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Von Tatjana Sterneberg und Carl-Wolfgang Holzapfel*

Köln/Stollberg-Hoheneck/Berlin, 06.05.2018/cw – Ellen Thiemann (80) ist tot. Heute teilte ihr Sohn die traurige Nachricht der Öffentlichkeit mit. Die bekannte Buchautorin und vormalige Redakteurin im Kölner Express hatte im Herbst vergangenen Jahres die bestürzende Diagnose Krebs erhalten. Seither bereitete sie sich mutig und gefasst auf ihren Tod vor.

Mit Thiemann verlieren die ehemaligen Hohenecker Frauen eine überaus engagierte Kämpferin für die Erinnerung an das größte Frauenzuchthaus der einstigen DDR. Sie war über Jahrzehnte die Stimme von Hoheneck, ehe andere Frauen, vielfach ermutigt durch sie, eigene Biografien über ihre Erlebnisse in dem Gemäuer der ehemaligen historischen Burg schilderten.

Die Verstorbene wurde am 23.Mai 1937 in Dresden geboren. Dem heranwachsenden Mädchen blieben die furchtbaren, weil bewußten Erlebnisse besonders der letzten Kriegstage nicht erspart, die Bombardierung ihrer Geburtsstadt durch angloamerikanische Bomberverbände blieb ihr als leibhaftige Hölle auf Erden in bleibender Erinnerung.

Vielleicht trugen diese jungen Erfahrungen zu ihrer Politisierung bei. Jedenfalls arbeitete sich die junge Frau bis in den Diplomatischen Dienst der DDR hoch, war schließlich als Dolmetscherin (Spanisch) tätig, die Thiemann zu einer Zeit Aufenthalte im Ausland ermöglichten, die normalen DDR-Bürgern verwehrt waren. Nachdem sie Ende der fünfziger Jahre den in der DDR bekannten Fußballer und Sportjournalisten Klaus Thiemann kennengelernt hatte, heiratete das junge Paar. Nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 empfand Thiemann trotz gewisser Vorteile, die ihr die berufliche Tätigkeit einbrachten, ihren Staat zunehmend als Beengung. Vor allem sah sie für ihren über alles geliebten Sohn die Chancen für eine Zukunft schwinden. Nach vielen Diskussionen entschloss sich das Paar zur Flucht in den Westen. Dabei sollte der Sohn praktisch im Voraus in einem Auto in die Freiheit geschmuggelt werden. Offensichtlich durch Verrat scheiterte diese Flucht am 29. Dezember 1972 am durch mehrere Fluchtunternehmen bereits bekannten Grenzübergang Invalidenstraße. Thiemann, die die Flucht ihres damals elfjährigen Sohnes Carsten und das Scheitern beobachtet hatte, wurde verhaftet. Um ihren Sohn und den Ehemann zu schützen, nahm sie alle Schuld auf sich und wurde am 22. Mai 1973 zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, während ihr Sohn in die Obhut des Vaters kam. Ellen Thiemann wurde zunächst nicht freigekauft, sondern Ende Mai 1975 in die DDR entlassen. Nach intensiven Bemühungen ihres Anwaltes Wolfgang Vogel, zu dem sie nach dessen Umzug an den Schliersee in Bayern bis zu dessen Tod eine herzliche Verbindung unterhielt, konnte sie mit ihrem Sohn endlich freigekauft werden und am 19. Dezember desselben Jahres die DDR verlassen.

Im Westen angekommen, begann Thiemann eine journalistische Karriere, die sie bis zur Ressortleiterin im Kölner Express empor trug. Von Beginn an nutzte sie die dadurch ermöglichte Chance, die Öffentlichkeit über Hoheneck und die in der DDR furchtbaren Bedingungen in den Haftanstalten zu informieren. Ihr gelang es schließlich, hochrangige Politiker, wie den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, zu einem Besuch in Hoheneck zu veranlassen. Der bereits vorbereitete,  von Thiemann angestoßene Besuch von Helmut Kohl in Hoheneck scheiterte an den widrigen Wetterbedingungen, die eine Nutzung des Hubschraubers unmöglich machte.

Über ihre Haft in Hoheneck veröffentlichte sie viel beachtete Bücher (Stell dich mit den Schergen gut. Herbig, München 1990, ISBN 3-7766-1655-5; Der Feind an meiner Seite. Herbig, München 2005, ISBN 3-7766-2453-1 (mit einem Geleitwort von Joachim Gauck) und Wo sind die Toten von Hoheneck? Herbig, München 2013, ISBN 978-3-7766-2750-3 (mit einem Geleitwort von Norbert Lammert). Ihr zweites Buch basierte auf der erschütternden Erkenntnis, dass ihr eigener Mann als IM „Mathias“ die seinerzeitige Flucht an das MfS verraten hatte. Die Enttäuschung über diesen Verrat durch „den engsten Vertrauten“ hat Thiemann nie wirklich verwunden. In ihrem Buch Der Feind an meiner Seite hat die Autorin sich ihre Erkenntnisse und ihre verletzten Gefühle über diesen Verrat nach dem Studium ihrer Stasiakten von der Seele geschrieben.

