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Berlin, 9.November 2015/cw – Wir gedenken heute, am TAG DER NATION, der Höhepunkte in der deutschen Geschichte, die immer auch Auswirkungen auf die europäische Geschichte hatte. Wir gedenken an diesem Tag aber auch der schmerzlichen und verstörenden Tiefpunkte, die ebenfalls an einem 9. November oder um den 9. November geschehen sind.

Nachfolgend geben wir einen Vortrag wieder, den Carl-Wolfgang Holzapfel* am 29. November 1995 im Haus des Deutschen Ostens in München gehalten hat.

9.November – Schicksalstag der Deutschen Nation?

Dem Thema „9.November“ haftet etwas schwefliges, ruchbares an: Denn Mauerfall hin oder her, nach neudeutscher oder auch nachkriegsdeutscher Geschichtsschreibung ist der 9.November nur mit einem Namen, mit einem Ungeist, verbunden: Adolf Hitler! Und diese, zwischenzeitlich mehreren Generationen eingehämmerte recht einseitige Beziehung oder Assoziation zu einem Datum macht es uns so schwer, mit einem der größten, diesmal freudigem Ereignis in unserer Geschichte vertraut,  ja freudig und letztlich geschichtsbewusst umzugehen.

So musste auch meine Initiative, übrigens drei Wochen nach Öffnung der Mauer, scheitern. Ich stehe dennoch auch heute noch dahinter!
In einem Brief an meinen Freund und damaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Jürgen Wohlrabe, der viel zu früh im Alter von nur 58 Jahren verstarb, schlug ich vor, den 9., respektive den 10.November, zum „TAG DER NATION“ zu erklären. Gerade weil ich mir der Brisanz des 9.November bewusst war, Reichskristallnacht, wollte ich eine alternative Brücke bauen. Zumal die wirkliche Begegnung ja tatsächlich erst in der Nacht vom 9. auf den 10.November – und in den Tagen danach – stattfand.
Auch mein Vorschlag, den bisherigen 17.Juni als Gedenktag der Deutschen Einheit durch diesen Tag abzulösen, hatte einen seriösen Hintergrund. Als jahrzehntelanges Mitglied der VEREINIGUNG 17.JUNI 1953 e.V., einem ursprünglichen Zusammenschluss ehemaliger Teilnehmer am Volksaufstand, wusste ich mich in Übereinstimmung mit meinen Kameraden, das mit dem faktischen Fall der Mauer eine, wenn nicht die wesentliche Forderung der Kämpfer vom 17.Juni erfüllt war: Die Einheit Deutschlands wiederherzustellen!

Wohlrabe hat denkbar mutig reagiert, als er sich in einem Schreiben Ende 1989 an mich inhaltlich voll hinter diesen Vorschlag stellte. Mutig deshalb, weil sich kein anderer Politiker wagte, einen solchen Vorschlag auch nur in den Mund zu nehmen, geschweige, sich damit auseinander zu setzen: Konnte eine „Verbrechernation auf ewige Zeiten“ es wagen, einem 9.November eine andere Bedeutung als (ausschließlich) die der „Reichskristallnacht“, mit all den dahinter stehenden drohenden Zeigefingern zu geben?

Politiker überfordert?

In der Tat sind auch 50 Jahre nach dem Ende einer 13jährigen totalitären Herrschaft unsere heutigen Politiker überfordert, wenn man von ihnen ein wie immer geartetes Bekenntnis zur Deutschen Nation, zu unserer eigenen Geschichte, mit ihren freudigen Höhepunkten, aber auch mit ihren schmerzlichen tiefen Tälern, verlangen sollte.

Haben wir Verständnis! Haben wir Mitleid! Kommen doch die heutigen Vertreter des demokratischen „neudeutschen Adels“ (fast) ausschließlich aus Parteien und Gruppierungen, die zur Grundlage ihrer seinerzeitigen Gründung eine Lizenz, eine Zulassung der Siegermächte brauchten. Das Aufkommen der sogenannten GRÜNEN widerspricht dem nicht: Kamen hier doch Töchter und Söhne jener Gründungsgeneration nach oben, die sich in einem ganz normalen Vorgang gegen ihre Zieh-Mütter und -Väter stellten, ohne aber jemals den Konsens infrage zu stellen, der da nach wie vor lautet: Deutschland, das abschreckende Bild politischen Verbrechertums, gestern, heute, morgen, immer!

Und folgerichtig rückt jeder, wird jeder in diese Ecke politischen Verbrechertums gerückt, der es auch nur wagt, von der Deutschen Nation zu reden und das auch noch ernst zu meinen! Darum also mein Respekt vor dieser uneingeschränkten Solidarisierung Jürgen Wohlrabes mit meinem damaligen Vorschlag!

