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von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 18.08.2018/cw – Was da am 24. Juni 1948 in und um Berlin begann hatte alle Attribute historischer Relevanz: Die von Stalin eingeleitete Blockade Berlins, die eigentlich nur den Westteil der einstigen Reichshauptstadt betraf. Insofern ist der Sammelbegriff „Berlin-Blockade“ sachlich nicht ganz richtig, historisch allemal aber festgeschrieben. Jetzt hat der Staatsanwalt im Ruhestand und jetzige Kommunalpolitiker aus Berlin-Reinickendorf, Dr. jur. Matthias Bath, rechtzeitig zum 70. Jahrestag ein Sachbuch vorgelegt: „Die Berlin-Blockade 1948/49“ Neuhaus Verlag, ISBN 978-3-937294-11-7, Paperback, Großformat 20,5  x 23,5 cm, 132 Seiten, Kunstdruckpapier, 86 Fotoabbildungen, 24,90 EUR (D).

Für nachgewachsene Generationen ein wichtiger Fakten-Sammelband über Vor- und Hauptgeschichte eines weltbewegenden und in seiner Abwicklung beispiellosen Ereignisses. Niemals gab es in der Geschichte eine vergleichbare Versorgung einer Millionenstadt ausschließlich aus der Luft (was natürlich auch mit der zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal 70 Jahre alten Geschichte der modernen Luftfahrt zusammenhängt). An Berlin zerbrach nicht zuletzt die Allianz der den Zweiten Weltkrieg entscheidenden Alliierten.

Cover: NEUHAUS VERLAG
Foto: LyrAg

Grundlage für die ungewöhnliche Situation in der nunmehr viergeteilten Hauptstadt war der Rückzug der Westalliierten aus den bereits besetzten Gebieten in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Ohne diese Gebiete wäre eine später geschaffene DDR wohl nicht lebensfähig gewesen, und wer weiß, wie sich die Geschichte Deutschlands und Europas dann entwickelt hätte. Aber Spekulationen über eine so möglich gewesene Zugehörigkeit Ostpreußens und Schlesiens zu Deutschland, um der geplanten Diktatur namens DDR einen halbwegs staatlichen Lebensraum zu geben, verbieten sich ebenso, wie spekulative Gedanken über die spätere Stalinnote, die 1952 eine Wiedervereinigung des inzwischen sanktioniert gespaltenen Landes unter neutralen Vorzeichen eröffnet hätte oder eröffnen sollte. Die Geschichte verlief anders und nur diese Geschichte kann bewertet werden.

Diesen Aspekt vorausgeschickt, enthält sich der Autor des vorgelegten Sachbuches, Matthias Bath, dankenswert jeglicher Spekulation und beschränkt sich akribisch auf das tatsächliche Geschehen vor, um die und während der Blockade.

Ursachen und Wirkung durch historische Notizen beschrieben

Das in sechs Kapiteln vorgelegte Sachbuch (I. Einleitung (S.9); II. Berlin unter Viermächteverwaltung (S.13); III. Die Währungsfrage als Sollbruchstelle (S.35); IV. Die Spaltung von Polizei und Stadtverordnetenversammlung (S.49); V. Stadtsowjet gegen Freie Wahlen (S.85); VI. Die geteilte Stadt und die Aufhebung der Blockade (S.109) beginnt mit der Schilderung der historischen Fakten: „Bereits im Februar 1945 hatte man in Moskau aus kommunistischen Emigranten drei >Initiativgruppen des ZK der KPD> gebildet“. Diese sollten die sowjetische Militärverwaltung beim Aufbau in deren Besatzungsgebiet unterstützen. Natürlich gehört zu dieser historischen Reflektion die Arbeit der „Gruppe Ulbricht“, die die ersten Grundlagen für die später folgende tatsächliche Spaltung Restdeutschlands in zwei Teile (Mittel- und Westdeutschland) legte. Die Retrospektive der Vor-Blockade-Zeit ist deshalb so wichtig, weil sie Ursachen und Wirkung eindrucksvoll durch die Aneinanderfügung „historischer Notizen“ beschreibt, ohne einer vielfach üblichen „persönlichen Sicht“ auf die Geschehnisse zu erliegen.

