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Berlin, 07.08.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (10 -Teil 9 siehe 06.08.2019).

Bei der späteren Demonstration für die Freilassung des Wehrdienstverweigerers Nico Hübner am Grenzübergang „Heinrich-Heine-Straße“ im Sommer 1978 konnte Holzapfel sogar ungehindert den Grenzbereich betreten. Er wurde erst nach zwei Stunden abgewiesen. Foto: Archiv cwh

Vierzehntausend politische Gefangene wurden seinerzeit von den zuständigen Gremien der (alten) Bundesrepublik 1965 in der DDR registriert. Eine gewaltige Größenordnung, die man bei allem Mitleid und Mitgefühl in diesem Umfang nicht wirklich vermitteln konnte. Diese Zahl war zu groß, zu anonym, um wirkliche Reaktionen auslösen zu können. Daher war es unbedingt wichtig, ein Einzelschicksal beispielhaft herauszugreifen oder voranzustellen, um das eigentlich Unfassbare begreifbar zu machen.

Den Irrsinn der politischen Verfolgung begreifbar machen

Mit Harry Seidel war so ein Beispiel gegeben. Das Schicksal eines einst gefeierter DDR-Straßenmeisters im Radsport, der sich nach dem Mauerbau ideell der Fluchthilfe verschrieben hatte, dessen Frau aufgrund seiner Verhaftung und Verurteilung zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe (!) nun ohne Ehemann leben, dessen kleiner Sohn nun ohne Vater aufwachsen mußte, war vermittelbar, weil begreifbar. Hier konnte das Schicksal tausender politischer Gefangener personalisiert werden. Mit dem weltberühmt gewordenen „Tagebuch der Anne Frank“ konnte zum Beispiel der Irrsinn des nationalsozialistischen Terrors begreifbar und zugänglich gemacht werden. Ohne dieses und andere Einzelbeispiele wäre die unbegreifliche Zahl von sechs Millionen ermordeter Menschen bei bestem Willen nicht zu fassen gewesen. Darum ist die Heraushebung eines – möglichst markanten – Schicksals auch in einer derartigen Auseinandersetzung so unendlich wichtig.

Für den 17. Juni 1965, damals noch arbeitsfreier gesetzlicher Feiertag, hatte ich am selben Grenzübergang in der Heinrich-Heine-Straße für die Mittagsstunden die Fortsetzung der Demonstration für Harry Seidel und 14.000 seiner Leidensgenossen geplant. Der 17. Juni als nationaler Feiertag, an dem des Aufstandes von 1953 für die FREIHEIT gedacht wurde, erschien mir besonders für eine solche Demonstration geeignet. Diesmal wollte ich laut Ankündigung eine Stunde lang versuchen, mit meinem Schild nach Ost-Berlin zu gelangen, um dort meine Forderungen vorzutragen.

1965 scheiterte ein geplanter Hungerstreik vor dem Amerika-Haus
an der Weigerung der BVG, die Plakate auf den U-Bahnhöfen auszuhängen – Archiv: C.W. Holzapfel

Wieder wurde ich von einem „offizialem Aufgebot“, diesmal angeführt von einem Oberst der DDR-Grenztruppen, erwartet. Diesmal gelangte ich wenigstens bis zum Mauerdurchlass für Grenzgänger, nachdem ich am 14.11.1964 bereits kurz nach dem Überschreiten der Sektorengrenze abgewiesen worden war. Der Oberst forderte mich auf, die „Provokation“ unverzüglich zu beenden, da ich ansonsten mit meiner Festnahme rechnen müsste.

Der Grenzübergang wurde geschlossen

„Was denken Sie, warum ich mit meiner Forderung hier stehe? Wenn Sie nicht so brachial mit Ihren Drohungen gegen Andersdenkende vorgehen würden, gäbe es keine politischen Gefangenen bei Ihnen. Ergo brauchte ich nicht für deren Freilassungen zu demonstrieren,“ erklärte ich. „Tun Sie also, was Sie offenbar nicht lassen können.“

Nach einigem weiteren Geplänkel kam der Oberst auf eine ihm wahrscheinlich genial dünkende Idee: „Heute besuchen viele Menschen die Hauptstadt der DDR, um Freude und Verwandte zu besuchen. Sie wollen dies doch sicher unterstützen,“ wandte sich der Oberst an mich.

