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Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 26.01.2015/cw – Helmut Schümann, Kolumnist der Zeitung TAGESSPIEGEL und des Ablegers PNN (Potsdam) zitierte am vergangenen Montag Max Liebermann, der in dunklen Zeiten sagte: „Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“
Schümann stellte dieses Zitat u.a. in den Zusammenhang mit den unglaublichen mittelalterlich anmutenden Ritualen in Saudi-Arabien, wo der saudische Rechtsanwalt Waleed Abu al Khair zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er sich für die Menschenrechte einsetzt. Toter König her oder hin, die früher übliche Amnestie im Schatten der Trauer um einen dahingegangenen Monarchen wird Khair in Saudi-Arabien wohl verwehrt bleiben.

Gibt es eine Brechreiz-Skala, also ein Ranking, was ihn, den Brechreiz, am stärksten auslöst? Gibt es nicht, weil alles gleich zum Kotzen ist, weil man es nicht mehr hören kann, nicht mehr hören will. Aber man muss es hören“, schrieb der Kolumnist. „Und es immer wieder anklagen, verurteilen, man kann es nicht oft genug sagen.“

PEGIDA –Die neue Angst

In zwei Tagen gedenken wir der Befreiung einer einstigen Hölle auf Erden: Auschwitz. Es werden sicherlich wieder viele Reden gehalten, Schwüre abgelegt: „Nie wieder!“ Und Politiker werden damit erneut ihre Versäumnisse verkleistern. Auch darum bedienen sie sich eines Begriffes, der begierig, fast schon einer Droge gleich, verbreitet wurde und wird: PEGIDA – die neue Angst. Vor wem? Vor einer Wiedergeburt der Nationalsozialisten? Gar vor einem neuen Auschwitz? Wenn es PEGIDA nicht gäbe, müsste diese erfunden werden, meinen wohl einige Politiker und Medienexperten.

Merkel 26.01.2015_2

Entgegen der vielfachen und oft vordergründigen Verleumdungen handelt es sich in der Mehrheit der bei PEGIDA Mitziehenden nicht um Nazis und Faschisten. Schon das allein widersinnige Wortungetüme aus der Giftküche einer DDR-Propaganda, die grundsätzlich Gegner der Diktatur mit diesem Wort-Geschmeiß bedachte. Es sind meist biedere Bürger, die ein angebotenes Ventil benutzen, um ihren offenbar vorhandenen Ängsten und Sorgen – ob berechtigt oder nicht – Ausdruck zu verleihen.

Vermarktungshappen für die Mikrofone

Und während über von Links organisierte Demonstrationen allenfalls berichtet wird, dass eine „kleine Schar von Extremisten“ das Bild von einer „Mehrheit friedlicher Demonstranten“ nicht beeinträchtigen konnte, heißt es bei 400 geschätzten Extremisten von 20.000 und mehr Teilnehmern von PEGIDA, diese sei „unübersehbar von Rechtsextremisten und Neonazis“ dominiert. Vielleicht kam hier das böse Wort von der „Lügenpresse“ auf? Obwohl es meist verantwortungslose Politiker sind, die den Medien die Vermarktungshappen vor die Mikrofone werfen oder in den Notizblock diktieren.

Aber hören wir auf, über „diese Politiker“ zu kotzen. Es gibt auch Politiker, die vielfach besser sind als ihr Ruf, die noch nicht verlernt haben, dem Volk aufs Maul zu schauen. Ohne dem Volk gleich nach dem Munde reden zu wollen. Siegmar Gabriel von der SPD, Stanislaw Tillich von der CDU oder Gregor Gysi von DIE LINKE zum Beispiel. Sie haben nach einigem Zögern begriffen, daß es bei PEGIDA nicht um Neonazis, nicht um Faschisten geht. Dass es im Gegenteil fatale Auswirkungen haben kann, wenn man sich in einer Demokratie Gesprächen verweigert. Wenn man friedliche und besorgte Bürger in Ecken reindiffamiert, in denen diese niemals waren und auch nicht bugsiert werden wollen.
Und während sich Gabriel, Tillich und Gysi heftiger Kritik aus den eigenen Reihen erwehren müssen, statt deren Mut zum Diskurs gegen eine aufgeheizte und ungute Stimmung breit zu unterstützen, wird am Vorabend jenes siebzigsten Jahrestages der Befreiung von Auschwitz PEGIDA als „Schande für Deutschland“ klassiffamiert.

Ein Hetzer zum Tête-à-Tête beim Präsidenten

Dabei gibt es in unserem Land wirkliche Skandale, die dringend einer Debatte bedürften, statt mit billiger und schnelllebiger politischer Rhetorik einen Popanz aufzubauen.
Siebzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz kann ein deutscher Multifunktionär (CDU) ungestraft und von der Politik bislang nicht widersprochen verbreiten, auch Turski 26.01.2015_2Juden sind Knechte Satans“! Der zitierte CDU-Funktionär, der übrigens auch gerne ins Schloss Bellevue zum Tête-à-Tête mit dem Bundespräsidenten eingeladen wird, verbreitet auch – ebenfalls bisher unwidersprochen – das „Allah ein Götze und Mohammed sein falscher Prophet“ sei. Und das versteht er nicht als Satire! PEGIDA dagegen wird gebetsmühlenhaft, sowohl von Politikern wie Medien, Islam-Feindlichkeit attestiert. Würde man diese religiös verbrämten Parolen PEGIDA durchgehen lassen? Die Schlagzeilen kann man sich auch ohne viel Phantasie vorstellen.