Die Wiedergabe der historischen Fakten einer auseinanderdriftenden, zunächst einheitlichen Viermächteverwaltung verdichtet den dramatischen Ablauf der Geschehnisse, die letztlich in die von Stalin inszenierte Blockade von Westberlin mündete. Die anfänglichen Rangeleien der einst gegen Hitler Verbündeten endeten in knallharten Auseinandersetzungen um machtpolitische Positionen. Immerhin wurde noch bei der Konstituierung der einheitlichen Stadtkommandantur am 11. Juli 1945 beschlossen, alle bereits von der sowjetischen Besatzungsmacht bislang erlassenen Anordnungen in Kraft zu lassen.

Wohl in diesem Geist gelang auch noch die konstituierende Sitzung der ersten Stadtverordnetenversammlung nach dem Krieg am 26. November 1946, nachdem sich bereits bei den vorausgegangenen (letzten freien) Wahlen ein Desaster für die Kommunisten abgezeichnet hatte. Der weitere Ablauf ist bekannt. Die schleichende Trennung der Stadt-Verwaltung, durch die die zunehmende politische Spaltung befördert wurde, wird von Bath in rückblickend faszinierender Weise korrekt dokumentiert.

Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) widersetzte sich, der beabsichtigten Sowjetisierung ihrer Machtsphäre folgend, der am 18. Juni 1948 bekannt gegebenen Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen und erklärte deren Ungültigkeit für die eigene Zone und Groß-Berlin: „Zugleich wurde zum >Schutz der Wirtschaft der sowjetischen Zone< der gesamte Kraftfahrzeugverkehr zwischen den Westzonen und Berlin unterbunden“.

Zustimmung zu einer künftigen  Ostwährung

Weniger bekannt in diesem Zusammenhang waren die fast schon verzweifelt wirkenden Versuche der westlichen Vertreter in der Alliierten Kommandantur, durch ihre Zustimmung zu einer künftigen Ostwährung auch in Groß-Berlin, also auch den Westsektoren, die gemeinsame Handlungsfähigkeit zu bewahren. Die Dramatik dieses Kampfes um die Oberhoheit belegt Bath eindrucksvoll u.a. mit der Darstellung nachmitternächtlichen Übermittlungen von Befehlen an den Oberbürgermeister Ferdinand Friedensburg durch den sowjetische Verbindungsoffizier, Major Otschkin.

Im Gefolge dieser sich nahezu täglich verschärfenden Auseinandersetzungen zwischen den einst Verbündeten verschärften die Sowjets ihre Abschnürmaßnahmen und verkündeten am 24. Juni die Einstellung der Stromlieferungen in die Berliner Westsektoren. Auch der Betrieb der Eisenbahn-Strecke Berlin-Helmstedt wurde eingestellt. Obwohl die Wasserwege noch einige Tage offen blieben, hatte die Blockade faktisch begonnen.

Die von dem legendären US-General Lucius D. Clay inszenierte Versorgung der Westsektoren durch die Luft wurde zum Ausgangspunkt einer so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kaum erwarteten impulsiven tiefen Freundschaft zwischen der besiegten deutschen Bevölkerung und den West-Alliierten, vornehmlich den US-Amerikanern. Die folgende Nachkriegsgeschichte ist ohne die „Berlin-Blockade 1948/49“ nicht denkbar. Auch die zweite Blockade durch den Mauerbau am 13. August 1961 endete, wenn auch erst nach 28 (zu langen) Jahren, im Zusammenbruch machtpolitischer Ansprüche Stalinscher Großmannssucht. Dass die Berliner diese zweite Blockade überlebten, war letztlich auch eine Folge der Berlin-Blockade nach dem Krieg. Die Zugangswege zu Lande, Wasser und in der Luft blieben, anders als 1948/49, infolge der negativen Erfahrungen der Sowjets unangetastet, womit eine laufende Versorgung und damit das Überleben der einstigen und jetzt-wieder Hauptstadt Deutschlands gesichert war.

Buch-Tipp: Relativ kurzer, trotzdem umfassender Einblick in die geschichtlichen Abläufe des wohl wichtigsten Nachkriegskapitels unseres Landes. Kein vergeudetes Invest. Lesens- und ansichtswert (u.a. bisher unbekannte historische Fotos).

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.421).

