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Halberstadt/Berlin, 12.09.2017/cw – Sie präsentiert sich als ALTERRNATIVE für Deutschland, die neu aufstrebende Partei AfD, die sich zwischenzeitlich von ihrem Gründervater getrennt hat, offensichtlich aber nicht von durchaus dubiosen Figuren in ihrem Spektrum. Natürlich sind viele Anwürfe, besonders im Wahlk(r)ampf, auf das Gockel-Gehabe etablierter Parteien zurückzuführen, die um ihre gewohnten Futternäpfe fürchten. Das war in dieser Republik noch nie anders, die einstigen GRÜNEN könnten davon ein Lied singen, würden sie sich nicht selbst inzwischen an der schwarz-rot-goldenen Futterkrippe befinden. Die verspricht nicht nur viele Posten für verdiente Aktive und Funktionäre, sondern z.B. den Mandatsträgern Rentenansprüche, von denen ein Durchschnittsverdiener nur träumen darf („Mehr Gerechtigkeit!“). Eigentlich ein idealer Boden für jede neue Kraft, die nicht nur von Alternativen redet, sondern diese bereits im Vorfeld durch Vorbild praktiziert.

Stasi-OibE zuständig für Ausreisewillige und Grenzfragen

Nun werden zur Unzeit, nämlich in der Hochphase des Wahlkampfes, Medienberichte publik (BILD, Focus, Magdeburger Volksstimme) nach denen die AfD unter ihren Kandidaten für den Deutschen Bundestag tatsächlich einen leibhaftigen ehemaligen Stasi-Offizier „im besonderen Einsatz“ (OibE) hat: Im Harz kandidiert Frank-Ronald Bischoff als Direktkandidat der AfD. Die Magdeburger Volksstimme zitiert Bischoff: Er habe nach seiner Offizierszeit bei den DDR-Streitkräften ab 1977 beim damaligen Rat des Kreises Halberstadt gearbeitet. Dort habe er mit Ausreisewilligen zu tun gehabt.  Später sei er dann im Bezirk Magdeburg „Beauftragter für Grenzfragen“ geworden und bis zur Wende für die innerdeutsche Grenze zuständig  gewesen.

Die Bestätigung liegt also auf dem (öffentlichen) Tisch. Und BILD hat wieder einmal nachgehakt und in der BStU nachforschen lassen. Dort bestätigt BStU-Sprecherin Dagmar Hovestädt: „Zur Person von Herrn Bischoff sind Kaderkarteikarten vorhanden, die eine hauptamtliche Tätigkeit für das MfS von November 1977 bis zum Ende 1989 dokumentieren. Er war als Offizier im besonderen Einsatz, kurz OibE, registriert.“ Gegenüber BILD wollte Bischoff keine Stellung nehmen. Er kommentiere das nicht, zitiert ihn das Boulevard-Blatt.

Sippenhaft sollte nicht beschworen werden

Dass auch André Poggenburg, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt laut taz zumindest einen Opa bei der Staatssicherheit hatte, ist wohl eher wieder ein billiges Wahlkampfgeschrei gegen eine unliebsame Partei, denn von Informationswert. Denn die Sippenhaft sollte in einer Demokratie auch nicht ansatzweise beschworen werden.

Ein Problem stellt (für jede Partei) allerdings die Beschäftigung von Personal oder gar die Aufstellung einstiger Mitarbeiter des SED-Unterdrückungsapparates „Ministerium für Staatssicherheit“ dar. Die Rot-Rot-Grüne Koalition in Berlin hat diese schmerzliche Erfahrung gleich zu Beginn machen müssen, als Andre Holm als frisch ernannter Staatssekretär wegen seiner verschwiegenen Vergangenheit zum Stolperstein für das junge Bündnis an der Spree zu werden drohte. Nicht nur außerhalb dieses Bündnisses stehende Parteien prangerten diesen Fehlstart als „mangelnde demokratische Glaubwürdigkeit“ an. Auch die bekannten Opferverbände der Zweiten Deutschen Diktatur sparten nicht mit harscher Kritik an der Einbindung eines ehemaligen „Stasi“ in die Regierungsverantwortung. Nun war Holm allerdings als Offiziers-Anwärter des MfS zunächst „nur“ ein „Informeller Mitarbeiter“ (IM), und das im Alter von 18 Jahren. Er stolperte wohl weniger über diese jugendliche Tatsache, als über den Umstand, dass er diese Verpflichtung verheimlicht und – nach der Aufdeckung – auch noch lange Zeit bestritten hatte.

