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Titel HB 2014Nr.032               Einigkeit und Recht und Freiheit       15. 08. 2014

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Berlin/Hamburg, 15.08.2014/cw – Vor neun Jahrzehnten wurde er in Babelsberg bei Berlin geboren, am morgigen Samstag feiert er in Hamburg seinen 90. Geburtstag: Horst Schüler.

Als der spätere Journalist beim Hamburger Abendblatt im vorigen Jahrhundert das Licht der Welt erblickte, lag das Ende des Ersten Weltkrieges gerade erst sechs Jahre zurück, war am 9. November 1918 die Republik ausgerufen und das Ende der Monarchie beschlossen worden.

Der Jubilar - Foto: Archiv

Der Jubilar – Foto: Archiv

Zehn Monate vor seiner Geburt war – wieder an einem 9. November – der Putsch Hitlers gegen die Republik vor der Feldherrnhalle in München am Widerstand der Demokraten gescheitert. Sein Vater, ein engagierter Sozialdemokrat, konnte da noch nicht ahnen, daß sein Lebensweg später durch Hitler direkt in das KZ Sachsenhausen und in den Tod führen würde.

 Horst Schüler, 22 Jahre alt, ging  nach der Heimkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1946 zurück nach Potsdam, wo er ab 1949 Widerstand gegen das kommunistische Regime in der SBZ und späteren DDR leistete. 1951 wurde er verhaftet und in das Gefängnis in der Potsdamer Lindenstraße eingeliefert, in dem sein Vater bis zur Verbringung nach Sachsenhausen seine Untersuchungshaft unter der GESTAPO erleiden mußte.

Der KGB setzte den GESTAPO-Terror fort

Nach 1945 hatte der sowjetische Geheimdienst KGB den Terror der NS-GESTAPO an diesem Ort fortgesetzt. Der nunmehr 27jährige durchlebte am selben Ort wie zuvor sein Vater unmenschliche Behandlungen und Verhöre, wurde schließlich wegen seiner journalistischen Verbindungen nach Westberlin von einem sowjetischen Militärtribunal in Potsdam zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Es folgte die Deportation nach Workuta, wo Schüler im Kohleschacht 29 schuften mußte.

Er nahm an dem großen Lagerstreik im Juli 1953 teil, der für die Häftlinge dieses Schachtlagers Anfang August in einem Blutbad endete. Horst Schüler erinnerte sich 60 Jahre später im Magazin DER SPIEGEL: „Wie sich alle auf den Boden warfen. Wie einige unter die Körper von Toten krochen, um sich vor dem Kugelhagel zu retten. Wie andere panisch zu den Baracken rannten, obwohl deren Holzwände kaum Schutz boten. Wenig später waren 64 Männer tot, darunter zwei Deutsche, und etwa 150 weitere verletzt.“

Erst 1955 endete sein Martyrium. Gezeichnet lehnte er eine Rückkehr in die sowjetisch besetzte Zone, die von der UdSSR installierte DDR, ab und ließ sich in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Seither arbeitete er zunächst als Journalist in Kassel und von 1964   bis zu seiner Pensionierung 1989  als Redakteur beim Hamburger Abendblatt in der Freien und Hansestadt Hamburg, wo er bis heute wohnt.

Es war wieder ein 9. November, als vor fünfundzwanzig Jahren, 1989, die Mauer fiel. Auch für Horst Schüler ein persönliches Schicksalsdatum, denn er beschloss spontan, nicht mehr zu schweigen, über seine Erlebnisse mit dem Kommunismus und den Tod seines Vaters durch den Nationalsozialismus zu sprechen, sich für ein „Nie wieder!“ zu engagieren.

Der Gefangene in Workuta - Archiv: Schüler

Der Gefangene in Workuta – Archiv: Schüler

1992 fuhr er als erster westdeutscher Journalist nach Workuta, für ihn eine erschütternde Begegnung mit der Vergangenheit. Schüler: „Ist das wirklich vierzig Jahre her? Da hat sich ja kaum etwas verändert. Ich erkenne alles sofort wieder, beinahe so. als wäre ich vor ein paar Wochen noch hier gewesen. Der Förderturm, der riesige Poroda-Berg, das Kombinatsgebäude, die Fabrik, in der die Kohle von den Steinen getrennt wurde. … der Schacht (hat) einen richtigen Namen bekommen. Er nennt sich längst nicht mehr Schacht 29, jetzt heißt er „Jur Schor“, ein Bächlein in der Nähe ist der Namensgeber. Wahrscheinlich war diese Zahl 29 mit zuviel bitterer Vergangenheit belastet. Doch die lässt sich ja nicht einfach mit einer Namensänderung auslöschen.

Hier draußen in der Tundra, einen Steinwurf nur vom Schacht entfernt, ist diese Vergangenheit für jeden sichtbar,“ beschreibt Schüler eindringlich in seinem  eindrucksvollen Buch „Workuta – Erinnerung ohne Angst“ die erste Begegnung mit der Vergangenheit (1993  F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung, München,  248 S.; Format: 14×22 ISBN: 3776618213).

„Ein paar schlichte Holzkreuze ragen da wie mahnende Zeigefinger aus dem Schnee. Sie tragen Nummern statt Namen, eines allerdings ist beschriftet, deutsch sogar: »Ruhe sanft in dieser kühlen Erde«, lese ich.“ Er erfährt, dass „ein paar Sommer zuvor ehemalige litauische Häftlinge nach Workuta gekommen waren. Sie bargen die im Schlamm und Morast versunkenen Kreuze, stellten sie wieder auf.“ Schüler ist seit 1996 Sprecher (Vorsitzender) der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion.

