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Berlin, 3.12.2012/cw – IKEA, Quelle, Neckermann – Einzelbeispiele für ausufernden Kapitalismus, denen die Herkunft ihrer Gewinne egal waren, Hauptsache, die Kasse stimmte?
Die aktuell diskutierte Ausbeutung von einstigen Häftlingen, vor allem politisch Verfolgter in der DDR-Diktatur zum Zweck der Gewinn-Maximierung, jüngst durch die IKEA-Studie zu diesem Thema befeuert, schien nur ein kleiner Teil kapitalistischer Exzesse unter Ausnutzung der traurigen Auswirkungen des Kalten Krieges zu sein.
Jetzt berichtet die ARD über die Beteiligung des damaligen Schweizer Pharmakonzerns Sandoz und anderer Firmen an Patienten-Versuchen in der DDR. Nach einem Bericht des DDR-Gesundheitsmininisteriums wurden für diese Tests pro Person bis zu 3.800 DM vom Westen kassiert. Nach den Unterlagen verdiente die DDR bis 1988 6,78 Millionen DM an diesen Versuchen.

Die Filmemacher Stefan Hoge (46) und Carsten Opitz (44) aus Leipzig haben für ihre Dokumentation u.a. in alten Akten recherchiert. Danach beteiligten sich mehr als 150 DDR-Krankenhäuser an den Tests. Neben  West-Pharmazie-Unternehmen hatten auch DDR-Krankenhaus-Ärzte  keine Bedenken, bei diesen Versuchen, die 1981 begannen, mitzumachen. Es gab in diesem Zeitraum 165 klinische Studien! Auch der Chemie-Gigant HOECHST war offenbar an diesen lukrativen und für Patienten oft tödlichen Studien beteiligt.

War der Einsatz von Psycho-Pharmaka in Hoheneck bezahlte Studie?

Tatjana Sterneberg, die den Missbrauch von Psychopharmaka im einstigen DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck aufdeckte und selbst dessen Opfer wurde, ist entsetzt. Sie stellt die berechtigte Frage, ob der Einsatz dieser Medikamente in Hoheneck möglicherweise ebenfalls die Folge lukrativer Verträge zwischen West-Firmen und der diktatorisch regierten DDR war? Sterneberg: „Man sollte den einstigen medizinischen Leiter von Hoheneck auffordern, die tatsächlichen Hintergründe für diesen von ihm angeordneten Medikamenten-Missbrauch schonungslos aufzudecken.“ Peter J. betreibt seit dem Ende der DDR unangefochten eine Arzt-Praxis in Ahrensfelde bei Berlin.

Stefan Hoge und Carsten Opitz gehen in  ihrem Beitrag auf diese denkbare, weitere Brisanz nicht ein und beschränken sich auf die Schilderung von Fakten. Sie schildern auch (tödliche) Schicksale von Menschen, die im Sinne der Profitmaximierung offenbar gemeinschaftlich vom sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat und westlichen Pharma-Riesen ausgenutzt und gnadenlos geopfert wurden.

TV-Tipp: Unbedingt ansehen, diskutieren und mögliche Konsequenzen fordern.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

Berlin, 9. November 2011/cw – Tatjana Sterneberg ist absolut sauer. Am Abend der Filmpräsentation des Spielfilmes „Es ist nicht vorbei“ im ARD-Hauptstadtstudio am 25. 10. hatte eine  BILD-Crew die Hauptdarstellerin Anja Kling und eben  Tatjana Sterneberg zu einem Interview über den präsentierten und heute zur Ausstrahlung (20:15 Uhr, ARD) anstehenden Film gebeten. Noch am Montag wurde Sterneberg der Text zur faktischen Korrektur übermittelt und um Autorisierung gebeten.

Die Vorsitzende des Fördervereins Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck sieht sich von BILD geleimt und ist hell empört: „Die heutige Veröffentlichung über den Schauspieler, der bei der Stasi war, ist für mich pure Heuchelei.“ Zwar haben wir als Betroffene von diesen Verstrickungen nichts gewusst, aber der BILD dürften diese Vorwürfe seit Jahren bekannt sein. Warum, so die ehemalige Hoheneckerin, „hat BILD dieses Thema nicht schon längst aufgegriffen, nachdem Ernst-Georg Schwill schon lange in den TATORT-Serien mitspielt?“

Nach Sternebergs Meinung hätte eine rechtzeitige Veröffentlichung die Verantwortlichen wahrscheinlich davon abgehalten, die Rolle des ehemaligen  Führungsoffiziers mit einem  ehemaligen  Stasi-IM zu besetzten: „BILD ist also seiner Aufklärungspflicht zumindest in  diesem Fall nicht nachgekommen,“ betont die engagierte Aufklärerin von Stasi-Unrecht. Und das sei Heuchelei.

