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Berlin, 14.Mai 2020/cw – Die Bundesregierung hat die alljährliche Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den Volksaufstand wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Das teilte jetzt die Protokollabteilung im verantwortlichen Innenministerium den voraussichtliche Teilnehmern mit.

In diesem Jahr werden nur Kränze abgelegt: Auf dem Friedhof Seestraße liegen Teilnehmer des Aufstandes von 1953 begraben – Foto: LyrAg

„Aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie und der damit verbundenen Maßnahmen zum Schutz vor einer Ausbreitung des Virus wird die Gedenkveranstaltung der Bundesregierung in diesem Jahr nicht wie gewohnt stattfinden können,“ teilt die Leiterin des Protokolls, Tanja Jost, mit.

Stattdessen werde eine „stille Kranzniederlegung ohne die Anwesenheit von Gästen“ vorgesehen. Die üblichen Ansprachen von Repräsentanten der Bundesregierung und des Landes Berlin würden in diesem Jahr nicht vor Ort am Mahnmal des Volksaufstandes auf dem Friedhof Seestraße (Berlin-Wedding) gehalten werden. Sie sollen am 17. Juni 2020 im Internet unter www.protokoll-inland.de veröffentlicht und über das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung den Medien zur Verfügung gestellt werden.

Abschließend wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, im folgenden Jahr wieder „eine reguläre Durchführung des Gedenkens“ durchführen zu können.

Vor dem Ministerium: Michael Müller (2.v.li.) im Gespräch mit Mitgl. der Vereinigung 17. Juni vor dem ehem. „Haus der Ministerien“ anl. der Kranzniederlegung – Foto: Presseamt

Über die Senatskanzlei ist derzeit noch keine Erklärung zur Haltung des Berliner Senats über die übliche Kranzniederlegung vor dem ehem. Haus der Ministerien, dem heutigen Bundesfinanzministerium, bekannt. Der Regierende Bürgermeister legte jeweils eine Stunde vor dem Gedenkakt auf dem Friedhof Seestraße einen Kranz auf dem „Platz des Volksaufstandes von 1953“ am dortigen Mahnmal nieder. Eine Absage erscheint auch deswegen unwahrscheinlich, weil der Innensenator heute im Abgeordnetenhaus angekündigt hatte, die derzeitige Versammlungsbeschränkung auf 50 Personen im Juni aufheben zu wollen.

Letzte Meldung:

Berlin, 15.05.2020/cw – Das Protokoll der Senatskanzlei teilte soeben mit, daß der Regierende Bürgermeister wie seit Jahrzehnten  gewohnt vor dem ehem. „Haus der Ministerien“, dem heutigen Bundesfinanzministerium, die Kranzniederlegung am dortigen Mahnmal vornehmen wird (17.06.2020, 10:00 Uhr).

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061053 (1.536).

Berlin, 18.Juni 2019/cw – Zum am 17. Juni bekannt gewordenen Tod des CDU-Politikers Heinrich Lummer (* 21. November 1932 in Essen; † 15. Juni 2019 in Berlin) erklärte die in Berlin ansässige Vereinigung 17. Juni, dass „wir mit dem Tod Heinrich Lummers den Verlust eines treuen und aufrechten Freundes“ beklagen.

Der Ehrenvorsitzende der Vereinigung (seit dem 16.Juni 2019), Carl-Wolfgang Holzapfel, erinnert sich tief bewegt an die letzte gemeinsame Zusammenkunft mit dem Vorstand des Vereins nach der Jahrtausendwende:

