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Berlin, 26.04.2015/cw – Käthe B. wurde am 25.Juli 1943 inmitten der Wirren des fürchterlichen Zweiten Weltkrieges in Berlin-Neukölln geboren. Die 1919 in Kallis/Pommern geborene Mutter und Kontoristin Margarete Luckow war von 1940 – 1943 bei der Luftwaffe auf dem Fliegerhorst Märkisch-Friedland als Fernschreiberin eingesetzt und 1943 nach Adlershof versetzt worden. Vermutlich hatte sie um diese Zeit Kittys Vater, der in Berlin wohnte, kennengelernt, der allerdings auf der Geburtsurkunde nicht vermerkt war. Der Krieg wirbelte viele Biografien durcheinander, ließ nichts mehr so sein, wie es einst war.

Käthe B. 2014  im Gespräch mit ihrer Betreuerin - Foto: Lyrag

Käthe B. 2014 im Gespräch mit ihrer Betreuerin – Foto: Lyrag

Über den Vater wissen wir wenig. Vermutlich war auch er Soldat. Jedenfalls wohnte er bis zu seinem Wegzug in den Westen (Bad Soden) in den fünfziger Jahren in Berlin-Spandau, war dort als selbstständiger Kaufmann tätig. Die Wege der Eltern trennten sich bald. Der Krieg mit seinen Belastungen löste alte Bindungen nicht nur durch den vielfachen Tod in den Familien, er trennte auch das, was vermeintlich auf ewig verbunden war. So wuchs das kleine Mädchen bei der Mutter auf, die sich redlich mühte, das eingetretene Chaos mit ihrer Tochter zu überleben.

Schnell geriet die Mutter in das aufziehende Geflecht des Kalten Krieges zwischen den einst Verbündeten. Sie verdingte sich wohl Anfang der fünfziger Jahre vermutlich für einen amerikanischen Geheimdienst, war wohl auch für die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) aktiv. Das mußte fast zwangsläufig den seinerzeit gegründeten und im Aufbau befindlichen Staatssicherheitsdienst (SSD) der DDR, das spätere MfS auf die junge Frau aufmerksam machen. Nachdem sie während des Volksauftandes vom 17. Juni 1953 den Sturz der Regierung gefordert hatte, wurde sie verhaftet und – so erzählte Käthe und so sagen die spärlich vorhandene Unterlagen aus – gegen eine Verpflichtung (Losungswort „Marianne“) aus der Stasi-Haft entlassen. Die Verpflichtung brachte wohl keine Ergebnisse, jedenfalls wurde die entsprechende Akte stillgelegt. Oder:

Der Vorsitzende v.d. Vereinigung 17. Juni hielt die Traueransprache - Foto: LyrAg

Der Vorsitzende v.d. Vereinigung 17. Juni hielt die Traueransprache – Foto: LyrAg

War Markus Wolff im Spiel?

1956 wurde Käthes Mutter erneut schwanger und starb 1957 unter bisher ungeklärten Umständen bei der Geburt des Kindes im Klinikum Buch, ebenso das Baby.. Erst nach der Wende wollte Käthe auf Fotos jenen Mann wiedererkannt haben, der in dieser Zeit ihrer Mutter nahe stand und wohl auch für die Schwangerschaft Verantwortung trug: Markus Wolff, der jahrzehntelange geheimnisumwitterte Chef der Auslandsspionage des MfS. Eine mögliche Erklärung für den geheimnisvollen und plötzlichen Tod der Mutter?

