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Berlin, 10.06.2019/cw – Im Ausschuss für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag wurden am 5.6.2019 Mitglieder der Regierungskoalitionsparteien u.a. zur Überführung der Stasi-Akten ins Bundesarchiv angehört. Aus diesem Anlass gab der Aufarbeitungsverein Bürgerkomitee 15. Januar e.V. eine Stellungnahme ab, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen. Die Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V. schließt sich dieser Stellungnahme an.

„Die Stasi-Akten haben insgesamt einen hohen Quellenwert, da sie nicht nur exemplarisch Auskunft über das Wirken einer kommunistischen Geheimpolizei geben, sondern wegen der Dichte der Überlieferung (z.B. Regionalforschung, ABV, etc.) auch eine der wichtigsten Ersatz- und Komplementärquellen sind. Sie können vor allem ehemaligen DDR-Bürgern, auch solche die nicht explizit verfolgt wurden, helfen ihre Biographien zu rekonstruieren und u.a. festzustellen, warum ihnen Reisen und Karrierewege versperrt waren. (Kleine Personendossiers). Darüber hinaus kommt den Akten im In- und Ausland ein hoher Symbolwert zu, da couragierte DDR-Bürger in den meisten Bezirksstädten und vielen Kreisstädten, diese Akten im Zuge der Revolution „eroberten“ bzw. sicherten. Es zu bedauern, das die computergestützte Rekonstruktion der zerrissenen Akten nicht weiter ist, was nicht nur eine Frage der Technologie ist (s. Pressemitteilung zum Thema).

Es ist zu begrüßen, dass der Deutsche Bundestag die Option der Überprüfung verlängern möchte. Diskussionen, v.a. in Kommunen und sicherheitsempfindlichen Bereichen, sprechen dafür. Zu bedauern ist allerdings, dass es in den letzten Jahren keine hinreichende Debatte über die Maßstäblichkeit, insbesondere von IM-Akten gegeben hat. Mancher kleine IM wurde öffentlich vorgeführt, während weitaus problematischere Funktionsträger der SED-Diktatur geschont wurden (z.B. für Ausreisefragen Verantwortliche bei den Bereichen für Inneres).

Der Verein sieht den Vorschlag des Bundesbeauftragten und seine Argumente skeptisch. Die Behörde war vor allem im mittelosteuropäischen Ausland Vorbild, bei ihrem Abbau hätten es vergleichbare Institutionen dort deutlich schwerer.

Bundesbeauftragter unabhängig von Weisungen

Bislang wurde die Existenz der Behörde an die Dauer der Überprüfung geknüpft, weil diese nicht die Aufgabe eines Archivs, sondern einer Behörde ist. Würden die Akten ins Bundesarchiv gehen, steht zu befürchten, dass Überprüfungsauskünfte und die Akteneinsicht insgesamt politisiert werden. Die Spitze des BArch ist als Letztentscheider ein gegenüber der Regierung (BKM) weisungsgebundener Beamter, während der Bundesbeauftragte aus eben jenem Grund unabhängig ist und nicht der Fachaufsicht und der Rechtsaufsicht eines Ressorts untersteht. Nicht nur am Beispiel Polens hat sich gezeigt, dass eine Abhängigkeit von der Regierung Gefahr läuft, die Akten zu einer Spielmasse der Politik und von Politikereitelkeiten zu machen.

Wenn 1990 nicht meist die Akten von den Stasi-Immobilien getrennt worden wären, würde man heute nicht über die Schließung von Außenstellen reden. Sie wären überwiegend wie die „Runde Ecke“ in Leipzig, Symbole der Zivilcourage, Anlaufpunkte der Aufarbeitung nicht nur für Wissenschaftler, Schüler und Touristen. Es ist zu bedauern, dass zu wenig unternommen wurde, die Akten wieder am authentischen Ort zur Verfügung zu stellen. Das vorgelegte Konzept ist nichts grundsätzlich neu, sondern entspricht im Wesentlichen Konzepten von 1990 bzw. Außenstellenkonzept von 2004/5, das die CDU im Jahr 2009/10 aus guten Gründen abgelehnt hat. Es hat sich am Beispiel der ehemaligen Außenstelle Potsdam gezeigt, dass Außenstellen ohne Akten nach kurzer Zeit keine Überlebenschance haben. Der Vorschlag des BStU ist an diesem Punkt nichts als eine Beruhigungspille.

