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von  Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 20.04.2015/cw – Gestern Abend, zur besten Sendezeit (21:45 Uhr, ARD): Günther Jauch hatte wieder einmal kontroverse Gäste in den Berliner Gasometer eingeladen. Die engagierten sich auch diesmal verbal gewohnt heftig, wobei Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung, und Roger Köppel, Journalist aus der Schweiz, hörenswert aneinander gerieten. Es ging – wieder einmal – um „Das Flüchtlingsdrama – Was ist unsere Pflicht?“, so der Sendetitel.

So notwendig diese Diskussionen sind (allemal besser als die zahlreichen Schwarz-Weiss-Doktrinen, wie weiland „Das Boot ist voll!“): Endliches Handeln wäre wichtiger. Seit nunmehr 25 Jahren, um einen Ausgangspunkt festzumachen, debattieren wir um das selbe Thema, ohne dass sich fundamental etwas geändert hat. Ich selbst habe vor 25 Jahren in Bayern am Straßenrand gestanden und den damaligen Demonstranten für ein „humanes Asylrecht“ auf einem Schild den Spruch entgegen gehalten: „Hört auf mit dieser Heuchelei, in Euren Häusern sind noch Zimmer frei!“

Schon damals hatte ich gefragt, was denn in diesem Land geschähe, wenn die (damalige) Bundestagspräsidentin ein Signal setzen und in ihrer Dienstvilla einer Familie Asyl gewähren würde? Was für ein Ruck durch das Land gehen würde, wenn der Bundespräsident im Schloß Bellevue eine Zimmerflucht für Kriegsflüchtlinge frei machen würde? Nichts Vergleichbares ist seither geschehen. Aber wir debattieren weiter landauf landab ein Problem, als stünde dies erst seit gestern vor der Tür.

Es fehlen Konzeptionen

Was diesem Land fehlt, sind Konzeptionen. Nehmen wir ein Beispiel. Da gibt es vor den Toren Berlins in Richtung Hamburg (und nicht nur dort!) eine riesige Anlage verfallener Kasernenbauten der einstigen Sowjetischen Besatzungsmacht. Die Wiederherstellung kostet vermutlich Millionen Euro. Warum verbindet man nicht eine kostenaufwändige Renovierung mit der Einbindung von Flüchtlingen? Mit einem entsprechenden Programm, wohlmöglich auch mit EU-Mitteln unterstützt, könnten hier Flüchtlinge angesiedelt und begleitend unter Anleitung handwerklich beschäftigt und ausgebildet werden. Die so geschaffenen Unterkünfte würden, selbst geschaffen bzw. wiederhergestellt, vermutlich sorgsam selbstverwaltet und nicht – etwa durch Vandalismus – wieder ramponiert werden. Weil man mit dem Selbstgeschaffenen anders umgeht als mit einer zugewiesenen Unterbringungs-Immobilie. Darüber hinaus könnten wir mit diesem Programm mögliche Voraussetzungen schaffen, dass die so ausgebildeten Menschen mit den notwendigen Kenntnissen ausgestattet werden, um einst ihre durch Krieg zerstörte Heimat (mit finanzieller Unterstützung durch die reichen Euro-Staaten) wiederaufzubauen. Das ließe sich sogar vertraglich festschreiben, das wären Investitionen in die Zukunft! Die so in ein Konzept eingebundenen Menschen würden auch nicht zu Sozialhilfeempfängern degradiert werden, sondern erhielten vom ersten Tag an entsprechende Entgeltzahlungen für die erbrachten Arbeitsleistungen, incl. Kranken- und Sozialversicherung.

Ich behaupte ja nicht, dass das alles einfach umzusetzen wäre. Dazu brauchte es den Willen, statt endloser Debatten endlich über Konzeptionen nachzudenken und diese dann umzusetzen. Die symbolische Aufnahme von Familien in die Dienstvillen unserer Politiker wäre ein denkbarer Anfang. Allerdings ohne dass diese damit gleich wieder Zusatzzahlungen in die eigenen Taschen verbinden.

