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Von Tatjana Sterneberg*

Berlin, 12.04.2021/tst – Der Verein „Berliner Unterwelten e.V.“ hat dem einstigen Mauer-Demonstranten und Tunnelbauer Carl-Wolfgang Holzapfel (77) die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Die Ehrung erfolgte mehr oder weniger zufällig zum 77. Geburtstag des Vor-sitzenden der Vereinigung 17. Juni 1953. In der Ehrenurkunde wird die Verleihung mit den „besonderen Verdiensten und außergewöhnlichem Engagement für unseren Verein“ begründet.

Ehrenurkunde des Vereins „Berliner Unterwelten e.V.“

In einer ersten Reaktion zeigte sich Holzapfel „tief bewegt.“ Diese Ehrung sei für ihn zweifellos „wertvoller, als jedes staatliche Kreuz.“ Komme sie doch von einer Gemeinschaft, die sich ebenso um die Aufarbeitung der Berliner Geschichte und hier speziell der spannenden Unterwelten in der Wieder-Hauptstadt verdient gemacht hat. Und dies alles vornehmlich auf ehrenamtlicher Basis.

Holzapfel hatte bereits im Alter von 14 Jahren ein „Deutschland-Papier“ entworfen, in dem er Wege zur Wiedervereinigung des geteilten Landes unter internationaler Beteiligung aufgezeigt hatte. Nach dem Bau der Mauer am 13. August vor sechzig Jahren widmete er sich dem Kampf gegen diese „neuerliche KZ-Mauer“ in Deutschland“. Der junge Mann schwor vor der zugemauerten Versöhnungskirche in der Bernauer Straße „so lange zu kämpfen, bis diese Mauer gefallen sein“ oder er „nicht mehr leben würde.“

Zahlreiche Hungerstreiks gegen das Ulbricht-Honecker-Bauwerk, Demonstrationen für die Freilassung politischer Gefangener, die spontane Errichtung von Kreuzen für ermordete Flüchtlinge und die aktive Beteiligung an einem Fluchttunnel, dem sogen. Weinstein-Tunnel (1963) prägten für Jahrzehnte das Leben des späteren Bankkaufmanns. 1966 wurde er sogar nach seiner Festnahme am Checkpoint Charlie (Oktober 1965) für sein Engagement in Ost-Berlin zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch nach dem Freikauf durch die Bundesregierung (Oktober 1966) führte er unermüdlich seinen gewaltlosen Kampf gegen die Mauer fort. Letztlich demonstrierte er am 28. Jahrestag, dem 13.August 1989, „für die Einheit Berlins und Deutschlands“ am Checkpoint Charlie. Über drei Stunden lag er dort auf dem berühmten weißen Strich, der dort die Trennung markierte, ehe er nach langwierigen Verhandlungen zwischen der amerikanischen und sowjetischen Besatzungsmacht von Beamten der West-Berliner Polizei weggetragen wurde.

Als wenige Monate später die Mauer fiel, bezeichnete sich Holzapfel als „den glücklichsten Menschen.“ Auch nach dem Mauerfall widmete er sich dem Thema. So wirkte er im Rahmen der Währungsunion in Eisenach für die COMMERZBANK. Dort unterbrach er im August 1990 seine Tätigkeit, um in Berlin vor dem noch existierenden „Justizministerium der DDR“ einen unbegrenzten Hungerstreik gegen den Justizminister Prof. Wünsche zu beginnen. Wünsche trat sechs Tage später von seinem Amt zurück. Holzapfel hatte kritisiert, dass der Justizminister einer „frei gewählten Regierung“ dieses Amt bereits unter Ulbricht und Honecker inne gehabt habe.

Seinen letzten Hungerstreik führte der nunmehrige Vorsitzende der „Vereinigung 17. Juni 1953“ im Sommer 2005 vor dem heutigen Bundesministerium für Finanzen durch, vor dem im Juni 1953 tausende Arbeiter für „freie Wahlen“ demonstriert hatten. Nach neun Tagen brach der sichtlich Entkräftete seinen Hungerstreik „gegen die Entfernung der Fototafeln an der Fassade des einstigen „Haus der Ministerien“ ab, die dort an den Volksaufstand vom 17. Juni erinnerten. Seine Forderung, den Platz vor dem Ministerium nach dem Volksaufstand zu benennen, wurde erst 2013 nach langen internen Kämpfen umgesetzt.