Aufarbeitung auch politische Bildung

Das Konzept bewegt sich in konventionellen administrativen Bahnen. Fragen, warum z.B. ein Kreisarchiv mit mehreren Kilometer Akten mit einigen Mitarbeitern auskommt, der BStU aber ca. das 10-fache benötigt, werden nicht gestellt. Die neuen Archivstandorte dort anzusiedeln, wo schon „viel los“ ist, trocknet gerade die Standorte aus, wo Aufarbeitungsdefizite zu verzeichnen sind. Aufarbeitung ist auch politische Bildung, ihre Ausdünnung wäre angesichts der Politikskepsis in Ostdeutschland kontraproduktiv. Es wäre zu prüfen, ob nicht regionale Dokumentationszentren, als Archiv-, Lese-, Bibliotheks- und Veranstaltungs-Orte für diverse Träger (Landesbeauftragte, Landeszentralen, NGOs) überlebensfähig sind.

Die Wissenschaftsabteilung ist in den 1990er Jahren mit dem Gesamtapparat gewuchert, es gibt teils überzogene, teils plausible Kritiken. Sie wäre neu zu dimensionieren und zu reformieren. Statt dessen wurden Wissenschaftler vertrieben, andere zu Archivwissenschaftler umdeklariert, wofür sie nicht ausgebildet sind. Alles nur um die Reste der Abteilung für den Übergang ins Bundesarchiv „passfähig“ zu machen. Da „weiße Flecken“ (Desiderata) bestehen, die universitäre Forschung u.a. wegen der Komplexität des Aktenbestandes und der Nichtexistenz einer Geheimdienstforschung in Deutschland kaum abdecken kann, ist das angebotene Konzept untauglich.
Verantwortlich Dr. Christian Booß: Bueko_1501_berlin@web.de“

Hinweis: Die Zwischenüberschriften wurden redaktionell eingeführt.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-85607953 (1.418).

Görlitz, 04.08.2018/cw – Am vergangenen Wochenende wurde der langjährige Vorsitzende Karsten Saack aus Oschatz auf einer Delegiertenversammlung des Landesfeuerwehrverbandes in Görlitz abgewählt. Eine „Interessenvereinigung von Feuerwehrleuten“ aus dem Raum Leipzig hatte einige Tage vor der Wahl einen Brandbrief an den Verband und die Medien verschickt, in dem der Rücktritt des Landesvorsitzenden gefordert wurde. Dessen einstige Stasi-Vergangenheit wurde in dem Schreiben als Begründung angeführt: An der Spitze eines humanistischen Vereins sei „ein ehemaliger IM nicht hinnehmbar“. Der Brandbrief war von dem Leipziger Matthias Dünkel verschickt worden. Dessen Verein „Eurofire“ setzt sich für den Austausch mit Feuerwehrleuten im Ausland ein und hat nach eigenen Angaben etwa 40 Mitglieder.

Erstaunlich finden allerdings Kritiker der DDR-Diktatur den „späten Zeitpunkt einer überfälligen Entscheidung,“ so die Vereinigung 17. Juni in Berlin. Denn BILD hatte bereits 2015 über die IM-Tätigkeit des Feuerwehr-Offiziellen berichtet. Deren Chefreporter Hans Wilhelm Saure hatte Mitte Dezember exklusiv Aktenfunde zitiert, nach denen Saack als Feuerwehrmann in der DDR für die Staatssicherheit tätig war. Danach gab es eine Verpflichtungserklärung aus dem Jahr 1984 als inoffizieller Mitarbeiter (IM) und einen Vermerk, der IM berichte „selbstständig und umfangreich“.

Handschriftlich vermerkte Karsten Saack damals: „Mir ist bekannt, dass die Feinde unserer Republik alles versuchen, um uns beim Aufbau des Sozialismus zu schädigen.“

BILD: „Als Decknamen wählte er „Steffen“, zur Verbindungsaufnahme wurde das Losungswort „Jelez“ festgelegt. In der unvollständigen Akte, die BILD vorliegt, notierte der Führungsoffizier über die Gründe für die Stasi-Verpflichtung: „Die Zusammenarbeit mit unserem Organ erfolgte aus politischer Überzeugung“. In einer späteren Beurteilung heißt es, IM „Steffen“ berichte selbständig und umfangreich“ (15.12.2015).