Dieses Land braucht einen sprichwörtlichen Ruck, den Mut zu umsetzbaren Konzeptionen. Leerstehende Immobilien gibt es mehr als genug, in Berlin (z.B. Dahlem, Thielallee), vor Berlin und sicherlich in manchen Bundesländern unserer Republik. Von zunehmend entleerten, weil verlassenen Dörfern ganz zu schweigen.

Lasst uns endlich handeln – geredet haben wir genug. (974)

V.i.S.d.P.: C.W.Holzapfel -Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin, 9.November 2013/ts – Bereits im November 1989 schrieb der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni u.a. an den damaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Jürgen Wohlrabe (CDU). Sein  Vorschlag: Den 9. November als Feiertag zum „Tag der Nation“ zu erklären. Unter diesen Umständen wäre die Vereinigung 17. Juni auch bereit, auf den arbeitsfreien Tag am 17. Juni („Tag der Deutschen Einheit“) zu verzichten, denn der 9. November sei im Guten wie im Schlechten der Tag, in dem sich alle Deutschen  wiederfinden könnten.

Das "Brucker Echo" berichtete auf Seite 1 über die Initiative - Archiv: 17.Juni

Das „Brucker Echo“ berichtete eine Woche nach der Maueröffnung auf Seite 1 über die Initiative – Archiv: 17.Juni

Holzapfel hatte seinerzeit, wissend um die Problematik gerade des 9. November, der bis zum vier Wochen zuvor stattgefundenen Mauerfall im öffentlichen Bewusstsein als Gedenktag an die sogen. Reichspogromnacht vermerkt war, den 10. November vorgeschlagen.

„Wir wollten damals die erwünschte Diskussion um diesen Tag nicht zusätzlich mit einer Debatte beschweren, die von vornherein mit Emotionen belastet gewesen wäre und jede Aussicht auf eine Realisierung von vornherein unmöglich gemacht hätte,“  so der mittlerweile fast Siebzigjährige heute. „Schließlich habe die eigentliche Begegnung der Menschen diesseits und jenseits der Mauer erst in der Nacht zum bzw. am 10. November stattgefunden.“

Jürgen Wohlrabe reagierte begeistert und teilte mit, er wolle diesen Gedanken transportieren und voll unterstützen. Es kam anders, Kohl bestimmte mehr oder weniger aus eigener Machtvollkommenheit den „3. Oktober“ zum den 17. Juni ablösenden Feiertag der Deutschen.

Seither vertiefte sich Holzapfel in die wechselvolle Geschichte des 9. November, die bereits 1848 mit der Ermordung des demokratische Politikers Robert Blum begann, hielt Holzapfel landauf, landab Vorträge zu dem Thema und kritisierte den 3. Oktober immer wieder als „Gedenktag nach Aktenlage“, der ohne Inhalt sei. „Ein Gedenktag bedarf der Emotionalität, der Identifizierung in der Bevölkerung mit diesem Tag, so wie zum Beispiel in Frankreich der „Sturm auf die Bastille“ die Menschen von links bis rechts vereint oder der „4. Juli“ in den USA für deren Einwohner die sinnstiftende Brücke zwischen den politischen Lagern ist,“ kommentiert der einstige Mauerkämpfer unermüdlich.

Unterstützung bekam er nach Jürgen Wohlrabe erstmals vor wenigen Jahren, als der Grünen-Politiker Werner Schulz erstmals in einem Beitrag im Deutschen Bundestag vom „Gedenktag nach Aktenlage“ sprach und sich verbal für den „9. November“ als Gedenktag einsetzte.