Dies ist als Hintergrund wichtig zu wissen, um das Leben von Käthe B. erfassen zu können, dieses Leben Revue passieren zu lassen.
Als ihre Mutter starb, war Käthe B. erst 13 Jahre alt. Der Vater wohnte weitab im Westen. Ein kurzer Aufenthalt in Bad Soden Mitte der fünfziger Jahre war auf Betreiben der Mutter, die ihre Tochter bei sich behalten wollte, beendet worden. Wie wäre das Leben von Käthe verlaufen, wenn sie damals bei ihrem Vater hätte bleiben können? Wir wissen es nicht. Familie im altgewohnten Sinn gab es nicht.
Bis zum 17. Lebensjahr wuchs das junge Mädchen bei befreundete Nachbarn auf, wurde dann in ein Heim verbracht, wo sie immerhin 1960 die Schulausbildung mit der Mittleren Reife abschließen konnte. Wer sich mit den Verhältnissen in den seinerzeitige Kinder- und Jugendheimen (ob Ost oder West) befasst hat oder diese Verhältnisse am eigenen Leib durchleben mußte, weiß vermutlich um die Bitternis dieser Erfahrungen für ein junges Leben.

Freunde, ehem. Heimkinder und Mitbewohner aus dem Seniorenheim gaben das letzte Geleit - Foto: LyrAg

Freunde, ehem. Heimkinder und Mitbewohner aus dem Seniorenheim gaben das letzte Geleit – Foto: LyrAg

Kitty, wie Käthe von ihren Freunden genannt wurde, durchlief viele berufliche Stationen. So war sie Hilfspflegerin, Laborhilfskraft, Serviererin, Einsatzverkäuferin und Programmierassistentin. Ihre jeweiligen Arbeitgeber oder Beschäftigungsorte spiegelten diese Vielfalt wieder: Von der Humboldtuniversität Berlin über den Konsum-Gaststättenbetrieb und die Großhandelsgesellschaft Nahrung und Genuss bis hin zum VEB Funk- und Fernmeldeanlagenbau. Käthe versuchte auch, einen selbständigen Strickbetrieb aufzubauen, der Schritt in diese Selbständigkeit scheiterte jedoch.

Auf der Suche nach entgangener Liebe

Daneben blieb wohl die Sehnsucht nach einem Leben, daß auch ihr in der Kindheit vorenthalten worden war. Wohl auf dieser Suche nach entgangener Liebe heiratete sie zwei Jahre nach Errichtung der Mauer am 7. Dezember 1963 den ein Jahr älteren Alfred K., 1964 gebar sie der jungen Familie den Sohn Henry. Doch die Ehe erfüllte die gegenseitigen Hoffnungen nicht, sie wurde wenige Jahre später geschieden. Alfred K. starb 2013.

Erneut im Weihnachtsmonat Dezember, wenige Tage vor dem heiligen Abend 1972, heiratete Käthe ein zweites Mal, diesmal den ein Jahr jüngeren Wolfgang B Im Juli 1977 gebar sie den Sohn Alexander. Zuvor hatte ihr Mann eingewilligt, dass Henry K. den gemeinsamen Familiennamen trage durfte.

Nachdem Wolfgang B. erfuhr, daß Alexander nicht sein leiblicher Sohn war, reichte er die Scheidung ein. An Käthe wiederholte sich das Schicksal ihrer Mutter. Alleinerziehend mußte sie sich mit ihren zwei Söhnen durchschlagen. Eine Lebenslinie übrigens, die sich bei vielen ehemaligen Heimkindern aufzeigen ließ. War es verwunderlich, war es außergewöhnlich, dass Käthe Brauer schließlich und buchstäblich „auf der Strecke“ blieb? Der Kampf um die Dinge des Alltags ließ sie, die vom Leben letztlich allein gelassen war, wohl endgültig resignieren.