An den Ort der Leiden zurückgekehrt - Erinnerungen ohne Angst - Cover: HERBIG

An den Ort der Leiden zurückgekehrt – Erinnerungen ohne Angst
– Cover: HERBIG-

Hass: Tückische Falle für jedes anständige Leben

Das eigene Leben, das erfahrene Leid ließen den Gezeichneten zu der Überzeugung gelangen, dass Hass die Ursache für dieses vielfache Leid war. Seither bemüht er sich, diese „tückische Falle für jedes anständige Leben“ zu vermeiden, Leidensgenossen anzuhalten, durch die Schilderung ihrer jeweiligen Geschichte an die nachgewachsene Generation diese von den üblen Auswüchsen des Hasses, der in den totalitären Doktrinen – ob braun oder rot – verwurzelt ist, zu überzeugen.

Der so fast zum nachdenklichen Philosophen gewordene Ruheständler traf mit seiner gewonnenen Erkenntnis nicht überall auf Zustimmung, stieß und stößt bis heute bei Betroffenen auf große Verbitterung und Ablehnung der Abkehr von Hass-Gedanken auf die einstigen Peiniger. So mußte sich der Moderator in seiner langjährigen Funktion als Vorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG – 2002 – 2007) immer wieder teils gehässig wirkenden Angriffen stellen. Seine stete und ihn kennzeichnende Bereitschaft, viele Meinungen zu tolerieren und zwischen unüberbrückbar erscheinenden Überzeugungen zu vermitteln, wurde nicht immer gewürdigt. Hingegen brachte dieser Kurs dem Dachverband den Durchbruch in der lange vorenthaltenen öffentlichen Anerkennung, von der die UOKG trotz augenblicklicher Stürme noch immer zehrt.

Theodor-Wolff-Preis und Bundesverdienstkreuz

Diese Anerkennung  eines unbeugsamen Moralisten, engagierten Kämpfers für die Belange der Diktatur-Verfolgten und Zeitzeugen des vorigen Jahrhunderts, der sich trotz festgefügter Überzeugungen nie dem Diskurs verweigerte, erhielt er bereits 1997  mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande, überreicht durch Bundespräsident Roman Herzog; 2003 wurde Horst Schüler das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Zuvor hatte er bereits 1974 den renommierten Theodor-Wolff-Preis für ausgezeichnete journalistische Arbeit erhalten.

Nicht nur die UOKG, alle Verfolgten und Opfer beider Diktaturen in Deutschland, von Unrecht und Gewalt in der Welt verdanken Host Schüler ein unvergleichliches Engagement für die gemeinsamen und immer noch aktuellen Anliegen.

Von hier aus tief empfundener Dank für die Lebensleistung und erwiesene Kameradschaft. Herzliche Glückwünsche zum 90igsten nach Hamburg, verbunden mit den Wünschen für viel Gesundheit und noch vielen Jahre an unserer Seite und – natürlich – an der Seite seiner ebenfalls hochbetagten Frau Ingrid, die in den zurückliegenden Jahrzehnten sicherlich viel ertragen, vor allem aber auch mitgetragen hat.

Carl-Wolfgang Holzapfel

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Gedenkstätte Hoheneck: Erste Sanierungs-Maßnahme abgeschlossen

Stollberg-Hoheneck, 15.08.2014/cw – 650.000 Euro, vier Monate Bauverzug, jetzt abgeschlossen: Die erste große Baumaßnahme, die Dachsanierung am Südflügel des einstigen DDR-Frauenzuchthauses wurde in diesen Tage abgeschlossen. Wie Verwaltungsleiter Reiner Kunz von der Stadtverwaltung erklärte, sei damit das „baulich dringlichste Problem abgearbeitet.“ Erhebliche Schäden im Dachbereich hätten die Gebäudesubstanz bedroht, dadurch bestand dringender Handlungsbedarf. Die notwendigen finanziellen Mittel wurden durch den Bund und den Freistaat Sachsen aufgebracht worden.
Nach einem Bericht der Stollberger Zeitung werden für das gesamte Projekt insgesamt 5,4 Millionen Euro ausgegeben, achtzig Prozent werden durch Fördermittel finanziert. Allein für den Aus- und Umbau des Nordflügels zu Ausstellungsräumen sind 3,7 Millionen Euro eingeplant, eine Million sollen davon von der Stadt aufgebracht werden. Die Gedenkstätte für das Frauenzuchthaus soll im Hauptteil im Ostflügel untergebracht werden.
Der Baubeginn für diese Sanierungsteile ist laut Mitteilung der Stadt noch in diesem Jahr geplant. Dazu bedürfe es noch der notwendigen Ausschreibungen und Beschlüsse der Ratsversammlung. Ei vorläufiger Abschluss dieser Maßnahmen ist für 2016 anvisiert. Dagegen soll noch im September eine vorläufige Geschäftsstelle der Gedenkstätte eingerichtet und eröffnet werden. Ein dort vorläufig auf 450-Euro-Basis eingesetzter Mitarbeiter soll die regelmäßig geplanten Führungen organisieren und die bürokratischen Erfordernisse erledigen.

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 Frauenkreis: Vorstand bestätigt Auflösung und fordert Beiträge ein

