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Berlin, 13.04.2020/cw – Sein Leben las sich wie eine historische Tragödie. Im Vorfeld, das heißt ein Jahr vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, 1932 geboren, wurde das früh erkrankte Kleinkind von seiner Mutter 1934 in ein Heim weggegeben. Über die Hintergründe kann im Nachhinein nur spekuliert werden. Die Mutter, Tochter einer Halbjüdin, war eben aus diesem Grund vom Vater ihres Kindes verlassen worden. Hatte sie ihr Kind aus Angst in fremde Hände gegeben? Gerhard Weinstein starb heute im Alter von 88 Jahren. Er wurde am Morgen vom Pflegedienst tot in seiner Wohnung aufgefunden.

Gerd Weinstein 1932 – 2020  Foto: LyrAg/Holzapfel

Im Januar 2018 entdeckten die Berliner Wasserwerke beim Bau eines Rückhaltebeckens die Tunnelreste eines von Weinstein 1963 an der Bernauer Straße gebauten Fluchttunnels. Medien in aller Welt berichteten über den lange Zeit nach dem Mauerfall sensationell wirkenden Tunnelfund. Der Ort des ursprünglichen Tunneleinstiegs war durch einen Gebietsaustausch zwischen der DDR und West-Berlin 1988 gänzlich in das Hoheitsgebiet der DDR gelangt und damit in Vergessenheit geraten. Wie aber wurde Weinstein zum Fluchthelfer und dadurch zum „Staatsfeind der DDR“? Erst 1985, vier Jahre vor dem Fall der Mauer, wurde die Fahndung nach ihm „wegen Erfolglosigkeit“ eingestellt.

Verlegung nach Brandenburg-Görden

Gerhard Weinstein erkrankte schon in jungen Jahren an allen erdenkliche Krankheiten: TBC, Masern, Keuchhusten und dgl. Er wurde in der Folge von einem Krankenhaus zum andern gereicht, zwischendurch in mehreren Kinderheimen untergebracht. 1938, so die recherchierte Aktenlage, wurde er in die berüchtigte Anstalt Brandenburg-Görden verlegt, wo man u.a. „medizinische“ Versuche an Lebenden unternahm und auch die Euthanasie an „unwertem Leben“ praktizierte. Dass der Knabe „jüdischer Abstammung“, wie es in den Aktenvermerken der Anstalt hieß, diese Grauenzeit überlebte, grenzt an ein Wunder. Sein Großvater Bruno Weinstein wurde in dieser Zeit (1943) im KZ Auschwitz ermordet.

Im September 1945 wurde Gerd, wie ihn seine Freunde abgekürzt nannten, aus der Brandenburger Anstalt in den Haushalt seines leiblichen Vaters entlassen. Hatte der „Vater“ ihn wohlmöglich nur aufgenommen, weil für Familien, die ein Opfer des Faschismus in der Familie hatten, zusätzliche Lebensmittelkarten ausgegeben wurden? Der inzwischen 13jährige hatte bis dahin so gut wie keine Schulbildung genossen. Im Hause des Vaters wurde er – nach späteren Vermerken in den Akten der Staatssicherheit – zu regelrechten Sklavendiensten herangezogen. Er durfte nicht mit der Familie gemeinsam Mahlzeiten einnehmen, für ihn war dafür stets ein einsamer Platz in der Küche vorgesehen. Kam er den aufgetragenen Hausarbeiten, wie Putzen und Abwasch nicht nach, setzte es Prügel durch den „Vater“. Eigene Genossen zeigten den „Vater“ schließlich beim Jugendamt an, das Gerd dann erneut in Heimen, u.a. in dem Jüdischen Kinderheim in Niederschönhausen, unterbrachte.

Nachkriegs-Haft in Rummelsburg

Erst im Alter von 18 Jahren, damals in der gerade gegründeten DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik die Volljährigkeitsgrenze, wurde der junge Mann in die Lebenswirklichkeit ent- und damit sich selbst überlassen. Als Analphabet, ohne Schul- und Ausbildung, in den damaligen Wirren der Nachkriegszeit eine schwere Last. Gerd versuchte, durch dieses Leben zu kommen, wobei er sich hin und wieder auch mit kleineren Diebstählen buchstäblich über Wasser hielt. Das führte schließlich zu einer Bewährungs- und nach Wiederholung zu einer längeren Haftstrafe, die er in der Strafanstalt Rummelsburg verbüßte.

Der Zukunft zugewandt: Gerd mit seiner Frau 1960

Das junge Ehepaar Angelika und Gerhard Weinstein 1960 – Archiv LyrAg/Holzapfel

Nach seiner Entlassung wechselte Weinstein nach West-Berlin, besuchte aber immer wieder alte Bekannte im Osten der geteilten Stadt. Dort lernte er schließlich 1960 seine erste und, wie er bekannte, „einzige große Liebe“ kennen. Als ein Kind erwartet wurde, heiratete das junge Paar. Nach der Geburt von Tochter Liane im Frühsommer 1961 beschlossen die Eltern, in West-Berlin eine Wohnung zu suchen, um endgültig der DDR den Rücken zu kehren. Im August war es endlich soweit. Gerd hatte eine Wohnung in der Soldiner Straße im Wedding ausfindig gemacht. Am Wochenende des 12./13 August 1961 gingen er und seine Angelika daran, die Wohnung durch notwendige Renovierungsarbeiten bewohnbar zu machen. Die gerade zwei Monate alte Tochter Liane war zu dieser Zeit bei den in Ost-Berlin wohnenden Großeltern untergebracht.

