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Berlin, 30.11./1.12.2012/cw – Die FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag hatte infolge der am 16.11. d.J. der Öffentlichkeit präsentierten Untersuchungsergebnisse zur Ausnutzung der Zwangsarbeit in  der DDR durch das schwedische Möbelhaus IKEA zu einer Anhörung in den Bundestag (Paul-Löbe-Haus) eingeladen. Zahlreiche Vertreter der Verfolgten-Organisationen der SED-DDR-Diktatur waren aus der Ferne angereist, um dieser „längst überfälligen Anhörung“ (MdB Kurth) beizuwohnen.

Als Sachverständige waren eingeladen: Hugo Diederich, Bundesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS); Dr. Steffen Alisch, Forschungsverbund SED-Staat an der FU; Roland Jahn, Leiter der BStU; Dr. Anna Kaminsky, Bundesstiftung Aufarbeitung; Günter Saathoff, Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft; Dr. Karin Schmidt, Juristin aus Rostock und Dr. Christian Sachse, wiss. Mitarbeiter der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG).

Sachverständige: Dr. Steffen Alisch und Hugo Diederich (VOS), von links nach rechts - Foto: LyrAg

Sachverständige: Dr. Steffen Alisch und Hugo Diederich (VOS), von links nach rechts – Foto: LyrAg

Burkhardt Müller-Sönksen, Medienpoliti- scher Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, begrüßte die Teilnehmer und zeigte sich über das große Interesse sehr erfreut. Die FDP habe sich spontan zu dieser Anhörung entschlossen, nachdem IKEA immerhin als bisher einzige Firma eine Mitverantwortung für die Ausnutzung der Zwangsarbeit in den Zuchthäusern der DDR eingeräumt habe. Dies sei ein  Anfang, aber noch lange kein Ende: „Die Täter haben  einen  Namen,“ betonte Müller-Sönksen und es sei an der Zeit, diese zu benennen.

FDP-MdB Patrick Kurth, Berichterstatter für die Aufarbeitung des SED-Unrechtes in der Bundestagsfraktion der Liberalen, erinnerte an die Anfrage des Abgeordneten  Dr. Hennig von 1978 zur Zwangsarbeit. Der damaligen Bundesregierung sei die Antwort nur 28 Zeilen wert gewesen. Diese „frühe Anfrage“ zeige aber auch, daß das Thema „nicht erst heute“ aufgekommen sei. Gleichwohl sei die Zwangsarbeit in  der DDR von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen oder verdrängt worden. Dem wolle die FDP aktiv entgegentreten.

VOS fordert direkte Wiedergutmachung 

Hugo Diederich, als erster Redner der Sachverständigen und neben Roland Jahn als Sachverständiger einziger Betroffener des DDR-Unrechtes, sorgte zum Auftakt gewissermaßen für einen Paukenschlag, als er namens des größten Einzelverbandes der Verfolgten die Einrichtung eines „Zwangsarbeiterfonds“ forderte, aus dem die einst schamlos Ausgebeuteten finanzielle Wiedergutmachung erhalten sollten. Der VOS-Vorsitzende erinnerte daran, daß die VOS bereits 2005 an die seinerzeitige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) in dieser Sache geschrieben habe und dabei von dem verstorbenen, von  den Opfern unvergessenen Hermann Kreutzer unterstützt worden sei.

Steffen Alisch erinnerte an die anderen Großbetriebe, wie Quelle und Photo-Porst, die sich nachhaltig vor ihrer Verantwortung ggüb. der Zwangsarbeit durch die DDR gedrückt hätten. Zwar sei das Bekenntnis von IKEA ein Fortschritt, die vorgelegte Studie in ihrem öffentlich gemachten Teil „aber nichtssagend.“ Alisch unterstützte den VOS-Vorschlag ausdrücklich, weil es kaum möglich sei, eine individuelle Entschädigung nach dieser Zeit durchzusetzen.

BStU-Chef Roland Jahn merkte an, für ihn  sei es schwierig, als „Experte“ aufzutreten, da das Thema noch zu wenig erforscht sei: „Uns fehlen die ausreichenden Kenntnisse.“ Die BStU habe IKEA rund 1.150 Seiten umfassende Akten zur Auswertung übergeben. Dennoch wären die vorgelegten  Erkenntnisse nur ein „halber Schritt“. Jahn forderte IKEA auf, trotz der nachvollziehbaren Einschränkungen  durch den Datenschutz der Öffentlichkeit den vollständigen  Bericht vorzulegen: „Nur so sei eine Beurteilung möglich.“ Die Beteiligten ständen erst „am Anfang einer notwendigen  Diskussion,“ betonte Jahn. Eine Pauschalisierung der Zwangsarbeit sei nicht möglich und nicht hilfreich.

