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Berlin, 25.12.1963/2017/cw – Es war 22:00 Uhr, am ersten Weihnachtsfeiertag. Nachrichten gehörten seit geraumer Zeit zu meinem Leben, Weihnachten hin oder her. „Hier ist RIAS Berlin, eine Freie Stimme der Freien Welt. Sie hören Nachrichten. Kreuzberg. Nach dem Versuch, die Mauer hinter der Thomaskirche in Berlin-Kreuzberg zu überwinden, starb in den Abendstunden der 18jährige Paul Schultz im Bethanien-Krankenhaus in West-Berlin. Schulz war von Grenzposten der Sowjetzone beschossen und tödlich verletzt worden…“ An den genauen Wortlaut dieser abendlichen Schreckensnachricht am 1. Feiertag kann ich mich nach 54 Jahren nicht mehr genau erinnern. Um so mehr erinnere ich mich an meine Tränen, an meine Wut, meinen Schmerz. Ich wohnte zu diese Zeit in einem kleinen Zimmer in Untermiete in der Biesenthaler Straße 5 in Wedding. Gerhard Weinstein, ein Tunnelbauer, hatte mir dieses Zimmer bei Frau Weber vermittelt, nachdem unser Tunnelbau am Güterbahnhof in der Bernauer Straße gescheitert war.

Ich eilte zur nächsten Telefonzelle, rief bei Prof. Berthold Rubin (1911-1990) in Lichterfelde an. Rubin war Ordinarius für Byzantinistik und Osteuropakunde an der Universität Köln, hatte seinen Wohnsitz aber in Berlin. Er gehörte zu einem kleinen Kreis von Aktivisten, die sofort und ohne lange zu fragen auf Morde an der Mauer reagieren und damit ein Verschweigen verunmöglichen wollten. Rubin war ebenso entsetzt, hatte von dem neuerlichen Mord noch nicht erfahren. Ich sollte erst einmal nach Lichterfelde in sein Haus in die Hildburghauser Straße 109 kommen.

Bedingt durch den Nachtverkehr der BVG kam ich erst gegen 24:00 Uhr bei ihm an. Seine betagte Mutter, eine ehemalige Kammersängerin und erfinderische Inhaberin einiger Patente schimpfte zwar, was wir denn „um diese Zeit“ noch ausrichten wollten, half aber dann doch mit Rat und Tat, als wir nach Mitternacht im Garten ein ca. 2 Meter großes Kreuz zimmerten. Wir müssten doch wenigstes ein paar Tannenzweige anbringen, grummelte die alte Dame und half bei der Anbringung am Kreuz.

Nach dem Mord: Unheimliche Stille vor Ort

Nachdem ich auf der Couch im Wohnzimmer eine unruhige Restnacht hinter mich gebracht hatte, brachen wir gegen 9:00 Uhr im Pkw von Rubin gen Kreuzberg auf. Hinter der Thomaskirche, im Schatten der Mauer, trafen wir auf eine unheimliche, weil nicht erwartete Stille. Nur ein kleiner Polizist aus Westfalen sprach uns an, als wir an einem Baum das Holzkreuz errichten wollten. Er bestätigte das im Radio gehörte Geschehen und das bisher kaum Menschen am Mordort erschienen seien. Er zuckte etwas hilflos mit den Schultern: Es sei eben Weihnachten.

Der freundliche, im Rahmen der polizeilichen Hilfe nach dem Mauerbau aus Westfalen nach Berlin abgeordnet, machte uns darauf aufmerksam, dass wir Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn wir dieses Kreuz „ohne behördliche Genehmigung“ aufstellen würden. „Haben die Mörder von Paul Schultz denn auch nach einer Genehmigung gefragt, bevor sie auf den jungen Mann geschossen haben?“ fragte ich wütend. Der Polizist beruhigte mich, beteuerte, er meine es nur gut mit uns. Wir einigten uns darauf, das Kreuz stehen zu lassen und uns mit der zuständigen Polizeiinspektion in der Friesenstraße in Verbindung zu setzen. Der Uniformierte wollte solange auf das Mahnkreuz aufpassen.

Von früheren Demonstrationen kannte ich den Inspektionsleiter, Polizeioberrat Dähne. Er würde uns sicher eine Ausnahmegenehmigung zusichern. Andere Behörden konnten wir wegen der Feiertage und das anschließende Wochenende ohnehin nicht erreichen. Dort angekommen wurde uns bedeutet, Oberrat Dähne liege mit einer Grippe im Bett, sei also nicht erreichbar. Jemand anders sei nicht befugt, eine Entscheidung im Sinne unseres Anliegens zu treffen. Wir sollten uns „am Montag an des zuständige Bezirksamt wenden“. Frustriert kehrten wir an die Thomaskirche zurück, um den Polizisten vor Ort zu informieren. Er teilte mit aller gebotenen dienstlichen Vorsicht unser Unverständnis und versprach, alles Mögliche zu tun, um ein Abbau des Kreuzes zu verhindern. Er wolle ggf, darauf hinweisen, dass eine Genehmigung bereits beantragt sei.