Ungeklärt: Das Geheimnis um den Tod der Mutter

Dank Heimkinderfonds eine würdige letzte Ruhe - Foto: LyrAg

Dank Heimkinderfonds eine würdige letzte Ruhe
– Foto: LyrAg

Die Söhne hatten sich von ihrer Mutter abgesetzt. Zwei kleine Hunde blieben ihr einziger Trost in einer Welt, die sie zunehmend nicht mehr verstand und vielfach nicht mehr verstehen konnte. Vor dem Eintritt in eine dunkle Ära, die von der verzweifelten Flucht in den Alkohol geprägt war, hatte sie einen erneuten Anlauf genommen, für sich das Schicksal ihrer Mutter und deren mögliche Hinterlassenschaften aufzuklären. Buchstäblich von Pontius bis Pilatus zog Käthe, von Rechtsanwälten zu Journalisten, von der BStU über den Sozialverband bis hin zur Gedenkbibliothek an die Opfer des Kommunismus im Nicolaiviertel, deren stetige Besucherin sie über viele Jahre wurde.
Ihre Mutter hatte immer wieder davon gesprochen, das in West-Berlin auf ihren Namen Wertpapiere angelegt worden waren, auch ein Konto, auf das Zahlungen des Vaters für die Tochter eingehen würden. Weder konnte Kitty die Umstände des Todes ihrer Mutter oder der fragwürdigen Beziehungen zu Markus Wolf aufklären noch entsprechende Bankunterlagen auffinden. Wer um die Historie der Geld- und Vermögensanlagen von Opfern der NS-Diktatur und deren bis heute ungeklärten Verbleib Kenntnis hat, weiß auch, auf welchem aussichtslosen Feld sich Kitty bewegte.
Keine Dienststelle des Bundes, kein Politiker sah und sieht sich in der Verantwortung, in diesen Fällen jede erdenkliche Hilfe zu leisten. So scheitern bis heute Opfer dieser Machenschaften allein schon an den mangelnden finanziellen Ausstattungen, um solche kostspieligen Nachforschungen überhaupt erst möglich zu machen.

Käthe muß sich irgendwann selbst aufgegeben haben. Nachdem auch ihre beiden vierfüßigen und befellten Wegbegleiter tot waren, wurde der Rotwein zum Ersatz für unerfüllte Hoffnungen und Sehnsüchte. 2011 wurde sie im hilflosen Zustand von einem Kumpan aufgegriffen und ins Krankenhaus gebracht. Danach wurde Käthe schließlich von Amts wegen – und das war ihr letztes Glück – in ein Seniorenzentrum am Wannsee eingewiesen.

Obwohl Käthe B. bemerkbar leise Anflüge der Freude zeigte, hatte sie eine tiefe Traurigkeit, ja Mutlosigkeit erfasst und ließ sie kaum noch los. Das Leben, so schien es, hatte für sie den Sinn verloren. Am 24. Februar wurde Käthe B. tot in ihrem Bett aufgefunden. Sie hatte sich still von dieser Welt verabschiedet, ohne vorher „Adieu“ zu sagen. Leise, still, als wäre es nicht wert, Aufhebens von ihrer Abreise zu machen.

Am letzten Freitag wurde sie von Freunden und ehemaligen Heimkindern zur letzten Ruhe geleitet. Der Heimkinderfonds hatte einen stillen und würdigen Abschied ermöglicht. Wenigstens im Tod blieb Käthe B. die Anonymität erspart. (977)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Stuttgart/Berlin, 14.12.2014/cw – Heute vor 100 Jahren wurde Rainer Hildebrandt in Stuttgart geboren. Der am 9. Januar 2004 in Berlin verstorbene Publizist, Museumsgründer, Agenten-Chef, Widerständler und Lebemann war stets umstritten, den Respekt vor seinem Lebenswerk konnte ihm hingegen Freund und Feind nicht versagen.

Keine Blume zum 100. Geburtstag: Der Museumsgründer in der nachgebauten Allierten Baracke - Foto: LyrAg

Keine Blume zum 100. Geburtstag: Der Museumsgründer in der nachgebauten Allierten Baracke – Foto: LyrAg