* Tatjana Sterneberg ist ehemalige Hoheneckerin und Mitglied im Vorstand der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. in Berlin. Der Beitrag erschien zuerst unter „Redaktion Hohenecker Bote“.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.631).

Berlin, 12.August 2020/cw – Die VEREINIGUNG 17. JUNI 1953 hat ihr seit Jahren durchgeführtes Gedenken an den Mauerkreuzen nahe dem Reichstag (Scheidemann-/Ecke Ebertstraße) für dieses Jahr abgesagt.

In einer Mitteilung des Vorstandes von heute teilte dieser mit, dass „das hohe Alter unserer Mitglieder eine Ehrung unter den aktuellen Temperatur-bedingungen unter Einbeziehung der aktuellen Maßnahmen bzgl. der Corona-Epidemie nicht zulasse.“

Der Vereins-Vorstand hat am heutigen Vortag des Jahrestages „13.August 1961“ die bezeichnete Gedenkstätte gepflegt und an den dort installierten Kreuzen Rosen angebracht. „Wir werden besonders im nächsten Jahr zum 60. Jahrestag des unseligen Mauerbaus ein besonderes Gedenken unter Verlesung der Namen aller Todesopfer an der Berliner Mauer durchführen,“ erklärte der Vorsitzende des Vereins in Berlin.

V.i.S.d.P.: VEREINIGUNG (AK) 17. JUNI 1953 e.V., Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.555).

Berlin, 13.04.2020/cw – Sein Leben las sich wie eine historische Tragödie. Im Vorfeld, das heißt ein Jahr vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, 1932 geboren, wurde das früh erkrankte Kleinkind von seiner Mutter 1934 in ein Heim weggegeben. Über die Hintergründe kann im Nachhinein nur spekuliert werden. Die Mutter, Tochter einer Halbjüdin, war eben aus diesem Grund vom Vater ihres Kindes verlassen worden. Hatte sie ihr Kind aus Angst in fremde Hände gegeben? Gerhard Weinstein starb heute im Alter von 88 Jahren. Er wurde am Morgen vom Pflegedienst tot in seiner Wohnung aufgefunden.

Gerd Weinstein 1932 – 2020  Foto: LyrAg/Holzapfel

Im Januar 2018 entdeckten die Berliner Wasserwerke beim Bau eines Rückhaltebeckens die Tunnelreste eines von Weinstein 1963 an der Bernauer Straße gebauten Fluchttunnels. Medien in aller Welt berichteten über den lange Zeit nach dem Mauerfall sensationell wirkenden Tunnelfund. Der Ort des ursprünglichen Tunneleinstiegs war durch einen Gebietsaustausch zwischen der DDR und West-Berlin 1988 gänzlich in das Hoheitsgebiet der DDR gelangt und damit in Vergessenheit geraten. Wie aber wurde Weinstein zum Fluchthelfer und dadurch zum „Staatsfeind der DDR“? Erst 1985, vier Jahre vor dem Fall der Mauer, wurde die Fahndung nach ihm „wegen Erfolglosigkeit“ eingestellt.

Verlegung nach Brandenburg-Görden

Gerhard Weinstein erkrankte schon in jungen Jahren an allen erdenkliche Krankheiten: TBC, Masern, Keuchhusten und dgl. Er wurde in der Folge von einem Krankenhaus zum andern gereicht, zwischendurch in mehreren Kinderheimen untergebracht. 1938, so die recherchierte Aktenlage, wurde er in die berüchtigte Anstalt Brandenburg-Görden verlegt, wo man u.a. „medizinische“ Versuche an Lebenden unternahm und auch die Euthanasie an „unwertem Leben“ praktizierte. Dass der Knabe „jüdischer Abstammung“, wie es in den Aktenvermerken der Anstalt hieß, diese Grauenzeit überlebte, grenzt an ein Wunder. Sein Großvater Bruno Weinstein wurde in dieser Zeit (1943) im KZ Auschwitz ermordet.

