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Berlin, im Oktober 2019/cw – Auf die vorstehende Rede ist die Antwort durch einen Betroffenen vorgesehen. Wir danken dem Informanten ebenfalls für die überlassene Replik und stellen diese als Vorabdruck ebenfalls in den Diskurs.

„Sie erlauben mir, jene zuerst zu begrüßen, die auf dieser Veranstaltung – aus welchen Gründen auch immer – nicht anwesend sind:

Hochverehrte, in tiefer Trauer verbundene Angehörige von Opfern an der Berliner Mauer, der Zonengrenze deutschlandweit, des Eisernen Vorhangs in Europa,

hochverehrte ehemalige politische Gefangene aus den Zuchthäusern in Bautzen, Hoheneck, Brandenburg, Cottbus und anderswo und/oder deren überlebende Angehörigen;

hochverehrte einst engagierte Helfer, die oft unter Einsatz ihres Lebens oder ihrer Freiheit zahlreichen Menschen zur Flucht in die Freiheit verholfen haben;

hochverehrte Demonstranten für die Freiheit, die über Jahrzehnte gegen zahlreiche, oft sehr persönliche Widrigkeiten den Glauben an die Durchsetzungsfähigkeit der Freiheit und die

Wiedervereinigung unseres Landes hoch gehalten haben

und – last not least –

hoch geehrte Excellenzen, Präsidenten und übrige Teilnehmer an diesem Festakt,

Ihre Verdienste um die Aufarbeitung, die Erinnerung an mutige Menschen unserer Geschichte hat mein verehrter Vorredner bereits hinreichend gewürdigt. Ersparen Sie mir also eine Wiederholung von Kaskaden der Selbstbeweihräucherung und ermöglichen Sie mir, Sie mit einigen kritischen Anmerkungen zu konfrontieren:

Liebe Frau S., erlauben Sie mir, Sie beispielhaft anzusprechen, ohne Ihnen allein die Bürde der Verantwortung aufzuerlegen. Die Wiedervereinigung hat Ihnen in der Folge eine wichtige Lebensstellung verschafft. In einer eigens geschaffenen staatlichen Stiftung dürfen Sie – gut dotiert – die Erinnerung an jene Menschen pflegen und hochhalten, ohne deren vielfältigen Opfer Sie niemals in diese Position gelangt wären. Erst die jahrzehntelangen Verbrechen an diesen Menschen und die dadurch insistierte Aufarbeitung dieser Verbrechen, so diese denn überhaupt aufgearbeitet werden können, haben Ihnen und Ihren vielzähligen Mitarbeitern aber natürlich auch anderen Institutionen und deren ebenso zahlreichen Mitarbeitern, eine ansehnliche Lebensstellung gesichert.

Die Aufarbeitung wird entmenschlicht

Wie wichtig diese Sicherung zumindest Einigen unter Ihnen war und ist, hat sich jüngst – immerhin im 30. Jahr der Maueröffnung – am Beispiel einer anderen Aufarbeitungsbehörde gezeigt. Die Verlagerung von sogen. Täter-Akten in ein Vielfalt-Archiv untermauert das vielfach erkennbare politische Bestreben, endlich die Aufarbeitung zu entmenschlichen, diese also der historisch-faktischen Forschung – im bürokratische Sinn – zu überantworten. Da spielen zukünftig also rein menschliche Belange schon zu Lebzeiten einstiger Diktatur-Opfer keine herausragende Rolle mehr. Der dadurch überflüssig gewordene Behördenchef darf aber eine Verlängerung seiner gewohnten Privilegien erwarten: Die Schaffung eines Bundesbeauftragten für die Diktatur-Opfer soll ihm ein gewohntes Lebensumfeld erhalten.

Sie, geehrte Frau S., brauchen also auch um Ihre Zukunft nicht zu fürchten. Sollte sich die Arbeit Ihrer Stiftung aus politischen Gründen erledigen, könnten Sie mit Fug und Recht, also gegebener Erfolgsaussicht, die Schaffung einer „Bundesbeauftragten zur historischen Verwaltung stiftungsrechtlich erfolgter Aufarbeitung“ erwarten.