Berlin/Hoheneck, 15.08.2014/cw – Der Vorstand des Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen hat in einem Rundschreiben an die Mitglieder den am 4. Mai 2013 „mit Mehrheitsbeschluss“ gefassten Entscheid zur Auflösung des Vereins bestätigt. Gleichzeitig fordert „Finanzvorstand“ Angelika Grünewald namens des Vorstandes die Mitglieder auf, ihre Mitgliedsbeiträge zu entrichten, da der „Verein bisher fortbesteht und damit auch die Verpflichtung, weiter Mitgliedsbeitrag zu bezahlen.“
Wie mehrfach an dieser Stelle berichtet, hatten 17 der rund 100 Mitglieder auf einer umstrittenen Versammlung im letzten Jahr auf Betreiben des Vorstandes die Auflösung des Vereins beschlossen. Dagegen hatten 14 Mitglieder, „eine Minderheit“ wie es in dem jetzigen Schreiben heißt, Klage vor dem zuständigen Amtsgericht eingereicht. Das Amtsgericht Michelstadt hat für die Verhandlung unlängst den 10. November 2014, 13:30 Uhr, bestimmt.
In einer ersten Stellungnahme erklärte Regina Labahn als Sprecherin für die Klägerinnen ihr „völliges Unverständnis“ für die Forderungen. Es grenze schon an „Unverfrorenheit und nicht gekannte Kaltschnäuzigkeit“, wenn ein Vorstand, dessen Legitimität ebenfalls bestritten werde und der die Auflösung des Vereins gegen die Mehrheit aller Mitglieder mit Nachdruck betreibe, jetzt hergehe und die so düpierten Mitglieder zur Zahlung ihrer Beiträge auffordere. Entgegen der Ankündigungen habe der Vorstand „zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren“ in diesem Jahr keine Mitgliederversammlung durchgeführt und die jährliche Totenehrung vor Ort vermieden. Es sei „eine Chuzpe, jetzt unter dem Vorwand der Fortbestehung des Vereins von den Mitgliedern Mittel einzufordern, zumal über die Verwendung der vorhandenen Mittel zumindest in dem zitierten Brief keine Rechenschaft abgelegt wurde.“
Labahn empfiehlt, den für dieses Jahr anfallenden Beitrag auf „ein Sperrkonto einzuzahlen, bis das Amtsgericht eine Entscheidung über den Fortbestand des Vereins getroffen haben wird.“

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Lässig scheitert erneut mit versuchter Instrumentalisierung der Justiz

Berlin, 15.08.2014/cw – Die Staatsanwaltschaft Berlin hat die von Ronald Lässig veranlassten Ermittlungen gegen die ehemalige Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, den einstige Bautzen-Häftling Carl-Wolfgang Holzapfel und die beauftragte Rechtsanwältin Gudrun Hölzer nach § 170 Abs.2 der StPO eingestellt (Az.: 256 Js 1047/14).

Flotte Werbung mit flotten Vorgehensweisen verwechselt? Foto: LyrAg

Flotte Werbung mit flotten Vorgehensweisen verwechselt?
Foto: LyrAg

In zahlreichen Blogs (mdrlife, Berlin-Blog etc.) hatte Lässig u.a. verbreitet, Holzapfel und Sterneberg würden vom Staatsanwalt, also von Amts wegen verfolgt werden und dabei verschwiegen, dass diese Ermittlungen aufgrund seiner eigenen Anzeige quasi automatisch erfolgen. Zur Unterstreichung hatte er unter Unkenntlichmachung seiner Anschrift das seinerzeitige Bestätigungsschreiben der Staatsanwaltschaft über den Eingang seiner Anzeige in

Lässiger Umgang mit Verleumdungen im Netz?

Lässiger Umgang mit Verleumdungen im Netz?

Faksimile veröffentlicht. Auch die Angabe von vorliegenden Presseberichten, wie z.B. „Hamburger Wochenblatt“ sollte eine Seriosität dokumentieren. Der jeweils angegebene LINK führte aber nicht zum Erfolg. Das Wochenblatt z.B. hatte nach Intervention der Betroffnen den Lässig-Artikel vom Netz genommen.

Es bleibt abzuwarten, ob der umtriebige Vereinsgründer Lässig nunmehr seine verleumderischen Artikel aus dem Netz nimmt und damit seiner selbst postulierten „journalistischen Sorgfaltspflicht nachkommt. Da Lässig unter seiner alten bisherigen Anschrift trotz Vereinsvorsitz nicht mehr erreichbar ist und bisher auch keine Ummeldung vorliegt, kann dieser von den Betroffenen auch nicht aufgefordert werden, den Einstellungsbeschluss entsprechend zu berücksichtigen.

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Gesucht: Flüchtlinge von 1989 in Deutschkreuz/Österreich

Deutschkreuz/berlin, 15.08.2014/cw – Die österreichische Marktgemeinde Deutschkreutz plant Anfang September ein Treffen zu Ehren von ehemaligen DDR-Flüchtlingen, die 1989 nach Deutschkreutz kamen. Die Marktgemeinde bittet um die Übermittlung von Adressen dieses Personenkreises unter möglicher Beifügung vorhandener Fotos über dieses Ereignis. Die Gemeinde möchte gerne diese Flüchtlinge im September zu einer Erinnerungsveranstaltung einladen. Meldungen bitte an Gemeinde Deutschkreutz, Frau Renate Neubauer, Hauptstraße 79, A-7301 Deutschkreuz, e-mail: post@deutschkreutz.bgld.gv.at.

Bereits für dieses Wochenende hat die rührige Gemeinde ein bemerkenswertes Programm aufgestellt, für Gemeinden in Deutschland, die ähnliche Ereignisse zu verzeichnen hatten, wärmstens zur Nachahmung empfohlen:

Freitag 15. August 2014
18.00 Empfang der Gäste – Hauptplatz / Kirche
19.00 Begrüßung der Gäste im Vinatrium, anschließend gemütliches Beisammensein

Samstag 16. August 2014
Ganztägig zur freien Verfügung Betreuung möglich!
20.00 Veranstaltung mit Musik im Vinatrium

Sonntag 17. August 2014
Ab 10.00 Verabschiedung der Gäste am Hauptplatz

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Protest und Demokratie – Die Macht der Jugend

Rauenstein/Thüringen, 15.08.2014/cw – Die Katholische Studierende Jugend –KSJ- hate aus Anlass des bevorstehenden 25jährige Jahrestages der Maueröffnung auf ihrem Bundescamp im Ferienzentrum Rauenstein/Thüringen am 12. August unter vorgenanntem Titel zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Die Zeitzeugen Tatjana Sterneberg, Regina Labahn und Carl-Wolfgang Holzapfel als politisch Verfolgte der DDR sollten mit dem Fraktionsvorsitzenden der Partei DIE LINKE im Bundestag, Gregor Gysi, Konrad Moser, Bundesleitung Katholischer Männer und Frauen und Svenja Kormann, Politische Bundesleitung der KSJ unter Moderation von Philipp Smets, Referent für politische Bildung der KSJ, der Frage nachgehen, „inwiefern Protest eine Triebfeder für gesellschaftliche Veränderungen darstellt und welche Rolle gerade die junge Generation hierbei spielt.