Im September 1945 wurde Gerd, wie ihn seine Freunde abgekürzt nannten, aus der Brandenburger Anstalt in den Haushalt seines leiblichen Vaters entlassen. Hatte der „Vater“ ihn wohlmöglich nur aufgenommen, weil für Familien, die ein Opfer des Faschismus in der Familie hatten, zusätzliche Lebensmittelkarten ausgegeben wurden? Der inzwischen 13jährige hatte bis dahin so gut wie keine Schulbildung genossen. Im Hause des Vaters wurde er – nach späteren Vermerken in den Akten der Staatssicherheit – zu regelrechten Sklavendiensten herangezogen. Er durfte nicht mit der Familie gemeinsam Mahlzeiten einnehmen, für ihn war dafür stets ein einsamer Platz in der Küche vorgesehen. Kam er den aufgetragenen Hausarbeiten, wie Putzen und Abwasch nicht nach, setzte es Prügel durch den „Vater“. Eigene Genossen zeigten den „Vater“ schließlich beim Jugendamt an, das Gerd dann erneut in Heimen, u.a. in dem Jüdischen Kinderheim in Niederschönhausen, unterbrachte.

Nachkriegs-Haft in Rummelsburg

Erst im Alter von 18 Jahren, damals in der gerade gegründeten DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik die Volljährigkeitsgrenze, wurde der junge Mann in die Lebenswirklichkeit ent- und damit sich selbst überlassen. Als Analphabet, ohne Schul- und Ausbildung, in den damaligen Wirren der Nachkriegszeit eine schwere Last. Gerd versuchte, durch dieses Leben zu kommen, wobei er sich hin und wieder auch mit kleineren Diebstählen buchstäblich über Wasser hielt. Das führte schließlich zu einer Bewährungs- und nach Wiederholung zu einer längeren Haftstrafe, die er in der Strafanstalt Rummelsburg verbüßte.

Der Zukunft zugewandt: Gerd mit seiner Frau 1960

Das junge Ehepaar Angelika und Gerhard Weinstein 1960 – Archiv LyrAg/Holzapfel

Nach seiner Entlassung wechselte Weinstein nach West-Berlin, besuchte aber immer wieder alte Bekannte im Osten der geteilten Stadt. Dort lernte er schließlich 1960 seine erste und, wie er bekannte, „einzige große Liebe“ kennen. Als ein Kind erwartet wurde, heiratete das junge Paar. Nach der Geburt von Tochter Liane im Frühsommer 1961 beschlossen die Eltern, in West-Berlin eine Wohnung zu suchen, um endgültig der DDR den Rücken zu kehren. Im August war es endlich soweit. Gerd hatte eine Wohnung in der Soldiner Straße im Wedding ausfindig gemacht. Am Wochenende des 12./13 August 1961 gingen er und seine Angelika daran, die Wohnung durch notwendige Renovierungsarbeiten bewohnbar zu machen. Die gerade zwei Monate alte Tochter Liane war zu dieser Zeit bei den in Ost-Berlin wohnenden Großeltern untergebracht.

Die Mauer trennte die Eltern von ihrem Baby Liane

Am 13. August 1961 begann die gewaltsame Abtrennung zwischen Ost- und West-Berlin. Noch zwei Monate zuvor hatte Walter Ulbricht in einem Freudschen Versprecher versichert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Nun wurden tausende Familie über Nacht von einander getrennt. Trotz verzweifelter Bemühungen gelang es den jungen Eltern Gerd und Angelika Weinstein nicht, ihr Baby in den Westen zu holen.

