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Berlin, 09.11.2019/cw –  Zum 30. Jahrestag der Maueröffnung ehrte die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. und die Bundestagsfraktion der AfD, vertreten u.a. durch die stv. Fraktionsvorsitzende von Storch, heute mit Ansprachen (Ulrich Oehme, MdB, sowie Carl-Wolfgang Holzapfel) und einer Kranzniederlegung  die Toten der Mauer an den Gedenkkreuzen zwischen  Reichstag und Brandenburger Tor. Nach dem Gedenken wurde der ehemalige politische Häftling Gustav Rust von dem Verein und der AfD durch die Überreichung von Urkunden geehrt. Rust pflegt seit zwanzig Jahren den Gedenkort am Reichstag und ist seither fast tagtäglich vor Ort, um die Würde des Ortes zu gewährleisten und  als Zeitzeuge für Fragen von Besuchern aus aller Welt zur Verfügung zu stehen.

Übergabe der Urkunden an Gustav Rust – Foto LyrAg

Urkunde Gustav Rust 09.11.2019

Der Ehrenvorsitzende der Vereinigung und jahrzehntelange Maueraktivist Carl-Wolfgag Holzapfel hielt in Vertretung der erkrankten Heike Eichenmüller, seit Juni d.J. Vorsitzende des Vereins,  folgende Ansprache :

Heute, vor 30 Jahren, wurde die Mauer für Millionen von Menschen durchlässig. Der Versprecher eines ansonsten geübten und geschulten SED-Funktionärs machte dies nach 28 Jahren möglich.

Den Traum von Freiheit mit dem Leben bezahlt

Wir haben uns aber heute nicht versammelt, um in Jubel auszubrechen und hier im Gedenken an jenen unvergessenen Novembertag einige Flaschen – Sekt, Wein oder Bier – zu verkosten.

Alles hat seine Zeit und seinen Platz.

Wir haben uns an diesem Ort heute verabredet, weil wir in all dem Jubel jener Menschen gedenken wollen, die ihren einst vorhandenen Traum von der Freiheit mit dem endlichen Einsatz ihres Lebens bezahlen mussten.

  • – Ob Ida Sieckmann, die am +22.8.1962 in der Straße der Tränen, in der Bernauer Straße, sechzigjährig vergeblich aus dem Fenster ihrer Wohnung, im sowjetischen Sektor gelegen, den Sprung in die Freiheit in den Französischen Sektor wagte und dabei in den Tod sprang;
  • – ob Günter Litfin, der den trennenden Humboldthafen am heutigen Hauptbahnhof durchschwimmen wollte und dabei als erster Flüchtling nach dem Mauerbau am +08.1961 Opfer tödlicher Kugeln von DDR-Grenzsoldaten wurde oder
  • Chris Gueffroy, der neun Monate vor der Maueröffnung bei dem Versuch, in der Nacht vom auf den 6. Februar 1989 zusammen mit seinem Freund Christian Gaudian durch den Britzer Verbindungskanal zu flüchten, von tödlichen Kugeln getroffen wurde. Welch tödliches Missverständnis. Hatte er doch zuvor von einem Freund, der an der Grenze Dienst tat erfahren, dass der Schießbefehl aufgehoben worden sei.

Alle diese Menschen hatten eine tiefe Sehnsucht nach Freiheit empfunden, wollten einem zutiefst unmenschlichen System entfliehen.

Gerade in den letzten Wochen ist aus unbegreiflichen Gründen der Kampf um die Deutungshoheit von Begriffen erneut ausgebrochen: War die DDR ein Unrechtsstaat?

Gibt es „gute“ und „schlechte“ Diktaturen?

Erstaunlich scheint mir, dass hier keiner infrage stellt, dass das Dritte Reich ein Unrechtsstaat war. Dominiert also – dreißig Jahre nach dem Ende der Zweiten Deutschen Diktatur – eine linke Geschichtsdominanz unsere Gegenwart? Werden wir mit der Infragestellung des Unrechtsstaates den Mordopfern dieses Staates gerecht? Gibt es überhaupt eine „gute Diktatur“, die dann kein Unrechtsstaat wäre und eine „schlechte“ Diktatur, die automatisch „auch“ ein Unrechtsstaat wäre? Schlussgefolgert hieße dies im Ergebnis: Die kommunistische Diktatur ist eine „gute“, die NS-Diktatur eine „schlechte“ Diktatur?