Die Mauer trennte die Eltern von ihrem Baby Liane

Am 13. August 1961 begann die gewaltsame Abtrennung zwischen Ost- und West-Berlin. Noch zwei Monate zuvor hatte Walter Ulbricht in einem Freudschen Versprecher versichert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Nun wurden tausende Familie über Nacht von einander getrennt. Trotz verzweifelter Bemühungen gelang es den jungen Eltern Gerd und Angelika Weinstein nicht, ihr Baby in den Westen zu holen.

War es da ein Wunder, das der Junge Vater zur Tat schritt und quasi Tag und Nacht darauf sann, Wege zu finden, um seine Tochter zu den Eltern zu holen? Diese sollte nicht ebenso elternlos aufwachsen wie der Vater. Nach mehreren Anläufen gelang es dem organisatorisch Begabten, 1963 einen Ausgangsort für die Grabung eines Tunnels und eine entsprechende Crew zusammenzustellen, die den beschwerlichen Weg durch den Berliner Lehmboden in sechs bis acht Meter Tiefe bewältigen sollte. Achtzehn Menschen sollten durch diesen Fluchttunnel geleitet werden, darunter natürlich Tochter Liane und deren Großeltern, aber auch andere Fluchtwillige: Heinz B. zum Beispiel. Er war durch den Mauerbau von seinen Eltern getrennt worden, die zwar im Osten ein Haus besaßen, aber in West-Berlin ein Möbelgeschäft betrieben. Oder die Ehefrau, deren Ehemann eine Zoo-Handlung nahe dem Schlesischen Tor betrieb. Der Vater von Heinz B. konnte die notwendigen Holzstützen für den Tunnelbau liefern, der Zoohändler steuerte Geldmittel bei. Immerhin beliefen sich die Kosten des Flucht-Unternehmens 1963(!) auf über 30.000 DM.

Großeltern verhaftet: Die zweijährige Liane (1963) wurde in ein Heim verbracht. – Foto: Archiv LyrAg/Holzapfel

Nachdem das Fluchtunternehmen im Juli 1963 durch Verrat gescheitert war (es fehlten nur wenige Meter in den Keller des Zielhauses), waren 21 Menschen verhaftet und kurze Zeit später zu hohen Zuchthausstrafen (bis zu 7 Jahren) verurteilt worden. Tochter Liane wurde auf Anweisung des MfS in ein Kinderheim eingeliefert, die Großeltern mussten ihre Strafen in Hoheneck (Großmutter) und Rummelsburg (Großvater) verbüßen. Gerd Weinstein versuchte seither und zum Teil erfolgreich, Menschen auf anderen Wegen, z.B. über die Transitautobahn, in die Freiheit zu holen, gehasst und verfolgt durch das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR.

Elf Jahre Kampf um Liane

Den Kampf um ihre Tochter führten die Eltern, inzwischen geschieden, über insgesamt elf (!) Jahre über alle erdenklichen Ebenen weiter. Erst am 9. November 1972 konnte der damalige Bundesminister Egon Franke der Mutter in einem Telegramm die „nunmehr erreichte Ausreise von Liane“ übermitteln. Aus den Akten der Staatssicherheit ging hervor, daß man die Tochter gewissermaßen als Faustpfand benutzen wollte, um über diese an den gesuchten Vater heranzukommen. Zu diesem Zweck sollte die Mutter in ihrer geäußerten Absicht bestärkt werden, u.U. wieder nach Ost-Berlin zu gehen, um ihrer Tochter nahe sein zu können. Dadurch erhoffte man sich dann auch einen möglichen Zugriff auf den zur Fahndung ausgeschriebenen Staatsfeind Gerd Weinstein.

In den letzten Jahren seines Lebens hatte Gerd Weinstein offenbar mit vielen Verbitterungen zu kämpfen. Rückblickend war sein Leben nicht so verlaufen, wie er sich das einst wohl nach den Enttäuschungen seiner Kinder- und Jugendjahre erträumt hatte. Auch der bereits jahrelang andauernde und noch immer nicht entschiedene Kampf seiner Tochter Liane um die Rehabilitierung wegen der unrechtmäßigen Vorenthaltung der Eltern trug dazu bei. Gemessen an seiner fehlenden Schul- und Ausbildung hatte er es dennoch zu beachtlichen Leistungen gebracht. Er führte selbständig eine Zoo-Handlung undhernach erfolgreich zwei Antiquitätengeschäfte, bevor er sich als Rentner zur Ruhe setzen konnte.

Seine Mutter hatte nie mehr nach ihm gefragt, das durch Freunde ausfindig gemachte Grab wollte er nicht mehr sehen. Ebenso nicht mehr seinen Vater. Bis zu seinem Tod bestand er konsequent auf seiner einmal gefundenen Haltung.

