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Interview der Neuen Zürcher Zeitung vom 08.11.2019 mit dem vormaligen  Bundespräsidenten Joachim Gauck. In dem Interview äußert sich der vormalige Bundespräsident extensiv zum Thema Toleranz:

Wir können an diesen Aktionen an den Unis Hamburg, Giessen, Frankfurt und zum Teil auch in Berlin sehen, was passiert, wenn die Guten meinen, es sei jetzt an der Zeit, die Meinungsfreiheit einzuschränken, weil diejenigen, die sie dort am Auftreten hindern, für unsere Gesellschaft zu gefährlich seien. Dabei handelt es sich bei jenen weder um Nazis noch um Nationalisten, sondern einfach um Menschen, die eine unpopuläre Sicht meist rechts von der Mitte auf die Geschehnisse in Deutschland und Europa vertreten. Dann erhält jemand schnell das Etikett «Nazi» oder «Faschist». So eine linke Orthodoxie ist ja etwas zutiefst Antidemokratisches: die Vorstellung einer gereinigten Gesellschaft. Dabei entsteht ein grosser politischer Schaden für die Demokratie, wenn abweichende Meinungen gleich als unmoralisch verurteilt und diskriminiert werden. Und Intoleranz gerechtfertigt wird zur Durchsetzung des Guten.

Der vollständige, ungekürzte Text unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/joachim-gauck-zum-mauerfall-es-ist-keine-gute-strategie-alles-was-abseits-von-der-politischen-mitte-ist-sofort-auf-die-seite-der-demokratiefeinde-zu-setzen-ld.1520427

Berlin, 08.08.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (11 -Teil 10 siehe 07.08.2019).

Mein Selbstbewusstsein war mit der Demonstration am 17. Juni 1965 erneut gewachsen. Der Weg des Gewaltlosen Widerstandes, des friedlichen Protestes gegen ein unfriedliches System erschien mir ob der offenbaren Hilflosigkeit der DDR-Organe gegenüber dieser Form des Protestes als richtig.

Ein anderes Problem wurde damit aber nicht geringer. Die Fortführung einer solchen Demonstration mußte ständig kreativ gestaltet, also für die Öffentlichkeit interessant sein, um die notwendige Aufmerksamkeit für dieses wichtige Anliegen wachzuhalten. So kam ich nach der letzten Demonstration am 17. Juni auf den Gedanken, in mehreren Großstädten der (alten) Bundesrepublik Unterschriften für die Freilassung politischer Gefangener zu sammeln. Ich wollte damit in Hamburg beginnen und das täglich über Hannover, Frankfurt, Nürnberg, München und Stuttgart und anderen Städten fortsetzen. Das bedurfte einer strategischen Logistik, die im Vergleich zu heute rückwirkend recht mühsam erscheint. Zwölf Städte mussten via zuständiger Ordnungsbehörden angeschrieben und um Erlaubnis gebeten werden, alles mit Schreibmaschine und Marsch zum Postamt. Facebook, Twitter oder Emails gab es zum damaligen Zeitpunkt noch nicht.

Helmut Schmidt engagierte sich für das Anliegen

Bis auf zwei Städte, Hamburg und Kassel, gab es seitens der Behörden keine großen Schwierigkeiten. Hamburg widersprach zunächst der Absicht, die Unterschriften vor dem Hamburger Rathaus einzuwerben, weil es sich dort um die sogen. Bannmeile handelte. Kassel wiederum wandte ein, ich hätte in Berlin verbotene NS-Symbole verbreitet, hätte also einen rechtsradikalen Hintergrund. Tatsächlich hatte ich in einem Wahlkampf in Berlin die Brillengläser des damaligen SEW-Vorsitzenden Gerhard Danelius (* 02.04.1913; † 18.05.1978) auf Wahlplakaten der kommunistischen Partei mit roten Hakenkreuzen bemalt, um die Übereinstimmung beider Diktaturen zu kennzeichnen. Die SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlin) war ein Ableger der SED. In diesem Zusammenhang war ich auch in der Weddinger Brunnenstraße von einer zehnköpfigen kommunistischen Schlägertruppe zusammengeschlagen worden.