Berthold Rubin teilte zwar meine Empörung, sah aber auch keinen anderen Weg, als bis zum Montag wegen einer Vorsprache beim Bezirksamt Kreuzberg zu warten. Als ich ihm die Idee unterbreitete, zum Wohnort von Willy Brandt (1913-1992) an den Schlachtensee zu fahren, hielt er diese Idee allerdings für etwas verrückt. Wir trennten uns mit dem Versprechen, uns über “Veränderungen“ gegenseitig zu informieren.

Abendroth: Aus der Mauer kein Friedhof machen

Am späten Vormittag traf ich vor dem Wohnsitz in der Marinesiedlung am Schlachtensee ein. Ein Polizist stand etwas gelangweilt vor dem Haus, ließ sich aber freundlich auf eine Erklärung meines Anliegens ein. Ein kurzer Blick auf die Uhr, dann: Willy Brandt ist nicht da, aber seine Frau würde gleich den Hund ausführen, diese könnte ich wohl ansprechen.

Tatsächlich trat Rut Brandt (1920-2006) pünktlich vor das Haus und hörte sich geduldig mein Anliegen an: „Mein Mann ist gerade mit den Söhnen am Schlachtensee spazieren und,“ nach einem kurzen Blick auf die Uhr, „sie können ihm gerne ihr Anliegen vortragen. Sagen sie ihm, sie hätten bereits mit mir gesprochen.“

Es dauerte dann auch nicht lange, als Willy Brandt mit seinen drei Söhnen auf dem Weg vom See her kommend auftauchte. Matthias, der jetzige große Schauspieler, saß auf seiner Schulter, die größeren Söhne Lars und Peter gingen links und rechts neben dem Vater. Wie mit seiner Frau Rut vereinbart, sprach ich den Regierenden Bürgermeister unter Verweis auf das vorherige kurze Gespräch an und trug ihm unsere bürokratischen Schwierigkeiten um die Errichtung eines Mahnkreuzes für den am Vortag ermordeten Paul Schultz vor. Brandt erkundigte sich eingehend nach den Motiven und den Personen, die in das Vorhaben involviert waren. Meinerseits führte ich vorsorglich meine Besorgnis um die mögliche Wiederholung einer unsäglichen vorherigen Diskussion um die Errichtung von Mauerkreuzen an. Brandts parteipolitischer Gegner, der Kreuzberger Bezirksbürgermeister Günther Abendroth (1920 – 1993) hatte sich vehement gegen die Errichtung von Mahnmalen und Kreuzen an der Mauer ausgesprochen, man könne aus dieser „keinen Friedhof machen“. Brandt hatte dieser Sicht energisch widersprochen und darauf hingewiesen, dass „nicht wir die Morde an der Mauer“ provozieren.

Nach einem geduldigen Diskurs fragte Brandt, ob ich denn das Anliegen schon Heinrich Albertz (1915-1993), seinem Stellvertreter und Innensenator, vorgetragen hätte. „Ich weiß zwar, wo Sie wohnen aber nicht, wo Heinrich Albertz wohnt,“ antwortete ich. Brandt konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und fragte dann, ob ich die „Stallwache“ im Rathaus Schöneberg kennen würde. Nachdem ich verneint hatte erklärte er mir den vorhandenen „Notdienst“ im Rathaus und versprach mir eine Klärung. Ich solle in ca. zwei Stunden dort anrufen, man würde mich dann über das Ergebnis unterrichten.

50 Jahre danach: Gedenkkreuz von Unbekannten zerstört

Natürlich hatte ich Sorge, mich bei Rubin zu blamieren, wusste ich doch nicht, wie das Ergebnis der Rücksprache mit Willy Brandt ausgehen würde. Nachdem aber ein Rückruf im Rathaus Schöneberg positiv verlaufen war, rief ich sofort Berthold Rubin an und informierte ihn über den Erfolg. Der engagierte Professor war zunächst sprachlos, versprach aber, umgehend nach Kreuzberg zu fahren.

Im Gegensatz zum Vormittag war vor Ort an der Thomaskirche ein richtiger Trubel. Der Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers in Berlin, Ernst Lemmer (1898 – 1970), der Oberrat Dähne, weitere Personen, ein Kamerateam und weitere Presseleute waren anwesend, um Blumen und Kränze an dem von uns spontan errichteten Kreuz in Erinnerung an den am Vorabend ermordeten Paul Schultz (1945-1963) aus Neubrandenburg niederzulegen. Ein weiteres Mal war das „Übergehen zur Tagesordnung“ über einen Mord an der Mauer verhindert worden.

Nachtrag: Vom 28.Dezember 1963 bis zum 8. Januar 1964 führte Dieter Wycisk und ich einen Hungerstreik am Kreuz für Paul Schultz durch. Wir forderten mit diesem Hungerstreik in einem Schreiben an den UNO-Generalsekretär die UNO auf, gegen das Morden an der Mauer zu protestieren. Ein zum 50. Jahrestag der Ermordung von Paul Schultz neuerlich errichtetes Holzkreuz wurde nach wenigen Tagen von Unbekannten mutwillig zerstört.

© 2017 Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.333).

