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Berlin, 04.08.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (7 -Teil 6 siehe 03.08.2019).

So schlimm, wie das Scheitern unseres Tunnels war, die Situation hatte sich nicht geändert. Die Mauer bestand nicht nur weiterhin, sie wurde durch permanente Ausbaumaßnahmen und Perfektionierung der dahinter liegenden Grenzstreifen undurchdringlicher. Es hatte den Anschein, als würde die Zweite Deutsche Diktatur für die Ewigkeit ausbetoniert.
Passierscheinabkommen bewirkte Veränderungen

Dazu trug sicherlich die sich allmählich wandelnde politische Stimmung bei. Die Bereitschaft, sich mit dem „Pankower Regime“ zu arrangieren, wuchs nicht zuletzt nach dem ersten Passierscheinabkommen, das es den Menschen 1963/64 erstmals ermöglichte, wieder ihre Verwandten im Ostsektor der Stadt zu besuchen (Vom 19. Dezember 1963 bis zum 5. Januar 1964, also über Weihnachten und Silvester, nutzten immerhin rund 700.000 West-Berliner diese Möglichkeit). Diese allgemeine Stimmung hatte auch Auswirkungen auf unsere Arbeit gegen die Mauer. Die Polizei, die unseren Aktionen mit höchstzulässiger Sympathie mehr oder weniger unterstützte, wurde schleichend restriktiver. War es in den ersten beiden Jahren nach dem 13. August 1961 noch möglich, die Mauer großflächig zu beschriften: „Trotz Mauer ein Volk – KZ“ oder „Diese Schande muss weg – KZ“, so war dies nur noch begrenzt und bald gar nicht mehr möglich.

Beschriftung in der Bernauer Straße durch C.W. Holzapfel

Ein Beispiel: Wir wollten die Mauer am Ende der Bernauer Straße „bemalen.“ Mit Farbeimer und Pinsel machten wir uns auf den Weg. „Na, Holzapfel, was haben wir denn wieder vor?“ fragte bald darauf ein aufmerksamer Polizist. Wir erklärten unsere Absicht und teilten den beabsichtigten Wortlaut mit. „Wie lange braucht Ihr?“ „Cirka eine halbe Stunde,“ antworteten wir. „Aber nicht länger,“ lautete der Bescheid. Dann wandte sich der Polizist ab. Folgend veränderte sich die Situation unmittelbar an der Mauer für uns deutlich: „Wenn Sie nicht bald verschwinden, bekommen Sie Ärger!“

Offener Brief an Heinrich Albertz

Verzweifelt wandte ich mich in einem Offenen Brief an den Innensenator und Bürgermeister Heinrich Albertz (*22.01.1915; † 18.05.1993). Die Berliner Morgenpost, die Zeitungen aus dem Hause Axel Springer gehörten über viele Jahre zu unseren treuesten publizistischen Verbündeten, veröffentlichte den Brief vollständig. Zuvor hatte ich im „7-UHR-Blatt“, eine Sonntags erscheinende Zeitung, einen langen Artikel veröffentlicht: „Albertz degradiert Polizisten zu Mauerwächtern“.

Im Gegensatz zu heutigen Gepflogenheiten reagierte Albertz keineswegs aggressiv oder gar beleidigt, sondern lud mich zu einem Gespräch in das Schöneberger Rathaus ein. Dort sprach wir uns im Beisein von Hanns-Peter Herz (*1927; † 2012), RIAS-Journalist und Chef der Senatskanzlei, offen aus. So hielt ich dem studierten Theologen Albertz seine jüngste Ansprache zum 20. Juli (Hitler-Attentat) in Plötzensee vor. Albertz hatte Berlin als Zentrum des Widerstandes bezeichnet und die Jugend der Stadt aufgefordert, „gerade hier und heute Widerstand zu leisten.“ Der Widerspruch zwischen Wort und Tat schien mir überdeutlich. Heinrich Albertz erwiderte geradezu fassungslos: „Aber Herr Holzapfel, an solchen Tagen wird doch manches gesagt!“ Der Sozialdemokrat konnte oder wollte nicht begreifen, dass ein junger Mensch seine Worte wirklich ernst nahm.