Anders Frank-Ronald Bischoff, der nach den vorliegenden Informationen zweifellos für die Stasi gearbeitet hat, dazu noch in dem besonderen sensiblen Bereich der Ausreisewilligen (also potentieller Flüchtlinge oder zumindest erklärter „Staatsfeinde“). Wenn diesem einstige OibE tatsächlich an seiner Partei liegt, wie er das wohl in seinem Wahlkreis vorgibt, sollte er die Chance nutzen, seinen Rücktritt von der Kandidatur zu erklären. Das hätte formal zwar keine Wirkung, weil die Wahllisten und Stimmzettel bereits ausgedruckt sind. Bischoff könnte aber dafür sorgen, dass ein vernichtendes Wahlergebnis als Direktkandidat auf seinen Rückzug zurückgeführt werden würde.

Vereinigung 17. Juni fordert von AfD unmissverständliche Konsequenzen

Die Wähler hingegen, die die AfD gerade auch unter aus vielerlei Gründen enttäuschten einstigen DDR-Flüchtlingen und Übersiedlern aktivieren konnte, stehen nun vor einem ernsthaften Problem: Wie kann man latent seit nunmehr fast drei Jahrzehnten DIE LINKE als potentielle Partei ehemaliger Günstlinge des SED-Unterdrückungsapparates kritisieren und dann im Jahre 2017 eine Partei wählen, die sich nicht in der Lage sieht, sich von einem einstigen Stasi-Offizier im besonderen Einsatz zu trennen? An dieser Kalamität wird die Crux deutlich: Eine ALTERNATIVE kann diese Namenspartei für einstige Oppositionelle, ehemalige politische Häftlinge und einstige Flüchtlinge unter diesen Gesichtspunkten nicht sein. Noch könnte sich der Bundesvorstand klar und ohne jede Einschränkung distanzieren und diesen Stasi-Kandidaten durch einen sofortigen Ausschluss (bzw. ein sofortiges Verfahren) ins Abseits befördern, wo er zweifellos hingehört.

Die Erinnerung an umstrittene Äußerungen über einen möglichen Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge an den deutschen Grenzen ist bei Vielen noch in lebhafter Erinnerung. Da braucht es wahrhaft keine Diskussion mehr um die Einbindung umstrittener Figuren (ob von links oder rechts) in den Kampf um Sitze im höchsten deutschen Parlament. Alternativen gibt es dann auch ohne ALTERNATIVE.

In Berlin hat die Vereinigung 17. Juni den Bundesvorstand der Partei aufgefordert, „ohne Verzögerung und den Versuch jeglicher Taktiererei“ die Konsequenzen zu ziehen und sich „unmissverständlich von Frank-Ronald Bischoff und möglichen anderen Kandidaten dieser Couleur“ zu distanzieren. Jede andere Haltung stände „im Kontrast zu den Anforderungen an Mandatsträger in einem freiheitliche Rechtsstaat,“ erklärte der Vereinsvorstand am Abend in Berlin.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 oder 030-30207785 (1.283).

 

 

Erneut stolpern „Kundschafter des Friedens“ über eigene Argumente

3.12.2008/cw – Sie haben inzwischen die Vorzüge des einst ungeliebten Rechtsstaates erkannt und führen mit Akribie Prozess um Prozess, um ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Rechte durchzusetzen. Inzwischen prüft eine einst stolze freie Presse durch ihre Rechtsabteilungen, ob Formulierungen rechtlich unbedenklich sind, ehe Artikel über einen möglichen IM oder Stasi-Mitarbeiter veröffentlicht werden. Vorauseilender Gehorsam oder freiwillige Selbstkontrolle?

Den ehemaligen Partei- und Stasi-Soldaten wie ihren Rechtsvertretern kann das Spekulieren darüber egal sein. Wichtig ist nach wie vor der Erfolg – und der stellt sich vielfach schon im Vorfeld ein.

So ging denn die Witwe eines inzwischen verstorbenen einstigen Stasi-Offiziers „im besonderen Einsatz“ (OibE) frohgemut in einen Musterprozess vor dem Sozialgericht in Berlin, um gegen die „ungerechtfertigten Rückrechnungen“ in der Rentenberechnung ihres Gatten zu klagen.

