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Der Radsportler und Fluchthelfer starb am 8. August in Berlin

Berlin, 13.09.2020/cw – Wegen der Corona-Maßnahmen durften ihn nur die Angehörigen auf seinem letzten Weg begleiten. Harry Seidel wurde vor wenigen Tagen, am 10. September, auf dem Evangelischen Friedhof in Lichtenrade beigesetzt. Die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Maria Nooke, sprach die Abschiedsworte.

Der am 2.04.1938 in Berlin geborenen Seidel Harry Seidel wuchs im Stadtteil Prenzlauer Berg auf. Schon früh störte sich der Jugendliche an den politischen Indoktrinationen, die für ihn so unerträglich wurden, daß er die Schule bereits nach der zehnten Klasse verließ. Harry der eine Lehre zum Elektroinstallateur absolvierte, engagierte sich schon früh im Radsport, der für ihn zur Leidenschaft wurde. Im Verein Semper Berlin, später im SC Einheit Berlin trainierte er und gewann schließlich neben der mehrfachen Berlin-Meisterschaft 1959 die DDR-Meisterschaft im Zweier-Mannschaftsfahren mit Rainer Pluskat,  auch den dritten Platz in der 4000 Meter Einerverfolgung. Nahezu zwangsläufig wurde er Mitglied der DDR-Bahnradsport-Nationalmannschaft und wurde hier als erfolgreicher Sportler von der Staatspropaganda benutzt. Obwohl er die nötige Qualifikation vorweisen konnte, wurde Seidel 1960 die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Rom verweigert. Er hatte sich im Gegensatz zu anderen Sportlern der geforderten Einnahme von Anabolika verweigert.

Filmreife Vita

Obwohl nach wie vor in Ost-Berlin wohnend, verlegte Seidel nach diesem Eklat seine Radsport-Ambitionen nach West-Berlin und startete dort für den Verein Grünweiß. Wenige Monate vor dem Mauerbau, im April 1961, trat er aus dem Verein SC Einheit aus, kündigte seine Arbeitsstelle im Osten  der geteilten Stadt und begann eine Tätigkeit als Zeitungsfahrer im Westen Berlins.

Nach dem 13. August 1961 begann Seidel eine wahrhaft filmreife Vita. Am Tag des Mauerbaus war Seidel in Ost-Berlin und flüchtete erstmals am selben Tag nach West-Berlin, kam aber am selben Tag wieder zu seiner Familie zurück. Noch in der gleichen Nacht floh er erneut, diesmal durch die Spree. Weinige Woche später, Anfang September, holte er seine Frau und seinen kleinen Sohn durch eine Lücke im Grenzzaun in der Kiefholzstraße in den Westen. Danach wurden seine Mutter und weitere Angehörige wegen der Flucht zunächst festgenommen und auch nach ihrer Entlassung von der Staatssicherheit schikaniert.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt engagierte sich Seidel in der Fluchthilfe. Er schnitt Löcher in die trennenden Zäune, zerstörte Scheinwerfer an der Grenze. Bereits im Dezember 1961 wurde Seidel erstmals am Brandenburger Tor festgenommen. Durch eine waghalsige Sprung aus einem Fenster in acht Meter Höhe konnte er entkommen.

Erstmals versuchte Harry Seidel  im Januar 1962 eine Beteiligung an einem Tunnelbau in der Kiefholzstraße, der durch einen Wassereinbruch unbenutzbar wurde. Schließlich schloss er sich dem Kioskbesitzer Fritz Wagner an, der allerdings als bezahlter Fluchthelfer arbeitete, was Seidel stets ablehnte. Seidel handelte bis zuletzt aus ideellen Motiven. Zu einem ersten blutigen  Drama kam es 1962, als Seidel zusammen mit Heinz Jercha durch Verrat in einem Tunnel aufgespürt wurden und es zum Einsatz von Schusswaffen kam. Der Zugriff der DDR-Grenztruppen erfolgte am 27. März 1962, Seidel gelang zwar mit dem durch einen Querschläger getroffenen Jercha der Rückzug in den Westen, wo dann Heinz Jercha den erlittenen Schussverletzungen erlag.