Karlsruhe, 187.01.2013/cw – Das Bundesverfassungsgericht hat nach 2003 zum zweiten Mal ein Verbot der rechtsextremistischen NPD abgelehnt. Zwar verfolge die Partei verfassungsfeindliche Ziele, so Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle in der Begründung, „die Partei habe aber nicht das Potenzial, die Demokratie in Deutschland zu beseitigen“. Die Partei „Die Partei hat zu wenig Bedeutung, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung ernsthaft in Gefahr bringen zu können“. Die Gesinnung der Partei und ihr Konzept der „Volksgemeinschaft“ seien zwar menschenverachtend, rassistisch und wesensverwandt mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Doch dies allein reiche für ein Verbot nicht aus.

Aktuell hat die NPD noch etwa 5.000 Mitglieder und ist im Gegensatz zum Stand beim ersten Verbotsverfahren in keinem deutschen Landesparlament und nur noch auf kommunaler Ebene vertreten.

Das Verbotsverfahren war diesmal allein durch den Bundesrat betrieben worden. Bundesregierung und Bundestag hatten keine rechtspolitischen Chancen für eine Wiederholung des 2003 gescheiterten Verbotsverfahrens gesehen und sich dagegen ausgesprochen. Im ersten Verfahren war ein Verbot aus formalen Gründen abgelehnt worden, weil der Verfassungsschutz bis in die Führungsetagen sogen. V-Leute platziert hatte. Einige Beobachter fühlten sich mit dieser Praxis an die Vorgehensweise des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR erinnert. Das MfS hatte ebenfalls Oppositionsgruppen mit zahlreichen sogen. IMs (Informelle Mitarbeiter) infiltriert.

Kommentar:                                                                                                                                                                                                                                                        Ein Sieg für die Demokratie

Von cwh

Seit mehr als 60 Jahren wurde in Deutschland keine Partei mehr verboten. Das ist gut so. Das seinerzeitige Verbot gegen die KPD und zuvor gegen die Sozialistische Reichs-Partei (SRP) war bereits ein Verstoß gegen demokratische Regeln und den Defiziten bzw. dem Nachholbedarf in Sachen freiheitliche Grundordnung der jungen Republik geschuldet.

SPD „Volks- und staatsfeindliche Organisation“

Dabei hätte ein Blick auf die Praxis der überwundenen autokratischen und diktatorischen Systeme genügt: Im Deutschen Kaiserreich waren mit dem Sozialistengesetz vom 22. Oktober 1878 bis zum 30. September 1890 alle sozialistischen und sozialdemokratischen Organisationen und deren Aktivitäten illegal. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde die SPD am 22. Juni 1933 als „volks- und staatsfeindliche Organisation“ benannt.

Allerdings gab es auch in der dem Kaiserreich folgenden demokratischen Weimarer Republik Parteiverbote. Die NSDAP wurde infolge des Hitlerputsches in der Zeit vom 23. November 1923 bis zur Neugründung am 27. Februar 1925 verboten. Die Deutschvölkische Freiheitspartei war von dem Verbot ebenfalls betroffen. Auch die KPD war in der Weimarer Republik im Frühjahr 1919 und erneut am 23. November 1923 (bis 28. Februar 1924) verboten worden.

Das Verfassungsgericht hat sich einer analogen Entscheidung mit Recht enthalten. Die Verbote in der ersten deutschen Demokratie beruhten auf klaren Feststellungen. Die gen. Parteien waren offen in bewaffnete Aufstände gegen die Republik involviert, der Putsch in München (Feldherrnhalle) gilt dafür als unbestrittenes historisches Synonym.

Die heutige NPD ist auch nicht annähernd damit zu vergleichen. In einer Demokratie müssen sich Parteien in demokratisch bestimmter Form auseinandersetzen. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung muss durch ein verfassungswidriges Verhalten gefährdet sein, eine bloße verfassungsfeindliche Gesinnung reicht nicht aus.

KPD/DKP – SED/DIE LINKE

Natürlich passt die aktuelle Entscheidung bestimmten politischen Richtungen, im aktuellen Fall wohl eher dem linksorientierten Spektrum, nicht. Anstelle der gebotenen politischen Auseinandersetzung wollen sie lieber mit dem (juristischen) Dreschflegel auf den politischen Gegner einschlagen, statt die Demokratie (mit all ihren Erschwernissen) zu bemühen oder zu praktizieren. Ein Blick auf die Staaten jenseits unserer nationalen Grenzen und deren politische Strukturen könnte helfen, überhitzte Debatten auf das notwendige Augenmaß zurückzuführen.