Eine FDP-Troika leitete souverän die Anhörung (v.l.n.r.): Reiner Deutschmann, Patrick Kurth (Moderation), B. Müller-Sönksen- Foto: LyrAg

Eine FDP-Troika leitete souverän die Anhörung (v.l.n.r.): Reiner Deutschmann, Patrick Kurth (Moderation), B. Müller-Sönksen
– Foto: LyrAg

Anna Kaminsky erinnerte an die besonders gravierende Fallhöhe für IKEA zwischen dem Image als familienfreundlicher, familienorientierter Konzern und dem Vorwurf, die Zwangsarbeit für den eigenen Profit ausgenutzt zu haben. Hier habe also zwingend Handlungsbedarf bestanden. IKEA habe immerhin in den achtziger Jahren bis zu zwanzig Prozent der Produktion in der DDR erstellen lassen. Hier stelle sich auch die Klärung der Frage, was die Politik wusste. Kaminsky schloss sich der Forderung von Steffen  Alisch an, für die Betroffenen für den Bereich der Haftfolgeschäden die Beweislastumkehr einzuführen. Auch sei eine Erhöhung der derzeitigen  monatlichen Entschädigung für erlittenen Haftzeiten unumgänglich.

Mangelhafte Begriffsklärung für Zwangsarbeit

Günter Saathoff machte die „mangelnde Zusammenarbeit linker und rechter Gehirnhälften“ für die notdürftige, weil mangelhafte Begriffsklärung für „Zwangsarbeit“ verantwortlich. Er erinnerte an die deutliche Diskrepanz zwischen der „tatsächlichen Zwangsarbeit“ im NS-Staat und der Arbeit in den Zuchthäusern der DDR, die „von  Kriminellen gleichermaßen wie von politisch Verfolgten“ zu leisten gewesen sei. Saathoff mahnte eine wissenschaftlich zu erforschende Begriffsklärung an, ehe wir über „die hier vorgetragenen Inhalte“ sprechen könnten.

Karin Schmidt betonte, dass zweifelsfrei der wirtschaftliche Nutzen der Zwangsarbeit im Vordergrund stand und führte u.a. als Beweis das Fehlen einer leistungsgerechten Bezahlung für die erzwungene Arbeit an. Die Politik habe sich dieses Themas wohl auch deswegen  entzogen, weil es „auf dem Papier“ keine Unterscheidungzwischen kriminellen und politischen Gefangenen gab.

Christian Sachse betonte seine Überzeugung, nach der „die gesamte Spitze von IKEA“ die Akten zur Zwangsarbeit gelesen habe. Er habe für die UOKG zwischen September und November des Jahres über eine Beteiligung des Möbel-Konzerns an einem Forschungsprojekt verhandelt und IKEA habe dies dankenswerterweise zugesagt. Erste Ergebnisse seien allerdings erst in etwa fünf Jahren zu erwarten, bis dahin müsse die Frage nach einer wie immer gearteten Entschädigung offen bleiben. Sachse erinnerte in seinen Ausführungen auch an die Veröffentlichung von Karl-Wilhelm Fricke im  Jahr 1979 zur Zwangsarbeit. So habe auch die Reichsbahn von  dieser Arbeitsform profitiert und es stelle sich die Frage, inwieweit die Deutsche Bahn  als Rechtsnachfolger bereit sei, sich dieser Verantwortung zu stellen.

Auch Deutsche Bahn  soll sich ihrer Verantwortung stellen

Eine Grauzone skizzierte Sachse nach Meinung von Beobachtern allerdings mit der detaillierten Anführung  über Zwangsarbeiten von Jugendlichen.  So seien von über vierzehnjährigen Jugendlichen  Arbeiten bis zu 16 Stunden  täglich erzwungen  worden. Sachse ließ dabei außen vor, dass es diese Ausbeutung bis Ende der sechziger Jahre auch in der alten Bundesrepublik gegeben hatte, gewissermaßen ein gesamtdeutsches Vermächtnis. Der Sachverständige führte auch aus, dass es  im Gegensatz zu späterer Praxis in  den fünfziger Jahren sogar Tarife in den sogen. Jugendwerkhöfen gegeben habe. Anmerkung: Die gab es in der alten Bundesrepublik in vergleichbaren staatlichen  oder kirchlichen Einrichtungen nie.