Nun bekam die Idee erneut, wenn  auch indirekt, prominente Unterstützung. In der gestrigen  ABENDSCHAU des Regionalsenders rbb (9.November, 19:30 Uhr / http://www.rbb-online.de/abendschau/) setzte sich der bekannte Journalist und Moderator Günther Jauch nachdenklich für eine Neubewertung des Tages ein: „Eigentlich ist für mich der 9. November der Tag der Deutschen, sich zu erinnern an die wechselvollen Momente in der deutschen Geschichte.“ Und der Moderator des Beitrages schloss seinen Bericht mit der Bemerkung ab: „Es ist das Datum, an dem sich das Gute und Schlechte einer Nation vereinigt.“

Positive Resonanz aus dem Rathaus Schöneberg - Archiv 17 Juni

Positive Resonanz aus dem Rathaus Schöneberg – Archiv 17 Juni

Der 17.Juni-Vorsitzende sieht denn auch Bewegung „in der Diskussion“. Und in der Beharrlichkeit bei der Verfolgung eines „einmal als richtig erkannten Gedankens“ (Holzapfel) lässt sich der Berliner nicht übertreffen. 2005 forderte er erstmals mit einem neuntägigen  Hungerstreik einen „Platz des 17. Juni“ vor dem Bundesfinanzministerium. Acht Jahre später wurde der „Platz des Volksaufstandes von 1953“ zum 60. Jahrestag vor dem einstigen  „Haus der Ministerien“ eingeweiht.

„Wir haben 28 Jahre auf den Fall der Mauer hingearbeitet, als andere schon längst die Teilung Deutschlands für unabänderlich hielten. Nächstes Jahr begehen wir den 25. Jahrestag des Mauerfalls. Wir haben also noch vier Jahre Zeit, die Fehlentscheidung von 1990 zu korrigieren und den 9. November zum „Tag der Nation“ zu erklären,“ sagt Holzapfel zuversichtlich. Eine Änderung im Bewusstsein für die Bedeutung dieses Tages sei im  Gange, und die öffentliche Debatte stehe uns jetzt erst bevor. Und: „Günther Jauch, Werner Schulz und ein  Moderator im rbb werden eines Tages als „Beschleuniger dieses Gedankens“ gelten,“ so Holzapfel. „Damit habe ich keine Probleme.“

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Rückblick auf ein unwürdiges Medienspektakel

Gastbeitrag von Susanne Baumstark

28.02.2012/suba – „Käme er, man würde ihn zum zweiten Mal kreuzigen“, schrieb Goethe seinerzeit. In dieser Stimmung mögen sich manche befunden haben, die sich mit der „Causa Wulff“ intensiv auseinandersetzten. Der zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff wurde in aller Öffentlichkeit bloß gestellt, angeklagt und vorverurteilt, als Waschlappen dargestellt und mit richterlicher Genehmigung als Lügner stigmatisiert. Auch vor sexistischen Einlagen schreckten Werbemanager nicht zurück. Die Häme befeuerten seriös auftretende Moderatoren und Journalisten. Günther Jauch meinte vor einem Millionenpublikum in der ARD, Christian Wulff erschiene ihm „entrückt“ (1) und fragte süffisant, ob dieser nicht restlos pleite sei, falls er den Ehrensold nicht bekommt. Gelächter und Beifall im Publikum ob dieser grenzüberschreitenden Frage. Ebenfalls im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde das Publikum im Morgenmagazin dazu angeregt, sich einen Wulff-Witz auszudenken (2). Und selbst der stellvertretende Redaktionsleiter bei evangelisch.de konnte sich nicht zurückhalten zu schreiben, dass Wulff ins Mikrofon „blaffte“ (3). Und weiter: „Die Medienberichterstattung habe ihn und seine Frau ‚verletzt‘, und weil die Welt so böse und gemein ist…“ – selbst er als Christ ist also nicht in der Lage, Gefühlsäußerungen zu respektieren und macht obendrein durch die Wortwahl deutlich, dass er diese auch nicht ernst nimmt.

