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Erinnerung an eine finstere Zeit: Der einst weltberühmte Grenzübergang Marienborn, hier 2015 - Foto: LyrAg

Erinnerung an eine finstere Zeit: Der einst weltberühmte Grenzübergang Marienborn, hier im Juni 2015 – Foto: LyrAg

Marienborn/Stollberg, 30.06.2015/cw – Deutschland im Jahr 25 nach dem Einigungsvertrag. In der Gedenkstätte „Deutsche Teilung“ im ehemaligen Grenzübergang Marienborn (Helmstedt) wurde kürzlich die Ausstellung „Der Dunkle Ort“ eröffnet, in Stollberg (Erzgebirge) diffamierte unterdessen der Vorsitzende des Fördervereins Gedenkstätte Frauengefängnis Hoheneck einstige politische Gefangene der DDR-Diktatur.

In Marienborn wurde am 17. Juni die Wanderausstellung der Heinrich-Böll-Stiftung „Der Dunkle Ort“ eröffnet (bis 31. Juli). Die von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl nach dem gleichnamigen Buch (bebra-Verlag Berlin) konzipierte Ausstellung, in der 25 Schicksale von Frauen gezeigt werden, die zwischen 1950 und 1989 in dem einstigen Frauenzuchthaus Hoheneck aus politischen Gründen ihrer Freiheit beraubt worden waren, wurde in Anwesenheit von sieben ehemaligen Hoheneckerinnen mit einer Diskussion im vollbesetzten Veranstaltungsraum der Gedenkstätte eröffnet.

Anne Gabel, einstige SMT-Verurteilte - Foto: LyrAg

Anne Gabel, einstige SMT-Verurteilte – Foto: LyrAg

SMT- und DDR-Verurteilte

Auf dem Podium schilderten Anne Gabel und Helga Müller, beide aus Berlin angereist, ihre dunklen Erlebnisse in den Gemäuern der einstigen Burg über der Großen Kreisstadt Stollberg im Erzgebirge.

Die im Dezember 1927 geborene Gabel war im März 1947 als vermeintliches Mitglied einer Untergrundorganisation verhaftet worden. Nach 16 Monaten Untersuchungshaft (Friedrichsfelde, Prenzlauer Berg und Hohenschönhausen) wurde die 21jährige von einem sowjetischen Militärtribunal (SMT) zu 25 Jahren Freiheitsentzug und „Besserungsarbeitslager“ verurteilt. Über Bautzen und das einstige NS-KZ Sachsenhausen, dass von den Sowjets bis 1950 ebenfalls für die Unterbringung politischer Gefangener genutzt wurde, kam Gabel mit über 1.100 Frauen nach Hoheneck. Erst 1955, acht Jahre nach ihrer Verhaftung, wurde Anne Gabel zusammen mit 23 anderen Frauen entlassen. Nach einem kurzen Zwischenspiel im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg flüchtet sie „panikartig“ in den Westteil der Stadt, nachdem drei russische Soldaten den Laden betreten hatten, in dem die junge Frau als Hilfsverkäuferin tätig war. Die gerade überwunden geglaubte Vergangenheit hatte sie wieder eingeholt.

Helga Müller, DDR-Verurteilte - Foto: LyrAg

Helga Müller, DDR-Verurteilte – Foto: LyrAg

Helga Müller, im Februar 1934 geboren, wohnte ursprünglich in West-Berlin. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 blieb sie bei ihrem Freund in Ost-Berlin und heiratete diesen „spontan“. Der Bau der Mauer am 13.August 1961 war für die 27jährige „ein Schock.“ Sie fühlte sich schon länger eingeengt, ihr fehlte „die individuelle Entfaltungsmöglichkeit.“ Mehrere Fluchtversuche scheitern. Im Mai 1963 schlägt die Stasi zu, Zusammen mit ihren Freunden wird sie am „Tag der Befreiung“ inhaftiert, bleibt ein Jahr in U-Haft, meist in Einzelhaft. Ein Jahr später wird Müller wegen „gemeinschaftlicher fortgesetzter planmäßiger gefährdender Hetze, Verbindung zu verbrecherischen Organisationen, Verleitung zum illegalen Verlassen der DDR“ zu vier Jahren Haft verurteilt. Auch ihr Mann wurde verhaftet und verurteilt, gelangte aber 1966 durch Freikauf in den Westen, während Helga Müller nach zwei Jahren Haft, darunter in Hoheneck zunächst nach Ost-Berlin entlassen worden war. Nachdem ihr Mann einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt hatte, konnte Müller 1967 nach West-Berlin ausreisen.

