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Berlin, 7.Januar 2013/cw – „Der Schoß ist fruchtbar noch“ textete Bert Brecht in seinem Arturo Ui (1941). Auch für den Antisemitismus? Man muß nicht erst „brodern“, um den besonders  in letzter Zeit beklemmend beförderten latenten Antisemitismus in Deutschland zu beleuchten. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der streitfähige Demokrat Henryk M. Broder seinen journalistischen Kollegen Jakob Augstein zu Recht oder Unrecht als Antisemiten klassifiziert. „Offene“ Antisemitien gibt es in Deutschland nur dann, wenn es gilt, unliebsame politische Gegner zu diffamieren und aus dem politischen und gesellschaftlichen Diskurs zu schießen. Ansonsten hat Deutschland nach offizieller und mediativer Lesart seine Lektion gelernt: Antisemitismus gibt es in Deutschland nicht mehr, schlimmstenfalls nur noch rudimentär,  also vornehmlich bei Rechtsextremisten . Punkt.

Zwar sind unter dem Begriff „Semiten“ weitläufig auch Araber einzuordnen; der Begriff „Antisemitismus“ hat sich aber als Standard im allgemeinen Bewußtsein und der damit einhergehenden Definition ausschließlich als Ressentiment gegen die Juden etabliert. Zwischen der offiziösen Ächtung des Antisemitismus und seiner unterschwelligen Beförderung besteht allerdings ein klaffender und immer schmerzlicher wirkender Unterschied. Gäbe es im Bereich demokratischer Auseinandersetzungen ein offenes Bekenntnis zum Antisemitismus, wäre eine gesellschaftliche „Markierung“ und damit demokratische Bekämpfung möglich. Nach den Schrecken der staatlich sanktionierten Ausrottung der Juden durch den Hitlerismus im Dritten Reich gehörte aber die Nichtzulassung jedweden öffentlichen  Bekenntnisses zum Antisemitismus zum Konsens des nachfolgenden republikanischen Deutschland. War damit der Antisemitismus besiegt, ausgerottet?

Natürlich nicht. Denn gewisse strukturelle, d.h. verwurzelte Gegebenheiten lassen sich nicht durch Verordnungen der Ächtung ausrotten. Sie bedürfen einer wahrscheinlich Generationen übergreifenden allmählichen Bewußtseinswandlung. Diese Bewußtseinswandlung kann  aber nur in einem offenen Diskurs herbeigeführt werden. Das ungeschriebene „Verbot“ inhaltlicher, also bekennender Diskussion führt zu den fatalen Auswüchsen des verschleiert vorgetragenen Antisimitismus. Diese unterschwellige Beförderung garantiert letztendlich das Überleben des Antisemitismus, weil eine offensive Auseinandersetzung damit verunmöglicht wird.

Antisemitismus unter dem Mantel demokratischer Auseinandersetzungen

Paradoxerweise nähren die Angriffe auf jegliche politische Kritik an offiziellen Positionen des Staates Israel gegenüber den palästinensischen Ureinwohnern diesen Antisemitismus ebenso, wie die Instrumentalisierung dieser Kritik durch verborgene Antisemiten, die sich unter dem Mantel „demokratischer Auseinandersetzungen“ dieses Mittels bedienen, um auf Umwegen ihrer Ablehnung der Juden schlechthin zu frönen. Kritik an der Kritik unter dem Vorwand des Antisemitismus wird von Demokraten aus Überzeugung nicht akzeptiert und provoziert zu möglicherweise vorher nicht vorhandenen kritischen Beurteilungen „der Juden“. In diesen Stadien ist es für die verdeckten Antisemiten ein Leichtes, Begriffe wie „Erpressung mit der Vergangenheit“ ins Spiel zu bringen und die unterschwellige Phalanx der Antisemiten zu erweitern.

