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Österliche Gedanken von Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, Gründonnerstag/Ostern 2020/cw – Es gab zwar vor vielen Jahren schon ein Bundestagspapier, in dem das Geschehen von Heute dargestellt wurde, ohne dass Jemand auf die Idee gekommen wäre, aus dem dargestellten Szenario Konsequenzen zu ziehen. Wir haben in dieser Hinsicht auch schon manche furchterregenden Szenarien erlebt, Schweinepest, Influenza oder AIDS, um nur einige zu nennen. Und wir leben immer noch.

„Es gibt keine schlechten Menschen.“ Plakat, irgendwo in Berlin – Foto: LyrAg/Holzapfel

Für mich stellt sich die österliche Frage, wie gehen wir mit dem Leben an sich, wie mit dem endlichen Sterben um? Hat nicht alles seine Zeit? Die zentrale Figur des christlichen Glaubens, Jesus, wurde heute vor über 2.000 Jahren in Gethsemane verhaftet, mit Hilfe des berüchtigten Judas-Kusses, der den römischen Söldnern den zielgerichteten Zugriff ermöglichte. Am Karfreitag starb Jesus am Kreuz, nach der Glaubens-Legende bitterlich beweint von seiner Mutter Maria wie seinen Jüngern.

Und Ostern stand der Gottessohn wieder auf von den Toten: Aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes. Diese Mär oder dieser darauf fußende Glaube an ein Weiterleben durch diese Wiederauferstehung, der sich interessanterweise abgewandelt auch in den anderen Weltreligionen wiederfindet, hat es der Menschheit ermöglicht, mit der eigentlich furchtbaren Aussicht auf einen endlichen Tod, der jedes Leben beendet, umzugehen. Begleitet und verfestigt wurde dieser Glaube durch das alljährliche „Sterben“ in der Natur und der stets folgenden Wiederkehr „blühenden Lebens.“ Soll diese Basis, dieser hoffnungsvolle Grundsatz jetzt ins Wanken gebracht oder gar zerstört werden?

Staat und Gesellschaft, in welcher Form auch immer, kamen gut mit diesem Grundsatz „Auf das Leben folgt das Sterben“ zurecht. Der Staat akzeptierte die besänftigende Hoffnung seines Volkes auf ein „Danach“, auf ein Weiterleben. Nur so war es dem Staat u.a. möglich, tödliche Krisen zu überstehen, die häufig genug unendliches Leid (z.B. durch Pest oder Cholera) aber auch millionenfachen Tod (z.B. durch wahnwitzige Kriege) über den Staat und oft genug über die halbe Welt brachten. Und jetzt?

Jetzt scheint der Staat ein neues Spiel zu beginnen oder auszuprobieren. Das normative Gleichgewicht zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Leben und Tod, soll offenbar nicht mehr gelten. Die Bürger werden massiv in ein verordnetes Szenario getrieben, in dem diesen Bürgern suggeriert werden soll, dass das natürliche Gleichgewicht zwischen Leben und Tod dank menschlicher Maßnahmen und Möglichkeiten nicht mehr gelten soll. Unter der Rubrik „Das Leben retten!“ werden noch Lebende durch Zwangsverordnungen kaum bemerkt in diktatorisch anmutende Umstände getrieben, wird diesen eine Verantwortung für jeden augenblicklichen Todesfall aufgebürdet, die diese gar nicht tragen können, weil dies einfach der Lebenswirklichkeit seit der Existenz von Leben auf unserem Planeten widerspricht. Wieder einmal werden hehre Grundsätzlichkeiten nicht durchschaubaren Experimenten der Politik, wie so oft in der Geschichte der Menschheit, geopfert.