Aufklärung soll das sein, behaupten einige Vertreter von Leitmedien bis heute. Tatsächlich war es mehr als das. Die Gewichtung von Wulffs auch kleinster Verfehlungen, das Weglassen relevanter Informationen sowie eine niveaulose, diskriminierende Wortwahl geben dieser „Causa“ den Anschein einer Propaganda. Schnell vorwärts und vergessen, scheint nun das Motto zu sein. Wir sind doch jetzt einen Schritt weiter, so Jakob Augsteins Replik auf eine Medienkritik des Schweizer Journalisten Jürg Dedial in kulturzeit (4). Wenn aber Vertrauen zwischen Bevölkerung, Medien und Politik noch eine Chance bekommen soll, dann ist das Gegenteil angesagt: stehen bleiben und Rückschau halten. Wenn der Teufel im Detail steckt, hier nämlich in der Wortwahl, ist eine Aufarbeitung aufwändig. Für eine Gesamtschau lohnt es sich dennoch, ein paar Beispiele aus vergangenen Pressetagen aufzulisten. Angefügt sind offene Fragen, die sich daraus ergeben.

Beispiele und Fragen

Manfred Schweidler schrieb nach Wulffs Rücktritt in der Mainpost: „Wäre es weitergegangen, hätte manche(r) fürchten müssen, mit in den Abgrund gerissen zu werden. Um den penetranten Pfarrer Peter Hintze, der Wulff bis zuletzt eifernd verteidigte, wäre es allerdings nicht schade.“ (5) Steht das im Einklang mit dem Pressekodex?

Der Deutsche Journalisten-Verband hat sich „gegen den Vorwurf zur Wehr gesetzt, die Journalisten hätten den am heutigen Freitag zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff mit ihrer Berichterstattung verletzt.“ (6) Außerdem habe der scheidende Bundespräsident bis zum Schluss den Vorwurf nicht entkräftet, er habe kritische Berichterstattung verhindern wollen. Meint der Journalisten-Verband, er könne anderen Menschen ihre Gefühle absprechen? Wie soll ein Vorwurf entkräftet werden, wenn das Gegenteil nicht beweisbar ist?

Die Welt pauschalierte, Wulff respektiere „weder Presse- noch Meinungsfreiheit und missachtet Regeln der offenen Bürgergesellschaft.“ (7) Und Spiegel Online sprach Wulff bereits am 6. Januar kurzerhand die Menschenwürde ab. Warum sich der Autor Helmut Däuble dabei der lateinischen Sprache bedient, bleibt der Spekulation der Leserschaft überlassen: „Seine Hülle kann noch geraume Zeit im Amt bleiben, die dignitas seiner Person ist unwiederbringlich verloren.“ (8)

Unzählbar viele mit unbewiesenen Behauptungen und Beleidigungen gespickte Artikel wurden veröffentlicht. Und trotz aller Leserbeschwerden meint Die Welt: „Schuld sind nicht die Medien, schuld ist nicht die Justiz und auch nicht die Politik. Der Umgang mit der Affäre Wulff ist vorbildlich für eine Demokratie.“ (9)

Dass einige Journalistenkollegen dies genau gegensätzlich sehen, erwähnt Die Welt nicht. Durchaus kritische Stimmen fanden sich – bis zu einem gewissen Zeitpunkt – in einigen Gastbeiträgen und Interviews. Gernot Fritz, stellvertretender Chef des Bundespräsidialamts unter Roman Herzog, schrieb in der Frankfurter Rundschau unter dem Titel „Pranger der Selbstgerechten“: „Meinungsstärke aus Nichtwissen zu gewinnen – ein Lehrstück des Pharisäertums, an dem gegenwärtig viele Statisten lustvoll mitwirken…Hier wird Inquisition als öffentlicher Showdown betrieben mit dem Kopf des Präsidenten als Hauptgewinn.“ (10) Dazu passend ein Kommentar eines Users auf faz.de, der das Titelbild der Bildzeitung nach Wulffs Rücktritt dem einer Jagdtrophäe nicht unähnlich fand. (11)