„Natürlich freue ich mich über jede dieser Gelegenheiten, die ohnehin eigentlich selbstverständlich sein sollten, ohne Passierscheine und ohne Mauer.“

„Dann nehmen Sie folgendes zur Kenntnis: Wenn Sie nicht augenblicklich Ihre Provokation beenden, werden wir den Grenzübergang komplett sperren. Dann kann heute keiner mehr zu diesen Besuche einreisen.“

Den Stacheldraht beseitigen, wie hier am Gleimtunnel 1963 – das WIR in den Vordergrund stellen. – Foto: LyrAg

„Wenn ich hier stehe, um für die Freilassung der politischen Gefangenen zu demonstrieren und dabei riskiere, wie Sie selbst permanent androhen, ebenfalls festgenommen zu werden, dann kann ich erwarten, dass ein vorgesehener Besuch an einem anderen Tag erfolgt. Denn ich stehe mit meiner Forderung auch für diese Menschen hier.“

Tatsächlich wurde der Grenzübergang für den Besucherverkehr geschlossen. Meine Befürchtung, in der Folge von abgewiesenen Besuchern beschimpft zu werden, liefen allerdings ins Leere. Es kam zu keinerlei Vorwürfen oder lauten Äußerungen negativer Art. Ich konnte beobachten, wie abgewiesene Besucher ohne „laut zu werden“ wieder nach West-Berlin umkehrten.

Pünktlich um 13:00 Uhr wandte ich mich an die kleine Gruppe von Offizieren, die unmittelbar am Mauerdurchlass bei mir stehen geblieben waren: „Ich bedauere, das Sie mich  mit meiner Demonstration nicht nach Ost-Berlin gelassen haben und breche daher, wie angekündigt, für heute meine Demonstration ab. Sie dürfen davon ausgehen, dass ich diese Demonstrationen für die Freilassung politischer Gefangener fortführen werde und mich nächstes Mal über einen längeren Zeitraum hinaus um eine Demonstration in Ost-Berlin für dieses Anliegen bemühen werde.“

Ohne weitere Behinderungen konnte ich umkehren und das Grenzgebiet in Richtung West-Berlin verlassen. Mein Schild mit der Forderung: „Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene in der SbZ“ hatte ich dabei. Die DDR-Grenzer hatten erstaunlicherweise keinen Versuch unternommen, mir dieses Schild abzunehmen.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.453)

Berlin, 06.08.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (9 -Teil 8 siehe 05.08.2019).

Auch dies war einer der Lehrsätze, die der Gandhi-Streiter T.N. Zutshi mir vermittelte: Gandhi habe sinngemäß gesagt, er habe „kein Vertrauen in Appelle, wenn nicht hinter diesen die Kraft stände, etwas persönlich dafür zu opfern, sich selbst dafür einzubringen.“ Und Zutshi, der sehr eindringlich und überzeugend argumentieren konnte, erläuterte auf Nachfrage: Es sei durchaus lobenswert, sich an der Mauer mit einem Schild aufzustellen und damit den DDR-Grenzern seine Forderungen zu vermitteln. Diese würden sich wahrscheinlich ärgern, aber ansonsten würde dies keine Auswirkungen haben. Ginge man aber mit einem solchen Schild „in den Osten, also über die Grenzlinie in das DDR-Gebiet“ würde man dem Gegner die „Ernsthaftigkeit seines Anliegens“ deutlich machen, weil man sogar „keine Angst vor einer mögliche Verhaftung“ hätte, sondern diese vielmehr inkauf nähme.