Diese Kreuze hier im Hintergrund geben eine zweifelsfreie Antwort:

Jedes Kreuz ist eines zu viel. Und wir wissen, dass diese 15 Kreuze hier nur stellvertretend für unsäglich viel mehr Todesopfer dieser Roten Diktatur stehen. Dazu gehören die vielfachen Todesurteile in der SED-Diktatur ebenso, wie die in der Haft und unter Folter Verstorbenen. Auch jene, die wir unter dem Begriff „Erschossen in Moskau“ kennen.

Kranzniederlegung durch die AfD-Bundestagsfraktion, li. Ulrich Oehme, MdB
– Foto LyrAg

Der 9. November hat also nicht nur einen Freudenglanz. Hinter diesem Datum stehen ebenso unsere Trauer um unendliches, unfassbares Leid, welches am 9. November 1938 mit der sogen. “Reichskristallnacht“ über unsere jüdischen Bürger hereinbrach. Es wäre Zynismus, die Toten der Mauer als „Rache der Geschichte“ für die Toten von Auschwitz, Dachau, Birkenau und wie diese Orte des Schreckens alle hießen, zu sehen.

9. November: Kein Tag vermittelt so die historische Linienführung

Aber wir dürfen durchaus konstatieren, dass viele Menschen erst durch das erfahrene Leid besonders nach dem Bau der Mauer die schrecklichen Dimensionen der einstigen Verfolgungen und Menschenjagden erfasst und begriffen haben.

Kein anderer Tag, wie dieser 9. November, wäre, nein, ist dazu geeignet, diese historische Linienführung heutigen und künftigen Generationen zu vermitteln. Gerade weil sich dieser 9. November nicht dazu eignet, von der Politik missbraucht, in den üblichen Parteien-Hader einbezogen zu werden. Der 9. November birgt die große und wohl in dieser historischen Analogie einmalige Chance, a l l e   politischen und gesellschaftlichen Gruppen wenigstens hier zu einen: Welches Land dieser Welt hat einen Tag im Kalender, der sich mit diesem „deutschen Geschichts-Datum“ vergleichen ließe?

An einem 9. November, 1848, wurde in Wien der Abgeordnete der Frankfurter National-Versammlung; Robert Blum, infolge der Niederschlagung des Aufstands nach einem Standgerichtsurteil hingerichtet.

  • – An einem 9. November, 1918, wurde infolge des 1. Weltkrieges die Deutsche Republik
  • – An einem 9. November, 1923, wurde erstmals und einzig der am 8.November begonnene Hitler-Putsch durch die Weimarer Republik erfolgreich abgewehrt.
  • – Am 9. November, 1938, dies wurde schon erwähnt, erhielt das folgende Mord-Drama an den Juden seinen sichtbaren, weil unübersehbaren tyrannischen Start.
  • – Der mutige, leider gescheiterte Mord-Anschlag auf den Diktator Hitler durch Georg Elser am 8. November 1939 darf mit Recht auch diesem Tag zugeordnet werden, da Hitler hier seinen misslungenen, am 8.November begonnenen Putsch von 1923 feiern wollte.
  • – Und schließlich der Freudentag der Maueröffnung, der 9. November 1989.

Vorschlag von 1989: „Tag der Nation“

Wir, die Vereinigung 17. Juni 1953, bekennen uns auch 30 Jahre später zu unserem damalig vorgetragenen Vorschlag, den 9. November als „Tag der Nation“ einzuführen. Dafür waren wir sogar bereit, auf den 17. Juni als arbeitsfreien Gedenktag zu verzichten. Wir sahen in dem 9. November 1989 die Fortführung und Zielsetzung des Aufstandes von 1953.

Stattdessen wurde, wie wir alle erfahren mussten, der 3. Oktober als „Gedenktag nach Aktenlage“ eingeführt. Dieser 3. Oktober war und ist ein künstlicher, ein lebloser Gedenktag. Darüber können keine künstlichen Rummelatmosphären vor dem Brandenburger Tor und anderswo hinwegtäuschen.