Das rechte Spektrum argumentiert nahezu wortgleich gegenüber dem „berechtigten Verbot“ der KPD, das später durch die Zulassung der DKP (nach entsprechender Beratung durch den damaligen Bundesjustizminister und späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, SPD,) praktisch aufgehoben wurde. Ein Verbot der SED nach dem Zusammenbruch der DDR analog zu dem Verbot der NSDAP von 1945 war 1990 tatsächlich angezeigt. Fast 27 Jahre nach der Einheit hat sich die SED unter dem Namen DIE LINKE in der Demokratie etabliert, steht ein Verbot nicht mehr zur Debatte. Auch die NPD hat sich in dieser Republik etabliert, wenn auch (nicht nur)  durch demokratische Entscheidungen (Wahlen) nahezu pulverisiert.

Die jüngste Karlsruher Entscheidung kann als Sieg der Demokratie empfunden werden.

V.i.S.d.P.: redaktion.hoheneck@gmail.com – Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.208).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel*

Jena/Berlin, 14. Oktober 2016 – „Wer ist Reinhard Goering?“ fragte Ludwig Sternaux (*17.07.1885 + 9.09.1938, Schriftsteller, Journalist, Dramaturg, Theaterdirektor, 1918 Theaterkritiker für die Tägliche Rundschau) zur Uraufführung der „Seeschlacht“ im Jahre 1918. Und Sternaux fuhr fort: „Noch vor kurzem wußte niemand von ihm; jetzt wissen viele, wissen alle um ihn.“

Am 14. Oktober 2016 jährt sich Goerings 80. Todestag. Vor 80 Jahren wurde sein Leichnam in den beginnenden kalten Novembertagen in dem Wald bei Jena gefunden. Goering (studierter und zeitweilig praktizierender Arzt) hatte sich eine tödliche Spritze verabreicht und zusätzlich, wohl um sicher zu gehen, mit einer Pistole erschossen. Nach der Obduktion wurde der Todestag offiziell auf den 14. Oktober 1936 festgelegt.

Reinhard Goering

Reinhard Goering

Goering hinterließ seine junge Frau und zwei Söhne. Auch wenn heute in Jena eine Tafel an den Träger der damals höchsten literarischen Auszeichnungen (Schiller- >1922< und Kleist-Preis >1930<)   erinnert („Hier wohnte 1936 Reinhard Goering“), so steht heute, fast einhundert Jahre nach seinem Freitod, erneut die Frage im Raum: Wer ist/war Reinhard Goering? Einst als führender Expressionist gefeiert und umjubelt, von Max Reinhard uraufgeführt und dem S.Fischer-Verlag verlegt, ist es still geworden um den „ewigen Sucher nach der Wahrheit“. Die letzte bekannte Aufführung eines seiner Dramen, Die Südpolexpedition des Kapitän Scott fand 1956 im Theater am Kurfürstendamm in Berlin statt; Langen-Müller brachte 1961 seine gesammelten Werke heraus; dtv verlegte 1966 in seiner Sonderreihe drei Dramen als Taschenbuch. Seither ist es, bis auf wenige Futures im Radio, still geworden um den Rastlosen. Zu still?

Reinhard Goering wurde am 23. Juni 1887 auf Schloss Biberstein (Hessen) als Sohn eines Regierungsbaurates geboren, der dort eine Dienstwohnung hatte. Bereits sein Vater schied durch Freitod aus dem Leben, seine Mutter verfiel der geistigen Umnachtung. Der Zehnjährige kam in ein Internat bei Traben-Trarbach. Nach dem Abitur (1905) ermöglichten Verwandte dem jungen Mann den Besuch der Universität, wo er zunächst Jura studierte, sich dann aber dem Medizinstudium zuwandte (Jena, Berlin und München). Während eines Studienabschnitts in Paris lernte er dort 2011 die Kunststudentin und jüdische Russin Helene Gurowitsch kennen, die Goering 1912 heiratete. Der Ehe entsprangen zwei Töchter, Susi (Zippendorf bei Schwerin) und Ingrid. Susi lebte, vom Nationalsozialismus ebenfalls zur Flucht gezwungen, bis zu ihrem Tod in Chile, Ingrid in Kanada.

Mit Lenin Schach in Davos

In einer Lyrisches Jahrbuch genannten Anthologie erschienen 1912 erste Gedichte (Verlag Schirmer und Mahlau, Frankfurt/Main). Der Herausgeber ist nicht mehr bekannt. Die Gedichte, obwohl über die zeitgleich veröffentlichten herausragend, drangen jedoch (noch) nicht in das literarische Bewusstsein der Öffentlichkeit, ebenso wenig sein ein Jahr später erschienenes Erstlingswerk, der Roman Jung Schuk. Auch Sternaux hält 1918 die Seeschlacht für Goerings erste Arbeit.