Lassen Sie mich diese Beispiele nicht fortsetzen, da die Gefahr besteht, dass mir derlei Aufzählungen die Sprache verschlägt. Ich möchte lediglich diese bemerkenswerte, wenn auch langgeübte formale Veranstaltung der unerträglich werdenden Selbstbeweihräucherung nutzen, Ihnen einige Bedenken vorzutragen. Dabei stellt sich die Frage der Legitimation nicht. Denn natürlich haben Sie die in der Begrüßung erwähnten Personengruppen nicht eingeladen. Wenn ich diese begrüßt habe, dann aus einem unsäglichen Zorn heraus.

Seit Jahr und Tag feiern Sie – dieses total zu recht – den Mauerfall und die folgende Wiedervereinigung. Aber haben Sie einmal – nur einmal – darüber nachgedacht, dass Sie diese Feiern exklusiv für sich veranstalten? Na klar, Sie laden auch das VOLK ein. Das darf sich auf Rummelplätzen vor dem Brandenburger Tor in Berlin oder wahlweise, diesmal in Kiel, vergnügen. Die exklusiven Festivitäten mit allem Drum und Dran aber veranstaltet man für sich und bleibt damit unter sich.

Haben Sie jemals einen Flüchtling in den Arm genommen?

Peter Fechter ( ermordet † 17.8.1962). Gedenken in der Bernauer Strasse – Stiftung Berliner Mauer – Foto: LyrAg

Was wäre denn auch die Erinnerung ohne Ihre in der Summe mit Millionen Euro geförderte Aufarbeitungs-Arbeit wert? Sie würden, statt in wunderschönen Dienstsitzen und Büros ohne Bürostress zu sitzen, vermutlich in irgendeiner Fabrikhalle, einem Discounter oder einem Verwaltungsbüro unter dem üblichen tagtäglichen Stress ihre Arbeit verrichten müssen und dabei einen mehr oder weniger schmalen Lohn, wahrscheinlich eher Gehalt erhalten. Und das Schlimmste dabei: Keine Öffentlichkeit würde sich für Ihre Arbeit interessieren, oft nicht einmal die eigene Familie.

Haben Sie jemals, wenigstens in einer solchen Stunde wie dieser, an Ihre eigentlichen Arbeitgeber gedacht? An die von mit eingangs erwähnten und begrüßten, weil nicht anwesenden Opfer der Teilung, der Wiedervereinigung, die politischen Häftlinge, die Mutter, die ohne ihren an der Mauer erschossenen Sohn leben muss? An die Schwester, die ihren ermordeten Bruder beweint?

Na klar. Sie verweisen auf jährliche Gedenkfeiern an den Mauerkreuzen, zum Beispiel in der Bernauer Straße. Aber haben Sie dort jemals einen Familienangehörigen eines dieser Opfer in den Arm genommen? Haben Sie, bitte seien Sie ehrlich, jemals einem dieser Menschen Ihre persönliche Hilfe und Unterstützung angeboten oder diese dann umgesetzt? Waren Ihnen die demonstrativen Feierlichkeiten nicht stets wichtiger als die so oft beschworene Mitmenschlichkeit?

Was sagen Sie zu den Tatsachen, dass einstige Flüchtlinge auch 30 Jahre nach dem Mauerfall um Teile ihrer zugesagten Rente, Verfolgte um ihre Rehabilitation kämpfen müssen? Dass den Opfern der Diktatur eine „Soziale Zuwendung“ (17 Jahre nach der Einheit) ausgereicht wird, während DDR-Ministern, die im Einzelfall längstens 5 Monate im letzten Regierungs-Dienst waren, eine „Ehrenpension“ in doppelter Anfangshöhe der erwähnten sozialen Zuwendung gesetzlich zugesprochen wurde? Diese Minister-Ehrenpensionen erhöhen sich seit 2007 regelmäßig mit der Erhöhung der Bezüge von Bundesministern und sind sogar vererblich. Die soziale Zuwendung ist in 13 Jahren einmal um 50 Euro angehoben worden.

Wo bleibt die Empathie für die Betroffenen?

Hätten Sie, vielfach geehrte Anwesende, gerade in Ihrer Funktion nicht aufgabengerechter, mitmenschlicher tätig werden können? Haben die Diktatur-Opfer, denen Sie letztlich Ihre Lebensstellung verdanken, nicht allen Ihren persönlichen Einsatz verdient? Haben Sie nicht mit der immer wieder zu hörenden bürokratischen Rechtfertigung, an „gesetzliche Vorgaben gebunden zu sein“, die Ihnen „leider die Hände binden“ nicht Ihre eigentliche Klientel verraten? Wo bleibt die Empathie für die Betroffenen , der unbedingte Einsatz für jene Menschen, denen Sie Ihren Job, Ihre Position, denen wir ein wiedervereinigtes Vaterland verdanken?