Die Vereinigung 17.Juni unterstützte von Beginn an die Aktionen an der Mauer. Das „V“ in der Vereinsfahne stand/steht für „Victory“ – Sieg (der 1989 errungen wurde) – Foto: LyrAgRH

Im Fall Hamburg ergab sich hingegen ein direkter Weg. Auf einer Wahlveranstaltung im historischen Berliner Sportpalast trat unter anderem der Innensenator der Hansestadt und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt (* 23.12.1918; † 10.11.2015) auf. Ich nutzte die Gelegenheit, den Innensenator in der ersten Reihe anzusprechen, während ein anderer Politiker sprach. Schmidt hörte sich mein Anliegen geduldig an und wandte dann ein, dass man vor dem Hauptbahnhof wesentlich mehr Unterschriften einsammeln könnte. Unter Hinweis auf meine Ortskenntnis, weil ich 1961 in Hamburg gewohnt hätte, gab ich Folgendes zu bedenken: Zweifelsohne hätte der Senator mit seiner Bemerkung recht, andererseits würde die Ermöglichung einer Unterschriften-Sammlung vor dem Rathaus auch ohne jegliche Erklärung des Hamburger Senates der anderen Seite, sprich der DDR, die stillschweigende aber wichtige Unterstützung der Stadtspitze für dieses Anliegen signalisieren.

Nach kurzer Überlegung erklärte Helmut Schmidt, meine Argumente würde ihm einleuchten. Er übergab mir seine private Visitenkarte und bat mich, eine kurze Zusammenfassung zuzusenden. Er würde schnellstmöglich antworten. Helmut Schmidt hielt Wort. Knappe drei Wochen später hielt ich sein Schreiben in der Hand, in dem er mir die Unterstützung der Hansestadt bestätigte.

Über 6.000 Unterschriften aus 26 Nationen

Schließlich konnte ich im August meine zweiwöchige Reise durch zwölf Großstädte antreten. Zu Beginn hatte sich Ernst Lemmer am Rande einer Kundgebung vor dem Ernst-Reuter-Haus in der Straße des 17. Juni in Berlin als erster Politiker in das Unterschriftenbuch eingetragen. In jeder Stadt begann ich die Aktion mit einem Besuch im jeweiligen Rathaus, um – meist mit Erfolg – zunächst die Unterschrift des jeweiligen Oberbürgermeisters einzuholen. Das erschien mir wichtig, um die Bürger ebenfalls zu einer Unterschrift zu animieren.

Die stete Erinnerung an die NS-Verbrechen war auch Motiv für den Kampf um die Menschenrechte . Foto: Gedenken am Steinplatz in Berlin – LyrAg/RH

Noch heute bin ich erstaunt über die Bandbreite. Neben dem ehemaligen Bundesjustizminister Ewald Bucher, FDP (* 19.07.1914; † 31.10.1991) unterzeichnete eine ehemal. Altistin der Budapester Staatsoper, ein Offizier aus dem ehem. Königlich-Ungarischen Generalstab, der bekannte OB von Frankfurt am Main, Prof. Willi Brundert (* 12.06.1912; † 07.05.1970) und die Bürgermeister zahlreicher weiterer Städte, wie Nürnberg und München. Später, nach meiner Verhaftung am Checkpoint Charlie, trug sich auch Bundeskanzler Ludwig Ehrhardt (* 04.02.1897; † 05. 05.1977) am 1. Mai 1966 in Berlin in das Unterschriftenbuch ein.

Eine Auswertung nach meinem „Urlaub“ ergab: Menschen aus 26 Nationen hatten die Forderung auf Freilassung der politischen Gefangenen in der DDR unterzeichnet. So groß meine Freude darüber war, brachte mich dieses Ergebnis in ein echtes Dilemma: Auf der einen Seite stand für mich klar die einzige mögliche Forderung auf einem neu zu erstellenden Protestschild fest: „Menschen in aller Welt fordern: Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene“. Diese Forderung mußte daher am sogen. Ausländerübergang am Checkpoint Charlie vorgetragen werden. Auf der anderen Seite hatten mir die West-Alliierten „ihren Checkpoint“ für Demonstrationen „gleich welcher Art“ strikt untersagt. Der Inspektionsleiter von Wedding hatte mir eigens diese alliierte Anordnung auf der Arbeitsstelle bei der Vereinigten Verkehrs-Reklame (VVR/BVG) in der Müllerstraße überbracht.

