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Berlin, 2.12.2018/cw – Die Auslosung der Paarungen für die Fußballweltmeisterschaft (14. Juni bis zum 15. Juli 2018) in Russland verlief für den amtierenden Weltmeister durchaus günstig: In der Gruppe F stößt das Löw-Team auf bezwingbare Gegner wie Mexiko, Schweden und Südkorea.

Das Auftaktspiel gegen Mexiko soll allerdings ausgerechnet am 17. Juni in Moskau stattfinden. Am 17. Juni 1953 walzten sowjetische Panzer den Volksaufstand in der Sowjetisch besetzten Zone (SbZ) oder der selbsternannten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nieder. Der am Mittag durch die Sowjetische Militäradministration in den Streikzentren wie Ost-Berlin verhängte Ausnahmezustand erstickte die aufkeimende Hoffnung auf ein freies und demokratisches Gesamtdeutschland. Über 50 Menschen bezahlten ihren Mut mit dem Leben, Tausende wurden verhaftet und verschwanden in den Zuchthäusern der Noch-stalinistischen DDR.

Bis zum Mauerfall wurde dieser Tag im Westen Deutschlands als „Tag der Deutschen Einheit“ begangen, alljährlich wird der Toten und Opfer des Aufstandes (noch) mit einem Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße gedacht. Letztmalig wurde der 17. Juni 1990 als arbeitsfreier „Nationaler Gedenktag des Deutschen Volkes“ begangen, ehe der 3. Oktober im gleichen Jahr als „Gedenktag nach Aktenlage“ den Jahrzehnte gepflegten Gedenktag „17. Juni“ ablöste.

Das der 17. Juni seither zunehmend aus dem Gedächtnis der Nation verschwindet, ist nicht zuletzt wohl einer gedankenlosen Politik zu verdanken. Das mindert aber keineswegs seine Stellung in der deutschen Historie als ersten Volksaufstand im Nachkriegseuropa, der andere Eruptionen in Posen (Polen) und Ungarn (1956), in der CSSR (1968) und wieder in Polen (ab 1980) nach sich zog. Ohne den 17. Juni 1953 wäre vermutlich das heutige freie Europa nicht denkbar.

Protest an DFB

So spricht die Vereinigung 17. Juni in Berlin nachvollziehbar von einer „Provokation, wenn dieser Termin für das deutsche Auftaktspiel in Moskau“ beibehalten wird. Zumindest zeuge diese Terminierung von „einer beispiellosen Ignoranz der Verantwortlichen,“ erklärte heute der Vorstand in Berlin. Man wolle „in den nächsten Tagen einen entsprechenden Protest an den Deutschen Fußball-Bund“ (DFB) richten: „Auch der Sport sei bei aller völkerverbindenden Funktion gehalten, sich an unbestreitbare historische Vorgaben zu halten und entsprechende Rücksichten zu nehmen.“

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.322).

Zweite Bronzetafel am Pfarrhaus in Eisenhüttenstadt-Fürstenberg enthüllt

von Stefan Krikowski*

Fürstenberg, Volkstrauertag 2017 – Es fing alles an mit einer schönen Radtour mit meiner Ehefrau durch das Schlaubetal. Nach dem Workutaner-Treffen, das vom 3.-5. Juni 2016 in Schwerin stattfand und bei dem die Workutaner im Stadtteil Großer Dreesch gegen das noch immer dort stehende Lenin-Denkmal demonstrierten, wollten wir uns ein wenig ablenken und erholen in der schönen brandenburgischen Natur unweit Berlins. Die Radtour beendeten wir mit einer Übernachtung in Fürstenberg, dem schönen an der Oder gelegenen Ortsteil von Eisenhüttenstadt. Mächtig thront dort die Nicolaikirche über dem malerischen Ortskern. Am alten Pfarrhaus entdeckten wir eine Gedenktafel für den Pfarrer Reinhard Gnettner:

