You are currently browsing the tag archive for the ‘Kanzleramt’ tag.

Ortenberg/Hessen, 25.10.2018/cw – Ortenberg liegt an den südlichen Ausläufern des Vogelsbergs im Tal der Nidder, etwa acht Kilometer nordwestlich von Büdingen. Obwohl eine Besiedelung im Gebiet von Ortenberg schon seit der Steinzeit nachweisbar ist und in der Eisenzeit Kelten in der Region siedelten, denen später die Römer und noch später die Franken folgten, braucht es heutzutage schon heiße Wahlkämpfe, um eine solche Örtlichkeit in den Fokus öffentlichen Interesses zu rücken.

„Tragen Sie mir Ihr Anliegen vor, ich werde das prüfen!“ Aufforderung der Kanzlerin vor Demonstranten am 11.08.2018 in Berlin – Foto: LyrAg

Und wenn sich dann sogar eine leibhaftige Kanzlerin der Republik in ein Ortenbergisches Bierzelt verliert, kommen sogar überregionale Medien in diese Lokalität, die zuvor wahrscheinlich erst auf der Landkarte ausfindig gemacht werden mußte.

In Hessen stehen (wieder einmal) „Schicksalswahlen“ an, denn nach den Wahlen in Bayern steht nicht nur die SPD im Kampf gegen eine drohende Bedeutungslosigkeit. Auch die Union wird unruhig, weil sie im Niedergang der SPD Parallelen zum möglichen eigenen drohenden Schicksal erkennt. Auch die Bundeskanzlerin, in Personalunion Vorsitzende der CDU, scheint nach langem Zögern wahrzunehmen, dass die Prozente auch für die UNION nicht mehr „vom Himmel“ fallen, die Wähler mithin offensichtlich selbstbewusster und vor allem kritischer geworden sind.

So kämpft die langjährige christ-demokratische Vorzeigefrau auch im Bierzelt von Ortenberg um jede noch erreichbare Stimme und kann, was seltener geworden ist, „stehende Ovationen“ der eineinhalbtausend Bierzelter entgegennehmen, wenn man einem Bericht von „BÖRSE-online“, 24.10.2018, (https://www.boerse-online.de/nachrichten/aktien/schicksalswahl-hessen-merkel-kaempft-um-ihre-zukunft-1027644650 ) folgt.

Ein Satz prägt sich dabei dem aufmerksamen Verfolger des Zeitgeschehens besonders ein: „Wenn Sie Wut haben auf das, was in Berlin läuft – schreiben Sie mir einen Brief„, ruft Angela Merkel in vermittelter vollster Überzeugung ins Bierzelt. Nun ist das ja gerade in Bierzelten so eine Sache, was diese vielleicht gerade so attraktiv für Wahlkämpfende Parteien macht. Es steht im konkreten Fall nicht zu befürchten, dass die Poststelle im Kanzleramt infolge dieser von Ovationen begleiteten Äußerung Überstunden ob der vielen Post aus Ortenberg einlegen müsste. Denn bekanntlich gehen die meisten Inhalte kleiner und großer Wahlkämpfer mit der Inhalierung des geliebten Gerstensaftes ohnehin unter, weil es eher auf die unverwechselbare Stimmung im Zelt als um sowieso meist nur halb verstandene Wahrheiten oder Un-Wahrheiten geht.

Der Brief-Appell ist so ein schönes Beispiel. Bürger, die dieser (gerne wiederholten) Aufforderung tatsächlich vertrauten und kurze oder längere Briefe an die „verehrte“ oder „geehrte“ Frau Bundeskanzlerin versandten, wurden nach Wochen mit einem Brief aus dem Bundeskanzleramt geadelt. Dort stand dann meist etwas von einer „ernsthaften Prüfung des Anliegens“, das mit dem Bedauern verbunden wurde, „leider in der Sache nichts tun zu können.“ Unterschrieben sind diese Briefe dann meist von einem Kanzleramts-Adlatus, den man noch nicht einmal kennen muss, wenn man als Empfänger des Prüfungsbriefes gar Mitglied der CDU wäre. Die Kanzlerin als eigentliche Adressatin? Die hat den Brief nicht einmal im Briefumschlag gesehen. Geht ja auch gar nicht, da sie sich um die Weltpolitik kümmern muß.

Und ihre Aufforderung im Bierzelt von Ortenberg (oder anderswo)? Was kann sie denn dafür, wenn es im Bierdunst tatsächlich noch Menschen gibt, die eine Aufforderung (oder Einladung?) noch für bare Münze nehmen? Im Wahlkampf, egal wo und zu welcher Zeit, geht es ohnehin „um Ihre Heimat,“ so Merkel in Ortenburg (oder anderswo). Bei diesem Anspruch darf man nicht so kleinlich sein und eine bürgerfreundlich gemeinte Aufforderung für bare Münze nehmen. Schließlich kommt es auf diese Kleinigkeiten doch nicht an. Wesentlich wichtiger ist das Kreuz in der Wahlkabine. Eben.

© 2018: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.350).

Titel HB 2014Titel                                                                                                                                                                   Nr.069 – Einigkeit und Recht und Freiheit 15. 09. 201

________________________________________________________________________________________________

Die Stellvertreter:  Demonstration gegen rückwirkende DDR-Staatsbürgerschaft

Berlin, 14.09.2017/cw – Mit Übertragungswagen und lautstarken Tröten, Rasseln und Sprechchören gegen die rentenrechtliche Rückstufung einstiger DDR-Flüchtlinge und Übersiedler zu DDR-Bürgern nach der Wiedervereinigung und für eine vor dem Mauerfall zugesagte Rente nach (west)deutschem Recht demonstrierten am 13.09.17 die vor Mauerfall übergesiedelten SED-Verfolgten erneut in Berlin. Die Teilnehmerzahl mit ca. sechzig Frauen und Männern wirkte auf den ersten Blick nicht sehr hoch, aber es waren sozusagen die Stellvertreter, die für die in die Jahre gekommenen ehem. DDR-Flüchtlinge ihren Unmut gegen die bürokratische Rückbeorderung in den Staus von DDR-Bürgern und die dadurch ausgelösten Kürzung der Altersrente zum Ausdruck brachten. Viele der Betroffenen mussten ihre Teilnahme absagen, Alter und teils schwere Erkrankungen standen einer Teilnahme entgegen. Trotzdem waren Teilnehmer aus allen Bereichen Deutschlands, von Bayern bis Schleswig-Holstein, eigens angereist.