Bereits 2015 lehnte Saack eine Stellungnahme zu dem Aktenfund ab: „Der Ex-IM teilte schriftlich mit, es würde „kein Informationsinteresse der Öffentlichkeit“ bestehen und er sei nicht zu einer Auskunft verpflichtet“ (BILD). Schon damals hatte der Leiter der Leipziger Gedenkstätte „Museum in der Runden Ecke“, Tobias Hollitzer, gefordert, die Rolle der Feuerwehr in der SED-Diktatur dringend grundsätzlich zu erforschen. So wurden im Herbst 1989 „Löschfahrzeuge als Wasserwerfer gegen friedliche Demonstranten vorbereitet und teilweise auch eingesetzt.“

Der jetzt abgewählte Stasi-IM war für Nachfragen im Vorfeld der Delegiertenversammlung „nicht erreichbar.“ Auch von einem noch vor drei Jahren behaupteten „mangelnden Informationsinteresse der Öffentlichkeit“ war keine Rede mehr.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.417).

Dresden/Berlin, 3.11.2016/cw – „Klatsche für AfD-Politiker Spangenberg vor Gericht“, twittert BILD-Chefreporter Hans-Wilhelm Saure. Grund: Das Landgericht Dresden wies eine Klage des sächsischen AfD-Politikers gegen BILD ab.

Deutschlands bekanntestes und nach wie vor größtes Boulevard-Blatt hatte im April d.J. berichtet, dass Detlev Spangenberg (72) am 1.10.64 in Meißen eine Verpflichtungserklärung für die Stasi unterschrieben hatte. Sein selbstgewählter IM-Name. „Bruno“.

Gegen diese Veröffentlichung strengte der AfD-Politiker eine Klage auf Unterlassung an, die er jetzt – zunächst – verlor. Das Landgericht formulierte in seiner Entscheidung grundsätzliche Feststellungen. Danach hätten die Wähler und Bürger „im Fall des Klägers einen Anspruch darauf zu wissen, wer sie im Landtag vertritt.“ Die Bevölkerung muss sich eine eigene Meinung bilden können und könne nicht auf „gefilterte“ Informationen“ über die Medien beschränkt werden.

Absurd: Lügenpresse und Verbot der Wahrheit

Bereits im April hatte BILD den Leiter der Stasi-Gedenkstätte „Runde Ecke“ in Leipzig, Tobias Hollitzer, zum Fall des Landtagsabgeordneten zitiert: „Lügenpresse schreien und dann der Presse verbieten wollen, die Wahrheit zu schreiben – das ist absurd.“ Es sei ein Fakt, dass Spangenberg eine Verpflichtungserklärung für die Stasi unterschrieben und andere bespitzelt habe. Hollitzer mahnte gleichwohl an, dass man bei der Bewertung Spangenbergs berücksichtigen müsse, dass dieser „später nach einem Fluchtversuch im Stasi-Knast inhaftiert war“. Aber: „Ein Abgeordneter, der öffentlich im Landtag über seine Stasi-Akte spricht und sich als Opfer darstellt,“ dürfe seine inoffizielle Tätigkeit für die DDR-Geheimpolizei nicht unterschlagen.

In der Tat hatte Spangenberg vor der BILD-Veröffentlichung (April 2016) im Sächsischen Parlament im März sein Entsetzen angesichts des Blicks in seine Stasi-Akte geäußert: „Ich war fassungslos, was man alles zusammengeschrieben hatte“, zitierte BILD.

Eine ALTERNATIVE sieht anders aus

Nun dürfte die AfD erneut und diesmal ein ernstes personelles Problem haben: Kann eine „Alternative für Deutschland“ in einer ihrer Fraktionen ein Mitglied tolerieren, der seine einstige Stasi-Verpflichtung verschwieg? Die sich anbietende Bemerkung, in anderen Fraktionen seien ebenfalls einstige Stasi-Zuträger vertreten, verfängt hier nicht oder könnte allenfalls an jene gerichtet werden, die jetzt mit Eifer und unter Verschweigen dieses anhaltenden parlamentarischen Skandals auf die neue Partei mit dem Finger zeigen. Eine ALTERNATIVE sieht anders aus. Gerade diese könnte und dürfte sich nicht auf skandalöse Praktiken anderer Gruppierungen berufen, wenn sie den Anspruch auf eine Alternative sogar im Titel trägt.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.164)

 

 

Berlin/Dresden, 23.04.2016/cw – Detlev Spangenberg (72), Abgeordneter der AfD im Sächsischen Landtag, hat nach einem Bericht der BILD-Zeitung von heute 1964 bei der Stasi eine Verpflichtungserklärung unterschrieben. Dies geht aus seiner Stasi-Akte hervor, schreibt Hans-Wilhelm Saure in der heutige Ausgabe des Blattes.