Hildebrandt wurde als Sohn der Malerin Lily Hildebrandt, einer engen Freundin von Marc Chagall (1887-1985) und des Kunsthistorikers Hans Hildebrandt in der schwäbischen Landeshauptstadt geboren. Sein lebenslanges Faible für die Kunst und seine vielfältige Verbundenheit zu Künstlern war ihm geradezu in die Wiege gelegt worden. Durch die historischen Geschehnisse verlief sein Leben jedoch anders, als vermutlich geplant. Dabei war die Freundschaft der Familien Wolff und Hildebrandt, dieser spielte mit dem späteren Chef der MfS-Auslandsaufklärung, Markus Wolff, im Sandkasten, wohl erst später von – vielleicht – hintergründiger Bedeutung. Stark geprägt und beeinflusst wurde der junge Student (zunächst Physik, später Philosophie und Soziologie) durch Albrecht Haushofer, dessen sogen. Haushofer-Kreis den Attentätern auf Hitler zugeordnet wurde. Hildebrandt wurde nach eigener Darstellung selbst 17 Monate inhaftiert (Wehrkraftzersetzung): In dieser Zeit „habe ich gelernt, gegen das Unrecht zu kämpfen,“ sagte er später über diese Zeit.

Seine Promotion bei Franz Rupp über „ein arbeitspsychologisches Thema“ war lange Zeit umstritten, weil nicht mehr auffindbar. Anlässlich einer gerichtlichen Auseinandersetzung um einen Zeitungsartikel („Die seltsamen Wege des Rainer Hildebrandt“ von Manfred Plöckinger und Carl-Wolfg. Holzapfel, Deutsche Wochenzeitung, Sommer 1963) konnte Hildebrandt dem Gericht eine Bestätigung der Freien Universität Berlin vorlegen, nach der er berechtigt sei, einen akademischen Titel zu führen.

Das Museum am 14.12. in Lichterglanz getaucht - Vom 100. Geburtstag des Museumsgründers dagegen keine Spur - Foto: LyrAg

Das Museum am 14.12. in Lichterglanz getaucht –
Vom 100. Geburtstag des Museumsgründers dagegen keine Spur – Foto: LyrAg

CIA und KgU

In den Wirren der Nachkriegszeit kam es zur Kontaktaufnahme Rainer Hildebrandts mit dem US-Geheimdient CIA, in deren Folge die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU)“ gegründet wurde, deren Chef Hildebrandt wurde. Über die Umstände dieser Gründung und die Hintergründe seiner engen Zusammenarbeit mit der CIA hat sich Hildebrandt nie konkret ausgelassen. Anregungen, mehrfach auch durch den Autor dieser Erinnerung, seine Biografie über den Widerstand zu schreiben („Das würde John Le Carré in den Schatten stellen!“) kommentierte er mit seinem unnachahmlichen „Ja, meinst du?“

1963 mit Weggefährten in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi, A.Kirks (v.li.) - Foto: LyrAg

1963 mit Weggefährten in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi, A.Kirks (v.li.) – Foto: LyrAg

Über die Geschicke der KgU gibt es seither die unterschiedlichsten Darstellungen. Hildebrandts Einlassungen, nachdem er sich mit dem Nachfolger Tillich über die Formen des Widerstandes zerstritten habe, weil er den „gewaltlosen Kampf“ favorisierte, ist mit Fragezeichen zu versehen. Nachweislich, also unwidersprochen, hat sich Hildebrandt Anfang der sechziger Jahre, nicht zuletzt stark beeinflusst durch den Inder T.N. Zutshi, dieser Form des Widerstandes nach dem Vorbild Gandhis angeschlossen bzw. verpflichtet gefühlt.

Auch die Wirkungen Hildebrandts auf Ereignisse um den 16. und 17. Juni 1953 sind nebulös, er hat sich selbst auch dazu nie nachvollziehbar erklärt. Seine Verdienste um die Erinnerung an den ersten Volksaufstand gegen den Kommunismus in Europa nach dem zweiten Weltkrieg sind hingegen unbestritten, legendär sein Buch „Als die Fesseln fielen“ (Arani Verlag, Berlin 1956) eine erste konkrete Schilderung der Ereignisse durch Akteure des Aufstandes.