Von den lt. Veranstalter ca. 390 Campern waren rund 250 Teilnehmer und Besucher aus dem Umkreis der Einladung gefolgt. Zum Redaktionsschluss lag noch kein abschließender Bericht vor; wir werden in den nächsten Tagen berichten.(839)

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Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, der Verein ist für die Inhalte nicht verantwortlich.
Impressum: Der „Hohenecker Bote“ ist einzig der demokratischen Auseinandersetzung und den Anliegen der Verfolgten beider Diktaturen verpflichtet, parteipolitisch und vereinsrechtlich unabhängig und erscheint in der Mitte eines jeden Monats. Beiträge dürfen b.a.W. kostenlos unter Zurverfügungstellung von Nachweisen (Belegen) insbesondere von gemeinnützigen Vereinen der Verfolgten- und Opferszene beider Diktaturen in Deutschland genutzt oder weiterverbreitet werden. Ausgenommen davon sind wirtschaftlich ausgerichtete Institutionen oder Unternehmen. Fotos dürfen grundsätzlich nur unter ausdrücklicher Zustimmung bzw. zu den Bedingungen der Redaktion verwandt werden. Redaktion: Carl-Wolfgang Holzapfel (cw) – verantwortlich; redaktion.hoheneck@gmail.com ; Kaiserdamm 9, D-14057 Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953; Fax: 030-30207786. Anzeigen auf Anfrage.

Pro Patria

Hohenecker Bote

Nr.031                                                      15. Juli 2014

Petition an Putin:                                                    Erinnerung an GULAG-Opfer bewahren

Berlin/Perm, 9.07.2014/cw – Mehr als 40 Jahre existierte das Straf-Lager „Perm-36“ im Bezirk der Stadt Tschussowoi im Permer Gebiet im Ural. Ursprünglich war das Lager 1943 als Lager für Holzfällarbeiten gegründet worden und wurde später technisch so ausgerüstet, dass dort durch die Insassen auch Fabrikationen durchgeführt werden konnten. Zu Beginn der 70er Jahre, als im Westen bereits von einer „neuen Politik“ in der Sowjetunion geträumt wurde, wurde das Lager im Zuge einer neuen Repressions- und Isolationspolitik gegen politische Dissidenten erneut zum Lager für politische Gefangene. Siehe hierzu auch WIKIPEDIA: http://de.wikipedia.org/wiki/Perm-36_Gulag-Museum

Jetzt hat der Wissenschaftsmanager und Politikwissenschaftler am Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Tim Bohse, zusammen mit der örtlichen Vertretung von „Memorial“ eine dringende Petition an den russischen Präsidenten Putin und den Gouverneur der Region Perm gerichtet. Grund: Der einzig existierenden Gedenkstätte an den berüchtigten GULAG wurden die Grundlagen für eine Fortführung entzogen.
Im Januar 2014, so die Petenten, hatte die Permer Regionsregierung ohne Angabe von Gründen die Finanzierung eingestellt und im Mai wurde die Direktorin des Museums Tatjana Kursina, die zu dessen Gründern gehört, unerwartet entlassen. Derzeit ist die Gedenkstätte faktisch geschlossen: die Strom- und Wasserversorgung wurde abgestellt, Besucherführungen finden nicht statt. Alle Bildungsprojekte wurden eingestellt.

Der Wissenschaftler weist Putin darauf hin, daß Perm-36 „für diejenigen, die während der Stalinschen Repressionen gelitten, die Verwandte, Freunde oder Kollegen verloren und die große Entbehrungen und Jahre der Rechtlosigkeit überlebt haben …, ein Gedenkort für Millionen unschuldiger Opfer, die in den Lagern und Gefängnissen des Gulags ums Leben gekommen sind“ ist. „Die Existenz eines solchen Museums in der Region Perm war für uns eine Bestätigung dafür, dass die föderalen und regionalen staatlichen Institutionen in Russland Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben und bereit sind, alles dafür zu tun, damit sich eine der größten Tragödien des 20. Jahrhunderts nicht wiederholt.

Seit über 20 Jahren hätten tausende russische und internationale Aktivisten und Freiwillige an der Entstehung „dieser einzigartigen historischen Gedenkstätte“ mitgewirkt. Die Gedenkstätte sei ein Zeugnis dafür, dass „das neue Russland sich der Zukunft zuwendet und sein totalitäres Erbe“ aufarbeitet. Es könne nicht sein, dass „ein Federstrich eines Beamten genügt, um die physische und intellektuelle Arbeit hunderter engagierter Bürger … zu entwerten und der Gedenkstätte ihre Zukunft zu nehmen.“

Bohse sowie die Permer Regionalvertretung der Gesellschaft „Memorial“ und ihre Unterstützer fordern die Adressaten der Petition „nachdrücklich dazu auf, die Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen „Perm-36“ vor der Schließung zu bewahren, die Wiederaufnahme der Museumstätigkeit auf Grundlage der vertraglich vereinbarten zivilgesellschaftlich-staatlichen Zusammenarbeit zu ermöglichen und Tatjana Kursina wieder als Direktorin des Museums einzusetzen.“

Wer sich der Petition anschließen will, kann sich mit Tim Bohse, timbohse@gmx.de oder Memorial Deutschland: info@memorial.de in Verbindung setzen.

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UOKG: Opferverbände unter Regierungs-Kuratel?

Berlin, 15.07.2014/cw – Erst durch das Scheitern der einvernehmlichen Gründung der UOKG in Berlin-Zehlendorf im Jahre 1992 entstand in der Folge die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, die seither mehr oder weniger erfolgreich versucht, über zugewiesene Fördermittel Einfluss auf die Arbeit der Opferverbände zu nehmen. Erstmals mußte sich Horst Schüler 2006 diesem finanziellen Druck beugen, als die Bundesstiftung ultimativ mit der Streichung von Fördermitteln drohte, falls die UOKG sich nicht von ihrem in die Kritik geratenen Vorsitzenden des größten und ältesten Opferverbandes trennen würde. Der VOS-Vorsitzende Bernd Stichler hatte drei Jahre zuvor Äußerungen getätigt, die als „unerträglich, weil ausländerfeindlich“ und damit gegen die Satzung der UOKG verstoßend beurteilt worden waren. Stichler trat zurück, die Fördermittel konnten weiter ausgereicht werden.

