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Wie DDR-Zwangsarbeiter für Westfirmen leiden mussten

Berlin, 9.10.2015/cw – In der Reihe „Geschichte im Ersten“ zeigt die ARD im Ersten am Montag, den 12.10., 23.30 Uhr am Beispiel des einstigen Frauenzuchthauses in Hoheneck eine Dokumentation über die Haftzwangsarbeit in der DDR .

Die aktuellen Aufnahmen des  Filmes von  Achim Reinhardt und Claudia Butter wurde im Juni diesen Jahres u.a. am Originalschauplatz in Hoheneck gedreht. Rund 20 ehemalige Hoheneckerinnen hatten  sich im Frühsommer spontan vor der alten Folterstätte getroffen, um die Toten dieser Haft-Zeiten zu ehren. Der Verein, Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen, hatte die letzte der ansonsten alljährlichen Versammlungen 2013 durchgeführt, da der gegenwärtige Vorstand die Auflösung des von Maria Stein gegründeten Traditionsvereins betreibt. Dagegen wiederum  haben engagierte Frauen unter Führung von Regina Labahn Klage erhoben und im ersten Rechtszug Erfolg gehabt. Allerdings ist der Vorstand in Berufung gegangen. Der Platz vor dem einstigen Zuchthaus soll in nächster Zeit in „Maria-Stein-Platz“ umbenant werden.

Profit für Westfirmen

Im Film schildert die ehemalige Vorsitzende des Vereins, Inge Naumann, die Akkordarbeit in Hoheneck. Auf der einstigen Burg wurden von den Frauen u.a. Bettwäsche und Strumpfhosen produziert, die auf den Warentischen von Quelle, Neckermann, ALDI und anderen West-Kozernen landeten. „Rund 6.000 westdeutsche Firmen nutzten die DDR als Billiglohnland. Knastwaren aus dem Osten landeten so auf den Wühltischen im Westen. Das „Who is who“ der deutschen Wirtschaft profitierte,“ heißt es im Ankündigungstext zum Film. Die Autoren, beide Reporter des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“,   haben wochenlang im Bundesarchiv, im Stasi-Archiv sowie in Landesarchiven recherchiert und mit zahlreichen Zeitzeugen und Wissenschaftlern gesprochen.

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Siehe dazu:
http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/vorschau-auf-ausgebeutet-fuer-den-klassenfeind-100.html

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DDR-Täter werden von einstigen Opfern zur Rede gestellt

Ehemalige DDR-Verantwortliche,  Konzernmanager und die Bundesregierung werden von den Autoren nach ihrer Verantwortung für die Opfer von Zwangsarbeit befragt. Mit der Kamera begleiteten die Autoren politische Häftlinge, die DDR-Täter und Profiteure von einst zur Rede stellen.

Resignierend klingt der Schlusssatz zur Vorankündigung: Auch 25 Jahre nach der Deutschen Einheit müssen die einstigen ZwangsarbeiterInnen noch immer auf Aufarbeitung und Wiedergutmachung warten.

Ein weiterer Skandal, der viele Beteuerungen zu den eben pompös ausgestalteten Feiern zum 3. Oktober deutlich Lügen straft. (1.039)

Wiederholung: Di, 13.10.15 | 03:40 Uhr | DasErste

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

von Peter Beck-Moretti

Niedernhausen, 12./14.04.2015 – DDR, das hieß Deutsche Demokratische Republik, und es gibt zunehmend Leute, die meinen, „Klar war das eine Demokratie, kann man doch aus dem Namen erkennen…“
Und da hat der PoWi- und Geschichtslehrer dann die Aufgabe, herauszuarbeiten, dass das, was `drauf steht´, leider nicht immer drin ist…
Was lag also näher, als das von der Hessischen Staatskanzlei zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung aufgelegte Programm zu nutzen und eine Zeitzeugin an unsere (Theißtal-)Schule in Niedernhausen zu holen.

Tatjana Sterneberg, einstige Bürgerin der DDR, hat am eigenen Leib erlebt, was es damals hieß, sich nicht an die Regeln zu halten, die SED und Staatsführung für ihre Bürger beschlossen hatten: Kontakte zu den Bürgern im Westen sollten, wenn immer möglich, verhindert werden. Doch vielfach war die gelebte Wirklichkeit eine andere.
So hatte sich ein Italiener aus West-Berlin, unglaublicherweise, in eine Berlinerin aus Ost-Berlin verliebt! Seine Liebe wurde erwidert und, natürlich, die beiden wollten heiraten und zusammenleben.

Das ‚kleine‘ Problem: DDR-Bürgern war eine Ausreise in „den Westen“ gesetzlich verboten. Und der offizielle Ausreise-Antrag, den Tatjana stellte, wurde abgelehnt, wie der von so vielen anderen. Was sie nicht wusste: Von diesem Moment an wurde sie unbemerkt vom Geheimdienst der DDR, der Stasi beobachtet. 11 IMs (IM = Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi) wurden auf das verliebte Paar angesetzt, ein operativer Vorgang (OPV) unter dem Code „Hänsel und Gretel“ angelegt. In ihrer Not nahmen die beiden Verliebten Kontakt zu professionellen Fluchthelfern auf. Kurz vor der geplanten Flucht in einem Diplomatenfahrzeug über den Ausländerübergang Checkpoint Charlie wurde Sterneberg von der Stasi verhaftet. Ihr Verlobter wurde nahezu zeitgleich bei der Einreise festgenommen. Das Urteil, ein halbes Jahr später, war hart: 4 ½ Jahre für sie, 6 Jahre für ihn! Dieses wurde zwar später noch in 3 Jahre, 8 Monate bzw. 5 Jahre geändert. Doch wofür? Sie wollte doch lediglich den Mann, den sie liebte heiraten und mit ihm in West-Berlin leben!