„Im Gegensatz zu den vielfältigen Verleumdungen dieses Politikers von Format, der besonders für die politische Linke in Berlin stets eine Hassfigur war und geblieben ist, zeigte sich Lummer in entscheidenden Situationen als gewissenhafter und verantwortlicher Politiker. So habe sich die Vereinigung nach dem Sturz von Eberhard Diepgen während des einen Tag später stattfindenden Staatsaktes auf dem Friedhof Seestraße demonstrativ während der Rede des neuen Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit von diesem abwenden wollen, um den Protest gegen diesen „parlamentarischen Putsch ausgerechnet am Vorabend des 17. Juni“ auszudrücken.
Es war Heinrich Lummer, der dem Vorstand empfahl, diesen Protest an diesem Ort zu unterlassen. Lummer gab zu bedenken, dass es sich auf dem Friedhof Seestraße um die Ehrung der Gefallenen des Volksaufstandes handele. Diese immerwährende Ehrung dürfe nicht durch tagespolitische Demonstrationen beeinträchtigt werden.

Man sei dieser Empfehlung nach heftigen Diskussionen gefolgt. In der Folge sei daraus eine enge und zeitweise freundschaftliche Kontakt- und Beziehungsschiene zum damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit entstanden, die sich für beide Seiten als eine der beindruckendsten und fruchtbarsten Zeiten vertrauensvoller Zusammenarbeit entwickelt habe. Die Vereinigung werde auch dieses Wirken ihres ersten Beirates in der Geschichte des Vereins nie vergessen.

Der Vorstand hatte Heinrich Lummer in den vergangenen Jahren regelmäßig zu dessen Geburtstagen aufgesucht. Trotz der schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen nach einem erlittenen Schlaganfall sei es bis zuletzt bewegend gewesen, mit welcher Intensität der Verstorbene die aktuelle Politik verfolgte und sich für die Aktivitäten der Vereinigung interessierte.

Unser Mitgefühl gehört der Familie und besonders seiner Witwe, die diesem großartigen Menschen beispielhaft in Liebe, treuer Fürsorge und Solidarität zur Seite gestanden hat. Wir werden Heinrich Lummer als zuverlässigen Wegbegleiter besonders und gerade in schwierigen Zeiten stets ein ehrendes Andenken bewahren.“

Die Beisetzung soll nach einer Mitteilung der Familie am 2. Juli 2019 stattfinden

VEREINIGUNG (AK) 17. JUNI 1953 e.V.  –  Heike Eichenmüller, Vorsitzende – Carl-Wolfgang Holzapfel, Ehrenvorsitzender

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.422).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel*

Berlin, 14.Juni 2019 – „Wir werden nicht ruhen – diesen Schwur lege ich hier ab für das gesamte deutsche Volk -, bis auch die achtzehn Millionen in der Sowjetzone wieder in Freiheit leben, bis ganz Deutschland wieder vereint ist in Frieden und Freiheit.“ Bundeskanzler Konrad Adenauer am 23.06.1953 in Berlin.

Es ist 66 Jahre her, an dem sich „zum ersten Mal seit 1933 die Arbeiter am 16. und 17 Juni 1953 zu Demonstrationen zusammen“ fanden. „Keine staatliche Anordnung, kein organisierter Beschluß setzte die Massen in Marsch. Spontan kamen sie aus den Industriewerken der Sowjetzone, um vor dem sowjetzonalen „Regierungsgebäude“ ihren Willen zu bekunden.“ So die einleitende Beschreibung des seinerzeitige Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen für ein 1953 vorgelegtes „Bilddokument einer echten Volkserhebung,“ , das im Archiv der Vereinigung 17. Juni vorliegt.

Es ist auch nach nahezu siebzig Jahren bewegend, mit welcher Akribie die damalige Bundesregierung Bild- und Text-Dokumente dieses ersten Aufstandes gegen die kommunistische Gewaltherrschaft in Europa zusammengetragen hat.