Mit Tonband und Megaphon Nachrichten aus der Freien Welt – Foto: LyrAg

In dem Gespräch kam dann aber auch das Thema „Studio Freies Deutschland – Sender am Stacheldraht“ zur Sprache. Ich hatte, zusammen mit meinem Freund Fridtjof Klintzsch, in unseren Sendungen und später der Stasi gegenüber als „Freddy Fischer“ benannt, damit begonnen, per Megaphon Nachrichten an der Mauer zu verlesen. Fridtjof kam dann auf die Idee, mittels eines tragbaren Tonbandgerätes vorher Sendungen zu schneiden, was unsere „Ausstrahlungen“ attraktiver machen würde. So hatten wir auch bald als Kennung die Ouvertüre zu AIDA, in der wird unsere Bezeichnung einblendeten: „Hier spricht Studio Freies Deutschland – Sender am Stacheldraht“ und „Wir bringen aktuelle Meldungen aus der Freien Welt.“

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DDR-Grenzer: „Runter oder es knallt!“

Diese Sendungen, als Alternative zu den aus politischen Gründen immer seltener werdenden Einsätzen des SAS („Studio am Stacheldraht“) gedacht, die 1965 dann auch tatsächlich eingestellt wurden, stießen zunehmend auf administrative Ablehnung. So kam sogar nach einer Sendung in der Bernauer Straße – vom Dach des Kartoffelschuppens, aus dem wir unseren Tunnel vorgetrieben hatten – die Abteilung I (Politische Polizei) zum Einsatz, um uns vom Dach zu vertreiben. Zuvor waren wir allerdings (erstmals) durch einen wütenden Grenzoffizier der DDR mit einer Maschinenpistole im Anschlag bedroht worden: „Runter, oder es knallt!“

Auch die Stasi fotografierte die Aktivitäten an der Mauer.  Foto: Holzapfel in der Bernauer Straße (BStU) – Archiv

Ich wollte also diese Sendungen, die ich sogar von einem Balkon des Reichstages ausstrahlte, unbedingt fortsetzen. Albertz war nach einem ernsthaften Diskurs bereit, mir die offizielle Absegnung zu geben. Bedingung: Die beabsichtigten Sendungen sollten zuvor im Rathaus Schöneberg von Hanns-Peter Herz gehört und genehmigt werden. Wohl im jugendlichen Überschwang lehnte ich diese Variante als „Zensur“ ab. Später war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich mit dieser vorschnellen Ablehnung nicht einen Fehler gemacht hätte. Schließlich war Herz im RIAS verankert und hätte mit wohlmöglich eines Tages angeboten, meine Kommentare besser über den RIAS zu verlesen. Vielleicht hätte sich mein ursprünglicher Traum, Journalist zu werden, auf diesem Wege verwirklichen lassen?

Werbungen durch CDU und SPD

Gleichwohl hatte ich mich immer möglichen Versuchungen widersetzt, aus meinem Widerstand persönliche Vorteile zu ziehen. Dietrich Stobbe (*25.03.1938; † 19.02.2011), späterer Regierender Bürgermeister, hatte mich ebenfalls in einem sehr langen Gespräch zum Eintritt in die SPD überreden wollen. Er würde „ein Auge“ auf mich haben, denn solche Leute wie mich brauche die Partei. Der damalige Referent des Jugendsenators und späteren Bürgermeisters Kurt Neubauer ( * 30.09.1922; † 09.12.2012) konnte sich ein halbes Jahr vor seinem Tod auf einem Empfang im Reichstag an dieses Gespräch erinnern: „Und, sind Sie der SPD beigetreten?“

Auch Jürgen Wohlrabe (* 12.08.1936; † 19.10.1995), damals noch Chef der Jungen Union in Berlin und später Präsident des Abgeordnetenhauses, hatte mir schon 1963 angeboten, mich verstärkt in der CDU einzubringen, er wolle mich „wohlwollend begleiten.“ Aber auch diesem jahrzehntelangen Freund hielt ich meine Befürchtung entgegen, meinen Widerstand an der Mauer „politisch abstimmen“ zu müssen, was ich mit meiner Überzeugung nicht in Einklang bringen könne. Außerdem wüsste ich nicht, wie ich mich nach einem so möglichen politischen Aufstieg verhalten würde. Würde ich mich im Zweifelsfall für meine Überzeugung oder nicht dann doch für meine erreichte Position entscheiden? Dieser Versuchung wollte ich mich erst gar nicht aussetzen.