Unzucht, Unehrlichkeit und Geldgier beherrschen nicht nur die Programme der Fernsehsender, sondern sind überall gegenwärtig…“. Auch das Worte aus dem Predigt-Vorrat des Evangelikalen und Multifunktionärs, dessen Einfallsreichtum in Sachen Hetze schier unerschöpflich zu sein scheint. Wie fragte Helmut Schümann: „Gibt es ein Ranking, das den Brechreiz am stärksten auslöst?“ Er meint: „Gibt es nicht, weil alles gleich zum Kotzen ist, weil man es nicht mehr hören kann, nicht mehr hören will.“

Ich jedenfalls kann nicht soviel Hasstiraden eines christdemokratischen Verbandfunktionärs fressen, wie ich kotzen möchte. Besonders und gerade am Vorabend des siebzigsten Jahrestages der Befeiung von Auschwitz. Und ich werde diese Hassgesänge immer wieder anklagen und verurteilen. Weil man es nicht oft genug sagen, nein, anklagen kann. (933)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Potsdam, 25.08.2013/cw – Mangelnde Sensibilität hatte man ihr bereits mehrfach vorgeworfen, mangelnden Mut kann man ihr wohl nicht absprechen. Gemeint ist Ines Reich, wissenschaftliche Leiterin der KGB-Gedenkstätte in der Potsdamer Leistikowstraße.

Anlässlich der Einweihung einer Gedenkplakette für die einstigen  Opfer des sowjetischen Geheimdienstes („Gequält, Gefoltert, Verbannt, Erschossen“), die der im Frühjahr verstorbene Bob Bahra auf eine Initiative von Bodo Platt* entworfen hatte, kam es zu einer kurzen aber heftigen Kontroverse zwischen  den einstigen  Opfern und Ines Reich. Nach dem Eklat um einen „tätlichen Angriff“ auf die Historikerin durch einen ehemaligen  Workutaner (wir berichteten) hatten sich die Beteiligten eine größere Sensibilität im Umgang mit den Diktatur-Opfern erhofft.

Während der Sprecher des Gedenkvereins Dirk Jungnickel an die stalinistischen  Verbrechen erinnerte und Vereinsvorsitzender Richard Buchner den Hitler-Stalin-Pakt als „letzten Schritt in den Abgrund des Zweiten Weltkrieges“ bezeichnete, warnte Ines Reich gegenüber den „Potsdamer Neusten Nachrichten (pnn)“ vor der Gefahr, die Unterschiede der beiden totalitären Regime „zu verzeichnen“. In ihrer Rede anlässlich der kurzen Gedenkfeier hatte Reich den Politikwissenschaftler Claus Leggewie zitiert, der „die Schwierigkeit der europäischen Erinnerungskultur“ darin sehe, das diese „das Singuläre am Zivilisationsbruch der industriell-bürokratischen Vernichtung der europäischen Juden“ herausstelle, „ohne sie damit dogmatisch dem historischen Vergleich zu entziehen und die systematische Ausrottung der ,Klassen- und Volksfeinde’ im sowjetischen Machtbereich herunterzuspielen.“
Allerdings hatte auch Reich nach der Veranstaltung zumindest der PNN (24.08.2013, S.14) gegenüber der Aussage Buchners, nach der es für die Opfer keinen Unterschied mache, „im Namen welcher Diktatur sie umgekommen sind“, zugestimmt.

Die Veranstaltung in der Potsdamer Leistikowstraße war aus Anlass des „23.August“, der nach der „Prager Erklärung“ und einem Beschluss des EU-Parlamentes zum „Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ erhoben  werden soll, durchgeführt worden. Auch der Brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck hatte die Idee der Gedenkplakette unterstützt. Dirk Jungnickel kritisierte „gewisse Historiker“, die eine „Opferhierarchie“ aufgebaut hätten und merkte an, dass die Opfer, die in der Leistikowstraße einsaßen, in der Mehrzahl „keine glühenden Nazis“, allenfalls junge verführte Idealisten gewesen“ seien, deren Qualen in den Kellern des KGB in keinem Verhältnis zu deren vorgeblichen Vergehen gestanden hätten. Die damaligen Opfer sähen  sich heute einer sogen. Faschismus-Keule ausgesetzt, obwohl sie niemals die Absicht gehabt hätten  oder haben, Opfer beider Systeme gegeneinander auszuspielen, wie das andere täten.

* Wegen  eines bedauerlichen Übertragungsfehlers aktualisiert am 27.08.2013

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“, Berlin, Tel.: 030-30207785

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