Das einzige originäre Denkmal an den Aufstand wurde 1953 in Berlin-Zehlendorf ggüb. einem sowjetischen Panzer errichtet –
Foto: Archiv 17.Juni

Für den Geschichtshungrigen ist allein diese originale Broschüre ein wahrer Schatz, zumal das offizielle Deutschland sich seit Jahrzehnten in einem schleichenden, weil nahezu unbemerkten Prozess der Erinnerung an diesen Volksaufstand entzieht. War der seinerzeitige Schwur Konrad Adenauers vor dem Schöneberger Rathaus noch mit einer glaubwürdigen Inbrunst vorgetragen worden, die Niemand als „politisches Geschwätz“ missverstand, werden heute die wenigen Erinnerungs-Zelebrierungen, wie der Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße im Berliner Arbeiterbezirk Wedding als Rituale verstanden, die auch von den Medien mit zunehmender Unlust transportiert werden. So werden prominente Redner dabei ertappt, sich bereits abgelegter Rede-Manuskripte zu bedienen, weil ihnen in der Tat zu diesem Tag nichts Bewegendes mehr einfällt.

Trauer und Stolz eine unauflösbare Einheit

Dabei gäbe es auch in unserer Zeit genügend Anknüpfungspunkte, um an diesen ersten demokratischen Aufstand seit der Weimarer Republik zu erinnern. Junge Menschen gehen wieder auf die Straße, weil sie sich um die Zukunft sorgen, sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Vielleicht liegt dieses Gefühl der „Verlassenheit“ auch darin begründet, dass unsere Politiker nicht mehr in der Lage sind, Geschichte so lebendig zu vermitteln, daß sich junge Menschen davon angesprochen und inspiriert fühlen. Man kann Geschichte nicht nur auf Zeiten des Niedergangs, der Scham, die aus den zweifellosen Verbrechen erwachsen ist, beschränken. Wir können diese dunklen Tage eigener Geschichte überhaupt erst ertragen, wenn wir uns auch der Tage bewusst sind, auf die wir alle Zeiten und mit Recht wahrhaft stolz sein dürfen. Wenn Geburt und Tod untrennbar zusammen gehören, dann sind auch Trauer und Stolz eine unauflösbare Einheit.

Panzer 3

Steine gegen Panzer –
ein ungleicher verzweifelter Kampf um die Freiheit – Foto: Archiv 17. Juni

So falsch die alleinige Hervorhebung großer historischer Ereignisse wäre, so falsch wäre und ist die Reduzierung eigener Geschichte ausschließlich auf Ereignisse der Trauer und des Niedergangs. Beides führt zur schleichenden Zersetzung der Identität eines Volkes, zerstört jedwede Basis des Vertrauens in die eigene und vor allem glaubwürdige Zukunftsfähigkeit.

Wir dürfen stolz sein auf diese Tage im Juni 1953. Sie waren der deutsche Auftakt zu einer Freiheitsgeschichte im zerrissenen Nachkriegs-Europa, dem (nahezu vergessenen) Aufstand im Sommer 1956 im polnisch gewordenen Posen, dem dramatischen Freiheitskampf im Oktober/November 1956 in Ungarn, der Freiheitsbewegung von 1967 in der CSSR unter Alexander Dubcek (wer kennt noch diesen Namen unter den „Nachgeborenen“?), dem Kampf der Solidarnosc in Polen in den achtziger Jahren. Ohne den Mut deutscher Frauen und Männer, denen man bis dahin unwidersprochen als Volk die willenlose Unterwerfung unter jedwede Obrigkeit unterstellte, ohne diesen Mut hätte es diesen Aufbruch in das freie Europa so nicht gegeben, wie wir es heute kennen und trotz aller Vorbehalte letztlich zu schätzen, fast schon zu lieben gelernt haben.