Als Goering 1914 in Bonn Medizin studierte, wird er nach einem Notexamina im Saargebiet als Militärarzt eingesetzt, wo er nach Wochen angestrengter Arbeit selbst an Tuberkulose erkrankte. Er kommt nach Davos, wo er die vier Kriegsjahre über bis 1918 kurt. Nach Erzählungen seines jungen Freundes und (späteren) Schwagers Siegfried Holzapfel soll er in Davos mit Lenin Schach gespielt haben.

In Deutschland wird Goering als Kriegsdienstverweigerer diffamiert. Wohl nicht zuletzt deswegen unterbricht er 1916 seinen Aufenthalt in Davos. Bald tritt jedoch ein Rückfall ein und er muß die Genesungskur fortsetzen. Hier entsteht die Seeschlacht im Gefolge der Schlacht im Skagerrak am 31. Mai 1916. Zunächst in Dresden unter Graf Nikolaus Seebach ein Skandal (1918) wird die Aufführung unter Max Reinhard in Berlin im selben Jahr zum Erfolg.

Doch der so Erfolgreiche ist zu krank, den folgenden Aufführungen beizuwohnen. Erstmals beginnt er eine seiner folgenden buddhistischen Wanderungen. Er taucht wochenlang unter, ernährt sich durch Bettelei am Straßenrand, wird bewußt namenlos. Die gewollt angestrebte Sinnsuche, die den rastlosen bis nach Finnland führt, treibt ihn bis zu seinem Freitod um.

1930 erschienen: Der erste Deutsche Luftfahrt-Kalender - Archiv: cwh

1930 erschienen: Der erste Deutsche Luftfahrt-Kalender – Archiv: cwh

Der erste Deutsche Luftfahrt-Kalender

Zwischendurch praktiziert er als Arzt, auch im Berliner Norden, steht aber auch dort eher einsam in der Praxis. Er widmet sich, weil er es für notwendig hält, oft einen ganzen Tag lang einem Patienten, während die Wartenden genervt aus der Praxis laufen. Zwar verfasst er auch Fachartikel über Krebs, widmet sich aber eher der Reform-Medizin, schreibt über Haltungsstudien, Vegetarismus und Impf-Probleme. 1928, als er seine ersten Fluggedichte verfasst, empfiehlt er Höhenflüge für an Bronchitis leidende Kinder.

In diese Zeit fällt seine Begegnung mit dem Buchhändler und Verleger Carl-Maria Holzapfel und seiner Frau Hildegard, geborene Carnap. Goering verliebt sich in die Frau seines Freundes, eine einst glühende Kommunistin im Rheinland und spätere ebenso glühende Nationalsozialistin. Obwohl diese Liaison durchaus konfliktreich ist, verbindet die Männerfreundschaft die Leidenschaft für die Luftfahrt. Auch Holzapfel schreibt Fluggedichte und verfasst Artikel über die ersten Flüge der Lufthansa. 1930 kulminiert dieses gemeinsame Interesse in der Herausgabe des ersten Deutschen Luftfahrt-Kalenders, heute eine historische Rarität mit zahlreichen Dokumenten aus den ersten Tagen der Luftfahrt.

Später wendet sich der inzwischen als Expressionist berühmt gewordene Goering der erst sechzehnjährigen Tochter Marilene seines Freundes zu. 1932 wird Sohn Reinhard geboren, der bereits in den neunziger Jahren in Augsburg verstarb, und 1934 in Berlin der weitere Sohn Knut-Stefan, der heute in Norddeutschland lebt. Im Frühjahr 1935 heiratet er Marilene.

Zur gleichen Zeit Mitglied in der NSdAP und KPD

Auch wenn Goering kaum Freundschaften mit Dichtergefährten hatte oder pflegte, so war er offenbar ein leidenschaftlicher, wenn auch schwieriger Liebhaber. Er ist unbürgerlich, ohne Bohemien zu sein, tendiert zu den Linken, ohne sich diesen ein- oder unterzuordnen. Auf der Suche nach der richtigen Wegweisung wird er Anfang der dreißiger Jahre gleichzeitig Mitglied der NSdAP und der KPD. Die NSdAP schließt ihn bald wieder aus, die KPD verließ er nach Angaben von Siegfried Holzapfel „nach einer Prüfperiode“ selbst. In Braunschweig soll er auf einen KPD-Abgeordneten so suggestiv eingeredet haben, dass dieser gemeinsam mit Goering sein Eigentum aus dem Fenster warf (nach Siegfried Holzapfel).

