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Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin/München, 15.10.2019/cw – Zunächst eine notwendige Vorbemerkung: Das jüngst bei PIPER verlegte Buch wurde von dem deutschen Historiker Bodo von Hechelhammer (1968) geschrieben. Er war langjähriger Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) und leitet inzwischen als Chefhistoriker das Historische Büro im BND, teilt der Verlag im Klappentext mit.

Diese Vorbemerkung ist notwendig, weil der Leser nicht ausschließen kann, hier mit einem durchaus spannenden Buch nur über Vorgänge informiert zu werden, die die vermutete hauseigene Zensur durchlaufen haben. Das wird indirekt auch eingeräumt, weil der BND nach der im Austausch mit Spionen erfolgten Freilassung Felfes und seiner Übersiedlung in die DDR mit der Veröffentlichung seiner Biografie rechnete. Diesem geplanten Propaganda-Coup der DDR wollte man rechtzeitig mit einer „hauseigenen“ Veröffentlichung zuvorkommen, was aus diversen Gründen, im Buch immer wieder ausgeführt, zunächst nicht gelang. Außerdem widersprachen die beidseitig geplanten Veröffentlichungen den ursprünglichen Vereinbarungen über den durchgeführten Agentenaustausch.

„SPION OHNE GRENZEN – Heinz Felfe, Agent in sieben Geheimdiensten“, Bodo von Hechelhammer, 356 Seiten, Anhang 51 Seiten, PIPER-Verlag München, 02.09.2019, ISBN 978-3-492-05793-6, 24,00 €.

Im Vorwort weist der Autor rechtens darauf hin, dass Pannen und Skandale immer wieder einen Lichtstrahl „in die verschlossenen Welt der Geheimdienste“ dringen lässt, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht und (oftmals) zu politischen Krisen führte. Der Fall des Heinz Felfe gehört in vorderster Linie dazu. Seine endliche Verhaftung im Jahr des Mauerbaus (1961) löste in der Bundesrepublik politisch ein Erdbeben und – was nicht nur dem BND gar nicht recht sein konnte – auch eine gründliche öffentliche Darstellung über dessen Entstehungsgeschichte unter der Führung des umstrittenen Reinhard Gehlen aus. Gehlen, der sein Handwerk im Dritten Reich in der Auslandsspionage unter „Fremde Heere Ost“ gefestigt hatte, bot den Amerikanern nach Kriegsende seine Kenntnisse über den einstigen alliierten Verbündeten und nunmehrigen Kalten-Kriegs-Gegner Sowjetunion an und wurde offenbar ohne viel Federlesens dankbar in die Dienste des amerikanischen Geheimdienstes übernommen (Organisation Gehlen). Die Übernahme der Organisation als BND in die deutsche Verantwortlichkeit erfolgte, was die doch sehr umfangreiche Einbeziehung ehemaliger NS-belasteter Kader angeht, ebenso kritiklos in Anlehnung an die Praxis der US-Geheimdienste.

In diesem „großen Teich der Möglichkeiten“ fand schließlich auch Heinz Felfe sein Berufsfeld. „Die Skrupellosigkeit des Doppelspions Heinz Felfe erschütterte die BRD in ihren Grundfesten. Bis 1945 war der SS-Obersturmführer im Sicherheitsdienst tätig, unterwanderte danach als V-Mann von MI6 und dem Vorläufer des BND kommunistische Organisationen – um sich 1951 auch noch vom KGB anwerben zu lassen. Der Auftrag: Eindringen in die von der CIA geführte Organisation Gehlen. Im BND stieg er ironischerweise bis zum Leiter der Gegenspionage Sowjetunion auf und verriet alles und jeden an Moskau“, so eine Beschreibung des Verlages.

Von Hechelhammer zeichnet akribisch die Lebensdaten des einstigen SS-Obersturmführers im Sicherheitsdienst nach, verzichtet aber nicht auf begleitende Biografien im Umfeld Felfes, die das Bild eines ausschließlichen Falles „Felfe“ dankenswerterweise negieren. Der BND hatte nicht nur alte SD-Kader aus dem Dritten Reich übernommen, sondern hatte auch einige, wenn auch kleinere Felfes in seinen Reihen.

Die Durchdringung des westdeutschen Geheimdienstes durch den sowjetischen KGB und das MfS der DDR erscheint hier als Belegung einer durch den Fall Felfe endlich erkannten latenten Gefahr, die in ihrem Ausmaß nur mit den bösen Absichten des Gegners als erklärbar erscheinen. Dass dem Geheimdienst der Bundesrepublik ebenso spektakuläre Platzierungen zum Beispiel im Ministerpräsidentenbüro der DDR bei Otto Grotewohl (1894 – 1964) gelangen, wird erst gar nicht erwähnt. Dagegen werden Wege, Reisen und Ambitionen des in der DDR zum Professor an der Humboldt-Universität mutierten einstigen Spitzenagenten Felfe, der immerhin sieben (!) Geheimdiensten, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität gedient hatte, so biografisch geschildert, als hätte der BND seinen einstigen Spitzenmann auch in der DDR-Diaspora bis zu seinem Tod in dessen unmittelbarer Nähe begleitet.