Sachverständig: Dr. Karin Schmidt, Rostock und Dr. Anna Kamisky, Stiftung SED-Unrecht (v.l.n.r.) -Foto: LyrAg

Sachverständig: Dr. Karin Schmidt, Rostock und Dr. Anna Kamisky, Stiftung SED-Unrecht (v.l.n.r.) –
Foto: LyrAg

In der anschließenden Diskussion, wegen der aktuellen Abstimmung im Bundestag zur Griechenland-Hilfe war die Anhörung kurzeitig unterbrochen, kamen auch übrige Teilnehmer zu Wort. So verwies Frau Rauschenbach vom Bundesarchiv über das Vorhandensein von rund zweihundert Akten zum Thema Arbeitseinsatz. Diese beträfen aber nur bestimmte Zeitschienen, seien also nicht vollständig.

UOKG: Entschädigungsforderungen – Was haben wir damit gewonnen? 

Reiner Deutschmann, FDP/MdB, merkte an, die Politik sei nach dem Bewusstseinswandel bei IKEA zum Handeln gezwungen. Christian Sachse stellte kritisch die Forderungen nach Entschädigungen infrage: „Was haben  wir damit gewonnen?“ und plädierte erneut für eine zunächst erforderliche ergebnisoffene Forschung, während Günter Saathoff appellierte, „Generalangriffe auf Einzelne“ zu vermeiden und sich für eine „kollektive Lösung“ aussprach, die auf freiwilliger Basis alle infrage kommenden Firmen einschließen sollte.

Burkhardt Müller-Sönksen merkte in seinem  Schlusswort für die FDP-Fraktion an, nach der Erforschung der und entsprechenden Erkenntnissen über die Zwangsarbeit sei erst im  zweiten oder dritten Schritt eine Entschädigung, möglicherweise über eine Stiftung zu erwarten.

Patrick Kurth dankte als souveräner Moderator für das „überraschend große Interesse“ an dieser Anhörung und versprach, „zeitnah eine Folgeveranstaltung“ durchzuführen, auf der auch die direkt Betroffenen zu Wort kommen sollten.

Am Rande der Veranstaltung war aus als zuverlässig geltender Quelle zu erfahren, dass seitens IKEAS für die geplante Erforschung der Zwangsarbeit Beträge in „Millionenhöhe im Raume“ ständen.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

 Siehe auch LINK (DIE WELT):

http://www.welt.de/eilmeldung/article111731312/Stasi-Behoerde-stochert-bei-Zwangsarbeit-im-Nebel.html

FDP:

981-Kurth-Mueller-Soenksen-DDR-Zwangsarbeit.pdf

Dieser Beitrag wurde aus folgenden Ländern gelesen:

Deutschland, USA, Philippinen, Marocco, Süd Afrika, Italien, Groß Britannien, Russland, Österreich, Schweiz, Brasilien, Schweden

http://www.fdp-fraktion.de/Pressemitteilungen/263c6/index.html?id=18021

Berlin, 30.11.2012/cw – Die Bundestagsfraktion der FDP erörtert heute das Thema „DDR-Zwangsarbeit“ und hat dazu Fachleute und Vetreter der Opferverbände der SED-Diktatur in das Paul-Löbe-Haus (10:00 – 12:00 Uhr, Raum E 200) eingeladen. Nach Mitteilung des FDP-MdB Patrick Kurth werden in der „Öffentlichen Fachanhörung zu Zwangsarbeit im DDR-Strafvollzug“ u.a. Roland Jahn (BStU), Dr. Anna Kaminsky (Bundesstiftung Aufarbeitung) und Hugo Diederich (Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V.) zu Wort kommen. Danach gehöre das Thema Zwangsarbeit und „eine umfassende politische Beschäftigung mit der Problematik  in den Deutschen Bundestag.“Die FDP wolle hier den Anfang machen und erhoffe sich eine breite politische Diskussion.