Wir sollten einen neuerlichen Stolz auf diesen Aufstand entwickeln, eine neue Dankbarkeit jenen Frauen und Männern gegenüber, die für diesen Ruf nach Freiheit und freien Wahlen, nach der Einheit unseres Vaterlandes mutig auf die Straße gegangen, dafür in die Zuchthäuser der Nach-Nazi-Diktatur gegangen und auch dafür gestorben sind. Der 17. Juni 1953 ist ein Gedenktag, der mit Leben, weil mit vielfältigen Erinnerungen angefüllt ist. Wir sollten diesen Tag dem Fast-Vergessen bewusst entreißen, ihn als historische Klammer zwischen den dunklen und den hellen Zeiten unserer Geschichte begreifen. Den 3. Oktober, der das Gedenken an den 17. Juni 1953 schmählich abgelöst hat, dürfen wir ohne Bedenken dem Orkus der Geschichte überantworten. Er ist als Gedenktag „nach Aktenlage“ blutleer, ohne jedweden erinnernden Lebenshauch, der uns mit dem Inhalt eines wirklichen Gedenktages über politische Grenzen hinaus verbinden sollte.

Der 17. Juni 1953 ist ein Gedenktag, der uns in jedweder Erinnerung mit Leben erfüllt und (wieder) inspirieren sollte. Lasst uns an Deutschlands, an Europas Zukunft glauben. Das ist ohne Erinnerung – auch an diesen Volksaufstand – nicht möglich.

* Der Autor ist Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 in Berlin.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.420).

Aus aktuellem Anlass verweisen wir auf folgende Veranstaltungen der Vereinigung bzw. deren Mitwirkung:

Seit 1957 Vereinsfahne:
Das „V“ steht für „Victory“ –
Sieg (der 1989 errungen wurde) – Foto: LyrAgRH

16. Juni – 11:00 Uhr: Ehrung der Toten an den Mauerkreuzen am Reichstag, Friedrich-Ebert-Straße.
16. Juni – 12:00 Uhr: Ehrung am Gedenkstein Weberwiese (Karl-Marx-Allee).
16. Juni – 14:00 Uhr: Strausberg, Gedenkstein „17. Juni 1953“ vor der Kaserne.
16. Juni – 16:00 Uhr: Gedenken am Steinplatz/Hardenbergstraße – Opfer des Stalinismus, Opfer der nationalsozialistische Gewaltherrschaft.
16. Juni – 18:00 Uhr: Gedenkfeier am einzige originären Denkmal an den Aufstand in Berlin-Zehlendorf, Potsdamer Chaussee (Autobahn-Kleeblatt) „Holzkreuz“.
– 16. Juni – 19:00 Uhr: Mitgliederversammlung.
17. Juni – 09:45 Uhr: Kranzniederlegung mit Reg. Bürgermeister von Berlin am ehem. „Haus der Ministerien“, dem heutigen Bundesfinanzministerium, Platz des Volksauftandes von 1953.
17. Juni – 11:00 Uhr: Staatsakt Bundesregierung und Senat von Berlin, Friedhof Seestraße, Seestraße 93
17. Juni – 11:30 Uhr: Gedenken der Verstorbenen Teilnehmer und Zeitzeugen
17. Juni – 17:00 Uhr: Treffen mit Schulklasse aus Bremen „Haus der Ministerien“
17. Juni – 19:00 Uhr: Treffen mit Schulklasse aus Bremen am „Holzkreuz“ in Zehlendorf. Thema: Der Umgang in Deutschland mit dem Gedenken.

Verantwortlich: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V.

Berlin, 21.06.2016/cw – Auch in diesem Jahr hatten sich die Reihen der Zeitzeugen weiter gelichtet: zwei waren seit dem letzten Gedenktag verstorben, andere konnten aus Gesundheitsgründen diesmal nicht nach Berlin kommen oder an dem Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße im Berliner Bezirk Wedding teilnehmen.