Zur Eröffnung angereist: Die ehem. Hoheneckerinnen Catharina Mäge, Birgit Krüger, Tatjana Sterneberg, Edda Sperling (v.li.) - Foto: LyrAg

Zur Eröffnung angereist: Die ehem. Hoheneckerinnen Catharina Mäge, Birgit Krüger, Tatjana Sterneberg, Edda Sperling (v.li.) – Foto: LyrAg

Moderiert wurden die dramatischen, in eine atemlose Stille referierten Schilderungen der beiden Frauen von Dr. Sascha Möbius, dem Leiter der Gedenkstätte Marienborn, und Mechthild Günther, einstige Leiterin des Archivs in der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und selbst bis zu einer Amnestie kurzfristig in Hoheneck. Im Anschluß konnten sich die knapp 100 Besucher in der von der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin finanzierten und ausgeliehenen Ausstellung über weitere Schicksale in dem berüchtigten Frauenzuchthaus der DDR informieren. Catharina Mäge, Tatjana Sterneberg, beide selbst in der Ausstellung vertreten,  Birgit Krüger und Edda Sperling konnten als ehemalige Hoheneckerinnen Fragen beantworten. Sie waren ebenfalls eigens aus Berlin zur Ausstellungseröffnung angereist.

Verbale Rundumschläge in Stollberg

Ganz anders stellt sich derzeit das Geschehen am einstigen Ort der vielfältige Leiden von acht- bis zehntausend aus politischen Gründen inhaftierter Frauen dar.

Weil sie sich verliebt hatte, landete sie in  Hoheneck: Tatjana Sterneberg - Foto. LyrAg

Weil sie sich verliebt hatte, landete sie in Hoheneck: Tatjana Sterneberg – Foto. LyrAg

Der dortige Förderverein einer Gedenkstätte in Hoheneck ist seit der letzten Vorstands-Wahl in heftige Turbulenzen geraten. Im Fokus der Auseinandersetzungen im Verein steht dabei offenbar der Vorsitzende des Vereins, der sich nach einem Rücktritt „aus gesundheitlichen Gründen“ vor Jahresfrist erneut zum Vorsitzenden hatte wählen lassen. Dem Optiker-Meister und einstigen Verbandsfunktionär der Optiker-Innung wird u.a. vorgehalten, er widersetze sich einer Überprüfung auf Unbedenklichkeit, was mit der Funktion als Vereinsvorsitzender des Förderereins einer Gedenkstätte Hoheneck nicht vereinbar wäre.

Nun schlägt der Vorsitzende verbal um sich, wobei sich seine umstrittenen Angriffe ausgerechnet gegen einstige aus politischen Gründen verurteilte Menschen richten. So greift der einst in die Versorgung der gefangenen Frauen in Hoheneck mit optischen Geräten einbezogene Optiker namentlich die ehemalige Hoheneckerin Tatjana Sterneberg an, der er in gestreuten Mails u.a. unterstellt, möglicherweise für die Stasi gearbeitet zu haben. Auch ihrem Lebensgefährten, der einst wegen seines Einsatzes für „14.000 politische Gefangene“ in Ost-Berlin zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, unterstellte der eigentlich dem Gedächtnis an Unrecht und Gewalt verpflichtete Vorsitzende eine „Umdrehung zu Gunsten der Stasi.“

1976-1977 in Hoheneck: Catharina Mäge (Mitte) schildert aufmerksamen Zuhörern ihre dunklen Erlebnisse - Foto: LyrAg