Am gestrigen  Abend verbreitete die Deutsche Welle erneut einen TV-Beitrag zur Thematik. In der Sendung POLITIK DIREKT kamen u.a. Roland Jahn, BStU, Klaus Schröder vom Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin und Tatjana Sterneberg, ehemalige Hoheneckerin, zu Wort. Der Beitrag ist abrufbar unter:

http://www.dw.de/politik-direkt-das-politikmagazin-2012-11-29/e-16362580-9800

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17.Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

Berlin, 15.Juni 2012/cw – Die LINKE entdeckt den 17. Juni. Allerdings nicht, um sich des Versagens der einstigen Staatsführung und -Partei zu erinnern, die wesentlich identisch waren, sondern um dem Tag offensichtlich ein  anderes Gepräge, sprich Erinnern zu geben.

Die SED/PDS, PDS und heute DIE LINKE feiert an diversen Orten vom 15. – 17. Juni eigens organisierte Feste. Während sich in Berlin bereits Opferverbände empörten, wird in Thüringen eine Debatte offenbar auf höherem Niveau geführt.

Auslöser dafür war ein offener Brief  des Thüringer FDP-Generalsekretär Patrick Kurth, in dem dieser die LINKE auffordert, das Fest abzusagen, das bis zum Tag des Volksaufstandes in der DDR dauern soll. Im Gegensatz zur Berliner Partei-Formation, die auf die Proteste gegen die rote Festivität zum Volksaufstand nicht einging, nahm der rührige Fraktionsvorsitzende der einstigen Honecker-Partei den Ball auf und warf im Gegenzug – ebenfalls in einem offenen Brief – den Liberalen vor, mit dem Kurth-Brief zu versuchen, den Stammtisch zu besetzen.

Wir dokumentieren den öffentlichen Disput unwesentlich gekürzt:

Grenzwertiges Fest an diesem Tag geschmacklos

Sehr geehrter Herr Ramelow,

am Wochenende jährt sich zum 59. Mal der DDR-Volksaufstand.

Beginnend in den Abendstunden des 15. Juni 1953 wagten unter anderem Arbeiter auf Baustellen und in Fabriken der DDR den Widerstand gegen die Diktatur. Die Rote Armee und die Volkspolizei schlugen den Aufstand zwei Tage später direkt nieder.

Im Nachgang sicherten Volkspolizei, Staatssicherheit und Justiz die Macht des SED-Staates durch regelrechte Säuberungen. Mehr als 1600 Aufständische und Verdächtige wurden verurteilt, zum Teil zu langen Haftstrafen in Gefängnissen, Zuchthäusern oder in Sibirien.

Die Ereignisse vom 15. bis 17. Juni 1953 waren der erste Aufstand im kommunistischen Teil Europas. Er wurde von den kommunistischen Machthabern als Konterrevolution bezeichnet, die SED hat bis zuletzt das gewaltsame Vorgehen gerechtfertigt.

Bis zur Wiedervereinigung war der 17. Juni Nationalfeiertag in der Bundesrepublik. Noch heute erinnern zahlreiche Veranstaltungen richtigerweise an den DDR-Volksaufstand. Der Mut und die Opfer der Bürger gegen einen diktatorischen Staat, die Achtung für ihr Eintreten gegen Willkür und ihr letztlich blutiges Scheitern sind Kerninhalt unseres Grundkonsenses. Gerade die Toten mahnen uns.

Die Linke hat entgegen des angebrachten Gedenkens für eben dieses Jubiläumswochenende ein sogenanntes „Fest der Linken“ organisiert. Bereits am 15. und 16. Juni werden laut Programm unter anderem Partys mit kubanischen Livebands oder auch „Das besondere Mega-Konzert“ gefeiert. Am Tag der blutigen Niederschlagung finden sich Programmpunkte wie „Andrej Hermlin and his Swing Dance Orchestra“, „Ulf und Zwulf“ oder „Alice auf Kaninchenjagd“ – also insgesamt ein buntes Programm mit Jazz-Musik, Kinderunterhaltung und Diskussionsrunden.

Den krönenden Abschluss bietet das „Liebeslieder-Konzert“ vom allseits bekannten Kollegen Diether Dehm. Eine Gedenkminute oder eine Kranzniederlegung findet sich auf dem umfangreichen Programm indes nicht.

Ich halte es für undenkbar, dass diese Veranstaltung zum anberaumten Termin stattfinden kann.