Der 3. Oktober entfaltet keine emotionale Bindung

Natürlich musste dieser Vorschlag – und wir wissen das inzwischen alle – scheitern. An seiner Stelle wurde ein äußerst künstliches, weil rein zufälliges Gebilde, namens „3.Oktober“, aus der Taufe gehoben. Ein Tag, mit dem niemand etwas anfangen kann, weil er außer dem bürokratisch und recht willkürlich festgelegtem Termin der Einvernahme der „Neuen Länder“ (wie es so schön heißt) keinerlei emotionale oder auch historisch nachvollziehbare Bindung zulässt. Gedenktage bedürfen aber einer Verankerung in der Geschichte eines Volkes, in dessen Geschichtsbewusstsein, in seinen Herzen, um lebendig zu sein und zu bleiben! Um nachkommenden Generationen das einigende Band gemeinsamer Geschichte umzuwinden!

Könnte man darüber streiten, ob der Zusammenbruch eines über 40 Jahre andauernden totalitären Systems, ob die Wiedervereinigung getrennter Teile des Vaterlandes eines Gedenkens würdig wären – ich selbst kann darüber nicht streiten – , so sollte aber nicht strittig sein, dass es Tage im Leben eines Volkes gibt, die wie keine anderen das geschichtliche Auf und Ab, die Höhen und die Tiefen einer Nation, den rühmlichen Kampfgeist ebenso widerspiegeln, wie schmerzliches Versagen. Und selten widerfährt dabei einem Volk, dass sich Ereignisse geschichtlicher Bedeutung immer wieder an  e i n e m  Tag, um einen Tag ereignen, wie das beim Datum des  9. N o v e m b e r  in der deutschen Geschichte, und hier beindruckend vielfältig in diesem Jahrhundert, ganz offenbar geschehen ist.
Und dabei m u s s die Frage erlaubt sein, ob dieser Tag für uns, für das deutsche Volk, schicksalhaft ist – wir werden sehen, dass sich diese Frage schon beantwortet hat – und ob dahinter vielleicht eine Mystik steht, der wir uns nicht entziehen können, auch wenn wir dies – vielleicht – zuweilen wollen.

Unter „Mystik“ ist im Brockhaus u.a. zu lesen, sie sei „eine Grundform des religiösen Erlebens, das unmittelbare Erleben Gottes. Mystik kann der Art nach gefühlsbetont, sinnlich rauschhaft, kontemplativ (betrachtend) oder spekulativ sein, ihre Grundlage ist duchaus asketisch.“ Ende des Zitats. Und unter „Mystizismus“ lesen wir ebda.: Dieser sei (Zitat) „intuitiv-irrationale Geisteshaltung, die durch unmittelbares Ergreifen einer höheren Wahrheit Erkenntnisse sucht, die weder in den Bereich religiösen Erlebens gehören noch verstandesmäßiger Prüfung standhalten.“ Ende des Zitats.

Von Gott bestimmt oder Schicksal?

Ohne hier in eine sicherlich sehr interessante Diskussion oder Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen einzutreten, ist es doch wichtig, den Begriff zu erklären, wenn wir die Frage stellen, ob ein Volk „Mystik“ erfährt , braucht oder nicht braucht. Jeder von uns hat sicherlich schon einmal mehr oder weniger eindringliche Erlebnisse gehabt, die er als mystisch empfunden hat. So stolperte bereits Leo Trotzki über die Tatsache, das sein Geburtstag mit dem Ausbruch der Russischen Revolution am 7.November zusammenfiel. Er vertraute allerdings seinem Tagebuch an, „nur Pythagoräer und Mystiker würden da einen Zusammenhang vermuten!“ Nun ja, hier mag der Zufall zur Fußnote eines Ereignisses geworden sein. Mir war der Tag der Oktoberrevolution über Jahrzehnte eine hilfreiche Gedankenbrücke, um einen wichtigen Geburtstag im Freundeskreis nicht zu vergessen.

Ich möchte hier auch nicht weiter auf die persönlichen Erfahrungen eingehen. Denn hier sollen Erfahrungen in den Raum gestellt werden, die über das – subjektive wie reale – Erleben des Einzelnen hinausgehen. Erfahrungen, die vielmehr durch die Einbindung vieler, ungezählter Menschen, ja eines ganzen Volkes, erst ihre überragende Bedeutung erhalten haben. Und wenn wir versucht sind, oder auch dieser Versuchung gewollt erliegen oder – besser – gewollt aussetzen, wenn wir also untersuchen, wie weit Erlebtes, Erfahrenes von uns als mystisch empfunden wird, dann ist das sicherlich nicht abhängig von unserer persönlichen Standortsbestimmung zu Gott. Der religiös Empfindende wird sein Erleben als von Gott bestimmt ansehen. Der nicht auf einen Gott Fixierte wird es seinem Schicksal zuordnen. Beides kann sinnlich als eine Grundform religiösen Erlebens empfunden werden, auch unbewusst, eben als unmittelbares Erleben Gottes oder des Schicksals. In jedem Fall wird dies Auswirkungen auf die Emotion, auf das eigene Gefühlsleben haben und damit unser Leben beeinflussen.

Was aber hebt diesen 9.November über die Öffnung der Mauer im Jahre 1989, über die Reichskristallnacht im Jahre 1938, über andere Daten deutscher Geschichte hervor? Was prädestiniert ihn zu einem deutschen Gedenktag, gar zu einem „Tag der Deutschen Nation“?