Frau Sterneberg vor einem Foto von ihrem Arbeitsplatz 1970 - Foto. LyrAg

Frau Sterneberg vor einem Foto von ihrem Arbeitsplatz 1970 – Foto. LyrAg

Als Frau Sterneberg dann von den Haftbedingungen besonders für politische Häftlinge, ein Jahr in Untersuchungshaft, zwei Jahre im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck, berichtete – waren viele Schüler ungläubig und entsetzt. Schließlich ist das Alles kaum 40 Jahre her und passierte mitten in Deutschland:

Harte Arbeit für einen Hungerlohn (die erstellten Produkte landeten dann z.T. im Westen im Angebot von Ikea, Neckermann, Quelle u.a. ), miserable Verpflegung, psychische Folter, strenger Arrest für gezeigten Widerstand und heimliche Verabreichung von Psycho-Pharmaka. Letztere führten zu schweren gesundheitlichen Problemen, das Paar wurde vorzeitig arbeitsunfähig…
Dass es nach über 3 Jahren doch noch zu einem vorläufigen Happyend kam – sie wurde von der Regierung der Bundesrepublik für 40 000 Mark freigekauft, ihr Verlobter war schon ein halbes Jahr vorher entlassen worden – kann diese Ereignisse nicht mehr ungeschehen machen.

Eine Buchauswahl über politische Haft  in der DDR ergänzte den Vortrag - Foto: LyrAg

Eine Buchauswahl über politische Haft in der DDR ergänzte den Vortrag – Foto: LyrAg

Auf Nachfrage erfuhren die Schüler und Schülerinnen außerdem, dass Antonio, ihr Mann, bereits im Jahre 2006 an den Spätfolgen seiner Stasi-Haft verstorben ist. Nie hatte er über seine Haft in Rummelsburg sprechen können! Erst nach seinem Tod erfuhr Tatjana aus den Stasi-Akten, dass Mithäftlinge Antonio u.a. zusammengeschlagen hatten, weil die Stasi das Gerücht gestreut hatte, er sei ein Stasi-Spitzel!

Natürlich wurde das Ganze im PoWi bzw. Geschichtsunterricht vor- (und nach)bereitet, auch wenn die DDR teilweise noch gar nicht offiziell auf dem Lehrplan stand.
Für alle von mir befragten Schüler – im ersten Durchgang einige 7. Klassen (G, H und R) und in einem zweiten Durchgang Teile der Klassen 9 + 10 – war es jedenfalls ein eindrückliches und darum unvergessliches Erlebnis, von einer Zeitzeugin Geschichte aus erster Hand zu erfahren. Was sich nicht zuletzt darin zeigte, dass die Schüler jeweils über eine Stunde konzentriert zuhörten!

Vielen Dank nochmals an Frau Sterneberg! Es wird nach dieser positiven Erfahrung sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir Zeitzeugen an unsere Schule holen! (969)

Siehe auch: http://www.theisstalschule.de/category/allgemein/

V.i.S.d.P.: Peter Beck-Moretti – Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 21.01.2014/hb – Man lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. So könnte man den Zeitpunkt der Veröffentlichung der neuesten BStU-Studie zum Thema Zwangsarbeit für kapitalistische Firmen durch Häftlinge der DDR-Justiz bezeichnen. Denn das schwedische Möbelhaus IKEA hatte sich im Herbst 2012 bereit erklärt, der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) eine Studie über eben diesen Teil der Haftzwangsarbeit zu finanzieren. Der einstige Theologe Dr. Christian Sachse wurde mit der Durchführung beauftragt und wollte die Ergebnisse „in ein, zwei Jahren“ vorlegen, das wäre also Ende 2014.

Neue BStU-Studie für 29,99 Euro - Titel: Verlag

Neue BStU-Studie für 29,99 Euro – Titel: Verlag

Nun  also kam die BStU zuvor. Dr. Tobias Wunschik (47), wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung der Behörde, legt am 22.01. in Berlin die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit vor. In dem 363 Seiten umfassenden Buch „Knastware für den Klassenfeind“ breitet der Autor Fakten über die „Häftlingsarbeit in der DDR, (den) Ost-West-Handel und die Staatssicherheit (1970-1989)“, so der Untertitel, aus. Das bei Vandenhoeck & Rupprecht (V&R), Göttingen verlegte Buch (ISBN 9783525350805) kostet 29,99 Euro.

In der übersichtlichen Gliederung werden die Schwerpunkte vorgestellt: Der Arbeitseinsatz der Gefangenen (2), Die Arbeitsbedingungen (3), Der Westexport der Produkte der Häftlingsarbeit (4) und schließlich die Zusammenfassung (5). Im Anhang von immerhin 84 Seiten werden nicht nur Quellenangaben sondern auch ausführliche Register publiziert.