Fluchthilfe wurde zur Lebensaufgabe

Einen im Mai 1962 begonnenen Fluchttunnel (Seidel und Wagner) in der Heidelberger Straße 28/29 gaben die Fluchthelfer nach Warnungen durch den Verfassungsschutz auf. Im Jahr 2004 fanden Bauarbeiter teile eines noch intakten Tunnels, den Seidel zusammen mit anderen in Treptow gegraben hatten. Durch diesen Tunnel waren bis zu seiner Entdeckung durch Grenzorgane allein am 11. Juni 1962 ca. 55 Personen in den Westen  geflohen. Seidel hatte noch 2006 der Anbringung einer Erinnerungstafel beigewohnt.

Augrund der vielen Fluchthelfer-Aktivitäten setzte die Staatssicherheit zunehmend erfolgreich Informelle Mitarbeiter (IM) ein, durch die der Einsatz Seidels und Anderer zunehmend gefährlicher wurde. So wurde ein Flucht-Projekt, dass Seidel, Wagner, Hasso Herschel und die Girrmann-Gruppe mit Studenten der FU umsetzen wollte, am 7. August 1962 verraten. Etwa 60 Fluchtwillige wurde noch am gleiche Tag verhaftet. Durch den selben IM „Hardy“ wurde auch das nächste Fluchtprojekt von Seidel und Wagner in der Heidelberger Straße verraten. Beim Zugriff der Staatssicherheit wurde einer der Tunnelbauer schwer verletzt.

Verhaftung und Urteil

Nachdem Seidel endlich auch seine Mutter in den Westen  holen wollte, beteiligte er sich an einem von der CDU finanzierten Tunnelbau an der Grenze zum Ortsteil Kleinmachnow. Im Rückblick vermutete Seidel einen geplante  Hinterhalt des MfS. Jedenfalls wurde am 14. November 1962 im Tunnel festgenommen.

Unter dem Vorsitz des Präsidenten des Obersten Gerichtes der DDR, Heinrich Toeplitz, begann nur sechs Woche nach Seidels Festnahme der dreitägige Schauprozess in Ost-Berlin. Mit Urteil vom 29. Dezember 1962 wurde Seidel des fortgesetzten Verstoßes gegen das „Gesetz zum Schutze des Friedens“ und des Waffengesetzes für schuldig befunden und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Das MfS hatte zuvor in einem internen „Vorschlag zur Durchführung eines Prozesses vor erweiterter Öffentlichkeit“ vom 26. November 1962 unter anderem das Ziel beschrieben, „der Weltöffentlichkeit die Gefährlichkeit derartiger Aggressionshandlungen gegen die Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik“ zu zeigen. Allerdings stammte das bei der Verurteilung zum ersten Mal seit Jahren angewandte Gesetz von 1950 aus der Hochzeit des Stalinismus. Auch die Urteilsbegründung erschien absurd: Das Gericht verglich die angeblich von der bundesdeutschen Regierung gesteuerten Taten Seidels mit den in den Nürnberger Prozessen abgehandelten Verbrechen und beschuldigte ihn, Vorbereitungen für einen Angriffskrieg unternommen zu haben. Besonders dieses Vorgehen kritisierte die Internationale Juristenkommission in ihrem 1963 angefertigten Gutachten zu dem Urteil, da die Fluchthilfe damit auf eine Stufe mit den Verbrechen des Nationalsozialismus gestellt wurde.  Auch Willy Brandt verurteilte das Verfahren scharf: „Es gibt kein Wort, das genügen würde, um der Empörung über dieses Schandurteil der modernen Inquisition eines Unrechtsstaates Ausdruck zu verleihen.“