Die Demonstration eröffnete Wolfgang Graetz, der darauf hinwies, dass er für den jahrelangen Organisator Wolfgang Mayer spreche, der aufgrund einer schweren Krebserkrankung auf dem Wege nach Berlin umkehren und das Krankenhaus aufsuchen mußte. Wolfgang Mayer, der viel Herzblut in die Organisation gesteckt und somit entscheidend zum Gelingen der jeweiligen Demonstrationen beigetragen hatte, nahm nach den Worten von Graetz dennoch „im Geist“ an dem Marsch durch das Regierungsviertel teil.

Eva Aust, ehemalige Hoheneckerin und vor ihrem Freikauf Lehrerin in der DDR und ihr Lebensgefährte hatten die Transparente abgeholt und am Treffpunkt verteilt. Tatjana Sterneberg, ebenfalls ehem. Hoheneckerin und Carl-Wolfgang Holzapfel, als „Westler“ ehem. Bautzen-Häftling, beide von der Vereinigung 17. Juni, brachten ebenfalls viele Schilder und auch T-Shirts mit entsprechenden Texten mit. Andere hatten eigene kreative Schilder dabei. Den Lautsprecherwagen orderte auch diesmal wieder die VOS.

Die Ansprachen an den Standorten Arbeits- und Sozialministerium, Bundesministerium für Finanzen und vor dem Bundeskanzleramt hielten Wolfgang Graetz, Volker Hilgert, Carl-Wolfgang Holzapfel und Torsten Preuß. Dessen Sohn filmte die Demonstration mit der Handycamera, Fritz Schaarschmidt und andere produzierten viele Fotos. So auch ein Journalist, der für eine Agentur die Szenen fotografisch festhielt.

Viele Passanten am Straßenrand lasen die vielfältigen Aussagen auf den Schildern, die sie ebenfalls zahlreich fotografierten und hörten den laufenden Erklärungen über Lautsprecher und den lautstarken Protesten („Wir sind nicht leise, wir sind laut, weil man uns die Rente klaut!“) sichtlich aufmerksam zu. Die Demo wurde durch abermals von jungen, freundlichen und souverän agierende Polizeibeamten flankiert.

Leider, wenn auch erwartet, blieb erneut eine Gesprächsbereitschaft seitens der Ministerien (Soziales und Finanzen) aus. Vor ihren Toren allerdings standen nicht nur ältere und teilweise kranke ehemalige DDR-Flüchtlinge und politische Gefangene, die ihre Sorgen gerne direkt vorgetragen hätten, sondern auch Wähler. Wähler, die am 24. September 2017 über die Zusammensetzung des Deutsche Bundestages und die aus dem Wahlergebnis hervorgehende neue Regierung mit entscheiden! Und die sich sicherlich an die vor dem Mauerfall gegebenen und nach der Wiedervereinigung gebrochenen Versprechen in den Wahlkabinen erinnern werden.

Hinweis: Wir danken insbesondere Christa Ladendorf für die Informationen (siehe „Flucht und Ausreise“ von Wolfgang Mayer).

<<<>>>

17.Juni 1953: Wir fordern freie Wahlen

Berlin, 15.09.2017/cw – Die Vereinigung 17. Juni in Berlin erinnerte vor den Wahlen zum Deutschen Bundestag an das Credo der Aufständischen vom 17. Juni 1953. Diese hatten neben der Wiedervereinigung Deutschlands besonders die Forderung nach freien und geheimen Wahlen erhoben. „Wir sollten uns daran erinnern, dass es zwischen 1933 und 1989 auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone, gen. DDR, keine freien noch geheime Wahlen gab,“ heißt es in der Erklärung. Auch heute werde Milliarden Männern und Frauen das freie und geheime Wahlrecht vorenthalten. Dies verpflichte uns besonders, von unserem Wahlrecht „aus demokratischer Überzeugung“ Gebrauch zu machen. Jeder müsse ernsthaft prüfen, welche Partei aus seiner Sicht die beste Aussicht biete, die vor uns liegenden und die bestehenden Probleme zu bearbeiten und zu lösen. „Das Wahlrecht wie das breite Angebot an Wahlmöglichkeiten biete jedem Wähler eine Alternative. Davon sollten wir im Sinne der Männer und Frauen, die 1953 für die Demokratie in Deutschland auf die Straße gegangen sind, Gebrauch machen,“ sagte der Vorstandssprecher am Vorabend der Wahl.

<<<>>>

 Was die Parteien konsequent verschweigen

 Berlin, 24.09.2017/cw – Wie seit Jahrzehnten vor Wahlen üblich werden auch die Bürger in unserem Land seit Wochen und Monaten mit Plakaten, Parteiprogrammen, Wahlsondersendungen und speziellen Berichten in den Medien überflutet. Das erscheint einigen lästig, ist aber in Wahrheit Ausdruck einer gelebten Demokratie. Erstmals, und das muss besonders vermerkt werden, gab es interessante Formate. Neben dem eher etwas langweiligen „Duell“ zwischen der potentiellen (Weiter-)Kanzlerin und dem Anspruch-Kanzler räumte allein das ZDF an zwei Abenden zu bester Sendezeit den Bürgern die Möglichkeit ein, zumindest den Spitzenkandidaten der größten Volksparteien Fragen zu stellen. Auffallend waren dabei weniger die gestellten als die nichtgestellten Fragen.

Nach den Apanagen für Politiker wurde nicht gefragt

So wurden nicht die Apanagen der gewählten Volksvertreter und deren zahlreichen zusätzlichen Vergünstigungen angesprochen. Denkbar wäre zumindest die Nachfrage gewesen, aus welchen Motiven Politiker das Vorhandensein von Armut „durch eine zu niedrige Altersversorgung“ beklagen (und Verbesserungen versprechen) und – ohne rot zu werden – Rentenansprüche schon nach acht Jahren Mandatszeit generieren, von denen viele Menschen auch nach vierzig Jahren geleisteter Arbeit nur träumen können.