 In seiner Einleitung geht Wunschik auf die Vorgeschichte zu seinem jetzt vorgelegten Buch (IKEA) ein und kritisiert zu Recht, das der 2012 vorgelegte Bericht durch die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „Ernst & Young“ unvollständig war und (auf Bitten der Informanten) anonymisiert bis heute nicht vollständig vorgelegt wurde, obwohl „die namentlich nicht genannten Autoren sogar auf das sonst schwer zugängliche Firmenarchiv zurückgreifen“ durften und so „einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung der Geschäftskontakte zwischen dem Möbelhaus und  den DDR-Betrieben“ hätten leisten können. Indes stelle der Bericht „entsprechend der spezifischen Fragestellung des Auftraggebers das Geschäftsgebaren des schwedische Möbelhauses und dessen Reaktion auf das >Durchsickern< von Informationen  über die Häftlingsarbeit in den Mittelpunkt.“

DDR hatte Abkommen zur Zwangsarbeit nie ratifiziert

Wenn der Autor allerdings beklagt, dass „die Arbeitsbedingungen der Häftlingsarbeiter, die Dimensionen ihres Arbeitseinsatzes in der DDR und vor allem die Frage, ob auch  weitere (bundesdeutsche) Firmen und Konzerne von der Häftlingsarbeit profitierten,“ lässt er die von IKEA gerade deswegen  in Auftrag gegebene und finanzierte (und noch offene) Studie (der UOKG) unerwähnt. Auch die „zeitgleich“ behaupteten erarbeiteten Studien von „Ernst & Young“ und der BStU sind unpräzise, da dem Autor (drucktechnische Vorbereitungen einmal abgezogen) ein gutes Jahr mehr für seine umfangreiche Forschungsarbeiten zur Verfügung standen.

Das aber sind Nebenplätze und lediglich der akkuraten Bestandaufnahme geschuldet.

Begrüßenswert ist die Darstellung der Grundlagen jedweder Arbeit durch Verurteilte und der Ausschluss von Zwangsarbeit „zur Disziplinierung politischer Gefangener“, wie 1957 in einem alle Mitgliedsstaaten verpflichtenden Abkommen der International Labour Organisation festgelegt wurde. Die DDR hatte diese Abkommen allerdings nie ratifiziert. Wegen der komplizierten Rechtsverhältnisse zwischen zulässiger Arbeit von rechtmäßig Verurteilten und der Klassifizierung der Zwangsarbeit wird sich diese „daher nicht einfach an der Summe zu Unrecht ergangener Verurteilungen zu Freiheitsstrafen ablesen lassen.“ Daher stelle sich die zeitgeschichtliche Forschung „schwer damit, eine operationalisierbare (?) Definition der Zwangsarbeit zu entwickeln.“ Wunschik merkt in seinem gerafften, wenngleich sehr informativem Überblick auch den „als Gleichsetzung missverstandenen Vergleich der Gefangenschaft in den beiden deutschen Diktaturen“ an, der „eine klare Begriffsbestimmung erschwere.“  Nicht vergessen wurde der Einfluss des MfS, hier durchweg als „Geheimdienst“ bezeichnet, auf die Kontrolle der Produktion in den Haftanstalten bezüglich der strikten Geheimhaltung nach außen.

Im ersten  Kapitel „Der Arbeitseinsatz von Gefangenen – (2.1) Konzeptionen und Prioritäten“ geht der Autor auf die ideologischen Grundlagen ein, die es dem SED-Staat ermöglichten, auch aus politischen Gründen (wenngleich es diese Definierung offiziell nicht gab)  Verurteilte in die „erzieherische Funktion des Arbeitseinsatzes“ einzubeziehen. Die zitierten Aussagen dazu, wie z.B. aus den Beschlüssen des VI. SED-Parteitages von 1963, könnten allerdings auch aus dem Handbuch der NS-Diktatur stammen. Man vermisst hier einen angebrachten Hinweis. Ohnehin stand als Hauptmotiv hinter der behaupteten „erzieherischen Wirkung“ durch die Verantwortlichen der SED die Arbeit in den Haftanstalten „in Wirklichkeit … (unter) seinem wirtschaftlichen Nutzen.“ Auch die Ausnutzung dieser Arbeit für Aufgaben der Verteidigung erinnern an Übereinstimmungen mit Handhabungen in der NS-Diktatur (der Hinweis fehlt allerdings auch hier).

Im Durchschnitt waren jährlich 20.987 Häftlinge in der Zwangsarbeit

„Die Schwerpunkte des Arbeitseinsatzes und Zahl der Häftlingsarbeiter“ wird im Unterkapitel 2.2 ausführlich beschrieben. Die volkswirtschaftschädlichen Auswirkungen durch Amnestien (unter Honecker) werden ebenso geschildert wie die erstmals benannten hohen Prozentzahlen von Häftlingen in einzelnen Produktionsbereichen, so beim VEB Metallwaren Naumburg immerhin 80% (1987, vor der Amnestie, siehe auch UK 2.5: „Die Amnestien“), in dem Holzverarbeitungswerk Burg immerhin noch 50 %. In übersichtlichen Tabellen werden die Beteiligungen von Häftlingen in den einzelnen Produktionsbereichen ausgewiesen. So waren im  Bereich Elektrotechnik/Elektronik, zu dem 29 VEB gehörten, bis zu 4.314 Häftlinge (22,2 %) beschäftigt.  So waren im Jahre 1960 in den Strafvollzugsanstalten von den „im Jahresdurchschnitt inhaftierten 24.313 arbeitsfähigen  Häftlingen 20.987 (85,9%) im Arbeitseinsatz.“

Für den West-Verkauf: "Esda"-Strümpfe aus Hoheneck - Foto: LyrAg

Für den West-Verkauf: „Esda“-Strümpfe aus Hoheneck – Foto: LyrAg

Über die „Strukturellen Probleme“ (2.4) heißt es in der Studie, daß es auch „zum massenhaften Arbeitseinsatz von  Gefangenen“ kam, wenn „gewöhnliche Werktätige für die oftmals schweren, unangenehmen und gesundheitsschädlichen Tätigkeiten nicht zu gewinnen waren. So wurde etwa das Strafvollzugskommando Schwedt/Oder für 340 Insassen  im Oktober 1964 nicht zuletzt deswegen eingerichtet, weil für die Arbeiten im Bau- und Montagekombinat zur Errichtung des VEB-Erdölverarbeitungswerk Schwedt >gewöhnliche< Werktätige nicht zu finden waren.“ Im  Bitterfelder Chemiekombinat war die Situation ähnlich. Nachdem „zwei Häftlinge an Quecksilbervergiftungen gestorben“ waren, mochten „freie“ Arbeiter selbst dann nicht dort arbeiten, wenn ihnen mehr als der doppelte Stundenlohn  geboten“ wurde.