Eine Verhaftung stand im Raum

Meine bisherige Praxis, jede Demonstration eine Woche vorher öffentlich anzukündigen, um dem Adressaten der vorgetragenen Forderung die „Möglichkeit zu geben, sein Gesicht zu wahren, also (möglicherweise) auf die Forderung einzugehen“ (Gandhi) konnte ich diesmal nicht umsetzen. Ich wäre Gefahr gelaufen, morgens um 6:00 Uhr von der (West-)Berliner Polizei in der Wohnung abgeholt und in sogen. Sicherungsverwahrung genommen zu werden.
So konnte ich also nur einen ganz kleinen und vor allem vertrauensvollen Kreis einweihen. Allerdings war mir auch bewusst, dass die geplante Demonstration aus den gen. Gründen diesmal durchaus mit einer Festnahme durch DDR-Grenzer enden konnte. Denn diese wüssten ja durch die unterbliebene Ankündigung zunächst nicht, wer dort über die Sektorengrenze kam. Sie würden zunächst einen „unbekannten Provokateur“ festnehmen.

Auch dies machte eine sorgfältige Vorbereitung notwendig, denn sowohl meine Wohnung mußte gesichert werden, meine Angehörigen wie meine Arbeitstelle auf eine mögliche „längere Abwesenheit“ vorbereitet werden.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.455)

Berlin, 29.07.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern (1).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Der 13. August 1961

Damals ging ich noch jeden Sonntag in die Kirche. Als ich nach dem Gottesdienst zurück in das Lehrlingsheim in Hamburg kam, berichteten mir meine zwei Zimmergenossen aufgeregt über Berichte im Radio, nach denen Berlin in der vergangenen Nacht abgeriegelt worden sei. In der Folge kam ich nicht mehr vom Radio weg. Halbstündlich wurde aus Berlin berichtet. Bewaffnete Organe des „Pankower Regimes“ hatten West-Berlin abgeriegelt, Straßen gesperrt, aufgerissen und mit Stacheldrahtrollen unpassierbar gemacht. S- und U-Bahnen waren auf den Strecken, die über Ost-Berlin führten, unterbrochen.

Natürlich war ich aufgewühlt: Meine Eltern, meine Geschwister waren in Berlin, wenn auch im Westteil der Stadt. Was aber, wenn ich diese auf unabsehbare Zeit nicht mehr wiedersehen könnte? Zugegeben, diese profanen Gedanken standen zunächst im Vordergrund aller Überlegungen eines Siebzehnjährigen, der gerade nach einem schweren Unfall zum 1. August seine Lehrstelle in Hamburg (Gebrüder I.B.Wulff) als Einzelhandelskaufmann angetreten hatte.

Auf dem „Kattendorfer Hof“ bei Kaltenkrichen mußten Jugendliche bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten – Foto: LyrAg

Zuvor war ich in einer kirchlichen Heimeinrichtung auf dem Land untergebracht gewesen. Dort mussten wir bis zu 14 Stunden täglich in der Landwirtschaft arbeiten. Dafür erhielten wir monatlich 5 DM, wovon wir uns Zahnpasta und Seife selbst kaufen mussten. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Genau an dem Tag, als ich endlich dieser Fron durch einen Lehrlingsvertrag entweichen konnte, rutschte ich bei meinem Abschiedsrundgang bei meinen bisherigen Heimgenossen im Pferdestall aus und erlitt einen komplizierten dreifachen Bruch im linken Fußgelenk. Ärztliche Nothilfe? Fachgerechte erste Behandlung? Das funktionierte nicht. In einem klapprigen VW-Käfer wurde ich, vor Schmerzen wimmernd auf dem Rücksitz liegend, eine halbe Stunde später in das ca. 30 km entfernte Kreiskrankenhaus gefahren. In einer sofortigen OP wurde mein Fußgelenk wieder eingerenkt und der Fuß bis zum Knie eingegipst. Nageln oder schrauben, das kannte man offensichtlich 1961 noch nicht, die Folgen spüre ich noch heute.