Ungebührliches Sonnenbad? Was Besucher zunächst entsetzte, erwies sich als Notfall - Foto: LyrAg

Ungebührliches Sonnenbad? Was Besucher zunächst entsetzte, erwies sich als Notfall – Foto: LyrAg

Die freien Plätze in der Reihe der Veteranen, Zeitzeugen oder der Familienangehörigen nahmen zwei Teilnehmer am Volksaufstand ein, die trotz ihres hohen Alters (*1926 und 1934) den weiten Weg nach Berlin nicht gescheut hatten: Klaus Hobrack, aus Jena angereist, und Helmut Schlönvoigt, der jetzt in Heidenheim wohnt. Beide hatten zuvor die Vereinigung 17. Juni kontaktiert, nachdem sie im Bayerischen Rundfunk den TV-Beitrag über den 17. Juni gesehen hatten (8.Juni, 21:00 Uhr, wir berichteten) und waren der Einladung des Vorsitzenden gefolgt. Die Veteranen waren trotz strömenden Regens von dem Staatsakt tief beeindruckt. Sie hatten erstmals außerhalb der zehnjährigen Jubiläen an dieser Veranstaltung teilgenommen.

Die Glocken läuteten den Aufstand ein

Klaus Hobrack hatte als 18jähriger die Glocken in der zerstörten Stadtkirche von Jena geläutet, als die Arbeiter in der Stadt demonstrierten. Sein Bruder Siegfried beteiligte sich indes als 17jähriger am Streik der Zeiss-Arbeiter und war Zeuge, als die Arbeiter die SED-Zentrale im Stadtzentrum stürmten. Nachdem die Demonstrationen durch den Einsatz sowjetischer Panzer aufgelöst worden waren, trafen sich die beiden Brüder auf dem Weg nachhause und beschlossen spontan, an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Am Holzmarkt, dem Sitz der SED-Zentrale, stießen sie auf ihren Onkel Ede, der in der Kreisleitung der SED arbeitete. Ein heftiges Wortgefecht führte dazu, dass der eigene Onkel seine Neffen von sowjetische Soldaten verhaften ließ.

60. Jahrestag der Revolution in Ungarn - die Vereinigung 17.Juni drapierte aus diesem Anlass die Kränze Ungarns und der Ukraine vor das Mahnmal - Foto: LyrAg

2016 – 60. Jahrestag der Revolution in Ungarn – Die Vereinigung 17.Juni drapierte aus diesem Anlass die Kränze Ungarns und der Ukraine vor das Mahnmal auf dem Friedhof – Foto: LyrAg

Klaus wurde als bereits 18jähriger der Prozess gemacht. Das Urteil: Drei Jahre wegen Boykotthetze. Seine Haft verbüßte er im Arbeitslager der Stasi-Strafanstalt Hohenschönhausen in Berlin. Siegfried wurde als Jugendlicher von einem Jugendgericht in Gera zu 5 „freiwilligen“ Arbeitseinsätzen verurteilt. Die Strafe wäre vermutlich ohne den Einsatz seiner Arbeitskollege weit höher ausgefallen. Diese hatten eine Teilnahme am Prozess erzwungen und bei einer Verurteilung mit dem Austritt aus der FDJ gedroht. Siegfried floh nach der Verrichtung der auferlegten Arbeitseinsätze im Februar 1954 in den Westen und lebt heute in der Eifel. Sein Bruder Klaus wohnt wieder in Jena.

Er forderte als Erster die Freilassung politischer Gefangener*

Helmut Schlönvoigt drang im Alter von 27 Jahren als erster Demonstrant in die Stasi-Kreisdienststelle in der Humboldtstraße in Jena ein und forderte ultimativ die Freilassung dort vermuteter inhaftierter politischer Gefangener. Außerdem sicherte er einige Stasi-Akten, die teilweise in den Weste gelangten. Nach der Denunziation und seiner Verhaftung als „Rädelsführer“ hatte der junge Mann Glück: Das nach dem Aufstand völlig überlastete Bezirksgericht in Gera konnte aus diesem Grund seine Rolle bei der Erstürmung der Stasi-Kreisdienststelle nur am Rande beleuchten. So wurde Schlönvoigt „nur“ zu einem Jahr und vier Monate Zuchthaus wegen „Boykotthetze“ verurteilt. Nach seiner Freilassung gelang ihm die Flucht in den Westen.