Eröffnung am Checkpoint Charlie 1963: Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) - Foto: Archiv

Eröffnung am Checkpoint Charlie 1963: Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) –
Foto: Archiv

Bis zum Mauerbau am 13. August 1961 schlug sich der Publizist mit Beiträgen und Kommentaren (z.B. DER TAGESSPIEGEL) zu aktuellen Themen der deutschen Teilung und durch den Betrieb einer Kaffeestube nahe einem S-Bhf. durch. Diese Boheme-haft anmutende Lebensweise änderte sich schlagartig nach dem Bau der Mauer. Beharrlich sammelte der gelernte „Kalte Krieger“ von Beginn an Dokumente dieses „verbrecherischen Aktes gegen die Menschlichkeit.“ Im Spätsommer 1962 mietete Hildebrandt eine kleine Wohnung an der Bernauer-/Ecke Wolliner Straße im ersten Stock und baute dort seine erste Ausstellung „Es geschah an der Mauer“ auf. Durch einen vorgelagerten Austritt konnten die Ausstellungsbesucher einen weiten Blick in den zugemauerten Teil Ost-Berlins werfen.

Frauen begleiteten den lebenslangen Charmeur

1963: Der erste Ausstellungs-Leiter C.W. Holzapfel beim Ausblick auf die Bernauer Straße - Foto: LyrAg

1963: Der erste Ausstellungs-Leiter C.W. Holzapfel beim Ausblick auf die Bernauer Straße – Foto: LyrAg

In der Akquirierung geeigneter Menschen für seine Projekte war und blieb er zeitlebens unschlagbar. Mit seiner ihm eigenen Überzeugungskraft und seinem unwiderstehlichen Charme, der besonders auf viele seiner Frauen wirkte, die den lebenslangen Charmeur durch sein quirliges Leben begleiteten, wurde er zum Menschenfischer. So sprach er den Autor während dessen ersten Hungerstreik am Mahnmal des erschossenen Maueropfers Günter Litfin an und warb ihn als ersten Leiter der vor der Eröffnung stehenden Ausstellung an. Natürlich zu typisch Hildebrandtschen „ideellen Bedingungen“: Ohne Bezahlung. Die setzte erst im März 1963 ein (mtl. 380 DM), als es Hildebrandt endlich und erstmals gelang, Fördergelder aus Mitteln der Deutschen Klassenlotterie zu erhalten: „Wir sind gerettet,“ so sein glücklicher Kommentar damals.

Bereits im Frühjahr 1963 gelang es der neuerlichen Hass-Figur der DDR, unmittelbar am Checkpoint Charlie Räume anzumieten, um an dieser weltberühmten Nahtstelle des Ost-West-Konfliktes seine zweite Ausstellung zu eröffnen (Wenig später wurde die Ausstellung in der Bernauer Straße aus Kostengründen geschlossen). Diese Neueröffnung fand im Beisein Berliner Prominenz, u.a. dem Berlin-Beauftragten Ernst Lemmer statt und stellte für Hildebrandt einen Durchbruch dar. Zwischenzeitlich hatte er die „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ gegründet, nachdem die Existenz der „Berliner Häftlingskreise“ – unter deren Namen die Ausstellung in der Bernauer Straße eröffnet worden war – u.a. in dem besagten Zeitungsartikel bezweifelt worden war. Somit wurden die seinerzeitigen Kritiker zum Geburtshelfer des Vereins, dessen Erfolgsgeschichte seinesgleichen sucht. Aus den (allerdings kurzfristigen) Kontrahenten wurden übrigens lebenslange Freunde.