Reinhard Linke (1930) war Diplom-Physiker und trat 1958 in die Dienste des MfS. 1968 ging er als Offizier im besonderen Einsatz (OibE) als Sekretär an die Akademie der Wissenschaften. In der Stasi-Kartei wurde er ab 1972 unter der Nummer 961500 HVA (Hauptverwaltung Aufklärung) in der Abteilung geführt, die dem Mielke-Stellvertreter Grossmann unterstand. Seine jährlichen und überwiegend steuerfreien Einkommen in dieser Zeit betrugen nach Angaben der Klägerseite zuletzt über 30.000,– Mark der DDR (1989).

Es war der dritte Anlauf in dieser Sache, zwei gerichtliche Vorläufe waren gescheitert. Dennoch wäre der Prozess von grundsätzlicher Bedeutung, wie Anwalt Benno Bleiberg sagte. Seine Kanzlei vertrete aktuell 150 Kläger, 5 –6.000 Mandanten hätten ihn mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt.

Das Bundesverfassungsgericht hatte zwar die Berechtigung pauschaler Kürzungen verneint, in einer Entscheidung 2004 aber die Rückrechnung der Renten-Ansprüche von Stasi-Mitarbeitern auf das Durchschnitts-Renteneinkommen von DDR-Bürgern für rechtens erklärt. Lediglich wenn „neue Gesichtspunkte“ vorgebracht werden könnten, wäre eine neue Überprüfung der abgesegneten Praxis möglich. Darauf setzte nun die Berliner Kanzlei Bleiberg unter aktiver Mitwirkung der GBM (Gesellschaft für Bürger- und Menschenrechte) , einer Vereinsgründung ehemaliger Stasisten.

Die Wissenschaftler Horst Miethe und Hans-Jürgen Weißbach von der Fachhochschule Frankfurt am Main legten ein umfassendes Gutachten vor, das nunmehr „neue Gesichtspunkte“ ins Spiel bringen sollten. So konnte durchaus als „neu“ registriert werden, dass die Grundbezüge der MfS-, MdI- und NVA-Angehörigen nicht der Steuer unterworfen waren, was „einen Vergleich der angeführten Einkommen im Gutachten“ zumindest infrage stellt, wie der Vorsitzende Richter feststellte. „Hier sei ja dann wohl Brutto mit Netto verglichen worden.“ Im Gegensatz zur Klägerseite hatte der Vorsitzende Richter Kanert offenbar seine Hausaufgaben gemacht und brachte diese durch dezidierte Fragen zu Ausführungen der Gutachter an den Rand rechtlicher Verzweiflung. So hätten die Gutachter weder nachgewiesen, aus welchen Quellen sie die Angaben zu vergleichenden Einkommen im Bereich der NVA, des MdI und des MfS gestützt hätten, noch seien außer der Anführung von Interviews mit Obristen und Generälen des MfS deren Interviews noch deren Bewertungen im Gutachten nachgewiesen bzw. ausgeführt worden.

Nachdem die Kläger auch nichts zur Klärung der Frage beisteuern konnte, warum der Wissenschaftler Linke denn als Offizier im besonderen Einsatz des MfS tätig geworden sei, stellte der Richter schließlich in seiner Urteilsbegründung, mit der die Klage abgewiesen wurde, fest, das Gutachten sei vielfach zu nebulös in seinen Ausführungen und hätte darüber hinaus die bisherige Rechtsprechung „auch des BVG“ nicht hinreichend widerlegt. Eher sei das Gutachten im Ergebnis eine Bestätigung der bisherigen rechtlichen Feststellungen in dieser Sache. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung ließ das Gericht allerdings die Sprungrevision zum Bundessozialgericht zu, nachdem weit über 100.000 Stasi-Mitarbeiter von einem Ergebnis betroffen wären.