Ein weiteres Beispiel ist das parteiübergreifende Lamento über „zu hohe Mieten“ oder „unbezahlbaren Wohnraum“. Dem Wähler werden als Ausweg eine „notwendige Verbesserung der Mietpreisbremse“ in Aussicht gestellt oder wahlwirksam die im Übrigen in vorhergehenden Wahlen gebräuchliche und sattsam bekannte Forderung nach der „Förderung von zusätzlichen Wohnungen“ getrötet. Diskussionen um mögliche Alternativen? Fehlanzeige. Zum Beispiel könnte man darüber debattieren, ob die Höhe von Mieten nicht auf 30% des Einkommens gedeckelt werden könnten. In Art.14, Abs.2 unseres Grundgesetzes steht unmissverständlich: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Beschränkung der Mieten auf Relation zum Einkommen

Gerade im viel diskutierten Mietrecht wäre ein zumindest ansatzweise Diskussion um Alternativen dringend notwendig. Eine Beschränkung der Mietforderungen auf eine Einkommensgrenze hätte vielerlei Vorteile. Eine fortschreitende Ghetto-Bildung zwischen „arm und reich“ würde wirksam unterbrochen werden, weil es für Vermieter keinen Anreiz mehr gäbe, möglichst zahlungskräftige Mieter zu rekrutieren oder nichtzahlungsfähige Mieter auszusondern. Ein Mieter mit einem mtl. Einkommen i.H.v. (zum Beispiel) 10.000 Euro würde bei dem hier angeführten Modell statt der (durch einen deutschlandweit eingeführten verbindlichem Mietspiegel) festgesetzten Miete in Höhe von 1.200 Euro tatsächlich 3.000 Euro zahlen (müssen). Ein Mieter mit einem mtl. Einkommen von 800 Euro würde für eine vergleichbare Wohnung dagegen nur 240 Euro aufbringen müssen. Für den Vermieter stellt sich die Situation bei diesem Modell so dar: Laut Mietspiegel hätte der (Haus-)Eigentümer bei dem angeführten Beispiel einen Anspruch aus der Vermietung auf insgesamt 2.400 Euro. Er erzielt aus der ersten Wohnung einen Überschuss i.H.v. 1.800 Euro, aus der zweiten Wohnung ein (rechnerisches) Minus i.H.v. 960 Euro. Nach diesem Beispiel müsste er an eine regionale Ausgleichskasse sogar 840 Euro abführen. Diese Ausgleichskasse zahlt andererseits an Vermieter, die überhängig an Geringverdiener vermieten, einen Ausgleich, damit auch dieser Eigentümer auf die staatlich festgelegte Mieteinnahme käme.

Beitragspflicht zur Rentenversicherung für alle Bürger

Diese Beispiele für eine notwendige und sicher lebhafte Diskussion ließen sich auf einige andere Felder ausdehnen. Ein letztes Beispiel: Die staatliche Rentenversicherung. Auch hier muss eine Einbeziehung  a l l e r  Bürger (einschließlich der Unternehmer und Manager, aber auch der Abgeordneten, Minister und Beamten) endlich ernsthaft debattiert werden. Natürlich müssten die (späteren) Renten in der Höhe auf ein Höchstmaß begrenzt werden, damit der „Gemeinwohl-Effekt“ nach dem Grundgesetz auch zum Tragen käme. So könnte die Rente auf das Doppelte der durchschnittlichen Rente gedeckelt werden.

Der Beitrag für Großverdiener müsste entsprechend gestaffelt werden. Übersteigt sein Einkommen die gesetzliche Beitragspflicht erheblich, so wird diese Beitragspflicht ab einer Verdoppelung um 100 % für die nachrangige Berechnung um jeweils 25% verringert und erreicht schließlich für das übrige (Rest-) Einkommen die beitragsfreie Grenze. Eine Berechnungsmethodik, die sich im Übrigen auch auf den Berechnungsmodus im zuvor geschilderten (neuen) Mietrecht anwenden ließe.

„Es gibt viel zu tun“ hieß einmal ein bekannter Wahlkampfspruch, und „Packen wir´s an!“ In der Tat wäre es notwendig, in diesem Land wieder kontrovers um Lösungen zu debattieren, statt sich weiterhin Algemeinplätze um die Ohren zu hauen. Dieses Deutschland braucht tatsächlich Alternativen in der Politik, Alternativen, die diesen Namen auch verdienen.

<<<>>>

 Termine:

 Verbändetreffen in Potsdam

 Zum nächsten Verbändetreffen lädt die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistische Diktatur nach Potsdam in ihren Dienstsitz (Hegelallee 3) ein. Termin: 22.09.2017, 15:00 bis 18:00 Uhr. Es wird voraussichtlich das letzte Treffen unter der Ägide von Ulrike Poppe sein, die aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig ihren Rücktritt erklärt hat.

Unter Anderem soll über die Auswahlkriterien für Gutachter in Anerkennungsverfahren für verfolgungsbedingte Gesundheitsschäden informiert und diskutiert werden.

Buchlesung: Diktatur und Demokratie im Unterricht

„Diktatur und Demokratie im Unterricht: Der Fall DDR“, unter diesem Titel wird am 26. September 2017 um 18:00 Uhr zu einer Buchlesung aus dem jüngst im Metropol-Verlag erschienenen Sammelband in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur eingeladen (Kronenstr.5).

Ausgangspunkt ist der Befund, dass Schülerinnen und Schüler ein stark begrenztes Faktenwissen über die deutsche Zeitgeschichte nach 1945 besitzen. Befragungen zeigen aber zugleich, dass viele junge Leute gern mehr erfahren würden. Für den Schulunterricht stellt sich die Frage, wie Lehrkräfte diese Neugier nutzen können, um Jugendliche für den Unterschied von Demokratie und Diktatur in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu sensibilisieren. Bei der Buchvorstellung bringen Lehrerinnen und Lehrer aus Deutschland und der Schweiz ihre geschichtsdidaktischen und fachpolitischen Ansätze und Erfahrungen ein, die zeigen, welche Rahmenbedingungen historisches Lernen an Schulen fördern und wie die historische Urteilskompetenz junger Menschen gestärkt werden kann.