Den Tätern Schlagzeilen eingeräumt

Statt aus Anlass der Ausstrahlung „dieses sehr wichtigen Filmes“ die Gelegenheit zu nutzen, den Opfern der Stasi-Machenschaften Raum einzuräumen, um die Aufmerksamkeit auf diese Opfer zu lenken, wird wieder einmal den Tätern „zu Unrecht“ die Schlagzeile eingeräumt. Damit betreibe BILD genau das, was sie der ARD „in diesem Fall zu Unrecht“ vorwirft: Die größte Boulevard-Zeitung widmet den einstigen Tätern Aufmerksamkeit und vernachlässigt deren Opfer. Hat man gar die Vorsitzende des Frauenkreises der ehemaligen  Hoheneckerinnen in ein negatives Statement gelockt, ohne mit einem Satz auf die Qualen auch dieser ehemaligen Hoheneckerin einzugehen? „Das ist Polemik und schlechter Stil,“ empört sich Sterneberg.

Stellungnahme zum gegenwärtigen Zeitpunkt unredlich

Zu den Vorwürfen selbst will sich Sterneberg „zum gegenwärtigen  Zeitpunkt“ nicht äußern, da sie die Vorwürfe gegen Schwill im Einzelnen nicht kenne: „Das wäre unredlich.“ Sterneberg hatte mehrfach durch Forschungsarbeiten in den Akten der BStU Verstrickungen von Stasi-Akteuren aufgedeckt und dabei stets großen Wert auf die Faktenlage gelegt. So hatte Sterneberg auch die verdeckte Tätigkeit des einstigen medizinischen Leiters der DDR- Haftanstalt Hoheneck, Dr. Peter Janata, als IM „Pit“ aufgedeckt. Janata hatte Sterneberg und andere Häftlinge mit Psychopharmaka traktiert und praktiziert noch heute unangefochten in  seiner Praxis in Ahrensfelde bei Berlin. Der Fall Janata sei eine der wichtigen Vorlagen für die fiktive Rolle des Prof. Limberg, alias IM „TIM“ gewesen.

Zur Rolle von Schwill bemerkt Sterneberg, er habe den ehemaligen Führungsoffizier „hervorragend“ gespielt, vielleicht neben seinen  schauspielerischen Qualitäten auch deshalb, „weil er sich in der Materie offenbar auskenne.“ Jedenfalls hatte Tatjana Sterneberg bei ihren  Forschungsarbeiten auch den seinerzeitigen  Führungsoffizier der Stasi im DDR-Knast in Hoheneck aufgesucht, der heute in  Chemnitz wohne: „Schwill ist eine hervorragende Widerspiegelung“ dieses Führungsoffiziers.

Sterneberg hofft darauf, dass sich die ARD auch durch die BILD nicht die Programmgestaltung vorschreiben lässt und der Film mit der sehrt wichtigen nachfolgenden Dokumentation über die Frauen von Hoheneck unverändert im Programm  bleibt. Letztlich, und „das sei die gute Seite der Bild-Berichterstattung“, habe „vielleicht gerade rechtzeitig“ die Realität die zunächst fiktive Geschichte eines ehemaligen  Stasi-Mitarbeiters eingeholt, der in der Gesellschaft angekommen und kritiklos akzeptiert worden sei, wie jener Prof. Limberg. Sterneberg: „So gesehen eine absolute realistische Werbung für diesen sehenswerten Film am heutigen Abend.“

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

Berlin, 26.10.2010/cw – Im Jahre 20 nach der Wiederherstellung der Einheit schwelgt Deutschland in Jubelfeiern zu den Folgen der „Friedlichen Revolution“, die am 3. Oktober in die Wiedervereinigung mündete. Von der Öffentlichkeit bisher wenig beachtet, verliefen die Vorgänge im Jahre 1990 offenbar nicht ohne Seltsamkeiten, die heute ohne Weiteres schlicht als „Skandal“ eingestuft werden dürfen.