Der am 15.Januar 1932 in Berlin-Dahlem geborene Gerhard Weinstein verstarb am 13.April 2020 in Berlin-Wedding.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.532).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin-Dahlem, 25.Januar 1932, Wehen, Schmerzen, dann der Schrei im Vorjahr des Beginns der Dunkelheit: Gerd erblickt das (kurze) Licht der Welt. Die Mutter: Tochter eines deutschen Juden und einer deutschen Christin. Sie ist überfordert. Der Kindsvater mit dem sinnigen Namen Urmeister lässt die junge Mutter im Stich. Weil diese Halbjüdin war?

1934 heiratet die Mutter einen jungen deutschen Offizier, gibt den problematisch gewordenen Sohn zweijährig in das Jüdische Waisenhaus in Berlin-Pankow. War die Angst größer als die Mutterliebe? Und war diese Angst unbegründet? Später, 1943, stirbt ihr Vater in Auschwitz. Ein weiterer, im Horror von Millionen Opfer kaum sichtbarer Mord. Nur noch in den Opferakten von Auschwitz vermerkt: Namen, Geburtsdatum, Morddatum…

Die SS besetzte das Waisenhaus

Wir wissen wenig über das Leben des kleinen Gerd in dieser jüdischen Einrichtung. Es muss wohl für alle dortigen Insassen eine Qual gewesen sein: Den Erziehern, denen jeden Tag nur die Hoffnung blieb, am nächsten Tag noch Dasein zu dürfen. Den Kindern, von denen jene wie Gerd schon aus Altersgründen nicht wissen konnten, was ihnen bevorstand, auf die sich aber die stets präsente Angst ausgewirkt haben dürfte. Um 1940 besetzte die SS das Jüdische Waisenhaus. Noch im August 1942 hatten sich in der folgend zusammengelegten Einrichtung Auerbach-Pankow 282 Säuglinge und Kinder, sowie 14 Erzieher befunden. Diese wurden mehrheitlich über das Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße in die Vernichtungslager deportiert. Zuvor waren einige Kinder – so gut es ging – „verteilt“ worden. Der augenscheinliche Versuch sich verantwortlich Fühlender, zu retten, was noch am Leben zu retten war. Gerd kam so am 1.11.1938 in die ursprüngliche Kinderpsychiatrie nach Brandenburg-Görden, später auch Stätte der Euthanasie. Im Alter von sechs Jahren. Dort blieb er bis zum 28.09.1945. Gerd erfuhr in dieser Zeit keine Schulbildung, niemand brachte ihm Lesen und Schreiben bei.

    Das Jüdische Waisenhaus in Berlin-Pankow um 1932 – Foto: Archiv LyrAg

1945. Das unbeschreibliche Verbrechen endet in Trümmerlandschaften einst blühender Städte, in Hunger, Not und vielfacher Verzweiflung auch derer, die ihre Augen verschlossen oder geschwiegen hatten. Ein namentlicher „Urmeister“ erinnert sich an ein 1931 gezeugtes und 1932 geborenes Leben. Er nimmt seinen Sohn in seiner Familie auf, in der zwei Töchter nachgeboren worden waren. Aber ihn trieb wohl nicht Verantwortung oder gar späte Liebe. Für „Opfer des Faschismus“ gab es Sonderrationen auf die begehrten Lebensmittelkarten. Gerd durfte nicht am Tisch der Familie sitzen. Sein karges Essen musste er stets in der Küche einnehmen. Das Arbeitsfeld für den Dreizehnjährigen: Putzen, Geschirr spülen, Wäsche waschen. War das nicht konform, setzte es Erzeuger-Prügel.

Als „Analphabet“ verspottet

Das war selbst Genossen des Erzeugers an sozialistischen und Antifa-Guten zuviel: Sie wandten sich an das Jugendamt. Dieses nahm Gerd aus der „Familie“ heraus, steckte ihn (wieder) in – im Laufe der Zeit – diverse und sehr verschiedene Heime. In den – späteren – Akten der Staatssicherheit wird u.a. vermerkt sein, dass sich einzig eine Frau sehr darum bemühte, dem „verlorenen“ Jungen aus dem einstigen Jüdischen Waisenhaus das Schreiben und Lesen zu vermitteln. Aber der bis dahin Geschubste und Verladene, von Gleichaltrigen als „Analphabet“ verspottete Gerd, zumal in der Pubertät, versagte sich diesen Bemühungen, zeigte sich aggressiv, wehrte mit aufkommendem Bewusstsein jede weitere Bevormundung und Fremdbestimmung ab.

Endlich achtzehn Jahre alt. Damals, in der „DDR“, bedeutete das Volljährigkeit, Selbstbestimmung. Folgerichtig wurde Gerd aus dem Heimleben entlassen. Aber wie auf eigenen Füßen stehen, wie das täglich Notwendige erlangen? Ohne Bildung, als Analphabet? Gerd versuchte, was andere seines Alters – mit Bildung, mit „arischem“ Hintergrund – vielfach auch taten in den Jahren nach dem Krieg: Er wandte sich der Beschaffung zu, sammelte dieses und jenes in Ruinen, um es zu veräußern und so ein wenig, wenn auch notdürftig, zu leben. Zwangsläufig erfolgte die Verhaftung, die Kriminalisierung, das Urteil, das Gefängnis (Rummelsburg). Erneut fand sich Gerd, inzwischen ein junger Mann, in der Fremdbestimmung, eingesperrt, hinter Gittern.