Anfang der neunziger Jahre habe ich einen Repräsentanten des Innenministeriums gefragt, warum zur Gedenkfeier am 17. Juni nie ein Teilnehmer sprechen durfte. Die Antwort fiel nach einigem Zögern offen und ehrlich aus: „Wir wissen doch nicht, was der sagen würde.“

Heute durfte ich – wohl eher aus Versehen – zu Ihnen sprechen. Und Sie wissen jetzt, was ein Betroffener sagen würde, weil ich es hier und heute gesagt habe. Hoffentlich – ich bin noch immer ein unverbesserlicher Optimist – nicht völlig umsonst. Gehen Sie in sich. Und vergessen Sie beim anschließenden Sekt-Umtrunk nicht jene Menschen, die auch Ihnen in ihrer oft aufgekommenen Verzweiflung vertraut haben. Solange diese Menschen leben, können Sie für diese im Rahmen Ihrer Möglichkeiten und gewachsenen Beziehungen etwas tun. Danach, also wenn diese Menschen tot sind, bleibt Ihnen nur noch der unter diesen Umständen heuchlerisch wirkende Abwurf von Kränzen am 13. August oder 9. November.

V.i.S.d.P.: Der Redner, für den Vorabdruck: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil:0176-48061953 (1.482).

 

 

Berlin, im Oktober 2019/cw – Zum 30. Jahrestag der Maueröffnung findet in Berlin an herausragender Stelle auch ein Festakt in „Geschlossener Gesellschaft“ statt, zu der insbesondere Akteure der Erinnerung eingeladen sind. Unserer Redaktion gelang es, vorab die geplante Rede des hauptamtlichen Akteurs zu erhalten, die wir exklusiv als wichtiges Dokument der Erinnerungs-Geschichte im Folgenden abdrucken.

„Exzellenzen,

Herr Präsident,

Frau Bundeskanzlerin,

Meine Damen und Herren Abgeordneten,

Hochverehrte Gäste,

– und nicht zu vergessen –

Werte Vertreter der Erinnerungsarbeit an Jene, deren wir heute besonders gedenken wollen,

wir f e i e r n heute einen Tag, den wir aus unser aller Leben nicht mehr streichen wollen, selbst wenn wir dies könnten: Vor 30 Jahren, d r e i ß i g , verehrte Anwesende, vor dreißig Jahren wurde jene Mauer geöffnet, die die einen als „antifaschistischen Schutzwall“ begriffen, die anderen als „Trennungsmauer der Schande“.

Für die Einen verwirklichte sich am legendären 9. November vor dreißig Jahren ein Traum, für die Anderen wurde ein Alptraum Wirklichkeit. Und   w i r , verehrte Anwesende, standen überwiegend zunächst als Zuschauer, nunmehr als wichtige Zeitzeugen inmitten des Geschehens und konnten nicht fassen, was da geschah.

Und nachdem wir die Fassung gefunden hatten, reihten wir uns ein in die Kolonne der Glücklichen, der Überglücklichen, feierten mit diesen immer als Brüder und Schwestern empfundenen Menschen über Nächte und Tage hinweg diesen „Glücksumstand der Geschichte“, wie es richtig ein großer Politiker dieser Zeit spontan und unvergesslich für uns alle so treffend formuliert hat.

Die Erinnerung nur zelebrieren? Joachim Gauck und Angela Merkel 2013 auf der Gedenkfeier zum 17. Juni 1953 – Foto: LyrAg

Stellvertretend für unser Volk

Wir alle, die wir hier stellvertretend für unser Volk zur Feier dieses unvergesslichen Tages versammelt sind, wir sind uns bewusst, welche unendlichen Erschwernisse vor uns lagen, die es zusätzlich zu beseitigen galt, um die durch den Mauerfall virulent gewordene Sehnsucht nach der Einheit unseres Landes, nach der so lang ersehnten Wiedervereinigung, nach einer berechtigten Beteiligung dieser erwähnten 9.November-Menschen in die Realität umzusetzen.