Letztlich verblieb mir die Fortsetzung meines gewaltlosen Kampfes für die eingemauerten Menschen in der Sowjetisch besetzten Zone, für die politischen Gefangenen und damit gegen den Schießbefehl auf Flüchtlinge, gegen die Mauer an sich, die unsere Stadt und unser Land teilte.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.449)

Berlin, 25.12.1963/2017/cw – Es war 22:00 Uhr, am ersten Weihnachtsfeiertag. Nachrichten gehörten seit geraumer Zeit zu meinem Leben, Weihnachten hin oder her. „Hier ist RIAS Berlin, eine Freie Stimme der Freien Welt. Sie hören Nachrichten. Kreuzberg. Nach dem Versuch, die Mauer hinter der Thomaskirche in Berlin-Kreuzberg zu überwinden, starb in den Abendstunden der 18jährige Paul Schultz im Bethanien-Krankenhaus in West-Berlin. Schulz war von Grenzposten der Sowjetzone beschossen und tödlich verletzt worden…“ An den genauen Wortlaut dieser abendlichen Schreckensnachricht am 1. Feiertag kann ich mich nach 54 Jahren nicht mehr genau erinnern. Um so mehr erinnere ich mich an meine Tränen, an meine Wut, meinen Schmerz. Ich wohnte zu diese Zeit in einem kleinen Zimmer in Untermiete in der Biesenthaler Straße 5 in Wedding. Gerhard Weinstein, ein Tunnelbauer, hatte mir dieses Zimmer bei Frau Weber vermittelt, nachdem unser Tunnelbau am Güterbahnhof in der Bernauer Straße gescheitert war.

Ich eilte zur nächsten Telefonzelle, rief bei Prof. Berthold Rubin (1911-1990) in Lichterfelde an. Rubin war Ordinarius für Byzantinistik und Osteuropakunde an der Universität Köln, hatte seinen Wohnsitz aber in Berlin. Er gehörte zu einem kleinen Kreis von Aktivisten, die sofort und ohne lange zu fragen auf Morde an der Mauer reagieren und damit ein Verschweigen verunmöglichen wollten. Rubin war ebenso entsetzt, hatte von dem neuerlichen Mord noch nicht erfahren. Ich sollte erst einmal nach Lichterfelde in sein Haus in die Hildburghauser Straße 109 kommen.

Bedingt durch den Nachtverkehr der BVG kam ich erst gegen 24:00 Uhr bei ihm an. Seine betagte Mutter, eine ehemalige Kammersängerin und erfinderische Inhaberin einiger Patente schimpfte zwar, was wir denn „um diese Zeit“ noch ausrichten wollten, half aber dann doch mit Rat und Tat, als wir nach Mitternacht im Garten ein ca. 2 Meter großes Kreuz zimmerten. Wir müssten doch wenigstes ein paar Tannenzweige anbringen, grummelte die alte Dame und half bei der Anbringung am Kreuz.

Nach dem Mord: Unheimliche Stille vor Ort

Nachdem ich auf der Couch im Wohnzimmer eine unruhige Restnacht hinter mich gebracht hatte, brachen wir gegen 9:00 Uhr im Pkw von Rubin gen Kreuzberg auf. Hinter der Thomaskirche, im Schatten der Mauer, trafen wir auf eine unheimliche, weil nicht erwartete Stille. Nur ein kleiner Polizist aus Westfalen sprach uns an, als wir an einem Baum das Holzkreuz errichten wollten. Er bestätigte das im Radio gehörte Geschehen und das bisher kaum Menschen am Mordort erschienen seien. Er zuckte etwas hilflos mit den Schultern: Es sei eben Weihnachten.

Der freundliche, im Rahmen der polizeilichen Hilfe nach dem Mauerbau aus Westfalen nach Berlin abgeordnet, machte uns darauf aufmerksam, dass wir Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn wir dieses Kreuz „ohne behördliche Genehmigung“ aufstellen würden. „Haben die Mörder von Paul Schultz denn auch nach einer Genehmigung gefragt, bevor sie auf den jungen Mann geschossen haben?“ fragte ich wütend. Der Polizist beruhigte mich, beteuerte, er meine es nur gut mit uns. Wir einigten uns darauf, das Kreuz stehen zu lassen und uns mit der zuständigen Polizeiinspektion in der Friesenstraße in Verbindung zu setzen. Der Uniformierte wollte solange auf das Mahnkreuz aufpassen.

Von früheren Demonstrationen kannte ich den Inspektionsleiter, Polizeioberrat Dähne. Er würde uns sicher eine Ausnahmegenehmigung zusichern. Andere Behörden konnten wir wegen der Feiertage und das anschließende Wochenende ohnehin nicht erreichen. Dort angekommen wurde uns bedeutet, Oberrat Dähne liege mit einer Grippe im Bett, sei also nicht erreichbar. Jemand anders sei nicht befugt, eine Entscheidung im Sinne unseres Anliegens zu treffen. Wir sollten uns „am Montag an des zuständige Bezirksamt wenden“. Frustriert kehrten wir an die Thomaskirche zurück, um den Polizisten vor Ort zu informieren. Er teilte mit aller gebotenen dienstlichen Vorsicht unser Unverständnis und versprach, alles Mögliche zu tun, um ein Abbau des Kreuzes zu verhindern. Er wolle ggf, darauf hinweisen, dass eine Genehmigung bereits beantragt sei.