Die Toten unserer leidvollen Geschichte, die Toten der Mauer mahnen uns an ein „gemeinsames Innehalten“ über alle Parteigrenzen hinweg.

Ida Sieckmann, Günter Litfin, Chris Gueffroy sind weder für die CDU, die SPD, die FDP oder sonst eine Partei gestorben. Sie starben für die Freiheit, für den Traum auf eine bessere Welt. Und nicht zuletzt darum haben sie es verdient, über jeglichen Streit der Parteien hinweg g e m e i n s a m geehrt und beweint zu werden.

Immer, auf alle Zeit und besonders an jedem 9. November.“

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.407).

Berlin, 5.11.2019/cw – Um „5 vor zwölf“, also 11:55 Uhr, wird die Bundestagsfraktion der AfD an den Mauerkreuzen in der Ebertstraße (zwischen dem Reichstag und dem Brandenburger Tor) mit einer Kranzniederlegung die Toten ehren, die in den 28 Jahren der Berliner Mauer bei Fluchtversuchen ums Leben kamen.

Wie die Vereinigung 17. Juni 1953 heute in Berlin mitteilte, ist erstmals eine Bundestagsfraktion an den Verein mit der Mitteilung herangetreten, an den Mauerkreuzen am Reichstag ein Gedenken vorzunehmen. Der Verein betreut diese Gedenkstätte seit dem Tod von Juliane Kleinschmidt (2010) vom Bund der Mitteldeutschen und dem Berliner Bürgerverein.

Gedenken zum 30. Jahrestag: Die Kreuze am Reichstag als Zeugnis des einstigen Terrors. Foto: LyrAg

Seit 1999 und damit seit 20 Jahren betreut Gustav Rust diesen Gedenkort und sorgt seither allein durch seine fast tägliche Anwesenheit dafür, das die Würde des Gedenkortes gewahrt bleibt. Gustav Rust hat eine über neunjährige Odyssee als politischer Häftling durch den DDR-Gulag, die Haftanstalten in Bützow, Brandenburg, Magdeburg, Cottbus, Bautzen, Waldheim, Torgau und mehrere kleinere Haftanstalten durchlebt. Meist wurde er wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. Rust ist der Sohn eines Antifaschisten, der wegen „Fahnenflucht“ in der NS-Zeit erschossen worden war. Trotzdem empfand Rust den Anti-Faschismus der DDR als „tiefe Heuchelei“, obwohl er als Sohn eines Antifaschisten sicher eine Karriere im Arbeiter- und Bauernstaat hätte machen können. Erst 1975 konnte der Rebell die DDR in Richtung Westen verlassen.

Die Vereinigung 17. Juni wird ihrem Mitglied Gustav Rust anlässlich des 30. Jahrestages der Maueröffnung an den Mauerkreuzen eine Urkunde „in Anerkennung und Dankbarkeit für seinen 20ährigen Einsatz des Gedenkens an die Mauer-Toten und den aktiven Widerstand gegen Unrecht und Terror“ übereichen.

Wie die Vereinigung mitteilte, steht das „Gedenken an die Toten der Mauer“ allen Bürgern offen, die in dem berechtigten Jubel über die Maueröffnung nicht jene Menschen vergessen, denen dieser „späte Triumph der Freiheit“ durch ihren von einem Unrechtsstaat verursachten Tod versagt geblieben ist.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.404).

Berlin, 21.03.2013/cw – Wer erinnert sich nicht an die Verfilmungen von  Carl Zuckmayers Tragikkomödie „Der Hauptmann  von Köpenick“, legendär einmal mit Rudolf Platte und ein andermal mit Heinz Rühmann? Was haben wir gelacht über diese Köpenickiade des Schusters Friedrich Wilhelm Voigt (1849 – 1922), der es den Oberen mal richtig gezeigt hat, denen ein  Spiegel vorgehalten hat. Selbst Seine  Kaiserliche Majestät war entzückt. Die Tragik des verzweifelten Voigt ging im Gelächter unter, war aber doch die Grundlage seiner satirischen Beschreibung der Wirklichkeit. Dabei könnte diese Persiflage sinnbildlich auch heute so ablaufen. Ein verzweifelter Mensch rennt buchstäblich von Pontius bis Pilatus, um seine grundlegenden Rechte anzumahnen. Doch die Bürokratie ist unerbittlich: Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit. Oder: Ohne Anpassung an die obligatorische Political correctness (PC) keine gesellschaftliche Akzeptanz, ohne gesellschaftliche Akzeptanz kein Ausweis politischer Korrektheit.