Kampf für „Harry Seidel und 14.000 Politische Gefangene“

Seidel saß seine Untersuchungshaft im Zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Hohenschönhausen und die dem Urteil folgende Haft im Zuchthaus Brandenburg ab. Auch dort unternahm er einen sichtbaren Protest, als er einen Schornstein bestieg. Während seiner Haft fanden zahlreiche und international beachtete Proteste gegen das Urteil und für die Freilassung Seidel statt. So fuhr der indische Gandhi-Anhänger und Bürgerrechtler Tapeshwar N. Zutshi am 14. September 1963 mit einem Ruderboot auf die Ost-Berliner Seite des Britzer Verbindungskanals. Er führte ein Plakat mit, auf dem er Freiheit für Seidel und andere politische Gefangene der DDR forderte. Der West-Berliner Freund Zutshis, Carl-Wolfgang Holzapfel, führte nach der Rückkehr Zutshis nach Indien diesen Protest fort und demonstrierte mehrfach für die „Freiheit Harry Seidels und 14.000 politischen Gefangenen“, in dem er versuchte, mit diesem Protest nach Ost-Berlin zu gelangen. Nach einem dritten Protest wurde dieser am 18.10.1965 am Ausländerübergang Checkpoint Charlie verhaftet und 1966 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Urteil wurde eigens angeführt, das der Angeklagte „durch seine Aktionen der Weltpresse permanent hetzerische Schlagzeilen gegen  die DDR“ geliefert habe. Bemerkenswert dabei ist, dass Harry Seidel vier Wochen vor Holzapfel freigekauft wurde. Beide konnten erstmals Ende Oktober durch die Vermittlung des Schwedischen Gesandten und Unterhändlers für den Freikauf, Carl-Gustav Svingel, miteinander telefonieren.

Seidel, der zunächst zum Schutz „vor der Presse“ von Svingel in Schweden untergebracht worden war, kehrte später nach West-Berlin zurück und arbeitete dort bis zu seiner Verrentung beim Senator für Inneres. Er war dort für die politisch und religiös Verfolgten des Nationalsozialismus zuständig.

Auch im Radsport war er der einst weltbekannte Sportler nach seiner Haft zunächst wieder aktiv und gewann 1973 sogar zusammen mit Burckhard Bremer, Roger Poulain und Peter Lindow die deutsche Meisterschaft im Mannschaftszeitfahren.

In einem Gespräch zwischen Seidel und Toeplitz (Fernsehmagazin  Monitor der ARD am 1.12.1992)  bezeichnete Toeplitz sein Urteil gegen Seidel als „aus neuer Sicht nicht mehr zeitgemäß“, ohne sich bei Seidel zu entschuldigen. Seidel wurde für seine zweifellosen Verdienste 2012 mit dem „Verdienstkreuz am Bande“ ausgezeichnet.

Wir teilen die Trauer um den Verstorbenen mit seiner Frau Rotraud, seinem Sohn und den weiteren Angehörigen  und Freunden. Wir werden diesen aufrechten Menschen und Freund nicht vergessen und ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

V.i.S.d.P.: C.W.Holzapfel, Vereinigung 17. Juni 1953 e.V., Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.560).

Berlin, 13.04.2020/cw – Sein Leben las sich wie eine historische Tragödie. Im Vorfeld, das heißt ein Jahr vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, 1932 geboren, wurde das früh erkrankte Kleinkind von seiner Mutter 1934 in ein Heim weggegeben. Über die Hintergründe kann im Nachhinein nur spekuliert werden. Die Mutter, Tochter einer Halbjüdin, war eben aus diesem Grund vom Vater ihres Kindes verlassen worden. Hatte sie ihr Kind aus Angst in fremde Hände gegeben? Gerhard Weinstein starb heute im Alter von 88 Jahren. Er wurde am Morgen vom Pflegedienst tot in seiner Wohnung aufgefunden.

Gerd Weinstein 1932 – 2020  Foto: LyrAg/Holzapfel

Im Januar 2018 entdeckten die Berliner Wasserwerke beim Bau eines Rückhaltebeckens die Tunnelreste eines von Weinstein 1963 an der Bernauer Straße gebauten Fluchttunnels. Medien in aller Welt berichteten über den lange Zeit nach dem Mauerfall sensationell wirkenden Tunnelfund. Der Ort des ursprünglichen Tunneleinstiegs war durch einen Gebietsaustausch zwischen der DDR und West-Berlin 1988 gänzlich in das Hoheitsgebiet der DDR gelangt und damit in Vergessenheit geraten. Wie aber wurde Weinstein zum Fluchthelfer und dadurch zum „Staatsfeind der DDR“? Erst 1985, vier Jahre vor dem Fall der Mauer, wurde die Fahndung nach ihm „wegen Erfolglosigkeit“ eingestellt.

