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Berlin, 30.01.2013/cw – Wir erinnern uns: Nicht nur in der Gedenkstätte des ehem. KGB-Gefängnisses in der Potsdamer Leistikowstraße entbrannte ein Streit zwischen Historikern und Zeitzeugen um die reale Präsentation erlebter Geschichte. Sie mündete seinerzeit in die Feststellung von Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, die Zeitzeugen seien die schlimmsten Feinde der Historiker.

Morsch stieß auf empörte Proteste der Zeitzeugen, die den Historikern, hier aus gegebenen Anlass der für die Gedenkstätte Leistikowstraße verantwortlichen Dr. Ines Reich vorwarfen, diese würde angeblichen historischen Erfordernissen folgend die Erlebnisse der Zeitzeugen hintanstellen oder gar verfälschen.

Irritierungen über Angaben im Programm

Irritierungen über Angaben im Programm

Mittlerweile scheinen sich neue Sichtweisen auf den zweifellos schwierigen Komplex zu ergeben. Immer häufiger wird einigen Zeitzeugen vorgeworfen, es mit der Wahrheit nicht genau zu nehmen oder gar Berichte anderer Zeitzeugen in die eigene Vita „einzubauen“. Betroffene der SED-DDR-Diktatur befürchten  durch diese „eigenwillige Geschichtsdarstellung“ eine schleichende Aushöhlung der Glaubwürdigkeit und „Wasser auf die Mühlen Ewiggestriger.“ So diffamieren alte Stasi-Kader schon seit längerer Zeit Gedenkstätten mit ihrem Angebot von Zeitzeugen-Vorträgen als „Werkstätten der potenzierten Lügen“.

„Das aber schadet dem Ansehen aller Verfolgten der SED-Diktatur,“ stellt eine ehemalige Insassin des Frauenzuchthauses Hoheneck der DDR fest: „Wir haben individuell und gemeinsam so viel Schlimmes erlebt, dass es keiner Aufbereitungen oder Hinzufügungen bedarf, um diese Erlebnisse glaubwürdig erscheinen  zu lassen.“

Angeblicher Aufenthalt in der Wasserzelle Hoheneck

In der Tat haben sich erstmals Zeitzeuginnen zusammengetan, um gegen Lügen  und Verfälschungen vorzugehen. In einem gemeinsamen Schreiben wandten  sich elf von fünfundzwanzig Frauen, die als ehemalige Frauen von Hoheneck in einem Buch portraitiert worden waren, an den  Verlag und forderten die Berichtigung offensichtlicher Unwahrheiten. Anderenfalls, so die Frauen in ihrem bereits vor mehreren Wochen verfassten Schreiben, würden sie ihr Einverständnis zur weiteren Nutzung der eigenen Vita für dieses Buchprojekt zurückziehen.

Hintergrund war der Bericht einer Haftkameradin, die von einem Aufenthalt in der Wasserzelle im Zuchthaus Hoheneck berichtete, obwohl diese nie in dieser Wasserzelle war, was sie später auch selbst einräumte. Die gleiche Zeitzeugin wird nun im Programm der zitierten Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam für den 25. September als „ehemalige Inhaftierte des Speziallagers Sachsenhausen und des Gefängnisses Hoheneck“ angekündigt, obwohl sie erst 1953 verhaftet und das Speziallager des KGB bereits 1950 aufgelöst worden war. Nun macht sich unter den ehemaligen Frauen von Hoheneck Empörung breit, zumal die angeführte Zeitzeugin in ihrer „Repräsentations- und damit Vorbildfunktion“ für die betroffenen Frauen bereits seit längerer Zeit in der Kritik steht.

Verschiebungen in den rückwärtigen Wahrnehmungen

Ein weiteres Beispiel „einer gewissen Selbstverliebtheit in die eigene Geschichte“ bot ein einstiger 16jähriger Lehrling, der als Zeitzeuge des 17. Juni auf einer Veranstaltung im Bundesfinanzministerium präsentiert wurde. Im Kontrast zu seinen eigenen bisherigen Berichten gegenüber dem Autor, die dieser u.a. auch im Buch „Blackbox der DDR“ (Ines Geipel/Andreas Petersen, 2009) veröffentlicht hatte, berichtete der heute 75jährige neben anderen „Ergänzungen“  darüber, daß er während der damaligen Ereignisse „auch Steine geworfen“ habe.

Variable Erinnerungen?

Variable Erinnerungen?