Der Zukunft zugewandt: Gerd mit seiner Frau 1960

Der Zukunft zugewandt: Gerd mit seiner Frau 1960 – Foto: Archiv-LyrAg

Nach dem zweiten Gefängnisaufenthalt nutzte Gerd die Chance der damals noch offenen Grenzen in Berlin. Er zog in die Westsektoren. Trotzdem besuchte der Lieb- und Heimatlose immer wieder seine alten Kumpels im Osten. Und in dieser Zeit begegnete ihm 1960 eine junge und schöne Frau, die wohl erstmals in ihm andere Sinne weckte, als das stetige Trachten nach Möglichkeiten des Überlebens. Als Geli schwanger wurde, beschlossen die jungen Leute zu heiraten. Im März 1961 wurden sie Eltern einer Tochter.

Durch den Mauerbau vom Baby getrennt

Gerd überzeugte seine junge Frau, die Zukunft für sich und das Kind im Westen Berlins zu suchen. Geli wohnte noch immer im Ostteil der Stadt bei den Eltern. Im August 1961 fanden sie endlich eine Wohnung, im Wedding, gegenüber einer Kirche. Das junge Paar renovierte die Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Toilette befand sich im Aufgang auf dem Treppenabsatz. Am Sonntag, 13. August 1961, wurde West-Berlin abgeriegelt, der Mauer-Bau begann. Trotz der Zusage von Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Aber was galten schon derartige „Zusagen“?

Die junge Familie wurde von ihrem wenige Monate alten Baby getrennt. Seither trieb es Gerd um. Sollte seine Tochter das gleiche Schicksal erleiden, von Mutter und Vater getrennt in einem feindlichen Umfeld aufwachsen?

Nach vielen vergeblichen Versuchen: Im März 1963 fing eine von Gerd zusammengewürfelte Crew an, sich durch das Erdreich von West nach Ost zu graben. Von einem ehemaligen Kartoffelschuppen aus. Der stand direkt an der Mauer, die dort die Bernauer Straße am ehemaligen Güterbahnhof querte. Dort buddelten sich die Fluchthelfer sechs Meter unter der Erde auf ein Haus an der Eberswalder Straße zu. 19 Menschen setzten auf diese Fluchtmöglichkeit. Unter den Fluchtwilligen die Großeltern mit der zweijährigen Tochter.

Gerd vor dem Eingang zum ehem. Kartoffelschuppen, von dem aus der Tunnel 1963 gegraben wurde –
Foto: LyrAg

Im Juli 1963 platzte dieser Traum wie eine Seifenblase. Vor den Grundmauern des Zielhauses angekommen, wurden zwei Kuriere, die von Gerd zum Kontakt zu den Fluchtwilligen eingesetzt worden waren, verhaftet, der Tunnel verraten. 21 Menschen wurden verhaftet, zu hohen Strafen verurteilt. Das Kind von Gerd und seiner Frau kam in ein Heim, die bisher fürsorglichen Großeltern nach Rummelsburg und Hoheneck, berüchtigte Haft-Einrichtungen des DDR-Staates.

Elf Jahre lang von der Stasi als „Faustpfand“ missbraucht

Aus den (späteren) Stasiakten ging hervor, dass man das Kind als Faustpfand nutzen wolle: Die Mutter hatte brieflich ihre Eltern wissen lassen, evtl. wieder zurück nach Ost-Berlin zu ziehen. Um bei ihrer Tochter sein zu können. „Über diese,“ so der Stasi-Vermerk, „könne man dann an den Terroristen Gerd W. gelangen.“ Gerd, der nach dem Tunnelbau aktiv bis in die achtziger Jahre Fluchtunternehmen plante, war nach wie vor Zielscheibe seiner Verfolger.

Ein Kind als Faustpfand einer erneuten Diktatur ausgeliefert. 11 Jahre lang. Dann durfte das inzwischen junge Mädchen zu ihrer Mutter ausreisen. Nach endlos erscheinenden Verhandlungen mit der Bundesregierung. Da waren die Eltern bereits geschieden. Die Großeltern durften später ihrer Enkelin folgen. Der Großvater allerdings stirbt nach einem Herzinfarkt bei der Ausreise im sogen. „Tränenplast“ am Grenzübergang Friedrichstraße. Der durch die Abläufe verursachte Stress hatte erneut seine unbarmherzigen Spuren hinterlassen.

Das verbliebene Credo: Niemals mehr fremdbestimmt

Heute kümmert sich die Tochter, selbst inzwischen vielfache Mutter und Großmutter, in liebevoller Verzweiflung um ihren alten Vater, der am Samstag seinen 88. Geburtstag vermerken konnte. Zum Feiern bestand für ihn kein Anlass. Sein Gesundheitszustand ist besorgniserregend. Aber Gerd widersetzte sich den Bemühungen seiner Tochter, ins Krankenhaus zu gehen. Der am Geburtstag alarmierte Notarzt muss sich dieser Verweigerung beugen.