Was, verehrte Anwesende, war das für ein Kraftakt im wahrsten Sinne des Wortes. Wer daran, ob – erlauben Sie mir diese Metapher –ob „oben“ oder „unten“ daran mitgewirkt hat, hat sich unvergesslich in das Geschichtsbuch eingetragen. Diese unendliche Geschichte mühsamster Verhandlungen, durch Nächte, Tage, Wochen und Monate bleiben unvergesslich, haben sich als bleibender Verdienst in unsere Agenda eingetragen.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen die oft mühsamen Austarierungen unterschiedlichster Interessen, die Einbindung in bereits vorhandene Strukturen, vielfältigen Ämter und Positionen. Ja, die Erlebnis-Zeugen der historischen November-Nacht und Akteure der Nach-Mauer-Zeit hatten einen unwiderruflichen Anspruch darauf. Waren wir nicht geradezu verpflichtet, diese so wichtige Mitwirkung an der Aufarbeitung der unausbleiblichen Folgen dieser unvergessenen Maueröffnung anzuerkennen, diese Zeitzeugen zu integrieren, in unseren bestehenden Apparat der Funktionen einzugliedern? Das war unser Dank an diese unterstützenden Zeugen des Mauerfalls, die zu Wegbereitern der Einheit wurden, die wir ein knappes Jahr später Dank dieser uneigennützigen Zeugenschaft endlich, endlich umsetzen konnten?

Natürlich haben wir in dieser Zeit auch die Menschen einbezogen, die in den vorausgegangenen Jahrzehnten so unendlich viele Mühen und Plagen auf sich genommen, oft ihr Leben aufs Spiel gesetzt oder viele Jahre Gefängnis auf sich genommen hatten, um diese für unveränderlich gehaltene Spaltung unseres Landes zu überwinden. Wir haben dafür gesorgt, dass viele Institutionen, von Stiftungen bis zu Vereinen, geschaffen wurden, um die Erinnerung an diese mutigen Menschen aufrecht zu erhalten, diesen mit dieser permanenten Erinnerung ein ewiges Denkmal zu setzen.

Wertvolle Arbeit der Erinnerung

Was wäre diese Erinnerung wert, meine Damen und Herren, wenn wir nicht jede Möglichkeit und Chance nutzen würden, um dieser Menschen zu gedenken. Das tun wir mit unserer Veranstaltung auch hier und heute. Und Sie dürfen mit mir die Gewissheit teilen, dass diese Menschen auch unsere heutige Feier nicht nur als Dank für die wertvolle Arbeit der Erinnerung, die Sie, hochverehrte Anwesenden, in all den Jahren danach geleistet haben, verstehen sondern auch als Ausdruck der großartigen Wertschätzung der Verdienste dieser Menschen, ohne die wir heute und in Zukunft dieses Kapitel unserer Geschichte nicht feierlich und in gebührendem Rahmen begehen könnten.

Lassen Sie mich bitte auch ein Wort zu der am Rande vorgetragenen Kritik an dieser und/oder ähnlichen Veranstaltungen sagen. Kritik ist das Salz unserer Demokratie, nicht wahr? Und darum ordnen wir diese als überzeugte Demokraten auch entsprechend ein. Aber zum Recht auf Kritik gehört natürlich auch das Recht der maßvollen Entgegnung, auch das ein umgesetzter wertvoller Bestandteil unserer Nach-Mauer-Ära. Und hier frage ich denn diese Kritiker: Sollten wir denn Hunderttausende zu dieser Feier einladen? Schließlich gedenken wir hier dankbar dieser Hunderttausenden, ohne die wir hier nicht die Verwirklichung einstiger Träume feiern könnten. Lassen wir also die Kirche im Dorf, liebe Kritiker. Begnügen wir uns bescheiden mit dieser Feier im demokratischen Konsens, dass es nun einmal auch ein Merkmal dieser unserer Demokratie ist, es nicht allen recht machen zu können.

Erheben Sie mit mir das Glas auf unser Land, auf die, die es nach dem Mauerfall so gut gestaltet haben, auf Sie, die sich tagtäglich in Stiftungen und vielen Vereinen abmühen und abkämpfen, um der Arbeit der Vorkämpfer dieser Einheit eine stete Erinnerung zu bewahren.“

V.i.S.d.P.: Der Fest-Redner, für den Vorabdruck: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil:0176-48061953 (1.481).