Im Kapitel 3 (Die Arbeitsbedingungen) erklärt der Autor die Unterschiede zwischen politischen und kriminellen Gefangenen (UK 3.1). Dies ist ein wichtiger Beitrag, weil auch im freien Deutschland recht unterschiedliche Ansichten zu diesem Thema kursieren („Irgendetwas muß ja schon  gewesen sein, wenn man ins Gefängnis/Zuchthaus kommt/gekommen ist.“). Offen wird hier die „allgemeine Diskriminierung der politischen Gefangenen“ manifestiert, die „aus Feindschaft Verbrechen gegen die DDR“ verübt hätten, während den (häufig auch diskriminierten) Kriminellen „grundsätzlich eine gewisse Bereitschaft zur Besserung und zur Rückkehr in die sozialistische Gesellschaft attestiert“ wurde. Auch die Besetzung der Kalfaktoren-Stellen im Haftalltag durch Kriminelle lässt sich mit der Handhabung der NS-Praxis nahtlos vergleichen.

Auf der Rückseite kein Produktions-Hinweis         - Foto: LyrAg

Auf der Rückseite kein Produktions-Hinweis – Foto: LyrAg

Im UK 3.3 wird der „Arbeitsschutz“, im  UK 3.4 „Unfälle“ in den Haftanstalten der DDR an Fallbeispielen dargestellt. „Da die Arbeitsbestimmungen häufig missachtet … wurden sowie viele gefährliche Arbeiten  zu verrichten waren, gingen von dem Arbeitseinsatz oftmals erhebliche Gefahren für Leib und Leben der Gefangenen aus.“ Die Studie berichtete über interessante Konflikte zwischen Gefängnisleitungen und den beauftragenden Produktionsbetrieben, „denen die kurzfristige Planerfüllung durch maximale Ausbeutung der Arbeitkraft der Gefangenen oft wichtiger war.“  Besonders folgenreich „waren Arbeiten an schweren Geräten, weil diese häufig Amputationen von Gliedmaßen nach sich zogen. Ein vormaliger Insasse der Haftanstalt Unterwellenborn berichtete mehrfach von Unfällen mit abgerissenen Fingern, zerquetschten Zehen sowie einem abgerissenen Arm in  einem Zeitraum  von eineinhalb Jahren.“ Leider fehlt hier eine zeitliche Einordnung.

Widerstand in den Haftanstalten

Ansonsten  ist die Studie auch in diesem Bereich gründlich recherchiert und belegt ihre Darstellungen glaubwürdig durch vielfache Beispiele aus dem gesamten  Strafvollzugsbereich der einstige zweiten Diktatur. Im  anschließenden UK 3.5 wird die „Motivation der Gefangenen und  Zwangsmaßnahmen“ (gegen diese) abgehandelt, unter UK 3.6 durchgeführte „Streik(s) und Sabotage“. Nach den bereits bekannten Widerstandshandlungen in Bautzen oder Hoheneck in den fünfziger Jahren kam es der Studie zufolge besonders in den achtziger Jahren wiederholt zu spontanen Aktionen. So verweigerten in der Haftanstalt Hoheneck „zehn Frauen mehrfach die Sonntagsarbeit, weil eine ihnen zustehende Arbeitspause monatelang nicht gewährt worden war.“ Die oberste DDR-Gefängnisverwaltung „veranschlagte die Anzahl der hartnäckigen Arbeitsverweigerer seinerzeit auf  zwei Prozent aller Häftlinge.“  Andere Häftlinge „verweigerten während ihrer gesamten Haftzeit die Arbeit, meist weil wie sie aus politischen Gründen für das SED-Regime keinen Handschlag tun“ wollten.

„Die Entlohung der Gefangenenarbeit“ (UK 3.7) und das Problem der „Normerfüllung“ (UK 3.8) wird ebenfalls übersichtlich unter Beifügung von entsprechenden Tabellen referiert.

Im DDR-Angebot: "Esda" -Strümpfe - Foto: LyrAg

Im DDR-Angebot: „Esda“ -Strümpfe – Foto: LyrAg

Für den neugierigen  Leser besonders interessant wird das Kapitel 4: „Der Westexport der Produkte aus Häftlingsarbeit“. Hier dürften in  einigen  Zentralen (unter normalen Verhältnissen) die Alarmsirenen heulen, auch wenn die meisten seinerzeit involvierten Firmen ihre Hände in  Unschuld waschen und „nichts davon gewusst haben“ wollen. Auch hier werden wieder interessante Parallelen zu dem Verhalten betroffener Betriebe nach dem Ende der NS-Zeit deutlich. Aber immerhin konnte man sich in der Wirtschaft – wenn  auch Jahrzehnte später – auf einen Fonds über 10 Milliarden DM einigen, aus dem Entschädigungen gezahlt wurden. Einen vergleichbaren  Fonds hat jetzt auch der Bundesbeauftragte Roland Jahn im Vorfeld der Studie angeregt.