1976-1977 in Hoheneck: Catharina Mäge (Mitte) schildert aufmerksamen Zuhörern ihre dunklen Erlebnisse – Foto: LyrAg

Beobachter vor Ort sind über diese „unnötigen, weil diffamierenden Ausfälle“ des Wiedergewählten entsetzt und empört. Statt einer sachlichen Auseinandersetzung um „berechtigte Kritikpunkte“, der sich im Grundsatz „jeder Verein stellen“ müsse, würde anstelle einer Deeskalation eine „unverantwortliche Zuspitzung“ betrieben, die nicht nur dem Verein schade, längerfristige Ziele wie die Schaffung einer Gedenkstätte gefährde sondern auch geeignet sei, den Ruf von Stollberg, in dessen Grenzen sich Hoheneck befinde, zu beschädigen. Das sei nach dem vielfach beachteten Besuch des seinerzeitigen Bundespräsidenten Christian Wulff, den Sterneberg im Mai 2011 maßgeblich initiiert und programmiert hatte und dem seitherigen großen Engagement der Stadtspitze unter Führung von Marcel Schmidt „nicht mehr nachvollziehbar.“

Tatjana Sterneberg, die seinerzeit eigens den Optikermeister zum Besuch des Bundespräsidenten eingeladen hatte: „Hier muß dringend ein Runder Tisch vor Ort her, die Konflikte ausdiskutiert werden.“ Jede Verlängerung dieser „die Grenzen des Anstandes überschrittenen Auseinandersetzung“ schade unserem gemeinsamen Anliegen der Schaffung einer würdevollen Gedenkstätte in Hoheneck, so die engagierte einstige Hoheneckerin (1974 –1976). Sterneberg hat inzwischen den Vereinsvorstand aufgefordert, sich für die „verbalen Entgleisungen“ zu entschuldigen. (1.005)

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 3.03.2014/cw –  In der wichtigen und überaus erfolgreich gestarteten Ausstellung „DER DUNKLE ORT“ über die Schicksale der Frauen von Hoheneck, gefördert durch die Heinrich-Böll-Stiftung und die Bundesstiftung Aufarbeitung wurden nach dem Buch von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl (bebra-verlag, Berlin, 2012) diverse Schicksale der Frauen von Hoheneck vorgestellt. Eine beeindruckende Sammlung ausgewählter Daten und Fakten über das einstige Frauenzuchthaus der DDR. Wenige Wochen später wurden erste Informationen über offenbare Unrichtigkeiten in dem veröffentlichten Buch und damit der Ausstellung bekannt. Eine der Frauen hatte wohl zu tief in die Kiste erfundener Geschichten gegriffen und dabei als aktive Funktionärin diverser Organisationen den Überblick verloren. So stand in einem Buch der Bundespräsidenten-Beraterin Helga Hirsch („Endlich wieder Leben“, Siedler, München, 2012) etwas anderes, als im DUNKLEN ORT. Und dem Bundespräsidenten Christian Wulff erzählte die einstige Hoheneckerin wieder andere Versionen bei seinem Besuch in Hoheneck.

Irritationen: "Dafür kam ich in die Wasserzelle... (S.40), die kannte ich schon aus der U-Haft." Wasserzelle im  Krankenhaus? Folter für "gute Führung" und angepasstes Verhalten?

Irritationen: „Dafür kam ich in die Wasserzelle… (S.40), die kannte ich schon aus der U-Haft.“
Wasserzelle im Krankenhaus? Folter für „gute Führung“ und angepasstes Verhalten?

Mal war die ein  Jahr in  Hoheneck einsitzende Anita G. in Wasserzellen in Leipzig und in Hoheneck, dann nur in Leipzig (Nicht in Hoheneck, Herr Präsident!), mal will sie von einer Waffe ihres Verlobten gewusst haben, dann  wieder nicht. Mal grämte sie sich um ihren Verlobten, der in Bautzen verstorben und seine Urne an der Ostsee begraben worden war, mal will sie sich nach dem Prozess von ihm getrennt haben und wollte nichts mehr von dem Vater dreier Kinder wissen. Mal wurde sie im Haftkrankenhaus Meusdorf bei und nach der Geburt ihres Kindes geschunden, dann wieder war in  Meusdorf eine beispielhafte Versorgung der Kinder gewährleistet. Die meisten der in  dem Buch und der Ausstellung portraitierten Frauen distanzierten sich von  ihrer einstigen Haftkameradin und forderten den Verlag zu Korrekturen auf, weil sie durch die Verbreitung von Lügen Schaden für ihr Image befürchteten. Bisher trotz mehrfacher Interventionen vergeblich.