Er ist unstet, bleibt kaum mehr als einen Monat an einem Ort. Doch die Beziehungen zu seinen Frauen scheint er zu pflegen. Zwar hat der von seiner ersten Frau getrennt lebende inzwischen die Lehrerin Grete Höger in Berlin-Steglitz zu seiner Muse erkoren, aber die tiefe Freundschaft zu der 11 Jahre älteren Dagmar Öhrboom aus Helsinki, die er 1923 in Finnland kennengelernt hatte, pflegt er weiter. Ostern 1928 verbringt Goering mit der 1926 geschiedenen Frau und den nunmehr zwei Töchtern bei der Familie Holzapfel in Berlin-Zehlendorf.

1966 verlegtes dtv-Taschenbuch (li.) und S.Fischer-Verlag Berlin 1919

1966 verlegtes dtv-Taschenbuch (li.) und S.Fischer-Verlag Berlin 1919

Grete Höger bringt ihm die Tagebücher des Kapitän Scott, die Goering so faszinieren, dass er diese zu einem Drama verdichtet. Die ersten Sentenzen verfasst er im Bett, das er kaum verlässt. Dann treibt es ihn zurück nach Davos, dem Ursprungsort seiner Seeschlacht. Hier vollendet er das Drama „Die Südpolexpedition des Kapitän Scott“ und dient es dem Ullstein-Verlag an. Am 16. Februar 1930 findet im Staatstheater zu Berlin unter Leopold Jessner die Uraufführung statt und wird sofort von anderen Bühnen, so in Darmstadt und Würzburg übernommen. Dieser letzte große Erfolg bedeutet Goering nicht viel. Schon bei der Uraufführung seiner Seeschlacht erschien er zur Uraufführung im karierten Hemd und Straßenanzug, hatte sich zuvor nicht um die Proben noch um die Aufführungen gekümmert.

Reinhard Goering strebte offenbar nicht nach Ruhm, ihm war die Suche nach sich selbst, nach den Gründen und Ursachen des Lebens stets wichtiger. 1936, im Frühherbst, verschwindet Goering erneut für einige Wochen. Die Familie und Freunde sind nicht beunruhigt, sind sie doch die zwischenzeitlichen buddhistischen Wanderungen gewohnt. Dass es seine letzte Wanderung wird, ahnen sie nicht.

Nachtrag: Marilene Goering

Nachzutragen bleibt, dass Marilene Holzapfel mit den zwei Söhnen bittere Jahre durchlebte, ehe sie Anfang der vierziger Jahre einen Mann aus Bayern kennen- und lieben lernte. Noch ehe die Beiden heiraten konnten, wurde der Vater der beiden inzwischen geborenen Töchter Liselotte und Christa „auf der Flucht“ von der GESTAPO erschossen. Marilene befand sich ein Jahr in GESTAPO-Haft, die vier Kinder waren in dieser Zeit zwangsweise in Heimen untergebracht. Den Vater und mithin Schwiegervater Reinhard Goerings, Carl-Maria Holzapfel, der inzwischen zum „Reichsamtsleiter für Musik“ aufgestiegen war, bekümmerte das Schicksal seiner Tochter offenbar wenig. Schon seinem Sohn Siegfried und Schwager Goerings, dem 1939 durch ein bestelltes Gutachten der Reichsärztekammer das weitere Studium (Germanistik und Zeitungswissenschaften / Prof. Dovifat) untersagt worden war, hatte CMH bedeutet, dieser könne sich „bei seinen Sperenzchen“ (gegen das System) nicht auf seinen Vater berufen.

Marilene hat nie wieder geheiratet. Nach ihrer Tätigkeit im Helmstedter Tagblatt zog sie in den sechziger Jahren nach München, wo sie bis zu ihrer Verrentung als Chefsekretärin im Droemer-Verlag arbeitete. Die Witwe Reinhard Goerings war bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren immer wieder Ansprechpartnerin bei den selten gewordenen Nachfragen zu diesem außerordentlichen Leben eines großen Dramatikers, der vor achtzig Jahren bei Jena starb.