Weil Friedrich Schiller an einem 10.November geboren wurde? Ein Schiller, der in seinen „Räubern“ sagt: „Dass der Geist Hermanns noch aus der Asche glimmte!- Und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom, und Sparta Nonnenkloster sein sollen.“ Warum nicht? Vielleicht, weil ein heutiger Verfassungsschützer jenen eben zitierten Satz einer rechtsradikalen Gruppe zuordnen würde, deren Anführer offenbar ein gewisser Schiller sei?

1848: Forderung nach bundesstaatlicher Einigung

Immerhin: Am 9.November 1848 jagte der preußische Kavalleriegeneral Graf von Brandenburg das „Demokratenpack der Preußischen Nationalversammlung“ (wie er es nannte) „zum Teufel.“ Und in Wien, wohl auch zumindest mit der deutschen Nation und ihrer Geschichte eng verbunden, ließ der Fürst zu Windisch-Grätz den Revoluzzer Robert Blum am gleichen Tag, am 9.November 1848, erschießen. Blum war immerhin Führer der demokratischen Linken in der Frankfurter Nationalversammlung! Böte nicht dieser 9.November 1848 eine vielfältige Erinnerung an das deutsche Revolutionsjahr 1848, ein gemeinsames Gedenken von „links“ bis „rechts“ – übrigens Grundvoraussetzung eines Nationalen Gedenktages! Immerhin waren die ersten deutschen Nationalversammlungen jene Frankfurter Nationalversammlung (1848-1849) und die Preußische verfassungsgebende Versammlung von 1848. Und ist die Forderung nach bundesstaatlicher Einigung Deutschlands von 1848 keines Gedenktages wert?

 Gedenken - Foto: Lyrag

Gedenken – Foto: Lyrag

Wieder an einem 9.November, diesmal 1918, wurde eindrückliche Geschichte geschrieben: Gleich zweimal – sagt da einer lästernd: Wie es sich für Deutsche gehört? – gleich zweimal also wurde an jenem Tag die Republik ausgerufen: Gegen 14.00 Uhr durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann vom Seitenflügel des Berliner Reichstages aus und gegen 18.00 Uhr durch Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses aus. Die Brisanz in diesen Ereignissen lag nicht zuletzt in der Tatsache, das Scheidemann mit seinem zunächst zögerlichen und dann entschiedenem Handeln Karl Liebknecht zuvor kam, der die „Deutsche Sozialistische Republik“ nach sowjetischem Muster ausrief und dem Dank Scheidemanns das Volk für „diese“ Republik abhanden gekommen war.

Kein Grund, den 9.November als Deutschen Nationaltag zu begehen?

Sicherlich sprachen in der Folgezeit die enttäuschten Monarchisten und Konservativen von den „Novemberverbrechern“, machte sich auch Hitler dieses Schlagwort zu eigen. Aber Hitler wurde nicht durch diese „Novemberverbrecher“ möglich, sondern durch den unseligen Versailler Vertrag! Und es ist ja auch wohl kaum anzunehmen, dass diese Titulierung der Republikaner vom 9.November 1918 durch jene Kreise heutige Politiker davon abhielte, den 9.November als Nationalfeiertag zu begehen. Eher doch wohl im Gegenteil!

Es ist nicht auszuschließen, dass der sogen. Novemberputsch 1923 in München aus den vorgenannten Gründen terminiert war, als Hitler mit General Ludendorff am Abend des 8.November revoluzzerte. Brach vielleicht dieser Putsch deswegen am 9.November 1923 unter den Schüssen der Bayerischen Bereitschaftspolizei zusammen, weil sich Geschichte nicht künstlich zwingen lässt nach dem Motto: Am 8.Mai beschließen wir die Freiheit? Gleich, wie: Sollte nicht auch dieses Scheitern Hitlers nach unserem heutigen Geschichtsverständnis ein Tag freudigen Gedenkens, zumindest der inneren Einkehr über Inhalt und Wesen einer wehrhaften Demokratie sein?

Bedacht oder unbedacht? Zufällig oder schicksälig? Jedenfalls schoß der polnische Jude Grünspan am 7.November 1938 in Paris auf den deutschen Legationssekretär vom Rath, was bekanntlich die Nationalsozialisten zu dem unseligen und verbrecherischen Rachefeldzug gegen jüdische Einrichtungen und Gotteshäuser am 9.November veranlasste. Dieser Tag schrieb sich als „Reichskristallnacht“ in das Buch deutscher Geschichte und wurde faktisch in seiner Bedeutung und Auswirkung mit dem Synonym Auschwitz gleichgesetzt. Welches Argument aber spricht gegen einen 9.November als Gedenktag, um auch dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte zu gedenken?

Mögen folgende 9.November im Vergleich zu den bisher geschilderten (bis auf den 9.November 1989) marginal sein, so sind sie doch zumindest erwähnenswert:
Am Vorabend des 9.November 1939 entging Hitler nur knapp einem Bombenanschlag im Münchner Bürgerbräukeller. Marginal? Warum also den 9.November nicht auch als Gedenktag des Widerstandes gegen Hitler (siehe 1923)?
Kurz vor dem 9., am 7.November 1942, beginnt mit dem Angriff der 6.Armee auf das Hüttenwerk „Roter Oktober“ in Stalingrad der Entscheidungskampf, die Zäsur für Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Ein Jahr später, am 9.November 1943, nimmt der deutsche Geheimdienstchef Walter Schellenberg im Auftrag Heinrich Himmlers in Stockholm Geheimkontakte zu den Amerikanern mit dem Ziel von Friedensverhandlungen mit den USA auf.