„Am 26. Juni 1897 in Görlitz geboren. Ab 20. Februar 1946 Pfarrer in Fürstenberg/Oder. Am 6. August 1950 verhaftet. Am 4. April 1951 zum Tode verurteilt. Zu langer Haftstrafe begnadigt und in die Sowjetunion deportiert. Dort verlieren sich seine Spuren im Dunkel der Geschichte.“

Ich stutzte. Mir war der Name geläufig, aber sollte er einer der wenigen sein, die tatsächlich von den Russen begnadigt wurde? Zurück in Berlin, schlug ich sofort bei „Erschossen in Moskau“ nach. Nein, Pfarrer Gnettner wurde nicht begnadigt, sondern am 27. Juni 1951, einen Tag nach seinem 54. Geburtstag, in Moskau hingerichtet.

In einem ersten Telefonat mit dem jetzigen Pfarrer der Nicolaikirche, Wolfgang Krautmacher, wurde die Geschichte dieser Tafel, die seit 1994 zum Andenken an den Gemeindepfarrer dort hängt, geklärt. Aber es wurde auch schnell klar, dass eine Korrektur der Bronzegedenktafel ein langwieriges Unterfangen werden würde. Herr Krautmacher stellte zwar die Glaubwürdigkeit des Totenbuchs nicht direkt in Frage, aber so ganz ohne die Originalunterlagen mochte er nicht aktiv werden. Auch meine Rückversicherungen bei Herrn Drauschke, dem Historiker und Mitbegründer des Historischen Forschungsinstituts „Fact&Files“ und Herausgeber des Totenbuches, halfen nicht weiter. Auch gab es erheblichen Dissens in Bezug auf den Text für die neue Tafel.

So habe ich Ende Juli 2016 brandenburgische Aufarbeitungsorganisationen eingeschaltet, die Herrn Krautmacher unterstützen sollten, einen geeigneten und historisch sachgerechten Text zu formulieren. Die Leiterin der Gedenkstätte Lindenstraße, in der Pfarrer Reinhard Gnettner in Haft saß, Frau Uta Gerlant, und Frau Ulrike Poppe, damalige Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LAkD), unterstützen dieses Projekt der Neugestaltung der Gedenktafel.

Anschließend machte ich mich auf der Suche nach Familienangehörigen und landete gleich beim ersten Anruf einen Treffer. Der Neffe verwies mich an seine Schwester, Frau Kerstin Gnettner, die sehr an der Aufarbeitung der Geschichte ihres Großvaters interessiert ist.

Dank der Unterstützung durch Herrn Popratz, Mitarbeiter bei der LAkD, und Frau Gerlant konnte nach fast anderthalb Jahren die ergänzende Gedenktafel für Pfarrer Gnettner am alten Pfarrhaus am Volkstrauertag, dem 19. November 2017 enthüllt werden.

Pfarrer Krautmacher hat für einen sehr würdigen Rahmen der Gedenkfeier gesorgt. Die Gedenkpredigt hielt der Generalsuperintendent des Sprengels Görlitz, Martin Herche, und der Chor der Nachbargemeinde Vogelsang verstärkte die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes.

Die Gemeindemitglieder hatten einen üppigen und schmackhaften Mittagstisch vorbereitet. Nach dem Mittagessen berichtete der Zeitzeuge Prof. Werner Sperling, der zeitgleich mit Pfarrer Reinhard Gnettner in der Haftanstalt Lindenstraße in Potsdam einsaß, wie er Zeuge vom mutigen Auftreten Pfarrer Reinhard Gnettners wurde, der wiederholt durch das geöffnete Fenster seinen Mithäftlingen Bibelzitate und Ermutigungsworte zurief. Die unmittelbar folgenden Strafen waren drastisch, indem die NKWD-Schergen ihn brutal schlugen und wiederholt in den Karzer steckten. Die Zeitzeugin Asnath Boggasch, die ebenso zur Gedenkveranstaltung angereist war, ergänzte: „Die Worte des Pfarrers haben mir Trost gespendet.“ Wie Paul Schneider bei den Nazis der Prediger von Buchenwald genannt wurde, so kann mit Fug und Recht Reinhard Gnettner der mutige Prediger von Potsdam bezeichnet werden.