 

Berlin, 20.08.2015/cw – Am vergangenen Dienstag referierte in der Gedenkbibliothek für die Opfer des Kommunismus in Berlin der ehemalige Grenzsoldat der DDR-Grenztruppen und spätere Fluchthelfer Rudi Thurow über seine Geschichte und wichtige Hintergründe aus der Zeit des Kalten Krieges wie der Nach-Wende-Zeit. Christine Meyer berichtete im Forum FLUCHT UND AUSREISE über den interessanten Abend. Die Zwischenüberschriften wurden durch die Redaktion eingefügt; eine Auslassung  (aus rechtlichen Gründen) gekennzeichnet (…).

Fluchttunnel mit Hilfe der Amerikaner

Von Christine Meyer

Wir waren gestern in der Gedenkbibliothek, wo Rudi THUROW erzählte, wie er vom DDR-Grenzpolizisten zum Fluchthelfer wurde.

Auf seiner Flucht nahm er Dokumente über die innerdeutsche Grenze mit und übergab diese den Amerikanern. Die Ami’s leiteten die Unterlagen nicht an den Berliner Senat weiter, weil sie die deutschen Behörden für nicht vertrauenswürdig hielten. Der Grund hierfür ist, dass Westberlin mit DDR-hauptamtlichen IM’s durchzogen war. …

Mit Hilfe der Amerikaner baute Rudi THUROW Fluchttunnel. Generalmajor Karl KLEINJUNG plante die Ermordung Thurows. Zwei Attentate scheiterten, weil THUROW durch die Amerikaner gewarnt wurde, beim dritten hatte er Glück und entkam.

Belege über Mordanschläge wurden unter Gauck vernichtet

Nach der Wende beantragte er Akteneinsicht und erhielt die bereinigte Akte durch die Gauck-Behörde. Focus-Journalisten informierten THUROW, dass sie weiteres Material über ihn hätten, welche den Auftragsmord des Generalmajor KLEINJUNG belegten – nachdem der Titel der Veranstaltung „Fluchthelfer Thurow ist zu erschlagen“ gewählt wurde. Es ist eine große Ausnahme, dass Journalisten diese Belege in die Hände fielen. Laut THUROW ist Joachim GAUCK (als BStU /wm) eine Nachlässigkeit passiert.

Sämtliche Belege über Mordanschläge wurden, noch unter GAUCK, vernichtet. Geschadet hat es Herrn KLEINJUNG trotzdem nicht. Er lebte gut situiert bis zum natürlichen Ende. Ebenso wie die Verräter am Tunnelbau. Ein Grieche hatte den Tunnelbau verraten, wodurch Flüchtlinge erschossen und verhaftet wurden. Der Verräter ist bekannt und wird vom deutschen Staat gedeckt.

Die Helfer beim Tunnelbau waren international: Dänen, Belgier… etc. Rudi THUROW erhielt das Bundesverdienstkreuz; seine Kameraden von damals wurden zur Feier nicht eingeladen. Ausländische Staatsbürger haben ihr Leben für die Freiheit der DDR-Flüchtlinge riskiert – ohne die kleinste Aufmerksamkeit durch den deutschen Staat. Rudi THUROW überlegt, ob er das Verdienstkreuz zurückgeben sollte.

Maulwurf“ für den RIAS wurde hingerichtet

Ein leitender Historiker unter den Zuhörern erforscht die Anzahl der Mauertoten. Staatlich hoch bezahlte Historiker rechnen die Opferzahlen herunter, indem die eine oder andere Gruppe nicht dazu gezählt wird. Die wahren Aufklärer sind die Ehrenamtlichen. Wahre Zahlen gibt es bei Alexandra HILDEBRANDT, Museum Checkpoint Charlie; geschönte Zahlen gibt’s in der Bernauer Straße und im „Tränenpalast“.

Ein Beispiel: Maueropfer gibt es erst seit dem 13.8.1961. Die 200 Toten davor werden nicht gezählt usw. usf. Die Grenze wurde bereits vor dem Mauerbau überwacht, bspw. Zufahrtswege nach Berlin. Am Abend davor wurden im kleinen Kreis die Züge, welche kontrolliert werden sollten, als Befehl für den nächsten Tag festgelegt. Darunter war ein Maulwurf, der die geplanten Aktionen dem RIAS zukommen ließ. Und der RIAS warnte seine Zuhörer vor diesen Zügen. Der Maulwurf flog auf und wurde in Leipzig hingerichtet und seine Leiche an einer bekannten Stelle verscharrt. Nach der Wende verhinderte die DDR-Opposition ein würdiges Begräbnis aller Hingerichteten. Aufgrund von Baumaßnahmen mussten diese dann doch umgebettet werden und sie ruhen jetzt auf dem Südfriedhof Nähe abseitsgelegenen Komposthaufen ohne jeglichen Hinweis, wer sie einmal waren.

Meine Schilderung ist ein bisschen lang geworden. Da kann sich jeder selbst einen Reim darauf machen, wo wir im 26. Jahr nach dem Mauerfall stehen.