Seit 7 Jahren ehrt die Vereinigung 17.Juni auch die Opfer des NS-Regimes am Steinplatz. UOKG und VOS, die sich zunächst beteiligten, stiegen zwztl. aus und beschränken sich auf die Ehrung der Opfer des Stalinismus am selben Ort - Foto: LyrAg

Seit 7 Jahren ehrt die Vereinigung 17.Juni auch die Opfer des NS-Regimes am Steinplatz. UOKG und VOS, die sich zunächst beteiligten, stiegen zwztl. aus und beschränken sich auf die Ehrung der Opfer des Stalinismus am selben Ort – Foto: LyrAg

Seither bemüht sich der heute Neunzigjährige, die Erinnerung an den 17. Juni besonders in Jena wachzuhalten. So nimmt er so oft wie möglich an entsprechenden Veranstaltungen des Geschichtsvereins in Jena teil und sucht dort im Anschluss regelmäßig das Ehrengrab seines Freundes Walter Scheler auf dem Nordfriedhof auf. Auf dem Rückweg nach Heidenheim fährt der rüstige Veteran über Weimar. Am ehemaligen Gerichtsgefängnis befindet sich seit 1996 eine bronzene Gedenktafel, die an den damals 26jährigen Jenaer Schlosser Alfred Diener erinnert. Diener war am 17. Juni verhaftet und am 18. Juni 1953 durch ein Kommando der sowjetischen Besatzungsmacht standrechtlich erschossen worden. Schlönvoigt legt an jedem 18. Juni dort in Erinnerung an Diener sieben gelbe Rosen nieder. „Ich werde dies so lange tun, wie ich nur kann,“ zitiert ihn am 18.Juni 2013 die OSTTHÜRINGER ZEITUNG. Auch in diesem Jahr führte sein Weg nach dem spontanen und vorher nicht eingeplanten Besuch in Berlin über Weimar.

Seit der Wiedervereinigung nimmt Schlönvoigt überdies an den Jubiläumsveranstaltungen an den Volksaufstand (alle zehn Jahre) zusammen mit Klaus Hobrack und anderen noch lebenden Teilnehmern in Berlin teil. Dort wurde er und seine Kameraden 2013 eigens von der Bundeskanzlerin Angela Merkel empfangen (1.127).

* Durch ein redaktionelles Versehen wurden in dem ersten Beitrag Daten aus dem Archiv vertauscht. Wir bitten, das bedauerliche Versehen zu entschuldigen. Die Redaktion

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, berlin, Tel.: 030-30207785

 

 

Berlin, 21.05.2016/cw – Karl-Heinz Gebhardt (*08.1929 -+ 04.2016), Veteran des Aufstandes vom 17. Juni 1953, ist tot. Er starb nach Mitteilung der Witwe von heute im hohen  Alter von 87 Jahren bereits am 1.April d. J. „nach langer schwerer Krankheit.“ Erst durch die aktuellen Einladungen zu den Feiern am 17. Juni hatte Anneliese Gebhardt die Anschrift des Vereins erfahren und diesen vom Ableben ihres Mannes informiert.

Seit Jahrzehnten treu zum 17. Juni auf dem jetzigen „Platz des Volksaufstandes von 1953“ (seit 2013): Karl-Heinz Gebhardt, 2012 zwischen dem seinerzeitigen Regierenden Klaus Wowereit (re.) und Bürgermeister und Innensenator Frank Henkel (li.). - Foto: Landesarchiv Berlin/Platow

Seit Jahrzehnten treu zum 17. Juni auf dem jetzigen „Platz des Volksaufstandes von 1953“ (seit 2013): Karl-Heinz Gebhardt, 2012 zwischen dem seinerzeitigen Regierenden Klaus Wowereit (re.) und Bürgermeister und Innensenator Frank Henkel (li.). – Foto: Landesarchiv Berlin/Platow

