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Berlin, 13./14.07.2019/cw – Zum Geburtstag des seit 6 Jahren inhaftierten ukrainischen Regisseurs und Sacharow- Preisträgers Oleg Senzow hatten sich am Samstag zeitweilig rund 20 Menschen vor der russischen Botschaft in Berlin eingefunden. Sie waren einem Aufruf der Aktionskünstler Irina Rau (Dresden) und Uwe Schröder (Leipzig) gefolgt, die anlässlich des Geburtstages Texte aus dem Buch von Oleg Senzow vorlesen wollten. Es sollte ein Aktions-Protest gegen die Inhaftierung Senzows und weiterer politischer Gefangener werden.

Für wenige Stunden zum Gedenken an an weiteres Opfer politischer Willkür umbenannt: Der Demo-Ort ggüb. der Russ. Botschaft – Foto: LyrAg/RH


Der Wochenend-Protest war durch den ehemaligen Cottbus-Häftling Ronald Wendling eingeleitet worden, der seit fünf (!) Jahren (regelmäßig Donnerstags ab 14:00 Uhr) an diesem Ort für die Freilassung politischer Gefangener in Russland demonstriert. Während Wendling unter den wachsamen Augen der Polizei seine vielfältigen Plakate mit Portraits aktueller politischer Gefangener und entsprechender Losungen akkurat zwischen den Bäumen auf dem Mittelstreifen gegenüber der russischen Botschaft

Erklärung der Protestaktion: Uwe Schröder (Mitte) und Irina Rau (re.) – Foto: LyrAg/RH


aufstellt, bauen Irina Rau und Uwe Schröder ein kleines Zelt auf, aus dem heraus ab 18:00 Uhr, so die Ankündigung, Texte von Oleg Senzow in drei Sprachen – Ukrainisch, Russisch und Deutsch – verlesen werden sollen. Ein mit dem Messer herausgeschnittenes Gitterwerk auf einer Zeltseite, eingesprüht mit den Farben der Russischen Trikolore, soll die Gefängnis-Zelle symbolisieren. In dem Buch „Leben“ können durch Besucher der oder durch Teilnehmer an der Demo Grüße an Oleg Senzow eingetragen werden. Das Buch wird später über die Familie an Senzow weitergeleitet.

Wendlings Plakate ggüb. der Russischen Botschaft –
Foto: LyrAg/RH

Oleg Senzow, na und? Ein Kommentar

Bemerkenswert erscheint dem Beobachter das offensichtliche mangelnde Interesse an dem Schicksal politischer Gefangener in Russland zu sein. Nur vereinzelt bleiben Touristen stehen, die meisten gehen nach kurzen Blicken auf die Plakate desinteressiert weiter. Möglicherweise wirkt sich hier eine längst registrierte Ablehnung der Befassung mit den Schicksalen von diversen Opfern der Politik in zahlreichen Ländern aus. Menschlichkeit ist inzwischen auch in Deutschland offenbar zum Politikum geworden;

Buchtitel von Senzow, aus dem Lesungen vorgetrage wurden –
Foto: LyrAg/RH


sie interessiert nur noch, wenn sie in aktuelle (Partei-)politische Konzepte passen und sich entsprechend vermarkten lassen, wie bei dem Thema „Flüchtlinge im Mittelmeer“. Was wie „heißes, mit Herzblut vorgetragenes Engagement“ vermittelt wird, entpuppt sich in der Realität als offensichtliches Polit-Theater. Es geht dabei wohl in realitas nicht um Menschen, um in die Flucht gezwungene Opfer politischer Willkür vor Ort. Es geht wohl lediglich um die beste parteipolitische – und mediale – Vermarktung.