Auch durch vielfache TV-Futures, unzählige Interviews und zahlreiche Artikel wirkte Ellen Thiemann an der Bewusstwerdung über die politischen Verfolgungen in der DDR in einem unübersehbaren Umfang mit. Bis zuletzt galten ihre Gedanken der Sorge, dass die Leiden von Hoheneck und den anderen Haftanstalten in Vergessenheit geraten könnten. In einem letzten Telefonat appellierte sie eindringlich, in ihrem Sinn weiterhin engagiert zu bleiben. Die unverwechselbare Stimme von Hoheneck ist tot. Ihr Vermächtnis wird weiter leben, solange Zeitzeugen das gemeinsame Anliegen und damit die Erinnerung an diese eindrucksvolle Frau bewahren. Liebe Ellen, wir werden Dich nie vergessen.

* Tatjana Sterneberg war selbst von 1973 – 1976 in Hoheneck inhaftiert. Carl-Wolfgang Holzapfel war 1962 durch die Zeitzeugin Anneliese Kirks (1950-1960) erstmals auf Hoheneck aufmerksam geworden und hatte sich seither für die Freilassung politischer Gefangener engagiert. Beide Autoren waren mit der Verstorbenen befreundet.

© 2018 V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.382).

 

 

 

28.08.2008/cw – Die einen verfolgten ihn mit offenem Hass, anderen reichte die Verachtung. Nun starb der solcherart umstrittene Mann am 21.August 2008 im Alter von 82 Jahren im bayerischen Schliersee, wo er nach der Wende unruhige, aber sicher auch schöne Jahre an der Seite seiner Frau verbrachte.

Vogel, schon 1953 von der Stasi angeheuert, wurde zehn Jahre später zum Grenzgänger zwischen den Welten des Kalten Krieges. Er vermittelte nicht nur auf international höchster Ebene den Austausch von Spionen zwischen den verfeindeten Weltmächten USA und UdSSR, sondern wurde auch zur wichtigsten Vermittlerperson zwischen den beiden Teilen Deutschlands. Es war ein CDU-Minister im von der DDR stets scharf angegriffenen Ministerium „für Gesamtdeutsche Fragen“, der bereits 1963 den „Freikauf“ politischer Gefangener in die Wege leitete. Rainer Barzel, der übrigens auch in Bayern verstarb, war deswegen nie verdächtig, ein Protagonist der DDR zu sein, Wolfgang Vogel schon.

Das lag sicherlich nicht an seiner frühen Verpflichtung für die Dienste des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Stasi hatte Vogel zeitig genug von ihrer Mitarbeiter-Liste gestrichen, um seine Mission zwischen den Welten nicht zu belasten. Nein, hier geriet ein Mensch zwischen die Mühlsteine emotionaler Bewertungen, weil er im Nebel der Rauchkerzen des Kalten Krieges klare Konturen verlor, ja geradezu darauf verzichten musste. War er ein Mann Honeckers, ein „Agent der DDR“? War Vogel ein „treuer Diener humaner Werte des Westens“?

Rückblickend erinnere ich mich bewegt an zwei Begegnungen mit dem Advocatus nebulos.

Das erste mal sah ich ihn als meinen Anwalt direkt vor meinem Prozess. Offen und ohne jede verbale Rücksicht erklärte er sich: „Ich brauche Ihnen ja nichts zu erklären. Ich kann in dem Prozess nichts für Sie tun. Meine Arbeit fängt erst nach der Rechtskraft Ihres Urteils an.“

Zuvor hatte er danach gefragt, was gegen mich vorliege, da er erst jetzt meine Akten erhalten hätte. In der Tat konnte er das Urteil zu acht Jahren Zuchthaus nicht beeinflussen. (In meinen Stasi-Akten las ich Jahre später seinen handschriftlichen Vermerk: „Plädoyer mit der HV absprechen.“).

Zum zweiten mal sah ich Vogel am Tag meiner Entlassung. Er fuhr mich in seinem Mercedes

über den Übergang Invalidenstraße zurück nach West-Berlin. Die Grenzposten salutierten, der Schlagbaum hob sich vor uns ohne Kontrolle.

In dem sehr menschlichen Gespräch teilte mir der „Menschen-Händler“ den Tod meiner geliebten Großmutter mit, die während meiner Haft in Bautzen diese Welt verlassen hatte.

Die juristische Verfolgung Vogels nach der Wende habe nicht nur ich traurig und ratlos zur Kenntnis genommen, rechtlich im Sinne von Recht oder gar Gerechtigkeit, die wir einem solchen Menschen schulden, war diese Verfolgung nicht. Verständlich hier und da – vielleicht. Wolfgang Vogel wirkte an der Übersiedlung von über 200.000 DDR-Bürgern in den Westen mit, beteiligte sich durch kluge Verhandlungsführung an der vorzeitigen Freilassung politischer Gefangener. Freikauf oder Sklavenhandel, wer wollte ihn dafür richten?

Am 30.August wird der Grenzgänger namens Vogel um 11.00 Uhr im Bayerischen Schliersee

zur letzten Ruhe geleitet. Nicht nur ich werde mich dankbar in diesem Moment seiner erinnern.

Carl-Wolfgang Holzapfel
Vorsitzender der Vereinigung 17.Juni 1953

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