„Das war ein Rohrkrepierer reinster Güte,“ stellte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS), Holzapfel, nach dem Urteil fest. „Die deutschen Tschekisten hätten ein Gutachten präsentiert, das im Ergebnis deren Forderungen konterkariert hätten.“ Und Tatjana Sterneberg, als stellvertretende Vorsitzende des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen ebenfalls als Beobachterin für die Stasi-Opfer im Gerichtssaal anwesend, äußerte sich „tief befriedigt über die Abweisung unverfrorener Frechheit, mit der eine privilegierte Kaste des DDR-Unterdrückungsapparates ihre einstigen Pfründe in die Rente hinüber retten wollten.“

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, Tel.: 030-30207785,
Mobil: 0176-48061953, holzapfellyrag@aol.com –

SED-Opfer empört: Sozialverband verweigert Konsequenzen

Von Carl-Wolfgang Holzapfel *

Auf seinem Schreibtisch steht seitlich ein Schild: „Norbert Wetzel, Jurist“ steht darauf. In sauberen Druckbuchstaben. Solide. Vertrauen erweckend. Und das braucht der hinter dem Schreibtisch auf Kundschaft wartende Berater des Sozialverbandes Deutschland im Landesverband Berlin-Brandenburg auch. Denn in sein Büro kommen nicht nur Ratsuchende aus dem Hartz-IV-Bereich sondern eben auch mehr oder weniger zerstörte Existenzen, die noch immer auf dem Weg zu einem Stück Gerechtigkeit für sich, für die restlichen Jahre ihres Lebens sind.

Sie haben oft Jahre hinter Zuchthaus-Mauern verbracht, weil sie zu laut gedacht haben oder sich, wie Tatjana Sterneberg, einfach und schlicht in einen Mann verliebt haben. Doch davon später. Andere, wie Werner Friedrichson, sind „nur“ konspirativ beobachtet, durch ständige Kontrolle durch die Staatsmacht zermürbt worden. Ihnen allen eigen ist das unfreiwillige, weil zufällige Leben in der untergegangenen DDR. Sie alle gerieten früher oder später in das Erfassungs-, Zersetzungs- oder Folter-Raster des Ministeriums für Staatssicherheit, im Volksmund seit je kurz als Stasi bezeichnet.

Und nun suchen auch diese viele Jahre zermürbten, häufig gemarterten und gedemütigten Menschen im Haus des Sozialverbandes in der Berliner Kurfürstenstraße Hilfe und Beratung in den Fragen des Alltags: Die Anerkennung gesundheitlicher Schäden durch Verfolgung und Haft muss mit vielen Formularen beantragt und notfalls auch gerichtlich erstritten werden; die berufliche Rehabilitierung, die nun mögliche sogen. Opfer-Rente muss beantragt oder auch die Berücksichtigung von Verfolgungszeiten bei der Rente durchgesetzt werden.

Norbert Wetzel rückt akkurat seine Brille zurecht, zupft an seiner Krawatte und bittet seine Klientel, auf dem Beratungsstuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Das vertrauenserweckende Schild zur Rechten steht wie zufällig im Blickfeld. „Jurist“ liest der Ratsuchende und denkt: „Hier bin ich gut aufgehoben.“ Das soll er ja wohl auch, wenn es nach dem agilen Berater geht.

Verborgenes Geheimnis

Die beiden Besucher, die heute das Büro im Untergeschoss des repräsentativen Gebäudes nahe dem Nollendorfplatz betreten, lassen sich offenbar durch solche Psycho-Tricks nicht beeindrucken. Denn sie kennen das bisher gut verborgene Geheimnis des Verbands-Beraters, wollen heute ein „offenes Gespräch“ führen.

Die Besucherin kennt Norbert Wetzel bereits und versucht geschickt, seine aufkeimende Nervosität mit einem geschäftsmäßigen Lächeln zu verbergen: Es ist Tatjana Sterneberg, die vor sieben Jahren dem Sozialverband beigetreten war und seit drei Jahren ehrenamtlich speziell Opfer des SED-Regimes beraten hat. Sterneberg wusste, worum es ging, denn sie selbst geriet Anfang der siebziger Jahre als junge Frau in die Fänge der Stasi. Weil sie sich in einen Italiener verliebt hatte und zu diesem nach Westberlin wollte, wurde sie verhaftet, verurteilt, in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck verbracht. Erst nach quälenden drei Jahren wurde sie freigekauft. Ihr italienischer Freund verbrachte ebenso für seine Liebe Jahre hinter DDR-Zuchthaus-Mauern; Jahre nach der Heirat seiner Liebe starb er in Westberlin an den Folgen dieser Haft.