Verlegung nach Brandenburg-Görden

Gerhard Weinstein erkrankte schon in jungen Jahren an allen erdenkliche Krankheiten: TBC, Masern, Keuchhusten und dgl. Er wurde in der Folge von einem Krankenhaus zum andern gereicht, zwischendurch in mehreren Kinderheimen untergebracht. 1938, so die recherchierte Aktenlage, wurde er in die berüchtigte Anstalt Brandenburg-Görden verlegt, wo man u.a. „medizinische“ Versuche an Lebenden unternahm und auch die Euthanasie an „unwertem Leben“ praktizierte. Dass der Knabe „jüdischer Abstammung“, wie es in den Aktenvermerken der Anstalt hieß, diese Grauenzeit überlebte, grenzt an ein Wunder. Sein Großvater Bruno Weinstein wurde in dieser Zeit (1943) im KZ Auschwitz ermordet.

Im September 1945 wurde Gerd, wie ihn seine Freunde abgekürzt nannten, aus der Brandenburger Anstalt in den Haushalt seines leiblichen Vaters entlassen. Hatte der „Vater“ ihn wohlmöglich nur aufgenommen, weil für Familien, die ein Opfer des Faschismus in der Familie hatten, zusätzliche Lebensmittelkarten ausgegeben wurden? Der inzwischen 13jährige hatte bis dahin so gut wie keine Schulbildung genossen. Im Hause des Vaters wurde er – nach späteren Vermerken in den Akten der Staatssicherheit – zu regelrechten Sklavendiensten herangezogen. Er durfte nicht mit der Familie gemeinsam Mahlzeiten einnehmen, für ihn war dafür stets ein einsamer Platz in der Küche vorgesehen. Kam er den aufgetragenen Hausarbeiten, wie Putzen und Abwasch nicht nach, setzte es Prügel durch den „Vater“. Eigene Genossen zeigten den „Vater“ schließlich beim Jugendamt an, das Gerd dann erneut in Heimen, u.a. in dem Jüdischen Kinderheim in Niederschönhausen, unterbrachte.

Nachkriegs-Haft in Rummelsburg

Erst im Alter von 18 Jahren, damals in der gerade gegründeten DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik die Volljährigkeitsgrenze, wurde der junge Mann in die Lebenswirklichkeit ent- und damit sich selbst überlassen. Als Analphabet, ohne Schul- und Ausbildung, in den damaligen Wirren der Nachkriegszeit eine schwere Last. Gerd versuchte, durch dieses Leben zu kommen, wobei er sich hin und wieder auch mit kleineren Diebstählen buchstäblich über Wasser hielt. Das führte schließlich zu einer Bewährungs- und nach Wiederholung zu einer längeren Haftstrafe, die er in der Strafanstalt Rummelsburg verbüßte.

Der Zukunft zugewandt: Gerd mit seiner Frau 1960

Das junge Ehepaar Angelika und Gerhard Weinstein 1960 – Archiv LyrAg/Holzapfel

Nach seiner Entlassung wechselte Weinstein nach West-Berlin, besuchte aber immer wieder alte Bekannte im Osten der geteilten Stadt. Dort lernte er schließlich 1960 seine erste und, wie er bekannte, „einzige große Liebe“ kennen. Als ein Kind erwartet wurde, heiratete das junge Paar. Nach der Geburt von Tochter Liane im Frühsommer 1961 beschlossen die Eltern, in West-Berlin eine Wohnung zu suchen, um endgültig der DDR den Rücken zu kehren. Im August war es endlich soweit. Gerd hatte eine Wohnung in der Soldiner Straße im Wedding ausfindig gemacht. Am Wochenende des 12./13 August 1961 gingen er und seine Angelika daran, die Wohnung durch notwendige Renovierungsarbeiten bewohnbar zu machen. Die gerade zwei Monate alte Tochter Liane war zu dieser Zeit bei den in Ost-Berlin wohnenden Großeltern untergebracht.