 

Danke Jungs!!! Das war das schönste Geschenk zum

25. Jahrestag der Maueröffnung!!!

 

Natürlich wurde auch bei uns auf Balkonien geflaggt - Foto: LyrAg

Natürlich wurde auch bei uns auf Balkonien geflaggt – Foto: LyrAg

 

Auch auf dem rückwärtigen  Balkon ...

Auch auf dem rückwärtigen Balkon …

 

 

 

Sirenengeheul und Beleuchtung für die Sieger - Foto: LyrAg

Sirenengeheul und Beleuchtung für die Sieger – Foto: LyrAg

Rio, 13. Juli 2014:

Das vergessen wir niiiiiiieeeee!!!

 

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 9.November 2012/cw – „Die Erziehung … zum Hass ist notwendig, sie muss Bestandteil unserer Erziehung zu einem kämpferische Humanismus und zum Patriotismus in unserer Zeit sein. Hass ist in unserer Zeit als politisch-moralisches Gefühl, ein ebenso hoher sittlicher Wert wie die Liebe(…).“ (Quelle: Pädagogik; Berlin Ost 1957, H 4,8, S.264/269; zit. bei Sauer/Plumeyer 1991, S.51; vgl. Gries/Meck 1993.)

Man soll ja nicht gleichsetzen, aber man darf vergleichen: Während im  Dritten Reich der Nationalsozialisten die Erziehung zum Hass kaum  notwendig war, weil sich ein Volk mehrheitlich mit der NS-Bewegung identifizierte, also wohl ein Grundhass auf alles Fremde latentierte, war die Ausgangssituation in  der von  sowjetischen Gnaden gegründeten DDR eine andere: Die Bevölkerung spürte keinen Hass gegen den „Westen“, schon gar nicht gegen den anderen Teil Deutschlands. Man war überdies auch noch verwandtschaftlich verbunden. Also mußte ein Programm der Erziehung zum  Hass aufgelegt werden.

Der Widerspruch im antifaschistischen Staat DDR zeigte sich auch hier auf ganzer politischer Breite. Der vorhandene oder aktivierte Hass auf bestimmte Gruppen führte einst über die Reichspogromnacht („Reichskristallnacht“) geradewegs in die mörderisch geplante Vernichtung von Millionen Juden, Sinti und Roma. Hass als Mittel der Politik schien nach diesen schrecklichen Erfahrungen in  unseren Breiten für immer ausgelöscht oder zumindest als völlig indiskutabel. Den Kommunisten in  der DDR blieb der Versuch  vorbehalten, diese widerlichste, immerhin historisch gewordene Seite der Deutschen mit einem eigens geschaffenen pädagogischen Programm neu zu beleben. Dennoch hindern diese und andere Tatsachen, wie der endliche Bau einer Mauer und die befohlenen neuerlichen Morde mitten in Deutschland die Nostalgiker der DDR nicht daran, diese zu verklären. Bis hin zur Trauer über deren Untergang.

Verdrängung und einseitige Bedeutungszuweisung

Dieser offenbare Zwiespalt in der Beurteilung der eigenen Geschichte war aber keineswegs DDR-typisch, sondern gesamtdeutsch. Er wird nicht zuletzt im Umgang mit einem Datum deutlich, das wie kein zweites in der deutschen Geschichte emotional belastet ist: Stolz und Trauer, Freude und Unglück spiegeln sich im 9. November. Keine Nation kann auf einen  Tag verweisen, der so viele geschichtsträchtige, für eine Nation bedeutsame  Daten aufweist, wie dieser trübe, nebelverwobene, Angst- und tumultartige Freude auslösende Novembertag. Doch wie gehen die Deutschen damit um? Möglichst gar nicht und wenn, dann gespalten in Verdrängung und einseitiger Bedeutungsbeschreibung, je nach Standort.

Dabei zwingt sich  jener Tag geradezu auf, ihn  zum „Tag der Deutschen“, zum „Tag der Nation“ zu erheben. Aber können wir Deutschen überhaupt Tiefen und Höhepunkte wie Freudentaumel mit Tränen der Verzweiflung und Trauer vereinen? Brauchen wir nicht – ganz deutsch – die klare Trennung, damit wir auch ja nicht in irgendein  Fettnäppchen treten und immer und jederzeit genau wissen,  w a n n  wir uns freuen dürfen,  w a n n   wir trauern sollen?