Mauern, Gitter, Stacheldraht

Nun stellt auch der Dachverband der Opferverbände (UOKG) zum 25. Jahrestag des Mauerfalls eine Wanderausstellung vor. Unter dem Namen „Mauern, Gitter, Stacheldraht“ werden  13 Schicksale aus den Haftanstalten der DDR vorgestellt. Auch die IGFM (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte) wird als gehasstes Zielobjekt des MfS aufgeführt. Die Stiftung Aufarbeitung finanziert das Projekt. So weit, so gut. Oder nicht?

Die Ausstellungsmacher bilden ausgerechnet als Vertreterin der Frauen von Hoheneck jene Anita G. und deren Schicksal ab, gegen deren Unwahrheiten zahlreiche Frauen von Hoheneck vehement protestiert hatten. Anita G. war im  Gefolge dieser Kritik sogar 2013 vom Vorsitz des Vereins „Frauenkreis der ehem. Hohndeckerinnen“ zurückgetreten. Ihre Funktion im Vorstand der UOKG behielt sie allerdings bis heute. Vielleicht war das auch ein Grund für ihre Berücksichtigung?

Umstrittene Präsentation von Hoheneck: Anita G. - Ausstellungs-Tafel:   © UOKG

Umstrittene Präsentation
von Hoheneck: Anita G. –
Ausstellungs-Tafel: © UOKG

Die gen. Frauen von Hoheneck empört vor allem, dass sich nun auch die UOKG neben der Stiftung Aufarbeitung über die berechtigte Kritik hinwegsetzt und Anita G. als Vertreterin der Frauen  von  Hoheneck trotz der auch der UOKG bekannten Kritik in einer neuerlichen Ausstellung präsentiert. Damit werde die Aufarbeitung über die zweite deutsche Diktatur nachhaltig diskreditiert und in ihrer Glaubwürdigkeit schwer geschädigt. Der Vorwurf: Zumindest hätte man erwarten können, dass die UOKG angesichts der Vorwürfe die Darstellungen in den Texten der Ausstellung einer besonders sorgfältigen Prüfung unterzogen hätte, erklärten betroffene Frauen in Telefonaten mit der Redaktion.

Start mit einer vermeidbaren  Hypothek

In der UOKG-Ausstellung wird u.a. erneut verbreitet, Anita G. hätte in Leipzig in einer Wasserzelle gesessen, obwohl   a)  es bisher keinen Nachweis für die Existenz einer solchen Zelle in Leipzig gibt und b) Anita G. laut Archiv-Unterlagen in Delitzsch durch die Kripo vernommen und inhaftiert worden war. Durch die Verbringung in Haftkrankenhäuser nach Abschluss der Ermittlungen im März 1953 war sie nach den vorliegenden Unterlagen nur zur Durchführung des Prozesses in Leipzig.

Auch die weiteren Angaben zum angeblich verhinderten  Abitur (nach ausgewiesenen acht Jahren Schulbesuch) und verweigertem Studium stimmen mit den Archiv-Erkenntnissen, die der Redaktion vorliegen, nicht überein. Die Darstellung, sie habe sich „nicht am sozialistischen System“ beteiligen  wollen, lassen sich ebenfalls nicht mit den Archiv-Dokumenten belegen, nach denen Anita G. bei der Reichsbahn  sogar „Betriebs-Gewerkschaftsleitungs (BGL)- Vorsitzende“  war und in  diesem Zusammenhang auch eine entsprechende Schulung erfahren habe. So schrecklich die Erfahrungen in der DDR-Haft und hier besonders in Hoheneck waren: Aus den Berichten der Anstaltsleitung geht eine angepasste, um die Wiedergutmachung bemühte Strafgefangene hervor, die sich dem Aufbau des sozialistischen Staates widmen wolle und regelmäßig das NEUE DEUTSCHLAND und die JUNGE WELT lese. Sperrte man derartig positiv bewertete Gefangene in den Arrest oder gar in die (in Hoheneck tatsächlich vorhandene) Wasserzelle („Der Dunkle Ort“)?