Quelle: Flucht und Ausreise –
http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=3864164&pg=1

 Hans-Joachim Kögel starb im Kreise seiner Familie

*01.08.1921      †24.01.2013

Berlin/Heidelberg, 27.02.2013/cw – Es war eine schlimme Nachricht, trotz Anhäufung trauriger Depeschen. Wieder hat uns ein aktiver Teilnehmer des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 verlassen. Der bislang rüstige 91jährige Hans-Joachim Kögel starb im Kreise seiner Familie wohlversorgt am  24. Januar. Noch im letzten Jahr hatte er uns signalisiert, aus Anlass des 60. Jahrestages nach Berlin kommen zu wollen. Es wäre eine bewegende Begegnung zwischen dem Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin, die in diesem Jahr die Rede auf dem Friedhof Seestraße halten wird, und dem  über neunzigjährigem Zeitzeugen des Aufstandes geworden.

Am 17.Juni 1953 beteiligte sich Kögel aktiv am Volksaufstand in der Weißenfelder Innenstadt und an der Befreiung von politischen Gefangenen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes durch sowjetische Truppen entging er nur knapp einer Verhaftung. Im Gefolge nahm er den nicht ungefährliche Kontakt zum Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen und dem Ostbüro der SPD auf und wurde schließlich am 20.09.1955 auf dem Weg zur Arbeit verhaftet („Roter Ochse“ in Halle).

Am 17. Januar 1956 holte den einstigen  Siebzehner, wie sich die Aufständischen noch heute bezeichnen, die Vergangenheit ein.  Er wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, wobei eine Teilnahme am Aufstand nur vermutet wurde, aber glücklicherweise nicht nachgewiesen werden konnte. Kögel empfindet das Urteil im Vergleich zu dem Schicksal seiner Kameraden vom 17. Juni noch heute als „glimpflich“ infolge der Tauwetterperiode nach dem Besuch Adenauers in Moskau. Während des Volksaufstandes in Ungarn rebellierte er mit anderen Haftkameraden und wurde als „potentieller Aufrührer“ zurück in die Haftanstalt Volkstedt verlegt.

Am 15.11.1957 wurde er wegen einer schweren Lebererkrankung vorzeitig entlassen und konnte zu seiner Familie mit zwei Töchtern zurückkehren. Wenige Monate zuvor war seine Frau aus der Tannenfelder Nervenheilanstalt entlassen worden. Sie hatte durch die Verhöre der Stasi einen Nervenzusammenbruch erlitten.

Der gelernte Bankkaufmann mußte sich als Bauhilfsarbeiter verdingen und flüchtete schließlich im  April 1958 nach West-Berlin. Nach der Übersiedlung nach Heidelberg war er bis zu seiner Pensionierung in der dortigen  Sparkasse tätig.

Seither studierte der rüstige Greis an der legendären Universität Heidelberg, seine jungen Kommilitonen  begegneten ihm ehrfurchtsvoll. Sein Studium hatte sich bis nach Japan herumgesprochen, auch als Zeitzeuge war Hans-Joachim Kögel ein gefragter Mann.

Ob seines eindrucksvollen Lebenslaufes und angesichts des bevorstehenden 60. Jahrestages des Volksaufstandes hatte ihn  die Vereinigung für die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Heidelberg vorgeschlagen. Der Tod verhinderte eine Realisierung wie auch die Begegnung mit der Führung unseres Staates an den Gräbern unserer Kameraden. Wir werden unserem Kameraden Hans-Joachim Kögel, der sich durch stete Hilfsbereitschaft und  gewährte Freundschaft auszeichnete und der ebenfalls langjähriges Mitglied der VOS war, ein ehrendes Andenken bewahren.

Siehe auch: https://17juni1953.wordpress.com/2012/06/17/ein-siebzehner-jahrgang-1921/

V.i.S.d.P.:  Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Carl-Wolfgang Holzapfel, Vorsitzender, Berlin

Tel.: 030-30207785

Hans-Joachim Kögel, Heidelberg

Berlin/Heidelberg, 17. Juni 2012/cw – Der rüstige 91jährige Hans-Jochim Kögel stand mit totalitären Regimes schon immer auf dem Kriegsfuß. 1933 wurde ihm eine Freistelle in der Landesschule Schulpforta verweigert, weil er nicht in die Hitler-Jugend (HJ) eintreten wollte. 1934 – 1941 wirkte er gar mit seine Eltern in einem ev.-kath. Widerstandskreis mit.

Trotzdem trat er 1937 doch, wenn auch widerwillig in  die HJ ein, um eine Ausbildung in der Sparkasse Naumburg absolvieren zu können.

Im März 1941 wurde der mittlerweile Zwanzigjährige zum Gebirgsjägerregiment in Villach eingezogen; Einsätze  vor Murmansk, bis zum Weißen Meer und Nördl. Eismeer folgten. 1942-1945 zahlreiche Verwundungen und Erfrierungen. Aus der englischen Kriegsgefangenschaft in Nordnorwegen kehrte der gezeichnete junge Mann im Oktober 1945 in die zerstörte Heimat zurück, wo er rasch zum Abteilungsleiter in der heimischen  Sparkasse aufstieg.