Im Jahr 2005 erfuhr Tatjana erstmals von Gerüchten, Norbert Wetzel sei bei der Stasi gewesen und begann, Fragen zu stellen. Sie wendet sich zunächst an Stefan Grieger, der bis Ende 2007 Geschäftsführer des Landesverbandes war. Grieger sichert zu, sich um die Sache zu kümmern, die Sache dem Landesvorstand vorzulegen. Tatjana glaubt die Sache in guten Händen. Sie weiß, eine Regelanfrage bei der BStU (Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen) braucht einige Zeit. Als sich bis 2006 nichts tut und der Geschäftsführer immer wieder auf später vertröstet, nutzt die ehrenamtliche Beraterin eine Dampferfahrt des SoVD und wendet sich an den seinerzeitigen Vorsitzenden Peter Vetter und seinen Stellvertreter Stefan Grieger. Griegers Kommentar: „Es hieß damals: Schnauze halten!“ Vetter äußert sich nicht. Allerdings bestreitet Grieger später, jemals „eine solche Äußerung“ von sich gegeben zu haben.

Diplomarbeit an Stasi-Hochschule – Aufstieg zum Oberstleutnant

Statt zu resignieren, beginnt Tatjana selbst zu recherchieren. Sie ist fest davon überzeugt, dies der Glaubwürdigkeit des Sozialverbandes aber auch den ratsuchenden SED-Stasi-Opfern schuldig zu sein. Und sie fördert brisantes Material zutage: Ein Norbert Wetzel, Hauptmann im MfS, legte 1984 an der JHS (Juristische Hochschule, gemeinhin als Stasi-Kaderschmiede bekannt) in Potsdam seine Diplomarbeit über : „Grundfragen der weiteren Entwicklung der sozialistischen Demokratie und ihres zuverlässigen Schutzes“ (75 Seiten, 24.08.1984 / JHS MF VVS 0001-300/84, JHS 20150)“ vor und wurde danach bis zum Oberstleutnant befördert. Nach diesen Unterlagen der BStU (Reihe A, Abt. Bildung und Forschung, Untertitel: Bibliografie der Diplomarbeiten + Abschlussarbeiten an der Hochschule des MfS) war dieser Wetzel bis zum Ende der DDR unter Generalleutnant Wolfgang Schwanitz in der HA III unter Generalmajor W. Birke Leiter der Abt. XI (operative Sicherung des Chiffrierwesens … und der eingesetzten Kader … / Enttarnung des Chiffrierverkehrs ausländischer Vertretungen und Einrichtungen … / Führung von IM und Arbeit mit OibE (Offiziere im besonderen Einsatz)). Letztere hatten im „feindlichen Ausland“ u.a. Sabotageakte und Mordaufträge auszuführen. Organisatorisch war Wetzels Abteilung jedoch nicht der „Aufklärung“ (HVA) sondern dem Teil des MfS unterstellt, der der Überwachung der eigenen Bevölkerung diente.

War dieser Norbert Wetzel jener „Kollege“ im Berater-Kollektiv des Sozialverbandes? Obwohl die Daten (einschließlich Geburtsangaben) übereinstimmten, suchte Tatjana erneut um Gespräche bei Stefan Grieger nach. Doch der Geschäftsführer ließ sich immer wieder verleugnen, hatte keine Zeit.

In ihrer aufkommenden Verzweiflung über diese Ignoranz eines von ihr als „bedrückend“ empfundenen Zustandes bat sie schließlich 2007 einen Freund um Rat. Der führte in seinem Verband ebenfalls Beratungen durch und war schon mehrfach bei der Aufklärung von Stasi-Verstrickungen behilflich gewesen. Beide wandten sich schließlich im November des vergangenen Jahres an den Präsidenten des Sozialverbandes, Adolf Bauer. Dieser reagierte ungewohnt schnell. Am 6.November fand in seinem Büro ein offenes und „durchaus als konstruktiv“ zu verstehendes Gespräch (Tatjana Sterneberg) statt. Präsident Bauer fand denn auch die geschilderte Situation als unerträglich, „so sie sich denn bewahrheiten würde“, und sicherte eine umfangreiche Prüfung der Vorwürfe zu. Er könne sich allerdings nicht vorstellen, dass der Landesverband von der vorgeblichen Vergangenheit Wetzels nichts gewusst habe. In diesem Fall sei „es kaum möglich, arbeitsrechtlich nach fünfzehn Jahren tätig zu werden.“ Auch Tatjana Sterneberg hatte bereits davon gehört und gegenüber Adolf Bauer auch dies, „falls das zutreffe“, als „zusätzlichen Skandal“ bezeichnet. Dieser Beurteilung stimmte der sichtlich erschütterte Präsident zu.