1848, im Jahr der Revolution, wurde am 9. November der deutsche Demokrat in der Frankfurter Nationalversammlung (Paulskirche), Robert Blum, hingerichtet, nachdem er sich im Oktoberaufstand auf revolutionärer Seite (vergeblich) an der Verteidigungs Wiens gegen die kaiserlich-königlichen Truppen beteiligt hatte. Blum hatte sich in der Versammlung Meriten verdient, weil er um Kompromisse mit dem linken Flügel der Liberalen warb und  konsequent einen demokratischen Kurs verfolgte. Robert Blum, ein Vorreiter unserer Demokratie; kein  Grund, seiner (auch) am 9. November zu gedenken?

1918, am 9. November, wurde die Republik ausgerufen, Gleich – schön deutsch – zweimal, damit das auch Bestand hatte, einmal vom Reichstag aus durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann und gleich noch einmal vom Balkon des kaiserlichen Schlosses durch den Führer des Spartakusbundes (Kommunisten), Karl Liebknecht. Scheidemanns Proklamation gilt seither als die Geburtsstunde der Weimarer Republik. Auch wenn diese junge und von ihren Feinden gehasste Republik im Ansturm zweier extremistischer Richtungen, die zudem bei opportuner Gelegenheit Arm in Arm agierten, zusammenbrach: Kein Grund, dieses historischen Momentes, der Geburtsstunde der ersten demokratischen Republik im letzten Kaiserjahr (auch) am 9. November zu gedenken?

1923 abgewehrter Putsch, 1938 Reichspogromnacht, heute „Knechte Satans“

1923, am 9. November, putschte der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler im Verein mit rechten Militärs im Freistaat Bayern mit dem Ziel, die Berliner Regierung zu stürzen. Warum heute noch immer dieser 9. November als „Hitler-Putsch“ mit Pfui-Gedanken versehen wird, statt seiner offensiv als Tag der (noch) wehrhaften Demokratie zu gedenken, die dem ersten  Ansturm der Nationalsozialisten getrotzt hat, ist eigentlich nicht zu erklären. Der 9. November 1923 ist ein hervorragendes Datum, an das Selbstverständnis einer Demokratie und deren Fähigkeit zu erinnern, sich extremistischer, diktatorischer Ansprüche zu erwehren. Nicht Grund genug, der erfolgreichen Verteidigung der Republik (auch) zu gedenken?

1938, am 9. November, tobte der nun allein herrschende braune Mob durch die deutschen Städte und Straßen. Synagogen, Geschäftshäuser und sonstige Einrichtungen deutscher Bürger jüdischen Glaubens gingen in  Flammen auf, wurden zertrümmert, vernichtet. Die schweigende Mehrheit beschränkte sich allenfalls auf ein  Kopfschütteln (soweit man nicht eine heimliche Freude über das endliche Losschlagen gegen diese vermeintlichen Feinde empfand), ansonsten schwieg Mann/Frau. Und ermutigte mit diesem Schweigen vermutlich die braunen Schergen zu einem der größten Massenmorde der Weltgeschichte. Nicht auszudenken, was geschehen und verhindert worden wäre, wenn sich die Bevölkerung 1938 der Reichspogromnacht in den Weg gestellt hätte? Heute wird bereits wieder geschwiegen, wenn  Juden öffentlich als „Knechte Satans“ bezeichnet werden, und das von einem Träger des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied in diversen öffentlichen Stiftungen.

Die sogen. „Reichskristallnacht“ wurde neben dem Synonym Auschwitz zum Symbol dieses dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte. Das Gedenken an diesen historischen Tiefpunkt und der Wille, „den (neuerlichen) Anfängen zu wehren“ gehört (auch) zum Kanon der Fanale des 9. November, gerade weil Bestürzung und Trauer neben der angesprochenen Freude wichtiger Teil des Selbstverständnisses eines Tages „der Nation“ ist und sein muß.

1939, am Vorabend des 9. November, zündete der Hitler-Gegner Georg Elser im Bürgerbräukeller in München eine mit einem Zeitzünder versehene Bombe, um  Hitler zu töten, der bekanntlich jeweils am Vorabend des Jahrestages seines gescheiterten Putschversuches vom 9. November 1923 in diesem Münchner Lokal eine Rede hielt. Hitler verließ  wenige Minuten vor der Explosion den Bürgerbräukeller. Georg Elser, ein weiterer Grund, in das Gedenken (auch) diesen mutigen Einzelgänger und Widerstandskämpfer einzubeziehen.