Was, wenn alle recht haben? Plakat irgendwo in Berlin – Foto: LyrAg/Holzapfel

Wir wissen alle zur Zeit nicht, wie dieses Corona-Experiment ausgeht, auch wenn die am Horizont bereits sichtbaren Konsequenzen mehr Unheil als Zuversicht vermitteln. Aber eines sollten wir wissen und verinnerlichen: Der Tod bleibt der Begleiter unseres Lebens. Wir werden diesen allenfalls immer nur sekundär, also im Einzelfall, kurz aufhalten können. Verhindern können wir ihn nicht. Und wenn wir nicht zu denen gehören, die in unterschiedlichen Religionen ohnehin an ein Weiterleben durch eine „Wiederauferstehung“ (in einer besseren Welt) glauben, so können wir dennoch gewiss sein, dass jeder Mensch mit einer Lebensuhr ausgestattet wurde. Diese Uhr läuft trotz Corona oder (in der Vergangenheit) trotz Krieg und Seuche. Oder sie bleibt stehen, trotz und nicht wegen Corona, Krieg oder Seuchen. Es sind dies die vorgegebenen Koordinaten, die unser Leben bestimmen. Nichts anderes wollte uns Jesus vermitteln, der von dieser „vorgegebenen Uhr“ wusste, seinen Tod am Kreuz bewusst vorausgesehen hat. Die Wiederauferstehung sollte, so vermute ich, den trauernden Hinterbliebenen vermitteln: Das Leben geht auch nach diesem exemplarischen Tod weiter, das Leben überdauert, besiegt den Tod.

Ob die Ausübung des Glaubens durch das wohl in dieser Form einmalige Verbot von Gottesdiensten auch deswegen untersagt wurde, um derlei Gedanken nicht neu zu beflügeln und damit an der Basis der bestallten Todes-Hysteriker ernsthaft zu kratzen, gehört wohl in das Reich der Spekulation. Aber dass ein gesunder, dem Leben zugewandter Glaube die jetzigen Maßnahmen ernsthaft infrage stellt, weil der Tod eben nicht das Ende des Lebens schlechthin bedeutet, dürfte wohl nicht länger anhaltend infrage stehen.

Wir dürfen uns über die uns seit Jahrtausenden erfassende Todes-Trauer am Karfreitag auf Ostern konzentrieren, auf das Fest der Auferstehung, auf das Fest des Lebens schlechthin. Wir dürfen leben, ob wir gleich stürben. Das lässt uns auch diese Ostern im verordneten Schatten von Corona überleben. Dass wir uns diesem Leben wieder und weiterhin hoffnungsvoll widmen können, wünsche ich Freund und „Feind“ (ich spreche lieber von „Andersdenkenden“) gleichermaßen.

In diesem Sinn: Frohe Ostern!

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.528).

Von Michael Kleim*

Gera, 25.02.2015/mk – Ich habe – auch durch die Vereinigung 17. Juni – die entsprechende Auseinandersetzung um die theologischen bzw. besser ideologischen Positionen von Rainer Wagner wahrgenommen und im Grunde stehe ich weiterhin zu meiner Einschätzung. Diese kann ich in zwei Aspekte fassen:

1) Als Christ sehe ich die Äußerungen von Herrn Wagner sehr kritisch. Dabei orientiere ich mich an Person und Botschaft Jesu. Jesus hat Grenzen, die Menschen zwischen sich gezogen haben, überschritten und demonstrativ ignoriert. Es handelte sich dabei sowohl um soziale, kulturelle, geschlechtsspezifische Abgrenzungen, aber auch um Abgrenzungen nationalistischer und religiöser Art. Prägnantes biblisches Beispiel ist die Begegnung Jesu mit der Samariterin (Johannes 4). Jesus begegnet dieser Frau ohne Vorurteile. Er nimmt ihre Würde ernst und sie als vollwertigen Menschen wahr; obwohl sie als Samariterin eine andere Religion und Volkszugehörigkeit vertreten hat und eine für damalige Verhältnisse eine zweifelhafte Vorgeschichte hatte. Das radikale Liebesgebot Jesu stellt jeden eigenen Absolutheitsanspruch, jede Ausgrenzung auch religiöser Art, jede Fremdenfeindlichkeit in Frage. Wo Liebe in der Religion, wo Liebe im christlichen Glauben fehlt, da wird Religion und Glaube zur Ideologie.

Wer Menschen „verteufelt“, wird zum Hassprediger

Herr Wagner zeigt, dass er nicht nur keinen Respekt vor anderen Religionen und ihren Vertretern hat, sondern dass er auch gar keine Sachkenntnis besitzt. Begriffe wie „Götzendienst“, „Dämonen“ und „Teufelsanbetung“ sehe ich als Zeichen hoher Inkompetenz, aber eben auch als bösartige Polemik und Diffamierung an. Auch wenn ich Aussagen anderer Religionen inhaltlich nicht teile, so erwarte ich auch und gerade von Christen den „Respekt vor dem Heiligen der Anderen“. Herr Wagner wird zum Hassprediger, wenn er wortwörtlich Menschen auf Grund ihrer Religion „verteufelt“. Die blutige Geschichte der Inquisition, der christlichen Pogrome und kirchlichen Verfolgungen liegt als schwere Schuld auf den heutigen Generationen von Christen, die ganz bewußt sich dieser geistigen Hypothek stellen und in großer Mehrheit christliche Arroganz und Aggressivität ablehnen. Zudem sind die biblisch bezogenen Aussagen nach theologischen Gesichtspunkten nicht haltbar. Ein billiger Biblizismus entspricht nicht dem Stand heutiger Erkenntnis.