Am 9.November 1948 – es wird immer schwerer, alles nur noch mit „Zufällen“ erklären zu wollen, wird die sogenannte „Becher-Hymne“ von Johannes R. Becher, die spätere DDR-Hymne, aufgeführt, die vom Text her im Gegensatz zu ihrer BILD-Benennung (Spalter-Hymne) die Einheit Deutschlands beschwor: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt … Deutschland, einig Vaterland.

Deutschland, einig Vaterland

Kein Grund, dieses Motto über einen „Tag der Deutschen Nation“ am 9.November zu stellen? Wird nicht auch hier eine Chance vertan, die viel beschworene Einheit ein Stück weit real durchzusetzen? Oder sollen wir uns im Westen, als Bewohner der „alten“ Bundesrepublik, nur deshalb gegen diese Sätze wehren, weil diese von einem ehemaligen Kulturminister der DDR stammen oder weil die DDR in einem Anflug „nationaler Betonung“ dieses Lied zu ihrer Hymne erkor?

Halten wir fest: Am 9.November 1948 Uraufführung des Textes, der da beinhaltet: „Deutschland, einig Vaterland“. Und 41 Jahre später mündet der hunderttausendfache Ruf „Deutschland, einig Vaterland“ in den lang ersehnten Fall der Mauer, in das Ende des zweiten totalitären Staates auf deutschem Boden, der DDR, in die Wiedervereinigung mit Mitteldeutschland!
Und da soll man keine Gänsehaut bekommen? Keinen Atem der Geschichte spüren?

Die eingangs gestellte Frage, ob wir einen nationalen Gedenktag brauchen, möchte ich uneingeschränkt mit JA beantworten. Ein Volk kann ohne die Identifikation mit der eigenen Geschichte nicht überleben! Vielleicht haben die DDR-Bürger deswegen die Energie und Kraft zu Veränderungen gehabt, ein „Wir sind das Volk“ an die Stelle egomanischer Selbstverwirklichung gesetzt, weil sie in ihren Herzen den Glauben an  e i n  Deutschland mehr verinnerlicht hatten , als ihre Brüder und Schwestern im Westen?

Bis zur Wiedervereinigung hatten wir, zugegeben, wenig Grund, einen nationalen Feiertag zu begehen. Der 17.Juni (1953) war nur ein notdürftig gelittener Feiertag, erinnerte er doch zu sehr an eigenes Versagen und Unvermögen in einem historischen Augenblick. Aber immerhin handelte es sich um den ersten Aufstand im kommunistisch besetzten Machtbereich Nachkriegs-Europas. Wir sind mit diesem Ereignis, auf das unsere geschändete Nation stolz sein darf, gotteslästerlich umgegangen. Auch aus diesen Erfahrungen im Umgang mit einem historischen Ereignis stellt sich für alle Deutschen, von „links“ über die „Mitte“ bis „rechts“ die Frage: ob nach dem Desaster von 13 Jahren deutscher Geschichte, nach dem fraglosen Missbrauch nationaler Identität, ein „Nationaler Gedenktag“ angebracht ist?

Mit der Schaffung eines „3.Oktober“ ist diese Frage vorweg beantwortet worden, nicht durch uns, das Volk, aber durch das politische Establishment. Die Frage kann also nicht sein, ob es einen solchen Gedenktag geben kann oder geben soll, sondern welche Inhalte, welche über die verschiedenen politischen Lager, einschließlich und ausdrücklich unserer jüdischen Mitbürger, verbindende Kraft ein solcher Tag haben sollte.

Ich meine, der 9.November wäre der  n a t ü r l i c h e , der sich geradezu aufzwingende „Tag der Deutschen Nation!“ Die Faszination dieses Datums geht nicht nur von seiner unheimlichen Häufung historischer Ereignisse, sondern auch von der Tatsache aus, das sich  k e i n e politische Kraft in unserem Land diesen Tag aneignen kann, aber  j e d e  politische Kraft in diesem Tag bewahrenswerte Ereignisse erkennen und bewegen kann.

Gibt es ein gravierenderes Argument für einen nationalen, alle Bürger dieses Landes einschließenden Gedenktag am 9.November? (1.057)

* Der Referent ist seit 1963 Mitglied und seit 2002 Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel*

Erfurt/Berlin, 16.01.2015/cw – Der Vorschlag des Thüringer Landtagspräsidenten Christian Carius (CDU), den 17. Juni als Gedenktag für die Opfer der SED-Diktatur zu proklamieren, hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Dabei wird allerdings übersehen, dass sich Carius nicht explizit für den Erinnerungstag an den Volksaufstand von 1953 ausgesprochen hat, sondern sich ebenso den 13. August (Tag des Mauerbaus 1961) vorstellen könnte.