"Verbreitung tendenziöser Gerüchte?" - Erklärungsbedürftiger Fund in den Gerichtsakten von 1953 - Archiv Leipzig

„Verbreitung tendenziöser Gerüchte?“ – Erklärungsbedürftiger Fund in den Gerichtsakten von 1953 – Archiv Leipzig

Auch die vierseitige  Werbung über die Verwendung des  Hakenkreuzes auf Fähnchen, Bannern und Girlanden in den Prozessunterlagen wäre ebenso hinterfragungsbedürftig gewesen, wie die verbreitete Mär über den Tod ihres Verlobten in einem Zuchthaus, in dem der nie einsaß. Die „Odyssee durch mehrere Haftorte“ (UOKG-Ausstellung) fand nicht nach Hoheneck sondern, immerhin erstmals eingeräumt, vor der Verbringung nach Hoheneck statt (Altenburg und Görlitz).

Angesichts dieser Präsentation eines Vorstandsmitgliedes, dass es nachweislich und nach wie vor mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, startet die UOKG-Ausstellung mit einer vermeidbaren Hypothek. Schade um  einen sicherlich gut gemeinten Beitrag zum Jubiläumsjahr des Mauerfalls.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin,  Tel.: 030-30207785

 

 

Schwerin04.2013-PlakatSchwerin, 9.04.2013/cw – Am Rande einer Podiumsdiskussion in Schwerin kann es zu einer denkwürdigen Begegnung Hohenecker Frauen mit Nobelpreisträger Günter Grass. Die ehemaligen Hoheneckerinnen, einst Insassinnen des berüchtigten  DDR-Frauenzuchthauses in Stollberg/Erzgebirge, waren in die Mecklenburgische Landeshauptstadt gereist, um anlässlich der Ausstellungseröffnung über die Frauen von Hoheneck die Veranstaltung der BStU-Außenstelle zu besuchen. Überraschend kamen trotz der parallel stattfindenden Lesung mit Günter Grass im benachbarten Staatstheater so viele Interessenten, dass zusätzliche Stühle in den überfüllten Veranstaltungssaal im Schweriner „Schleswig-Holstein-Haus“ herbeigeschafft werden mussten.

Günter Grass im Gespräch mit vier ehemaligen Frauen von  Hoheneck - Foto: LyrAg

Günter Grass im Gespräch mit vier ehemaligen Frauen von Hoheneck – Foto: LyrAg

Vor Beginn der angesetzten Podiumsdiskussion nutzten vier ehemalige Frauen von Hoheneck die Gelegenheit, sich dem im  Haus anwesenden Schriftsteller vorzustellen und an ihr Schicksal zu erinnern. Grass zeigte sich tief bewegt, hörte den Ausführungen aufmerksam zu und wünschte den Frauen für die Zukunft alles Gute.

In der anschließenden fast zweistündigen Podiumsdiskussion berichteten zwei Frauen dem atemlos zuhörenden Publikum über die erlittene DDR-Haft. Regina Labahn war von 1984 – 1986 inhaftiert. Man hatte den Eltern zuvor ihre drei Kinder weggenommen und diese in Heimen untergebracht. Labahn erzählte von den Qualen, die Eltern und Kinder zusätzlich durch die Zwangstrennung durchleiden mussten. Erst nach dem Mauerfall gelang es, die Familie wieder zusammenzuführen.  Die bewegten

Noch heute Schikanen alter Kader beim kampf um  ihr Grundstück auf Usedom ausgesetzt: Das Ehepaar Labahn nutzte die Gelegenheit, ihr Anliegen  im Ministerium vorzutragen. - Foto: LyrAg

Noch heute Schikanen alter Kader beim Kampf um ihr Grundstück auf Usedom ausgesetzt: Das Ehepaar Labahn nutzte die Gelegenheit, ihr Anliegen im Ministerium vorzutragen. – Foto: LyrAg

Schilderungen wurden trotz der Dramatik durch den unverkennbaren norddeutschen Dialekt der aus Usedom stammenden Frau und ihrem auch heute noch unüberhörbaren Humor für die Zuhörer erträglich vermittelt.