Bewegend war ebenfalls, dass die Enkelin Kerstin Gnettner angereist war und mit beeindruckenden Worten ihres Großvaters gedachte.

Als einer der Redner bei der Enthüllung verwies ich auf die größere Dimension der kommunistischen Verbrechen hin. Pfarrer Gnettner war kein Einzelfall, denn er wurde als Mitglied der „Schubert-Gruppe“ verhaftet. Diese sogenannte Schubert-Gruppe aus Guben umfasste insgesamt 21 Personen, Kameraden und Gleichgesinnte, die die Verhältnisse und Entwicklungen in der DDR kritisierten. Elf Personen der Gruppe wurden von einem SMT in Potsdam am 4. April 1951 zum Tode verurteilt. Neben Pfarrer Gnettner waren das:

Das Ehepaar Anna und Gerhard Schubert* aus Guben und ihr Sohn Wolfgang. Paul Heymann, das Ehepaar Erna und Herbert Laenger, Wolfgang Mertens, Günther Murek, Erich Schulz und Otto Stichling.

Die anderen zehn Gefangenen wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt. Alle wurden in die SU deportiert.

Die Gnadengesuche der 11 zum Tode Verurteilten wurden vom Präsidenten des Obersten Sowjets am 22. Juni 1951 abgelehnt, die Todesurteile wurden am 27. Juni 1951 im Moskauer Butyrka-Gefängnis vollstreckt. Anschließend wurden die Leichen verbrannt und anonym auf dem Moskauer Friedhof Donskoje verscharrt.

Über den Tod hinaus zeigt die menschenverachtende kommunistische Diktatur ihr brutales Gesicht, indem ein Grab als letzte Ehrerbietung verweigert wurde. Mit dieser Grablosigkeit und Ungewissheit um das Schicksal von Reinhard Gnettner mussten die Angehörigen Jahrzehnte leben.

An diesem Volkstrauertag 2017 fand eine zweite späte Ehrung und Würdigung des Pfarrers und Märtyrers Reinhard Gnettner statt. Endlich wird sein Schicksal historisch korrekt wiedergegeben:

„Nach 1994 wurde bekannt: Die Begnadigung fand nicht statt. Das Todesurteil über Pfarrer Reinhard Gnettner, vom sowjetischen Militärtribunal in Potsdam allein aus politischen Gründen verhängt, wurde am 27.Juni 1951 im Butyrka-Gefängnis in Moskau durch Erschiessen vollstreckt. Die Asche des Verstorbenen wurde auf dem Donskoje- Friedhof in Moskau vergraben. Am 22.Juni 1995 hat ihn die oberste Militärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert.“

Quelle: http://www.workuta.de/aktuelles/index.html  

* Der Autor ist nach dem altersbedingten Rücktritt von Horst Schüler seit Sommer 2017 Sprecher der „Lagergemeinschaft Workuta / GULag Sowjetunion“

Von Horst Schüler*

Am 19. Oktober 2016 ist Bernhard Schulz in Vaihingen, nahe Stuttgart verstorben. Der 1926 im schlesischen Lauban geborene Schulz gehörte zu den wenigen noch lebenden Deutschen des Lagers 10, 29. Schacht, der Gulag-Strafregion Workuta.

Am 4.9.1947 war er mit seiner späteren Frau Edith „Ditha“ in Potsdam verhaftet und beide nach über 2 Jahren Haft in Dresden zu jeweils 25 Jahren Haft verurteilt worden. Beide kamen nach Workuta. Als am 1. August 1953 im Lager 10 der Aufstand der Häftlinge blutig niedergeschlagen wurde – 64 Tote – zählte Bernhard Schulz zu den vielen hundert schwer Verwundeten.