Grüße an Oleg Senzow zu seinem Geburtstag hinter den Gittern politischer Justiz – Foto: LyrAg/RH


Das zeigte sich auch am gestrigen Samstag vor der russischen Botschaft in Berlin. Oleg Senzow? Sacharow-Preisträger? Regisseur? Na und? Das passt gegenwärtig (leider?) nicht in unsere mediale und politische Landschaft …

Einige der Aktivisten und Demonstranten, unter diesen ehem. politische Gefangene des SED-Regimes, vor der Botschaft – Foto: LyrAg/RH


Und die allein in Berlin lebenden ehemaligen politischen Opfer der SED-Diktatur, deren Verbände und Vereine? Die beklagen gerne weiter ihr eigenes Schicksal und die Ruchlosigkeit der Politik im Umgang mit der Aufarbeitung des Unrechtes. Da bleibt kein Platz für ein „wissendes“ Engagement für heutige Opfer politischer Verfolgung: „Wir haben genug gelitten!“ Sollen sich doch andere um die jetzigen Verfolgten kümmern. Dass diese einstigen Opfer ihre oft vorzeitige Freilassung aus politischer Haft dem Engagement vieler mutiger Protestanten, einschließlich mutiger und engagierter Journalisten verdankten, vergessen? Deutschland, wohin gehst Du?

Carl-Wolfgang Holzapfel

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 01756-48061953 (1.435).

Von Burkhart Veigel*

Seit einer Panorama-Sendung vom 6.11.2014 über hochgeehrte Fluchthelfer durch die Mauer in Berlin und kriminelle und kriminalisierte Schlepper und Schleuser von heute lässt mich das Thema nicht mehr los. Die Gleichsetzung unserer Fluchthilfe an der Berliner Mauer mit der Tätigkeit der heutigen Schlepper und Schleuser macht offenbar Schule. Diesem Trend möchte ich entgegenhalten:

1. Wir brachten Menschen aus einem Land, aus dem sie nicht herausdurften, in ein Land, in das sie gern hineindurften. Die Schlepper und Schleuser heute helfen Menschen bei der Flucht aus Ländern, aus denen sie gern herausdürfen, in Länder, in die sie aber nicht hineindürfen.
2. „Unsere“ Flüchtlinge waren in ihrer neuen Heimat willkommen. Die heutigen Flüchtlinge sind es oftmals nicht, werden häufig sogar als Eindringlinge angesehen.
3. Die Zahl „unserer“ Flüchtlinge war sehr viel kleiner als die der Flüchtlinge heute. Ich habe in 9 Jahren etwa 650 Menschen in Freiheit gebracht, so viele, wie allein am 18. April 2015, an einem Tag, im Mittelmeer ertranken.
4. Wir haben „unsere“ Flüchtlinge vom ersten Schritt ihrer Flucht bis zur Ankunft betreut. Die „Helfer“ heute lassen ihre Flüchtlinge in der entscheidenden Phase vielfach im Stich.
5. Wir haben mit „unseren“ Flüchtlingen vor der Flucht gesprochen über das „Warum“ und „Was kommt danach“. Allerdings waren sie nicht auf der Flucht vor Mörderbanden und aus brennenden Städten, sie hätten auch in der DDR bleiben können. Die Not der heutigen Flüchtlinge und ihre große Zahl lässt eine Überprüfung der Fluchtgründe vor ihrer Flucht nicht zu. Deshalb muss man nachträgliche Prüfungen notgedrungen akzeptieren und deshalb auch die schlimme Praxis einer eventuellen Abschiebung.