Als Opfervertreter unglaubwürdig

2) Als politischer Mensch, der bereits in der DDR für die Wahrnehmung der Stalinismus-Opfer gewirkt hat, ist Herr Wagner als Opfervertreter unglaubwürdig. Warum? Weil dem Terror Lenins und Stalins eben nicht nur Christen zum Opfer gefallen sind, sondern auch: jüdische Menschen, Schamanen in Sibirien, Muslime, Buddhisten, Agnostiker und Atheisten.

Auch Mao Zedong und Pol Pot ließen neben Christen auch Buddhisten, Muslime, Taoisten, Laotse-Anhänger, Schamanen, Agnostiker und Atheisten verfolgen, foltern und ermorden. Wer Angehörige anderer Religionen und philosophischen Richtungen abwertet, diffamiert, kann nicht gleichzeitig diese als Opfer würdigen. Das wäre grotesk. Das aber muss, ich sagte es bereits an anderer Stelle, der Opferverein mit sich selbst klären. An Glaubwürdigkeit hat er durch seine indifferente Haltung bereits heute eingebüßt, und das nicht nur bei mir. (951)

* Der Autor ist Pfarrer in der Kirchengemeinde St. Trinitatis in Gera.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Ostern 2014/cw – Das Verhältnis verschiebt sich langsam. Unaufhaltsam? Immer weniger Menschen erinnern sich Ostern an die Wurzeln unserer christlichen Kultur, sehen so in Ostern den übergroßen Osterhasen, meist aus Schokolade. Suchen nach vorher versteckten Eiern, in Natura bemalt oder aus köstlichen Süßstoffen hergestellt.
Die Leidens- und Sterbegeschichte des seinerzeit in einem Stall bei Bethlehem geborenen Jesus, die Mär von seiner großartigen Auferstehung,  sie wird allenfalls noch als musikalisches Ereignis (Johann Sebastian Bach) wahrgenommen. Man geht, wenn man etwas auf sich hält, Ostern nicht in die Oper, sondern in die Konzerthalle. Sofern Rudimente aus der Kindheit vorhanden sind, auch in die Kirche (wenn sie denn vor Ort in der Lage ist, ein Oratorium anzubieten).

Historiker kennen den Begriff der Verschattung von Erinnerung. Sie meinen damit die nachlassende Konzentration auf wirkliches Geschehen, das in der Vergangenheitsform entweder Weglassungen oder Zufügungen aus anderen Lebensbereichen erfährt. Manchmal werden der eigenen Erinnerung dann auch Geschichten angefügt, die irgendwann beim Lesen, Hören oder Sehen innere Bewegung ausgelöst haben und unmerklich zu einem Teil der eigenen Vita werden oder geworden sind.
Auch Ostern – wie andere christliche Feste – leidet zunehmend unter der Verschattung der Erinnerung. Was in der Kindheit noch gläubig zum Innehalten Anlass gab, verschwindet im Orkus täglicher Stresserfahrung und hat sich unmerklich aber real in das allgemeine Erlebnis- und Konsumverhalten eingefügt. Ostern, das sind erste Ferientage, Feier- und Brückentage, Osterschmaus und Frühlingserwachen. Die Kirchenglocken gehören einfach dazu, machen alles irgendwie festlicher.

Aber hat uns das Geschehen vor über zweitausend Jahren wirklich nichts mehr zu sagen? Da wurde aus einem unter ärmlichsten Verhältnissen geborenen Kind hebräisch der wahrhafte Messias, im Griechischen der Gesalbte, dort als Begriff nur verwandt für Könige und Hohepriester. Dieser Jesus von Nazareth tritt gegen die Verharschung der jüdischen Religion an, will diese als prophezeiter Erlöser in eine neue Zeit führen. Bis heute betörend seine auf der Liebe gegründete absolute Gewaltlosigkeit, die selbst sein Zornesausbruch im Tempelhof gegen die Geschäftemacher nicht negiert. Er geht diesen Weg konsequent, bis an das Kreuz, bis in den Tod. Mich faszinieren ungebrochen seine Worte am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und „Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist.“ Hier die tiefe, schier überwältigende Verzweiflung an seinem bisherigen Leben, das so direkt nach Golgatha führte, und dort die Versöhnung, die Ergebung in den Willen Gottes, den er als seinen einzigen Vater erkannte. Die Botschaft? Wenn selbst Jesus zweifelte, dürfen auch wir zweifeln. Wenn Jesus diese tiefe Verzweiflung überwand und sein Schicksal in die Hände Gottes legte, dürfen auch wir Hoffnung auf die Überwindung des Zweifels und die Hinwendung zu einer höheren Macht haben.