Inzwischen hat Prof. Erardo C. Rautenberg, SPD, in einem Gastbeitrag für die Thüringer Allgemeine vom 16. Januar für eine Neubelebung des 17. Juni plädiert und sich ausdrücklich auf den Vorschlag des Thüringer CDU-Politikers bezogen http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Gastbeitrag-Prof-Dr-Erardo-C-Rautenberg-plaediert-fuer-Wiederbelebung-des-17-1135793792.

Rautenberg ist nicht Irgendwer. Der 1953 in Comodoro Rivadavia, Argentinien geborene Jurist dient seit 1996 als Generalstaatsanwalt in Brandenburg, seit 2007 ist er der dienstälteste Generalstaatsanwalt in Deutschland. In einem Essay über Schwarz-Rot-Gold hat er u.a. den Versuch unternommen, dem Nationalismus der Rechtsextremen einen Patriotismus der Demokraten entgegenzusetzen. Das SPD-Mitglied besitzt die deutsche und argentinische Staatsangehörigkeit (seine deutschstämmigen Eltern kehrten 1954 aus Argentinien nach Deutschland zurück), ist Mit-Herausgeber der Zeitschrift Neue Justiz, ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift Goltdammer´s Archiv für Strafrecht und seit September 2013 Honorarprofessor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.
Rautenberg geht wesentlich ausführlicher auf die von Christian Carius angeregte Idee ein, als der Urheber. Er untermauert seine Unterstützung für den 17. Juni als Gedenktag für die Opfer der SED-Diktatur, weil diese „wie die Opfer der NS-Diktatur auch Anspruch auf einen eigenen nationalen Gedenktag haben.“
Zwar habe der 17. Juni „die Stellung als nationaler Feiertag an den 3. Oktober abgeben müssen, doch wird auch nach der Wiedervereinigung an diesem Tag vielfach der Ereignisse des 17. Juni 1953 in der DDR gedacht und von dem gescheiterten Volksaufstand eine Brücke zur erfolgreichen friedlichen Revolution von 1989 geschlagen.“

Ideologische Nähe der Kommunisten zu Nationalsozialisten

Rautenberg erinnert daran, das seit 2009 in seinem Gebäude regelmäßig eine Gedenkfeier an die Ereignisse von 1953 stattfinde. An der „Pflege dieser Erinnerungskultur“ beteiligten sich „auch große Teile der Linkspartei“ aktiv, während „eine Minderheit alter Betonköpfe noch vom ´faschistischen Putschversuch´ schwafelt.“ Der Autor führt dann Beispiele an, dass auch Kommunisten, wie der einstige Justizminister Max Fechner, unter dem System gelitten hätten und zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden wären.

Die immer wieder ins Spiel gebrachten Versuche, geschichtliche Vorgänge zu vereinnahmen, um damit die Hoheit über die Blickwinkel auf diese Geschehnisse zurück zu gewinnen, ignoriert Rautenberg dabei völlig. Mit der Anführung des hohen Blutzolls von Kommunisten im Kampf gegen das NS-Regime wird zum Beispiel seit je versucht, die Unmenschlichkeit und ideologische Nähe des Kommunismus zum Nationalsozialismus zu übertünchen. So sehr auch wir von der Vereinigung 17 Juni durchaus die Bemühungen von geradlinigen Politikern der SED-Nachfolgepartei respektieren, sich von den ewiggestrigen Ideologen abzugrenzen, kann dieses achtenswerte Engagement nicht dazu führen, historische Konturen im Sinne einer erwünschten, gerade deswegen fragwürdigen Geschichtsbetrachtung zu verwischen.

Der 17. Juni 1953 war und ist kein Gedenktag an die Verfolgten der zweiten deutschen Diktatur. Er war der erste Aufstand überhaupt im Nachkriegseuropa der dominierenden kommunistischen Herrschaft gegen deren Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender. Die Toten dieses Aufstandes, derer wir alljährlich in Berlin auf dem Friedhof Seestraße und der Generalstaatsanwalt in der Stadt Brandenburg gedenken, waren a u c h Opfer und nachfolgend Verfolgte der Diktatur, aber nicht d i e Opfer oder d i e Verfolgten. Sie konnten es nicht sein, weil es diese Opfer und Verfolgungen vorher und nachher bis 1989 gab.

Gedenktag nach Aktenlage

Wir sollten uns davor hüten, einen Kanon von Gedenktagen zu inszenieren, auch wenn wir die ehrenwerte Wiederbelebung historisch bedeutsamer und ins Abseits geratene Gedenktage, wie den 17. Juni 1953 einbeziehen wollen. Der 3. Oktober war in dieser Reihe ein deutlicher Fehlgriff, weil er sich lediglich auf einen vertraglich geregelten Termin ohne jeden notwendigen Impuls oder eine bereits vorhandene Identifizierung durch die Bevölkerung bezieht. Wir haben diesen Tag daher richtigerweise als „Gedenktag nach Aktenlage“ bezeichnet und stehen dazu. Wir sind stolz darauf, das diese Erkenntnis bereits vor wenigen Jahren auch Eingang in eine Bundestagsrede des Abgeordneten Werner Schulz (GRÜNE) gefunden hat, wenn auch bisher ohne die erwünschten Nachdenklichkeiten und Konsequenzen.