Der selbstlose Inder aus Benares in Indien hatte seinen Mahatma Gandhi gut studiert. So vermittelte er mir auch die Notwendigkeit, eine solche Aktion immer rechtzeitig öffentlich anzukündigen. Gandhi hatte das so gelehrt: „Gib dem Adressaten deines Anliegens immer die Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren, indem Du diesem die Zeit gibst, auf dein Anliegen einzugehen.“

Legt Eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit

Und wie war das mit der möglichen Angst, mit dem Herzklopfen vor und während einer solchen Aktion? Zutshi erinnerte an sein Credo von 1960 auf dem Alexanderplatz. Dort war er mit einem Schild aufgetreten: „Menschen hinter dem Eisernen Vorhang – Der erste Weg zur Freiheit: Legt Eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit.“ Aber wie meinte Zutshi das in der Praxis? Auch das konnte er überzeugend erklären: „Wenn ein oder zwei Menschen in der DDR auf das nächste Revier gingen, um dort ihre Ablehnung des DDR-Systems zu bekunden, würden diese wahrscheinlich inhaftiert werden. Dann kämen die nächsten DDR-Bürger, um das Gleiche zu bekunden. Schnell würden sich die Hafteinrichtungen so füllen, dass die Diktatur gezwungen wäre, die ersten Häftlinge wieder zu entlassen. Diese würden dann ohne Angst die Ablehnung des kommunistischen Systems öffentlich artikulieren können, ohne erneut verhaftet zu werden.“

Zutshi hielt von 1962 – 1964 vor der Versöhnungskirche jeden Sonntag eine Mahnwache für die Menschen hinter der Mauer ab. Er wurde vor Ort unterstützt. Foto: Ein Bewohner reicht ihm einen Stuhl aus dem Fenster. Im Hintergrud die Versöhnungskirche.
– LyrAg

Fünfundzwanzig Jahre später, 1989, habe ich bedauert, dass T.N. Zutshi den Triumph seiner These nicht mehr erleben konnte. War es nicht so, als hätten die Abertausenden DDR-Bürger diese Zutshi-Worte verinnerlicht, als sie bar jeder Angst mit der Skandierung der Wahrheit auf die Straßen gingen?

Lebenslänglich Zuchthaus für Harry Seidel

1964 also, nach meinem Krankenhausaufenthalt, war die Umsteuerung auf eine andere Form des gewaltlosen Widerstandes für mich angezeigt. Zutshi hatte ja bereits mehrfach für den Fluchthelfer und ehemaligen DDR-Radrennsportler Harry Seidel demonstriert, der am 14. November 1962 am Ende eines 70 Meter langen Tunnels, den er im Auftrag der West-Berliner CDU in Kleinmachnow mitgebaut hatte, in einen Hinterhalt des MfS gelangt war. Wenige Wochen später wurde Seidel zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt.
Analog zu seiner Aktion im Oktober 1962 vor der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße konnte Zutshi nach eigenem Bekunden selbst nicht mit dem Schild „Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene in der SBZ“ in die DDR gehen. Die angedrohte Ausweisung als unerwünschter Ausländer hielt ihn davon ab. Er wollte seinen Freunden den gewaltlosen Widerstand vermitteln, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Zutshi mit dem Sohn Harry Seidels. Frau und Sohn lebten bereits in West-Berlin. Foto: LyrAg

Also begann ich mit der Planung meiner ersten Demonstration für die politischen Gefangenen für den zweiten Jahrestag der Verhaftung von Harry Seidel am 14.November 1964. Das erforderte vor allem eine gewissenhafte mentale Vorbereitung, denn ich wollte jeglichen Anflug von Angst vor der bevorstehenden Konfrontation mit der DDR-Diktatur überwinden. Getreu den vermittelten Lehrsätzen kündigte ich die geplante Aktion eine Woche vorher öffentlich an.

Nach einer demonstrativen Kranzniederlegung am Mahnkreuz für Peter Fechter, bei der ich bereits von einem West-Berliner Polizeioffizier daran gehindert wurde, eine Erklärung zu meiner beabsichtigten Demonstration zu verlesen, weil dies „nicht erlaubt“ sei, zog ich in Begleitung zahlreicher Freunde und Unterstützer mit meinem Schild zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße am Moritzplatz.
Wer hatte hier Angst? Und vor Wem?