Tatjana Sterneberg, von 1974 – 1976 in Hoheneck, sprach von ihren  vergeblichen Bemühungen, zu ihrem Verlobten Antonio nach Westberlin zu ziehen. Sie hatte den bei Kempinski arbeitenden Italiener während ihrer Tätigkeit im Hotel Stadt Berlin (heute ParkInn am Alexanderplatz) kennengelernt und sich in  ihn verliebt. Als ihre Ausreiseanträge abgelehnt wurden, sann  sie auf Flucht, wurde von einem Kollegen verraten und schließlich ebenso wie Antonio verhaftet. Auf fast vier Jahre Haft für sie und fünf Jahre für Antonio lautete das folgende Urteil. Antonio starb 2006 an den mittelbaren  Folgen  der Haft. Sterneberg engagiert sich seither in der Beratung von Verfolgten und Forschungsprojekten in der Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Dagmar Hovestädt, Pressesprecherin der BStU Berlin, verstand es geschickt, das Gespräch durch eine sachorientierte und sehr menschliche Moderation durch die naheliegenden emotionalen Klippen zu steuern.

Auf dem Podium in Schwerin: Regina Labahn, Dagmar Hovestädt u. Tatjana Sterneberg (von li.). - Foto: LyrAg

Auf dem Podium in Schwerin: Regina Labahn, Dagmar Hovestädt u. Tatjana Sterneberg (von li.). – Foto: LyrAg

Unter den Zuhörern waren neben  Mitgliedern der örtlichen Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) und dem Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen auch die UOKG vertreten.

Die von Dirk von Nayhauss (Fotos) und Maggie Riepl (Texte) gestaltete Ausstellung der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin „Das Frauengefängnis Hoheneck – 25 Portraits ehemaliger politischer Häftlinge“ ist bis einschließlich 27. Mai in der BStU-Außenstelle in Görslow bei Schwerin während der üblichen Öffnungszeiten und an den Wochenenden zu sehen.

Auch Pfarrer un d Bürgerrechtler Heiko Lietz, hier im Gespräch mit T. Sterneberg, war unter den interessierten Zuhörern. - Foto: LyrAg

Auch Pfarrer und Bürgerrechtler Heiko Lietz, hier im Gespräch mit T. Sterneberg, war unter den interessierten Zuhörern. – Foto: LyrAg

V.i.S.d.P.:Redaktion „Hohenecker Bote“, Tel.: 030-30207785

Wiesbaden: 25 Schicksale aus Hoheneck

Wiesbaden: 25 Schicksale aus Hoheneck

Wiesbaden, 4.12.2012/cw – Zur Ausstellungs-Eröffnung „Der dunkle Ort“ in der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung (HLZ) waren zahlreiche Zeitzeuginnen aus ganz Deutschland angereist. 25 von rund 10.000 der ehemaligen  Frauen von Hoheneck, dem einstigen berüchtigten Frauen-Zuchthaus der DDR, waren in dem gleichnamigen  Buch von Dirk von Nayhauß (Fotos) und Maggie Riepl (Text) eindrucksvoll portraitiert worden (be-bra-Verlag, 19,95 €). Die Heinrich-Böll-Stiftung Berlin hatte daraus eine Wanderausstellung konzipiert, die bereits in Berlin, Frankfurt/Oder, Rostock und jetzt in Wiesbaden (bis 31.01.2013 in der Taununsstraße

Begrüßung: Regina Labahn, catgarina Mäge, Inge Naumann, Direktor Dr.Bernd Heidenreich, Maggie Riepl und Dirk v. nayhauss (verdeckt, v.l.n.r.)