Streikführer von Görlitz wird umgebettet

Werner Herbig, am 11.12.2008 in Berlin verstorben und am 17. Juni 1953 Streikführer in Görlitz wird am 28.09.2017, 11:00 Uhr auf dem Ehrenfeld der Toten vom Volksaufstand (Friedhof Seestr.93, Berlin-Wedding) mit seiner 2006 verstorbene Ehefrau beigesetzt. Die Umbettung vom Luisenfriedhof III am Fürstenbrunner Weg erfolgt auf Wunsch des Sohnes nach einer Anregung durch bzw. mit Unterstützung der Vereinigung 17. Juni aus Anlass des 60. Jahrestages der Eintragung in das Vereinsregister am 3. Oktober 1957.

________________________________________________________________________________________________

Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, der Verein ist für die Inhalte nicht verantwortlich. Namentlich gezeichnete Artikel geben die Meinung des/der Verfasser/Verfasserin wieder (1.284).
Impressum: Der „Hohenecker Bote“ ist einzig der demokratischen Auseinandersetzung und den Anliegen der Verfolgten beider Diktaturen verpflichtet, parteipolitisch und vereinsrechtlich unabhängig und erscheint in der Mitte eines jeden Monats. Beiträge dürfen b.a.W. kostenlos unter Zurverfügungstellung von Nachweisen (Belegen) insbesondere von gemeinnützigen Vereinen der Verfolgten- und Opferszene beider Diktaturen in Deutschland genutzt oder weiterverbreitet werden. Fotos dürfen grundsätzlich nur unter ausdrücklicher Zustimmung bzw. zu den Bedingungen der Redaktion verwandt werden. Redaktion: Carl-Wolfgang Holzapfel (cw) – verantwortlich; redaktion.hoheneck@gmail.com; Kaiserdamm 9, D-14057 Berlin, Tel.: 030-30207778 oder 0176-48061953. Anzeigen auf Anfrage.
Wolfgang Graetz stimmte die rund 200 Demonstranten vor dem Nahles-Ministerium ein - Foto: Lyrag

Wolfgang Graetz stimmte die rund 200 Demonstranten vor dem Nahles-Ministerium ein – Foto: Lyrag

Berlin, 14.03.2016/cw – Der Unmut war geradezu physisch zu spüren, als sich vor dem Ministerium für Arbeit und Soziales um die 200 ehemalige Flüchtlinge und Übersiedler aus der einstigen DDR einfanden, um mit einem Protestmarsch durch Berlins Mitte gegen den Rentenbetrug zu protestieren (siehe vorherige Berichte dazu auf dieser Seite).

Die damalige Kohl-Regierung hatte ohne Einschaltung des Parlamentes in einer Anweisung über das Sozialministerium an die Rentenversicherung festgelegt, dass Rentenüberleitungsgesetz (RÜG) vom 18. Mai 1990 auch auf alle ehemaligen DDR-Bürger anzuwenden, die vor dem Mauerfall in den Westteil Deutschlands geflüchtet oder übergesiedelt waren. Nach den Zusicherungen gegenüber diesem Personenkreis bei deren Eintreffen im freien Teil Deutschlands wurden deren Rentenansprüche nach dem Fremdrentengesetz (FRG) bewertet. Danach wurden alle Anwartschaften rentenrechtlich so behandelt, als ob diese im Freien Teil Deutschlands entstanden seien.

Kreativ: Fritz Schaarschmidt aus Bayern mit einer Karikatur - Foto. LyrAg

Kreativ: Fritz Schaarschmidt aus Bayern mit einer Karikatur – Foto. LyrAg

Rentenbetrug an den Lastenträgern der Spaltung

Gegen diesen Rentenbetrug an den eigentlichen Lastenträgern der deutschen Spaltung, der erstmals im Januar 2012 zu nächtlicher Stunde im Deutschen Bundestag debattiert wurde, wandte sich in einem engagierten Beitrag der verstorbene Sozialpolitiker der SPD, Ottmar Schreiner. Schreiner verlangte die Korrektur und kündigte an, diese Verordnung aufzuheben, wenn die SPD wieder in Regierungsverantwortung stehen würde. Doch das scheint Schnee von gestern zu sein. Denn jetzt will die SPD von Schreiners Ankündigungen nichts mehr wissen. In der Regierungsverantwortung angekommen, stimmte sie kürzlich gegen die ursprünglich eigene Vorlage. Den jüngsten Antrag hatte die gegenwärtige Opposition aus Bündnis90/GRÜNE und LINKE im Wortlaut vom SPD-Antrag von 2011/2012 übernommen, trotzdem stimmte die SPD diesmal dagegen. Peinlicher geht’s nicht.

Grußwort von Markus Kurth MdB, Bündnis90/GRÜNE

Auch Hubertus Knabe, Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, begleitete die Demonstranten - Foto: LyrAg

Auch Hubertus Knabe, Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, begleitete die Demonstranten – Foto: LyrAg

Der GRÜNE-Bundestagsabgeordnete Markus Kurth ging in seinem übermittelten Grußwort an die Demonstranten darauf ein, in dem er feststellte: „Die Grüne Bundestagsfraktion hat – gemeinsam mit den Linken – der SPD vor kurzem eine Steilvorlage geliefert, ihrem Versprechen nachzukommen. Wir haben den ursprünglichen SPD-Antrag aus der letzten Legislaturperiode erneut in den Bundestag eingebracht. Doch die Sozialdemokraten stellen sich quer.“ Kurth erinnerte daran, dass „ein gebrochenes Versprechen der Anfang des wirklich bewundernswerten Engagements vieler ehemaliger DDR-Übersiedler und –Flüchtlinge“ ist. „Den Altübersiedlern wurde damals zugesichert, dass ihre durch den Wohnortwechsel in die Bundesrepublik verloren gegangenen DDR-Rentenansprüche, über das Fremdrentengesetz kompensiert würden. … Darauf haben sie vertraut.“ Dieses Vertrauen, so der Bundestagsabgeordnete, sei erheblich verletzt worden: „Systematisch werden die ehemaligen Flüchtlinge wie DDR-Bürger behandelt.“ Dies sei nicht länger hinzunehmen, betonte Kurth und forderte namens seiner Fraktion, „dass die Rentenansprüche der DDR-Flüchtlinge und –Übersiedler künftig nach den Tabellenwerten des Fremdrentengesetzes zu bewerten sind.“ Bedauernd stellte der Abgeordnete und einstige rentenpolitische Sprecher seiner Fraktion fest, dass dies „die Sozialdemokraten bis vor wenigen Jahren noch sehr ähnlich“ sahen.