Am 14. Januar erschien in der Frankfurter Neuen Presse ein Beitrag von Michael Kluger unter dem Titel „Wulffs Hinrichtung“: „Diese Demontage eines deutschen Staatsoberhaupts ist ohne Beispiel…Der Furor, mit dem an ihm und auch dem Amt gesägt wird, ist…von einer Gnadenlosigkeit, Verbissenheit und Brutalität, für die es hierzulande kein Vorbild gibt…Welchen Schaden diese Affäre für die Zukunft anrichtet, ist noch nicht abzusehen. Was an ihr bestürzt, ist das hysterische Vergnügen an der Demontage, die Gier, den, der fällt, auch noch zu stoßen…Die Hemmungslosigkeit als Debattenstil und Umgangsform ist für eine demokratische Gesellschaft, die auf Auskommen zielt, ein fataler, ja brandgefährlicher Irrtum.“ (12)

Alexander Marinos traute sich, im Generalanzeiger vom 16. Januar zu schreiben: „Ein Kommentator, der in einer Zeitung zu einer Medienkritik ansetzt, betritt dünnes Eis…Diese Recherche im Klein-Klein wirkt vor allem: kleinkariert. Sie nährt den Verdacht, dass ganze Redaktionen regelrecht beleidigt sind, weil Wulff nicht zurücktritt. Vor lauter gekränkter Eitelkeit pusten und pusten sie heiße Luft in den Empörungsballon…“ (13)

Von „sehr viel Verdachtsberichterstattung“ sprach Hans Mathias Kepplinger, Professor für empirische Kommunikationsforschung an der Uni Mainz, im Deutschlandradio. Die Dinge seien zum Teil „an den Haaren herbeigezogen“. (14)

Warum sind diese kritische Stimmen plötzlich allesamt verstummt?

Transparenz nur bei Bedarf

Bemerkenswert ist, was Presse und Fernsehen nicht berichteten. Da ist zum Beispiel die „Schuh-Demonstration“ vor dem Schloss Bellevue – von Wulff-Gegnern und öffentlich-rechtlichen Medien mehrmals zur Unterstützung ihrer Thesen herangezogen. Diese Demonstration organisierte das aktive DKP-Mitglied Klaus Meinel, früher Ex-Major der Stasi. Ist das für die Gesamtbeurteilung der Situation wirklich unerheblich?

Hape Kerkelings Facebookseite, auf der er Wulff unterstützte, wurde von Facebook gelöscht (15) – nicht berichtenswert? Nachdem die Seite verschwunden war, konnte man in einigen Zeitungen lesen, Kerkeling habe sie gelöscht. Um den journalistischen Anforderungen zu genügen, hätte es hier mindestens einer Richtigstellung bedurft.

Ebenfalls nicht berichtet wird über nicht lange zurückliegende Vorgänge bei der Staatsanwaltschaft Hannover, die letztendlich Wulffs Rücktritt auslöste. Erst 2010 schrieben Die Zeit und andere über die dortige „Justizaffäre“ (16). Bis heute sind dort dieselben Personen tätig. Warum sollte das Vorleben dieser Institution, die solch eine weit reichende Entscheidung trifft, weniger wichtig sein, als jenes des Bundespräsidenten?

Nicht ausreichend berichtet wurde außerdem über die Entkräftung eines Vorwurfs. Die sächsische Freie Presse schrieb am 6. Februar: „Bundespräsident Christian Wulff hatte nach Aussage des ehemaligen Leiters der Wirtschaftsabteilung in der Hannoveraner Staatskanzlei, Mathias Middelberg, keine Hinweise auf die VW-Übernahmepläne von Porsche. Die am Wochenende vom Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ veröffentlichten Vorwürfe gegen ihn und Wulff seien ‚konstruiert‘, sagte Middelberg am Montag dem Radiosender NDR1 Niedersachsen.“ (17) Warum bekam die Bekräftigung der Vorwürfe in der Presse deutlich mehr Gewicht als deren Entkräftung?