Spangenberg, später wegen versuchter Republikflucht inhaftiert, sieht sich wohl eher als Opfer und will laut BILD gegen die Veröffentlichung dieses Details aus seiner Vita rechtlich mit einer Unterlassungserklärung vorgehen.

BILD berichtet, dass der Abgeordnete vor einem Jahr vor dem Sächsischen Parlament über seine Stasi-Akte berichtete: „Als ich das erste Mal meine Akten sah, war ich entsetzt. Ich war fassungslos, was man alles zusammengeschrieben hatte“, zitiert Saure Detlev Spangenberg. Jetzt hält ihm die Zeitung vor, dass er bei der Debatte am 12. März vergangen Jahres seine 1964 unterschriebene Verpflichtungserklärung als Mitarbeiter der Stasi unter dem Decknamen „Bruno“ verschwiegen hatte.

Tobias Hollitzer, Leiter der Gedenkstätte „Runde Ecke“ in Leipzig, kommentierte gegenüber BILD: „Es ist ein Fakt, dass Herr Spangenberg eine Verpflichtungserklärung für die Stasi unterschrieben und andere bespitzelt hat. Dass er später nach einem Fluchtversuch im Stasi-Knast inhaftiert war, muss bei der heutigen Bewertung berücksichtigt werden. Ein Abgeordneter, der öffentlich im Landtag über seine Stasi-Akte spricht und sich als Opfer darstellt, darf seine inoffizielle Tätigkeit für die DDR-Geheimpolizei aber nicht unterschlagen.“ Laut Hollitzer sei es nicht hinnehmbar, auf der eine Seite „Lügenpresse“ zu schreien und dann der Presse verbieten zu wollen, die Wahrheit zu schreiben. Das sei „absurd“.

Wirkungsvolle mediale oder politische Kampagnen

In einem Schriftsatz an die Zeitung hatte der beauftragte Anwalt u.a. argumentiert, durch die Veröffentlichung der Informationen aus der Stasi-Akte sei „das Ansehen von Mandat und Person unnötig belastet worden“. Diese Informationen könnten nun „für mediale oder politische Kampagnen gegen den Mandanten wirkungsvoll eingesetzt werden“. Die „Darstellung eines Sachverhaltes mittels Urkunden“ würde „beim Leser einen wesentlich überzeugenderen Eindruck von der Richtigkeit dieses Sachverhaltes als bloß die wörtliche Mitteilung“ hinterlassen.

Ob der Abgeordnete möglicherweise Entschädigungszahlungen oder gar eine „soziale Zuwendung“ (Opferrente) für seine spätere Verfolgung erhalten hat oder diese ggf. zurückzahlen müsse, berichtet BILD nicht. Dies sei aber „ein gewichtiger Punkt,“ erklärt die Vereinigung 17. Juni in Berlin in einer Stellungnahme, da in vergleichbaren Fällen erhebliche Rückzahlungsforderungen erhoben worden seien. Im Übrigen solle Spangenberg, vielleicht sogar als Zeitzeuge, offen über die Geschichte seiner Stasi-Verpflichtung sprechen. Politisch die Verbreitung tatsächlicher oder angeblicher Unwahrheiten durch die Medien anzuprangern und selbst gegen die eigene Wahrheit vorzugehen, sei sicherlich nicht mit den deklarierten Verpflichtungen seiner Partei und wohl nicht mit den Pflichten eines Landtagsabgeordneten vereinbar, so der Verein.

Siehe auch: http://www.bild.de/regional/dresden/stasi/afd-mann-spangenberg-will-maulkorb-fuer-bild-45496612.bild.html

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin / Zitate: BILD – Tel.: 030-30207785 (1.110)

 

Berlin, 29.02.2012/cw – Der Titel untertreibt auf den ersten Blick, was tausende Frauen in diesem fürchterlichen Frauenzuchthaus der DDR durchlitten haben, findet dann aber im Vorwort seine Begründung: „Die Justizanstalt Bautzen ist bekannt. Doch dass es in der sowjetischen Besatzungszone und der Deutschen Demokratischen  Republik auch ein  Frauengefängnis mit ähnlich brutalen Zuständen gab, wissen – zumindest in den alten Bundesländern – die wenigsten.

