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DIE LINKE startete in Bernau Reihe „Aufarbeitung: Opfer und Täter“

25.01.2009/cw – Rund einhundert Zuhörer drängten sich in der Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt in Bernau, um einer Auftaktveranstaltung der Partei DIE LINKE beizuwohnen. Zwar betonte die Gastgeberin und Moderatorin Dagmar Enkelmann in ihrer Begrüßung, dass die Reihe „Offene Worte“ ihrer Partei auf ein zehnjähriges Bestehen rückblicken könne. Dennoch war die sonntägliche Veranstaltung ein Novum. Während ihre Bundestagskollegin Gesine Lötzsch noch unlängst die Reihe unappetitlicher Repräsentationen ehemaliger Stasi-Obristen in Lichtenberg fortsetzte, wollte Enkelmann für DIE LINKE neue Themen besetzen. Unter dem Titel „Aufarbeitung: Opfer und Täter“ hatte sie für die Verfolgten Angela Kowalczyk, für die Stasi-Seite den ehemaligen Leitenden Stasi-Psychologen Dr. Jochen Girke zum Podium geladen.

Angela Kowalczyk gehörte einst der Punk-Szene im Osten Berlins an und geriet so in die Observations- und Verfolgungs-Maschinerie der Stasi. Jochen Girke entwickelte für eben diese Stasi als Dozent an der Stasi-Hochschule in Potsdam-Golm jene Strategien, die der psychologischen Zersetzung und Vernichtung der Verhafteten dienen sollte.

Ohne jedes Wenn und Aber erklärte Girke, er sei sich seiner Schuld durch seine damalige Mitwirkung im Bereich des MfS bewusst und daher wäre ihm bereits nach 1990 klar gewesen, dass er nie mehr als Psychologe tätig sein konnte. Der einstige Missbrauch der Psychologie habe ihn geprägt.

Angela Kowalczyk trug sehr engagiert ihre noch heute andauernde Fassungslosigkeit darüber vor, das die Stasi ein junges Mädchen nur wegen ihres Anders-sein-wollens in ihre Verfolgungs-Manie einbezog.

Dagmar Enkelmann führte mit einer Sensibilität einerseits und Routine andererseits durch die Veranstaltung, als habe sie seit 1990 nichts anderes getan, als den Scheinwerfer auf die Ungereimtheiten und Verbrechen des DDR-SED-Regimes zu richten. Erst anwesende Verfolgte dieses Systems stellten mit ihren Fragen die verbreitete „Harmonie“ des Podiums, die durch weitgehend übereinstimmende Beurteilungen von Opfer und Täter vermittelt wurde, infrage.

Adam Lauks, ehemaliger jugoslawischer Staatsbürger und Anfang der achtziger Jahre durch die Stasi schwer gefoltert und missbräuchlich operiert, schilderte bewegend aus seinem Schicksal und fragte den einstigen Stasi-Psychologen nach seiner Verantwortung für Repression und Folter, die dieser bejahte und mit einer Bitte um Entschuldigung verband.

Tatjana Sterneberg, ehemalige Hoheneckerin, fragte Dagmar Enkelmann nach der Glaubwürdigkeit einer „an sich begrüßenswerten Veranstaltung.“ So habe sie als Stadträtin im Jahre 2007 in Bernau eine Überprüfung der Mitglieder des Rates auf eine ehemalige Stasi-Tätigkeit abgelehnt und damit einen ehemaligen IM, nämlich Dr. Bernd Findeis (CDU), der Patienten und Kollegen verraten habe, gedeckt. Sichtlich verunsichert argumentierte Enkelmann, sie habe eine Überprüfung abgelehnt, weil dadurch keine Änderung in der Zusammensetzung des Rates hätte erfolgen können. Ihre Partei habe aber daraus die Lehren gezogen und würde von jedem Kandidaten eine Offenlegung seiner seinerzeitigen Tätigkeiten verlangen. Auf Sternebergs Frage an Girke, wie er die Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht durch medizinisches Personal wie Dr. Findeis oder Dr.Janata, des ehemaligen Arztes im Frauenzuchthaus Hoheneck, beurteile, antwortete dieser: „Ich schäme mich dafür. Es war eine Verletzung der gebotenen Schweigepflicht.“

Doch keine Veranstaltung der LINKEn ohne Ewiggestrige. So meldete sich ein ergrauter Zuhörer erregt zu Wort und griff mit deutlichen Worten den „angeblichen Chef-Psychologen des MfS“ (Girke) an. Dieser sei „lediglich Dozent in Potsdam“ gewesen, leitende Psychologen seien „ganz andere“ gewesen, die er gut kenne. Allerdings waren nur einige fast zaghafte Zustimmungen durch Kopfnicken zu bemerken, ansonsten folgte auf diesen Beitrag eisiges Schweigen. Auch ein gewöhnungsbedürftiger Vorgang auf einer Partei-Veranstaltung der LINKEn.

So räumte Carl-Wolfgang Holzapfel von der Vereinigung 17.Juni denn auch ein, dass er nicht zögere, sich für „diesen ersten Versuch einer ehrlichen Aufarbeitung“ zu bedanken und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass dies keine „Eintagsfliege“ oder nur „wahlpolitische Taktik“ gewesen sein möge. Er kündigte eine aufmerksame „Beobachtung der Ernsthaftigkeit“ dieser überfälligen Aufarbeitung an.

© Carl-Wolfgang Holzapfel, Tel.:030-30207785 holzapfellyrag@aol.com –

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