Uns wurde ja immer unsere Unbeugsamkeit z.B. in Sachen Glauben an die Wiedervereinigung als Kompromisslosigkeit vorgeworfen. Noch 1989 haben wir die Fähigkeit zum Kompromiss mehr als deutlich bewiesen, als wir den Vorschlag unterbreitet haben, den 9. November zum Nationalen Gedenktag der Deutschen zu machen. Wir stützten uns dabei auf die in der Weltgeschichte beispiellose Historie dieses Datums, die so einmalig Freude und Trauer, Aufbruch und tiefe Demütigung in sich vereinigt. Wir waren und wir sind bereit, dafür sogar „unseren“ Gedenktag, den 17. Juni, einzubringen, weil wir den außerordentlichen Charakter des 9. November neidlos anerkennen.

Am 9. November 1848 wurde der Abgeordnete der Frankfurter Paulskirche , Robert Blum, in Wien erschossen. Am 9. November 1918 wurde das Kaiserreich beerdigt, die deutsche Republik ausgerufen. Am 9. November 1923 wurde in München der Hitler-Putsch erfolgreich durch die demokratische Republik niedergekämpft. Am 9. November 1938 wurde die Tragödie der Juden-Vernichtung für alle sichtbar durch die sogen. Reichskristallnacht eingeleitet. Am Vorabend des 9. November 1939 scheiterte das Attentat auf Hitler durch Georg Elser. Am 9. November 1989 fiel nach 28 viel zu langen Jahren die Berliner Mauer.

Rautenberg schreibt eingangs seiner Laudatio für den 17. Juni: „Mit nationalen Gedenktagen tut man sich in Deutschland bekanntlich schwer.“ Und spricht sich daher im Ergebnis seiner Argumente selbst gegen einen „nationalen Gedenktag“ aus. Nicht nur er sollte das noch einmal überdenken. Der 9. November böte gerade im Jahr 25 der Wiedervereinigung beider einstigen Teilstaaten die unwiederbringliche Chance, die vielen politischen Strömungen in unserem Land an diesem Tag zu vereinen, jeder dieser Strömungen einen Wiedererkennungswert in der deutschen Geschichte zu ermöglichen.

Kramladen der Gedenktage ordnen

Und es böte sich die Gelegenheit, unseren Kramladen der Gedenktage zu ordnen und auf einen wichtigen und unvergleichlichen Tag zu konzentrieren: den 9. November. Hier können sich Revolutionäre und Burschenschaften, Juden und Christen, Republikaner und Monarchisten, in Freude und Trauer vereinen und gemeinsam der wechselvollen Geschichte ihres Landes gedenken. Ein solcher Nationaler Gedenktag schließt weder die Erinnerung an den Volksaufstand von 1953, den Bau der Mauer von 1961 noch an die Kapitulation (oder Befreiung) von 1945 aus, um nur einige wichtige Daten zu benennen. Der 9. November umfasst sinntragend alle diese historischen Geschehnisse.
Allerdings: Des 3. Oktobers bedarf es in dieser Aufreihung nicht (mehr). Er ist in diesem Kanon schlicht überflüssig. (928)

*Der Autor gehört seit 1963 der Vereinigung 17. Juni als Mitglied und in diversen Vorstandsfunktionen an. Seit 2002 ist er Vorsitzender des Vereins.

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 9.November 2012/cw – „Die Erziehung … zum Hass ist notwendig, sie muss Bestandteil unserer Erziehung zu einem kämpferische Humanismus und zum Patriotismus in unserer Zeit sein. Hass ist in unserer Zeit als politisch-moralisches Gefühl, ein ebenso hoher sittlicher Wert wie die Liebe(…).“ (Quelle: Pädagogik; Berlin Ost 1957, H 4,8, S.264/269; zit. bei Sauer/Plumeyer 1991, S.51; vgl. Gries/Meck 1993.)

Man soll ja nicht gleichsetzen, aber man darf vergleichen: Während im  Dritten Reich der Nationalsozialisten die Erziehung zum Hass kaum  notwendig war, weil sich ein Volk mehrheitlich mit der NS-Bewegung identifizierte, also wohl ein Grundhass auf alles Fremde latentierte, war die Ausgangssituation in  der von  sowjetischen Gnaden gegründeten DDR eine andere: Die Bevölkerung spürte keinen Hass gegen den „Westen“, schon gar nicht gegen den anderen Teil Deutschlands. Man war überdies auch noch verwandtschaftlich verbunden. Also mußte ein Programm der Erziehung zum  Hass aufgelegt werden.

Der Widerspruch im antifaschistischen Staat DDR zeigte sich auch hier auf ganzer politischer Breite. Der vorhandene oder aktivierte Hass auf bestimmte Gruppen führte einst über die Reichspogromnacht („Reichskristallnacht“) geradewegs in die mörderisch geplante Vernichtung von Millionen Juden, Sinti und Roma. Hass als Mittel der Politik schien nach diesen schrecklichen Erfahrungen in  unseren Breiten für immer ausgelöscht oder zumindest als völlig indiskutabel. Den Kommunisten in  der DDR blieb der Versuch  vorbehalten, diese widerlichste, immerhin historisch gewordene Seite der Deutschen mit einem eigens geschaffenen pädagogischen Programm neu zu beleben. Dennoch hindern diese und andere Tatsachen, wie der endliche Bau einer Mauer und die befohlenen neuerlichen Morde mitten in Deutschland die Nostalgiker der DDR nicht daran, diese zu verklären. Bis hin zur Trauer über deren Untergang.