Dirk von Nayhauß (Fotos) und Maggie Riepl (Text) haben erstmals einen eindrucksvollen Band über Schicksale in diesen im Bewusstsein „dunklen Ort“  über der Großen Kreisstadt Stollberg im Erzgebirge vorgelegt. Die Autoren verzichten fast vollständig auf eigene Beurteilungen und lassen stattdessen 25 Frauen mit eigenen Aussagen, beeindruckenden Dokumenten aus der Haftzeit und in die tiefe gehenden Portrait-Fotos, vom exzellenten Profi Nayhauß abgelichtet, berichten. Bei tausenden Frauen, die diese Station im Stollberger Ortsteil Hoheneck zwangsweise durchlaufen und durchleben mussten, ein durchaus gewagtes Experiment. Der Besuch des Bundespräsidenten Christian Wulff am 13. Mai vergangenen Jahres hat die Protagonisten sicher beflügelt, auch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die den Druck erst ermöglicht hat.

Die aktuelle Ausgabe des evang. Magazins: 4,50 €

Zweifellos kam den Autoren die Zufälligkeit der Auswahl zugute, um sich möglicher Kritik über nicht erfasste Schicksale zu entziehen. Mit dem vorliegenden Band wird diese Klippe gut umschifft. Die Aufteilung in  Zeitzonen, 1950 – 56; 1964 – 68; 1973 –79 und 1980 –89 berücksichtigt alle, im Einzelnen unterschiedlichen Perioden der politischen Verfolgung im Staat sozialistischer Beglückung durch eine, diesmal rote Partei.

Die Autoren beschränkten sich auf begleitende Texte, lassen überwiegend die Frauen selbst, das heißt mit eigenen Beiträgen zu Wort kommen. Zweifellos ein Gewinn, da auf diese Weise sehr lebendige, vor allem bewegende Einblicke in 25 Schicksale von Frauen vermittelt werden, die einen wichtigen  Moment ihres Lebens von innen nach außen kehren, die Sicht auf durchaus intime Vorgänge zulassen.

Die Einführung verzichtet auf Überfrachtung durch die Aneinanderreihung historischer Fakten, beschränkt sich sensibel auf die Heranführung an die zugemutete Materie. Freilich geht das hin und wieder ärgerlich zu Lasten durchaus wichtiger Hinweise. So wird „eine Revolte 1953“ (Seite 11) mit anschließendem Hungerstreik ohne Verweis auf den Volksaufstand in diesem Jahr angeführt, der Freikauf von rund 35.000 politischen Gefangenen „für mehrere Milliarden D-Mark“ (Seite 14) hätte durchaus mit 3,1 Milliarden und dem Startjahr „ab 1963“ benannt werden dürfen. Doch ist diese Anmerkung eher dem geschichtsinteressierten Leser geschuldet, als wirklich ärgerlich.

Denn  im Mittelpunkt stehen die Potraits. Hier ist dem Autorengespann ein beeindruckender Blick in eine verdrängte, von der Öffentlichkeit weithin ignorierte dunkle Wirklichkeit gelungen, die auch 23 Jahre nach dem Ende der Gewaltherrschaft denen lebendig ist, die diese nicht nur erdulden, sondern auch aufwühlend und lebensverändernd erleiden mussten.

Die grafische Trennung der Zeit-Kapitel unter großzügiger Seitenverwendung, einzig die Angabe des Zeitabschnittes (1950 – 56), lässt den Interessenten optisch innehalten, gestaltet die Brücke zum nachfolgenden Block zuweilen bedrückender  weiterer Schicksale.

Neuer und beeindruckender Bildband zu Hoheneck

Anneliese Gabel (Seite 30), Jahrgang 1927, eröffnet mit ihrem Lebenslauf als eine der ältesten der noch lebenden Zeitzeuginnen den Schicksalskreis. Als SMT-Verurteilte  (SMT – Sowjetisches Militär-Tribunal) steht sie auch nach dem Selbstverständnis des Frauenkreise der ehemaligen  Hoheneckerinnen zu Recht an erster Stelle der personellen Dokumentation. Denn der Frauenkreis wurde zunächst von den SMT-Verurteilten gegründet. Dirk von Nayhauß hat diskret mit ihrem vordergründigen Lächeln gleichzeitig eine hintergründige Traurigkeit Gabels eingefangen, die nicht zu fassen scheint, was ihr angetan wurde.