Auch am Freiheitsdenkmal erinnerten die Demonstranten an einstige Zusagen des Rechtstaates - Foto: Lyrag

Auch am Freiheitsdenkmal erinnerten die Demonstranten an einstige Zusagen des Rechtstaates – Foto: Lyrag

Demonstration wichtiger Baustein

Kurth: „Doch nun werden gerade die Menschen durch die Wiedervereinigung benachteiligt, die aus der DDR geflohen sind.“ Abschließend versicherte der Bundestagsabgeordnete in seinem Grußwort, das leider zu spät an die Veranstalter übermittelt wurde und daher nicht auf der Kundgebung verlesen werden konnte: „Die Grünen stehen weiterhin hinter den DDR-Übersiedlern und –Flüchtlingen. Lassen Sie uns den Druck auf die Bundesregierung aufrechterhalten. Diese Demonstration ist dabei ein wichtiger Baustein.“

Das sahen die teilweise weither aus Bayern, NRW,  Niedersachsen und weiteren Bundesländern angereisten Protestler wohl ähnlich. Mit geistreichen und kreativen Plakaten und Transparenten  zogen sie vom Nahles-Ministerium über Schäubles Finanzministerium und dem Potsdamer Platz am Brandenburger Tor vorbei zum Reichstag. Neben Sprüchen wie „Die Renten sind sicher – falls wir sie nicht nachträglich verändern“ oder „SbZ/DDR-Flüchtlinge: Vermerkelt und verschäubelt“ wurden auch massive Vorwürfe formuliert: “Wer hat uns verraten? – Ist mit Ottmar Schreiner Euer Gewissen gestorben?““ Vor dem Bundeskanzleramt endete der Protest nicht ohne laute BUH- und Betrüger-Rufe nach zwei Stunden um 16.00 Uhr.

"Dem deutsche Volke?" - Das Rentenrecht unterscheidet Bürger erster und zweiter Klasse - Foto: LyrAg

„Dem deutsche Volke?“ –
Das Rentenrecht unterscheidet Bürger erster und zweiter Klasse – Foto: LyrAg

An den jeweilige Haltepunkten kamen die Veranstalter, hier insbesondere Wolfgang Graetz als Initiator und Dr. Wolfgang Mayer (Speyer, Forum FLUCHT und AUSREISE) zu Wort. Letzterer hatte es sich trotz schwerer Erkrankung nicht nehmen lassen, eigens zur Demo aus Speyer anzureisen. Der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni hielt ebenfalls kurze Ansprachen, wie auch Teilnehmer persönlich zu Wort kamen. Ernst O. Schönemann hatte zu Beginn der Demo den Vorsitzenden der UOKG, Dieter Dombrowski, entschuldigt, der aus Krankheitsgründen verhindert war und betont, das der Dachverband diese Demonstration und das dahinter stehende Anliegen voll unterstütze.

Kommentar:

Außer Spesen nichts gewesen? Wenn man das Echo in den Medien einbezieht, könnte man diesen Eindruck haben. Nur der KURIER berichtete mit der Anführung persönlicher, durch den Rentenbetrug besonders betroffener Schicksale und zahlreichen Fotos über die Demo der sich als betrogen fühlenden ehemaligen DDR-Bürger. Andere Zeitungen, wie z.B. Berliner Zeitung oder TAGESSPIEGEL, berichteten zwar in großer Aufmachung über die neue „Rentenkrise“, der praktizierte Betrug an den einstigen Flüchtlingen war den Autoren ebenso keine Zeile wert wie der SPD ein Wort der Erklärung oder des Bedauerns über ihren rüden Wortbruch. Da verwundert es nicht, wenn solcherart Betrogene sich von den bisher etablierten Parteien abwenden und ihr Heil womöglich bei der AfD suchen.

Auch der Fluchthelfer Hartmut Richter demonstrierte (hier vor dem Kanzleramt) - Foto: LyrAg

Auch der Fluchthelfer Hartmut Richter demonstrierte (hier vor dem Kanzleramt) – Foto: LyrAg

Die Verbände allerdings sind an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Statt sich dieser Themen zu einer Zeit anzunehmen, als diese noch zahlenmäßig Kampagne-fähig und -willens waren, stürzten die sich lieber in Auseinandersetzungen untereinander, verwickelten sich in Skandale um fragwürdige Äußerungen und den dubiosen Umgang mit anvertrauten Geldern. Die VOS hatte wenigstens einen Bus für Gehbehinderte organisiert und zuvor in ihrem Vereinsblatt  für eine Teilnahme ihrer Mitglieder geworben.  Die behauptete Unterstützung z.B. durch den Dachverband stellte sich anders dar. Auf der UOKG-Seite wurde lediglich die Presseerklärung der Veranstalter eingestellt. Einen Aufruf zur Beteiligung an die über 30 Mitgliedsverbände suchte man vergebens. Unterstützung sieht anders aus.  Auf der Strecke ob solcher internen Unstimmigkeiten blieben (wieder einmal) die Anliegen der Betroffenen, die auf diese Art zweimal betrogen wurden: Von der Politik und ihren eigenen Funktionären.