Im Oktober 1955 wurde er in die BRD entlassen. Für seine lange Haftzeit wurde Bernhard Schulz im Jahr 1996 von der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert. Wir trauern wieder um einen guten Kameraden.

* Der Autor (92) ist Vorsitzender der Lagergemeinschaft Workuta und Ehrenvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG)

V.i.S.d.P.: Lagergemeinschaft Workuta – http://www.workuta.de/aktuelles/index.html

Moskau:                                                                                       Namen der Stalin-Opfer wurden öffentlich verlesen

Von Jekaterina Sineltschtschikowa

Moskau, 1.11.2016 – Am 29. Oktober trafen sich viele Moskauer am Solowezki-Stein, dem Hauptdenkmal für die Stalin-Opfer, und verlasen die Namen der Ermordeten. Viele ehrten so ihre verstorbenen Verwandten, andere wollten ein politisches Zeichen setzen. Alle aber vereint die Hoffnung, dass so die gesellschaftliche Rehabilitierung Stalins gestoppt werden kann.

Vorname, Nachname, Alter, Beruf und Datum der Erschießung: Im Zentrum Moskaus lasen Menschen zwölf Stunden lang die Namen der Opfer der Stalin-Diktatur vor. Die Veranstaltung „Return of the Names“ findet nun seit zehn Jahren jährlich am 29. Oktober statt. Freiwillige lesen dabei die Namen all jener vor, die in der Zeit der Stalinschen Säuberungen zwischen dem Ende der 1920er-Jahre und dem Beginn der 1950er-Jahre heimlich erschossen wurden. So möchten russische Bürger das Andenken an Tausende von sowjetischen Ingenieuren, Ärzten, Lehrern und Arbeitern bewahren, die aus ihren Wohnungen verschleppt wurden und für immer verschwanden.

„Der totalitäre Staat hat nicht nur Menschen umgebracht. Er versuchte, ihre Namen aus der Geschichte zu streichen und jegliche Erinnerung an sie zu löschen. Die Rückkehr der Namen, die Rückkehr des Andenkens an die Belogenen und die Ermordeten – das ist unsere Meinung zur Diktatur und unser Schritt zur Freiheit“, so die Organisatoren der Bewegung von der internationalen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ in einem Statement.

Mehr als 40 000 Namen stehen auf der Liste, bisher konnten jedoch nur etwa die Hälfte verlesen werden. Jedes Jahr im Vorfeld des offiziellen Gedenktages versammeln sich Menschen am Solowezki-Stein, dem Hauptdenkmal für die Stalin-Opfer. Es befindet sich auf dem Lubjanka-Platz, vor dem Hauptsymbol der Repressionen, dem Gebäude für Staatsicherheit, in dem sich heute das FSB-Hauptquartier befindet. Sie stehen zwei bis vier Stunden an, um am Mikrofon Namen vorlesen zu können.

„Die weltweit sinnvollste Schlange“

In diesem Jahr konnten mehr Teilnehmer verzeichnet werden als im vergangenen Jahr. Die Menschen stehen eine lange Zeit in Stille und lesen dann die von den Organisatoren verteilten Namen. Danach gehen sie, um im nächsten Jahr wiederzukehren.

Ende Oktober liegen die Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die Teilnehmer stört das nicht: Sie ziehen sich einfach wärmer an. Die Warteschlange bezeichnen sie als die „weltweit sinnvollste“.

„In der Schlange sagte eine schwangere Frau, dass sie entweder erstarren oder gleich hier gebären würde. Am gruseligsten klingen Namen und Daten der Erschießung, wenn sie von Kindern vorgelesen werden“, schreibt Marina Dedales, eine der Teilnehmerinnen.