Im Mai 1948 folgte die Heirat, er konnte 2008 die diamantene Hochzeit feiern. Um sich dem Eintritt in die SED zu entziehen, trat er buchstäblich zwangsweise in die NDPD ein, einer Gliederung der Nationalen Front, in der alle SED-hörigen Parteien zusammengefasst und kontrolliert wurden. Bereits 1949 erfolgte die erste Verwarnung wegen unliebsamer politischer Äußerungen; 1950 nahm Kögel erstmals Kontakt zum Sender RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) in West-Berlin auf. Die zweite Verwarnung folgte 1951 auf dem Fuße, Kögel verlor seine  Posten  als Abteilungsleiter und wurde in die Sparkasse Weißenfels versetzt.

Am 17.Juni 1953 beteiligte sich Kögel aktiv am Volksaufstand in der Weißenfelder Innenstadt und der Befreiung von politischen Gefangenen. Nach der Niederschlagung des Aufstandes durch sowjetische Truppen entging er nur knapp einer Verhaftung. Im Gefolge nahm er den nicht ungefährliche Kontakt zum Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen und dem Ostbüro der SPD auf und wurde schließlich am 20.09.1955 auf dem Weg zur Arbeit verhaftet („Roter Ochse“ in Halle).

Am 17. Januar 1956 holte den einstigen  Siebzehner, wie sich die Aufständischen noch heute bezeichnen, die Vergangenheit ein.  Er wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, wobei eine Teilnahme am Aufstand nur vermutet wurde, aber glücklicherweise nicht nachgewiesen werden konnte. Kögel empfindet das Urteil im Vergleich zu dem Schicksal seiner Kameraden vom 17. Juni noch heute als „glimpflich“ infolge der Tauwetterperiode nach dem Besuch Adenauers in Moskau. Während des Volksaufstandes in Ungarn rebellierte er mit anderen Haftkameraden und wurde als „potentieller Aufrührer“ zurück in die Haftanstalt Volkstedt verlegt.

Am 15.11.1957 wurde er wegen einer schweren Lebererkrankung vorzeitig entlassen und konnte zu seiner Familie mit zwei Töchtern zurückkehren. Wenige Monate zuvor war seine Frau aus der Tannenfelder Nervenheilanstalt entlassen worden. Sie hatte durch die Verhöre der Stasi eine Nervenzusammenbruch erlitten.

Der gelernte Bankkaufmann mußte sich als Bauhilfsarbeiter verdingen und flüchtete schließlich im  April 1958 nach West-Berlin. Nach der Übersiedlung nach Heidelberg war er bis zu seiner Pensionierung in der dortigen  Sparkasse tätig.

Seither studiert der rüstige Greis an der legendären Universität Heidelberg, seine jungen Kommilitonen begegnen ihm ehrfurchtsvoll. Sein Studium hat sich inzwischen bis nach Japan herumgesprochen, auch als Zeitzeuge ist Hans-Joachim Kögel nach wie vor ein gefragter Mann.

Ob seines eindrucksvollen Lebenslaufes und angesichts des bevorstehenden 60. Jahrestages des Volksaufstandes hat  ihn  die Vereinigung für die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Heidelberg vorschlagen.

 V.i.S. d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel..:030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Hatte der Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, vor dem 13. August 1961 Informationen über den bevorstehenden Bau der Berliner Mauer? Rainer Hildebrandt, Gründer des weltberühmten Mauermuseums am Checkpoint Charlie, will seinen Weggefährten Lemmer bedrängt haben, die DDR-Bevölkerung zu warnen.

Der Autor, Leiter der ersten Mauerausstellung in der Bernauer Straße und Freund Rainer Hildebrandts, verfasste 1971 nachstehenden Beitrag (unwesentlich gekürzt), der hier aus Anlass des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung und zum bevorstehenden 50. Jahrestag des Mauer-Baues zugänglich gemacht wird.

„12. August 1961, mittags. Erregt fordert der Publizist und ehemalige Geheimdienstchef R.*, der noch immer über besondere Informationsquellen verfügte, obwohl er längst – offiziell – geheimdienstliche Abstinenz übte, den damaligen Minister für gesamtdeutsche Fragen Ernst Lemmer auf, seinen Aufruf an die Bewohner der sowjetische Besatzungszone zu widerrufen. Lemmer hatte seine Landsleute aufgefordert, Ruhe zu bewahren und sich nicht in Panikstimmung versetzen zu lassen. Das Gerücht, die Grenzen  würden dicht gemacht werden, hatte sich zunehmend in der Zone verbreitet. Die Folge: Täglich strömten in den letzten Tagen vor dem Mauerbau bis zu 2.000 Menschen in den freien Teil der deutschen Hauptstadt.

Ernst Lemmer, im gewissen Sinne das mahnende Gewissen im Kabinett Adenauer gegen  dessen zweifelsohne von separatistischen Zügen gezeichnete Deutschlandpolitik, lehnte das Ansinnen seines Freundes R. ab: „Das ist unmöglich. Wenn wir das denen drüben sagen, kommt es zu Entwicklungen, die wir nicht mehr unter Kontrolle halten können. Darum wäre ein Widerruf verheerend und unverantwortlich.“

Wusste Lemmer am 12. August 1961 schon mehr, als er zugeben musste, nachdem R, mit klaren Informationen versehen, zu dem Minister geeilt war? Fest steht, dass er schwieg, seine Stimme nicht erhob. Aber auch R. trat nach diesem Gespräch nicht an die Öffentlichkeit. Und es ist keine Vermutung, sondern bittere Wahrheit, dass seine Bemühungen, die Öffentlichkeit nun eigenmächtig zu informieren, an der eiskalten Ablehnung angesprochener Informations-medien scheiterte.