Die Kirche als Institution habe ich persönlich in allen Schattierungen erlebt. Neben dem vermittelten Glauben hat sie mir auch den Zweifel überbracht. Als vierjähriges Kind wurde ich unter Drohungen eine tiefe lange Nacht in einen dunklen Heizungskeller gesperrt. Als vierzehnjähriger mußte ich bis zu vierzehn Stunden in der Landwirtschaft malochen, ein schwerer Unfall und seine Folgen erinnern mich bis heute an diese Zeit. In meinen letzten Berufsjahren lernte ich die kirchliche Verwaltung von innen her kennen und verachten.
Trotzdem habe ich mich nie in einen Hass auf die Institution Kirche verrannt, wusste und weiß ich doch um die unendlich wichtigen sozialen Aufgaben, die diese Institution trotz aller Fehler erbrachte und erbringt. Warum sollte die Kirche als Institution heiliger sein als der Mensch selbst? Auch die Institution wird von Menschen getragen, geführt. Dennoch distanzierte ich mich und stürzte zuweilen auch in eine Glaubens- und Vertrauenskrise.

Und dann kommt da im fernen Rom ein Mensch in die konstitutionelle Verantwortung, der den Menschen über die Institution stellt, der den Glauben nicht nur verkünden, sondern leben und vorleben möchte, ihn auch tatsächlich vorlebt. Dem die Institution allenfalls notwendiges Gerüst, aber nicht allein selig machende Körperschaft bedeutet. Er tritt aus Überzeugung in die Fußstapfen des Begründers seiner Religion, eifert diesem nach, ohne als Eiferer aufzutreten. Er kommt in überzeugender Demut daher, verzichtet durch seine tägliche Präsenz auf den Anspruch der Unfehlbarkeit, die Diffamierung Andersgläubiger. Franziskus geht auf die Menschen zu, wird wie Jesus augenscheinlich zum Menschenfischer. Durch Verzicht auf Drangsalierung oder geistige Vergewaltigung, durch sein beieindruckendes Zugehen auf den Menschen. Unabhängig davon, ob ihm dieser als Präsident, König oder Obdachloser gegenüber steht.
Franziskus missioniert durch Beispiel und gibt erst dadurch seinen demutsvollen Worten Gewicht. Er grenzt nicht aus, er umarmt die Menschen in ihrer geistigen und kommerziellen Not.

Gibt es eigentlich eine schönere Botschaft zu Ostern 2014, als diesen Menschen, der offenbar aufgebrochen ist, seine Kirche wieder an die Wurzeln ihres Gründers und Namenspatrons zurück zu führen? Meine Frau, durch ihre Geburt in der DDR und dort erlittenen Leiden bekennende Atheistin, ist ebenfalls tief berührt von diesem bescheiden auftretenden „Stellvertreter auf Erden.“ Ist das nicht beeindruckend? Sollte so nicht Auferstehung im ursächlichen Sinn aussehen?
Lasst uns die kurzen Ferientage genießen. Lasst uns Ostereier suchen und vieles mehr an liebgewordenen Gewohnheiten pflegen. Aber lasst uns auch einen Moment innehalten, uns für einen Moment erinnern an jenen großartigen Menschen im fernen Jerusalem, der uns in seiner Todespein nach seiner zugelassenen Verzweiflung die Hingabe in sein Schicksal,   uns die Auferstehung aus tiefer Not, aus Tod und Endlichkeit vermittelte. Jesus von Nazareth zeigte uns das Licht, den Aufbruch aus der immerwährenden Sehnsucht in die Erlösung. Er sollte auch nach zweitausend Jahren weiterhin unsere Kultur im besten Sinne prägen.