Am 11.03., präzise um 11:25 Uhr (MEZ), stand vor den Schranken eines Berliner Gerichts wieder einmal eine hagere, von den Spuren des Lebens gezeichnete Gestalt, die schon äußerlich an die Voigtsche Darstellung durch Rudolf Platte erinnerte. Die Verhandlung verlief kurz und juristisch korrekt: Der Staatsanwalt verlas den erlassenen Strafbefehl, nach kurzer Beratungspause eröffnet die Richterin dem Beschwerdeführer gegen den Strafbefehl, er werde  amtlich begutachtet,  Ende der Verhandlung. Fortsetzung offen.

In seiner Berliner Kodder-Schnauzen-Art beschreibt der Begutachtungs-Delinquent  in seinem Internet-Tagebuch die Verhandlung u.a. so:

Der Staatsanwalt flüstert, als säßen wir bei ihm zu Hause auf der Couch, sodaß ich meinen Stuhl etwas zu ihm hin verschiebe, die Linke ans Ohr halte und dazwischenfahre: „Bitte etwas lauta, Herr Staatsanwalt!“ … dann weise ich ihn darauf hin …: „Een Staatsanwalt arbeetet uff Weisung. Klagen se mich hier uff Weisung … aussen Kanzlaamt an oda wat?!“ steigere ich mich vor Wut in Brüllerei. Dann spreche ich wieder in normaler Lautstärke:“… Herr  Staatsanwalt, bei mir fängt der bolschewistische Terror eben nich erst mitten Dreizehnten Aujust Eenunsechzich an, sondan früha. Und dadruff soll offensichtlich der Deckel jehalten werden. Meine Plakate jefallen manche Leute nich. Ick weeß… Wenn ick da jedetmal Anzeije astatten würde, wär ick schon im Papierkram astickt. Lesen se sich mal den Spiejel-Onlein-Hetzartikel jejen mich durch (Anmerkung: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/protest-am-reichstag-der-mann-der-berlin-blamiert-a-543460.html)….“ Die erstklassige schlanke Schönheit von  Richterin lächelt mehrmals. Ich weiß nur nicht, warum. … Die Richterin eröffnet mir, ich werde begutachtet …. Ende. … Zum Staatsanwalt gewandt: „Am liebsten würden se mich wegsperrn, wa? Für blöd aklärn und unta Vaschluß. Wie Justl Mollath und andre. …“.

An dem demonstrativen einstigen DDR-Häftling scheiden sich die Geister

An Gustav Rust (72) scheiden sich die Geister. Der knorrige, nach fast zehn  Jahren DDR-Haft leicht aus den Fugen  zu bringende Mann steht seit vierzehn  Jahren unermüdlich und fast tagtäglich an den „Weißen Kreuzen“ gegenüber dem Reichstag, um die Touristen an die Toten der Teilung Deutschlands zu erinnern. Er harkt und pflegt die Gedenkstätte, beschafft im Sommer Blumen, die er liebevoll einpflanzt oder auch in Vasen stellt. Jeder auf den Kreuzen verewigter Name soll so geehrt werden. Wäre Gustav Rust nicht, wären diese Kreuze schon längst beseitigt worden. Sogar der Dachverband der Opferverbände der SED-Diktatur hatte bereits sein Einverständnis mit der geplanten  Beseitigung im  Jahre 2011, also seinen Verzicht auf Proteste signalisiert, weil man der UOKG ein Denkmal für die Opfer des Kommunismus in Aussicht gestellt hatte.

An dem Bewahrer dieser Erinnerung reiben sich also nicht die diversen Kritiker. Es ist vielmehr der andere Rust, der die Gemüter – zumindest vordergründig – erhitzt. Rust hängt nicht nur Plakate mit Inhalten zur Vita der Mauertoten oder der Geschichte der Mauer aus.