Vieles ist auf der Lebensstrecke dieses Mannes verkümmert. Als einziges Credo ist ihm geblieben: Niemals mehr fremdbestimmt leben zu müssen. Auch seine Tochter dürfe ihn nicht Fremdbestimmen. Dabei ist diese von Liebe und Fürsorge für ihren Vater bestimmt. Aber kann man es Gerd vorhalten, das er nie gelernt, noch weniger erfahren hat, zwischen Liebe und Fremdbestimmung zu unterscheiden?

Auschwitz ist nicht irgendwo, weit weg von uns. Auschwitz, zumindest mit seinen Vorläufern und Folgen, ist stets näher, als wir denken oder zulassen wollen …

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.504).

Von Tatjana Sterneberg

Berlin/Hoheneck, 07.11.2019/ts – Heute, vor 46 Jahren, klingelt es an meiner Haustür. „Aufmachen, Polizei!“ Ahnungslos öffnete ich die Tür. Ich hatte ja nichts verbrochen. Drei Männer in Zivil drängten mich in die Wohnung. Und während zwei der Männer begannen, ungefragt die Wohnung zu inspizieren, eröffnete mir der Dritte im Bunde: „Staatssicherheit. Kommen Sie mit zur Klärung eines Sachverhaltes!“

„Natürlich,“ schoss es mir durch den Kopf, „mein Ausreiseantrag und die Pläne einer möglichen Flucht.“ Plötzlich überfiel mich eine unkontrollierte Aufregung, eine nicht gekannte Angst vor etwas bislang Unbekanntem. Und während ich in einem Fahrzeug platziert wurde, gingen meine Gedanken zurück an den Ursprung dieses plötzliche Eingriffs in meine bisherige Unversehrtheit.

Nach meiner Ausbildung zur Restaurantfachfrau war ich gebeten worden, in das neu eröffnete Hotel „Stadt Berlin“ am Alexanderplatz (heute „ParkInn“) meine Berufslaufbahn fortzusetzen. Im ersten Stock befand (und befindet) sich die Zille-Stube, ein gemütliches Restauration in diesem riesigen „Turmhotel“.

Ein quietschroter Käfer und eine Rose

Schon bald tauchte dort Antonio auf. Er war Italiener und hatte es sich zur (nebenberuflichen) Aufgabe gemacht, Freunde und Gäste hin und wieder nach Ost-Berlin zu führen, um ihnen u.a. auch die dortige Restauration vorzuführen. Er sprach, wie ich später erfuhr, fünf Sprachen, was ihm diese Aufgabe wie auch seine Stellung im Hotel Kempinski als Chef de Rang in West-Berlin erheblich erleichterte.

Er muss wohl bei seinen Besuchen „einen Blick“ auf mich geworfen haben. Jedenfalls erschien er eines Tages (1972) mit seinem quietschroten Käfer vor dem Hotel, galant eine Rose in der Hand und fragte mich schlicht und ergreifend, ob er mich zu einem Glas Wein einladen dürfe?

Heute kämpft Tatjana Sterneberg an der Seite Ihres Mannes C.W.Holzapfel für die Rechte Verfolgter der DDR-Diktatur – Foto: LyrAg

Es entwickelte sich schnell eine gegenseitige Zuneigung, die schließlich in Liebe erblühte. Eine Liebe zwischen Ost und West war ja nicht einfach. Denn dazwischen stand die Mauer. Wollte Antonio länger bleiben, so musste er fristgerecht bis 24:00 Uhr den Checkpoint Charlie in Richtung Westen passieren. Dort fuhr er eine entsprechende Kehre, um nach 00:00 Uhr mit dem angemessenen Abstand wieder in die Hauptstadt der DDR mittels eines erneuten Tagesvisums wieder einzureisen.

Nach dem Heiratsantrag: Antonio wollte nicht im Osten leben

Was kommen musste, kam auch bei uns. Antonio machte mir schließlich einen Heiratsantrag. Ich war glücklich, als wäre ich schon seine Frau. Über die Umsetzungsmöglichkeiten machten wir uns erst danach Gedanken. Antonio wollte auf keinen Fall in Ost-Berlin leben. Sich freiwillig einsperren zu lassen war für den Weitgereisten und –Gebildeten (USA, Frankreich, Schweiz, Deutschland und natürlich Italien) keine Alternative. Aber was tun?

In diesen Tagen der Suche nach einer Problem-Lösung kam mir meine Tätigkeit im Hotel zu Hilfe. Ich betreute eine Hochzeitsfeier und fragte den Bräutigam diskret, wo das Paar denn in Zukunft leben wolle? Denn seine Geehelichte war zwar eine Ostberlinerin, er kam aber aus Dänemark. Natürlich würden sie dort leben, erklärte mir der glückliche Däne. Ich war perplex: „Wie geht denn das?“ „Ganz einfach,“ sagte der Däne, „meine Frau hat einen Ausreiseantrag gestellt.“

Überglücklich erzählte ich am Abend Antonio von dieser Feier. Gesagt getan. Ich schrieb einen Ausreiseantrag, formlos, auf einem normalen Briefbogen. Und als die Antwort auf sich warten ließ, hakte ich nach, fragte nach dem Stand. Das führte zu einer Vorladung ins Rote Rathaus, in dem heute der Berliner Senat seinen Sitz hat. Naiv und gutgläubig wie ich war, nahm ich meinen Antonio mit zu diesem Gespräch. War er doch der lebende Beweis für meine guten und harmlosen, sprich unpolitischen Absichten.