War es da ein Wunder, das der Junge Vater zur Tat schritt und quasi Tag und Nacht darauf sann, Wege zu finden, um seine Tochter zu den Eltern zu holen? Diese sollte nicht ebenso elternlos aufwachsen wie der Vater. Nach mehreren Anläufen gelang es dem organisatorisch Begabten, 1963 einen Ausgangsort für die Grabung eines Tunnels und eine entsprechende Crew zusammenzustellen, die den beschwerlichen Weg durch den Berliner Lehmboden in sechs bis acht Meter Tiefe bewältigen sollte. Achtzehn Menschen sollten durch diesen Fluchttunnel geleitet werden, darunter natürlich Tochter Liane und deren Großeltern, aber auch andere Fluchtwillige: Heinz B. zum Beispiel. Er war durch den Mauerbau von seinen Eltern getrennt worden, die zwar im Osten ein Haus besaßen, aber in West-Berlin ein Möbelgeschäft betrieben. Oder die Ehefrau, deren Ehemann eine Zoo-Handlung nahe dem Schlesischen Tor betrieb. Der Vater von Heinz B. konnte die notwendigen Holzstützen für den Tunnelbau liefern, der Zoohändler steuerte Geldmittel bei. Immerhin beliefen sich die Kosten des Flucht-Unternehmens 1963(!) auf über 30.000 DM.

Großeltern verhaftet: Die zweijährige Liane (1963) wurde in ein Heim verbracht. – Foto: Archiv LyrAg/Holzapfel

Nachdem das Fluchtunternehmen im Juli 1963 durch Verrat gescheitert war (es fehlten nur wenige Meter in den Keller des Zielhauses), waren 21 Menschen verhaftet und kurze Zeit später zu hohen Zuchthausstrafen (bis zu 7 Jahren) verurteilt worden. Tochter Liane wurde auf Anweisung des MfS in ein Kinderheim eingeliefert, die Großeltern mussten ihre Strafen in Hoheneck (Großmutter) und Rummelsburg (Großvater) verbüßen. Gerd Weinstein versuchte seither und zum Teil erfolgreich, Menschen auf anderen Wegen, z.B. über die Transitautobahn, in die Freiheit zu holen, gehasst und verfolgt durch das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR.

Elf Jahre Kampf um Liane

Den Kampf um ihre Tochter führten die Eltern, inzwischen geschieden, über insgesamt elf (!) Jahre über alle erdenklichen Ebenen weiter. Erst am 9. November 1972 konnte der damalige Bundesminister Egon Franke der Mutter in einem Telegramm die „nunmehr erreichte Ausreise von Liane“ übermitteln. Aus den Akten der Staatssicherheit ging hervor, daß man die Tochter gewissermaßen als Faustpfand benutzen wollte, um über diese an den gesuchten Vater heranzukommen. Zu diesem Zweck sollte die Mutter in ihrer geäußerten Absicht bestärkt werden, u.U. wieder nach Ost-Berlin zu gehen, um ihrer Tochter nahe sein zu können. Dadurch erhoffte man sich dann auch einen möglichen Zugriff auf den zur Fahndung ausgeschriebenen Staatsfeind Gerd Weinstein.

In den letzten Jahren seines Lebens hatte Gerd Weinstein offenbar mit vielen Verbitterungen zu kämpfen. Rückblickend war sein Leben nicht so verlaufen, wie er sich das einst wohl nach den Enttäuschungen seiner Kinder- und Jugendjahre erträumt hatte. Auch der bereits jahrelang andauernde und noch immer nicht entschiedene Kampf seiner Tochter Liane um die Rehabilitierung wegen der unrechtmäßigen Vorenthaltung der Eltern trug dazu bei. Gemessen an seiner fehlenden Schul- und Ausbildung hatte er es dennoch zu beachtlichen Leistungen gebracht. Er führte selbständig eine Zoo-Handlung undhernach erfolgreich zwei Antiquitätengeschäfte, bevor er sich als Rentner zur Ruhe setzen konnte.

Seine Mutter hatte nie mehr nach ihm gefragt, das durch Freunde ausfindig gemachte Grab wollte er nicht mehr sehen. Ebenso nicht mehr seinen Vater. Bis zu seinem Tod bestand er konsequent auf seiner einmal gefundenen Haltung.

Der am 15.Januar 1932 in Berlin-Dahlem geborene Gerhard Weinstein verstarb am 13.April 2020 in Berlin-Wedding.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.532).