„Mit Karl-Heinz-Gebhardt verliert der 17. Juni einen der letzten, einst aktiven Zeitzeugen und Teilnehmer am Volksaufstand von 1953,“ erklärte der Verein in einem Nachruf. Man sei „bestürzt über das Ableben dieses stets freundlichen, in der Sache immer standfesten Kameraden, der seit Jahrzehnten bis zuletzt immer am Ursprungsort des seinerzeitigen Geschehens vor dem ehemaligen Haus der Ministerien  präsent war.“

Gebhardt hat über seine eigene Rolle in den Tagen des Aufstandes von 1953 lange geschwiegen. Erst nachdem ein Foto kursierte, auf dem er untergehakt mit Demonstranten abgelichtet war und das für das Denkmal an den 17. Juni verwendet werden sollte, brach er nach 46 Jahren sein Schweigen. Eigentlich sei er ja gar nicht ein „richtiger Aufständischer“ gewesen, erzählte er, sondern eher durch Zufall in das Geschehen geraten. Allerdings habe dieser Zufall ihn in die Rolle einer wichtigen Zentralfigur gebracht. Nachdem er am 16. Juni auf Demonstranten am Alexanderplatz gestoßen und mit diesen zum Haus der Ministerien, dem heutigen Bundesfinanzministerium, gezogen war, wollte er am nächsten Tag zum Strausberger Platz. An diesem Ort sollten sich die Arbeiter zum Beginn des am Vortag ausgerufenen Generalstreiks treffen.

Angekommen am U-Bhf. Strausberger Platz konnten die Menschenmassen kaum die eingefahrenen Züge verlassen. Sowjetische Soldaten hatten den Ausgang auf der Karl-Marx-Allee abgeriegelt. Nach kurzem Zögern ergriff Gebhardt schließlich die Initiative, kämpfte sich durch die Menschenmenge bis zur Sperrkette der Rotarmisten durch und rief diesen laut zu: „Nicht gut!“ („Nix karascho!“). Tatsächlich wichen die Soldaten zurück und die Demonstranten konnten sich auf der Straße versammeln. Ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen sprichwörtlichen Zurückhaltung und Bescheidenheit sagte er später dazu: „Ich habe die Tür zum Aufstand aufgemacht.“

Ansonsten hielt er sich zeitlebens zurück, überließ es anderen, deren Teilnahme herauszustellen, obwohl „diese vielfach gerade erst der Schulzeit entronnen, oft nur den Aufstand  vom Straßenrand beobachtet denn als Akteure erlebt haben,“ so Gebhardt.

Der Verstorbene beschränkte sich zuletzt auf das eher stille Gedenken vor dem einstigen Haus der Ministerien in der Leipziger Straße, um dort der gefallenen Kameraden zu gedenken. Den weiten Weg zum Friedhof in der Seestraße (Wedding) konnte er nicht mehr antreten. Dort hatte der unvergessenen Regierende Bürgermeister Ernst Reuter unter großer Anteilnahme der Bevölkerung nach dem Aufstand die nach West-Berlin getragenen Toten oder im Westteil der Stadt verstorbenen Teilnehmer am ersten Aufstand im kommunistischen Machtbereich nach dem Zweiten Weltkrieg zu Grabe geleitet. Alljährlich gedenkt die Bundesregierung und der Senat von Berlin in einem Staatsakt der Toten des Aufstandes (17. Juni 2016, 11:00 Uhr).

Der Vorsitzende des Veteranenvereins ist zwischenzeitlich mit der Trauer vertraut. Holzapfel: „Die Einschläge kommen immer näher; jedes Jahr beklagen wir den Tod von Kameraden.“ Jetzt hat es Karl-Heinz Gebhardt getroffen, „wir sind tief traurig, zumal wir ihn nicht auf seinem letzten Gang begleiten und seine Witwe trösten konnten.“ Der Verein wird auch Karl-Heinz Gebhardt  ein ehrendes Andenken bewahren (1.118).

Siehe auch BERLINER KURIER vom 24.05.2016:

http://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/arbeiteraufstand-in-der-ddr-die-freiheit-trauert-um-einen-helden-24109306

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

 

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