Mehrere Texte verweisen auf den Zweiten Weltkrieg, auf die Opfer der Wehrmacht und die Verbrechen  der Roten Armee im Gefolge der Eroberung Osteuropas. Dazu verkauft Rust vor Ort an einem improvisierten Büchertisch DVDs und Schriften, die sich thematisch mit diesen Vorhalten auseinandersetzen. Das irritiert und verschnupft nicht nur gelegentlich, sondern fast schon permanent. Der Rat wohlmeinender Freunde des Dauer-Protestlers wird von diesem nicht nur ignoriert sondern oft genug in deftiger Weise, auch schon mal lautstark, zurück gewiesen. Rust hält die permanente Auseinandersetzung mit der Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart für unerlässlich. Nur so ließen sich die Morde an der Mauer, die Verbrechen des Kommunismus schlüssig erklären. Aber gehört die Warnung vor der „FDJ-Aktivistin Angela Merkel“ dazu oder ausgehängte Begriffe wie „PDS-Mörderbande“ oder „russisch-asiatische Horden“ (die in Ostpreußen Mädchen vergewaltigt hätten)?

Wer ist dieser Gustav Rust?

Wer ist dieser Gustav Rust? Ein verkappter (zumindest Wort-)Terrorist? Ein Neo-Nazi?

Rust wächst in der einstigen DDR auf. Bereits der Vater aus der Stadt Baruth wurde von einem Feldkriegsgericht im Zweiten Weltkrieg zum  Tode verurteilt. Rust wird aufmüpfig, hält eine gewisse Zeit den Mao-Kommunismus in China für die richtige Alternative, bis er schließlich durch die aufdiktierte Haft, die er über neun  Jahre in verschiedenen Zuchthäusern (u.a. in Cottbus) verbüßt, von den Segnungen jeglicher Form des Kommunismus geheilt wird. Hoffnungsvoll landet der Gezeichnete im Westen und verzweifelt schon bald an der Ignoranz seiner Landsleute gegenüber seinem und dem Schicksal zehntausender Leidensgenossen. Schnell durchschaut der kritische Geist die hohlen Worte zu diversen Gedenktagen als „Rituale ohne Herzblut“, als absolvierte, nicht gerade geliebte Pflicht eines Politikerlebens.

Als die Mauer geöffnet wird, keimt noch einmal kurz die Hoffnung auf, daß man sich nun der Schicksale der Diktatur widmen, den einst Verfolgten Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Stattdessen erlebt, zumindest in seinem Fall muss man konstatieren: erleidet er den Aufstieg alter SED- und Stasi-Kader in der Gesamtdeutschen Republik, die parlamentarische Etablierung der alten SED im neuen Gewand der PDS und nun der Partei DIE LINKE. Die Opfer der Diktatur hingegen sieht Rust „auf der Strecke geblieben“. Er ist nach eigenem Bekenntnis nicht gegen die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Aber er brüllt oftmals seine Verzweiflung über die Nichtbeachtung der Opfer des Kommunismus heraus.

Auch darum wird es immer einsamer um den Mann mit der ostentativ getragenen DDR-Handschelle am linken Handgelenk, dem blauen Sträflingsanzug mit den aufgenähten gelben Streifen. Viele organisierte Haftkameraden meiden ihn  inzwischen, wollen nicht in den Geruch einer Neo-Nazi-Verbindung geraten. Andere, wenige, besuchen den verzweifelten alten Mann hin und wieder oder auch regelmäßig, um ihre menschliche Solidarität mit einem Haftkameraden zu bekunden, dem sie seine Verzweiflung und seinen  Bruch mit den realen politischen Verhältnissen abnehmen, den sie verstehen wollen und dabei oftmals selbst an ihrem mangelnden Verständnis für die ausgehängten  Texte an den und um die weißen Kreuze gegenüber dem Reichstag scheitern.

Zynisch wirkende Distanz

In dem von Rust zitierten SPIEGEL-Beitrag werden Vertreter des Bezirksamtes mit ihrer Hoffnung zitiert, daß Rust irgendwann einmal nicht mehr „mit Bewährung“ davon kommt. Zynischer kann man wohl kaum die Distanz zu einem Schicksal dokumentieren, das in  Gestalt des Gustav Rust nicht nur sehr deutsch wirkt sondern wohl auch sehr deutsch ist.