Als einziger Freund einen Tag vor der Aktion am 13.08.1989 von CWH eingeweiht: Rainer Hildebrandt (üb. "08" mit PE in der Hand - Foto: LyrAg

Als einziger Freund einen Tag vor der Aktion am 13.08.1989 von CWH eingeweiht: Rainer Hildebrandt (üb. „08“ mit PE in der Hand) – Foto: LyrAg

Sein Lebensstil blieb stets bescheiden

Rainer Hildebrandt wurde häufig sein „laxer Umgang“ mit Finanzen vorgeworfen. Immerhin wurde die Ausstellung „Haus am Checkpoint Charlie“ im Laufe der Zeit zu einem Millionenunternehmen, was das Ehepaar Hildebrandt veranlasste, Anfang dieses Jahrhunderts auf die Gemeinnützigkeit zu verzichten. Dennoch ging dieser hartnäckige Vorwurf fehl. Der Museumsgründer war nie auf Gewinnmaximierung aus, blieb zeitlebens ein Idealist. Der Kampf gegen das Unrecht war sein Lebensinhalt, die Förderung vieler Flüchtlinge und Widerständler sah er als selbstverständlich an. Sein persönlicher Lebensstil blieb stets bescheiden. Sein „Geiz“ gegenüber Beschäftigten war ebenso legendär wie seine mentale Großzügigkeit gegenüber Freunden.

War dieser Mann ein Vorbild? Unter dem Strich kann diese Frage bejaht werden. Trotz vielfacher Fragezeichen, die seine Vita besonders im sogen. Kalten Krieg kennzeichneten (was wohl im engen Zusammenhang mit seinem hartnäckigen Schweigen besonders über die Tätigkeiten der KgU unter seiner Ägide steht) hat Hildebrandt in außergewöhnlicher Weise und beispielhaft dazu beigetragen, das Unrecht des Mauerbaus („Die Mauer ist Unrecht – Fluchthilfe ist die Wiederherstellung eines Rechts“ war eine seiner markanten und vielfach propagierten Aussagen) vor aller Welt zu dokumentieren und das Bewusstsein über dieses Unrecht lebendig zu halten.

Nach 11 Jahren noch immer keine Ruhestätte zum Trauern

Ohne diesen Mann und seinen festen Glauben an die Werte der Freiheit, ohne seine Beharrlichkeit, von Beginn an unschätzbare Dokumente und Materialien aus dieser Zeit zu sammeln, gäbe es heute keine fast lückenlose Dokumentation über die Geschehnisse während der Existenz der Mauer von 1961 – 1989. Berühmte Politiker und Zeitgenossen, Präsidenten und Monarchen haben ihm dafür ihre Aufwartung gemacht, diesem eindrucksvollen Mann der Widersprüche gedankt – zu Recht.

Stille Demo für die Beisetzung der Urne  2007 am Checkpoint Charlie - Foto.LyrAg

Stille Demo für die Beisetzung der Urne 2007 am Checkpoint Charlie – Foto.LyrAg

Trotzdem bleibt zu seinem 100. Geburtstag Wehmut. Seine sterblichen Überreste harren seit fast elf Jahren nach wie vor im Krematorium Ruhleben in einem Regal der Beisetzung. Seine streitbewehrte Witwe Alexandra weigert sich nach wie vor, seine Urne beizusetzen. Sie besteht auf einem Ruheplatz neben Albrecht Haushofer, dem einstigen väterlichen Freund und Nazi-Opfer. Das Grab Haushofers liegt auf einem bereits Jahre vor Hildebrandts Ableben geschlossenen Friedhof in Berlin-Moabit. Eine naheliegende Beisetzung auf dem Ehrenfeld der Opfer vom 17. Juni 1953, für die der Senat bereits vor vielen Jahren sein Einverständnis erklärt hatte, lehnt die jetzige Direktorin des Museums ab.

Freunde, unter ihnen nicht wenige einstige Fluchthelfer, Flüchtlinge und Weggefährten, können also auch anlässlich seines 100. Geburtstages keinen Blumengruß an einer Grabstätte niederlegen. Auch die Stadt Berlin steht recht hilflos vor der Situation, keine sichtbare Ehrung vornehmen zu können.