Anita Goßler (Seite 38), Jahrgang 1933, schaut beklemmend am Leser vorbei und scheint sich in der Suche nach unwiederbringlichen Jahren in eine Leere hinterlassende Vergangenheit zu verlieren. Anita Goßler mußte, schlimm genug, ihre Tochter in der Haft entbinden, ehe ihr das Kind entrissen und an fremde Eltern ausgeliefert wurde. Erst nach dem Mauerfall kam es zu einer Begegnung, doch Mutter und Tochter hatten sich durch die Machenschaften eines unmenschlichen Systems entfremdet.

Anita Kutschkau (Seite 48), Jahrgang 1944, blickt eher trotzig-selbstbewusst in die Nayhauß-Linse, obwohl ihre Augen die Wahrheit über verdrängte Jahre vermitteln. Auch Anita Kutschkau verlor ihre Tochter durch den SED-Staat. Zwar durfte sie bis zur Entbindung in ihrer Wohnung verbleiben, musste danach allerdings ihr Baby abgeben und die Haft (wegen Republikflucht) antreten. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist seither belastet, die Tochter selbst hat durch das gemeinsam getrennt ertragende Schicksal schwere Schäden erlitten.

Tatjana Sterneberg (Seite 66), Jahrgang 1952. Das Portrait zeigt vordergründig eine moderne, auf den Betrachter direkt zugehende Frau. Die Augen blicken fragend, eher zögerlich, deuten aber die Bereitschaft an, sich auf einen Diskurs einzulassen. Tatjana Sterneberg war wegen ihrer Liebe zu einem Italiener aus West-Berlin zu fast vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Schon bei ihrem Ausreiseantrag hatte sie unangenehme Fragen gestellt, in der Haft bewusst Widerstand mit den Folgen von Arrest geleistet. Auch bei Sterneberg kann man im Gesicht manche verborgene Träne über die einer jungen Frau geraubten Jahre  erkennen. Die Finanzbuchhalterin und Vorsitzende des Fördervereins Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck, engagiert sich nach wie vor, hat sich nicht zerbrechen  lassen.

Eva Aust - Erinnerungen an den dunklen Ort in der Böll-Stiftung Berlin

Uta Franke (Seite 88), Jahrgang 1955. Den Interessenten blickt eine Frau an, die sich ihrer Leistungen bewusst ist und dennoch skeptisch zu fragen scheint, ob ihr Gegenüber der oder die ist, als die sie sich vorstellen. Auch Uta Franke hat ihre Enttäuschungen hinter sich, nachdem sie im September 1979 gezwungen wurde, in  ein Auto der Stasi zu steigen. Wegen Verbreitung staatsfeindlicher Hetze (sie hatte mit Freunden in  Leipzig Flugblätter gefertigt und verteilt) wird sie ausgerechnet am 17. Juni (1980) zu zwei Jahren und vier Monaten verurteilt, im August 1981 freigekauft. Auch Uta Franke muss viele Jahre durch staatlichen Zwang auf ihre Tochter verzichten. Sie lebt heute als freiberufliche Publizistin in Berlin und verspürt „noch heute die Folgen ihrer Gefängnishaft“.

Petra Koch (Seite 92), Jahrgang 1960. Eine sportlich und leger wirkende Frau blickt den Betrachter an, doch eine Leichtigkeit des Seins lässt sich aus ihrem ernsten  Gesicht nicht ablesen. Die damals zweiundzwanzigjährige Frau, die schon immer ihre Meinung frei artikulierte, wird 1982 in Tschechien bei einem Fluchtversuch verhaftet und, zurück in der DDR, zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach ihrem Freikauf 1983 kehrt sie erstmals 1990 nach Hoheneck zurück, gerät angesichts des Tores zur Haftanstalt in Panik. Trotz oder wegen  ihrer Sensibilität gegenüber der eigenen bitteren Erfahrung hat sie sich ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte von Menschen in Ausnahmesituationen bewahrt. Sie arbeitet heute als freiberufliche Publizistin in der Schillerstadt Marbach.