Außer Spesen also nichts gewesen? Wer die Zustimmung durch vor allem junge Leute bemerkt hat, die den Demonstranten unverhohlen und offen vom Rande aus Beifall zollten, wer die Freude unter vielen Beteiligten registrierte, die diese Solidarität untereinander wie kurz vor dem Verdursten Stehende einsogen, der mochte den Eindruck mitnehmen, dass derartige demokratische Proteste gerade auch durch die einstigen Flüchtlinge wichtig, ja unverzichtbar sind. Solange sich Menschen für Anliegen gegen alle Widerstände engagieren, ist die Demokratie nicht verloren. Und damit auch nicht der Kampf gegen den Rentenbetrug.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Tel.: 030-30207785 (1.102)

Interview mit Wolfgang Graetz*

Bundesbürger, die einst aus der DDR beziehungsweise Sowjetzone ausgebürgert worden waren, hat das vereinte Deutschland per Rentenrecht quasi in diese zurückgeführt. Der vormalige Status wurde aberkannt und ihre Renten gekürzt. Das Recht wird bewusst falsch angewendet. Die wechselnden Regierungen bestehen auf Gleichmacherei in einer Sache, die niemals gleich war. Die SED-Aufarbeitung hat das Thema bislang nicht bearbeitet. Lediglich die jeweilige Opposition im Deutschen Bundestag hat sich der berechtigten Anliegen Betroffener angenommen. Wie dünn auch dieser Boden ist, zeigt aktuell die Verhaltensweise der SPD, die sich – nunmehr in der Regierung – gegen ihre eigene Position von 2011/12 gestellt  und nunmehr gegen die Anträge der jetzigen  Opposition gestimmt hat, obwohl hier der gleiche, von der SPD in der Opposition formulierte Wortlaut vorlag.

Nun gehen die SED-Verfolgten, die weit vor Grenzöffnung bereits in der Bundesrepublik Deutschland waren, am 13. April 2016 in Berlin auf die Straße. Die Demonstration hat Wolfgang Graetz, ein ehemaliger politischer Häftling von Rummelsburg und Cottbus, initiiert und zusammen mit Wolfgang Mayer organisiert. Sie werden dabei bislang von der IEDF, der UOKG, der VOS und der Vereinigung 17. Juni unterstützt. Mit Wolfgang Graetz sprach Christa Ladendorf

Christa Ladendorf: Herr Graetz, in Berlin finden laufend Demonstrationen statt. Was war Ihre Grundidee, als Sie sich entschlossen haben, eine weitere in der Hauptstadt durchzuführen?

Wolfgang Graetz: Politische und soziale Themen brauchen die Öffentlichkeit. Nur noch auf diesem Wege ist die Möglichkeit gegeben, durch Druck, der sich hieraus auf die führenden Köpfe der Politik in unserem Deutschland ergibt, überhaupt noch als Bürger in diesem Staate wahrgenommen zu werden. Sämtliche Versuche, der Politik auf normalem Wege die Probleme der Menschen im Lande nahe zu bringen, sind in der Vergangenheit an der Arroganz und einer “Alles-beherrschenden-Intelligenz” dieser Macht-Inhaber gescheitert.  Doch letztlich urteilt der Wähler, wie es die jüngsten Landtagswahlen gezeigt haben. Mein Anliegen zu dieser Demonstration steht in diesem unmittelbarem Zusammenhang. Berlin ist Sitz der Polit-Größen, die wir als Betroffene eines Rechtsbruches mit unserem “Auf-die-Straße-gehen” aus ihren  Sesseln und ihren Büros aufscheuchen wollen. Wo sonst wäre der bessere Ort?! Hier sehen uns nicht nur die Verursacher dieses Rechtsbruches. Wir haben zu dieser Zeit auch die Möglichkeit, Menschen, die Berlin besuchen, als Träger unseres Anliegens indirekt zur Verbreitung zu nutzen. Dies ist sicher weit gefasst; aber kaum einer wird etwas mit dem Begriff des Rentenbetruges anfangen können. Jedoch ist das Wort “Rechtsbruch” leicht erklärbar: Es steht für Justiz und gegen Gerechtigkeit,  diese Gerechtigkeit wird in dem Merkel-Staat aufs tiefste verletzt. Die Menschen sollen sehen, wie es um die so gern strapazierte Rechtsstaatlichkeit steht. Das werden wir eindeutig und bewusst auf die Bühne Berlin bringen.

Der Protestmarsch, welcher am 13. April 2016 im Regierungsviertel stattfindet, trägt als Titel das Wort Rentenbetrug. Betrug ist ein hartes Wort. Woran machen Sie das fest?

Nochmals: Dass mit dem praktizierten Rentenbetrug der Bundesregierung  ein Rechtsbruch einhergeht, wollen wir  mit dieser Demonstration deutlich  vermitteln. Schauen Sie, Frau Ladendorf, hierzu genügt ein Blick ins Rechtswörterbuch – die Worterklärung für Betrug ist eindeutig auf unsere Problematik anwendbar: Voraussetzung ist eine Täuschungshandlung, hieraus resultiert eine Vermögensverfügung, die wiederum zu einer Vermögensminderung führt. Das bedeutet, es liegt ein Vermögensschaden vor. Der Vermögensschaden wurde durchgeführt durch staatliche Einflussnahme und ist als staatliche Bereicherung zu werten, welches wiederum im Widerspruch zur Rechtsordnung steht. Fazit: Es liegt ein eindeutiger Rechtsbruch vor.

Jahrzehntelang hatte er – der Staat – die Möglichkeit, entsprechend zu korrigieren. Die Überheblichkeit, insbesondere die der verantwortlichen Führungsgrößen in der Ära Merkel, ließ dies jedoch leider nicht zu. Das ist die Schnellerklärung – ich denke eindeutiger geht es nicht.

Herr Graetz, als Verfolgter des SED-Stasi-Regimes gehören Sie, trotz zahlreicher Angebote, keiner der hierfür relevanten Organisationen an. Was hat Sie bewogen, als Einzelperson eine solche Protestaktion in die Hände zu nehmen?

Zwischenzeitlich bin ich ja nicht mehr “Einzelperson”! Gerade das war ja auch immer mehr mein Ansinnen in den letzten Jahren: Um Aufmerksamkeit zu erreichen, bedarf es der Betroffenen, der “körperlichen Masse”, die auf der Straße ihren bitteren Unmut äußert und zur Sache demonstriert. Grundsätzlich bin ich lieber ein Streiter, der sich auf sein eigenes Handeln verlässt und dann auch mit den entsprechenden Konsequenzen leben kann. Viele Jahre Leben, aber auch mein berufliches Engagement haben mich dahingehend geprägt. Selbst in den Stasi-Verhören hat mir das geholfen. Ich weiß, dass ich mich auf mich verlassen kann.

Die Organisation eines solchen Demo-Vorhabens ist mit viel Arbeit verbunden, die ohne Helfer kaum zu leisten ist. Von wem insbesondere wurden und werden Sie unterstützt?