Vielleicht meinten Morsch, Reich und Kollegen ja diese „Verschiebungen  in den rückwärtigen  Wahrnehmungen“ von Zeitzeugen, als sie die Priorität historisch belegter Tatsachen hervorhoben. Gefehlt hat ihnen jedenfalls die Sensibilität gegenüber einstigen  Opfern, die vielfach auch von Geschehnissen „aus eigenem Erleben“ überzeugt sind, die sie anderen Erlebnissen entliehen haben. Die zweifellos vorhandenen traumatischen Erfahrungen der Zeitzeugen bedürfen einer historischen Analyse, ohne die berechtigten  Anliegen dieser Menschen auf authentische Bezeugung ihrer Verfolgung zu negieren oder diese Zeugen gar als „Feinde“ zu klassifizieren.

Der behutsame Umgang mit den vielschichtigen  „Wahrheiten“ sollte es ermöglichen, zwischen Zeitzeugen und Historikern „auf Augenhöhe“ einen unerlässlichen und gleichberechtigten Dialog zu führen. Dabei sollten Historiker und hier die verantwortliche Ines Reich allerdings mit gutem Beispiel vorangehen und zumindest in  ihren Veranstaltungsprogrammen nur Veröffentlichungen vornehmen, die wissenschaftliche Seriosität belegen. So wird eine solche Ankündigung, wie der einer angeblichen  Insassin des Speziallagers Sachsenhausen (Jahre nach dessen Auflösung), zum offenen Ärgernis für eine Sparte, die gerade gegenüber den Zeitzeugen ihre gründliche wissenschaftliche Arbeitsweise betont. Mit dieser Schludrigkeit werden genau jene unguten Auswüchse der subjektiven Erinnerungsleistung gefördert, der man vorgeblich durch exakte eigene  wissenschaftliche Arbeit begegnen will.

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“, Tel.: 030-30207785

Berlin/Potsdam, 28.03.2012/cw – Gleich vorweg, um Fehlinterpretationen zu begegnen: Gewalt ist kein  Mittel der Auseinandersetzung. Punkt.

Aber rund um  diesen selbstverständlichen Grundsatz einer zivilen Ordnung wissen wir um die Ausnahmen, Widersprüche und – ja, auch – politischen Legalisierungen von Gewalt. Der gleiche Staat, der seinen Bürgern das Credo von der Gewaltlosigkeit predigt, setzt oftmals seine Soldaten oder Polizisten in Marsch, um  mit Gewalt gegen Gewalt zu operieren oder eigene Ziele mit Gewalt – ohne Vorspiel der Gegenseite – durchzusetzen. Dann gibt es das Instrument der Notwehr: Wer eine Gefahr für sich oder gegen Andere nicht anders abwehren kann, ist berechtigt, zur Abwehr dieser Gefahr auch Gewaltmittel einzusetzen. Soweit die Widersprüche, soweit die Ausnahmen.

All das lässt sich auf den ersten  Blick bei dem Geschehen in Potsdam nicht einsortieren. Ein ehemaliger Workuta-Häftling wollte die umstrittene Leiterin der Gedenkstätte Leistikowstraße um die Möglichkeit eines Zeitzeugengespräches bitten. Er wies ein Schreiben der Staatskanzlei vor, das er infolge eines Gespräches mit Ministerpräsident Platzek anlässlich seines Geburtstages erhalten hatte und in dem die Leiterin der Gedenkstätte gebeten wurde, Zeitzeugen Gespräche zu ermöglichen. Diese aber wies das Ansinnen mit dem Hinweis auf laufende Bauarbeiten ab. Das führte dann im Verlauf einer sicherlich heftiger werdenden Debatte zu der in den Medien diskutierten Auseinandersetzung oder, von der Gedenkstätte behaupteten gewalttätigen Reaktion eines 83jährigen, der als Minderjähriger von der Straße weg durch die Sowjets verhaftet worden und nach Sibirien in das berüchtigte Lager Workuta verschleppt worden war. Erst nach acht Jahren war er, fast einem Wunder gleich, aus dieser sibirische Hölle zurückgekehrt.

Hat ein solches Schicksal, hat ein Mensch, der dieses durchlebt hat, nicht Verständnis verdient, wenn er permanent gegen eine Wand von Ignoranz und provozierter Missverständnisse anrennt, anrennen muß? Seit Jahren fühlen sich die Betroffenen – nicht nur in der Leistikowstraße, aber hier besonders deutlich – von der Gedenkstättenleitung absichtlich wirkend, weil von oben herab ins Abseits gestellt. Hier wurde und wird der ewig anmutende Konflikt zwischen  den Zeitzeugen, die vor Ort Bitteres durchleben und erleiden mussten und Jenen, die – etwas salopp ausgedrückt – mit dem Leid dieser Menschen  ihr Brot verdienen, deutlich. Die Leistikowstraße ist da kein Einzelfall. Die Arbeitsgemeinschaft Sachsenhausen 1945 –1950 kann ebenso davon berichten, wie andere Betroffene.