Der Mann in Rom lebt uns das vor, jeden Tag. Nutzen wir sein Beispiel, lösen wir uns aus der Verschattung der Erinnerung, solange zumindest, wie uns dieser bescheidene Franziskus diesen Weg vorleben kann.

In diesem Sinn wünschen wir allen Lesern, Freunden und nicht zuletzt Kritikern eine frohe und gesegnete Ostern.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Von Friedemann von  Saucken

Bonn, 17.05.2013 – In diversen Organisationen und Vereinen der Verfolgten- und Opferverbände, die sich vor oder nach dem Zusammenbruch der DDR oder deren Selbstaufgabe gegründet hatten, tobt ein bizarrer Streit. Bizarr, weil man nicht vermuten möchte, dass sich in erster Linie aus politischen Vorgaben heraus gegründete Vereine tatsächlich mit christlichen Inhalten befassen oder sich gar über die Auslegung von Bibel-Texten in  die Haare geraten.

Protagonisten auf der einen  Seite sind Rainer Wagner, seines Zeichens Prediger und eigens als Prädikant von der Kirche in  der Pfalz eingesetzter Leiter der Stadtmission Neustadt und Carl-Wolfgang Holzapfel, einstiges Kirchenvorstandsmitglied in einer bayerischen Gemeinde und bis zu seiner Pensionierung Mitarbeiter in einer Kirchenverwaltung. Wagner, den das Internet-Lexikon WIKIPEDIA als „biblizistischen Pietisten und Kreationisten“ beschreibt, der „mit dieser Position konservativen evangelikalen Gruppen nahe steht“ und die 2006 auf der Frankfurter Buchmesse eingeführte Bibelübersetzung „Bibel in gerechter Sprache“ als „gotteslästerlich“ und vom „Satan aufgebrachte Irrlehre“ bezeichnet, ist nebenberuflich seit 2007 auch Vorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG). Holzapfel ist seit 2002 ehrenamtlicher Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 in Berlin.

Was treibt nun Funktionäre derartiger Verbände, sich öffentlich über die Auslegung von Bibeltexten zu fetzen? Die Antwort ist für einen Außenstehenden nicht leicht. Zunächst einmal standen Äußerungen von Wagner im  Raum, die für sich betrachtet, vorsichtig ausgedrückt, grob missverständlich waren und sind und wohl darum  auch von dem streitbaren Holzapfel durchaus verständlich aufgegriffen wurden. Wagner schrieb bereits 2006 über den islamischen  Allah als einen  „heidnischen Götzen“ und davon, dass die Bibel zeige, wer nicht zu Jesus gehöre: „Namenschrist, Jude, Heide oder Atheist, ist ein  Knecht Satans.“ Holzapfel räumt freimütig ein, Wagner noch 2007 gegen Kritik und sogar Ausschlussbemühungen durch die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) vehement verteidigt zu haben. Warum aber dann 2012 erneut Attacken gegen Wagner wegen  dieser Äußerungen, diesmal aber durch Holzapfel selbst?

Holzapfel: Wiederholungstäter

Eigene Formulierungen mit Bibelstellen vernebelt?

Eigene Formulierungen mit Bibelstellen vernebelt?

Der engagierte Menschenrechtler sah und sieht sich durch Wagner getäuscht. Er habe ihm die seinerzeitige, wenn  auch eigenwillige Bibel-Exegese abgenommen. Und er sei auch davon ausgegangen, daß sich Wagner künftig von missverständlichen Äußerungen fernhalten würde. Im vorigen Jahr sei er, Holzapfel, auf einen Beitrag von  Wagner im  Stadtmissionsbrief von Neustadt (November 2011) gestoßen, der ihm die Sprache verschlagen habe und in dem er einen „Wiederholungstäter Wagner“ erkannt haben will. Der Stadtmissionsleiter hatte erneut provokativ formuliert, diesmal gegen Moslems, Buddhisten und Hindus: „Aber auch sonst ist unser Land von Aberglauben und Heidentum verseucht.“ Wagner schildert das „öffentlich erkennbare Erstarken des Heidentums auch in unserer Region“ und findet im benachbarten Ort Lambrecht „mittlerweile ein hinduistisches Heiligtum, in dem die indischen Dämonen – Götzen – verehrt werden.“ Auch die Buddhisten, „eine Religion, deren Merkmal Geisterkult ist“, kämen „in Rhodt und anderen Orten“ zusammen. Am Schlimmsten für Wagner: „In  Neustadt entsteht direkt am Ortseingang eine Moschee für den Götzen Allah und seinen falschen Propheten Mohammed.“

Holzapfel hielt und hält derartige Äußerungen für unvereinbar mit der selbstverständlichen Achtung anderer Glaubensüberzeugungen und Religionen, aber in erster Linie auch unvereinbar mit den Repräsentationspflichten des Chefs eines Dachverbandes der Opfer von Willkür und Verfolgung durch eine Diktatur. Er griff diese Äußerungen auf und an und stellte sie in einen Kontext mit den Äußerungen Rainer Wagners von 2006.