Verdrängung und einseitige Bedeutungszuweisung

Dieser offenbare Zwiespalt in der Beurteilung der eigenen Geschichte war aber keineswegs DDR-typisch, sondern gesamtdeutsch. Er wird nicht zuletzt im Umgang mit einem Datum deutlich, das wie kein zweites in der deutschen Geschichte emotional belastet ist: Stolz und Trauer, Freude und Unglück spiegeln sich im 9. November. Keine Nation kann auf einen  Tag verweisen, der so viele geschichtsträchtige, für eine Nation bedeutsame  Daten aufweist, wie dieser trübe, nebelverwobene, Angst- und tumultartige Freude auslösende Novembertag. Doch wie gehen die Deutschen damit um? Möglichst gar nicht und wenn, dann gespalten in Verdrängung und einseitiger Bedeutungsbeschreibung, je nach Standort.

Dabei zwingt sich  jener Tag geradezu auf, ihn  zum „Tag der Deutschen“, zum „Tag der Nation“ zu erheben. Aber können wir Deutschen überhaupt Tiefen und Höhepunkte wie Freudentaumel mit Tränen der Verzweiflung und Trauer vereinen? Brauchen wir nicht – ganz deutsch – die klare Trennung, damit wir auch ja nicht in irgendein  Fettnäppchen treten und immer und jederzeit genau wissen,  w a n n  wir uns freuen dürfen,  w a n n   wir trauern sollen?

1848, im Jahr der Revolution, wurde am 9. November der deutsche Demokrat in der Frankfurter Nationalversammlung (Paulskirche), Robert Blum, hingerichtet, nachdem er sich im Oktoberaufstand auf revolutionärer Seite (vergeblich) an der Verteidigungs Wiens gegen die kaiserlich-königlichen Truppen beteiligt hatte. Blum hatte sich in der Versammlung Meriten verdient, weil er um Kompromisse mit dem linken Flügel der Liberalen warb und  konsequent einen demokratischen Kurs verfolgte. Robert Blum, ein Vorreiter unserer Demokratie; kein  Grund, seiner (auch) am 9. November zu gedenken?

1918, am 9. November, wurde die Republik ausgerufen, Gleich – schön deutsch – zweimal, damit das auch Bestand hatte, einmal vom Reichstag aus durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann und gleich noch einmal vom Balkon des kaiserlichen Schlosses durch den Führer des Spartakusbundes (Kommunisten), Karl Liebknecht. Scheidemanns Proklamation gilt seither als die Geburtsstunde der Weimarer Republik. Auch wenn diese junge und von ihren Feinden gehasste Republik im Ansturm zweier extremistischer Richtungen, die zudem bei opportuner Gelegenheit Arm in Arm agierten, zusammenbrach: Kein Grund, dieses historischen Momentes, der Geburtsstunde der ersten demokratischen Republik im letzten Kaiserjahr (auch) am 9. November zu gedenken?

1923 abgewehrter Putsch, 1938 Reichspogromnacht, heute „Knechte Satans“

1923, am 9. November, putschte der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler im Verein mit rechten Militärs im Freistaat Bayern mit dem Ziel, die Berliner Regierung zu stürzen. Warum heute noch immer dieser 9. November als „Hitler-Putsch“ mit Pfui-Gedanken versehen wird, statt seiner offensiv als Tag der (noch) wehrhaften Demokratie zu gedenken, die dem ersten  Ansturm der Nationalsozialisten getrotzt hat, ist eigentlich nicht zu erklären. Der 9. November 1923 ist ein hervorragendes Datum, an das Selbstverständnis einer Demokratie und deren Fähigkeit zu erinnern, sich extremistischer, diktatorischer Ansprüche zu erwehren. Nicht Grund genug, der erfolgreichen Verteidigung der Republik (auch) zu gedenken?

1938, am 9. November, tobte der nun allein herrschende braune Mob durch die deutschen Städte und Straßen. Synagogen, Geschäftshäuser und sonstige Einrichtungen deutscher Bürger jüdischen Glaubens gingen in  Flammen auf, wurden zertrümmert, vernichtet. Die schweigende Mehrheit beschränkte sich allenfalls auf ein  Kopfschütteln (soweit man nicht eine heimliche Freude über das endliche Losschlagen gegen diese vermeintlichen Feinde empfand), ansonsten schwieg Mann/Frau. Und ermutigte mit diesem Schweigen vermutlich die braunen Schergen zu einem der größten Massenmorde der Weltgeschichte. Nicht auszudenken, was geschehen und verhindert worden wäre, wenn sich die Bevölkerung 1938 der Reichspogromnacht in den Weg gestellt hätte? Heute wird bereits wieder geschwiegen, wenn  Juden öffentlich als „Knechte Satans“ bezeichnet werden, und das von einem Träger des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied in diversen öffentlichen Stiftungen.