Ohne „Die deutsch-deutschen Wirtschaftskontakte in der Ära Honecker“ (UK 4.1) wären die hier geschilderten Westexporte und die dafür abgepressten Arbeiten in den Haftanstalten nicht möglich gewesen. Der in der Studie angeführte Firmen-Katalog liest sich wie ein „Who is Who“ der westdeutschen (kapitalistischen) Industrie. Neben  den bereits in diesem Zusammenhang bekannten Kaufhäusern Neckermann, Quelle, Baur, aber auch dem Discounter ALDI und dem Autohersteller VW werden hier Salamander, Dr. Oetker, Trumpf, Ferrero, Sarotti und Pfanni

Im DDR-Verkauf Hinweis auf den Produzenten - Foto: LyrAg

Im DDR-Verkauf Hinweis auf den Produzenten
– Foto: LyrAg

angeführt, die „in großem Umfang  Gestattungsproduktionen in der DDR“ betrieben  oder planten. „Zu jenen Unternehmen, die nicht durch die >rechte Westpresse< beeinflusst wurden … und bei Saldenausgleich und Kreditvergabe weniger harte Positionen einnahmen, zählten aus DDR-Sicht zu Beginn der siebziger Jahre beispielsweise Krupp, Thyssen, Salzgitter, Mannesmann, AEG-Telefunken, Siemens“, in den achtziger Jahren Daimler-Benz, BASF, Robert Bosch und Hoechst, wobei „die Unternehmensleitungen von Krupp und Thyssen als >Wortführer einer aktiven Osthandelspolitik<“ galten.

Allein das Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik exportierte 1983 Waren und Güter für mehr als 1,7 Milliarden, im  Jahr 1985 die Elektro/Elektronikbranche für 1,2 Milliarden Valutamark in den Westen.

 Verhandlungspartner waren die AHB

Interessant auch die DDR-Strukturen, die diesen Handel ermöglichten und kontrollierten: „Neben der staatlichen Plankommission, die die DDR-Volkswirtschaft mittelfristig zu steuern versuchte und mit den großen Kombinaten alljährlich die Zielvorgaben … aushandelten, hatte das Ministerium für Außenhandel (MAH) die wirtschaftliche  Zusammenarbeit mit den westlichen Staaten zu koordinieren und zu überwachen. Für die westlichen Firmen waren die sogenannten Außenhandelsbetriebe die formalen Vertragspartner; sie wurden 1981 den verschiedene Industrieministerien unterstellt und den entsprechenden Kombinaten zugeordnet und wickelten über 80 Prozent des geplante Westexports ab.. Die Außenhandelsbetriebe standen mit den inländischen  Betrieben in >fest geplanten  Lieferbeziehungen< und schirmten diese gleichsam von den Nachfragen und den Erwartungen der Weltmärkte ab.“

Vermisste der kundige Leser die Anführung der besonderen Verantwortung der sogen. KoKo gerade in diesem Bereich, verschweigt auch die Studie deren Rolle nicht. Immerhin war der stellvertretende Minister im bereits angeführten und federführenden Außenhandelsministerium (MAH) kein Geringerer als der fast allmächtige Chef der Kommerziellen Koordinierung (KoKo) Alexander Schalck-Golodkowski. Die KoKo sei „insbesondere bei der Umgehung westlicher Exportbeschränkungen gegenüber Staaten hinter dem  >Eisernen Vorhang<  … maßgebend“ gewesen. „Dieser konnte, seit 1971, am DDR-Zoll vorbei, den innerdeutschen Handel kontrollieren und steuern. Allerdings wird die Rolle der KoKo gerade im Bereich der „politischen Häftlinge“, sowohl für deren Einsatz in der Produktion wie deren „Verkauf“ in den Westen gegen entsprechende Warenlieferungen erstaunlich stiefmütterlich behandelt,  auch wenn im folgenden Abschnitt (siehe UK 4.2: „Sofas aus Waldheim – die Rivalen Kamprad und Lämmerzahl“) im Zusammenhang mit dem Möbelexport die Rolle der KoKo als Förderer des IKEA-Konkurrenten Lämmerzahl beschrieben wird: Zu diesem Zweck sei als „Geschäftskonstruktion des Bereichs KoKo der AHB Simplex aufgebaut“ worden. „Mit einem Anteil von 52 Prozent war die ostdeutsche Seite (vermutlich verdeckt) an dem Unternehmen beteiligt. So schloss der AHB Holz und Papier, durch Alexander Schalck-Golodkowski protegiert, mit dem fränkischen Möbelunternehmer im November 1974 einen Vertrag, der ihm für Möbel aus der DDR das >Alleinverkaufsrecht in der BRD< garantierte.“ Gegenüber der Bundesrepublik war Lämmerzahl „nun der Alleinvertreter für den AHB Ho/Pa … nur die speziellen Sortimente in der BRD der Firma IKEA bildete eine Ausnahme.“

Fraglos hatte Lämmerzahl eine engere Bindung an die DDR-Strukturen, als sie jemals durch IKEA erreicht wurden. Dennoch ist die Verantwortung des schwedischen  Möbelhauses nicht zuletzt durch die persönlichen Verhandlungen ihres Gründers augenfällig. Zwar wurde der IKEA-Chef ausweislich der Studie „erstmalig im Februar 1977“ durch den Generaldirektor des AHB Ho/Pa über die Verträge mit Lämmerzahl informiert, aber Kamprad „entgegnete, dass sich die Sortimente nicht überschneiden würden“ und blieb somit im Geschäft. Den Vorschlag Lämmerzahls an Kamprad, die Produktion für IKEA über seine Firma laufen zu lassen, lehnte der IKEA-Chef „freundlich aber bestimmt“ ab. „da Lämmerzahls Unternehmen aber wesentlich von der Staatssicherheit getragen wurde, hatte er mit Schalck-Golodkowski“ (Anmerkung: Oberst des MfS, der Bezüge eines Generals erhielt) „einen  wichtigen Verbündeten. … Schalck-Golodkowskis Machtwort hatte Gewicht, und es galt nun für Lieferungen an IKEA für das Jahr 1978 eine Obergrenze von 20 Millionen und für das Jahr 1979 eine Obergrenze von 22 Millionen Valutamark.“