Nachdem auch vier Wochen nach diesem Gespräch in der Präsidenten-Suite keine (zugesagte) Stellungnahme erfolgte, wandte sich Tatjana noch einmal schriftlich an den Präsidenten. Sie verwies dabei auch auf ein Urteil des BAG (27.04.2006, 2 AZR 426/05). In diesem Urteil war ausdrücklich die Kündigung (eines Lehrers) wegen dessen früherer Tätigkeit für das MfS für rechtens erklärt worden. In seiner Antwort verwies Adolf Bauer darauf hin, das vorgelegte Urteil greife in diesem Falle nicht, der Landesverband war zum Zeitpunkt der Einstellung über die Tätigkeit Wetzels für das MfS informiert.

Die stellvertretende Vorsitzende der ehemaligen Hoheneckerinen war sich nunmehr sicher: Der „Kollege“ im Sozialverband war jener ehemalige hohe Stasi-Offizier Norbert Wetzel, der sich in seiner Diplom-Arbeit über die Notwendigkeit ausgelassen hatte, gegen die „Staatsfeindlichen Bestrebungen“ der sich unter diversen Namen formierenden Gruppierungen verstärkt „Informelle Mitarbeiter (IMs) zum Einsatz“ zu bringen. Tatjana war empört und beschloss, „mit sofortiger Wirkung“ ihre Mitarbeit im Sozialverband einzustellen, ihren Austritt zu erklären. Nachdem sie sich erneut mit dem Freund beraten hatte, beschlossen beide, vor diesem Schritt Norbert Wetzel direkt zur Rede zu stellen.

Nun standen wir in seinem Büro. Tatjana stellte mich vor, Wetzel bot uns Platz an. Man kam schnell zur Sache und Wetzel räumte ohne Zögern, wenn auch in „dritter Person“ vortragend, seine Tätigkeit für das MfS ein: Ob denn seine Besucher allen Ernstes glaubten, „jener von Ihnen zitierte Abteilungsleiter“ wäre an einen Tisch bei der Behörde „gebeten und zur Zusammenarbeit aufgefordert worden, wenn er sich strafbarer Handlungen schuldig gemacht hätte?“ Im Übrigen, so Wetzel, übe auch diese Bundesbehörde „keine andere Tätigkeit aus.“ Auch sei dieser Abteilungsleiter mit „rein technischen Aufgaben betraut“ gewesen.

Anleitung von IMs „normale Sicherungsaufgabe“

Frage: Aus den Unterlagen geht aber hervor, dass Sie nicht nur für die Technik, sondern auch für die Anleitung von IMs und OibEs (Offiziere im besonderen Einsatz) zuständig waren?

Antwort: Ja, natürlich war der Abteilungsleiter auch dafür zuständig, für die Sicherung des Chiffrierwesens zu sorgen. Das machen zuständige Behörden heute nicht anders.

Frage: Sie würden also die Tätigkeit des MfS als die Arbeit einer normalen, auch heute so tätigen Behörde bezeichnen?

Antwort: Also, wir wollten uns ja sachlich unterhalten. Über das MfS will ich mich hier nicht weiter äußern. Tatsache ist, dass der von Ihnen so bezeichnete Abteilungsleiter ausschließlich technische Arbeiten zu erledigen hatte.

Frage: Sie haben in Ihrer Diplom-Arbeit den verstärkten Einsatz von IMs gegen staatsfeindliche Gruppen gefordert. Wenn Ihnen nun ein solcher Mensch gegenüber sitzt, der für Sie früher ein Staatsfeind war: Haben Sie damit keine Probleme?

Antwort: Ach wissen Sie, bei Diplom-Arbeiten werden die Themen vorgegeben. Das ist überall so, da kann man sich nicht gegen wehren, das soll man also nicht überbewerten. Was den zweiten Teil Ihrer Frage angeht: Warum soll ich mit diesen Menschen Probleme haben? Wenn einer zu mir kommt und er Rechte hat, dann werde ich ihn bei der Durchsetzung dieser Rechte vertreten, so einfach ist das.