Berthold Rubin teilte zwar meine Empörung, sah aber auch keinen anderen Weg, als bis zum Montag wegen einer Vorsprache beim Bezirksamt Kreuzberg zu warten. Als ich ihm die Idee unterbreitete, zum Wohnort von Willy Brandt (1913-1992) an den Schlachtensee zu fahren, hielt er diese Idee allerdings für etwas verrückt. Wir trennten uns mit dem Versprechen, uns über “Veränderungen“ gegenseitig zu informieren.

Abendroth: Aus der Mauer kein Friedhof machen

Am späten Vormittag traf ich vor dem Wohnsitz in der Marinesiedlung am Schlachtensee ein. Ein Polizist stand etwas gelangweilt vor dem Haus, ließ sich aber freundlich auf eine Erklärung meines Anliegens ein. Ein kurzer Blick auf die Uhr, dann: Willy Brandt ist nicht da, aber seine Frau würde gleich den Hund ausführen, diese könnte ich wohl ansprechen.

Tatsächlich trat Rut Brandt (1920-2006) pünktlich vor das Haus und hörte sich geduldig mein Anliegen an: „Mein Mann ist gerade mit den Söhnen am Schlachtensee spazieren und,“ nach einem kurzen Blick auf die Uhr, „sie können ihm gerne ihr Anliegen vortragen. Sagen sie ihm, sie hätten bereits mit mir gesprochen.“

Es dauerte dann auch nicht lange, als Willy Brandt mit seinen drei Söhnen auf dem Weg vom See her kommend auftauchte. Matthias, der jetzige große Schauspieler, saß auf seiner Schulter, die größeren Söhne Lars und Peter gingen links und rechts neben dem Vater. Wie mit seiner Frau Rut vereinbart, sprach ich den Regierenden Bürgermeister unter Verweis auf das vorherige kurze Gespräch an und trug ihm unsere bürokratischen Schwierigkeiten um die Errichtung eines Mahnkreuzes für den am Vortag ermordeten Paul Schultz vor. Brandt erkundigte sich eingehend nach den Motiven und den Personen, die in das Vorhaben involviert waren. Meinerseits führte ich vorsorglich meine Besorgnis um die mögliche Wiederholung einer unsäglichen vorherigen Diskussion um die Errichtung von Mauerkreuzen an. Brandts parteipolitischer Gegner, der Kreuzberger Bezirksbürgermeister Günther Abendroth (1920 – 1993) hatte sich vehement gegen die Errichtung von Mahnmalen und Kreuzen an der Mauer ausgesprochen, man könne aus dieser „keinen Friedhof machen“. Brandt hatte dieser Sicht energisch widersprochen und darauf hingewiesen, dass „nicht wir die Morde an der Mauer“ provozieren.

Nach einem geduldigen Diskurs fragte Brandt, ob ich denn das Anliegen schon Heinrich Albertz (1915-1993), seinem Stellvertreter und Innensenator, vorgetragen hätte. „Ich weiß zwar, wo Sie wohnen aber nicht, wo Heinrich Albertz wohnt,“ antwortete ich. Brandt konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und fragte dann, ob ich die „Stallwache“ im Rathaus Schöneberg kennen würde. Nachdem ich verneint hatte erklärte er mir den vorhandenen „Notdienst“ im Rathaus und versprach mir eine Klärung. Ich solle in ca. zwei Stunden dort anrufen, man würde mich dann über das Ergebnis unterrichten.

50 Jahre danach: Gedenkkreuz von Unbekannten zerstört

Natürlich hatte ich Sorge, mich bei Rubin zu blamieren, wusste ich doch nicht, wie das Ergebnis der Rücksprache mit Willy Brandt ausgehen würde. Nachdem aber ein Rückruf im Rathaus Schöneberg positiv verlaufen war, rief ich sofort Berthold Rubin an und informierte ihn über den Erfolg. Der engagierte Professor war zunächst sprachlos, versprach aber, umgehend nach Kreuzberg zu fahren.