Die verhängnisvolle Parallele wurde deutlich: Schon am 16. Juni 1953 hatte sich R., damals allerdings noch aktiv in der geheimdienstlichen Arbeit, vergeblich bemüht, den Sender RIAS zu einer Verbreitung des in Berlin-Ost ausgerufenen Generalstreiks für den 17. Juni zu bewegen. Die für den Sender verantwortlichen Amerikaner sagten „No!“, die für die Zone verantwortlichen Sowjets zum Freiheitswillen ihrer deutschen  Untertanen: „Njet!“

Wiederholte sich in den Vortagen des 13. August 61 diese verhängnisvolle Komplizenschaft erneut? Oder hatte sie nie aufgehört zu existieren, bestimmt sie heute noch den Werdegang des geteilten Deutschland, des geteilten Europa?

Nehmen wir an, Lemmer wäre der Aufforderung seines Freundes gefolgt und hätte am Vorabend die ungeschminkte Wahrheit, wie sie sich aus den Informationen ergab, in  den Äther gerufen. Was wäre geschehen? Wahrscheinlich, und Lemmer vermutetet das nicht zu Unrecht, wäre es zu einer Explosion in der Zone gekommen, hätte sich die angestaute Spannung in der Zone in einen neuen, wenngleich für das Regime gefährlicheren „17. Juni“ umgewandelt und – verschiedene Anzeichen  sprachen dafür –  sich diesmal auch auf den freien Teil der deutschen Hauptstadt erstreckt. Wem aber hätte eine solche Entwicklung geschadet, wem hätte sie genutzt?

Nun, die Chancen einer vereinigenden Revolution für die Deutschen war größer, als 1953, als die Bevölkerung in  allen Teilen des zerrissenen Deutschlands noch zu sehr in persönlicher Not, in der Erinnerung an Kampf, Blut und Tränen begriffen war. 1961 war, was den persönlichen  Bereich anbetraf, eine gewisse materielle Sicherheit eingetreten, wenn auch im  Westen wesentlich schwächer als im Osten. Die Zurückhaltung gegenüber einem möglichen auch opferreichen  Engagement für die Volksgemeinschaft war in  der damaligen Übergangszeit von einer endlich erfolgten wirtschaftlichen  Sicherheit in eine satte Wohlstandsgesellschaft nur schwach und unwesentlich vorhanden, die Kampfmoral für die „Brüder und Schwestern“ im  Osten wesentlich und gut. Wenn ein  Signal gekommen wäre, der 13. August 1961 wäre nicht als Tag des Mauerbaus, sondern als Beginn der nationalen Revolution in die Geschichte eingegangen.

Wem aber wäre eine solche Entwicklung nicht entgegen gekommen, wem hätte sie geschadet? Die Frage, so gestellt, beantwortet sich fast von selbst. 17. Juni 1953, Warschauer Oktober und Budapester November 1956, alles Daten und Beweise ungebeugter Komplizenschaft zwischen den imperialistischen Großmächten UdSSR und USA. Dabei sind die entscheidenden ideologischen Unterschiede und Unvereinbarkeiten kein  Gegenbeweis. Sie wären es nur, würde man wider besseren Wissens vom Fortbestand einer alliierten Politik bzw. Verbundenheit sprechen, die schon Ende der vierziger Jahre tatsächlich gebrochen  war.

Komplizenschaft bedeutet also nicht freundschaftliche Verbundenheit und gegenseitiges Vertrauen, sondern jeweiliges Zweckbündnis gegen  Dritte, die nicht die Bereitschaft erkennen lassen, im  jeweiligen  Machtbereich zu verbleiben und, im  Falle des versuchten Ausbruchs einen eigenen Weg gehen wollten. Ein erklärter Wille der Bauarbeiter von der Stalinallee 1953 oder der Posener Studenten und der Budapester Barrikadenkämpfer von 1956, in den Bereich der von den USA gedeckten NATO-Sphäre überzuwechseln, hätte – nicht nur Vietnam spricht dafür – ein Engagement der USA zur Folge gehabt, also einen verheerenden Weltkrieg auf dem Boden Europas.

Da jedoch sowohl die deutschen als auch später die polnischen und ungarischen Nationalen aus ihr Absicht keinen Hehl machten, sich aus der östlichen Hegemonie zu lösen ohne sich der westlichen auszuliefern, war die bedingte Komplizenschaft zwingend notwendig. Denn sowohl die UdSSR wie auch die USA mussten und müssen (!) befürchten, dass die erzwungene Eigenständigkeit eines Staates nicht mehr zu kontrollierende Auswirkungen auf andere haben würde, was für beide Seiten gefährlich wäre. Denn die schnell um sich greifende Eigenständigkeit von bis dahin wenn auch unterschiedlich stark kontrollierten Staaten brächte nicht nur den „Besitzstand“ der Imperialisten in äußerste Gefahr, sie würde – was viel entscheidender ist – jede Abwägbarkeit des Erfolges oder Misserfolges eigener Ideologien und politischer Strategien unmöglich machen.