Im Jahr 2008 freundlicher Umgang: Ines Reich, Lothar Scholz, Ministerin Prof. Johanna Wanka - Foto: LyrAg

Erst jüngst wurde dieser Konflikt am Rande einer Veranstaltung in der Runden Ecke, dem Museum in Leipzig, deutlich. Eine ehemalige Hoheneckerin, die nach 30 Jahren den Mut fand, sich mit ihrer Vergangenheit im Frauenzuchthaus Hoheneck auseinanderzusetzen, hatte sich zur Buchvorstellung „Der Dunkle Ort“, in dem 25 Schicksale von nahezu 10.000 politisch Verfolgten allein in  Hoheneck geschildert werden, eingefunden. Die studierte, also gebildete Frau, sprach am Rande der Veranstaltung den Geschäftsführer der Stiftung Sächsische  Gedenkstätten an, um sich nach einer möglichen Mitwirkung im Beirat dieser Institution zu erkundigen. Sie wollte schlicht einen Ansprechpartner wissen. Von oben herab wurde die ehemalige Hoheneckerin beschieden, wenn  sie das nicht selbst wisse, könne er ihr auch nicht helfen. Und weiter: Das wäre eh nichts für sie, in dieses Gremium würden nur hochkarätige Persönlichkeiten berufen.

Im geschilderten Fall wurde die Frau nur „sehr laut“. Aber hätte man nicht zumindest das Verständnis aufbringen können oder müssen – was nichts mit Billigung zu tun hat -, wenn diese ehemals politisch Gefangene ausgerastet wäre und eine Kiesinger-Feige verteilt hätte?

Einzig um diese Frage geht es. Wer diesen Menschen das Verständnis für deren Empörung gegen die Arroganz der „Verwalter ihrer Schicksale“ verweigert, hat nichts begriffen und setzt sich ziemlich kaltschnäuzig über dramatische Schicksale und die mit diesen verbundenen Traumata hinweg. Die so Zurückgewiesenen erleben ihr Leid erneut, müssen die beleidigende Arroganz als Fortsetzung der Zersetzungsarbeit und Folter ihrer einstigen Peiniger empfinden.

Bei NS-Opfern hat man diese Zusammenhänge längst verinnerlicht, zu Recht. Weder eine Ines Reich noch ein Günter Morsch  kämen auch nur auf den Gedanken, ein  NS-Opfer mit annähender Arroganz zu behandeln oder abzufertigen. Bei den Opfern der zweiten Diktatur hat sich hingegen diese Form der Auseinandersetzung schon vielfach verselbständigt, ohne dass dies einigen Verwaltern der Leidenskultur noch auffällt. Diese Bestandsaufnahme wäre, ist ein Skandal an sich, nicht die Empörung eines 83jährigen ehemaligen sibirischen Häftlings, der in seiner Verzweiflung ob der von ihm beschriebenen „Eiseskälte“ seines weiblichen Gegenübers seine ansonsten gerühmte Verbindlichkeit außen vor ließ. Die folgende Presseerklärung der Gedenkstätte war und ist nicht geeignet, den Konflikt aufzulösen oder eine neue Sachlichkeit anzustreben. Wer in einer eskalierenden Situation die wütende Äußerung eines Betroffenen, „den ganzen  Laden anzuzünden“ zu einer „Morddrohung“ hochstilisiert, trägt nicht zur Konfliktlösung bei. Auch die zwischenzeitlich telefonisch übermittelte Forderung an den Workuta-Häftling, sich mit einem Blumenstrauß bei Ines Reich zu entschuldigen, gleicht eher einer erneut betonten Arroganz als dem Bemühen, einen „runden Tisch“ anzubieten, an dem die Beteiligten ihre Sorgen und Nöte im gegenseitigen  Umgang offen besprechen könnten.

Vielleicht wäre es ein Weg, wenn  Ines Reich die Anzeige zurückzöge und endlich ein ergebnisoffenes Gespräch mit den betroffenen einstigen Häftlingen und dem Verein anbieten würde? Die Provokation eines Gezeichneten durch martialische Presseerklärungen oder gar Gleichstellung mit Terroristen noch zu verstärken, ist garantiert der falsche Weg, den Karren verweigerter Achtung und angehäufter Missverständnisse aus dem Brandenburger Sand zu ziehen.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

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