Wagner: Biblische Grundlagen

Wagner wiederum wies in seiner Replik auf die biblischen Grundlagen seiner Äußerungen hin, die im Übrigen  durch die Religionsfreiheit gedeckt seien. Auch hätte die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe 2007 und 2012 bereits geprüft und hätte alle Verfahren eingestellt. Wagner hatte besonders seinen Text von 2006 mit Angaben von Bibelstellen untermauert, die ihm eine hohe Glaubwürdigkeit und Toleranz vermittelten oder – wenigstens –  vermitteln sollten.

Eine akribische Überprüfung, ein Vergleich der Wagnerschen Äußerungen mit den angegebenen Bibelstellen fällt allerdings eindeutig und zweifelsfrei zu Ungunsten des Prädikanten aus. Hier muß sich der UOKG-Vorsitzende tatsächlich vorhalten lassen, seine Äußerungen sehr freizügig selbst formuliert und die Bibelstellen offensichtlich als Nebelkerzen eingesetzt zu haben. Wohl im Vertrauen darauf, daß in  einem von „Aberglauben und Heidentum“ verseuchten Land (Wagner) niemand auf die Idee käme, Textvergleiche anzustellen und sich in die Bibel zu versenken. Bisher hatte Wagner damit offenbar Glück. Der Segen  seines Gottes  darf aber angesichts dieser Verfälschungen bezweifelt werden. Nachstehend sollen hier einige Texte Wagners und die von ihm angegebene Bibelstellen gegenübergestellt werden:

Wagner (Stadtmissionsbrief, November 2006): „ … Wer die Aussagen des Korans über Allah mit dem Gott der Bibel vergleicht erkennt, dass Allah nicht mit unserem Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, identisch ist. Allah ist ein (arabisch) heidnischer Götze. Götzen aber sind nicht real, sondern Phantasieprodukte. Es gibt den Allah des Islam nicht wirklich

(1.Kor 8,4).“

1. Kor. 8,4: So wissen wir nun von der Speise des Götzenopfers, daß ein Götze nichts in der Welt sei und daß kein andrer Gott sei als der eine.

Wagner (ebda.): „Allerdings stehen hinter diesem Phantasiegebilde die Mächte der Finsternis (1 Kor.10,20).“

1. Kor. 10,20:  Aber ich sage: Was die Heiden opfern, das opfern sie den Teufeln, und nicht Gott. Nun will ich nicht, daß ihr in der Teufel Gemeinschaft sein sollt.

Wagner (ebda.): „Die Bibel zeigt, wer nicht zu Jesus gehört, Namenschrist, Jude, Heide oder Atheist, ist ein  Knecht Satans (Eph.2,2) und niemals heilig (2.Kor. 6,14).“

Eph. 2,2):in welchen ihr weiland gewandelt habt nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, 

2. Kor. 6,14: Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat die Gerechtigkeit zu schaffen mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?

Besonders die von den Kritikern angegangenen Formulierungskünste des dem Deutschen Bibelbund führend zugehörigen Neustädter Stadtmissionsleiters über die Knechte Satans  lassen sich nicht mit den angeführten Texten  der Bibel untermauern. Die mir übermittelte aktuelle Stellungnahme, um die der amtierenden Pfarrer Michael K. zu den Wagnerschen  Äußerungen gebeten worden war, spricht da eine deutliche Sprache:

Religion kann zur Ideologie verkommen

„Religion – auch die christliche – kann … zur Ideologie verkommen; nämlich dann, wenn sie Theologie über das Leben stellt, wenn sie Absolutheit postuliert, Widersprüche leugnet und zu klaren Feindbildern tendiert. Dann ist Religion nicht länger heilsam und lebensfördernd; im Gegenteil. Herrn Wagners Umgang mit der Heiligen Schrift ist – sagen wir es vorsichtig – ziemlich problematisch. Mit wissenschaftlicher Theologie und seriöser Textarbeit hat das alles nicht zu tun.  Er reißt biblische Stellen aus ihren Kontext und historischen Zusammenhang heraus und sammelt sich, wie in einem Steinbruch, die Dinge zusammen, die ihm passen.