Frage: Sagen Sie Stasi-SED-Opfern vor dem Beginn einer Beratung, dass Sie früher für das MfS gearbeitet haben?

Antwort: Warum sollte ich das tun? Nach zwanzig Jahren hat man oft eine andere Sicht. Der Mensch verändert sich ja auch.

(Wir haben da gewisse Zweifel: Auf dem Schreibtisch des SoVD-Beraters liegt die Zeitung „Junge Welt“, bekannt als Hauspostille der Stasi-Revisionisten, die auch heute noch ihre Tätigkeit weit entfernt von „behaupteten Verbrechen“ als eine „in der ganzen Welt übliche Arbeit in ihrem Staat DDR“ bezeichnen. Wetzel liest dieses Blatt jeden Tag und macht daraus auch kein Geheimnis.)

Frage: Ist es für Sie vorstellbar, dass ein Opfer, dass sich von Ihnen zunächst vertrauensvoll beraten lässt und hinterher von Ihrer Tätigkeit für das MfS erfährt, geschockt ist und das Vertrauen in den Sozialverband verliert?

Antwort: Warum soll das ein Mensch erfahren? Der Verband ist von Anfang an informiert, da habe ich nichts verheimlicht. Das weiß ja auch Frau Sterneberg, die ja wohl schon in meiner Sache Fragen vorgebracht hat.

Frage: Wäre es nicht ein Akt der Ehrlichkeit und vielleicht auch ein Zeichen gewisser Einsicht, wenn Sie sich einem erkennbaren SED-Opfer offenbaren würden? Wäre es nicht auch ein Stück Würde und Souveränität, die Sie einem Opfer zurückgeben, wenn Sie diesem die Entscheidung überlassen, ob es nach einer Offenbarung weiterhin von Ihnen oder lieber von einem Kollegen beraten werden möchte?

Antwort: Das ist ein interessanter Gedanke. Darüber müsste ich nachdenken.

Die Verabschiedung ist kühl. Tatjana kämpft mit ihren Tränen der Empörung, nachdem nun zweifellos feststeht, dass dieser Norbert Wetzel jener Stasi-Offizier aus ihren Recherchen ist.

Nun will sie „reinen Tisch“ machen. Traurig, fast resignierend hält sie Mitarbeitern vor, sie hätten von Wetzels früherer Tätigkeit gewusst und „nichts dagegen“ getan. Man versucht sich zu wehren, hält der zum Schluss-Strich Entschlossenen entgegen, dass der Vorstand doch von Anfang an davon gewusst habe und man als Mitarbeiter gegen solche Personalien doch wenig tun könne.

Opfer fassungslos, empört: Nie wieder in diesen Bau

Trotz erheblicher Schwierigkeiten verschafft sich die kämpferische Frau mit mir Zutritt zu Michael Wiedeburg, der nunmehr Landesvorsitzender und Geschäftsführer in einer Person ist. Seit kurzem gehört er auch dem Bundesvorstand des Sozialverbandes an. Tatjana Sterneberg erklärt ihren sofortigen Austritt aus dem Verband und die sofort wirksame Einstellung ihrer ehrenamtlichen Mitarbeit, begründet mit zornbebender, aber fester Stimme ihren Entschluss mit dem Totschweigen des „Skandals Norbert Wetzel“. Auch hält sie dem schweigend dasitzenden Funktionär vor, dieser habe außer einem Zitat „Schnauze halten!“ keinen weiteren Kommentar zu diesem ganzen Vorgang hervorgebracht.

Michael Wiedeburgs einzige Wortmeldung: „Gut!“ Keine Bemühung um eine Erklärung, kein Versuch, eine Bedenkzeit anzuregen. Kein „Danke“ für die bisherige Mitarbeit, kein „Auf Wiedersehen!“

Der Landesvorsitzende wirkte zunächst überfordert, nach dem kurzen Vortrag aber schließlich erleichtert.