Der Lehrherr war äußerst sozial. Obwohl ich noch keinen Tag gearbeitet hatte, setzte er den Lehrvertrag fort und zahlte vom ersten Monat an mein Lehrgeld in Höhe von 80 DM. Drei Monate brachte ich im Krankenhaus zu, nach einem weiteren Monat wurde der Gips entfernt…

Ende August erhielt ich mein Lehrgeld. Statt am Abend in das Lehrlingsheim rückzukehren, fuhr ich zum Hamburger Hauptbahnhof und löste eine Fahrkarte nach Berlin. Inzwischen waren bereits mehrere Menschen bei dem Versuch, durch die Absperrungen nach West-Berlin zu gelangen, ums Leben gekommen. Die Lage spitzte sich aus meiner Sicht beunruhigend zu. An dieser Einschätzung konnte weder der spontan inszenierte Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Johnson wie die hilflos wirkenden Aktionen des von mir bis dahin tief verehrten Konrad Adenauers etwas ändern.

In Berlin angekommen, stieg ich am Bahnhof Zoo in ein Taxi: „Bernauer Straße“ sagte ich nur. Diese Straße im Norden Berlins, im sogen. Arbeiterbezirk Wedding, war inzwischen weltweit als „Straße der Tränen“ zu trauriger Berühmtheit gelangt. Das lag auch an der örtlichen Situation: Die Häuser entlang der Bernauer Straße lagen im Sowjetsektor, die davor liegende Straße befand sich im Französischen Sektor. Einige Bewohner nutzten diese Gegebenheit und sprangen aus den Fenstern ihrer Wohnungen buchstäblich in die Freiheit – oder in den Tod.

Vor der eingemauerten Versöhnungskirche

In der Bernauer Straße angekommen, stand ich alsbald fassungslos vor der inzwischen eingemauerten Versöhnungskirche. Die überlebensgroße Christusfigur über dem Eingang breitete wie Schlimmes ahnend ihre Arme segnend über den nunmehrigen Todesstreifen aus. Dieses eindrückliche Bild habe ich und werde ich nie vergessen. Weinend, hilf- und ratlos stand ich vor dieser Kirche. Was hatte man uns nach dem Krieg in den Schulen vermittelt? Mit dem Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Diktatur wäre das Unrecht ausgerottet worden, gäbe es keine Menschenrechtsverstöße mehr, die Zeit des Friedens zwischen den einst verfeindeten Völkern wäre angebrochen.

Und jetzt zog man eine Mauer quer durch die ohnehin gequälte, weil geteilte Hauptstadt, bedrohte und tötete sogar Menschen, die von einem Teil der Stadt in den anderen wollten. Und die Welt schaute offensichtlich zu, nahm diese Ungeheuerlichkeit hin, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben?

Gedanken eines Jugendlichen, der noch vier Jahre von seiner Volljährigkeit entfernt war und sich ob seiner Situation – eigenmächtiges Verlassen einer Heimeinrichtung – selbst als hilflos empfand. Aber damals brandete ein ungeheurer Wille in mir auf und ich legte vor der Versöhnungskirche diesen Schwur ab: Nicht zu ruhen und zu rasten, bis dieses Schandwerk, die Deutschland zerreißende Mauer, gefallen oder mein Leben vorher beendet sein würde.

Wie und auf welchen Wegen dieser Kampf stattfinden sollte, wußte ich in diesem Augenblick in der Bernauer Straße nicht. Der Schwur in dieser Straße und in diesem Moment war mir wichtig, alles andere würde sich finden.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.442)

Berlin/Hamburg, 14.04.2019/SK – Am 27. März 2019 verstarb der langjährige Vorsitzende der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion Horst Schüler im Alter von 94 Jahren in Hamburg.