Die sogen. „Reichskristallnacht“ wurde neben dem Synonym Auschwitz zum Symbol dieses dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte. Das Gedenken an diesen historischen Tiefpunkt und der Wille, „den (neuerlichen) Anfängen zu wehren“ gehört (auch) zum Kanon der Fanale des 9. November, gerade weil Bestürzung und Trauer neben der angesprochenen Freude wichtiger Teil des Selbstverständnisses eines Tages „der Nation“ ist und sein muß.

1939, am Vorabend des 9. November, zündete der Hitler-Gegner Georg Elser im Bürgerbräukeller in München eine mit einem Zeitzünder versehene Bombe, um  Hitler zu töten, der bekanntlich jeweils am Vorabend des Jahrestages seines gescheiterten Putschversuches vom 9. November 1923 in diesem Münchner Lokal eine Rede hielt. Hitler verließ  wenige Minuten vor der Explosion den Bürgerbräukeller. Georg Elser, ein weiterer Grund, in das Gedenken (auch) diesen mutigen Einzelgänger und Widerstandskämpfer einzubeziehen.

1989, 9. November:  In  den späten Abendstunden trat das ein, woran nur noch wenige Unentwegte geglaubt hatten. Entgegen den Überzeugungen nahezu aller Politiker in West und Ost öffnete sich nach einem historischen und vermutlichen  Versprecher des SED-Funktionärs Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz in Berlin  die Berliner Mauer. Das Ende der Teilung Deutschlands, das Ende der Teilung Europas, das Ende des Kalten Krieges wurde durch diese friedliche Revolution eingeleitet. Der 9. November erhielt  seine weitere und vorerst letzte historische Dimension.

Erbärmlicher Gedenktag „nach Aktenlage“

Freude, dieser schöne Götterfunke, mischt sich mit der Trauer um die unfasslichen Geschehnisse, die ebenfalls mit diesem Tag verbunden sind. In  diesem „Tag der Nation“ können sich schließlich alle Bürger wiederfinden, von LINKS bis RECHTS (im besten  konservativen Sinn), von UNTEN und OBEN, zwischen schwarzem Trauergewand und ausgelassen wirkender Narren-Kluft.

Wie erbärmlich muss dagegegen der von Oben  „nach Aktenlage“ verordnete „Tag der Deutschen Einheit“ auf die lebende und nachkommende Generation  wirken? Wie kleinlich wirkt dieser Ersatz der Erinnerung an den ersten Aufstand gegen  das Kommunistische System im Nachkriegseuropa vom 17. Juni 1953, der nachweislich seine Ausstrahlung auf die folgenden Aufstände und Ereignisse in Posen und Ungarn (1956), in der CSSR (1967) und Polen (nach 1980) hatte?

Die Vereinigung 17. Juni in Berlin hatte bereits 1989 ihre Bereitschaft signalisiert, zugunsten eines „Tages der Nation“ am 9.November auf den „eigenen Gedenktag“ als offiziellen Feiertag zu verzichten. Sie wollten sich nicht dem Sog eines durch die Ereignisse im  Raum stehenden „Tag des 9. November“ entziehen. Die einstigen Teilnehmer vom Volksaufstand hatten sich bei diesem Vorschlag nicht im Traum vorstellen können, dass ein völlig unbedarftes Datum, der 3. Oktober, den „Tag der Deutschen Einheit“ ersetzen sollte, einzig aus einer willkürlichen vertraglichen Bestimmung des Endes der DDR heraus. (Wie eindrücklich wäre die Verlegung des formalen Beitritts der DDR um nur fünf Wochen auf den 9. November gewesen.)

Man könnte noch einiges zum 9. November anführen, so die sinnlose Brandrede des Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, von Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli d.J. zum „Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz“ ernannt, auf dem Berliner Wilhelmplatz am 9. November 1944 vor Angehörigen  des sogen. Volkssturmes. Das dem Untergang geweihte System verkrampfte sich einmal mehr in sinnlosen Appellen.

Oder auch den 9. November 1949, als in der proklamiert antifaschistischen DDR ehemalige Mitglieder der NSDAP, sofern sie nicht als Aktivisten eingestuft oder wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurden, sowie ehemalige Offiziere der deutschen Reichswehr wieder alle bürgerlichen Rechte erhielten. Dadurch wurde es möglich, dass in der einstigen, proklamiert antinazistischen Volkskammer ehemalige Parteigenossen der NSDAP fast fünfzig Prozent der Parlamentssessel besetzten.

Historische Fussnoten und erinnerungswürdige Geschehnisse

Sicherlich sind dies letztlich nur historische Fußnoten. Durchsetzen wird sich jedoch langfristig die Erinnerung einer ganzen Nation an einen  9. November, der zumindest seit 1848 denkwürdige Geschehnisse ausweist, ohne die wir heute wohl kaum das in der ganzen  Welt bewunderte Fundament eines freien, demokratischen und in die Gemeinsamkeit der europäischen Völker eingebetteten Staatswesens hätten. Dafür sollten wir dankbar sein. Daran sollten wir uns stets am 9. November erinnern.

 

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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