Vor dem Haus trifft Tatjana auf Werner Friedrichson, der, ein Pfund Kaffee für Norbert Wetzel in der Tasche, Anstalten macht, sich für die Beratung anzumelden. Tatjana fragt ihn nach der freudigen Begrüßung und dem Austausch von späten Neujahrswünschen – man kennt sich seit Jahren – , ob er eigentlich auch von der Vergangenheit des Norbert Wetzel wüsste. Friedrichson ist entsetzt, fassungslos, empört. Nachdem er Einzelheiten erfahren hat, kehrt er auf dem Absatz um, will „nie wieder diesen Bau betreten, aus dem Sozialverband austreten.“

Unterwegs spricht Tatjana über die nächsten Schritte, will ihren Austritt und vor allem die Begründung publik machen, „weil man diesen Leuten keinen Raum geben darf, die Opfer erneut zu demütigen, so, als wäre nichts geschehen!“

Dann aber hat sie einen Gedanken. Jetzt möchte sie alles wissen, den damaligen Geschäftsführer, der Norbert Wetzel seinerzeit eingestellt hatte, zur Rede stellen, ihn nach seinem Gewissen und seiner Verantwortung befragen. Burkhard Präg leitet heute das Hotel Mondial am Kurfürstendamm.

Überraschung im Hotel „Mondial“ am Kurfürstendamm

Tatjana bittet mich, sie zum Hotel zu begleiten. Und sie hat Glück. Burkhard Präg ist im Haus und setzt sich alsbald nach der üblichen Vorstellung an den Tisch. Und während wir nach den aufregenden Stunden im Haus des Sozialverbandes ein leichtes Essen zu uns nehmen, entwickelt sich das Gespräch doch anders, als von Tatjana Sterneberg erwartet.

Entgegen ihrer Befürchtungen mauert Präg keineswegs, spricht vielmehr offen und ohne Vorbehalte über die seinerzeitige Situation, wenn er auch vorsorglich auf seine datenspezifische und personalbezogene Schweigepflicht verweist. Unerwartet spricht Präg Klartext: Er sei überrascht über diese Details, er habe „zu keiner Zeit“ von der MfS-Tätigkeit Norbert Wetzels gewusst, hätte diesen auch niemals unter diesen Voraussetzungen eingestellt. Das ginge aus den Personalunterlagen „einwandfrei hervor. Sollten andere Dokumente in der Akte sein, müssten diese später hinzugefügt worden sein.“ Zu seiner Zeit, so der ehemalige Geschäftsführer, hätten keinerlei derartigen Erkenntnisse vorgelegen. Die hier vorgetragenen Behauptungen, auch von Wetzel, nachdem der Vorstand von Anfang an über seine vorherige Tätigkeit für das MfS informiert gewesen sei, sind „schlicht gelogen!“ Nach seiner Erinnerung habe es ihn damals überrascht, dass Wetzel sich mit einem vermeintlichen Beamtentitel des seinerzeitigen DDR-Innenministeriums vorgestellt hätte. Er, Präg, sei davon ausgegangen, Beamte hätte es in der DDR nicht gegeben. Wetzel habe dies aber bejaht.

Er, Präg, würde dies auch jederzeit öffentlich bekunden, „falls Sie vorhaben, diesen Vorgang öffentlich zu machen!“

Am Abend fasst Tatjana Sterneberg die Ergebnisse des Tages zusammen. Aus der anfänglichen Enttäuschung ist nach dem Hotel-Gespräch neuer Mut erwachsen: Nachdem nun auch für sie überraschend offenbar wurde, dass Norbert Wetzel sich mit einer Legende im Sozialverband eingemogelt hatte, sieht sie gute Chancen, dem ehemaligen Stasi-Offizier doch noch den Stuhl vor das Beratungsbüro stellen lassen zu können.

Allerdings: „Ohne öffentlichen Druck wird das kaum geschehen. Denn der Sozialverband wird sich wohl weiterhin weigern, Konsequenzen zu ziehen, ist offenbar zu einer Selbstfindung und Selbstreinigung nicht fähig oder nicht willens.“

Soweit bleibt Tatjana Sterneberg, die kleine mutige Frau aus dem ehemaligen Ostteil der Stadt, denn doch realistisch.

Tatjana Sterneberg ist erreichbar unter: t.sterneberg@gmx.de .

10.01.2008

* Der Autor ist Vorsitzender der Vereinigung 17.Juni 1953 in Berlin. Verantwortung für den Inhalt und alle Rechte beim Autor, erreichbar unter Mobil: 0 17 648 06 1953 oder holzapfellyrag@aol.com.

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