Im Gegensatz zum Vormittag war vor Ort an der Thomaskirche ein richtiger Trubel. Der Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers in Berlin, Ernst Lemmer (1898 – 1970), der Oberrat Dähne, weitere Personen, ein Kamerateam und weitere Presseleute waren anwesend, um Blumen und Kränze an dem von uns spontan errichteten Kreuz in Erinnerung an den am Vorabend ermordeten Paul Schultz (1945-1963) aus Neubrandenburg niederzulegen. Ein weiteres Mal war das „Übergehen zur Tagesordnung“ über einen Mord an der Mauer verhindert worden.

Nachtrag: Vom 28.Dezember 1963 bis zum 8. Januar 1964 führte Dieter Wycisk und ich einen Hungerstreik am Kreuz für Paul Schultz durch. Wir forderten mit diesem Hungerstreik in einem Schreiben an den UNO-Generalsekretär die UNO auf, gegen das Morden an der Mauer zu protestieren. Ein zum 50. Jahrestag der Ermordung von Paul Schultz neuerlich errichtetes Holzkreuz wurde nach wenigen Tagen von Unbekannten mutwillig zerstört.

© 2017 Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.333).

 

Berlin, 1.10.2012/ts – Am 2.10.1962 installierten  die DDR-Grenzer auf dem Turm der 1985 gesprengten Versöhnungskirche in der Bernauer Straße drohend, weil gut sichtbar ein  MG . Grund: Der gewaltlose Kämpfer und Inder T.N. (Tapeshwar Nath) Zutshi hatte angekündigt, an diesem Tag die Mauer vor der Kirche symbolisch einzureißen.

T.N. Zutshi 1963 – Foto: © 2012 LyrAg

Zutshi wurde diese Vorhaben nach Intervention der West-Alliierten durch den damalige  Innensenator Heinrich Albertz (SPD) unter Androhung der Abschiebung als „unerwünschter Ausländer“ untersagt.

Die Vereinigung 17. Juni in Berlin erinnert aus diesem Anlass am Vorabend zum Tag der Deutschen Einheit, Dienstag (2.10.) um  14:00 Uhr in der Bernauer- / Ecke Hussitenstraße (gegenüber der einstigen Versöhnungskirche) an dieses Ereignis und den gewaltlosen Kämpfer T.N. Zutshi. Dieser war 1956 nach dem Ungarn-Aufstand nach Europa gekommen, um hier den Gewaltlosen Kampf nach den Ideen Mahatma Gandhis zu propagieren. Im  Sommer 1964 verließ er enttäuscht Berlin und kehrte nach Indien zurück.

 Die Vereinigung hatte im  Sommer diesen Jahres angeregt, das ursprüngliche Ausstellungshaus der Stiftung Berliner Mauer mit der Aussichtsplattform zur Erinnerung an den „tapferen Inder“ auf „T.N.Zutshi-Haus“ zu taufen. Da das Haus der dortigen  Kirchengemeinde gehört, gestaltet sich die Abstimmung zwischen den Beteiligten (Stiftung und Kirche) offenbar schwierig. Bisher liegt dem Verein noch keine  Reaktion vor.

Siehe auch unseren Beitrag „T.N. Zutshi – Ein vergessener Kämpfer für die Freiheit“ auf dieser Seite.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

Berlin, 27.09.2012/cw – Sein Auftreten war unscheinbar, bescheiden. Trotzdem dominierte seine Persönlichkeit sein Umfeld: T.N. Zutshi, der Ingenieur aus dem fernen Indien. Er war 1956 nach Europa gekommen, tief beeindruckt von dem Aufstand in Ungarn, dem Freiheitskampf der Magyaren gegen die Unterdrückung durch die Sowjetunion. Der Inder hatte sich in den Kopf gesetzt, den Europäern das Vermächtnis von Mahatma Gandhi nahezubringen. Nur durch den gewaltlosen Kampf sah Zutshi die langfristig angelegte Chance, die rote Diktatur in Ost-Europa zu überwinden.

Zutshi-Schrift    von 1962 –           © 2012 LyrAg

Ich habe kein Vertrauen in  Appelle, wenn hinter ihnen weder eine moralische  noch eine materielle Macht steht. Die moralische Macht ist da, wenn diejenigen, die den Appell vorbringen, bereit sind, etwas zu tun, etwas für die Sache zu opfern.“ So zitierte Zutshi sein großes Vorbild Gandhi. In  diesem Sinne bemühte er sich permanent, die Menschen in Europa von der Kraft des gewaltlosen Widerstandes zu überzeugen.