Ausfälle gegen Juden, Moslems und Buddhisten „zulässiges theologisches Spektrum“?

Kurze Zeit darauf wurde Horst Schüler unter dubiosen Umständen auf einer UOKG-Versammlung in Salzgitter in den Rücktritt getrieben und Rainer Wagner zum Nachfolger gewählt. Wagner war über eine sogen. „Arbeitsgemeinschaft ehemaliger politischer Häftling in der evangelischen Kirche“ in den Dachverband gelangt. Die nicht eingetragene Gemeinschaft wurde seltsamerweise geraume Zeit nach der Wahl Wagners aus der Mitgliederliste der UOKG gestrichen.

Im Gegensatz zu den seinerzeitigen Stichler-Äußerungen wurden die umstrittenen Aussagen Wagners über Atheisten, Heiden und Juden, die sämtlich „Knechte Satans“ seien, weder in der Bundesstiftung noch in der UOKG diskutiert. Auch die seinerzeitige Anzeige eines empörten jüdischen Mitgliedes der VOS wurde unter Hinweis auf die „Religionsfreiheit“ von der zuständigen Staatsanwaltschaft Frankenthal 2007 abgewiesen. Wagner ist hauptberuflich als von der Landeskirche Rheinland ordinierter Prediger in der Stadtmission Neustadt a.d. Weinstraße tätig. Seine späteren Ausfälle gegen den Islam (Allah ist eine Erfindung und Mohammed sein falscher Prophet) und andere Religionsgemeinschaften (Buddhisten und Hinduisten als Verehrer von Götzenkulten) wurden ebenfalls ignoriert. Ein namhafter UOKG-Repräsentant bestätigte erst jüngst auf Nachfrage, die Äußerungen Wagners bewegten sich in einem „theologisch zulässigen“ Spektrum.

Jetzt aber scheint Bewegung in diese strittigen Vorgänge zu kommen, wozu nicht nur die skandalösen Äußerungen, sondern auch die im Frühjahr bekannt gewordenen „Unebenheiten“ in der UOKG-Geschäftsstelle um Spendengelder beigetragen haben könnten.

Durch Eintrag auf der UOKG-Homepage im Frühjahr 2014 wurde der Öffentlichkeit eine Personalie bekannt, die Insider aufmerken ließ: Als „Direktor“ wurde plötzlich ein Dr. Wolfgang-Christian Fuchs ausgewiesen; der bislang als langjähriger Geschäftsführer ausgewiesene Theo Mitrup verschwand vorübergehend gänzlich von der Internet-Seite. Nach Berichten und Nachfragen unserer Redaktion wurde der Eintrag korrigiert: Fuchs und Mitrup wurden nunmehr als „Beauftragte des Vorstandes“ ausgewiesen.

Ob nun Dr. Fuchs für die Personalien in der UOKG zuständig sein soll, wie jetzt aus gut informierten Kreisen verlautet, ist dabei weniger interessant als die Frage nach möglichen Hintergründen. So war Dr. Fuchs immerhin zwanzig Jahre im Bundesinnenministerium, davon drei Jahre im Leitungsbereich und viele Jahre in der Abteilung „Polizei“ tätig. Ca. sieben Jahre war Fuchs bei einem „deutschen Nachrichtendienst“ (Terrorismusbekämpfung und Spionageabwehr), fünf Jahre als Vertreter des Ministeriums bei der NATO in Brüssel (Ständige Vertretung der Bundesrepublik) und ein Jahr als Büroleiter des Innenministers von Thüringen tätig. Erwähnt sei hier noch von den vielen Engagements seine aktive Tätigkeit in der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS), die ressortübergreifende Weiterbildungsstätte der BRD auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik, dessen auftraggebendes Kuratorium der Bundessicherheitsrat ist. Präsident und Vizepräsident dieser Akademie werden abwechselnd durch das Auswärtige Amt und das Bundesministerium der Verteidigung benannt. Die Mitarbeiter des Studienbereichs werden von den Ministerien entsandt, die dem Bundessicherheitsrat angehören.

Provokation der Stasi-Opfer?

Nun mag es dahingestellt bleiben, ob sich hinter dieser interessanten Personalie die endliche Realisierung der 1992 verfehlten Unterordnung der Opferverbände unter ein staatliches Kuratel verbirgt oder der durch seine regelmäßigen, für bestimmte Kreise interessanten Reisen in Staaten der ehemalige Sowjetunion auffallende Vorsitzende Rainer Wagner nunmehr eine „Aufsicht“ verordnet bekommt.
Mitglieder des Dachverbandes kritisieren die offenbare Geheimhaltung der Neuordnung im Verband, die durchaus nicht nur mit der Satzung sondern wohl auch mit dem Geist der kollegialen und kameradschaftlichen Zusammenarbeit im Dachverband kollidieren könnte. Von der möglichen Provokation, Opfern der stasikontrollierten SED-Diktatur einen hochrangigen „Sicherheitsexperten“ vorzusetzen, wird gegenwärtig nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen.