So bleibt nur auf diesem Weg der Dank an einen verdienten Bürger Berlins und nicht zuletzt an einen jahrzehntelangen Freund: Wir werden Rainer Hildebrandt, diesen umstrittenen aber aufrechten Freiheitskämpfer nicht vergessen. (906)

Siehe auch: http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/erfuellt-doch-bitte-seinen-letzten-wunsch#

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

„Abschied ist ein bisschen wie sterben…“
Katja Epstein

« Mon amour, oh toi que j’aime… » Edith Piaf

Abschied

Es war kein leiser Abschied. Auch kein versöhnlicher, einlullender „Friede-Freude-Eierkuchen“-Abschied“. Kein „Ich will Euch nicht mehr stören!“; „Weint um mich, meinethalben, aber behaltet mich lieb!“

Nein, was Ulrich Mühe da hinterließ, quasi als letzte Matinee eigens ausgesucht hatte, war schwere Kost, provozierte die mehrhundertfache Trauergemeinde in der Schaubühne am Berliner Lehniner Platz, ließ keinen Raum für ein Atemholen, für ein endliches: „Es ist vollbracht“.

Susanne Lothar, die Witwe des allzu früh Verblichenen, erschien kurz vor Beginn der Veranstaltung mit den Kindern durch einen Seiteneingang, um, wie sie Freunden anvertraute, die Kinder nicht den Fotografen auszuliefern. (Letztere allerdings hielten sich ungewohnt pietätvoll zurück und suchten nur während der Pause aus gebührlicher Entfernung einige wertvolle Schnappschüsse von der illustren Gästeschar.)

Zu Beginn wurde eine „persönliche Video-Widmung“ der Schauspielerin Katharina Schüttler gezeigt, die während des letzten Bühnen-Auftritts Mühes in London aufgezeichnet worden war. Zuvor hatte Thomas Ostermeier von der Schaubühne bewegende, kurze Worte gesprochen. Es folgte der Dokumentarfilm „Die Zeit ist aus den Fugen“ (1990) von Christoph Rüter. Um die Wende 1989 bereitete Heiner Müller seine Aufführung „Hamlet/Hamletmaschine“ am Deutschen Theater vor, die zum eindrücklichen Zeit-Zeugnis der legendären Arbeit Heiner Müllers mit Ulrich Mühe im Schatten der Revolution wurde.

Mühe stellte denn auch in dem Wechselspiel zwischen Proben und Realitas auf den Straßen Ost-Berlins die Frage nach dem Sinn der Darstellung der Wirrnisse vor 300 Jahren und den aktuellen Ereignissen in der DDR. Eindrücklich die filmische Verarbeitung des Themas, in dem „das Volk“ deutlich zur Sprache kam, Mühe seine bewegenden Appelle am 4.November auf dem Alexanderplatz in die Menge rief, während ein Portrait des Spionage-Chefs Markus Wolff von den schrillen Pfiffen der hunderttausenden unterlegt wurde. Das grinsende Gesicht Gregor Gysis ergänzte die filmische Sprachlosigkeit einstiger Apologeten des Systems, die um so breiteren Raum für den lautstarken Protest bot.

Zeigten die szenischen Proben-Ausschnitte aus Heiner Müllers „Hamlet“ die beeindruckende schauspielerische Bandbreite und Intensität des viel zu früh Verstorbenen, die von klugen Ausschnitten marxistischer Sprüche, dargeboten von Heiner Müller, garniert wurden, konnten sich die Gäste in der folgenden Pause noch in Beurteilungen Mühescher Qualitäten ergehen, so folgte nach dieser Pause der Schock. Gezeigt wurde, natürlich auch auf ausdrücklichen Wunsch des Schauspielers, der Psycho-Thriller „Funny Games“ (1997) von Michael Hanekes.

Die kaltblütige und quälend zelebrierte Ermordung einer Familie durch zwei Psychopathen, die Aussichtslosigkeit jeglicher Hoffnung auf ein wie auch immer geartetes Ende, das wenigstens ein Fortleben eines um das Liebste Betrogenen ermöglichte, wühlte die Trauergesellschaft auf, veranlasste gar mehrere Gäste, den Theatersaal vor dem Ende des Dramas zu verlassen.