Allerdings schraubte IKEA trotz dieser Beschränkungen seinen  Umsatz auf bald 30 Millionen Valutamark in die Höhe, was den KoKo-Chef zu Interventionen veranlasste. Immerhin belieferte Lämmerzahl über den AHB neben bereits angeführten Firmen renommierte Kaufhäuser wie HERTIE, Kaufhof, Karstadt, Woolworth und Möbel-Hess.

Bereits in den 80er Jahren gab es eine IKEA-Diskussion

Im Gegensatz zu IKEA berichtet die Studie von Besuchen  Lämmerzahls in Betrieben, so z.B. im VEB Sitzmöbelwerk Waldheim, „der in einem Betriebsteil Häftlinge beschäftigte.“  Der Betrieb „zählte zum wichtigen Möbelkombinat Hellerau.“ Die (auch) exportieren Stühle stammten „vermutlich vom VEB Tischfabrik Finsterwalde“ (Kombinat Hellerau). Auch dieser Betrieb „beschäftigte ebenfalls Häftlinge und pflegte außer zu IKEA gleichermaßen Geschäftskontakte mit … Lämmerzahl.“ Dennoch erscheint die beteuerte „Unwissenheit“ der Schweden über die DDR-Produkte eher als kalkulierte Frechheit. Denn IKEA baute seine Importe aus der DDR kontinuierlich aus, „nach dem Willen der Unternehmensleitung sollte die DDR gar zum Hauptlieferanten … avancieren.“ Mitte der achtziger Jahre wollte IKEA gar „ein Zentrallager und einen Umschlagplatz“ in der DDR einrichten.

Erstaunlich bleibt die jetzige Diskussion um IKEA dennoch. Denn bereits „in den Jahren  1983/84 wurde die Produktion von IKEA-Möbeln in DDR-Haftanstalten in der westlichen Öffentlichkeit publik (siehe UK 4.8).“ Dass IKEA zwischenzeitlich sogar auf Kuba und hier ebenfalls von politischen Häftlingen produzieren ließ, wird in der Studie gleichfalls vermerkt.

Auch wenn IKEA vielfältig von der Stasi überwacht wurde, wäre es spätestens nach Vorlage der Studie eine Chuzpe, wenn der Konzern daraus eine Opferrolle ableiten würde. Die Geschäfte liefen prima und nahezu reibungslos. Der Konzern sollte nicht erst die zu erwartenden traurigen  Ergebnisse der IKEA-finanzierten UOKG-Studie abwarten, sondern sich spätestens jetzt zu seiner zumindest moralischen Verantwortung bekennen.

Neben den bereits vielfach bekannten Fakten um IKEA, die dennoch in der Studie wesentlich um wichtige Informationen ergänzt wurden, widmet sich der Autor auch anderen Bereichen der Häftlingsarbeit, die bislang weniger bekannt waren. So wird im Kapitel 4.3 thematisch gefragt: „Zement aus Rüdersdorf – Lieferten Häftlinge die Senatsreserve von Westberlin?“ Nach den Ergebnissen der vorgelegten Studie schufteten in Rüdersdorf vornehmlich jugendliche Häftlinge in den dortigen Zementwerken. Auch Rüdersdorf gehört zu Hinterlassenschaften  der vorhergehenden Diktatur. Die Sowjets nutzten die vorhandenen Lager, die DDR übernahm die gebotene Möglichkeit, politisch Widerständige zu internieren.

Das Zementwerk Rüdersdorf wandte sich schließlich Ende der fünfziger Jahre an das Innenministerium mit der Bitte, dem Baustoffkombinat Rüdersdorf die Zuführung von Strafgefangenen auf die Dringlichkeitsliste zu setzen. 1964 mussten fast 500 Häftlinge im Werk schuften. Neu war bis vor Kurzem, dass Mitte der siebziger Jahre „Westberlin seinen Zement zu 25 Prozent vom VEB Rüdersdorf“ bezog. Ausgerechnet Westberlin soll von der Ausnutzung politischer Gefangener profitiert haben?

Ausführlich geht die Studie auf andere Haftorte ein, in denen politische Häftlinge zu Arbeiten für die DDR-Produktion gezwungen  wurden: „Strumpfhosen in Hoheneck – „Sayonara“ bei ALDI, „Petit Chat“ bei Woolworth“ (UK 4.4). In Hoheneck wurden für den kapitalistischen Markt Strumpfhosen und Bettwäsche produziert. Allein „1977 produzierte der >VEB Planet Wäschekonfektion  Eppendorf<  fast 15 Millionen Stück Bettwäsche, was einem Westexport im Wert von fast 20 Millionen Valutamark entsprach.“

Anders in Halle („Werkzeugkästen aus Halle als Exportschlager – Stasi in die Produktion“, UK 4.5). Hier wandte sich der dortige Haftanstaltsleiter an seine vorgesetzte Dienststelle, weil nicht genügend Arbeitsangebote vorhanden waren: „Ich vertrete die Auffassung, wenn wir die Jugendlichen nicht beschäftigen, beschäftigen  sie uns.“ Schließlich fertigten im Betriebsteil „Halle Jugendhaus“ die jugendlichen Häftlinge Werkzeugkästen für das Kombinat  Elektrowaren Halle. „Zum Jahresbeginn 1975 waren im Jugendhaus Halle … insgesamt 742 Häftlinge eingesperrt.“