Eine Ausreise kommt nicht infrage

Schnell wurde uns im schönsten Partei-Sprech klar gemacht, eine Ausreise komme gar nicht infrage. Alle Argumente halfen nichts, mein artikuliertes Vorpreschen war vielleicht sogar undienlich. So hielt ich dem Gegenüber im Rathaus vor, man könne doch nicht „Eintrittsgeld“ für den Besuch in Ost-Berlin kassieren, und wenn sich dann Mensche ineinander verlieben, dürfen diese nicht zueinander kommen. „Was ist das denn?“

Die Folge dieser unerquicklichen Begegnung: Der Besuch von uns wurde an die Staatssicherheit gemeldet, die daraufhin einen „Operativen Vorgang (OV)“ unter dem Namen „Zille“ anlegte und 12 Informelle Mitarbeiter (IM) unter dem Kennwort „Hänsel und Gretel“ auf uns ansetzte. Das allerdings erfuhr ich erst rund 20 Jahre später aus der Einsicht in meine Stasi-Akten.

Nichtsahnend über diese eingeleitete „Staatsschutztätigkeit“ begann Antonio, fürsorgerisch nach anderen Lösungen zu suchen. Natürlich gehörte dazu auch die Kontaktaufnahme zu Fluchthelfern. Mehrere Möglichkeiten wurden erörtert, mehrere wieder verworfen. Schließlich zeichnete sich ein Versuch über den Checkpoint Charlie unter Hilfestellung einer diplomatischen Vertretung ab.

Menschlichkeit: Antonio wurde bei der Einreise gewarnt

Der Termin war noch nicht vereinbart, als die Abgesandten der Staatssicherheit vor meiner Wohnung standen, um mich in das Polizeipräsidium in der Keibelstraße zu verschleppen. Erst am Morgen des nächsten Tages, kurz vor dem Ende der ersten nächtlichen und stundenlangen Vernehmungsrunde eröffnete mir einer der Vernehmer: „Übrigens, Ihren Antonio haben wir auch!“ Mir fuhr ein Schreck in die Glieder. Was hatte der arme Kerl mit den Teilungs-Strapazen deutscher Befindlichkeiten zu tun?

Was ich an diesem grauen 8. November noch nicht wusste und erst später, nach der Maueröffnung erfuhr: Ein Mensch unter den Unmenschen hatte Antonio bei seiner Einreise in die DDR gewarnt: „Reisen Sie heute lieber nicht ein.“ Antonio hatte diesen Hinweis in übliches Abwehr-Blabla der Kontrollorgane eingeordnet und war dann verhaftet worden.

Gut war, dass mein Stasi-„Informant“ zwar von der Verhaftung, aber wohl nichts davon wusste, dass es an der Grenze auch Menschen gab, die versuchten, sich dem Unrechtssystem auf ihre eigene Art zu entziehen. Damals wusste auch ich nichts davon. Damals, am 7. November 1973, mussten Antonio und ich den langen Weg in die DDR-Haft antreten: Er nach Rummelsburg und ich in das größte Frauenzuchthaus Hoheneck.

Nach unserer Haft haben wir geheiratet, bekamen unsren Sohn Sandro. Aber Antonio überlebte die erlittenen Strapazen nicht. Er starb 2006 an den Folgen. Und ich? Ich trage die Erinnerungen an einen wunderbaren Menschen in mir und die Schmerzen der Erinnerung an einen Abend des 7. November, als drei Leute in meine Wohnung kamen, um ein weiteres Mal Schicksale zu zerstören.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.497).

Potsdam, 8.07.2018/cw – „Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Rechte klaut!“ Unüberhörbar skandierten rund 14 ehemalige Heimkinder Ende Juni vor dem Landgericht in Potsdam ihren Protest gegen die nur schleppend angelaufene oder bisher verweigerte Rehabilitierung ehemaliger Heimkinder durch die Justiz.

Anlass für den aktuellen Protest war eine angekündigte Buchlesung in den Räumen des Verfassungsgerichtes Brandenburg. Der Autor Dr. Christian Booß, Vorsitzender des „Bürgerkomitees 15. Januar“, las aus seinem im Juni 2017 erschienenen Buch „Im goldenen Käfig. Zwischen SED, Staatssicherheit, Justizministerium und Mandant – die DDR-Anwälte im politischen Prozess“ (Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN-10: 3525351259 – ISBN-13: 978-3525351253 , 616 S., 45,00 €). Es handelte sich um eine gemeinsame Veranstaltung des Verfassungsgerichtes und der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Kooperation mit dem Landgericht Potsdam (Wir berichteten vorab: https://17juni1953.wordpress.com/2018/05/26/buchvorstellung-im-goldenen-kaefig-zwischen-sed-staatssicherheit-justizm/ ).