Hierzu möchte ich als wahren Mitstreiter der ersten Stunde Dr. Wolfgang Mayer (Anmerkung Redaktion:: Forum Flucht und Ausreise) nennen. Die Erfahrungsjahre, die er zur Sache eingebracht hat, ließen sich in der kurzen Zeit gar nicht nur von meiner Person nachholen. Sehr schnell hat sich eine bewusste und sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit entwickelt, die einfach notwendig ist. Unter diesem Aspekt möchte ich nur noch von einem “Wir” als Initiatoren sprechen. Für das entgegengebrachte Vertrauen  seitens Wolfgang Mayers danke ich ihm zutiefst – wir werden nach vollbrachter Arbeit gewiss ein Glas Bier zusammen trinken. Zudem bleibt zu hoffen, dass mit und nach dieser stringenten Tätigkeit die Verbindungen zwischen uns ebenso nicht abreißen wie auch die mit den anderen beteiligten Gruppierungen, wie der Interessengemeinschaft ehemaliger DDR-Flüchtlinge (IEDF), der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) und auch der UOKG, die sich etwas später positiv in unsere Berlin-Aktion eingebracht hat.

Inhaltliche und öffentlichkeitswirksame Hilfe bekommen wir auch durch Carl-Wolfgang Holzapfel von der Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. Der Personenkreis, der hierzu permanent Unterstützung leistet, kann gar nicht so eng gefasst werden. Immer wieder sind Fragen zu beantworten, bei denen ich Hilfe von Involvierten bekomme. Hilfe bedeutet insbesondere auch die Gewinnung von Teilnehmern, Erstellung von Texten auf Transparenten und vieles mehr. Die Vorbereitung dieser Demonstration ist einfach auch mit körperlicher tatkräftiger Hilfe verbunden – auch diese erfolgt. Dank der vielen Helfer und Unterstützer – ich möchte hierzu gar nicht groß Namen nennen, denn mit Sicherheit vergesse ich den einen oder anderen – wird es eine wirkungsvolle, erstmalige Demonstration der betroffenen Menschen vor den Häusern der Bundesarbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles und weiteren Institutionen, wie dem Bundesfinanzministerium, dem Reichstag und dem Bundekanzleramt geben, die allesamt diesen Rechtsbruch bis heute, nun 25 Jahre lang schon, aufrecht erhalten. Für mich ist es eine Ungeheuerlichkeit, was sich diese Polit-Köpfe mit ihrem Volk leisten. Die Frage, die man sich zwangsläufig stellen muss – wer dient hier wem? Mein kürzlich erfolgter Beitrag im Forum unter “Flucht und Ausreise” ist ein weiteres Indiz für meine Haltung zu dieser Politik.

Die Demonstration befindet sich gerade noch in der Vorbereitungs- und geht in die Endphase. Welche Entscheidungen sind bereits getroffen?

Nachdem wir uns in einem eng gefassten Kreis der aktiven unmittelbaren Mitwirkenden zusammen gefunden hatten, führen wir nunmehr bereits alle Aktivitäten zusammen. Sämtliche erforderlichen Genehmigungen sind beantragt; die maßgeblichen Antragsstellen wie Polizei und BMI haben zugestimmt, so dass als Demonstrationsstrecke zwischen Nahles-Haus (BMAS) und dem Zielort, dem Bundeskanzleramt, der Weg frei ist. Gegebenenfalls sind kleinere Wegveränderungen denkbar, aber nicht von Bedeutung. Die bis heute signalisierte Stimmung von Teilnehmern, bekundet vor allem durch zahlreiche Gespräche mit den Betroffenen, durch E-Mails und Telefonate, ist sprichwörtlich prima, aber auch voller Anspannung, den genannten Polit-Köpfen unsere Meinung zu diesem Rechtsbruch aufzuzeigen. Ein paar Überraschungen werden am Tage der Demo zusätzlich geboten.

Worin sehen Sie bereits Anzeichen, dass die Aktion etwas bewirken kann? Wer steht im Fokus Ihrer Kritik und was konkret möchten Sie erreichen?

Die Vergangenheit hat nicht nur einmal die denkbar fragwürdigste Haltung der Politik zu unserer Thematik aufgezeigt: Die Haltung beispielsweise der Bundeskanzlerin zu diesem Rechtsbruch hat sich in den letzten Jahren, als sie wiederholt zum Sachverhalt angesprochen wurde, nicht verändert – sie ist voller Ablehnung. Dabei ist ihr erst  durch unser Handeln als DDR-Gegner ein Leben in der Demokratie  ermöglicht worden,  was als Geschenk anzusehen ist. Ihre Haltung uns gegenüber erweist sich nicht als  würdig.  Dies ist deutlich hervorzuheben. Ich bin der Auffassung, dass nur die Entscheidung der Bundeskanzlerin aufgrund ihrer “Richtlinienkompetenz” einen Durchbruch beziehungsweise die Wende in unserer Rentenproblematik bringen könnte. Ich erinnere an die Vergangenheit, mit all den diversen Anträgen, Beschwerden, Petitionen und Abgeordneten-Gesprächen mit dem Ergebnis gleich NULL – dies sollte jeder der Betroffenen deutlich erkannt haben.  Letztendlich ist die Verhaltensweise uns gegenüber nichts weiter als ein andauerndes Vertrösten durch die Politik – für mich als ehemaligem politischen Gefangenen der DDR eine Verhöhnung!