Auf der anderen Seite bedienen sich Antisemiten „zulässiger demokratischer Kritik“, um unter diesem Vorwand ihre Überzeugungen zu transportieren. Als „dritte Kraft“ in diesem explosiven Gemisch treten am Rande jene Laien auf, die bar jeglicher Kenntnis der Geschichte und daraus erwachsender Verantwortung Texte verbreiten, die eine verheerende antisemitsche Wirkung befördern oder gar erst richtig beleben. Ist dieser Wirrwarr aus gegensätzlichen, sich letztlich in der den Antisemitismus befördernder Konsequenz überhaupt in den Griff zu bekommen?

Ohne die Schwierigkeiten klein reden zu wollen, glaube ich mit einem klaren JA antworten zu können. Am Anfang allerdings stände eine überfällige Debatte um die Inhalte einer  g e l e b – t e n ,  nicht einer verwalteten Demokratie. Eine gelebte Demokratie schließt Denkverbote grundsätzlich aus, sie verteidigt vielmehr das Recht des „gegnerischen“ Denkens, sich uneingeschränkt artikulieren zu dürfen. Verbote sind in einer gelebten Demokratie die ultima ratio und dürfen nur dann zur Anwendung kommen, wenn die Unversehrtheit von Menschen, ob einzeln oder in Gruppen, Rassen oder anderen Formationen vereinigt, gefährdet ist.

„Pfui, der eklige Broder, schaut euch diese Sau an“

Verbote, die einzig dem Zweck dienen, notwendigen Diskussionen und Auseinandersetzungen auszuweichen, weil die Ausgrenzung durch Verbote als bequemerer Weg erscheint, sind ebenso demokratiefeindlich wie das Verschweigen entsetzlicher, so im Jahre 2012/13 nicht mehr für möglich gehaltener anitisemitischer oder anderer volksverhetzender Schmierereien im öffentlichen Raum. Henryk M. Broder hat diese Schmierereien richtigerweise auf seiner Internetseite stehen lassen (http://henryk-broder.com/): „Bitte ziehen Sie ihren ekelerregenden, rassistisch-chronisch Islamfeindlich eingestellten fetten Israel-Juden Brille ab…“, „Diese Sätze gehen an den Menschenhetzer H.M.Broder: Broder, du bist ein widerlicher Menschenhetzer, vom Herzen böse und direkt vom Satan aus der Hölle!… Pfui der ekelige Broder, schaut euch diese Sau an ;-> !!!!..“, „Fette Judenfotze: Nachdem ich deinen Rotz gelesen habe, weiß ich jetzt, woher der Antisemitismus in Deutschland herkommt. …“.

Interessant dabei ist, dass sich die Öffentlichkeit zwar mit Broders beißender Kritik an Jakob Augstein befasst, aber kein Wort zu diesen unseligen Wortschöpfungen im Stürmer-Stil verliert („Der Stürmer“ war das vo Julius Streicher in Nürnberg herausgegebene wüsteste antisemitische Hetzblatt der Nationalsozialisten im Dritten Reich). Auch das Verschweigen dieses Skandals ist eine unterschwellige Beförderung des Antisemitismus.

„Gesegnet sei Mohammeds Penis, der sich in Kamelen wohlfühlte“

Die Einträge auf der Internetseite Broders sind kein Einzelfall. So gibt es zum Beispiel im Umfeld von Neustadt an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz) eine Internet-Plattform, auf der eindeutig rassistische, widerliche Parolen, diesmal gegen andere Semiten verbreitet werden, ohne dass sich dagegen öffentlicher Widerspruch erhebt: „… und ihr braucht auch keine Schweine züchten und durch die Moschee zu jagen, es reicht, wenn ihr selber durch läuft…“, Gesegnet sei Mohammeds Penis, der sich in Kamelen wohlfühlte!“, „Das Moslems Jesus ehren wäre mir neu. Ich dachte, ihr würdet nur euren Pädophilen, Sodomisten, Mörder, Betrüger-Propheten ehren?“, „Allah entscheidet nichts, aber auch überhaupt nichts. Er ist nicht fähig etwas zu entscheiden! Er würde von Mo kastriert! Er ist ein hilfreicher Eunuche in der verfluchten Welt der Muslime.“ (https://open-speech.com/threads/531475-Neustadt-an-der-Weinstraße-erhält-eine-Moschee!)