Berlin, 31.07.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (3 – Teil 2 siehe 30.07.2019).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

In den Abendstunden des 9.Dezember 1961 ereignete sich an der Grenze zur DDR in Staaken ein besonders grausamer Mord, als der gerade zwanzigjährige Student Dieter Wohlfahrt (* 05.1941 † 09.12.1961) in eine Falle gelockt und durch DDR-Grenzer erschossen wurde. Der Fluchthelfer wollte ein „letztes Mal Menschen bei ihrer Flucht helfen“, so an dem Abend zu seiner Tante Annemarie Klein, bei der er wohnte. Diesmal sollte die Mutter einer jugendlichen Bekannten durch den Stacheldraht in den Westen geholt werden. Was Wohlfahrt nicht wußte: Die „Mutter“ war ein Spitzel, also Mittel zum Zweck, um den engagierten Studenten in eine Falle zu locken.

Wohlfahrt wuchs bei seiner Mutter in der DDR auf. Durch den Vater besaß er die österreichische Staatsbürgerschaft und konnte so auch nach dem Bau der Mauer jederzeit die Grenze passieren. Als die Mauer gebaut wurde, lebte er bereits bei der Schwester seiner Mutter, Annemarie Klein, die als Oberstudienrätin in West-Berlin wohnte, um ab 1961 an der TU Chemie studieren zu können.

Er fühlte sich einfach der Menschlichkeit verpflichtet: Fluchthelfer Dieter Wohlfahrt – Foto: Archiv LyrAg

An jenem schwarzen Sonntag, dem 13. August 1961, urlaubte der Student mit einem Freund in Spanien. Für ihn stand der Abbruch der Urlaubsidylle ohne Wenn und Aber fest, als er über die Medien vom Bau der Mauer erfuhr. Wohlfahrt stieg sofort in die aktive Fluchthilfe ein, zunächst über die Kanalisation. Als dies durch zusätzliche Maßnahmen der DDR unmöglich wurde, schnitt er an geeigneten Orten der Zonengrenze, also am Rand von Berlin, den dortige Stacheldraht auf, um Menschen in die Freiheit zu verhelfen.

Am Abend des 9. Dezember versprach er seiner besorgten Tante, er würde bald wieder zurück sein und es wäre seine letzte Aktion. In Staaken in der Bergstraße angekommen, war die Situation am Fluchtpunkt vergleichsweise übersichtlich. Eine Nylonschnur markierte den tatsächlichen im Rechteck verlaufenen Grenzverlauf, während der Stacheldraht aus wahrscheinlich rationellen Gründen einige Meter dahinter in schräger Linie zur tatsächliche Grenze gezogen worden war.

Nachdem der mutige Student ein vereinbartes Zeichen wahrgenommen hatte, robbte er sich unter der Nylonschnur an den Stacheldraht heran, um diesen aufzuschneiden.  Im Hinterhalt liegende Grenzposten eröffneten das Feuer. Wohlfahrt brach zusammen und blieb am Stacheldraht liegen. Aber er lebte.

Kurze Zeit später fuhr die alarmierte Britische Militär-Polizei, begleitet von Westberliner Polizisten, am Tatort auf. Aber statt Erste Hilfe zu leisten, was die Briten aufgrund alliierter Vereinbarungen ohne weiteres hätten tun können, bauten diese Scheinwerfer auf, um die Szenerie auszuleuchten. So sahen sie im Schweinwerferkegel zu, wie der Zwanzigjährige in der folgenden Stunde verblutete. Erst nachdem die DDR-Grenzposten kein Eingreifen der Briten bemerken konnten, zogen sie den inzwischen verbluteten Fluchthelfer  durch den Stacheldraht auf DDR-Gebiet.

Der Mord an der Mauer

Der weltbekannte Publizist Sebastian Haffner nahm das Sterben dieses jungen Menschen zum Anlass, über diesen „schrecklichen Mord“ in „CHRIST UND WELT“ die dramatischste Anklage zu schreiben, die je zu diesem Thema geschrieben wurde („Der Mord an der Mauer“, 15.12.1961). Haffner beschrieb die kaltherzige Untätigkeit der angerückten britischen MP, die sich einzig darauf kapriziert hatte, die Szenerie des sterbenden Fluchthelfers mit aufgestellten Scheinwerfern auszuleuchten: „Sie haben ihn verrecken lassen.“