Ankläger der Evangelischen Kirchenleitung

Rainer Wagner fechten diese Vorgänge offenbar nicht an. Der Prediger und Ankläger der Evangelischen Kirchenleitung ob deren Verlassens biblischer Grundlagen ist nach wie vor in der Aufarbeitungs- und politischen Szene (Stiftung Berliner Mauer, Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen etc.) bis hin zum Schloss Bellevue vernetzt. Daher setzt wohl auch die wegen diverser Vorwürfe in die Kritik geratene einstige Mitarbeiterin der UOKG auf den politischen Prediger: Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht die „dankbare“ Mitarbeiterin ein Foto mit Rainer Wagner vom 17. Juni 2014. Im beigefügten Text heißt es: „Auch nach vielen Verleumdungen die nicht wahr sind, verfolgen Herr Wagner und ich noch immer die selben Ziele. Danke Herr Wagner das Sie mir zeigen das Sie zu mir und meiner Arbeit stehen.“

Stellt Neben Details über "Hochzeitsvorbereitungen" auch gerne Beratungs-Internas über Freenet ins Netz: Foto-Partnerin von Wagner

Stellt Neben Details über „Hochzeitsvorbereitungen“ auch gerne Beratungs-Internas über Freenet ins Netz:
Foto-Partnerin von Wagner

Pikant: Die UOKG, noch immer vertreten durch den Vorsitzenden Rainer Wagner, hat im Frühjahr 2014 Anzeige gegen eben diese Mitarbeiterin erstattet. Wagner, in Personalunion seit April d.J. auch Vorsitzender der VOS, wollte gegenüber unserer Redaktion zu der jüngsten Veröffentlichung seiner ihm (auf dem Foto) nahe stehenden einstigen Mitarbeiterin keine Stellungnahme abgeben. Warum auch? Wer im 21. Jahrhundert unbehelligt Juden als Knechte Satans bezeichnen und den Islam als erfundene Religion verächtlich machen darf, braucht sich um derartige Peinlichkeiten, wie die aktuelle Veröffentlichung dieses Fotos, keine Gedanken zu machen. Zumal ihn eine bisher schweigende Öffentlichkeit zu ermutigen scheint, seine unhaltbaren Diffamierungen weiterhin als richtig zu empfinden.

Jedenfalls lehnt Wagner eine Distanzierung oder Klarstellung seiner zumindest missverständlichen Äußerungen bislang ab. Einzig die zuständige Landeskirche hat sich bisher kritisch geäußert und ihren Prediger zur Zurückhaltung aufgefordert.

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Führungen im ehem. Frauenzuchthaus Hoheneck

Hoheneck, 12.07.2014/ts – Am Sonntag, 20. Juli, finden von 10:00 – 17:00 Uhr Führungen im einstigen DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck/Stollberg statt. Veranstalter ist in diesem Jahr die örtliche Freie Presse in Zusammenarbeit mit dem neuen Eigentümer, der Großen Kreisstadt Stollberg.

Schlössertour einmal anders: Zeitzeuginnnen führen durch Hoheneck - Foto: LyrAg

Schlössertour einmal anders: Zeitzeuginnen führen durch Hoheneck –
Foto: LyrAg

Die Stadt hatte die historische, durch die Nutzung als DDR-Zuchthaus berüchtigt gewordene Schlossanlage vom vormaligen Eigentümer Bernhard Freiberger in 2013 erworben. Die Anlage war im Mai 2014 nach Ablauf einer vereinbarten Widerrufsfrist in das Eigentum der Stadt übergegangen.
Als Zeitzeugen stehen für die geplanten Führungen wieder ehemalige Insassen des Zuchthauses zur Verfügung, um den Interessenten von ihren teilweise grauenhaften Erlebnissen zu berichten.

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MDR: Wolfgang Vogel – Anwalt zwischen den Fronten

Leipzig/Berlin, 14.07.2014/cw – War Wolfgang Vogel, der berühmte Anwalt aus Ost-Berlin ein „Anwalt zwischen den Fronten“ oder ein „Advokat des Teufels„? Dieser Frage geht das MDR-Fernsehen in der Reihe „Geschichte Mitteldeutschlands“ am Sonntag, 27.07.2014 | 20:15 Uhr nach. Zahlreiche Zeitzeugen aus der Politik, so Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der mit dem Freikauf befasste einstige Staatssekretär Ludwig Rehlinger und Reymar von Wedel, Westberliner Kirchenanwalt, kommen zu Wort. Ebenso als ehemalige politische Häftlinge betroffene Zeitzeugen, wie Peter Herrmann und Catharina Mäge (Hoheneck).
Der Beitrag geht besonders den Anfängen des bis heute heftig umstrittenen Rechtsanwaltes von 1953 und seiner Tätigkeit zwischen den Blöcken im Kalten Krieg bis zum Ende der siebziger Jahre nach.
Mit Hilfe von Archivmaterial, dokumentarischen und szenischen Elementen sowie Interviews mit Weggefährten wird ein facettenreiches Porträt des DDR-Anwalts gezeichnet. Viele Aspekte wurden so noch in keiner Fernsehdokumentation thematisiert,“ heißt es in einer Vorankündigung des ARD-Senders.

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Wilmersdorf: Foto-Ausstellung über Hohenschönhausen

Berlin, 14.07.2014/cw – „Lost in Interior” (Frei übersetzt: Verloren, verschollen im Inneren) heißt eine interessante Foto-Ausstellung, die vom 6.07.12.10.2014 (Di.-Fr. 10:00 – 17:00; Mi. 10:00 – 19:00; So. 11:00 – 17:00 Uhr, in der Kommunalen Galerie am Hohenzollerndamm 176, 10713 Berlin-Wilmersdorf (zwischen Brandenburgische und Konstanzer Straße, Nähe U-Bhf. Fehrbelliner Platz) gezeigt wird. Es werden aktuelle Fotos aus der Gedenkstätte der ehem. zentralen Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen gezeigt. Die Fotografen Lisa Junghanß, Cameron Scott, Katharina Skalweit, Ruth Stoltenberg, Tanya Ury und Norbert Wiesneth zeigen aus unterschiedlicher Sicht sechs Positionen auf das Innenleben der wohl berühmt-berüchtigtsten Untersuchungs-Haftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit. Im weiteren Rahmenprogramm zur Ausstellung präsentiert Ruth Stoltenberg am 17. August 2014 ein Buchprojekt; am 7. September 2014 findet ein Werksgespräch mit den Künstlern der Ausstellung statt und am 12. Oktober 2014 gibt es eine Performance: Stasi Dialoge mit Lisa Junghanß, jeweils 12:00 Uhr.
Die Ausstellung ist offizieller Programmteil des 25. Jubiläums des Berliner Mauerfalls.