* Der Autor ist Neffe von Marilene Goering. Siehe auch: https://17juni1953.wordpress.com/tag/reinhard-goering/

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Berlin, 8.02.2016/cw – Was in einem einst zu Ost-Berlin gehörenden Berliner Bezirk kaum auffallen würde, verwundert in einem Stammbezirk konservativer Wähler: Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf verbietet der SPD, eine Gedenkveranstaltung an den ersten Landesparteitag in Berlin am Ort des Geschehens, nämlich in der Zehlendorfer Zinnowwaldschule, durchzuführen. Begründung: Parteiveranstaltungen sind in Schulen grundsätzlich verboten.

Vizekanzler Siegmar Gabriel sollte Ehrengast sein

Nun macht dieser grundsätzliche Beschluss der BVV ja Sinn, auch wenn der Grund für diesen Beschluss weniger sachlich denn politisch begründet erscheint. Denn ursprünglich wollte man mit dieser Grundsatzentscheidung ungeliebte Parteien wie NPD oder AfD von den Lehranstalten fernhalten. Jetzt fällt dieser Beschluss einer etablierten Partei buchstäblich auf die parteipolitischen Füße. Und selbst die beabsichtigte Teilnahme des Vizekanzlers Siegmar Gabriel konnte die Rathausspitze bisher nicht zu einer anderen, sprich Ausnahme- Entscheidung bewegen.

Auf der anderen Seite gibt es einen klaren politischen Bildungsauftrag. Und eine Gedenkveranstaltung an ein wichtiges historisches Ereignis in unserer Stadt trifft wohl eher den Bildungsauftrag, als die Unterstellung einer parteipolitischen Veranstaltung. Um was geht es?

Die Berliner SPD hatte am 7. April 1946 in besagter Schule ihren ersten Landesparteitag nach dem Krieg absolviert. Herausragendes Thema: Die Zwangsvereinigung zwischen KPD und SPD (in der sowjetisch besetzten Zone) zur SED und die einstimmige Absage an diesen von oben bestimmten Gewaltakt. SPD-Mitglieder hätten sich damals unter „großem persönlichem Einsatz für Freiheit und Demokratie eingesetzt“, so die Genossen in ihrem Antrag an den Bezirk, eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen.

Politische Bildungsarbeit

Auch die parteipolitisch unabhängige VEREINIGUNG 17. JUNI 1953 hat sich bereits Ende Januar an den Bezirksbürgermeister gewandt und diesen gebeten, „Kraft Ihres Amtes eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen oder ein entsprechendes Einvernehmen mit der BVV herbeizuführen.“ Nach Meinung des Vereins, der in Zehlendorf seit 1953 das einzige originäre Mahnmal an den seinerzeitigen Volksaufstand betreut, handele es sich bei der geplanten Veranstaltung „zweifellos um politische Bildungsarbeit, nämlich um eine Gedenkveranstaltung an ein historisches Ereignis von außerordentlicher Bedeutung in der Nachkriegsgeschichte unserer Stadt.“ Aus Sicht des historischen Vereins würde eine Untersagung dieser Veranstaltung „eher einer unzulässigen Einordnung in Wahlauseinandersetzungen vor Ort als einer historischen Würdigung“ entsprechen. Erst durch eine solche Untersagung würde „die Schule in eine politische Auseinandersetzung hineingezogen werden.“

Inzwischen hat der Bezirksbürgermeister den Verein wissen lassen, er habe den Brief „zur Kenntnis“ genommen und an die zuständige Stadträtin weitergeleitet. Souveränität im Umgang mit der Geschichte sieht wohl anders aus.

Siehe auch: http://www.berliner-woche.de/zehlendorf/politik/bezirk-verbietet-spd-gedenkfeier-in-zinnowwaldschule-d93914.html?utm_source=Kurationsbox , Berliner Woche – Zehlendorf.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 (1.074)

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 26.11.2014/cw – Die Aussicht, Ministerpräsident zu werden, scheint trunken zu machen. Jedenfalls erweckt Bodo Ramelow diesen Eindruck, wenn er im einstigen Zentralorgan der SED, der Zeitung Neues Deutschland, seine von Marburg aus in die Welt gesetzten Zitate sorgfältig wieder kassiert.