Wie bigott einige mit der Transparenzfahne umher eilende Journalisten agieren, zeigt ihr Verhalten während der Fragestellungen an Wulff. Während Die Welt proklamierte: „Größtmögliche Transparenz im Fall der Kreditaffäre des Bundespräsidenten: Die ‚Welt‘ dokumentiert sämtliche Anfragen zur Causa Christian Wulff“ (18), war in dem von Wulffs Anwaltskanzlei ins Netz gestellte Dokument zu lesen: „Ein Redakteur einer Tageszeitung hat seine Zustimmung an die Bedingung geknüpft, dass seine Fragen nur anonymisiert und ohne Nennung der Zeitung veröffentlicht werden. Eine an bestimmte Beschränkungen geknüpfte Zustimmungserklärung liegt uns von einem Redakteur des Stern vor. Die Welt hat uns bestimmte Fragen ausdrücklich unter dem Vermerk „vertraulich“ gestellt. Wir haben deshalb bei der Veröffentlichung die Passagen geschwärzt und kenntlich gemacht, für die uns nur eingeschränkte Zustimmungen vorliegen.“ (19) Aus dem Dokument ist auch ersichtlich, wie Journalisten mit der Fristsetzung zur Beantwortung ihrer Anfragen umgingen. So schrieb etwa Hans-Martin Tillack vom Stern in einer E-Mail mit sechs Fragestellungen am Sonntag, 18.12.2011, um 20 Uhr: „Ich darf Sie um eine Beantwortung am morgigen Montag, dem 19.12.2011, bis 12 Uhr bitten.“ (20) Wer sich eine möglichst ausgewogene Einschätzung in der Causa Wulff aneignen will, sollte sich das Dokument ausführlich ansehen. Wer das Bild vom professionellen Journalismus in Deutschland bewahren will, lässt es besser sein.

Medien konterkarieren Meinungsfreiheit

Das verwunderte Volk mag sich die Augen reiben ob der Vorgänge der letzten Zeit. Manch eine aufmerksame Person wird sich fragen, wer eigentlich jemals sagte, die Medien dürften nicht recherchieren und Fragen stellen. Fakt ist: Das hat kein Mensch gesagt oder geschrieben. Die Kritik bezieht sich auf die unfaire Art und Weise der Berichterstattung, auf die beleidigende, unsachliche Wortwahl und auf die unausgewogene Darstellung von Pro- und Contra-Argumenten. Der von den Medien erfundene Vorwurf dient jetzt der gegenseitigen, in Talkshows zelebrierten Beschwichtigung, wie gut und richtig die Medienarbeit doch gewesen sei. Das ist eine inszenierte Wirklichkeit. Manch eine Person mag auch erstaunt darüber sein, dass plötzlich die ARD einen Sozialneid schürt, wie er von der populistischen Linken nicht besser hätte transportiert werden können – siehe Frank Plasbergs Müllmänner (21), die angeblich alle wütend sind auf den zurückgetretenen Bundespräsidenten.

Die jüngste Entwicklung bietet Anlass zur Sorge. Grundlegende Regeln des solidarischen Zusammenlebens, inklusive der vom Deutschen Presserat formulierte Pressekodex, sind in Frage gestellt: Grenzüberschreitungen und Hemmungslosigkeit werden hoffähig, Begriffe wie Moral und Anstand entwertet und das Recht jedes Menschen auf Respekt vor seinen subjektiven Empfindungen wird hintergangen – es ist deplatziert, subjektive Gefühlsäußerungen zu kommentieren, wie das Journalisten bei Wulff praktizierten. Jeder Coach, Gruppensoziologe, Psychologe, weiß das. Wo sind diese Stimmen? Es gäbe viele interessante Dinge zu berichten und zu debattieren. Zum Beispiel, welches Menschenbild wir in Deutschland grundsätzlich vertreten. Zeichnet eine moderne, plurale Gesellschaft aus, dass man Spott und Häme lustig findet oder ist Schadenfreude eher etwas für vormoderne Gesellschaften? Es gibt eine ganze Reihe an Fragen, die sich hier anfügen ließen.