Mit den angedeuteten Einschränkungen ist dem BND-Autor ein für den historischen Interessenten spannendes Werk gelungen, das gerade auch durch seine erkennbaren Widersprüchlichkeiten einen ziemlich guten Einblick in die Welt der Geheimdienste ermöglicht. Die Entstehungsgeschichte des BND, die skandalöse Aufdeckung der Infiltration durch den KGB in Gestalt des großen Felfe und seiner kleinen Adepten ist mit dem Aufbau der Bundesrepublik Deutschland untrennbar verbunden. Sie lässt letztlich auch eine Erklärung der Einbindung alter MfS-Kader in das Gefüge des wiedervereinten Deutschland zu, ohne dass der Autor auf diesen Komplex auch nur ansatzweise eingeht (was wohl der angesprochenen Bindung an die aktuellen Interessen nicht nur des BND geschuldet sein mag).

Ein umfangreicher Anhang (51 Seiten), der die gründlichen Recherchen zu diesem Buch belegt, unterstreicht die angestrebte Seriosität der vorgelegten Biografie über „den“ Spion in der (alten) Bundesrepublik.

Veranstaltungshinweise:

Lesung und Gespräch am 17. Oktober 2019, 14:20 Uhr FAZ-Stand auf der Frankfurter Buchmesse, Halle3.1, D106

Eine szenische Lesung zusammen mit Robert Rescue am 18. Oktober 2019 um 20:00 Uhr, „Periplaneta“, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin.

Buchvorstellung, am 19.11.2019 um 18.30 Uhr, ehemalige Stasi-Zentrale, Campus für Demokratie Haus 7 , Ruschestraße, Berlin-Lichtenberg
Veranstalter: Robert-Havemann-Gesellschaft

Lesung und Gespräch am 12. Dezember 2019, 19:00 Uhr Zeitgeschichtliches Forum, 04109 Leipzig

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.485).

Berlin, 21.04.2013/cw – Mehrere Nachrichtenagenturen und  -dienste melden heute, daß die Bundesregierung 60 Jahre nach dem Volksaufstand von 1953 die Akten der „Organisation Gehlen“, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND), zum Volksaufstand freigegeben habe. Sie beziehen sich übereinstimmend auf Meldunge des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL (http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/westdeutsche-geheimdienstakten-zu-ddr-aufstand-1953-freigegeben-a-895531.html).

Nach diesen ersten  Mitteilungen glaubte die Organisation Gehlen an einen von den Sowjets selbst inszenierten Putsch, der dann  außer Kontrolle geraten sei. Zwar habe die Organisation „mehrere hundert Agenten“ in der einstigen  DDR geführt, von diesen aber nur spärliche Informationen erhalten, da Westberlin während des Aufstandes abgeriegelt gewesen sei. Informationen seien aber überwiegend direkt in Westberlin übermittelt worden. So habe die Organisation Gehlen wohl eher spekuliert als über nachweisbare Informationen verfügt. Daher habe der Dienst „das Ausmaß der Rebellion unterschätzt“ und andererseits die „Zahl der Toten überschätzt.“

In einer ersten Reaktion teilte die in Berlin ansässige Vereinigung 17. Juni 1953 mit, es handele sich hier nicht um „exclusive Neuigkeiten.“ Einstige Aufstandsführer hätten schon damals – nach dem Aufstand – die „Mär von einem Putsch westdeutscher Agenten“ in das Reich der Fabel verwiesen. Allerdings wurde bereits nach dem Aufstand unter ehemaligen Teilnehmern über eine „indirekte Auslösung oder Beförderung der Unruhen durch interessierte sowjetische Kreise“ spekuliert. So wurden Gerüchte kolportiert, ein hoher sowjetischer Vertreter habe sogar politische Oppositionelle im Zuchthaus Bautzen kontaktiert, um über eine Ablösung Ulbrichts, des damaligen SED-Chefs und DDR-Diktators zu eruieren.

Friedrich Schorn, einst Streikführer in den Leuna-Werken, berichtete seinerzeit gar über „Angebote einer Sowjet-Delegation“, in eine neue DDR-Regierung eintreten zu können. Vorraussetzung sei die Akzeptanz von mindestens fünf durch die Sowjets bestimmte Minister. Schorn habe dieses „Diktat“ abgelehnt und war kurz darauf nach Westberlin geflüchtet.

Der Sprecher des Vereins, der Friedrich Schorn noch selbst gekannt hat, verweist allerdings darauf, daß zwar Verhandlungen mit einem sowjetischen Kommandeur vor Ort verifiziert seien, wohl die einzige Ausnahme während des Aufstandes, hingegen bisher nicht die von Schorn kolportierten Angebote bezüglich eines DDR-Kabinetts. „Das bleibt im Raum und harrt der Aufklärung,“ so der Sprecher. Begrüßenswert sei allemal die Öffnung des Gehlen-Archivs. Spezifischer würden allerdings die offenbar vorhandenen Tagebücher des seinerzeitigen  Geheimdienstchefs der UdSSR, Lawrenti Beria, Auskunft geben können. Ein Historiker und nachfolgender General in der jetzt ukrainischen Armee habe Ende der neunziger Jahre bei einem  Gespräch in  München erklärt, er habe Zugang zu diesen Tagebüchern und werde dem Wunsch entsprechend speziell nach Einträgen  zum 17. Juni 1953 forschen. Nach dessen Ernennung zum General sei der Kontakt des jetzigen Vorsitzenden der Vereinigung zu dem Historiker allerdings abgebrochen.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Tel.: 030-30207785

 

 

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