Ein Nachruf von Stefan Krikowski *

Diese Augen. Wer in diese Augen geschaut hat, spürt, dass sie weit mehr gesehen haben als einem Menschen zuzumuten ist. Über viele Jahre hatte Horst Schüler in die Abgründe des Gulags geblickt. Durch ein Sowjetisches Militärtribunal (SMT) war er am 5. März 1952 im berüchtigten KGB-Gefängnis in der Potsdamer Lindenstraße zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Workuta verurteilt worden. Die engsten Familienangehörige und seine Ehefrau wussten nichts über seinen Verbleib. Über viele Jahre war er einfach spurlos verschwunden.

Zu einer Zeit, als es Menschen gab, die freiwillig von Hamburg in die DDR zogen, war er froh, überhaupt nach Hamburg ziehen zu können, zusammen mit seiner Ehefrau Ingrid, die all die Jahre trotz Ungewissheit über seine Inhaftierung auf ihn gewartet hatte. Hamburg bedeutete für die noch junge Familie Freiheit. Eine Freiheit, die oft auch schmerzte, denn zu seinen bittersten Erfahrungen gehörte, dass in der Freiheit die Wenigsten von seinen Erfahrungen im Gulag hören wollten.

Geboren am 16. August 1924 in Potsdam-Babelsberg, wurde er als Kind Zeuge, wie die Nationalsozialisten seinen Vater Fritz Schüler, Sozialdemokrat und Gewerkschafter, drangsalierten, verfolgten, schließlich am 3. März 1942 letztmalig verhafteten und in das Untersuchungsgefängnis in der Potsdamer Lindenstraße brachten. Von dort wurde Fritz Schüler in das KZ Sachsenhausen deportiert, wo er am 5. Dezember 1942 starb.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Horst Schüler als Journalist bei der Zeitung „Märkische Volksstimme“ in Potsdam, in der er unter dem Pseudonym „Kiekeohr“ u.a. die Versorgungsmissstände in der DDR kritisierte. Als er sich weigerte, als Spitzel für den sowjetischen Geheimdienst zu arbeiten, wurde er am 4. November 1951 verhaftet und – bittere Ironie der Geschichte – ebenfalls in die Potsdamer Lindenstraße gebracht, die diesmal der sowjetischen Besatzungsmacht als Untersuchungsgefängnis diente. Vor zehn Jahren hatte er hier seinen von den Nationalsozialisten verhafteten Vater besucht. Sein Vertrauen darauf, dass man ihm als anerkanntem Opfer des Faschismus (OdF) nichts anhaben könne, hatte sich als Trugschluss erwiesen.

Nach Monaten der Schläge, Folter und nächtelangen Verhöre wurde Horst Schüler schließlich am 5. März 1952 durch ein Sowjetisches Militärtribunal nach dem Gummiparagraphen 58 des russischen Strafgesetzbuches wegen „Spionage“ zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. Bis zu seiner vorzeitigen Freilassung Ende 1955 verbüßte er diese Strafe im berüchtigten Straflager Workuta. Mit seinen über 40 Straflagern und dazugehörenden Kohleschächten war Workuta einer der härtesten Gulag-Komplexe im sowjetischen Lagersystem. Als Arbeitssklave des 29. Kohleschachtes (Lager 10) nahm Horst Schüler im Juli 1953 aktiv am Aufstand gegen die Arbeits- und Haftbedingungen teil. Dieser wurde am 1. August 1953 blutig niedergeschlagen: 64 Tote und über 123 zum Teil schwer Verletzte waren zu beklagen.

Kann ein Mensch nach einer solchen Gewalt- und Ohnmachtserfahrung wieder heimisch werden?

Augenscheinlich führte Horst Schüler mit seiner Ehefrau und seinen zwei Kindern in Hamburg eine ganz normale bürgerliche Existenz. In der Hansestadt setzte er erfolgreich seine Arbeit als Journalist fort und wurde leitender Redakteur beim „Hamburger Abendblatt“.