Nur über IKEA und QUELLE liegen bislang MfS-Unterlagen  vor

In der „Zusammenfassung“ werden die Ausführungen noch einmal auf die wesentlichen  Punkte sortiert. „Gefangene ließen sich zu Arbeiten einsetzen, für die >gewöhnliche> Werktätige schwer zu gewinnen waren, da diese besonders schwer, unangenehm, monoton oder gefährlich waren. … Jedoch bezweifelten  die Betriebe (aus gutem Grunde) häufig die von der Strafvollzugsverwaltung festgestellte Tauglichkeit einzelner Häftlingsarbeiter.“ Dennoch: „Trotz hoher Normen, langer Arbeitszeiten und hohem Leistungsdruck lief die Produktion in den  Gefängnissen alles andere als >rund<. Rohstoffmangel oder Engpässe in der Zulieferung von Teilprodukten, ausbleibende Ersatzteile für Maschinen, Havarien oder fehlende Transportmöglichkeiten  für die Häftlingsarbeiter führte  vielfach zu >Leerlauf<. Zudem fielen Gefangene wegen Krankheit, Arreststrafen oder Verlegungen  aus.“ Allerdings räumt die Studie ein, dass sich „lediglich für IKEA und Quelle … allein mit MfS-Unterlagen belegen (lässt), dass die westliche Konzernzentralen schon vor 1989 wussten,  dass die von ihnen  vertriebenen Produkte teilweise von Häftlingen gefertigt worden waren.“ Und: „Da beide Fälle schon  in den achtziger Jahren für Schlagzeilen sorgten, hätte ja auch in anderen Chefetagen die Frage aufkeimen können, wer eigentlich die aus einem DDR-Betrieb bezogenen Waren unter welchen Bedingungen herstellen musste.“

Dem ist kaum  etwas hinzuzufügen. Die in der Studie angeführten Unternehmen, von denen einige bereits vom Wirtschaftstableau verschwunden sind, sollten sich zu ihrer Gesamt-Verantwortung bekennen und neben dem Staat mit annehmbaren Entschädigungen für die Ausnutzung der Zwangsarbeit durch politische Häftlinge in der einstigen DDR ihrer moralischen Pflicht nachkommen. Das Jubiläumsjahr 2014 sollte zum Anlass genommen werden, in Berlin, Bautzen, Waldheim oder Brandenburg eine Konferenz mit dem Ziel einer Fonds-Gründung durchzuführen. Es wäre ein wichtiger Beitrag zum notwendigen Abschluss eines wichtigen und unerfreulichen Kapitels aus der deutschen Geschichte. Die Betroffenen sind in einem hohen Alter, von ihnen sterben tagtäglich von der Aufarbeitung zeitlebens Enttäuschte.

Bis es dazu kommt, ist nicht nur dem interessierten Laien sondern aus den gen. Gründen auch den Managern aus den angeführten Firmen-Etagen die Lektüre dieser wichtigen  BStU-Studie zu empfehlen. „Knastware für den Klassenfeind“ ist ein wertvoller und unverzichtbarer Beitrag zu einer hoffentlich breit stattfindenden und überfälligen  Diskussion, die mit dem Komplex IKEA 2011 eingeleitet wurde.

V.i.S.d.P. / © 2014: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207778

Stollberg/Erzgebirge, 9.01.2014/cw – Vor zwei Tagen hat Sachsens Innenminister Markus Uhlig zusammen mit dem Stollberger Oberbürgermeister Marcel Schmidt in Stollberg eine städtebauliche Vereinbarung unterzeichnet. Danach soll im 3. und 4. Bauabschnitt die Sanierung des einstigen  ausschließlichen Frauenzuchthauses der DDR vorangetrieben werden. Dafür werden aus dem Bund-Länder-Programm „Städteumbau Ost“ weitere 625.000 Euro zur Verfügung gestellt. Mit dem Betrag soll besonders die Sanierung des Westflügels der einstigen Horror-Burg vorangetrieben werden, in dem nach den Plänen des neuen Eigentümers die künftige Gedenkstätte Hoheneck ihren Platz finden soll. Stollberg hatte das Areal im letzten Jahr für einen eher symbolischen  Preis von Bernhard Freiberger erworben.

Mit der jetzigen Tranche wurden für  die Sanierung innerhalb eines Jahres  bereits 2,8 Millionen Euro bereitgestellt. Erst 2012 hatte der Freistaat die einstige Schloss-Anlage, die seit 1886 als Gefängnis genutzt wurde, in das Gedenkstättenprogramm aufgenommen. Mit dem zügigen Um- und Ausbau hält nun auch Sachsen nach der Stadt Stollberg seine Zusicherungen ein. So konnte der Innenminister bei seinem Besuch in Stollberg befriedigt feststellen: „Heimat bedeutet für uns auch, dass unsere Städte lebendige Geschichte zeigen. Die fördern wir mit der Sanierung von Schloss Hoheneck.“

Zufrieden mit der jetzigen Entwicklung zeigten sich auch die einstigen  Frauen von Hoheneck. Tatjana Sterneberg, Vorsitzende des ersten Fördervereins für eine Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck, äußerte sich „geradezu beglückt, dass den Worten vergangener Jahre jetzt zügige Taten folgten.“ Besonders sei man für das „außerordentliche Engagement des Stollberger Oberbürgermeisters dankbar,“ ohne dessen „persönlichen Einsatz diese positive Entwicklung nicht möglich gewesen“ wäre.