In einem Interview mit der Zeitung vom 24.11. rückt der LINKE-Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Thüringen – am 5.12. – von seinen in den Medien verbreiteten Marburger Äußerungen wieder ab. Hatte Ramelow mit seiner Vergleichbarkeit der Stasi mit der NS-Gestapo letzte Woche noch durchaus gepunktet, sagte er jetzt dem ND: „Eine Gleichsetzung des MfS in der DDR und der Nazi-Gestapo verbietet sich. Die NS-Verbrechen dürfen nicht relativiert werden.“ Das habe er auch auf der Veranstaltung in Marburg gesagt, „aus der dieser Satz leider ohne Kontext zitiert wurde.“

Stattdessen: Gleichsetzung von Verfassungsschutz mit Stasi?

Auf der Veranstaltung in Marburg sei es um die Berufsverbote gegangen. Er sei wegen seiner Solidarität mit Kommunisten, die „Opfer von Berufsverboten“ in der Bundesrepublik wurden, vom Verfassungsschutz 30 Jahre lang überwacht worden. Und: „Deshalb werde ich mich auch weiter damit kritisch auseinandersetzen – mit der Zerstörung von Biografien, die vom Staatsapparat der DDR ausging, in dem übrigens auch Blockflöten saßen, ebenso wie mit den Repressionen, die Linke in Westdeutschland erlitten haben.“
Als ob diese bekennenden Äußerungen nicht genug wären, setzt der Ministerpräsidentenkandidat von SPD, Bündnis90/GRÜNE und LINKE noch eins drauf, um keinen Zweifel an seiner vorübergehend mit Erfolg kaschierten kommunistischen Gesinnung aufkommen zu lassen: Für Ramelow heißt „Kritischer Umgang mit Geschichte … deshalb auch, eine Aufhebung des KPD-Verbots, die Rehabilitation der Berufsverbote-Opfer und einen sofortigen Stopp der so genannten Blauhemd-Prozesse wegen des Tragens von FDJ-Symbolen.“ Auch die gekürzten Renten von „Menschen im damaligen Staatsapparat der DDR“ sollten thematisiert werden, denn die „Rentenkasse darf nicht als ideologisches Kampfinstrument herhalten.“

Gibt Lieberknecht auf?

Nach heutigen Informationen hat die amtierende Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht ihrer Partei die Bereitschaft signalisiert „im Dienst für Thüringen, Deutschland und die CDU“ nicht weiter an ihrem Amt festhalten und den Weg für einen breit akzeptierten Kandidaten frei machen zu wollen. Die erstmals im Thüringer Landtag vertretene AfD hat bereits signalisiert, „fast jeden Kandidaten der CDU außer Lieberknecht“ mitwählen zu wollen. Gegenwärtig läuft die Kandidatur auf CDU-Fraktionschef Mike Mohring zu, der rechtzeitig, also mindestens 48 Stunden vor der angesetzten Wahl, benannt werden soll.
Was Auguren bereits vorausgesehen haben, scheint mit dieser neuen Konstellation nun fast Gewissheit: Die Wahl eines ersten Ministerpräsidenten der SED-Nachfolgepartei scheint in immer weitere Ferne zu rücken. Möglich, das lokale Historiker einst die letzten, vielfach als demaskierend empfundenen Interviews des einstigen West-LINKEN Bodo Ramelow als ausschlaggebend für sein Scheitern einstufen werden.

Protest-Demo in Erfurt

Für die Organisatoren der für den 4. Dezember (19:00 Uhr) angesetzten Protest-Demo in Erfurt gegen die geplante „Machtergreifung“ der Post-Kommunisten waren Ramelows neue Gleichsetzungen, die er mit den Auswirkungen „des Kalten Krieges auf beide Seiten“ begründete, eine Steilvorlage. Sie rechnen mit einer „wesentlichen Mobilisierung“ auch jener Bürger, die sich von den bisherigen Unrechts-Thesen Ramelows haben beeindrucken lassen. Der Widerruf seiner kurzzeitigen Ansage „Stasi gleich Gestapo“ und die skandalöse Gleichsetzung der Diktatur-Verfolgten mit den erklärten Feinden der Demokratie in der alten Bundesrepublik machten jedem Bürger in diesem Staat klar, unter welcher Führung die ROT-Rot-Grüne Koalition nach dem Thüringer Zipfel der Macht greift. (896)

Siehe auch:

http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Z0R0005551706

und

http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Vorwurf-aus-Berlin-Ramelow-relativiert-den-Unrechtsstaat-DDR-457186933

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

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