Ein schlichtes Kreuz erinnert in der Bergstraße in Staaken an den Tod des einstigen TU-Studenten und selbstlosen Fluchthelfer – Foto: LyrAg

Wohlfahrts Tod war besonders tragisch, weil im Gegensatz zu dem am 17. August 1962 nahe dem Checkpoint Charlie erschossenen Peter Fechter dort in Staaken keine Mauer eine unüberwindlich erscheinende Barriere darstellte. Nur eine Nylonschnur war zwischen den möglichen Helfern und dem verblutenden Dieter Wohlfahrt gespannt. Bis heute wird diesem bis dahin beispiellosen und rüden Mord an einem ausschließlich humanistisch denkenden jungen Menschen und seinem offenbar sinnlosen, weil durch Hilfeverweigerung verursachten Sterben die Aufmerksamkeit verwehrt, die zu Recht bis heute Peter Fechter gewidmet wurde und wird.

Dieter Wohlfahrt war der erste Peter Fechter. Dass seinem dramatischen Tod im Vergleich zu dem des Peter Fechter damals nicht die Aufmerksamkeit zukam, war dem Umstand zu verdanken, das seine Mutter und seine Schwester noch in der DDR lebten. Der österreichische Konsul in Berlin hatte die Medien daher dringend gebeten, sich in der Berichterstattung zurückzuhalten, um die Angehörigen zu schützen.

Damals 17jährig erinnere ich mich noch heute lebhaft an dieses brutale und schockierende Ereignis. Von 1962 bis zu meiner Verhaftung durch DDR-Grenzposten 1965 organisierte ich am vor Ort errichteten Holzkreuz zum jeweiligen Todestag ein Gedenken an den „durch nichts entschuldbaren Mord“, wie es Sebastian Haffner in seinem anklagenden Artikel treffend formuliert hatte. Wir hielten in den dunklen Abendstunden unweit des Stacheldrahtes mit Fackeln jeweils für mehrere Stunden eine Mahnwache.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.445)

Berlin, 03.04.2019/cw – Das Landgericht Berlin hat in einem Beschluss vom 13.03.2019 den Antrag einer Betroffenen auf strafrechtliche Rehabilitierung „im Hinblick auf ihren Aufenthalt in der ehemaligen DDR bis zum 9. November 1972 als unzulässig“ verworfen (551 Rh – 152 Js 229/18 Reha – 249/18).

Menschliche Tragödie ignoriert

Hinter diesem unauffällig wirkenden Juristen-Deutsch verbirgt sich in Wahrheit eine (weitere) menschliche Tragödie im einstigen DDR-Unrechtsstaat. Die Antragstellerin war zwei Monate vor dem Mauerbau am 13.08.1961 geboren worden. Ihr Vater, bereits in den Augen der DDR „republikflüchtig“, weil er diese eigenmächtig verlassen hatte und nach West-Berlin übergesiedelt war, hatte für seine junge Familie eine Wohnung in der Soldiner Straße im West-Berliner Bezirk Wedding ausfindig gemacht. Um diese bezugsfertig zu machen, übergaben die jungen Eltern ihre neugeborene Tochter am Wochenende vor dem legendären Mauerbau den Eltern der (noch) in Ost-Berlin wohnenden jungen Mutter. Am folgenden Sonntag wurde die Sektorengrenze gesperrt, der Ulbrichtsche Mauerbau begann. Fortan war den Eltern nicht nur der Zugang zu ihrem Baby versperrt, auch eine Ausreise zu den jungen Eltern wurde von den DDR-Behörden verwehrt. Durch den Verbleib der Mutter in West-Berlin wurde nun auch diese als „republikflüchtig“ eingestuft. Somit waren beide Eltern im DDR-Sprech „Staatsfeinde“.