         Begrüßung:                   R.Labahn, C. Mäge, I.Naumann, Direktor Dr. B.Heidenreich, M. Riepl und D.v. Nayhauss (verdeckt, v.l.n.r.)

4-6, Mo./Fr. 10:00 – 15:00; Di./Do. 10:00 – 19:00; Mi. geschlossen) für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Das gesamte Projekt wurde finanziell auch von der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützt.

In der Begrüßung erinnerte Jutta Fleck (vormals Gallus), als „Frau vom Checkpoint Charlie“ berühmt geworden, an die Leiden der Frauen von Hoheneck, die für ihren Wunsch, die DDR friedlich verlassen zu können oder weil sie sich in einen „Westler“ verliebt hatten, in das DDR-Zuchthaus eingesperrt wurden. Jutta Fleck freute sich besonders, dass neun der portraitierten Frauen  eigens angereist waren, um den Besuchern von ihren Schicksalen berichten  zu können.

Jutta Fleck und Tatjana Sterneberg: Grüsse aus Berlin

Jutta Fleck und T. Sterneberg: Grüsse aus Berlin

Dr. Bernd Heidenreich, Direktor der HLZ, mahnte in seiner Begrüßung, diese Geschehnisse niemals zu vergessen und sich jeden Tag des Wertes der Freiheit bewusst zu sein, die ohne den verfassten Rechtsstaat nicht funktionieren  könne.

Maggie Riepl und Dirk von Nayhauß lasen abschließend aus verschiedenen, in dem Buch dokumentierten Schicksalen vor. Danach nutzten die sehr zahlreich erschienenen Besucher die gegebene Möglichkeit, sich aus erster Hand über die unterschiedlichen Lebenslinien der einstigen Frauen von Hoheneck berichten zu lassen.

Buchautorin Ellen Thiemann ("Der Feind an meiner Seite" u.a.)

Buchautorin Ellen Thiemann („Der Feind an meiner Seite“ u.a.)

Bericht vor Ort: Birgit Schlicke aus Wiesbaden berichtet über Hoheneck

Bericht vor Ort: Birgit Schlicke aus Wiesbaden berichtet über Hoheneck

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“, Tel.: 030-30207778 – hohenecker.bote@gmail.comFotos: © 2012 LyrAg

Berlin-Pankow, 24.06.2012/cw – Die BVV von Pankow hat in ihrer Sitzung am 13.06. fraktionsübergreifend einstimmig beschlossen, die eindrückliche Ausstellung „Der dunkle Ort“  in dem Bezirk zu zeigen. Die von der Heinrich-Böll-Stiftung zum gleichnamigen Buch*  konzipierte Ausstellung zeigt 25 Schicksale aus dem einzigen DDR-Frauengefängnis Hoheneck.

In der von der SPD und B90/GRÜNE initiierten und angenommenen Beschlussvorlage heißt es:

„Das Bezirksamt wird ersucht, die Ausstellung „Der dunkle Ort“ über die Schicksale von 25 Frauen aus dem DDR-Frauengefängnis Hoheneck vorzugsweise im bezirklichen Museum oder in vergleichbaren, geeigneten bezirklichen Räumlichkeiten zu zeigen. Zur Eröffnung sollten die Autoren und Zeitzeuginnen eingeladen werden.“

Und zur Begründung wird ausgeführt:

Grundlage der Ausstellung: Das Buch von Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl

„Bautzen kennt jeder, in der dortigen Justizvollzugsanstalt saßen die Männer ein. Die wenigsten aber wissen, dass es in der DDR auch ein Frauengefängnis mit ähnlich brutalen Zuständen gab: die Strafvollzugsanstalt Hoheneck im sächsischen Stollberg. Eine Burg mit hohen Mauern, Stacheldraht und Elektrozäunen. Aus allen Teilen des Landes wurden Frauen und Mädchen zur Verbüßung ihrer Haftzeit hierher gebracht. 40 Jahre lang war Hoheneck das zentrale und größte Frauengefängnis der Deutschen Demokratischen Republik.