In die Heinrich-Heine-Straße eingebogen bemerkte ich sofort auffallende Veränderungen am Grenzübergang. Die dortigen Mauerwächter waren nicht nur verstärkt worden, auch standen in vorderster Linie nur Grenzoffiziere ab Dienstgrad Oberleutnant aufwärts. Hatte ich zugegeben auf diesem Weg doch einiges Herzklopfen, so fielen bei Ansicht dieses Szenariums sämtliche Angstgefühle ab: Wer hatte hier denn Angst? Und vor wem? Ein einfacher Arbeiter, als der ich damals bei der BVG tätig war, demonstrierte und die DDR zeigte „mehr Angst als Vaterlandsliebe“? In diesen schicksalhaften Minuten veränderte sich mein Bewusstsein entscheidend: Seither hatte ich niemals mehr Angst vor den Organen der DDR. So konnte ich bis zum Ende dieser zweiten deutschen Diktatur meine Demonstrationen völlig angstfrei durchführen, was eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Grundlage meiner künftigen Aktionen war.#

Bei der ersten Demo für die Freiheit politischer Gefangener 1964 wurde Holzapfel von einem Oberleutnant der DDR-Grenzposten abgewiesen. Foto: LyrAg

Am 14. November 1964 wurde ich, kaum, dass ich den Grenzstrich überschritten hatte, von einem Oberleutnant in Richtung West-Berlin zurückgestoßen, worauf ich diese Demonstration sofort abbrach. Dieser erste gewaltlose Einsatz in einer unmittelbaren Konfrontation mit den DDR-Organen zielte in der Konsequenz in zwei Richtungen: Natürlich nach Ost-Berlin aber auch auf meine Freunde in West-Berlin. Diese hatten nämlich geunkt, ich würde nach dem ersten Schritt über die weiße (sprich „rote“) Linie sofort verhaftet werden, man würde mich für die nächsten Jahre nicht mehr sehen. Es war also für mich und künftige Aktionen sehr wichtig, dieses erste Mal nicht durch unbedachte Reaktionen zu überreizen, sondern meinen Freunden im Westen zu signalisieren: Man kann auch gegen die DDR gewaltlosen Widerstand leisten, ohne gleich verhaftet zu werden.

Allerdings erklärte ich dem abweisenden DDR-Oberleutnant, daß ich wiederkommen würde, um für die Freiheit von Harry Seidel erneut zu demonstrieren. Dabei würde ich mich nicht mehr so schnell zurückweisen lassen.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.451)

Rasdorf/Berlin, 24.05.2018/cw – Die Erinnerung an die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands sollte bewahrt werden. Zu diesem Zweck wurde 2003 das „Kuratorium Deutsche Einheit“ gegründet. Erinnerungen wurden dabei wach an das nach dem Mauerbau gegründete „Kuratorium Unteilbares Deutschland“, das sich nach dem Mauerfall ziemlich sang- und klanglos auflöste. Dabei hätten die Aktivisten um dieses Kuratorium eine Nach-Würdigung weiß Gott verdient. Ohne dieses Kuratorium wäre der Glaube an die Machbarkeit einer Wiedervereinigung und die erreichbare Freiheit für die Völker Europas noch viel eher in den Orkus der Geschichte hinuntergespült worden.

Das jetzige „Kuratorium Deutsche Einheit“, ein eigenständiger Verein, fand offenbar profunde Geldgeber, um 2005 erstmals einen bemerkenswerten Preis, den „Point-Alpha-Preis“ zu verleihen. Benannt wurde dieser Preis nach dem gleichnamigen ehemaligen US-Beobachtungsstützpunkt an der innerdeutschen Grenze. Und die ersten Preisträger verliehen dem Preis einen fast unauslöschlichen Glanz, der natürlich auch Maßstäbe für die Zukunft setzte: George W. Bush senior, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl, die Epigonen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung Europas.

Das setzte Maßstäbe, machte die Erkundung weiterer Preisträger nicht eben leichter. Aber immerhin: Neben den weiteren historischen Größen wie Václav Havel, Altbundeskanzler Helmut Schmidt (2010) und Lech Walesa (2013) wurden auch Bürgerrechtler wie Freya Klier, Dr. Ehrhart Neubert und Konrad Weiß ausgezeichnet, unter die sich auch politische Namen wie Felipe González (2011), Miklós Németh (2014) und Dr. Wolfgang Schäuble mischten. Sogar Prof. Dr. Richard Schröder wurde (2016) mit dem Preis geehrt. Eine bunte Mischung also, die den anfangs übergroß erscheinenden „Klotz“, der mit den ersten Preisträgern unüberwindliche Maßstäbe zu setzen schien, positiv relativierte.