Mauern überspringen - kein leichtes Unterfangen Foto: LyrAg

Mauern überspringen – kein leichtes Unterfangen
Foto: LyrAg

Hochproblematisch wird diese Arbeitsweise dann, wenn er seine subjektiven Interpretationen und Zusammenstellungen benutzt, um andere Menschen abzuwerten und – wie er es hemmungslos tut – gar zu dämonisieren. Bibelinterpretationen müssen sich letztlich immer am Kern der Botschaft messen lassen. Herrn Wagners Interpretationen sind nicht nur extrem subjektiv und tendenziell ideologisch, sondern geraten in Widerspruch zu so elementaren biblischen Aussagen wie der Nächstenliebe, der Feindesliebe, dem Gebot kein falsch Zeugnis zu geben und der Mahnung Jesu, andere Menschen nicht zu diffamieren.

Selbst Jesus würde konsequenterweise in Wagners Konzeption aus Gottes Heil fallen. „Heilig heißt abgesondert vom Sündigen, Vergänglichen und Falschen.“ – so Wagner. Jesus hat aber gerade das Gegenteil dessen gepredigt und gelebt. Er hatte keine Kontaktängste gegenüber Aussätzigen, Zöllnern, Prostituierten, Menschen anderen Glaubens (Samariter). Was als unrein damals galt – z.B. blutflüssige Frauen – davon hat er sich berühren lassen.  In Herrn Wagners Interpretationen kommen Lieblosigkeit, Selbstgerechtigkeit  und Überheblichkeit zum Ausdruck.“

Pfarrer K. räumt ein, dass dies sehr hart klinge, er sei aber um eine ehrliche Stellungnahme, die seine persönliche Meinung sei, gebeten worden. Michael K. fährt fort:

„Es entsteht der Eindruck, dass hier begründet werden soll, dass Christen „etwas besseres“ sind als die Anderen. Der Glaube besteht dann nicht mehr darin, in der Nachfolge Jesu für das Heil der Welt zu wirken, sondern vor allem sich selbst das Heil (in Abgrenzung zu den „Verlorenen“) zu sichern.

Theologisch unseriös und politisch brisant

Nun zu seiner Position zum Islam. Grundsätzlich ist zu sagen, dass jede Religion in einer freien Gesellschaft sich gefallen lassen muss, kritisiert zu werden. Auch Christentum, auch Islam. Doch ebenso ist jede Religion, sofern sie die rechtlichen Rahmen einhält, in einer freien Gesellschaft geschützt. In der Bibel können sich keine direkten Aussagen zum Islam finden, da diese Religion erst deutlich später nach Abschluss des biblischen Kanons entstand. Der Begriff „Allah“ wird in der westlichen Welt als Eigenname des monotheistischen Gottes im Islam verstanden. Korrekt ist, dass Allah die arabische Bezeichnung für Gott ist. Dieser Begriff Allah wird seinerseits auch von arabisch sprechenden Juden und Christen verwendet und findet sich wohl auch in arabischen Bibelübersetzungen.

Unbestritten existieren gravierende Unterschiede zwischen dem muslimischen und christlichen Verständnis von Glauben, auch von den jeweiligen Ansichten über Gott. Deswegen der jeweils anderen Seite „Götzendienst“ vorzuwerfen, ist eine billige und durchschaubare Provokation, die, nebenbei gesagt, ein respektvolles Gespräch miteinander unmöglich macht.“

Pfarrer K. weist in seiner Stellungnahme dann  darauf hin, das „Gespräche miteinander in einer freien, offenen Gesellschaft“ die Vorraussetzung dafür sei, „um  konstruktiv miteinander zu leben.“ Deshalb habe die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in ihrer Verfassung die Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs aufgenommen und erinnere „an die „Mitschuld der Kirche an Ausgrenzung und Vernichtung jüdischen Lebens“ (Art.8). Die Kirche setze sich deshalb „für die Versöhnung mit dem jüdischen Volk ein und tritt jeder Form des Antisemitismus und Antijudaismus entgegen.“ In  Artikel 9 beschreibt sie die Suche nach dem Dialog mit anderen Religionen, um  in  Artikel 10 die „Wahrung der Menschenwürde, die Achtung der Menschenrechte“ und „ein von Gleichberechtigung bestimmtes Zusammenleben der Menschen“ zu postulieren. Sie, die Kirche, „wendet sich gegen alle Formen von Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit.“