Vor 50 Jahren: Ich reiße die Mauer ein

Am 2. Oktober 2012, dem 143. Geburtstag von Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma Gandhi († 30.01.1948)  auf den Tag vor 50 Jahren, wollte T.N. Zutshi in den Mittagsstunden vor der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße  „symbolisch“  die Mauer einreißen.

An jenem 2. Oktober 1962 waren an die zweitausend Menschen vor der zugemauerten Kirche erschienen, um  den mutigen  Akt des Inders zu verfolgen. Grenzsoldaten der „DDR“ hatten  auf dem Turm der Kirche sichtbar ein  Maschinengewehr installiert. Der militaristische Pseudo-Staat demonstrierte Gewalt gegen einen  gewaltlosen Kämpfer. Doch Zutshi mußte seine Anhänger und die vielen Beobachter enttäuschen. Der Innensenator und frühere Pfarrer Heinrich Albertz (SPD) hatte von den Alliierten die strikte Order erhalten, das Vorhaben zu verhindern. Und so drohte Albertz dem Demonstranten  Zutshi an, ihn nach einem Versuch gegen die Auflagen der Innenbehörde als „unerwünschten Ausländer“ auszuweisen.

Breite Unterstützung für die Mahnwache: Zutshi wird aus einem Haus in der Hussitenstr. ein Stuhl gereicht – © 2012 LyrAg

Zutshi fügte sich, auch wenn  er gegenüber der zahlreich erschienenen Presse seine tiefe Enttäuschung über diese Zwangslage nicht verschweigen mochte.

Der Kölner Ordinarius für Byzantinistik, Prof. Dr. Berthold Rubin, versuchte nach dieser Absage, selbst mit Hammer und Meißel gegen die Mauer vorzugehen, um zu signalisieren, daß „wir Deutsche das Anliegen  des Inders verstanden“ hätten. Rubin wollte Zutshi nicht „beschämend im Regen stehen lassen,“ wie er erklärte. Der in Berlin wohnende Kölner Professor wurde allerdings umgehend festgenommen, konnte sein Vorhaben ebenfalls nicht durchsetzen.

Zutshi bewirkte ersten Hungerstreik an der Mauer

Der damals achtzehnjährige Berliner Carl-Wolfgang Holzapfel zeigte sich von dem Mut Zutshis beeindruckt und gleichzeitig über dessen Fügung in das Verbot enttäuscht. „Ein gewaltloser Kämpfer dürfe sich den Optionen staatlicher Macht nicht beugen,“ so der seinerzeitige Landwirtschaftslehrling aus Wuhlsbüttel bei Bremen. „Hätte Gandhi sich den Auflagen der Britischen Kolonialmacht in Indien gebeugt, wäre Indien nie frei geworden.“

Fortsetzung des Hungerstreiks vom 2.10.1962 am Mahnmal für Günter Litfin – © 2012 LyrAg

Holzapfel wollte dennoch ein Signal an Zutshi geben, dass „wir Berliner ihn  verstanden“ hätten. Und so setzte sich der junge Mann unter das Straßenschild „Hussitenstraße“ gegenüber der Versöhnungskirche und verkündete, „drei Tage und drei Nächte“ einen  gewaltlosen Sitz- und Hungerstreik aus Protest gegen die Schandmauer durchführen zu wollen. Die Aktion wurde zwar kurze Zeit später durch das Eingreifen der Polizei unterbrochen, aber noch am selben Tag gegen 22:00 Uhr am Mahnmal für das erste durch Schusswaffengebrauch ums Leben gekommene Maueropfer Günter Litfin gegenüber dem Lehrter Bahnhof fortgesetzt (Siehe Archiv SFB, Lutz Lehmann, vom 3.10.1962).

Zutshi seinerseits kündigte noch am selben Tag an, künftig in der Hussitenstraße gegenüber der zugemauerten Kirche „jeden Sonntag zwischen 12:00 und 13:00 Uhr eine Gedenk- und Mahnwache durchzuführen. Er hielt sich bis zu seiner endgültigen Abreise im  Sommer 1964 an diese Demonstration, von einer kleinen, aber treuen Anhängerschaft begleitet.