Wie sehr Workuta den seelischen Klangraum Horst Schülers verändert hatte, davon zeugt eine Passage aus seinem Buch „Workuta – Erinnerung ohne Angst“. Hierin setzt er sich mit dem Unverständnis der Nachgeborenen auseinander: „Natürlich könnt ihr nicht ahnen, wie sehr diese Zeit im Lager unsere Seelen deformiert hat. Wie sollt ihr begreifen, daß wir zusammenschrecken beim Anblick eines verrotteten Stacheldrahtzauns. Daß der Hochstand eines Jägers uns unweigerlich an einen Wachturm erinnert? Daß wir bei einem sorgsam geharkten Weg an die verbotene Zone rings um das Lager denken, die niemand betreten durfte, es sei denn, er suchte den schnellen Tod. Daß wir uns innerlich dagegen auflehnen, wenn ihr leichthin vom Hunger sprecht, ohne überhaupt ahnen zu können, was Hunger wirklich aus Menschen machen kann. Und wenn wir beim Klang eines Hammerschlags auf Eisen zusammenfahren, wie sollt ihr es wissen? Selbst dieses harmlose Geräusch bringt uns zurück in die Welt der Lager. Mit Schlägen auf dem Stück Eisenbahnschiene nämlich, das am Tor hing, wurden die Häftlinge geweckt, wurden sie zur Arbeit befohlen, zur Zählung, zum Appell.“

Nach seinem Eintritt in den Ruhestand, der zusammenfiel mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der DDR, reiste Horst Schüler 1992 als erster deutscher Journalist in die damals noch gesperrte Stadt Workuta. 1995 gründete er die Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion. So konnte er den jährlichen Treffen der ehemaligen Gulag-Häftlinge eine offizielle Organisationsform bieten. Den UOKG-Vorsitz hatte er von 2001 bis 2007 inne.

Horst Schüler war er ein geschätzter Interviewpartner. Er war ruhig und sachlich und musste nicht laut werden, um als Autorität wahrgenommen zu werden. Gerade in schwierigen Zeiten verstand er es wie kein anderer, Konflikte zu entschärfen, zu integrieren und zu vermitteln.

Dass Horst Schüler Journalist mit Leib und Seele war, lässt sich im Mitteilungsblatt der UOKG „Der Stacheldraht“ nachlesen. Hierfür schrieb er regelmäßig die Editorials und äußerte sich auch zu aktuellen Themen. Seine Tätigkeit blieb jedoch nicht nur auf die UOKG beschränkt. Bis zuletzt hat Horst Schüler seine Stimme erhoben, so z. B. in der Auseinandersetzung um das 2013 von Wolfgang Benz herausgegebene Buch „Ein Kampf um Deutungshoheit. Politik, Opferinteressen und historische Forschung“.
Horst Schüler musste erleben, wie nachhaltig das Gift der Zersetzung, das die SED mit ihren Schergen so reichlich versprüht hatte, wirkte. Keine 30 Jahre nach dem Mauerfall nehmen die politischen Anfeindungen, die die Kritiker des Kommunismus in eine rechtsradikale Ecke zu stellen versuchen, an Heftigkeit zu. Horst Schüler bezog auch hier Position und wandte sich z. B. gegen die unbotmäßige Entlassung von Dr. Hubertus Knabe, dem Direktor der Berliner Gedenkstätte Hohenschönhausen. Nachdem dieser Stützpunkt für den antitotalitären Konsens mit allen – auch medialen – Mitteln geschliffen worden war, wurden die Stimmen, die eine andere Erzählung der DDR-Geschichtsschreibung fordern, immer lauter. Ein vorläufig negativer Höhepunkt in der Umdeutung der DDR-Geschichte war die sog. Fachtagung in den Räumen der Amadeu Antonio Stiftung im Februar 2019 zum Thema „Der rechte Rand der DDR-Aufarbeitung“. Nahezu unwidersprochen wurde der ehemalige UOKG-Vorsitzende Gerhard Finn, Jahrgang 1930, in die Nähe von NS-Tätern gerückt.

Schon längst von schwerer Krankheit gezeichnet, kämpfte Horst Schüler weiterhin gegen die Verklärung und Verharmlosung der Verbrechen des Kommunismus. Er suchte den Dialog mit dem politischen Gegner, blieb immer sachlich und höflich, argumentierte hart in der Sache und nahm sein Gegenüber mit. Er wollte seine Gegner überzeugen, ohne sie zu diffamieren. Ihm war es ein Anliegen, die Opfer beider Diktaturen zu würdigen und ihren Anliegen gerecht zu werden.