Tatjana Sterneberg, wegen Vorbereitung zur Republikflucht 1973 mit ihrem italienischen Verlobten verhaftet und 1974 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, verbüßte ihre Haft in der ehemaligen  DDR-Frauen-Haftanstalt Hoheneck.  Im Jahr 2008 deckte Sterneberg die Stasi-Verstrickung des seinerzeitigen „Leiters des Medizinischen Dienstes“ in der berüchtigten Haftanstalt auf. MUDr. Peter Janata hatte sich unter dem Decknamen „Pit“ der Stasi verpflichtet und über zehn Jahre der Stasi unter Umgehung der ärztliche Schweigepflicht über seine Patienten berichtet. Nach Beendigung seiner Tätigkeit in Hoheneck (1982) wurde Janata

Leiter der Medizinischen Dienste für alle Haft- und Untersuchungshaftanstalten der DDR im Innenministerium. Heute praktiziert Janata von seiner Vergangenheit unangefochten in  einer gut gehenden Praxis in Ahrensfelde bei Berlin.

Nicht anders sein Kollege aus der ehemaligen Haftanstalt Rummelsburg, in der Sternebergs Verlobter seine Haft verbüßen musste. Auch Dr. Erhard Zels verpflichtete sich als IM „Nagel“ der Stasi und praktiziert ebenfalls von seiner Vergangenheit unberührt ausgerechnet nicht weit entfernt von der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Hohenschönhausen.

Beiden gemeinsam ist nicht nur ihre Tätigkeit für die Stasi, sondern die Beauftragung der Beurteilung über die Haftfähigkeit ihres ehemaligen „obersten Dienstherren“ Erich Mielke und hernach des ehemaligen SED-Partei- und DDR-Staats-Chefs Erich Honecker im Jahre 1990. Die Bemühungen Tatjana Sternebergs, die seit Jahren unermüdlich in der Aufarbeitung tätig ist, Einsicht in die seinerzeitigen Gutachten  zu bekommen, wurden bisher von der zuständigen  Staatsanwaltschaft abgeschmettert: Die Vorgänge bzw. Akten seinen geheim und daher der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Das war wohl in den Aufbruchjahren des wiedervereinigten Deutschland noch anders. Jedenfalls berichtete Peter Przybylski in seinem Bestzeller  „Tatort Politbüro – Die Akte Honecker“ (Rowohlt, 1991) immerhin auszugsweise über die Begutachtung der ehemaligen DDR-Größen durch die beiden belasteten Ärzte. Was weder der Autor noch die Öffentlichkeit wahrnahm, war die durch Sterneberg inzwischen aufgedeckte Verstrickung der Gutachter als erfolgreiche Stasi-IM.

Peter Przybylski zitiert aus den Gutachten unter dem Kapitel „Mielkes Festnahme und Haft“ (Seite 27): „In einem ärztlichen Bulletin vom 19. Februar 1990 konstatierten die verantwortlichen Haftärzte Dr. sc. Zels und Dr. Janata: >Besonders am Abend kommt es zu Verwirrtheitszuständen, offenbar auch in Abhängigkeit von der vorausgegangenen psychischen  Belastung des Tages. Die Perspektivlosigkeit im Falle einer Verurteilung ist M. dagegen voll bewusst. Sie führt zu einer depressiven Grundstimmung, die wiederum suizidale Tendenzen verstärken konnte… Aus ärztlicher Sicht ist die Fortsetzung der Untersuchungshaft bei dem Patienten nicht mehr vertretbar<.“ (Az.: 111-1-90, Bd. 03.1).

Und im Kapitel „Ermittlungsverfahren gegen Honecker“ zitiert der Autor: „Dem Gericht lag nicht nur die Diagnose des behandelnden Arztes, Professor Althaus, sondern inzwischen auch die Stellungnahme der Haftärzte Dr. Janata und Dr. Zels vor. Beide hatten Honecker gleich nach der Vernehmung, die auf seine Wunsch hin abgebrochen wurde, untersucht. Fazit: > Nach den von uns vorgenommenen klinischen Untersuchungen bestätigen wir die Meinung von Professor Dr. Althaus, dass der Patient zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht haftfähig ist. Aus unserer Sicht ist eine psychische und physische Rehabilitation unter entsprechenden Bedingungen und ambulanter ärztlicher Betreuung für vorerst 4 Wochen erforderlich<.“ (Seiten 33/34 – Az. Bd. 01.1/1).