Ein anderer Teilnehmer, Michail Danilow, erinnert sich, wie er als Kind mit seinen Eltern ein Ferienzentrum bei Schtscherbinka, einem Außenbezirk Moskaus, besuchte. „Wir sind in einem kleinen See schwimmen gegangen. Damals wussten wir nicht, dass sich in nur wenigen Hundert Metern auf dem Butowo-Poligon zugeschüttete Gräben mit Tausenden von erschossenen Menschen befanden.“

Gulags bekommen wieder Aufmerksamkeit

Der Gulag als System der Lagerhaftanstalt habe keinen Weg in die neue postsowjetische Identität gefunden, schreibt der Journalist Oleg Kaschin. „Russland der 1990er- und 2000er-Jahre experimentierte mit „Einwilligung und Versöhnung“. Es entstand eine neue nationale Identität, die auf dem Großen Vaterländischen Krieg von 1941 bis 1945 basiert. Mit dem Gulag wollte man einschüchtern, jedoch nur im kommunistischen Kontext – die „Roten“ durften nicht wieder an die Macht kommen. Es galt als uninteressant, darüber nachzudenken und es gar zu beweinen.“

Das Thema Gulag ist heute aber wieder aktuell. Die Zahl der politischen Gefangenen in Russland habe sich 2016 laut Angaben von „Memorial“ verdoppelt. Auch wenn die absolute Zahl mit „nur“ 100 Menschen mit Stalins Herrschaft nicht vergleichbar sei.

Laut Teilnehmerin Jekaterina Mamontowa ziehe es immer mehr Menschen zum Solowezki-Stein, da der politische Druck erhöht werde, der Tyrann Stalin Denkmäler erhalte und seine Verbrechen mit der wirtschaftlichen Effizienz gerechtfertigt würden. „Man muss nicht weit gehen. Ich habe erst im letzten Jahr verstanden, wie wichtig es ist, heute hinzugehen. Das ist nicht nur eine Aktion des Ausdrucks der Trauer, sondern ein Bürgerprotest gegen die Rehabilitierung Stalins“, sagt die junge Frau.

„Diejenigen, die hier herkommen, glauben, dass es ohne öffentliche Reue für die Verbrechen des sowjetischen Regimes für Russland keine Zukunft geben kann. Für manche ist eine Zeile in der „Memorial“-Liste das einzige, was von ihren Urgroßvätern übrig ist“, sagt Igor Kononko, der an einer ähnlichen Aktion in London teilnimmt. „Im Jahr 2014 kam ich das erste Mal zu „Return of the Names“. Auf dem Weg habe ich die Listen gelesen und fand meinen Urgroßvater Nikolai. Ich weiß nicht, wie ich die Zeilen in einen Menschen umwandeln soll.“

V.i.S.d.P.: RUSSIA BEYOUND THE HEADLINES –

http://de.rbth.com/gesellschaft/2016/11/01/moskau-namen-der-stalin-opfer-werden-offentlichverlesen_644189

 

Lemgow/Schwerin, 30.08.2016/cw – „Er war ein unermüdlicher Aufklärer und Zeitzeuge für die Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft,“ würdigte Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, in einem Nachruf den am 28. August in Lemgow verstorbenen einstigen Workutaner Hans-Jürgen Jennerjahn. Jennerjahn wurde 87 Jahre alt.

Noch im Juni diesen Jahres hatte er in Schwerin mit bewegenden Worten auf der Jahrestagung der Lagergemeinschaft Workuta/GULag an die Unterdrückung durch die sowjetische Besatzungsmacht und die SED-Diktatur erinnert und mit seinen einstigen Haftkameraden gegen das Lenin-Denkmal im Schweriner Neubaugebiet Mueßer Holz protestiert. Das dortige Lenin-Denkmal ist mutmaßlich das einzig verbliebene Lenin-Denkmal außerhalb Russlands, was allein ein Skandal an sich darstellt.