Der junge Sitz- und Hungerstreiker kehrte im Dezember 1962 nach Berlin zurück und übernahm die Leitung der ersten Ausstellung von Rainer Hildebrandt „Es geschah an der Mauer“ in der Bernauer- /Ecke Wolliner Straße (ebenfalls vor 50 Jahren). Weitere Demonstrationen folgten, so Hungerstreiks 1963 bei 15 Minusgraden am Mahnmal für Peter Fechter oder über den Jahreswechsel 1963/1964 zehn Tage lang zusammen mit einem Freund am von Holzapfel errichteten Mahnmal für den an der Thomaskirche von Grenzsoldaten ermordeten achtzehnjährigen Paul Schulz. Seinen letzten Hungerstreik gegen das DDR-Unrecht führte er im  August 1990 vor dem Justizministerium in Ostberlin durch. Er zwang damit den Justizminister Prof. Kurt Wünsche zum  Rücktritt. Wünsche hatte bereits unter Ulbricht und Honecker in  diesem Amt gedient.

Nach der Eröffnung „Es geschah an der Mauer“ 1962 in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi und Anneliese Kirks (von links) – © 2012 LyrAg

Erinnerung in der Bernauer Strasse

Holzapfel, der seit 49 Jahren der Vereinigung 17. Juni in Berlin angehört und seit zehn  Jahren  deren Vorsitzender ist, wird am 2. Oktober an der Bernauer-/ Ecke Hussitenstraße ab 14:00 Uhr an die Aktion T.N. Zutshis vor 50 Jahren erinnern und hat dazu einige Freunde eingeladen, um diesen vor Ort das damalige Geschehen  zu schildern. Er wolle damit einen Beitrag leisten, an diesen „nahezu vergessenen Kämpfer für die Freiheit“ zu erinnern, dem „wir Berliner viel zu verdanken“ hätten. Zutshi habe mit seinen Visionen vom gewaltlosen Kampf den Ereignissen von 1989 den Weg bereitet, diese vorausgesehen. „Wir wissen nicht,“ so Holzapfel, „ob Zutshi in seiner fernen Heimat Indien den 9. November, diesen großen Tag für Deutschland, Europa und die Welt miterleben konnte, da der Kontakt aufgrund von Sprachschwierigkeiten abgebrochen  war.“  Erst im  letzen Jahr  hatte eine Journalistin berichtet, T.N. Zutshi sei „vor Jahren“ in Indien unbeachtet verstorben.

 V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Alle Dokumente und Fotos: © 2012 LyrAg (über Verein. 17. Juni)

Berlin; 19. Juli 2012/cw – Wir haben am Vortag des 20. Juli, der Erinnerung an das Hitler-Attentat von 1944, die Gelegenheit genutzt, im  Internet zu surfen und zum hier angesprochenen Thema „DEUTSCHLAND VERRECKE“ Beiträge zu suchen. Die Hoffnung, keine nennenswerten LINKS und Beiträge zu finden, wurde bitter enttäuscht. Gleich dutzendweise wurden wir fündig, dafür nur drei Beispiele:

1. http://www.youtube.com/watch?v=YcmXKCb8CN8

Deutschland verrecke – und dann ?

2. http://www.youtube.com/watch?v=8nBzrjswHHM

Slime – deutschland muss sterben

3. http://www.youtube.com/watch?v=x9jPSLaz5Vk

    Kaltwetterfront – Deutschland verrecke

Natürlich fanden wir auch Widerspruch. So schrieb ein Leser drelux am 24.11.2010 im Leserforum von ZEIT ONLINE unter der Überschrift:

„Deutschland verrecke!!!“

„Er ist nicht zu übersehen, der Schriftzug „Deutschland verrecke!!!“, wenn man in Berlin (wo sonst?) die S-Bahn an der Warschauer Straße verlässt und sich umsieht: Mit weißer Farbe auf die Dächer einer Häuserzeile gesprüht.

Die erste Reaktion des damit erstmalig konfrontierten Berlinbesuchers ist eine ungläubige Verwunderung über diese Parole, dann eine gewisse Hochachtung über die artistisch-handwerkliche Leistung des Sprayers, gefolgt von einer – zumindest bei mir – abgrundtiefen Verachtung für einen Menschen, der sich zu einer solchen Tat hinreißen lässt.

Wie tief muss der Hass gegen Deutschland sein, das Land, dem er wahrscheinlich Erziehung, Ausbildung und den Lebensunterhalt verdankt, in welcher Form auch immer. Darüber hinaus genießt er den Schutz durch unser Gesundheits- und Sozialsystem. Millionen von Menschen wären froh und dankbar, wenn sie diese Privilegien hätten, mache riskieren dafür, z.B. als Bootflüchtling, ihr Leben, um in diesen Genuss zu kommen. …

… Ein anderer Aspekt, der mich nachdenklich gemacht hat, ist der Umstand, dass weder die Presse, schon gar nicht die Weltpresse und auch nicht unsere Gutmenschen sich mit der Forderung „Deutschland verrecke!!!“ kritisch auseinandergesetzt haben. Dies wäre sicherlich ganz anders, wenn das Wort „Deutschland“ durch „Juda“ ersetzt würde. Ein Aufschrei der Empörung wäre gewiss, weltweit, deutschlandweit und hier genau von jenen Gutmenschen, die zu der im Titel genannten Parole nachhaltig geschwiegen haben. Erinnerungen an unselige Zeiten würden beschworen und nach dem Eingreifen der Justiz gerufen. Hier aber, wo es „nur“ um Deutschland geht, wird geschwiegen und „Toleranz“ geübt.