Es ist eine große Provokation, am Jubiläumswochenende dieses geschmacklose und für den gesellschaftlichen Grundkonsens zumindest grenzwertige „Fest“ durchzuführen. Dies geht zu weit und überschreitet die Grenze des gesellschaftlich Erträglichen.

Wie dem offiziellen Programm zu entnehmen ist, planen indes auch Sie persönlich, an der Veranstaltung teilzunehmen. Daher fordere ich Sie zu einer Erklärung auf, wie Sie Ihre Teilnahme mit dem gesellschaftlichen Grundkonsens und Ihrer historischen Verantwortung vereinbaren können, die DDR-Diktatur gegenüber den Nachfolgegenerationen nicht zu beschönigen. Ich bitte Sie dringend, Ihren Auftritt beim „Fest der Linken“ dahingehend zu überprüfen. Überdies habe ich die beiden Parteivorsitzenden heute aufgefordert, das „Fest der Linken“ umgehend abzusagen. Ihrer Erklärung sehe ich mit Interesse entgegen und freue mich über eine zeitnahme Antwort.

Mit freundlichen Grüßen, Patrick Kurth“

 

Hier die Replik von Bodo Ramelow:

DIE LINKE muss sich mit dem 17. Juni auseinandersetzen

„Sehr geehrter Herr Patrick Kurth,

 in der Tat – Ihr Brief trägt „grenzwertigen“ Charakter und zeigt mir, auf welch seltsame Art Sie als Geschmacksbestimmer des Stammtisches tätig werden wollen.

Tatsächlich ist der 17. Juni ein wichtiges Datum, und die 59. Wiederkehr der Ereignisse in der damaligen Stalin-Allee sowie die daraus resultierenden Proteste sind für mich starke Argumente, mit denen sich Die Linke auseinandersetzen muss.

Der Bundestagsabgeordnete, der für die PDS kandidiert hat – der Schriftsteller Stefan Heym – hat in seinem Buch „5 Tage im Juni“ eine spannende Lektüre geschaffen. Dass in der DDR dieses Buch zwar in den 50er Jahren in einer Vorfassung noch abgedruckt wurde, später aber nicht mehr zugelassen war, zeigt, wie engstirnig die DDR-Oberen zum Thema 17. Juni agiert haben.

Ich glaube kaum, dass Sie ernsthaft mit mir darüber reden wollen, denn als Generalsekretär einer Blockpartei hätten Sie Gelegenheit, über den LDPD-Teil selbst zu reflektieren. Dass Sie mich sogar auffordern, auf meine Lesung aus dem Buch „Made in Thüringen?“ – Nazi-Terror und Verfassungsschutz-Skandal“ zu verzichten und zudem meine Lesung überhaupt nicht am 17. Juni stattfinden wird, zeigt nur, dass es Ihnen weder um differenzierte Sichten noch um den 17. Juni selbst geht, sondern offenbar um Ihre Form, sich nur des Themas zu bemächtigen.

Ich könnte Ihnen genauso dringlich die Frage vorlegen, wie Sie und Ihre schlagende Verbindung sich zu den Ereignissen von Eisenach stellen. Da Sie aktives Mitglied der „Germania Jena“ sind, die – soweit ich weiß – nicht in der DB vertreten ist, frage ich Sie nach Ihrer burschenschaftlichen Sicht, ob es legitim ist, Herrn Bonhoeffer heute so zu bezichtigen, wie es die Vertreter der DB getan haben und wie es der Mehrheitsbeschluss anschließend sogar noch faktisch bekräftigt hat.

Da Sie aber von der DB als aktiver Burschenschaftler im Deutschen Bundestag präsentiert wurden, bezieht sich zumindest die DB auf Sie und deshalb meine Frage, wie geschmacklos diese Provokation durch die Burschenschaftsorganisation zu werten ist, die den Grundkonsens in Deutschland mit Füßen tritt. Ihrer Stellungnahme sehe ich entgegen.

Eine letzte Frage habe ich allerdings auch an Sie als Thüringer Bundestagsabgeordneten und als Generalsekretär einer Partei, die von Thüringerinnen und Thüringern gewählt werden möchte: Verlangen Sie auch, dass das am gleichen Tag stattfindende Krämerbrückenfest eingestellt wird?