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CDU bleibt bei Ablehnung einer „Ehrenpension“

Berlin, 14.07.2014/cw – Die CDU/CSU-Fraktion im  Deutschen Bundestag lehnt nach wie vor eine Neubewertung bzw. -benennung der „sozialen Zuwendung“ für rehabilitierte Opfer der SED-Diktatur ab. Die Vereinigung 17. Juni hatte im Mai d.J. in Schreiben an die Bundestagsfraktionen umfangreiche und im Jahr 25 nach dem Mauerfall abschließende Regelungen in der Behandlung der Diktatur-Opfer gefordert. Dabei spielte die „noch immer ausstehende Anerkennung in  Form einer unzweideutigen Namensgebung“ eine herausragende Rolle. Es könne nicht länger akzeptiert werden, daß Minister, die längstens fünf Monate (in der letzten DDR-Regierung) gedient hätten, eine Ehrenpension erhielten, während die Leidensträger der Deutschen Teilung mit einer sozialen Zuwendung abgespeist würden.

Zuwendung hat keinen Ehrungs- und Anerkennungscharakter

Im  Auftrag des Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder antwortete jetzt der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz auf die Eingabe der Vereinigung. Vaatz: „Die von Ihnen angeregte Änderung der Begrifflichkeit können wir nicht umsetzen.“ Der Begriff „Besondere Zuwendung“ (§ 17a StrRehaG) „ist gewählt worden, weil die Leistung keine klassische Rente ist und keinen ausschließlichen  Ehrungs- und Anerkennungcharakter hat bzw. nur partiell die Funktion einer Anerkennung erfüllt, da die Leistungsgewährung an die wirtschaftliche Bedürftigkeit des Betroffenen anknüpft.“

Der Bundestagsabgeordnete bestätigte die Absicht der Koalition, die Zuwendung zum 1.Januar 2015 zu erhöhen und stellte in Aussicht, dass „weitere von Ihnen genannte Vorschläge“ Gegenstand der parlamentarischen Beratungen sein werden.

Den Jubelfeiern zum Mauerfall Wahrheit entgegensetzen

Die Vereinigung 17. Juni zeigte sich nicht überrascht, aber dennoch enttäuscht: „Ohne den Endergebnissen der zugesagten Prüfungen vorgreifen zu wollen, sehen wir auch 25 Jahre nach der Maueröffnung eine unveränderte Haltung, die offensichtlich nach wie vor vom Bonner (Un-)Geist geprägt“ sei, erklärte Vorstandssprecher Holzapfel. Die damalige Kohl-Regierung hatte geplante umfangreiche Regelungen der Volkskammer für die Opfer des SED-Systems insgesamt drei mal mit der Begründung der Nichtfinanzierbarkeit abgelehnt. Die Volkskammerentwürfe liegen der Vereinigung vor. Der Verein kündigte an, an der Sache dran zu bleiben. Man werde  ggf. die Volkskammerentwürfe „in die geplanten  Jubelfeiern zur Maueröffnung einbringen, um der hier vielfach gezeigten politischen Heuchelei“ von seiten der Betroffenen „eine der Wahrheiten  aus der verniedlichten  Einheitsgeschichte entgegenzustellen.“

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Hinweis: Die bisherigen Ausgaben des Hohenecker Boten, jetzt: Pro Patria, können unter http://www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion gegen Kostenbeitrag bestellt werden (Redaktion: Siehe Impressum). Die Vereinigung 17. Juni 1953 e.V. hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt, Sie ist für die Inhalte nicht verantwortlich.
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Ein engagierter Kämpfer für die Menschenrechte

Frankfurt/Main, 1.01.2012/IGFM – Iwan Iwanowitsch Agrusow, Gründer der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), ist in der Nacht zum 1.02.2012 im Alter von 87 Jahren verstorben

Iwan I. Agrusow wurde am 2. Oktober 1924 in Petschory, einer in Estland liegenden überwiegend von Russen bewohnten Grenzstadt, in einer bürgerlichen Familie geboren. Sein Vater war Metzger, seine Mutter Grundschullehrerin. Er hatte zwei Brüder Roman und Ilja. Aus einer gläubigen orthodoxen Familien stammend war er schon als Schüler kein Anhänger der Sowjets, die er eher als Zerstörer, denn als Erbauer wahrgenommen hatte.

Seine Jugend fiel dem Krieg zum Opfer. 1941 wurde er als erst 17jähriger Kriegsgefangener der Deutschen zwangsweise beim Umbau des breitspurigen sowjetischen Schienennetzes eingesetzt. Beim Rückzug der Deutschen wurde er als Zwangsarbeiter nach Bayern verschleppt, wo er in einem Zementwerk in der Nähe von Neumarkt Schwerstarbeit verrichten musste.

Nach Kriegsende befreiten ihn die Amerikaner, die ihn aber gegen seinen Willen in einer Nacht- und Nebelaktion zusammen mit einer Gruppe sowjetischer Soldaten nach Prag zu einem Stützpunkt der Sowjets – eine ehemalige Kaserne des Deutschen Reiches – verfrachteten. Ein sowjetischer Oberst erklärte an Ort und Stelle alle Zwangsarbeiter zu „Staatsfeinden“, die den GULag zu erwarten hätten; das wenige Eigentum, das sie hatten, wurde ihnen abgenommen; für eine demütigende Registrierung durch eine sowjetische Offizierin mussten sie sich nackt in Reih und Glied aufstellen, und schließlich wurde ihnen der Kopf glattrasiert.

Mit viel Glück gelang Agrusow die Flucht aus dem Lager. Er schlug sich zu Fuß nach Pilsen durch, wo sich ein erstes Flüchtlingslager der Vereinten Nationen befand. Dort freundete er sich mit einem ehemaligen jüdischen Gulag-Häftling an, der davon berichtete, dass sich eine Organisation in Israel für ihn eingesetzt, er dadurch Hafterleichterung erhalten hatte und ihm schließlich die Auswanderung nach Israel genehmigt worden sei. Agrusow, der in der Schule mehr schlecht als recht Deutsch gelernt hatte, entschied sich für ein Leben in Deutschland. Im Rahmen seines Flüchtlingsstatus erhielt er eine Kurzausbildung als Radio- und Fernsehtechniker.