1963: Direkt vor der Mauer begann der Tunnel. Auf dem Foto der Vater der Antragstellerin – Foto: LyrAg/RH

Der Vater wurde bereits durch die NS-Diktatur politisch verfolgt

Hinfort sann der Vater, ein aufgrund seiner jüdische Abstammung bereits im Dritten Reich verfolgtes Kind – der Großvater wurde 1943 in Auschwitz ermordet – nach Wegen, seine Tochter in den freien Westen zu holen. Schließlich begann er im Frühjahr 1963 einen Tunnelbau unmittelbar hinter der Abgrenzung zum ehemaligen Güterbahnhof an der Bernauer Straße, die an dieser Stelle durch den Mauerbau zur Staatsgrenze avanciert war. Nach Monaten der Plackerei sechs Meter unter der Erde wurde der Tunnel verraten. Nur wenige Meter fehlten zum ausersehenen Fluchtpunkt in einem Haus an der Oderberger Straße. Der sogen. Weinstein-Tunnel war vor einem Jahr spektakulär durch Bauarbeiten der Berliner Wasserwerke wiederentdeckt worden, worüber international medial bis hin zur New-York-Times berichtet wurde.

Da auch die Großeltern des inzwischen zweijährigen Kindes durch den Tunnel flüchten sollten, wurden auch diese neben 19 weiteren Personen verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Großmutter kam in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck, der Großvater mußte seine Strafe in Rummelsburg verbüßen. Eine fluchtwillige und ebenfalls verurteilte Frau starb in der Haft.

Das MfS ordnete die Heimeinweisung an

Kam als Zweijährige auf Anweisung des MfS (BStU-Akte) in ein Heim: Liane. Foto: privat/RH

Infolge der Inhaftierung ihrer Großeltern kam die Zweijährige durch entsprechende Anweisung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in ein Heim. Das Gericht sieht in dieser Maßnahme keine Unterbringung, „die der politischen Verfolgung oder sonst sachfremden Zwecken gedient“ hat. „Die Einweisung der Betroffenen erfolgte, da ihre Großeltern, bei denen sie nach der Ausreise ihrer Eltern nach Berlin (West) lebte, versuchten, aus der ehemaligen DDR zu flüchten und festgenommnen wurden,“ so das Gericht in seiner Begründung und weiter: „Da aufgrund der Inhaftierung beider Großeltern eine angemessene Betreuung der Betroffenen zunächst nicht möglich war, erfolgte die vorübergehende Heimunterbringung ausschließlich aus fürsorgerischen Gründen. Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die Betroffene aufnahmebereiten Dritten aus politischen Gründen gezielt vorenthalten werden sollte.

„Beschluss ein justizpolitischer Skandal“

Die in Berlin ansässige VEREINIGUNG 17.JUNI, die die Antragstellerin ggüb. dem Landgericht vertritt, spricht in einer ersten Stellungnahme von einem „justizpolitischen Skandal.“ Dreißig Jahre nach dem Mauerfall erachtet ein hohes Gericht die Verbringung eines Kindes wegen der rechtswidrigen politischen Haft seiner betreuenden Großeltern in ein Heim als eine „fürsorgerische Maßnahme“, aus der keine politische Verfolgung abzulesen sei. „Die Verweigerung der Ausreise des Kindes zu seinen Eltern werde skandalös ignoriert und somit im Nachhinein als rechtens betrachtet.“

Auch wenn der angewiesene Heimaufenthalt durch die folgende Aufnahmebereitschaft der Urgroßmutter relativ kurz war, bleibe der Kindesentzug ggüb. den republikflüchtigen Eltern, bzw. die Vorenthaltung der Eltern dem Kind gegenüber ein „Unrechtstatbestand, der, solange dieser nicht durch eine Rehabilitierung aufgehoben wird, den Anstrich einer rechtsstaatlichen Maßnahme erhalte,“ kritisiert der Verein. Immerhin konnte das Kind nach jahrelangen Bemühungen auch der Bundesregierung erst am 9. November 1972 zu seinen Eltern nach West-Berlin ausreisen. Damit wurde Eltern und Kind ein gegebenes Recht auf ein Zusammenleben über elf Jahre durch die DDR aus leicht nachvollziehbaren politischen und damit rechtsstaatswidrigen Gründen verwehrt. „Die Entscheidung des Gerichtes ist auch unter diesem Aspekt in keiner Weise nachvollziehbar,“ erklärte Vorstandssprecher Holzapfel. Man werde der Antragstellerin empfehlen, Beschwerde gegen den ergangenen Beschluss einzulegen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030/85607953 (1.394).

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