Jennerjahn wurde am 8. Oktober 1928 in Schwerin geboren. Nach der Verhaftung seines Parteifreundes Arno Esch trat der seinerzeitige Jugendreferent der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) im Oktober 1949, kurz nach Gründung der DDR, aus der Partei aus und engagierte sich zusammen mit Freunden im Widerstand gegen das kommunistische System. Ein dreiviertel Jahr später, im Juli 1950, wurde der 22jährige von der DDR-Staatssicherheit verhaftet und den sowjetischen Genossen im NKWD übergeben. Nur drei Monate später, am 19. Oktober 1950, wurde Jennerjahn zusammen mit elf weiteren Angeklagten durch ein sowjetisches Militärtribunal (SMT) in Schwerin wegen „antisowjetischer Propaganda und illegaler Gruppenbildung“ zu zweimal 25 Jahren Strafarbeitslager verurteilt. Die zu 25 Jahren zusammengezogene Strafe verbüßte er im Zwangsarbeitslager Workuta nördlich des Polarkreises unter den bekannten harten und menschenunwürdigen Bedingungen in einem Kohlebergwerk. Erst 1953 erfuhren seine Angehörigen durch Heimkehrer von Jennerjahns Schicksal.

Im Zuge der berühmt gewordenen Bemühungen Konrad Adenauers um die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen wurde auch Jennerjahn am 15. Oktober 1955 entlassen, floh aber sofort über Westberlin nach Hamburg, wo er zunächst in seinem Beruf als Kaufmann und später bis zu seiner Pensionierung als Steuerinspektor beim Finanzamt arbeitete. Von der Militärstaatsanwaltschaft in Moskau wurde er erst nach der Wiedervereinigung am 26. Juni 1996 rehabilitiert.

Bereits 1956 gründete der durch die Haft in Workuta ungebrochene einstige Widerstandskämpfer einen Ortsverband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen. Bis zu seinem Tod engagierte sich Hans-Jürgen Jennerjahn zusätzlich in der Lagergemeinschaft Workuta/GULag, die nun mit seiner Familie, seinen Freunden und Weggefährten um einen Patrioten trauert.

Die Beisetzung findet am 3. September 2016 um 12:30 Uhr in der Hohen Kirche in Lemgow statt ( Dorfstr.47, 29485 Lemgow/Simander).

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.148)

Moskau/Berlin, 29.12.20157cw – «Wir müssen kämpfen, um Hoffnung für unsere Kinder zu haben. Damit wir im Alter sagen können: ‹Sie sind frei, weil wir keine Angst hatten. Die Welt ist frei, weil ich dafür gekämpft habe.›» Der achtzehnjährige Regimekritiker, der gegenüber der russsische Internetzeitung „Novi Region“ sich so eindrücklich äußerte, ist tot. Nach übereinstimenden Medien-Berichten, so die Neue Züricher Zeitung vom 28.12., hat sich Wlad Kolesnikow (18) am 25.12. das Leben genommen.

Kolesnikow war aus seiner Fachschule entlassen worden, weil er ein T-Shirt mit den ukrainischen Nationalfarben (Gelb/Blau) und der Aufschrift „Gebt die Krim zurück“ getragen hatte. Wenige Tage später wurde Kolesnikow laut eigenen Angaben von Klassenkameraden zusammengeschlagen und von der Schule verwiesen. Verhöre durch den Geheimdienst FSB und die Polizei folgten. Aber auch im privaten, ja selbst im familiären Umfeld wurde der Regimekritiker offenbar gemobbt: Von seinen Altersgenossen, vom eigenen Großvater, einem KGB-Oberst, von den Eltern, die ihn auf die Straße setzten, aber auch von Putins „Presse“. Igor Jakowenko, früher Sekretär des Journalistenverbands, macht die Propaganda-Krieger von der Komsomolskaja Prawda für den Selbstmord des junge Dissidenten verantwortlich – sie hatte mit Hilfe des KGB-Opas intime Auszüge aus Wlads Tagebuch veröffentlicht.