Mit Schild und Transparent für die Rehabilitation – re. Lutz Adler mit Flüstertüte – Foto: LyrAg

Wegen Jugendsünde über zwei Jahre andauernder Terror

Lutz Adler, bekannter Aktivist für die Rechte ehemaliger Heimkinder, der die Demo ordnungsgemäß angemeldet hatte und zur Verstärkung des Protestes eine große Flüstertüte zum Einsatz brachte, sagte ggüb. der Redaktion: „Was helfen derartige Veranstaltungen, wenn durch die Vorstellung notwendiger Beiträge zur Aufarbeitung suggeriert wird, dass fast 30 Jahre nach dem Ende des DDR-Unrechts alles in Butter ist und unser Staat auf einem guten Weg ist? Die von Unrecht und teilweise üblem Terror betroffenen Heimkinder kämpfen mittlerweile seit Jahrzehnten um die Rehabilitierung, bis auf einzelne Entscheidungen bisher vergeblich. Darum sind wir hier und sind wir laut, weil man uns dieses Recht auf Rehabilitierung vorenthält, also schlicht klaut.“

Brigitte H. (Name geändert) hat bereits an vielen Demonstrationen ehemaliger Heimkinder teilgenommen. Sie wurde wegen einer „Jugendsünde“ von einem Jugendgericht „auf Bewährung“ verurteilt und war trotz Schadensbeseitigung (sie hatte in einem Laden eine Flasche Wein entwendet) in ein sogen. Sonderkinderheim eingeliefert worden. Dort wurde sie schikaniert und gedemütigt, mußte den Tod einer Heiminsassin verkraften und wurde erst nach über zwei Jahren wieder nach Hause entlassen. „Es war die schlimmste Zeit meines Lebens,“ sagt Brigitte heute, gerade 50 Jahre alt geworden. „Ich habe noch heute Alpträume und werde wohl nie verstehen, warum man das einem jungen Menschen angetan hat.“

Hat Brigitte eine Rehabilitierung beantragt? „Natürlich.“ Und warum wurde sie nicht rehabilitiert? Brigitte würgt, sucht sichtlich bewegt nach Worten: „Weil der Heimaufenthalt von den Gerichten als >übliche Praxis< eingestuft wird und eine Unrechtshandlung verneint wird.“ Das die Heimaufenthalte vielfach mit den Haftanstalten der DDR vergleichbar waren, bestätigen auch Lutz Adler und weitere Demonstranten.

Elf Jahre von den Eltern getrennt – keine Rehabilitierung

Ehem. Heimkinder vor dem Justizgebäude in Potsdam – Foto: LyrAg

Waltraud L. (Name geändert) war durch den Mauerbau im Alter von gerade einmal zwei Monaten von ihren Eltern getrennt worden. Diese richteten am 12. und 13 August 1961 in Westberlin eine Wohnung her, Waltraud war aus diesem Grund bei den Großeltern in Ostberlin in Obhut gegeben worden. Nach dem Mauerbau verweigerten die Behörden Waltraud den Umzug zu ihren Eltern. Zwei Jahre später, nachdem ein Tunnelbau gescheitert war, durch den auch die Großeltern und Waltraud flüchten sollten, kam Waltraud in ein Kinderheim, weil die Großeltern wegen der versuchten „Republikflucht“ zu Zuchthausstrafen verurteilt worden waren (Hoheneck und Rummelsburg). Erst elf (!) Jahre später durfte Waltraud zu ihren Eltern nach Westberlin ausreisen. Unrecht? Auch Waltraud mußte von der Justiz die Ablehnung der Rehabilitierung zur Kenntnis nehmen. Der Heimaufenthalt sei „normale Fürsorge“ gewesen und daher nicht rehabilitierungsfähig. Von der elf Jahre andauernden erzwungenen Trennung von ihren Eltern war dabei nicht einmal die Rede.

Nach dem Ende der Demo wollte das Gros der Demonstranten, überwiegend Frauen, zur Lesung in das Verfassungsgericht gehen und verursachte damit erneut Aufregung. Eine Dame rief im Vorraum einen Sicherheitsbeamten zur Hilfe, weil sie offenbar mit der Entscheidung überfordert war, die Frauen und drei Männer in den Veranstaltungsraum, den Gerichtssaal des Verfassungsgerichtes einzulassen. Erst nachdem eine weitere Helferin der Veranstalter erschien und die Einlass-begehrenden auf die Brandenburgische Stasi-Beauftragte Maria Nooke verwiesen, die den Demonstranten zuvor eine (spätere) Teilnahme zugesagt hatte, durfte der Demo-Tross in angemessener Zurückhaltung in dem gut gefüllten Auditorium Platz nehmen.

V.i.S.d.P: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.405).

 

 

VEREINIGUNG 17. JUNI 1953 e.V.

 PRESSEMITTEILUNG

17.Juni 1953

Hardy Firl: Ein Kämpferherz hat aufgehört zu schlagen

Berlin, 16.Mai 2017/cw – Hardy Firl (*22.10.1931), aktiver Teilnehmer am Volksaufstand vom 17. Juni 1953, ist nach kurzer schwerer Krankheit am vergangenen Freitag, 12.05.2017, verstorben.

Firl hatte noch Anfang April der Vereinigung 17. Juni zugesagt, für die Toten des Volksaufstandes am Staatsakt der Bundesregierung und des Senats von Berlin teilzunehmen und den Kranz der Vereinigung niederzulegen. Bereits Mitte April musste seine Frau, mit der Hardy Firl 56 Jahre verheiratet war, dem Verein absagen. Ihr Mann sei schwer erkrankt und man müsse mit dem Schlimmsten rechnen.