Susanne Lothar, noch zerbrechlicher als sonst, verließ fast taumelnd nach dem Film das Parkett, überhörte anteilnehmende Fragen und flüchtete erschöpft in eine abgelegene Nische des Foyers.

Natürlich warf und wirft das die Frage auf, warum Ulrich Mühe seiner Frau, der Trauergemeinde diese Zumutung, diesen Schock antat (Die Kinder hatte Susanne Lothar vorsorglich nach dem ersten Teil des Trauer-Dramas nicht mehr teilnehmen lassen. Sie spielte in dem Film neben ihrem Mann ein glänzendes schauspielerisches Psychogramm, wenn das auch die Qualen des Zuschauers wesentlich vergrößerte.

Erst im Nachgang, gleichsam in der Nachwirkung, erschloss sich dem kritischen Freund eines ungewöhnlichen Menschen der Sinn einer derartigen posthumen Geißelung. Mühe wollte wohl signalisieren, dass es nach seinem Verständnis keine „heile Welt“ gab und gibt, dass die Hoffnung auf eine bessere Welt im narzisstischen Exzess politischer oder krimineller Psychopathen (Wo liegt hier der Unterschied?) ersticken muss. Er selbst hatte die quälende Wirklichkeit einer inhumanen Diktatur, die gleichwohl genau diese Humanität als oberstes Ziel auf ihren staatspolitischen Lippen trug, am eigenen Leib erfahren, musste sein Erschaudern vor dem möglichen Zwang des befohlenen Mordes an wehrlosen Menschen an der deutsch-deutschen Grenze mit Magengeschwüren und schließlich mit einer schweren Operation bezahlen.

Die zum „Oscar“ führende Rolle des Stasi-Offiziers im von-Donnersmarck-Film „Das Leben der Anderen“ mag ihm noch einmal verdeutlicht haben, welche zerstörerischen Kräfte die bewusste Zersetzung der Seelen „untergebener“ Menschen entfalten konnte. Die Hoffnung auf Änderung erstickte in der Wirklichkeit der Anpassung an Verhältnisse, die selbst einer Revolution bedurft hätten.

Nein, Ulrich Mühe wollte wohl seine Freunde nicht in die heile Welt tröstlicher und versöhnender Trauer entlassen. Seine Botschaft, zunächst schockierend und kaum begreiflich, bleibt als nachdenkliche Sentenz: Gerade in dem Augenblick, wenn ihr glaubt, eure Träume verwirklicht und eure Ziele erreicht zu haben, beginnt die eigentliche Kärrnerarbeit, wird der einstige Traum zum harten und unerbittlichen Arbeitsauftrag: Die Hoffnung sicherer machen,

den Erfolg jeden Tag neu beleben, die Niederlage von einst nicht erneut durchleben zu müssen.

Die in dem Psychothriller sich trostlos und unerbittlich austobende Ausweglosigkeit, die so harmlos mit der Bitte um „vier Eier“ durch angebliche Nachbarn im Urlaubsdomizil begann, endet mit der psychotischen Bitte um „vier Eier“ an neue mögliche Opfer vor dem Hintergrund der sadistischen, ungestraften Ermordung einer einstigen glücklichen Familie.

Will oder wollte Mühe diese schreckliche Parabel als Mahnung an die „Hinterbliebenen“ sehen? Vielleicht gerade, weil er selbst durch sein eigenes Leben (und seine Krankheit) wohl jede Hoffnung hat fahren lassen müssen. Ulrich Mühe ließ so –vermutlich- auf seine persönliche und unnachahmliche Weise seinen großen Kreis von Bewunderern an seinen Selbstzweifeln und seiner daraus erwachsenen Botschaft teilnehmen.

Schade, wenn auch verständlich, dass diese Botschaft jenen verschlossen blieb, die sich der gewollten Provokation vorzeitig entzogen. Aber auch das gehörte zur selbstverstandenen Wirklichkeit des Ulrich Mühe. Er wird uns bleibend fehlen.

Berlin, 2.09.2007

Carl-Wolfgang Holzapfel

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