Traurig auch, dass die Polit-Darsteller im Berliner Senat bislang untätig geblieben sind oder in ihren Bemühungen erfolglos waren, diese Schmiererei zu beseitigen. Und damit meine ich nicht nur diejenigen in Regierungsverantwortung, sondern auch die CDU-Opposition, die sich offensichtlich an dieser, von moralisch und sittlich verkommenen Menschen formulierten Parole nicht sonderlich stört.

Die Bundesrepublik Deutschland ist das freieste Deutschland, das es je gab. Niemand hindert die, die für diesen Staat nur Hass empfinden, ihr Glück woanders zu versuchen. Damit blieben den zurückgebliebenen Menschen solche unsäglichen Parolen erspart.“

Siehe: http://community.zeit.de/user/drelux/beitrag/2010/11/24/%E2%80%9Edeutschland-verrecke%E2%80%9C

Es bedurfte dieses Nachweises nicht, um aufzuzeigen, dass das von Klaus Hoffmann und uns aufgegriffene Thema tatsächlich schon einige Jahre alt ist. Mindert das die Brisanz?

Wir sind neugierig, mit welcher Gründlichkeit die Staatsanwaltschaft unsere Anzeige bearbeiten wird. Denn auch das haben wir im Internet gefunden: Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes (BVG) vom 3.11.2000 (- 1 BvR 581/00 -). In dieser Entscheidung wird „Deutschland verrecke“ als „künstlerisches Werk“ bewertet, das nach dem GG, Art. 5 Abs. 3 Satz 1, der Kunstfreiheit unterliege (http://www.bverfg.de/entscheidungen/rk20001103_1bvr058100.html).

Nun ja, im weitesten Sinn könnte man also die Akrobatik, mit der auf einem Schrägdach in luftiger Höhe die verunglimpfende Parole DEUTSCHLAND VERRECKE  aufgebracht wird, als KUNST einstufen, man muß sich nur verbal genügend verrenken.

Wir haben einen anderen Vorschlag: Schafft Gedenktage, wie den 20. Juli ab. Wir fordern: HEUCHELEI VERRECKE!!! Das wäre ehrlicher als die verlogen wirkende Ausstreuung salbungsvoller Worte in teuren, staatlich organisierten  Gedenkstunden, vielleicht sogar mit dem Zitat Stauffenbergs: „Es lebe das heilige Deutschland!“

Schafft den 17. Juni mit der Erinnerung an den Volksaufstand von 1953 ab, denn die damalige Forderung nach „Einigkeit und Recht und Freiheit für das Deutsche Vaterland“ passt nicht in  die Realität des 21. Jahrhunderts mit seiner widerwärtigen  Duldung von Vernichtungsparolen gegen  das eigene Land. „Deutschland – Einig Vaterland?“ Nein, auch der 9. November gehört als Erinnerungstag an den Fall der Mauer, den Freiheits-Demos in  Leipzig und anderswo abgeschafft. Zumindest sollten wir ihn wieder  beschränken auf die Erinnerung an die berüchtigte „Reichskristallnacht“.

Allmählich fange ich an zu begreifen, warum wir den 3. Oktober zum Nationalen Gedenktag bestimmt haben: Dieses Gedenken nach Aktenlage erspart uns jedwede Heuchelei und lässt sich beliebig für jedermanns Volksbelustigung verwenden.

Und noch etwas beginne ich zu verstehen, wenn  ich auch fast fünfzig Jahre dafür gebraucht habe: Als ich 1964 Heinrich Albertz an eine „flammende Rede“ vier Wochen  zuvor in Plötzensee zum 20. Juli erinnert habe und deren Umsetzung forderte, antwortete mir der einstige Pfarrer und nunmehrige Bürgermeister von Berlin regelrecht verstört ob dieser naiven Forderung: „Aber Herr Holzapfel, an so einem Tag wird doch manches gesagt!“ Eben.

Carl-Wolfgang Holzapfel

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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