger Initiative „Keine Bedienung für Nazis“ unterlaufen. „Rassisten werden hier nicht bedient!“, prangt dort an etlichen Lokalen. Es ist ausschließlich feministischer Gutmütigkeit zu verdanken, dass hieraus kein Skandal entstand. Denn selbstverständlich muss es heißen: „Rassistinnen und Rassisten werden hier nicht bedient!“ Ganz korrekt ist auch das nicht. Intersexuelle Menschen gehören ebenso berücksichtigt. Mangels Wortwahl – auch hier hinkt die Arbeit hinterher – könnte man vorerst schreiben: „Allgeschlechtliche Rassisten werden hier nicht bedient!“ Ansonsten muss ja das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in diesem Fall nicht berücksichtigt werden. Obwohl es schon ein Geschmäckle hat, einem Rollstuhl fahrenden oder blinden Rassisten die Bedienung zu verweigern. Jedenfalls ist das Diskriminierungsmerkmal „Weltanschauung“ nicht relevant. Rassisten stehen außerhalb der Gesellschaft. Man orientiert sich hier am 15. Jahrhundert, als die vom städtischen Adel initiierte Hexenverfolgung so richtig in die Gänge kam. Resozialisierung war weder gewünscht noch beabsichtigt, lediglich fingiert. Was wäre auch der Sinn des Lebens ohne Feindbild?

Die Praxis betreffend hat die Initiative, die immerhin den Lutherpreis einheimste, ganz ordentlich vorgearbeitet. In ihrem Ratgeber für Gastronomen beschreibt sie das Problem der Identifizierung, wenn jemand einen Veranstaltungsraum anmieten will: „‚Neonazis in Nadelstreifen‘ gibt es ebenso wie solche, die sich mit ihrem Auftreten an subkulturellen und alternativen Jugendszenen orientieren oder einfach ganz normal aussehen.“ Die Initiative fordert die Gastwirte auf, „genau und besser zweimal hinzusehen. Laden Sie den Anrufenden in Ihre Gaststätte oder Ihr Hotel ein, um die Räumlichkeiten vorzustellen. Dabei bekommen Sie einen persönlichen Eindruck. Sorgen Sie dafür, dass Sie dabei im besten Falle zu zweit sind. Fällt dem Angestellten, meinem Mann, meiner Frau etwas auf, was mir vielleicht entgangen ist?“ Bei einem unguten Gefühl sollen sich die Gastwirte „szenekundige Unterstützung“ suchen. Derer gibt es einige, zum Beispiel den Naziradar in Hessen. Dort kann jeder anonym anrufen und naziverdächtige Personen melden; inklusive Name, Kleidung, Körperbau, Adresse, falls bekannt. Ob die Paralleljustiz bisher gut genutzt wird, ist nicht bekannt.

Allgeschlechtliche Rassisten können also schick, alternativ oder normal aussehen und treten oft seriös auf. Wenn sie sagen, sie möchten den Raum für eine Geburtstagsparty mieten, dann kann sich genauso gut eine NPD-Schulung dahinter verbergen. Alles kann Tarnung und gelogen sein. Orientieren Sie sich also am unguten Gefühl. Um etwas mehr Sicherheit im Urteil zu bekommen, probieren Sie doch mal folgende Strategie aus: Bieten Sie dem potentiellen Mieter ein Glas Wasser an und geben ihm in dem Moment, in dem er schluckt, einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Hüstelt er dann besonders laut, kann das ein Zeichen für unterdrückte Zwiespältigkeit sein. Fragen Sie später Ihre Frau, ob sie dieses Hüsteln nicht auch sonderbar fand. Sollte er gar nicht hüsteln, können Sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass etwas nicht stimmt. Sagen Sie ihm in diesem Fall, dass Sie bis zur nächsten Bundestagswahl ausgebucht sind. Um etwas über sein Umfeld zu erfahren, machen Sie ihm doch einfach ein Kompliment für seinen Haarschnitt und fragen ihn beim Hinausbegleiten nach seinem Friseur. Nennt er Ihnen das Geschäft, können Sie dort einen Termin machen und die Klientel unter die Lupe nehmen. Sagt zufällig ein Kunde neben Ihnen: „Ich möchte eine möglichst unauffällige Frisur“ oder gar: „Ich möchte einen Seitenscheitel“, dann haben Sie vielleicht einen ganz großen Coup gelandet und dürfen mit einem Preis für Zivilcourage rechnen. Denn es ist nicht auszuschließen, dass es sich bei diesem Laden um einen getarnten Umschlagplatz für braunen Terror handelt. Informieren Sie umgehend Antinaziinitiativen sowie die seriösen Medien im Land. Diese kümmern sich um alles Weitere. Und machen Sie sich keine Sorgen: Sie sind kein Denunziant mit Geheimauftrag. Niemand hat vor, Inoffizielle Mitarbeiter zu rekrutieren.

Wir bedanken uns bei der Autorin und der Redaktion von eigentümlich frei für dass Einverständnis zur Wiedergabe. cw

Quelle:                                                                                                                                           http://ef-magazin.de/2013/01/11/3957-erkennungsproblem-tipp-klapps-auf-den-ruecken

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