Die Bedingungen in Hoheneck waren menschenunwürdig, das Gefängnis oft überfüllt. In den Zellen wurden bis zu 30 Frauen gepfercht. Aus Platzmangel musste auch auf dem Boden geschlafen werden. In drei Schichten – rund um die Uhr – mussten die Inhaftierten in den hauseigenen Betrieben arbeiten. Die Strafen waren drakonisch, Arrest in der Dunkelzelle mit Wasser und Brot waren keine Ausnahme.

Zwanzig Jahre nach der Schließung von Hoheneck haben sich 25 Frauen, die zwischen 1949 und 1989 dort als politische Gefangene inhaftiert waren, von dem Fotografen Dirk von Nayhauß und der Autorin Maggie Riepl porträtieren lassen.“ * (Der dunkle Ort, be-bra Wissenschaft Verlag 2012, ISBN 978-3-937233-99-4, 19,95 €).

Bemerkenswert ist nicht nur die Zustimmung durch DIE LINKE. Die Fraktion hatte sich bereits im Vorfeld der Abstimmung der Initiative zum Antrag angeschlossen, die CDU hingegen nicht. Tatjana Sterneberg, selbst ehemalige Hoheneckerin und Vorsitzende des im September vergangenen Jahres gegründeten Fördervereins Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck sieht in der „Bewegung in Sachen Aufarbeitung“ bei der LINKE-Fraktion ein „durchaus positives Signal, das allerdings noch den Härtetest bestehen  müsse“, nachdem sich diese Partei bisher hartnäckig einer offenen und ehrlichen Aufarbeitung versagt hätte.

Ein Novum? Mitteilung der Pankower LINKE im Internet

„Dabei waren in der Vergangenheit Postulate wie die nach der Wegsuche zum Kommunismus durch die einstige Bundesvorsitzende sicher nicht hilfreich. Wir beobachten diese Entwicklung zur Realität aufmerksam und ohne Schaum vor dem Mund,“ sagte Sterneberg, die selbst vor ihrer Verbringung nach Hoheneck in der Stasi-Untersuchungshaft in Pankow (Kissingstraße) bis zu ihrer Verurteilung im Sommer 1974 fast ein Jahr zubringen  mußte. Die Vereinsvorsitzende hat darum in gleichlautenden Schreiben an alle Fraktionen der BVV den Beschluss begrüßt und auch der LINKE-Fraktion angeboten, in einen „offenen und ehrlichen Dialog“ einzutreten. Sterneberg ist sich klar darüber, dass dies „Neuland ist und auch von den ehemaligen Opfern der zweiten deutschen Diktatur viel Überwindung benötigt. Ein Ende der Debatte, wie sie jüngst der Brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck gefordert habe, ist aber nicht  v o r  der Aufnahme der Debatte, einer wirklichen  Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unter Einbeziehung der Täter-Generation möglich,“ so Sterneberg. „Das Eingeständnis von Verantwortung und vorhandener Schuld ist Voraussetzung für jedweden konstruktiven Abschluss.“ Gleich, wie dieser auch aussehe, könne dieser Abschluss aber niemals eine permanente Aufarbeitung und Befassung mit historisch belegbaren Geschehnissen unter den Teppich der allgemeinen Verdrängung und des kollektiven Vergessens bedeuten. Dem Willen der DDR-Verteidiger und –Fürsprecher zur Barrierefreien Aufklärung komme dabei eine nicht überbrückbare Verantwortung zu. „Die Abgeordneten der LINKE-Partei in der Pankower BVV haben dafür ein hoffentlich in ihrer Partei zur Wirkung kommendes Signal gesetzt,“ hofft die ehemalige Hoheneckerin.

Siehe auch: http://www.kultur-in-pankow.de/dies-a-das.html und                      http://www.berlin.de/ba-pankow/bvv-online/vo020.asp?VOLFDNR=3253&options=4

V.i.S.d.P.: Förderverein Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e.V., Tel.: 030-30207778                  (Hinweis: Der Förderverein ist Gast auf dieser Homepage, bis eine eigene zur Verfügung steht.)
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