Nun ist Horst Schüler am 27. März 2019 im Alter von 94 Jahren in Hamburg gestorben. Er erlag seinem Krebsleiden. Mit ihm verlieren wir eine unverwechselbare Stimme. Einer der letzten Zeugen des Gulags hat uns verlassen. Horst, wir vermissen dich und verneigen uns vor dir.

* Der Autor ist seit einigen Jahren Nachfolger von Horst Schüler als Vorsitzender der Lagergemeinschaft Workuta  / GULag Sowjetunion. Horst Schüler wird am 17.April im engen Kreis in Hamburg beigesetzt.

V.i.S.d.P. / Quelle: http://www.workuta.de/aktuelles/index.html

Berlin, 27.12.2016/cw – Renate Weiß, enge Freundin der vor fast zehn Jahren verstorbenen und unvergessenen einstigen Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Sachsenhausen 1945-1950, Gisela Gneist, ist tot. Die Teilnehmerin am Volksaufstand vom 17. Juni 1953 starb bereits am 8. Oktober diesen Jahres. Durch eine „bedauerliche Kommunikationspanne“, so die Familie, erfuhr die Vereinigung 17. Juni erst über Weihnachten von dem Tod der hochgeschätzten Kameradin.

 Renate Weiß Teiln. am Volksaufstand 23.04.1928 - 08.10.2016 Foto: LyrAg

Renate Weiß, Teilnehmerin
am Volksaufstand von 1953
Foto: LyrAg

Renate war fünf Jahre alt, als Hitler die Macht im Deutschen Reich übernahm (als „Machtergreifung“ in die Geschichte eingegangen). Fünf Jahre später tobte der SA-Mob durch die Straßen. Die damals Zehnjährige erinnert sich an die „Reichskristallnacht“: „Gegenüber dem Rathaus Pankow gab es ein Geschäft, Benno Falk, da wurden die Scheiben eingeschmissen.“ Zu der Zeit besuchte sie die Schule in der Pankstraße. Zum Beginn des Krieges wurde Renate Weiß nach Schlesien verschickt, besuchte in Liegnitz bei Breslau die Schule, mußte auf einem Bauernhof arbeiten. Dort lernte sie erstmals französische Kriegsgefangene kennen. In dieser Zeit entwickelte das junge Mädchen ihren kritischen Geist, der sie ein Leben lang begleitete. Die Unruhen des Krieges wirkten sich auch auf ihr Leben aus. 1941 zurück in Berlin mußte sie bereits 1942-1943 wieder „verreisen“, diesmal ins Riesengebirge, wo sie die Schule abschloss. „Wir bekamen an diesem Tag Hitlers „Mein Kampf“, erinnerte sich Weiß später, wußte aber nicht mehr, was sie mit dem Staats-Geschenk gemacht hat: „Gelesen habe ich darin nicht.“

Zurück im inzwischen zerbombten Berlin folgten 1945 anstrengende „Hamsterfahrten“ ins Berliner Umland. „Die Jungen empfanden dies vielfach auch als tägliches Abenteuer, während ich dies eher als Ausdruck des totalen Zusammenbruchs eines Staates empfand.“ Von 1946 – 1947 arbeitete die junge Frau im Haushalt eines Steuerberaters und begann 1947 eine     gärtnerische Ausbildung in Niederschönhausen und Heinersdorf: „Pflanzen führen keine Kriege und erfreuen den Liebhaber von Blumen in ihrer überwältigenden Vielfalt mit überwältigender Blüte und Schönheit,“ geriet die nunmehr alte Dame noch nachträglich ins Schwärmen über ihre Berufswahl, die sie nie bereut hat.

Auf dem Friedhof Seestraße 2013 : Bundespräsident Joachim Gauck, Edith Fiedler und Renate Weiß - Foto: LyrAg

Auf dem Friedhof Seestraße 2013 : Bundespräsident Joachim Gauck, Edith Fiedler und Renate Weiß – Foto: LyrAg

Dann kam der 17. Juni 1953. Die Normen für die abzuleistende Arbeit waren erhöht worden, der Unmut darüber wurde zur Empörung über den Staat. Auch die schnelle Stornierung dieser Maßnahme nutze nichts mehr. Der Widerruf erreichte die Arbeiter nicht mehr oder konnte die vielfach begonnenen Streiks nicht mehr verhindern. „Meine Chefin ermunterte mich, dem Demonstrationszug nach Berlin-Mitte zu folgen, was ich dann, freilich auch mit klopfendem Herzen, tat,“ erinnerte sich Weiß an die „wohl wichtigsten Tage“ ihres Lebens.