Jetzt aber erklärte der Verein, für 2018 keinen Preisträger gefunden zu haben. Wie das? Wurde die Wiedervereinigung tatsächlich „nur“ von einigen Wenigen umgesetzt? Gab es außer den wenigen bislang ausgezeichneten Würdenträgern keine Menschen, die sich – oft unter Aufopferung vieler Lebensjahre – für das Ziel der Wiedervereinigung, für die Freiheit eingesetzt haben? Das ist kaum zu glauben. Noch leben zum Beispiel Teilnehmer am Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Mitteldeutschland, am Aufstand in Posen und Ungarn von 1956, am Prager Aufstand von 1968, wenn auch nur noch wenige. Noch leben mutige Fluchthelfer, die – oft unter Einsatz ihres Lebens – Menschen in die Freiheit verhalfen, zum Beispiel Harry Seidel. Noch leben ehemalige politische Häftlinge, die Jahre hinter den Zuchthausmauern einer Diktatur verbringen mussten, weil sie für die Freiheit des Geistes, der Bewegung – von einem Land in das andere – eingetreten waren. Sicher leben auch noch Akteure des einstigen Kuratorium Unteilbares Deutschland. Noch leben auch Schriftsteller wie Karl-Wilhelm Fricke, der sich durch bewegende Aufsätze und Bücher für die Freiheit des Wortes u n d des Menschen einsetzte.

Es waren 2018 keine Preisträger ausfindig zu machen? Die Verantwortlichen sollten noch einmal in sich gehen. Es gäbe genug Menschen, die diesen Preis tatsächlich verdienten. Man muss nur den Mut haben, von der Brecht´schen Weisheit abzurücken „Und man siehet die im Lichte, Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Der Verein hätte eine glänzende Gelegenheit, nach einem furiosen Start vor 13 Jahren das damit errungene Ansehen zu nutzen, neben verdienten Politikern auch die Menschen zu ehren, die zwar im Schatten standen, aber die Lasten der Teilung Deutschlands und Europas wie die Lasten der Wiedervereinigung mit herausragendem Mut und Einsatz getragen haben. Noch leben diese Menschen.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.385).

 

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Heute erreichte uns die erwartete Nachricht vom Tode eines großen Deutschen: Der einstige Wehrmachtsoffizier, Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg, Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag, Verteidigungsminister und Bundeskanzler starb im Alter von 96 Jahren.

Zwei Tage nach dem Gespräch im Sportpalast: Brief an Helmut Schmidt - Archiv

Zwei Tage nach dem Gespräch im Sportpalast: Brief an Helmut Schmidt – Archiv

Es gibt Berufenere, Nachrufe abzufassen, die Hinterlassenschaft dieses herausragenden politischen Realisten zu beleuchten. Ich möchte mich in diesen Stunden der Trauer an eine Begegnung erinnern, an seine Zusage und das eingehaltenen Wort, das er mir, einem jungen Mauerdemonstranten, damals im inzwischen abgerissenen legendären Sportpalast in Berlin gab.

2. April 1965: Wahlveranstaltung in Berlin (Bundestag). Die SPD hatte in den Sportpalast eingeladen. Einer der Redner: Helmut Schmidt, Innensenator von Hamburg.

Für den Sommer hatte ich eine Unterschriftsammlung in 14 Großstädten Westdeutschlands, wie wir damals die Bundesrepublik umgangssprachlich nannten,  für die Freilassung des zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilten Fluchthelfers Harry Seidel und „14.000 politische Gefangene in der SbZ“ geplant. Die Aktionsreise sollte am 14. August in Hamburg beginnen. Doch die Hansestadt machte formale Schwierigkeiten wegen der Bannmeile um das Hamburger Rathaus. Was lag da näher für den Aktivisten, als den zuständigen Innensenator direkt anzusprechen?