Kein Geringerer als der kürzlich verstorbene ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hat mir persönlich als Regierungsvertreter im Aufnahmelager Gießen im Jahre 1988 die nunmehrige Bestätigung als Bundesbürger ausgesprochen – hieran hat sich auch in letzter Konsequenz eine Bundeskanzlerin zu halten.  Genau an dieser Stelle schließt sich für mich der Kreis – es liegt zu unserer Problematik ein eindeutiger Rechtsbruch der Regierung vor. Wir – die Demonstranten – wollen erreichen, dass Frau Nahles, Herr Schäuble, der Deutsche Bundestag mit Kanzlerin Merkel an der Spitze erkennen, dass Menschen in diesem Land Deutschland nicht länger gewillt sind, sich einer  “Diktatur zum Rentenrecht” zu beugen. Es gibt bereits seit einiger Zeit, insbesondere seitdem diese Demonstration offiziell angekündigt worden ist, Bezeugungen aus der Politik, sich uns anzuschließen. Auch die jüngsten Anträge der Opposition im Deutschen Bundestag haben wir vermerkt. Ist dies nicht eine sehr eindrucksvolle Resonanz, Frau Ladendorf? Es gibt noch mehr Beweise – jedenfalls sehen einige Involvierte dies auch so, dass Aktivitäten zu vermelden sind, die man sich in den letzten Jahren vielfach gewünscht hätte. Die maßgeblichen Politiker der Regierung werden jetzt und besonders am 13. April direkt vor ihren Türen wahrnehmen müssen, dass die Woge der “Nichtwilligen” zu ihrer Politik ständig größer wird. Sie können hieraus entnehmen, dass mich Optimismus bewegt. Um sinngemäß den Merkel-Spruch “Wir schaffen das!” anzuwenden: … Wir, Frau Angela Merkel, schaffen das – und hier setze ich gleich ein paar Ausrufezeichen!!!

Herr Graetz, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Quelle: http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=4074742&pg=1

* Das vorstehende Interview wurde für diese Seite redaktionell leicht gekürzt. Redaktion Hoheneck

Berlin, 5.06.2013/cw – Wolfgang Welsch war schon in manchen heiklen Missionen unterwegs. Der einstige Fluchthelfer hatte zu DDR-Zeiten vielen Bedrängten den Weg in  die Freiheit geebnet und war dabei selbst knapp mehreren Mordanschlägen der Stasi entkommen („Ich war Staatsfeind Nr.1“ und „Der Stich des Skorpion“).

Sibirische Haft-Dauer in den USA: Jens Söring

Sibirische Haft-Dauer in den USA: Jens Söring

Heute war Welsch im Bundeskanzleramt. Dreißig Minuten („Mehr als erwartet.“ – Welsch) konnte er einem Mitarbeiter der außenpolitischen Abteilung sein und das Anliegen der rund dreißig Demonstranten vor dem Kanzleramt vortragen. Es geht um Jens Söring, der 1986 in England verhaftet, an die USA ausgeliefert wurde und seit 1990 in den USA wegen eines ihm zur Last gelegten Doppelmordes im Zuchthaus sitzt. Der 1966 in Bangkok geborene Sohn eines deutschen Diplomaten soll 1985 die Eltern seiner Freundin brutal ermordet haben. Söring ist unschuldig, wie sich seit Jahren herausgestellt hat. Nur: Die US-Bürokratie sieht keine Möglichkeit, trotz dieser Erkenntnis den deutschen Staatsangehörigen in  die Freiheit zu entlassen. Formale Gründe ständen dem entgegen, heißt es stereotyp seit Jahren.

Wolfgang Welsch hat sich seit Jahren dieses Falls angenommen, organisiert Buchlesungen, in denen er aus dem letzten von Jens Söring verfassten  Buch vorliest („Nicht Schuldig! – Wie ich zum Opfer der US-Justiz wurde“, Droemer März 2012, ISBN 978-3-426-27579-5). Zur Zeit liest Welsch in einem Tonstudio in Berlin das Söring-Werk als Hörbuch. Und nutzt die Gelegenheit, mit Freunden aus den unterschiedlichsten Schichten der Bevölkerung vor dem Kanzleramt zu demonstrieren.

Freiheitsforderungen vor dem Kanzleramt am heutigen Mittwoch - Foto: LyrAg

Freiheitsforderungen vor dem Kanzleramt am heutigen Mittwoch – Foto: LyrAg

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aufmerksam registrieren die Demonstranten jede Minute, die Welsch hinter den Amtsmauern verschwunden bleibt. „Ein gutes Zeichen,“ meint eine Frau. „Vielleicht bietet man ihm  einen Kaffe an und lässt ihn erst einmal warten,“ vermutet dagegen ein Mann. „Ob die Kanzlerin wohl für das Thema Zeit hat?“ Skeptisch blickt die ältere Dame hinauf in das oberste Stockwerk.

„Gute Nachrichten“ aus dem Kanzleramt

 Schließlich, zwanzig Minuten vor dem Ende der bis 11:00 Uhr angemeldeten Demonstration, erscheint Wolfgang Welsch und wird sofort umringt. Er hat, so sagt er, „gute Nachrichten.“ Man habe ihm aufmerksam zugehört, sich sehr viel Zeit genommen. Schließlich das Ergebnis:

Man habe fest zugesichert, das Thema Jens Söring in die Unterlagen  für den bevorstehenden Besuch des US-Präsidenten in Berlin einzuarbeiten. Ob die Kanzlerin Obama das Thema selbst vortragen  werde, könne derzeit nicht gesagt werden, aber: „Dem US-Präsidenten werde die Brisanz dieses Falles auf jeden Fall vorgelegt.“

Der einstige DDR-Staatsfeind referiert einer Journalistin über Menschenrechte: Wolfgang Welsch - Foto: LyrAg

Der einstige DDR-Staatsfeind referiert einer Journalistin über Menschenrechte: Wolfgang Welsch
– Foto: LyrAg

Wie hatte DER TAGESSPIEGEL noch kürzlich, am 13.Mai, geschrieben: „Was Obama und seinen Berlin-Besuch angeht, wird es nach Einschätzung Sörings nun ähnlich ausgehen: „Es sieht ganz danach aus, dass man meinen Fall wieder nicht ansprechen wird.“ Die Begründung dafür will er aus dem Bundestag erhalten haben: Der für die Bundesregierung wahlkampftaktisch hilfreiche Staatsbesuch solle nicht „diplomatisch belastet“ werden.“

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/seit-1986-in-haft-soerings-vage-hoffnung-hinter-gittern/8199452.html

 Welsch und seine Mitstreiter verlassen die Demonstrations-Stätte optimistischer. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Denn den Mut, sich weiter in  diesem krassen Fall der Menschenrechtsverletzung zu engagieren, wollen sie sich nicht vermiesen lassen. Es hatte immerhin aufgehört zu regnen, die Sonne strahlte vom Himmel und das Bundeskanzleramt reagierte äußerst freundlich auf die Petenten. Und das geschieht ja auch nicht alle Tage.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Juni 2021
M D M D F S S
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  

Blog Stats

  • 749.741 hits

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 128 anderen Followern an