Der Demonstrationszug ging zum Stammsitz ihrer Gärtnerei in der Greifswalder Straße. In Mitte war ein MG drohend auf die dortige SED-Parteizentrale gerichtet. Akten flogen aus dem Fenster. Am Königstor (Moll-/Torstraße) brannte vor dem dortigen Revier ein Polizeiauto. Zwei russische Mannschaftswagen waren aufgefahren, die Soldaten standen zu dieser Zeit „Gewehr bei Fuß“. Weiß: „Wir wurden zu diesem Zeitpunkt nicht beachtet. Später flogen dann Pflastersteine auf die Russen. Als diese ihre Bajonette aufpflanzten, wichen wir zurück.“ Als am Nachmittag Panzer auffuhren, lief Renate Weiß mit ihren Kollegen wieder zurück nach Pankow. „Dort haben wir bis in den späten Abend an einem Kiosk am Bahnhof Wollankstraße, der dicht an der Grenze zu Westberlin lag, Bierchen getrunken und heiße Debatten um das Geschehen geführt,“ erinnerte sich Weiß.

Ein Rosenstrauß als später Gruß: Die letzte Ruhestätte von Renate Weiß - Foto: Lyrag 29.12.16

Ein Rosenstrauß als später Gruß: Die letzte Ruhestätte von Renate Weiß – Foto: Lyrag 29.12.16

Der niedergeschlagene Aufstand hatte der Gärtnerin die Augen geöffnet. Nach ihrer Ausbildung hatte sie zunächst versucht, sich 1952 in ihrem Beruf selbstständig zu machen, was in der damaligen SbZ nicht möglich war. 1955 gab sie ihr bisheriges Domizil auf, verließ Pankow und die „DDR“ und zog zunächst nach Bremen, bis sie 1958 nach Hamburg zog, wo sie dann ihre Tätigkeit als Blumenbinderin aufgab und in die Büroarbeit einstieg. Sie brachte es bis zur Chefsekretärin. In der Hansestadt an der Elbe lernte sie auch Gisela Gneist kennen, mit der sie bis zu deren Tod 2007 eine herzliche und enge Freundschaft verband.

Nach dem Fall der Mauer kehrte Renate Weiß in ihr geliebtes und nie aus dem Herzen verlorenes Pankow zurück. Nach ihrem Ruhestand besuchte sie Schulen, um vielen jungen Menschen über die Ereignisse um den damaligen Volksaufstand zu berichten. Zum 60. Jahrestag sagte sie spontan zu, als Zeitzeugin in einem Restaurant in Charlottenburg aufzutreten. Schon körperlich gezeichnet, beeindruckte sie mit Geist und Anekdoten über den 17. Juni und ihr Leben die leider sehr wenigen Besucher.

In diesem Jahr, 2016, mußte sie schließlich ihre Teilnahme am Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße, der ihr seit Jahren sehr wichtig war, aus gesundheitlichen Gründen absagen. Im Juli verließ sie ihr liebgewordenes Domizil in einem Senioren-Stift, in dem sie eine abgeschlossene Wohnung bewohnte, und zog in ein Pflegheim nach Pankow um. Am 8. Oktober folgte Renate Weiß ihrer Freundin Gisela nach und gelangte zur letzten Ruhe auf dem Friedhof Buchholzer Straße. Wir werden die kleine, körperlich bereits gebeugte aber im Geiste ungebeugte Frau nicht vergessen.

Über Renate Weiß gibt es einige Sequenzen aus dem „Gedächtnis der Nation“, zum Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=bOTJqarpovc oder https://www.youtube.com/watch?v=3XRewuGgc8Y.

V.i.S.d.P.: redaktion.hoheneck@gmail.com – Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.197).

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