„Hier wurden die Böcke zu Gärtnern gemacht,“ stellte Sterneberg, Vorstandsmitglied der Vereinigung 17. Juni fest. „Die Beauftragung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter mit der Begutachtung ihrer einstigen Auftraggeber reiht sich in den Katalog der Bevorzugung ehemaliger Täter gegenüber ihren einstigen  Opfern ein.“ Die Opfer der SED-DDR-Stasi-Diktatur würden „im Schatten der Jubelfeiern zum 20. Jahrestag den berechtigten bitteren Beigeschmack einer schamlosen Verdrängung ihrer Belange“ nicht verlieren. Peter Janata und Erhard Zels würden „nach wie vor mit ihrer Reputation als Ärzte gutes Geld verdienen, während ihre Opfer, die seinerzeit nicht auf entsprechende Begutachtungen vertrauen konnten, mit einem sozialen Almosen abgespeist wurden und vielfach auch heute noch um die Anerkennung ihrer durch die Haft verursachten  gesundheitliche und beruflichen  Folgen  kämpfen müssten,“ so die Sterneberg.

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni (AK) 1953 e.V., Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953 Tatjana Sterneberg: Tel.: 030-30207778

DIE LINKE startete in Bernau Reihe „Aufarbeitung: Opfer und Täter“

25.01.2009/cw – Rund einhundert Zuhörer drängten sich in der Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt in Bernau, um einer Auftaktveranstaltung der Partei DIE LINKE beizuwohnen. Zwar betonte die Gastgeberin und Moderatorin Dagmar Enkelmann in ihrer Begrüßung, dass die Reihe „Offene Worte“ ihrer Partei auf ein zehnjähriges Bestehen rückblicken könne. Dennoch war die sonntägliche Veranstaltung ein Novum. Während ihre Bundestagskollegin Gesine Lötzsch noch unlängst die Reihe unappetitlicher Repräsentationen ehemaliger Stasi-Obristen in Lichtenberg fortsetzte, wollte Enkelmann für DIE LINKE neue Themen besetzen. Unter dem Titel „Aufarbeitung: Opfer und Täter“ hatte sie für die Verfolgten Angela Kowalczyk, für die Stasi-Seite den ehemaligen Leitenden Stasi-Psychologen Dr. Jochen Girke zum Podium geladen.

Angela Kowalczyk gehörte einst der Punk-Szene im Osten Berlins an und geriet so in die Observations- und Verfolgungs-Maschinerie der Stasi. Jochen Girke entwickelte für eben diese Stasi als Dozent an der Stasi-Hochschule in Potsdam-Golm jene Strategien, die der psychologischen Zersetzung und Vernichtung der Verhafteten dienen sollte.

Ohne jedes Wenn und Aber erklärte Girke, er sei sich seiner Schuld durch seine damalige Mitwirkung im Bereich des MfS bewusst und daher wäre ihm bereits nach 1990 klar gewesen, dass er nie mehr als Psychologe tätig sein konnte. Der einstige Missbrauch der Psychologie habe ihn geprägt.

Angela Kowalczyk trug sehr engagiert ihre noch heute andauernde Fassungslosigkeit darüber vor, das die Stasi ein junges Mädchen nur wegen ihres Anders-sein-wollens in ihre Verfolgungs-Manie einbezog.

Dagmar Enkelmann führte mit einer Sensibilität einerseits und Routine andererseits durch die Veranstaltung, als habe sie seit 1990 nichts anderes getan, als den Scheinwerfer auf die Ungereimtheiten und Verbrechen des DDR-SED-Regimes zu richten. Erst anwesende Verfolgte dieses Systems stellten mit ihren Fragen die verbreitete „Harmonie“ des Podiums, die durch weitgehend übereinstimmende Beurteilungen von Opfer und Täter vermittelt wurde, infrage.

Adam Lauks, ehemaliger jugoslawischer Staatsbürger und Anfang der achtziger Jahre durch die Stasi schwer gefoltert und missbräuchlich operiert, schilderte bewegend aus seinem Schicksal und fragte den einstigen Stasi-Psychologen nach seiner Verantwortung für Repression und Folter, die dieser bejahte und mit einer Bitte um Entschuldigung verband.