Helmut Schmidt nahm sich für mein Anliegen Zeit, so, als wäre der Vortrag des jungen Berliners in diesem Augenblick das Wichtigste im Sportpalast. Der Senator hörte sich mein Anliegen an und meinte, der Hamburger Bahnhof wäre doch eigentlich viel geeigneter für mein Vorhaben. Ich berichtete über meinen Wohnaufenthalt 1961 in Hamburg und dass ich mich sehr wohl in der Hansestadt auskannte. Aber wenn ich vor dem Rathaus diese wichtigen Unterschriften sammeln könnte, würde das in Ost-Berlin als stillschweigende Zustimmung des Senates gewertet werden, ohne dass sich dieser dazu öffentlich äußern müsste. Dies hätte also einen großen symbolischen Wert.

Wort gehalten: Drei Wochen später kam die zugesagte Antwort - Archiv

Wort gehalten: Drei Wochen später kam die zugesagte Antwort – Archiv

„Das leuchtet mir ein,“ erwiderte Schmidt und: „Schreiben Sie mir das Ganze und schicken Sie mir das. Sie bekommen von mir persönlich Antwort.“ Dann übergab er mir seine Visitenkarte und wünschte mir per Handschlag für mein Vorhaben alles Gute.

Helmut Schmidt hielt Wort. Am 28. April erhielt ich sein Schreiben: „Ich darf Ihnen sagen, daß ich Ihrer Unterschriftensammlung, mit der Sie für die Freiheit des Fluchthelfers Harry Seidel plädieren wollen, volles Verständnis entgegen bringe und mich deswegen bemühen werde, die erforderliche Genehmigung zu erreichen.“

Am 14. Juli 1965 wurde dann die offizielle Genehmigung erteilt. So konnte ich in Hamburg, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Mannheim, Stuttgart, Augsburg, Regensburg, Nürnberg, Würzburg und Kassel 6.000 Unterschriften von Menschen aus 27 Nationen für die Freilassung der politischen Gefangenen erreichen. Helmut Schmidt hatte an dem Erfolg einen wesentlichen Anteil, weil er mir durch seine engagierte Zusage das letzte Quentchen  Mut zum Start für die Aktionsreise vermittelte.

Ich durfte durch mein Engagement Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Wilhelmine Lübke, Ernst Lemmer, Rainer Barzel und einigen anderen begegnen. Der Begegnung mit Helmut Schmidt im Sportpalast zu Berlin in jenem April 1965 kam seither ein besonderer Platz in meinen Erinnerungen zu. DANKE (1.059).

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 21.11.2012/cw – Das am 12. November vorgestellte BILD-Buch „Freigekauft – der DDR-Menschhandel“ (Piper-Verlag München, 17,99 Euro / Im  Buchhandel) ist Thema eines Beitrages im MDR-Fernsehen am 22.11.2012, 22:05 Uhr.

Das von BILD-Chef  Kai Dieckmann herausgegebene und von Hans-Wilheln Saure und anderen verfasste Buch beschreibt eines der schmutzigsten Kapitel des Kalten Krieges, dem von der DDR praktizierten Menschenhandel. Die schizophrene SED-Führung scheute sich nicht, Menschen unter dem Vorwurf des „Menschenhandels“, weil diese Fluchthelfer waren, in die DDR-Zuchthäuser zu stecken, um  selbst über drei Milliarden (der verteufelten) DM an dem Freikauf-Handel zu verdienen.

Für die Betroffenen war dieses schmutzige Kapitel auf der anderen Seite vielfach ein  Segen. So wurde beispielsweise der zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilte einstige DDR-Straßenrad-Profi und Fluchthelfer Harry Seidel nach vier Jahren DDR-Haft freigekauft. Auf diesem Weg wurden zwischen 1963 und 1989, also in 26 Jahren, 33.000 aus politischen Gründen Verurteilte vom sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat in die Freiheit verkauft.

Einige dieser Schicksale werden  in dem großformatigen Bildband auf über 200 Seiten vorgestellt. Eindrucksvolle Fotos und bislang nicht veröffentlichte Dokumente aus den Archiven des Staatssicherheitsdienstes vermitteln mehr Licht in dieses dunkle Kapitel deutsch-deutscher Geschichte.

Einstige Hohenecker Frauen, wie Uta Franke und Tatjana Sterneberg sowie einstige Gefangene aus Cottbus, Bautzen und anderen Haftanstalten der DDR werden in dem übersichtlich und lesbar gestalteten Buch portraitiert.

Buch: Empfehlenswert.

MDR-Beitrag: Tages-Tipp.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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