Er schloss sich dem „Bund Russischer Solidaristen“ (NTS) an, einer Partei, die 1930 von jungen Exilrussen aus aller Welt gegründet, in der Sowjetunion demokratische Verhältnisse schaffen wollte. Im Dritten Reich stand der NTS in enger Verbindung zum deutschen militärischen Widerstand und wurde daher sowohl von den Nazis als auch von den Bolschewiken, später vom sowjetischen KGB-Geheimdienst, verfolgt. Hunderte der NTS-Mitglieder wurden erschossen oder überlebten die deutschen KZs und den sowjetischen Gulag nicht. Mit Beginn des Kalten Krieges erklärte die sowjetische Regierung alle, die Kontakt zu „abtrünnigen“ Sowjetbürgern hatten, zu Staatsfeinden. Agrusow ließ sich davon nicht beeindrucken und half weiter den nicht Deutsch sprechenden Russen, die sich aus Angst, im Gulag ermordet zu werden, entschlossen hatten, nicht in die Heimat zurückzukehren.

Als die Erste Hilfe für Sowjetflüchtlinge nicht mehr so dringlich war, trennte sich Agrusow vom NTS. Mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen ließ er sich in Frankfurt am Main nieder. Tief in der orthodoxen Kirche verwurzelt, engagierte er sich in der Russisch-Orthodoxen Kirche, der religiösen und geistigen Heimat vieler Sowjetexilierter und Flüchtlinge, wurde Mitglied des Kirchenvorstands.

Gründungsvater der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte

Die Begegnung mit dem jüdischen Gulag-Häftling in Pilsen holte ihn wieder ein, und in ihm reifte der Gedanke, eine Organisation zu gründen, die sich für Menschenrechte einsetzen sollte. „Immer hatte ich gedacht, dass die besten Menschen die Juristen sein müssten, weil sie die Gesetze kennen. Und wenn diese verletzt werden, dann wissen sie das richtig zu formulieren, zu definieren. Aber es hatte sich als Trugschluss herausgestellt, dass sie sich die Juristen vorstellen könnten, für diese Rechte auf die Straße zu gehen, um sich dort für Menschenrechte einzusetzen, Politiker bei einer Rede durch gezielte Fragen zu stören, um eigene Vorstellungen durchzusetzen.“

Mit ein paar Freunden setze er sich am „Tag der Menschenrechte“ 1971 auf die Straße und demonstrierte für die Freiheit politischer Gefangener im sowjetischen Gulag. Diese spontane Aktion führte zur Gründung der Gesellschaft für Menschenrechte am 8. April 1972 in Frankfurt am Main.

Für Agrusow war Menschenrechtsarbeit immer ein Akt christlicher Nächstenliebe, eine Ehrensache, sich für die einzutreten, die sich nicht selbst helfen konnten. Er wurde beschimpft, diskriminiert, verleumdet und bespitzelt – die DDR-Staatssicherheit als langer Arm des KGB machte auch in Frankfurt davor nicht halt. Seine „Stasi-Akten“ umfassen Tausende von Seiten.

Nach zwei Schlaganfällen zog er sich 1995 aus dem aktiven Geschäft als IGFM-Geschäftsführer zurück, blieb aber Ratgeber ihres Vorstands bis zu seinem Tod. In der orthodoxen Kirche in Frankfurt gründete er einen Hilfsfonds für Tuberkulosekranke in Russland.

Fünfzig Jahre lang stand er auf der Feind-Liste des KGB, seit 1941 hatte er seine Eltern und Geschwister nicht mehr sehen dürfen. Lügen und gezielte Desinformation, er habe angeblich mit den Nazis kollaboriert und Juden ermordet, wurden vom KGB und dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit verbreitet, bis er 1991 eine offizielle Einladung zum Besuch seiner Heimat erhielt, die er zusammen mit seiner Frau Franziska annahm. Eine späte Anerkennung für seinen richtigen Weg erhielt Agrusow im Dezember 1993, als er die russische Sektion der IGFM in der einstigen Höhle des Löwen – im Kreml – und wenige Tage später am „Tag der Menschenrechte“ in Kiew die ukrainische Sektion der IGFM im Parlamentsgebäude des ukrainischen Parlaments gründen konnte. 1982 wurden seine Verdienste für die Menschenrechte mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande im Römer in Frankfurt gewürdigt.

Tausende Mitglieder trauern weltweit in über 30 Sektionen und nationalen Gruppen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte um Iwan I. Agrusow, dessen Leben ganz im Einsatz für die Menschenrechte stand.

Karl Hafen, Nachfolger von I.I. Agrusow im Amt des Geschäftsführenden Vorsitzenden: „Iwan Iwanowitsch Agrusow war der Inbegriff von Mut und Demut, ein Vorbild für jeden Menschenrechtler. Ihm wurde im II. Weltkrieg seine Jugend gestohlen und während des Kalten Krieges viel Unrecht getan. Gott sei Dank hat er das nie zu nahe an sich herangelassen; er hatte Wichtigeres zu tun. Sein Leben stand ganz im Einsatz für die Menschenrechte. Für ihn ein Akt der christlichen Nächstenliebe, eine Ehrensache. So wird und muss es weitergehen: Eine Trauerpause hätte er nicht gewollt, es gibt Dringlicheres. Menschenrechtsverletzungen machen auch keine Pause.“

Beileidsbekundungen bitte an die e-Mail-Adresse senden: kondolenz@igfm.de 

V.i.S.d.P.: IGFM – Internationale Gesellschaft für Menschenrechte – http://www.igfm.de/Iwan-I-Agrusow-Gruendungsvater-der-IGFM-verstorben.3071.0.html

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