Tatjana Sterneberg, ehemalige Hoheneckerin, fragte Dagmar Enkelmann nach der Glaubwürdigkeit einer „an sich begrüßenswerten Veranstaltung.“ So habe sie als Stadträtin im Jahre 2007 in Bernau eine Überprüfung der Mitglieder des Rates auf eine ehemalige Stasi-Tätigkeit abgelehnt und damit einen ehemaligen IM, nämlich Dr. Bernd Findeis (CDU), der Patienten und Kollegen verraten habe, gedeckt. Sichtlich verunsichert argumentierte Enkelmann, sie habe eine Überprüfung abgelehnt, weil dadurch keine Änderung in der Zusammensetzung des Rates hätte erfolgen können. Ihre Partei habe aber daraus die Lehren gezogen und würde von jedem Kandidaten eine Offenlegung seiner seinerzeitigen Tätigkeiten verlangen. Auf Sternebergs Frage an Girke, wie er die Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht durch medizinisches Personal wie Dr. Findeis oder Dr.Janata, des ehemaligen Arztes im Frauenzuchthaus Hoheneck, beurteile, antwortete dieser: „Ich schäme mich dafür. Es war eine Verletzung der gebotenen Schweigepflicht.“

Doch keine Veranstaltung der LINKEn ohne Ewiggestrige. So meldete sich ein ergrauter Zuhörer erregt zu Wort und griff mit deutlichen Worten den „angeblichen Chef-Psychologen des MfS“ (Girke) an. Dieser sei „lediglich Dozent in Potsdam“ gewesen, leitende Psychologen seien „ganz andere“ gewesen, die er gut kenne. Allerdings waren nur einige fast zaghafte Zustimmungen durch Kopfnicken zu bemerken, ansonsten folgte auf diesen Beitrag eisiges Schweigen. Auch ein gewöhnungsbedürftiger Vorgang auf einer Partei-Veranstaltung der LINKEn.

So räumte Carl-Wolfgang Holzapfel von der Vereinigung 17.Juni denn auch ein, dass er nicht zögere, sich für „diesen ersten Versuch einer ehrlichen Aufarbeitung“ zu bedanken und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass dies keine „Eintagsfliege“ oder nur „wahlpolitische Taktik“ gewesen sein möge. Er kündigte eine aufmerksame „Beobachtung der Ernsthaftigkeit“ dieser überfälligen Aufarbeitung an.

© Carl-Wolfgang Holzapfel, Tel.:030-30207785 holzapfellyrag@aol.com –

Wenn die Vergangenheit zur Gegenwart wird

20.10.2008/cw/ts – „Naturheilpraxis“ stand gut lesbar auf dem Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss einer unauffälligen Miet-Reihenhaus-Anlage an einer kleinen Straße in Chemnitz. Und darunter „Diplom-Psychologe“. Nichts besonderes, denkt sich der mehr oder wenig eilig vorbei laufende Passant, falls er überhaupt von der Fenster-Reklame Notiz nimmt.

Tatjana Sterneberg hingegen liest die Schrift mit gemischten Gefühlen. Sie weiß um das Geheimnis hinter den Fenstern. Zögernd drückt sie den Klingelknopf, öffnet die Haustür und steht nun der Frau gegenüber, der sie vor 30 Jahren erstmals begegnet war.

Das war im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg, nur wenige Kilometer von Chemnitz entfernt. Die heutige Praxis-Betreiberin war seinerzeit, 1975, nach ihrem Studium der Psychologie in die Strafanstalt gekommen, um die dort einsitzenden Frauen zu betreuen.

Heute weiß Tatjana Sterneberg, dass sich Gisela Glück, so hieß die Psychologin vor ihrer Heirat, ebenfalls freiwillig der Stasi als IM zur Verfügung stellte. Wie der seinerzeitige Leiter des medizinischen Dienstes, MUDr. Peter Janata, berichtete sie Erkenntnisse, die sie im Rahmen der Betreuungsarbeit über die verurteilten Frauen erfuhr, willfährig und freiwillig der Stasi.

Sterneberg, die sich der Aufklärung von Schicksalen aus dieser Zeit und den Verstrickungen der Akteure in die Dienste der Stasi verschrieben hat, möchte Gisela Glück zur Rede stellen, sie fragen, was sie bewegt hat, gegen ihr berufliches Ethos Patienten-Daten zu verraten.