Inge Naumann (Seite 104), Jahrgang 1953. Der scharfsinnige Beobachter Nayhauß hat mit der jetzigen Vorsitzenden des Frauenkreises einen Realismus portraitiert, der beeindruckend wie auch erschreckend ist. Was hat dieses Regime aus diesen ausgelieferten Menschen gemacht? Inge Naumann versucht tapfer zu lächeln, sich hinter einer modischen Frisur mit ihrer kaum verborgenen  Lebensenttäuschung zu verstecken, allein die Sprache der Augen vermittelt einen tief verletzten, sich ausgeliefert fühlenden Menschen. Schon seit 1966 wird ihre Familie nach der Flucht ihres Bruders observiert. Ihr zweiter Bruder, der nach versuchter Republikflucht zu fünf Jahren Haft verurteilt wird, stirbt 1977 im unerreichbaren Westen, die Schwester darf nicht ans Totenbett. In den Jahren 1980 bis 1982 stellt sie mit ihrem zwischenzeitlich verheirateten Ehemann 29 Ausreiseanträge, wird schließlich 1983 mit diesem verhaftet. Erst 1987, nach drei Jahren Haft, wird die Familie in die BRD abgeschoben. Heute lebt Inge Naumann mit ihrem Mann bei Dresden.

Jede der in  dem vorliegenden, ab 1. März zu erwerbenden Buch portraitierten Frauen hätte auch in dieser Rezension eine eigene Würdigung verdient: Lucie Fischer (Seite 34); Helga Müller (44); Dr. Renate Werwigk-Schneider (52); Brigitte Ballnow (58); Ellen Thiemann (62),  langjährige Ressortleiterin des Kölner Express und bekannte Buch-Autorin; Eva Aust (70); Catharina Mäge (74); Konstanze Helber (78); Dr. Ute Steinhäuser (82); Rosel Werl (96); Monika Schneider (100); Ina Jaekel (108); Hannelore Höfelmayr (112); Sieglinde Quade (116), Heidrun Breuer (120); Regina Labahn (124); Ute Bonstedt (128); Birgit Schlicke (132). So bleibt dem Rezensenten nur der Hinweis auf ein lesenswertes Buch mit bestechenden fotografischen  Seelenspiegeln, in dem „ein  dunkler Ort“ sensibel und zu einem wichtigen Teil ausgeleuchtet wurde.

21 ehem. Hoheneckerinnen kamen zur Ausstellungs-Eröffnung am 1. März

In der März-Ausgabe des evangelischen Magazins chrismon plus (4,50 €) werden drei Frauen aus dem Buch vorgestellt, die Leser auf den vorgelegten Band neugierig gemacht. Leider ist dieser wichtige redaktionelle Beitrag in der chrismon-Beilage für diverse Tages- und Wochenzeitungen nicht enthalten. Eine ärgerlich anmutende Ignoranz der notwendigen Beschreibung dieser bislang im Wahrnehmungs-Nebel liegenden Hohenecker Schicksale.

Carl-Wolfgang Holzapfel

Dirk von Nayhauß / Maggie Riepl: „DER DUNKLE ORT“, 25 Schicksale aus dem DDR- Frauen- gefängnis Hoheneck, 144 Seiten, ca. 120 Abb., PB,  VK 19,95 €. ISBN 978-3-937233-99-4, be.bra-verlag GmbH. – www.bebraverlag.de , März 2012

Hinweise:

Die Heinrich-Böll-Stiftung Berlin eröffnet am 1. März eine Ausstellung: „Das Frauengefängnis Hoheneck – 25 Portraits ehemaliger politischer Häftlinge“ mit den Portraitfotos von Dirk von  Nayhauß, Texte: Maggie Riepl, die bis 4. April während der Öffnungszeiten zu sehen ist.        Ort: 10117 Berlin, Schumannstr.8, Beginn: 18:00 Uhr. Bei der Stiftung können die Exponate für nachfolgende Ausstellungen angefordert werden.

Ferner wird am Rande der Leipziger Buchmesse am 16. März im Stasi-Museum „Runde Ecke“ in Leipzig das Buch von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl vorgestellt.  Ort: 04109 Leipzig, Dittriching 24, ehem. Stasi-Kinosaal, Beginn: 18:00 ( – 19:30) Uhr

 

V.i.S.d.P.: © 2012 c.w.holzapfel, Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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