Und in dieser Stadt verbreitet ein von der evangelischen Kirche Rheinland ordinierter Prediger religiös verbrämte Thesen wie: „Wer Allah mit dem Gott der Bibel vergleicht erkennt, dass Allah nicht mit unserem Gott identisch ist. Allah ist ein (arabisch) heidnischer Götze. Götzen aber sind nicht real, sondern Phantasieprodukte. Es gibt den Allah des Islam nicht wirklich. Allerdings stehen hinter diesem Phantasiegebilde die Mächte der Finsternis. Die Bibel zeigt, wer nicht zu Jesus gehört, Namenschrist, Jude, Heide oder Atheist, ist ein Knecht Satans und niemals heilig…“. Und im Stadtmissionsbrief Nov. 2011: „In Neustadt entsteht direkt am Ortseingang eine Moschee für den Götzen Allah und seinen falschen Propheten Mohammed“. Die Äußerungen des Predigers zu Hindus und Buddhisten im Umfeld von Neustadt sind ebenso „liberal“ formuliert.

Diffamierung von Juden, Moslems und anderer Religionen wird ignoriert

Bis zum heutigen Tag nimmt die Öffentlichkeit diese Äußerungen nicht zur Kenntnis, obwohl der Prediger im Nebenberuf auch Vorsitzender des Dachverbandes der Opferverbände komunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) ist und wichtige Funktionen in den Stiftungen „Berliner Mauer“ und „Gedenkstätte Hohenschönhausen“ vertritt. Dass die UOKG diese verqueren Meinungen des Predigers noch mit einem Vertrauensvotum abgesegnet hat, ist ein Skandal an sich und lässt die der UOKG angehörenden Opferverbände der SED-Diktatur, die damit ungewollt auch dem Antisemitismus Vorschub leisten, in keinem guten Licht erscheinen.

Die angesehene Zeitung „DER TAGESSPIEGEL“ in Berlin druckte sogar am vergangenen Wochenende in Kenntnis der umstrittenen Äußerungen einen Beitrag des UOKG-Vorsitzenden auf der Meinungsseite (Seite 6 vom 5.01.2013, http://www.tagesspiegel.de/meinung/positionen-ikea-ist-nur-die-spitze-des-eisbergs/7590372.html)  ab. Wäre es hier nicht angebracht gewesen, den nebenberuflichen CDU-Politiker um eine Stellungnahme zur Vereinbarkeit seiner Äußerungen zwischen seinem religiösen Hauptberuf und seinen nebenberuflichen Tätigkeiten zu bitten?

Zusammenfassend: Die Akzeptanz, die Beförderung des latenten Antisemitismus, wie sich dies in der Schweigespirale gegenüber eindeutig antisemitischen Äußerungen und der Verweigerung der offenen Diskussion ausdrückt, ist die eigentliche und wirkliche Gefahr für unsere Zukunft. Debatten um Einstufungen von Antisemiten, wie dies jüngst das Simon-Wiesenthal-Zentrum u.a. mit Jakob  Augstein vorgenommen hat, mögen geführt werden. Sie verkommen aber zu Nebenschauplätzen, wenn nicht inhaltlich um den latenten Antisemitismus offen und ehrlich, d.h. ohne Rücksicht auf verbandspolitische oder medienpolitische Empfindlichkeiten diskutiert wird.

V.i.S.d.P.: C.W. Holzapfel, Berlin, Tel.: 030-30207785

Siehe auch:

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/augstein_und_der_linke_antisemitismus/

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