1989, 9. November:  In  den späten Abendstunden trat das ein, woran nur noch wenige Unentwegte geglaubt hatten. Entgegen den Überzeugungen nahezu aller Politiker in West und Ost öffnete sich nach einem historischen und vermutlichen  Versprecher des SED-Funktionärs Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz in Berlin  die Berliner Mauer. Das Ende der Teilung Deutschlands, das Ende der Teilung Europas, das Ende des Kalten Krieges wurde durch diese friedliche Revolution eingeleitet. Der 9. November erhielt  seine weitere und vorerst letzte historische Dimension.

Erbärmlicher Gedenktag „nach Aktenlage“

Freude, dieser schöne Götterfunke, mischt sich mit der Trauer um die unfasslichen Geschehnisse, die ebenfalls mit diesem Tag verbunden sind. In  diesem „Tag der Nation“ können sich schließlich alle Bürger wiederfinden, von LINKS bis RECHTS (im besten  konservativen Sinn), von UNTEN und OBEN, zwischen schwarzem Trauergewand und ausgelassen wirkender Narren-Kluft.

Wie erbärmlich muss dagegegen der von Oben  „nach Aktenlage“ verordnete „Tag der Deutschen Einheit“ auf die lebende und nachkommende Generation  wirken? Wie kleinlich wirkt dieser Ersatz der Erinnerung an den ersten Aufstand gegen  das Kommunistische System im Nachkriegseuropa vom 17. Juni 1953, der nachweislich seine Ausstrahlung auf die folgenden Aufstände und Ereignisse in Posen und Ungarn (1956), in der CSSR (1967) und Polen (nach 1980) hatte?

Die Vereinigung 17. Juni in Berlin hatte bereits 1989 ihre Bereitschaft signalisiert, zugunsten eines „Tages der Nation“ am 9.November auf den „eigenen Gedenktag“ als offiziellen Feiertag zu verzichten. Sie wollten sich nicht dem Sog eines durch die Ereignisse im  Raum stehenden „Tag des 9. November“ entziehen. Die einstigen Teilnehmer vom Volksaufstand hatten sich bei diesem Vorschlag nicht im Traum vorstellen können, dass ein völlig unbedarftes Datum, der 3. Oktober, den „Tag der Deutschen Einheit“ ersetzen sollte, einzig aus einer willkürlichen vertraglichen Bestimmung des Endes der DDR heraus. (Wie eindrücklich wäre die Verlegung des formalen Beitritts der DDR um nur fünf Wochen auf den 9. November gewesen.)

Man könnte noch einiges zum 9. November anführen, so die sinnlose Brandrede des Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, von Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli d.J. zum „Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz“ ernannt, auf dem Berliner Wilhelmplatz am 9. November 1944 vor Angehörigen  des sogen. Volkssturmes. Das dem Untergang geweihte System verkrampfte sich einmal mehr in sinnlosen Appellen.

Oder auch den 9. November 1949, als in der proklamiert antifaschistischen DDR ehemalige Mitglieder der NSDAP, sofern sie nicht als Aktivisten eingestuft oder wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurden, sowie ehemalige Offiziere der deutschen Reichswehr wieder alle bürgerlichen Rechte erhielten. Dadurch wurde es möglich, dass in der einstigen, proklamiert antinazistischen Volkskammer ehemalige Parteigenossen der NSDAP fast fünfzig Prozent der Parlamentssessel besetzten.

Historische Fussnoten und erinnerungswürdige Geschehnisse

Sicherlich sind dies letztlich nur historische Fußnoten. Durchsetzen wird sich jedoch langfristig die Erinnerung einer ganzen Nation an einen  9. November, der zumindest seit 1848 denkwürdige Geschehnisse ausweist, ohne die wir heute wohl kaum das in der ganzen  Welt bewunderte Fundament eines freien, demokratischen und in die Gemeinsamkeit der europäischen Völker eingebetteten Staatswesens hätten. Dafür sollten wir dankbar sein. Daran sollten wir uns stets am 9. November erinnern.

 

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Oktober 2019
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