Oder verlangen Sie von mir, dass ich – falls ich zum Krämerbrückenfest gehen möchte – dort nicht hingehen darf? Oder verlangen Sie, dass der 17. Juni zu einem stillen Gedenktag wird, an dem Feiern in genereller Art verboten sein sollen oder geht es Ihnen nur darum, dass meine Partei am 17. Juni, am Tag des Mauerbaus oder an anderen Gedenktagen der DDR nicht feiern darf, damit es generell keine Irritationen gibt?

Bedeutet das, dass wir in Zukunft den Tag der Maueröffnung nicht mehr feiern dürfen, weil er gleichzeitig einer der schrecklichsten Tage des Nationalsozialismus ist?

Dass Sie und Ihre Partei aber auf der Seite der Arbeiter stehen würden, wage ich zu bezweifeln. So oder so: Arbeiterkämpfe um gerechten Lohn sind nun wahrlich nicht die Angelegenheit Ihrer Partei, und deshalb gedenke ich dem 17. Juni auf meine Art – unbelästigt von Ihren Vorschriften, die Sie versuchen, anderen zu machen.

Mit freundlichen Grüßen, Bodo Ramelow“

 

Kommentar:

Nicht DIE LINKE hat diesen Tag aus dem Gedächtnis rasiert

Die Aufregung um  die Festivitäten am 17. Juni erscheint uns als aufgesetzt. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir als Vereinigung fast gleichlautende Proteste gegen den Missbrauch des Gedenktages an den Volksaufstand durch entsprechende Nutzung für „Freizeit, Sport und Spiel“ erhoben. Wir sind dafür zunehmend müde belächelt oder gar zynisch mit Injurien bedacht worden. Keine Partei, auch die FDP nicht, trat uns seinerzeit zur Seite. Ausgenommen von dieser Kritik: Bayern. Auf unseren seinerzeitigen Protest gegen die Veranstaltung der Ritterspiele in Kaltenberg, einer international einmaligen  Reminiszenz an das Mittelalter am Tag der Deutschen Einheit, wurde diese Veranstaltung bis auf den heutigen Tag auf einen anderen Zeitraum verlegt.

Natürlich entspricht es dem üblichen  Stil dieser Partei, an die Stelle von Sachargumenten mit anderen Themen aufzuwarten, so Ramelow mit seiner Anführung der Burschenschaften und Kurths Mitgliedschaft in der Verbindung. Schlägst du meinen Lukas, hau ich deinen Lukas.

Abgesehen von diesem leicht durchschauten  Geplänkel hat Bodo Ramelow aus unserer Sicht allerdings Recht: Warum soll nicht auch an einem Tag gefeiert werden, der immerhin von den Urhebern als arbeitsfreier Gedenktag zugunsten  eines „Gedenktages nach Aktenlage“ abgeschafft wurde? Nicht DIE LINKE hat diesen Tag wesentlich aus dem Gedächtnis des Volkes rasiert, sondern der Einheitskanzler Kohl und seine willigen  Gefolgsleute.

Wir sollten also die Kirche im Dorf lassen. Solange in Berlin jedes Jahr am 17. Juni feierliche Reden gehalten werden und die gleichen verantwortlichen Politiker sich der Benennung eines kleinen, aber wichtigen Platzes vor dem Bundesfinanzministerium in „Platz des 17. Juni 1953“ mit haarsträubenden Argumenten widersetzen, solange haben Proteste, wie die von Herrn Kurth , so ehrenvoll seine Motivation sein mag, einen mehr als schalen Beigeschmack. Denn die FDP sitzt auch in der Bundesregierung. Herr Kurth, wir wären Ihnen dankbar, wenn  Sie zumindest die selbe Energie dafür aufbringen  würden, diesen Platz zumindest bis zum  60.Jahrestag des Volksaufstandes zu benennen. Von hier ging am 16. Juni der Aufruf zum Generalstreik über den Äther und die Mundpropaganda: „Morgen früh, am Strausberger Platz“.

Wir werden auch heuer wieder der Opfer und Toten des Volksaufstandes gedenken. Wir werden aber ebenso feiern, dass die Forderungen, Träume und Ziele der Aufständischen von 1953 so traumhaft friedlich 1989/1990 in Erfüllung gegangen sind.

Carl-Wolfgang Holzapfel                                                                                                                                           Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.

 

 V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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