Hardy Firl wurde 86 Jahre alt. Zeitlebens war er stolz auf seine Mitwirkung an den Demonstrationen, die zum Volksaufstand in der DDR mutierten. Der 21jährige Mitarbeiter der MITROPA war am 17.Juni in die Stalinallee gegangen und stieß dort auf eine unübersehbare Menschenmasse. Dem junge Mann wurde ein Banner in die Hand gedrückt: „Freie Wahlen“. Begeistert reihte sich Firl in die Reihen der Demonstranten ein. Mutig geworden, entwendete er einem Volkspolizisten, der die Demonstranten aufforderte, nach Hause zu gehen, das Mikrofon. Jetzt sprach Firl: „Weg mit der Volkspolizei“, „Der Spitzbart muss weg“ und „Wir fordern den Rücktritt der Regierung“.

Fünf Stunden später wird Firl mit zahlreichen anderen Demonstranten am Ostbahnhof von Vopos eingekesselt und auf Lastwagen geladen. Ziel der Gefangenen-Transporte: Das Armeegelände auf dem ehemaligen Viehhof in Friedrichsfelde.

Sein letzter Auftritt: Nach dem Staatsakt 2016 auf dem Friedhof Seestraße mit Kanzleramtschef Altmeier im Gespräch: Hardy Firl – Foto: LyrAg

„Wir wurden wie Vieh in die Hallen getrieben und mussten uns auf den Boden legen. Mit fünf Männern musste ich mich mit dem Gesicht zur Wand aufstellen. Hinter uns lagen Volkspolizisten mit Maschinengewehren im Anschlag. Es war der entsetzlichste Augenblick meines Lebens, da ich glaubte, gleich tot zu sein,“ schilderte Firl die damalige dramatische Situation. Tatsächlich schossen die Vopos, allerdings in die Decke. Es war eine Scheinerschießung. Durch Querschläger kam es allerdings zur Panik, zahlreiche Menschen wurden verletzt. Möglich, dass hier die Geschichte ihren Anfang nahm, im ehemaligen Viehhof seien Soldaten der Roten Armee erschossen worden, weil sie sich geweigert hatten, auf deutsche Arbeiter zu schießen.

Für Hardy begann noch am Abend eine wahre Odyssee durch verschiedene Haftanstalten. Dazwischen immer wieder Verhöre. Die Stasi forderte das Eingeständnis, dass Firl im Auftrag der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU)“, des CIA oder gar der SPD-Jugendorganisation „Die Falken“ an den Demonstrationen teilgenommen hätte.

In einem nur 30 Minuten andauernden Prozess wurde der junge Mann am 30. Juni 1953 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Haftstrafe musste er in Rummelsburg verbüßen, wo er eine Zelle mit einem Kinderschänder, einem Wirtschaftskriminellen und einem „Zeugen Jehovas“, letztere galten ebenfalls als Feinde der DDR, teilen musste.

Am Bittersten empfand Firl die Haltung seiner Eltern, die ihn niemals in der Haft besuchten. Sein Vater war überzeugter SED-Genosse (Firl: „Tausendprozentig!“) und hatte sich offensichtlich von seinem „Verräter-Sohn“ losgesagt.

1956, nach seiner Freilassung, flieht er nach West-Berlin. Aber der in seinem Kiez Verwurzelte kehrt schon 1958 zurück. Hier hatte er seine Freunde, seine zwei Geschwister. Und dass drei Jahre später eine Mauer seine einstige Haft auf andere Art fortsetzen würde, konnte auch Firl nicht ahnen. Bis zu seiner Verrentung arbeitete Firl im Kundendienst des Warenhauses am Alexanderplatz, dem heutige KAUFHOF.

Sein Urteil wurde 1994 aufgehoben, Hardy Firl rehabilitiert. Seine Erlebnisse am 17. Juni 1953 und die Zeit danach ließen ihn aber nicht mehr los. Nach dem Fall der Mauer konnte er dieser Erinnerung offen leben, war stolz auf seinen 17. Juni 1953. Noch im letzten Jahr stand er vor der TV-Kamera des Bayerischen Rundfunks. Zahlreiche Medien berichteten über diesen Mann, der stets bescheiden aber voller Stolz vom Aufstand der Arbeiter berichtete.

Firl lebte nur zwei Kilometer von Rummelsburg entfernt in Lichtenberg. Er hinterlässt seine Frau Siegrid, zwei Kinder, zwei Enkel und zwei Urenkel. Die Beisetzung findet am 12. Juni um 13:00 Uhr auf dem Parkfriedhof in Berlin-Marzahn statt.

Der Vorstand der Vereinigung würdigte in einem Nachruf die Verdienste des Verstorbenen, der „seinen unvergessenen Platz in der Geschichte des Volksaufstandes gefunden hat. Wir werden ihn stets in ehrenvoller Erinnerung behalten.“

V.i.S.d.P.: VEREINIGUNG 17.JUNI 1953 e.V., Berlin – Tel.: 030-30207785

 

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