Sterneberg war 1972 wegen versuchter Republikflucht verhaftet und zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sie hatte die aufgezwungene Haft bis 1976 in Hoheneck verbüßen müssen. Der Verein hatte bereits nach dem von Sterneberg organisierten  Besuch des Bundespräsidenten Christian Wulff in 2011 der Öffentlichkeit ein vielbeachtetes Konzept für die Zukunft von Hoheneck vorgestellt.

Kritischer sieht ausgerechnet das einstige Zentralorgan der SED, die heutige sozialistische Tageszeitung „Neues Deutschland“ den Umgang Sachsens mit den Gedenkstätten im Freistaat. Der Dresdner Autor Hendrik Lasch merkte an, dass weitere sächsische Erinnerungsorte auf zugesagte feste Förderungen warten müssten. Am Beispiel der Stadt Frankenburg führt die Zeitung allerdings aus, dass eine Förderung der geplanten Erinnerungsstätte für eine von den Nationalsozialisten in einem früheren KZ betriebene Textilfabrik bisher an ungeklärten Eigentumsfragen scheitere.

Die Ausbeutung der Frauen von Hoheneck durch Zwangsarbeit im einstigenDDR-Frauenzuchthaus  hingegen findet keine  Erwähnung. Immerhin wurden allein in Hoheneck mit der Produktion von Bettwäsche und Strümpfen Millionen DDR-Mark erwirtschaftet. Quelle, Neckermann und Co. hatten diese Erzeugnisse über ihre Kataloge und ihren Kaufhäusern einem ahnungslosen Publikum verkauft. Die schwedische Möbelhauskette IKEA finanziert gegenwärtig eine von der UOKG angestellte Erforschung der Zwangsarbeit in den einstigen Haftanstalten der DDR. Erste Ergebnisse sollen  Ende diesen Jahres präsentiert werden.

V.i.S.d.P.:Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207778

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Berlin, 9.07.2012/cw – Die ARD zeigt heute unter dem Titel „Westware aus dem Ostknast“ (23:30 bis 0:15 Uhr) eine Dokumentation über die Produktion von Waren in den Zuchthäusern der DDR, die dann im  Westen  verhökert wurden. In einer Vorankündigung zur Sendung heißt es in der „Sächsischen  Zeitung“:

Wäre es rausgekommen, so hätte es alle schlimm getroffen, urteilt die Autorin (Anne Worst) über jene Kassiber, die Frauen aus dem Gefängnis Hoheneck bei Chemnitz zwischen die Bettwäsche schmuggelten, die sie für das Versandhaus Quelle genäht hatten: Den Gefangenen wäre eine hohe Strafe sicher gewesen. Quelle hätte einen Skandal ausgelöst, wäre bekannt geworden, unter welch katastrophalen Arbeitsbedingungen ihre Produkte im Ost-Knast entstanden.“

Der MDR zeigt den Film im Rahmen der ARD-Sendereihe: „Geschichte im Ersten“. In der Doku wird aufgezeigt, „welche beträchtlichen Umfänge diese zweifelhafte Form der deutsch-deutschen Geschäftemacherei erreicht hatte. Zweifelhaft deshalb, weil es um die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten der DDR-Gefängnisse schlimm stand und weil Häftlinge im Osten ganz anders bestraft wurden als im Westen, wenn sie die Arbeit verweigerten.“ (SZ)

Die ARD weist darauf hin, dass „in einer Statistik von 1987 die DDR 19.382 >Häftlinge in Arbeit<“ zählte. „Konsumgüter, wie Möbel, Schuhe, Radios, Fotoapparate, Anzüge, Hemden, selbst große Maschinenteile wurden hier für den Westmarkt produziert  – zum Nutzen des sozialistischen Devisenbedarfs und zum Gewinn westdeutscher Unternehmen und Verbraucher.“

Erst jüngst war eine Diskussion um die „Auftragsarbeiten“ entstanden, die der schwedische Möbelhaus-Konzern IKEA an die DDR vergeben hatte und die zum größten Teil im Rahmen der verordneten Zwangsarbeit in den Zuchthäuser der zweiten Diktatur gefertigt wurden. Im  Gegensatz zu in diesem Zusammenhang genannten Konzernen der (alten) Bundesrepublik hatte IKEA unlängst eine HOTLINE eingerichtet, und damit  ehemaligen  betroffenen Zwangsarbeitern die Möglichkeit eingeräumt, sich als Zeitzeugen zu offenbaren (wir berichteten, siehe LINK „IKEA“ auf dieser Seite).

In  einer aktuellen Stellungnahme zur bevorstehenden Sendung spricht die Vereinigung 17. Juni von einem andauernden Skandal, den sie in der Ignoranz des wiedervereinigten  Deutschland gegenüber diesem weiteren Unrechtstatbestand sieht. „Während locker Milliarden Euro für marode Banken und deren meist selbstverschuldeten wirtschaftlichen Tiefgang auf Kosten der Steuerzahler locker gemacht würden, werde der Staat seiner Verantwortung und Fürsorge für die einst ausgebeuteten und durch die erlittene politische Haft ohnehin gestraften Menschen nicht gerecht und verstecke sich hinter >mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten< des staatlichen Haushaltes,“ sagte heute der Vorstandssprecher in Berlin. Der Verein kritisierte bei dieser Gelegenheit auch den „sehr späten“ Sendetermin. Dadurch werde die Vermittlung der vorhandenen Problematik in der Bevölkerung „nicht gerade gefördert“.

Quelle: http://www.sz-online.de/freizeit/fernsehen/artikel.asp?id=3102528

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