Der Prager Frühling und seine Abwürgung hat dies sehr gut verdeutlicht. Denn nicht nur die Sowjets mussten einen  eigenständigen Weg Dubceks fürchten, auch der Westen – sprich USA – sah seine aufgebaute antikommunistische Front gefährdet. Denn  zweifelsohne hat der Dubcek-Sozialismus ungeahnte starke Ausstrahlungskraft nach Westen gehabt. Ein Prozess der Veränderung hätte also nicht nur den Ostblock erfasst. Daher sind sich beide Seiten bewusst, dass sie ihre Kontrollfunktion im jeweiligen Machtbereich nur ausüben können, solange sie zur zeitweiligen  Komplizenschaft bereit sind. –

Die westlichen  Alliierten, mit den Sowjets gemeinsam für die deutsche Hauptstadt verantwortlich, konnten also kein Interesse daran haben, durch Auslösung einer national-revolutionären Entwicklung Deutschland und damit Mittel-Europa aus ihrer Kontrolle zu entlassen. Hier waren und hier sind sich beide Machtzentralen – gezwungenermaßen – einig. Hätte gar ein  energisches NEIN mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen des Westens gegen den Mauerbau nicht letztens für den Westen positivere Folge gehabt, als die geheime Komplizenschaft mit den Sowjets? Nein. Denn sicher hätten die Sowjets unter der Drohung einer gewaltsamen Auseinandersetzung den Mauerbau verhindert, die Ausblutung der Zone aber wäre verstärkt weitergegangen und hätte in Konsequenz zweifelsohne eines Tages die Veränderung des Staus quo zur Folge gehabt. Eine Regierung „ohne Volk“ ist nicht länger haltbar, eine mangels menschlicher Arbeitskräfte stetig absinkende Produktivität in einem derartigen  Raum im Herzen Europas wirtschaftlich und politisch unmöglich. Entweder rückten allmählich „Fremdarbeiter“ aus Polen und Russland den Deutschen  nach, was die allmähliche Veränderung des mitteldeutschen Volksteiles zur Folge hätte oder Havemann-Kommunisten würden die Sowjet-Lakaien entmachten, um  über einen Dubcekismus deutscher Prägung für den Sozialismus zu retten, was dann noch zu retten wäre.

Beide Möglichkeiten lägen nicht und hätten nicht im Interesse der zwei imperialen Mächte gelegen. Denn sie hätten letztens den Status quo unwägbar für beide Seiten verändert, ohne einen einseitigen Sieg in Aussicht zu stellen. Wann schon fragte einmal die Politik nach Humanitas? Sie bediente sich nur immer wieder der Menschlichkeit, um mit dem Begriff auf der Zunge diese mit den Füßen zu treten. So auch am 13. August 1961. Denn  alle noch so wohlgefeilten Wort-Proteste in den Tagen und Jahren danach können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Westen bzw. die USA zwar die Mauer nicht gewollt, ihr aber im eigenen Interesse stillschweigend zugestimmt haben.

Hatte nun  Ernst Lemmer damals diese Zusammenhänge gesehen oder ging es ihm darum, ein mögliches Blutvergießen zu verhindern? War er sich seiner eigentlichen Ohnmacht als Minister bewusst oder wollte Ernst Lemmer einfach nicht an die Möglichkeit einer solchen  Entwicklung glauben?

Eines ist sicher: Das Blutvergießen konnte beweisbar nicht verhindert werden. Über 150 Deutsche wurden bisher an der Mauer gemordet, die sich durch Deutschland am dichtesten zieht und den markierten Willen der Großmächte, Europa in ihrer Gewalt zu halten, markiert. Wer Ernst Lemmer kennt und Gelegenheit hatte, ihn  in seinen letzten Lebensjahren zu sprechen, der kann bezeugen, dass sich dieser ständig um sein Wollen ringende Politiker sowohl seiner Ohnmacht bewusst war wie auch um die großen Zusammenhänge im Weltspiel der Mächte wusste.

Nein, Lemmer  – wie auch viele andere Eingeweihte – wollte nicht an die Durchführung eines so schrecklichen Dramas glauben. Er, der die Kommunisten aus eigener Anschauung kannte, hatte den kleine Hoffnungsschimmer, dass alle diese Informationen  nie Wahrheit werden mochten. Seine fast verzweifelt klingenden Worte zu einem Zonen-Vopo in der Friedrichstrasse nach dem Beginn des Mauerbaus „Wir sind doch alle Deutsche!“ mögen sein  innerstes Fühlen und Denken am Deutlichsten  wiedergegebnen haben.