Als sich die Praxistür öffnet, steht eine unscheinbare kleine Frau im Flur. Tatjana Sterneberg stellt ihre zwei Begleiter vor, erklärt ihr Anliegen, bittet um einen Gesprächstermin. Gisela Glück ist offensichtlich überrascht, gibt spontan zu, in Hoheneck beschäftigt gewesen zu sein. Sie holt einen Kalender herbei, blättert unschlüssig in den Seiten und nennt dann einen Termin ziemlich weit in der Zukunft. Erst nach einigem Hin und her und beruhigenden Worten, dass das Gespräch maximal eineinhalb Stunden (wenn überhaupt) dauern würde, nennt Gisela Glück den Mittwoch, also zwei Tage später.

Kurz nach 16.00 Uhr, am Mittwoch, steht die Gruppe, Tatjana Sterneberg und ihre Begleiter, wieder vor der Tür. Diesmal wirkt Gisela Glück gefasst, bemüht sich zumindest, Selbstsicherheit auszustrahlen. Sie erklärt, erst einmal mit „Frau Sterneberg“ alleine reden zu wollen und verschwindet mit ihr in der Praxis. Die Begleiter bleiben draußen vor der Tür.

Nach etwa 15 Minuten steht Tatjana Sterneberg wieder in der Tür, hinter ihr Gisela Glück. Sterneberg wiederholt ruhig, wenn auch mit leicht bebender Stimme das, was ihr Glück gesagt hatte. Gisela Glück habe ihr erklärt, für ein Gespräch nicht zur Verfügung zu stehen, da in solchen Fällen nur Dreck verbreitet werde. Sie hätte da ihre eigenen Erfahrungen und würde nur noch für Gespräche zur Verfügung stehen, wenn das Ergebnis vorher in ihrem Sinne feststände. Sterneberg habe dann spontan die Verpflichtungserklärung als Stasi-IM hervorgeholt und Glück gefragt, ob sie diese Erklärung geschrieben habe und für die Stasi tätig gewesen sei. Gisela Glück habe dies ohne Zögern bejaht, aber jedes weitere Gespräch erneut abgelehnt.

Die Begleiter nutzen die Möglichkeit, fragen bei Glück nach, ob das so richtig sei und ob sie nicht doch die Chance nutzen wolle, über diese Zeit zu sprechen. Gisela Glück bestätigt, dass Frau Sterneberg alles richtig wiedergeben habe, sie aber nach wie vor nicht zu weiteren Gesprächen bereit sei.

Stasi-IM? JA. Aufarbeitung? Fehlanzeige.

Die ehemalige Insassin von Hoheneck, seinerzeit wegen der Liebe zu einem Italiener zu fast vier Jahren Zuchthaus verurteilt, braucht einige Zeit, um die Erinnerungen zurückzudrängen. Aber Tatjana Sterneberg weiß auch, dass in diesen Minuten nicht nur für sie die Vergangenheit zur Gegenwart wird, sie eingeholt hat. Und sie hofft, dass die Diplom-Psychologin hinter der Fassade einer Naturheil-Praxis beginnt nachzudenken. Über die Schicksale unzähliger Frauen, die aus politischen Gründen mit Verbrechern und Mörderinnen eingesperrt waren. Und die sie verraten hat. An eine verbrecherische Institution, die sich als Schild und Schwert der Partei verstand und der im Namen einer eigenen politischen Wahrheit jedes Verbrechen recht war, um vorgebliche Feinde zu bekämpfen und zu vernichten.

Wenn Tatjana Sterneberg nicht von dieser Hoffnung getragen werden würde, würde sie in einem solchen Moment zusammenbrechen. So wischt sie sich verstohlen eine Träne aus dem Auge und fragt tapfer: „Gehen wir einen Latte Macciato trinken?“

© 2010 Alle Rechte: Carl-Wolfgang Holzapfel, Berlin. Tel.: 030/30207785 holzapfellyrag@aol.com

© Foto bei: Peter Ullmann, Ehrenfriedersdorf, Tel.: 0373413585 (bitte ggf. anfordern)

-Foto 1 zeigt Tatjana Sterneberg mit Gisela Glück in Chemnitz-

-Foto 2 zeigt das beschriebene Fenster „Naturheilpraxis“-

Weitere Fotos auf Anfrage

V.i.S.d.P.: C.W.Holzapfel, Vereinigung 17.Juni 1953 e.V., Tel.: 030-30207785

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