Die neue Botschaft: Begegnung statt Ausgrenzung - Foto: LyrAg

Die neue Botschaft: Begegnung statt Ausgrenzung –
Foto: LyrAg

„Herrn Wagners Thesen sind natürlich seine Privatsache und von der Meinungsfreiheit unserer Verfassung geschützt,“ schreibt Pfarrer K. weiter, aber: „Sie sind theologisch unseriös und politisch durchaus brisant.“ Der Theologe begründet seine Meinung:
“Der Terror Stalins, Maos und Pol Pots hat auch Menschen getroffen, die sich zu ihrer Religion bekannt haben. Opfer des Terrors waren nicht allein Christen, sondern ebenso Juden, Buddhisten, Muslime, Schamanen. Und noch viele Angehörige anderer Religionen. Ob jemand, der Angehörige von Stalins Opfergruppen abwertet, geeignet ist, eine zentrale Rolle in der Gedenkkultur zu spielen, ist eine offene Frage.“ Verbandsintern ginge ihn das natürlich auch nichts an, weil das „die entsprechende Organisation für sich selbst klären“ müsse. Der an einer Kirche in  Sachsen tätige Pfarrer betont, daß die Religionsfreiheit ein  „sehr, sehr hohes Gut“ sei: „Ich darf mich zu einer Religion bekennen, diese Religion leben, wie es meinem Gewissen entspricht. Ich darf aber ebenso auch keiner Religion angehören. Und ich darf wegen meines Glaubens nicht abgewertet und diskriminiert werden. Das war jedenfalls eines meiner Ziele, die ich innerhalb der Menschenrechtsbewegung der DDR verfolgt habe. Und dieses Engagement in der Opposition war für mich auch immer mit und durch meinen christlichen Glauben geprägt.“

Wagner hat selbst formuliert

Eine klare und offene Sprache im Geiste Luthers (und nur auf diese Offenheit, nicht auf Luthers Antisemitismus wird hier Bezug genommen) möchte man konstatieren. Im Ergebnis bleibt die Frage im  Raum, wie der Stadtmissionsleiter und vor allem der hier geforderte Vorsitzende der UOKG nach dem Vergleich mit den von ihm selbst angeführten Bibelstellen seine eigentümliche um nicht zu sagen  skandalöse Interpretation, nach denen – als ein  Beispiel – auch die Juden Knechte Satans seien, der Öffentlichkeit erklären will. Die Bibel jedenfalls gibt diese drastische Formulierung nicht her. Auch die Thesen über die „Erfindung“ Allahs und dessen „falschen Propheten“ lassen sich nicht biblisch belegen, zumal, wie Pfarrer K. denn auch richtig schreibt, der Islam nach der Formulierung der Heiligen Schrift entstand.

Mir scheint, Rainer Wagner hat hier ein  echtes Problem. Und mit ihm der Verein, dem er vorsteht. Aber auch die Öffentlichkeit, die sich bisher wohl eher auf die Ehrlichkeit der angeführten Bibelstellen verlassen hat, statt diese nachzulesen und ihm deshalb, wohl eher im vorauseilenden Gehorsam, Absolution erteilt hat. Der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. hatte in seiner berühmten Islam-Rede in der Universität Regensburg aus einem Text zitiert und war darüber im Übermaß kritisiert worden. Wagner hat noch nicht einmal zitiert, er hat selbst formuliert und zur Verklärung biblische Stellen als Untermauerung angeführt, die einer Überprüfung nicht standhalten.

Holzapfel, konfrontiert mit den Ergebnissen der Auftragsarbeit, räumt denn auch zerknirscht ein, sich auf die von Wagner angegebenen Bibelstellen blauäugig verlassen und diese nicht hinterfragt geschweige denn verglichen zu haben. Bei aller Kritik habe er dem Gegenüber einfach nicht unterstellen wollen, dieser habe seinen eigenen Formulierungen mit Bibelstellen einen den Urheber verschleiernden Anstrich gegeben.

Das scheint nun keine Unterstellung mehr zu sein, sondern Fakt.

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*) Der Autor lebt im Raum Bonn, ist Historiker und engagierter Kirchenmann im  Ruhestand.

V.i.S.d.P.: Friedemann von Saucken, > Redaktion Hohenecker Bote, Tel.: 030-30207785

 

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