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6. Die neue Heimat war für „unsere“ Flüchtlinge nicht fremd, einige von ihnen kannten sie sogar. Sie sprachen die gleiche Sprache, die Integration war für die Meisten kein Problem. Die rasche Integration der heutigen Flüchtlinge scheitert schon aus Mangel an Sprachkenntnissen und der Unwissenheit über die sie aufnehmende Kultur.
7. Damals half man Flüchtlingen nicht mit Transferleistungen; sie mussten nach ihrer Flucht sofort arbeiten (durften das allerdings auch). Zu dieser harten Schule gab es keine Alternative. Die heutigen Flüchtlinge werden zwangsweise „gefördert“, was ihre Integration behindert; sie zu „fordern“ wäre im Hinblick auf ihre Integration viel sinnvoller.
8. „Unsere“ Flüchtlinge konnten die Kosten nach ihrer Flucht bezahlen, weil wir eine persönliche Beziehung zu ihnen hatten. Lange Zeit waren Fluchthelfer Idealisten, die an der Not der Menschen nichts verdienen wollten und nichts verdient haben – im Gegensatz zu den meisten Schleppern und Schleusern heute.
9. Nach dem Bau der Mauer wurde jeder Flüchtling ohne Prüfung als „politischer Flüchtling“ anerkannt. Auch heute gäbe es weniger Probleme, wenn grundsätzlich allen Menschen Asyl gewährt würde, die aus Ländern kommen, in denen Korruption, Willkür und die Missachtung der Menschenrechte an der Tagesordnung sind oder in denen ein (Bürger-)Krieg tobt. Die Prüfung, ob ein Asylsuchender in seiner Heimat an Leib und Seele bedroht ist, könnte entfallen, allein die Herkunft aus einem „Unrechtsstaat“ muss für die Anerkennung ausreichen.
10. Anzumahnen, Flüchtlinge aufzunehmen, sind nicht nur unsere europäischen Nachbarn, sondern in erster Linie und mit Nachdruck die arabischen Ölstaaten, die zumindest für ihre Glaubensbrüder sehr viel mehr tun könnten als heute. Warum sollten Muslime in säkularisierte Länder fliehen, deren Bewohner sie als geborene Feinde sehen, wenn es eine Möglichkeit für sie gäbe, innerhalb ihrer Religionsgemeinschaft eine neue Heimat zu finden?
11. Wir müssen aber auch selbst an die Grenzen unserer Belastbarkeit gehen und Flüchtlingen aus „Unrechtsstaaten“ helfen.
12. Deshalb sind die „Schlepper und Schleuser“ nicht per se schlecht. Es kommt darauf an, wie qualifiziert sie ihre Arbeit machen: Ein erfolgreicher Schleuser darf (wie jeder Arzt und jeder Rechtsanwalt hierzulande) auch Geld für seine Hilfe nehmen – und muss dafür Anerkennung erhalten und nicht ins Gefängnis gesperrt werden. Zu verfolgen sind aber diejenigen, die ihre Schutzbefohlenen in den Tod schicken, ertrinken lassen, egal ob sie dafür Geld genommen haben oder – theoretisch – Idealisten waren. Die Motivation und Geld spielen eine Rolle, aber keine entscheidende. Fast allein wichtig ist die Professionalität dieser Fluchthelfer.

Fazit:
Eine Gleichsetzung von Fluchthelfern durch die Berliner Mauer und Schleppern und Schleusern von heute verbietet sich. Allein aus der Tatsache, dass Menschen „illegal“ über Grenzen gebracht werden, lässt sich keine Gemeinsamkeit konstruieren. Im Zentrum unserer Überlegungen und Handlungen müssen aber die Flüchtlinge stehen, denen unter allen Umständen geholfen werden muss, vor allem, wenn sie aus „Unrechtsstaaten“ kommen und auf der Flucht ihr Leben riskiert haben. Sie sind keine „Wirtschaftsflüchtlinge“, sondern Menschen in Not, die eine eigene moralische Qualität haben, die uns zwingt, ihnen zu helfen.

*Zum Autor: Dr, med. Burkhart Veigel, Jahrgang 1938, war in den 1960er-Jahren Medizinstudent und Fluchthelfer in Berlin. Er verhalf etwa 650 Menschen zur Flucht in den Westen. Veigel überstand unversehrt zwei Entführungsversuche durch die DDR-Staatssicherheit. 2012 erhielt der Arzt (Promotion 1969 in München) das Bundesverdienstkreuz. Mehr dazu in seinem Buch „Wege durch die Mauer – Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West“. 488 Seiten, Verlag: Edition Berliner Unterwelten, 3. überarbeitete und stark erweiterte Auflage (12. Juli 2011), ISBN-13: 978-3943112092 , 16,1 x 2,7 x 22,8 cm, auch als Taschenbuch (ISBN-10: 3943112098).

V.i.S.d.P.: Autor Burkhart Veigel, Redaktion Hoheneck, Tel.: 030-30207785

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