In einem Schreiben an „Radio Swoboda“, dass seine Freunde als „Letzten Hilferuf“ einstufen, schrieb Wald Kolesnikow: „Wie sich die Menschen mir gegenüber verhalten ist schrecklich. Man hat mir angedroht, mich zu verprügeln, mich in den Schmutz geworfen, in den Schnee, ich werde ständig beleidigt und von den Leuten im den Gängen geschupft und gestoßen. Einer hat mich sogar ins Gesicht geschlagen (glücklicherweise nicht zu fest). Ich kann mich nicht an die Polizei wenden (die haben mir noch im Sommer zu verstehen gegeben, dass sie, ich zitiere das, „dir selbst am liebsten in die Fresse schlagen würden für das, was tu machst“). In Schiguljowske können sie mit mir machen was sie wollen. Ich suche verzweifelt einen Ort, an den ich ziehen kann.“
Inzwischen wird Kritik an den Medien auch in Deutschland laut, die im Zusammenhang mit dem Tod die bodenlosen Unterstellungen gegen Wlad Kolesnikow wiedergeben: Dieser sei „psychisch krank“ gewesen, eine übliche verleumderische Propaganda gegen Dissidenten. Journalisten, die mit Kolesnikow in den vergangenen Monaten in Briefkontakt standen, beschreiben den jungen Mann jedoch weder als verrückt noch als aggressiv, so die NZZ.

Auf Wlads Facebook-Seite sieht man einen  gutaussehenden jungen Mann: dunkle Haare und dunkle Augen. „Bemerkenswerte 4.700 Freunde und fast so viele Follower aus aller Welt zählt sein Profil. Denn im vergangenen Frühsommer wurde Wlad Kolesnikow berühmt,“ schreibt Christian Weisflog in der Neuen Züricher Zeitung über den Tod Kolesnikows. Nach diesem Bericht wohnte der damals 17-Jährige mit seinem Grossvater in Podolsk, einem Vorort knapp 50 Kilometer südlich von Moskau. Bei der Einberufung durch die Armee erklärte er den dortigen Offizieren, er wolle nicht in den Krieg gegen seine ukrainischen Brüder ziehen, und spielte dazu von seinem Handy die ukrainische Hymne ab. Die Beamten hätten bei ihm darauf «Persönlichkeitsstörungen» diagnostiziert, erzählte Kolesnikow in einem Interview gegenüber Radio Svoboda.

Wenige Wochen später, am 3. Juni, ging Kolesnikow mit dem besagten T-Shirt in die Schule, eine erneute Anspielung auf die von Russland im Frühjahr 2014 annektierte Schwazmeerhalbinsel. Nicht nur seine Schulkameraden und die Behörden stellten sich gegen Kolesnikow – auch sein eigener Grossvater zog in einem langen Interview mit dem Boulevardblatt «Komsomolskaja Prawda» über ihn her. Sein Enkel, der ganz leicht aggressiv werden könne, sei „von Mormonen angeworben worden, bei denen es sich um amerikanische Agenten handelte“, erklärte der Grossvater. Wlad sei ganz klar „von jemandem bezahlt und gelenkt worden.“
Der Grossvater schickte Wlad nach diesem Eklat zurück zu seinem Vater in die russische Provinzstadt Schiguljowsk. «Ich hoffe, dass ihm die heilende Luft in der Provinz alle Torheit aus dem Kopfe treibt.» zitiert Weisflog den KGB-Opa.

An Weihnachten schrieb Kolesnikow eine letzte Nachricht an die Journalistin Bigg: «Wenn ich mich in 2 bis 6 Tagen nicht melde, bin ich tot. Ich habe eine tödliche Dosis genommen.» Wenige Stunden später bestätigte die russische Polizei, dass Kolesnikow an einem Cocktail aus Alkohol und Medikamenten gestorben sei. Wlad Kolesnikow hat sich wohl das Leben genommen, weil er selbst die Hoffnung in seinen Kampf verloren hatte.
Wir weinen um einen aufrechten jungen Menschen, der in seinem Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit nicht zuletzt durch mangelnde Unterstützung in seinem Umfeld die erforderliche Kraft dafür verloren hatte. Wir, die wir ebenfalls in jungen Jahren gegen eine Diktatur gekämpft haben, werden Wlad Kolesnikow in ehrender Erinnerung behalten.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.067)

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