Laut Pressekodex sollen Medien ausgewogen über Sachverhalte berichten, damit sich die Bürger eine eigenständige Meinung bilden können. Spätestens seit den medialen Vorgängen um Wulff drängt sich der Eindruck auf, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Leitmedien oktroyieren ihre Meinung der Gesellschaft auf. Damit sind nicht journalistische Darstellungsformen wie Kommentar oder Glosse gemeint, die selbstverständlich auch die Funktion haben, die Richtung des jeweiligen Medienverlags respektive der Journalisten zu repräsentieren. Es ist damit gemeint: Penetranz durch ständige Wiederholung gleicher Sachverhalte sowie populistische Degradierung anderslautender Meinungen. Alles und jeder wird mit herabsetzenden Äußerungen bedacht, wenn es nicht die eigene transportierte Theorie stützt. Wer hat unter diesen Umständen noch Lust, von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen? Diese Art der versuchten Gleichschaltung sowie die Methode der Zielerreichung mittels Diffamierung hatten wir schon zweimal in der jüngeren deutschen Geschichte. Karl Jaspers Beobachtung ist offenbar aktueller denn je: „Welche Journalisten ein Volk hervorbringt, das ist heute sein Schicksal.“

© 2012 by Susanne Baumstark*

* Die Autorin ist Redakteurin und Dipl.Soz.Pädagogin.

Quellennachweise:

(1) ARD-Sondersendung „Günther Jauch“ vom 17.2.2012

(2) Morgenmagazin vom 20.2.2012

(3)  http://www.evangelisch.de/themen/politik/christian-wulff-ein-unversch%C3%A4mter-r%C3%BCcktritt58098 letzter Zugriff am 23.2.2012

(4) kulturzeit in 3sat vom 22.2.2012

(5) http://www.mainpost.de/ueberregional/meinung/Standpunkt-Zu-klein-fuers-grosse-Amt;art9517,6623927 letzter Zugriff am 23.2.2012

(6) http://www.djv.de/SingleNews.20+M5ea62544f87.0.html letzter Zugriff am 23.2.2012

(7) http://www.welt.de/debatte/kommentare/article13794888/Christian-Wulff-ein-Stromberg-im-Schloss-Bellevue.html  letzter Zugriff am 23.2.2012

(8) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807506,00.html letzter Zugriff am 28.2.2012

(9) http://www.welt.de/debatte/article13875657/Christian-Wulff-ein-Opfer-seiner-selbst.html  letzter Zugriff am 23.2.2012

(10) http://www.fr-online.de/meinung/einspruch-pranger-der-selbstgerechten,1472602,11351656.html letzter Zugriff am 23.2.2012

(11) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ruecktritt-des-bundespraesidenten-wulffs-kapitulation-11653679.html letzter Zugriff am 23.2.2012

(12) http://www.fnp.de/fnp/nachrichten/kommentare/leitartikel-wulffs-hinrichtung_rmn01.c.9513099.de.html letzter Zugriff am 23.2.2012

(13) http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/kommentare/die-wulff-affaere-in-den-medien-abruesten-jetzt-id602329.html  letzter Zugriff am 23.2.2012

(14) http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1672027/ letzter Zugriff am 23.2.2012

(15) Hape Kerkeling in der NDR-Sendung „Tietjen und Hirschhausen“ vom 20.1.2012: „Also das ist und war meine private Facebookseite und in der Tat, das habe ich auf meiner privaten Facebookseite geschrieben mit dem Ergebnis, dass sie jetzt von Facebook gesperrt wurde.“

(16) http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-05/justizaffaere-hannover letzter Zugriff am 23.2.2012

(17) http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/WIRTSCHAFT-BOERSE/Middelberg-Vorwuerfe-gegen-Wulff-zu-VW-Uebernahme-sind-konstruiert-artikel7897422.php letzter Zugriff am 23.2.2012

(18) http://www.welt.de/politik/deutschland/article13812449/Welt-veroeffentlicht-alle-Fragen-zur-Causa-Wulff.html letzter Zugriff am 23.2.2012

(19) http://pdf.redeker.de/downloads/pm/hinweise.pdf letzter Zugriff am 23.2.2012

(20) http://pdf.redeker.de/downloads/pm/Teil%201%20Stand%2018012012%20mit%20ZDF.pdf (Seite 21) letzter Zugriff am 23.2.2012

(21) ARD-Talkshow „Hart aber fair“ vom 9.1.2012

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