Gustav Rust ist kein Friedrich Wilhelm Voigt, er hat nicht demonstrativ eine Rathauskasse ausgeraubt, um auf die bürokratische Funktionalität aufmerksam zu machen, die menschliche Belange außen vor lässt. Aber er erinnert in seiner tagtäglichen Verzweiflung an die fehlende Sensibilität gegenüber den Menschen, die erneut Opfer eines unmenschlichen Systems geworden sind und deren Fehler nach seiner Ansicht nur darin  zu bestehen scheint, zu spät geboren worden und daher  n u r  Opfer des Kommunismus geworden zu sein. Ähnlich wie beim  Hauptmann von Köpenick, bei dessen aus der Verzweiflung geborenen Köpenickiade das Lachen im Halse stecken zu bleiben droht.

Der alte Mann nahe dem Brandenburger Tor provoziert und wird darum immer wieder selbst Opfer gezielter Provokationen und auch Lügen. Am Ende stehen immer wieder Gerichtsverhandlungen, die letztlich das Problem nicht lösen. Man kann und man muß nicht alle Rust-ikalen Meinungen und Äußerungen teilen. Aber man kann trotzdem so etwas wie Verständnis aufbringen für die Verzweiflung eines Menschen, dessen Vita keiner nachleben möchte. Wenigstens kurzfristig hatte Seine Kaiserliche Majestät Verständnis für den Schuster Voigt. Die Kaiserzeit ist zwar lange vorbei, sein Verständnis für einen Außenseiter sollte uns aber nicht nur in Erinnerung bleiben.

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfg.Holzapfel, Berlin, Tel.: 030-30207785

 

 

 

 

 

 

Dem Kameraden ein letztes Halali - Vereinigung 17. Juni 1953 e.V.

Berlin, 14.02.2011/cw – Über 50 Freunde, Familienmitglieder und Kameraden geleiteten den 17er Veteranen Hans-Joachim (Hajo) Rückert zu seiner letzten Ruhe. Hajo war am 3. Januar, drei Wochen  vor Vollendung seines 84. Lebensjahres, nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.

Schmerzlicher Abschied: Die Söhne und die Witwe Irma am Grab

Der Trauerredner zeichnete in bewegenden Worten das oft turbulente Leben des Verstorbenen nach, der in der Jugend bei der Marine u.a. auch auf der (alten) Gorch-Fock gelernt hatte, den Stürmen (des Lebens) zu trotzen. 1951 vom DDR-Regime verurteilt zögerte er nicht, mutig seine Meinung und Haltung während des Volksaufstandes im Juni 1953 vorzutragen. Nur knapp entging er einer erneuten Verhaftung und flüchtete nach West-Berlin. Der gelernte Werkzeugmacher wirkte schon bald berufsfremd im Friseur-Geschäft seiner 1948 gefreiten Frau Irma. Seine Fähigkeiten ließen die Kunden erst gar nicht bemerken, dass ein Werkzeugmacher Hand an den Kopfschmuck legte.

Seine Frau Irma muss nun nach fast 63 jähriger Ehe die letzten Jahre ohne den geliebten und verehrten Mann, Vater und Großvater gehen. Unterstützt wird sie auf diesem nicht leichten Weg von den Söhnen und Enkeln, die den Schmerz über den schweren Verlust mit der Mutter und Großmutter teilen.

Vorsitzender Holzapfel (links) verabschiedet den Kameraden; rechts: Vorstandsmitglied Tatjana Sterneberg

Der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni, begleitet von weiteren Kameraden, unter ihnen  Adam Lauks und Gustav Rust, würdigte am Grab den „geradlinigen, fest in seinen  Überzeugungen wurzelnden Kameraden, der uns allen schmerzlich fehlen wird.“ Es sei angemessen und bewegend gewesen, auf der Orgel das Deutschlandlied zu hören. Hajo habe den herrschenden Zeitgeist stets kritisch gesehen. Für ihn stand das Bekenntnis „Deutschland einig Vaterland“  nie infrage.

 

 

 

V.i.S.d.P.: Vorstand Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 –                                  Fotos: © 2011 LyrAg / Vereinigung 17. Juni

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