Der Appell an nationale Gemeinsamkeiten verhallte ungehört. Denn jene, die erst Günter Litfin, Dieter Wohlfahrt und später Peter Fechter und Paul Schulz gleich vielen anderen brutal ermordeten und dafür später mit allen Ehren von Bundeskanzler Brandt begrüßt wurden, hatten und haben kein Gehör für Begriffe wie Menschlichkeit, Ehrenhaftigkeit und nationale Einheit. Bestien in  Menschengestalt, die diese Begriffe derart pervertierten, können allerdings dafür auch keine Gefühle mehr empfinden. Nach Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und nach dem Symbol Ernst Thälmann, der Hitler  noch in seinem letzten KP-Programm des nationalen Verrates an den deutschen  Bauern in Südtirol beschuldigt und deren Rückkehr in das Deutsche Reicht gefordert hatte, haben sich besonders die deutsche Kommunisten mit Hilfe des Sozialdemokraten Grotewohl zu Masochisten degradiert, die sich um  so wohler fühlen, je drückender der Sowjet-Stiefel im  Genick wird.

So konnte Ernst Lemmer am 12. August nicht anders handeln, als wie er schließlich gehandelt hat. Denn nur wenigen  Menschen  ist es gegeben, über sich selbst hinaus zu wachsen, sich nur den Idealen verpflichtend über noch so überzeugende Grenzen  hinwegzusetzen. Lemmer spürte wohl seine Ohnmacht, er versuchte erst gar nicht, diese zu sprengen. Vielleicht aber war er sich (später) insgeheim der vertanen Chance bewusst, die ihm an jenem Tag das Schicksal bot. Er wurde auf seine Art damit fertig oder versuchte es. Er half, wo immer er konnte, den Geflüchteten  wie den aus dem Terror-System entlassenen politischen Häftlingen. Immer fand er menschliche Ermunterung für jene, die Widerstand leisteten. Ein wohltuender Gegensatz jedenfalls zu dem damaligen Regierenden Bürgermeister und heutigen Bundeskanzler, der erst die Jugend zum entschlossenen Widerstand mahnte, um  sie in der Folge von seiner Polizei brutal zusammenknüppeln zu lassen.

Sicherlich, die Mauer stützten wesentliche  Faktoren: Kennedy – Wien, die Komplizenschaft zwischen den beiden großen Nachkriegs-Imperialisten. Entschieden aber werden Vorgänge und Schlachten oft nur durch die Entschlossenheit oder das Zögern Einzelner. Sie schreiben die eigentlichen, die bestimmenden Seiten der Geschichte.

Die Historie beweist, das wo immer auch imperiale Mächte ganze Völker um ihrer eigenen  Macht willen  unterjochten, sie auch immer untertänige Vasallen fanden, die sich geehrt und unabhängig fühlten, wenn  sie von den Unterdrückern des eigenen Volkes als „Souveräne“ eingesetzt wurden.

Die Sowjets haben nach 1945 ein  System der brutalen Gewalt nicht nur in  Mittel- und Ost-Deutschland errichtet. Die Westmächte, voran die bestimmenden Amerikaner, gingen psychologisch  wesentlich geschickter vor (abgesehen von den unterschiedlichen Mentalitäten beider Seiten). Sie erkauften sich die unterwürfige Freundschaft ihrer ehemalige Feinde durch enorme wirtschaftliche Leistungen, die sie inzwischen auf vielfache Weise zurückerhalten haben und deren „Verzinsung“ durch wirtschaftliche Verflechtungen sie weiterhin genießen.

Das Argument, die Franzosen z.B. hätten sich doch auch trotz großer amerikanischer Hilfestellung von der Vormundschaft befreit, also schließe eines das andere nicht aus, liegt schief. Durch die tatsächliche Nachkriegssituation bedingt – das Treffen der Giganten an der Elbe – entbrannte von  Beginn an die eigentliche Schlacht um das Nachkriegs-Europa in Deutschland, im  Herzen Europas. Das hatte entscheidende, wesentliche Massierungen von  politischen und wirtschaftlichen Energien in  Deutschland zur Folge, was beide nunmehr geteilten, nominell noch von Deutschen verwaltete Gebiete in eine Abhängigkeit brachte, bei der jeder Vergleich mit anderen Staaten, sowohl in West wie in  Ost unreal wäre.

Was mit und was in Deutschland geschieht, ist noch immer von entscheidender Bedeutung für Europa. Das zwingt beide Imperialisten zu besonderer Vorsicht und zu einer besonderen Komplizenschaft in Sachen Germania.

Der 13. August 61 markierte also nicht nur die hässliche und blutige Festschreibung der Teilung des Vaterlandes und seiner Hauptstadt. Die Mauer bestätigte auch den unbeugsamen Willen beider Seiten, Europas Grenzen, die eigenen Machtsphären auf unbestimmte Zeit, notfalls mit Gewalt zu verteidigen.

Die Mauer wurde zum Schicksal Europas, zeigte die eigentliche Ohmacht der europäischen Staaten gegen das Kräftespiel der beiden GROSSEN auf. Die Schadenfreude vieler vom Krieg schwer gezeichneten Staaten über das Leiden des deutschen Volkes mag psychologisch sogar verständlich sein, in der Auswirkung kommt diese Gleichgültigkeit gegenüber dem deutschen  Schicksal, das ein europäisches ist, den Supermächten zugute, indem es ihr politisches Spiel erleichtert.“

* Rainer Hildebrandt

© 2010 Carl-Wolfgang Holzapfel

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