Die Mauer trennte die Eltern von ihrem Baby Liane

Am 13. August 1961 begann die gewaltsame Abtrennung zwischen Ost- und West-Berlin. Noch zwei Monate zuvor hatte Walter Ulbricht in einem Freudschen Versprecher versichert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Nun wurden tausende Familie über Nacht von einander getrennt. Trotz verzweifelter Bemühungen gelang es den jungen Eltern Gerd und Angelika Weinstein nicht, ihr Baby in den Westen zu holen.

War es da ein Wunder, das der Junge Vater zur Tat schritt und quasi Tag und Nacht darauf sann, Wege zu finden, um seine Tochter zu den Eltern zu holen? Diese sollte nicht ebenso elternlos aufwachsen wie der Vater. Nach mehreren Anläufen gelang es dem organisatorisch Begabten, 1963 einen Ausgangsort für die Grabung eines Tunnels und eine entsprechende Crew zusammenzustellen, die den beschwerlichen Weg durch den Berliner Lehmboden in sechs bis acht Meter Tiefe bewältigen sollte. Achtzehn Menschen sollten durch diesen Fluchttunnel geleitet werden, darunter natürlich Tochter Liane und deren Großeltern, aber auch andere Fluchtwillige: Heinz B. zum Beispiel. Er war durch den Mauerbau von seinen Eltern getrennt worden, die zwar im Osten ein Haus besaßen, aber in West-Berlin ein Möbelgeschäft betrieben. Oder die Ehefrau, deren Ehemann eine Zoo-Handlung nahe dem Schlesischen Tor betrieb. Der Vater von Heinz B. konnte die notwendigen Holzstützen für den Tunnelbau liefern, der Zoohändler steuerte Geldmittel bei. Immerhin beliefen sich die Kosten des Flucht-Unternehmens 1963(!) auf über 30.000 DM.

Großeltern verhaftet: Die zweijährige Liane (1963) wurde in ein Heim verbracht. – Foto: Archiv LyrAg/Holzapfel

Nachdem das Fluchtunternehmen im Juli 1963 durch Verrat gescheitert war (es fehlten nur wenige Meter in den Keller des Zielhauses), waren 21 Menschen verhaftet und kurze Zeit später zu hohen Zuchthausstrafen (bis zu 7 Jahren) verurteilt worden. Tochter Liane wurde auf Anweisung des MfS in ein Kinderheim eingeliefert, die Großeltern mussten ihre Strafen in Hoheneck (Großmutter) und Rummelsburg (Großvater) verbüßen. Gerd Weinstein versuchte seither und zum Teil erfolgreich, Menschen auf anderen Wegen, z.B. über die Transitautobahn, in die Freiheit zu holen, gehasst und verfolgt durch das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR.

Elf Jahre Kampf um Liane

Den Kampf um ihre Tochter führten die Eltern, inzwischen geschieden, über insgesamt elf (!) Jahre über alle erdenklichen Ebenen weiter. Erst am 9. November 1972 konnte der damalige Bundesminister Egon Franke der Mutter in einem Telegramm die „nunmehr erreichte Ausreise von Liane“ übermitteln. Aus den Akten der Staatssicherheit ging hervor, daß man die Tochter gewissermaßen als Faustpfand benutzen wollte, um über diese an den gesuchten Vater heranzukommen. Zu diesem Zweck sollte die Mutter in ihrer geäußerten Absicht bestärkt werden, u.U. wieder nach Ost-Berlin zu gehen, um ihrer Tochter nahe sein zu können. Dadurch erhoffte man sich dann auch einen möglichen Zugriff auf den zur Fahndung ausgeschriebenen Staatsfeind Gerd Weinstein.

In den letzten Jahren seines Lebens hatte Gerd Weinstein offenbar mit vielen Verbitterungen zu kämpfen. Rückblickend war sein Leben nicht so verlaufen, wie er sich das einst wohl nach den Enttäuschungen seiner Kinder- und Jugendjahre erträumt hatte. Auch der bereits jahrelang andauernde und noch immer nicht entschiedene Kampf seiner Tochter Liane um die Rehabilitierung wegen der unrechtmäßigen Vorenthaltung der Eltern trug dazu bei. Gemessen an seiner fehlenden Schul- und Ausbildung hatte er es dennoch zu beachtlichen Leistungen gebracht. Er führte selbständig eine Zoo-Handlung undhernach erfolgreich zwei Antiquitätengeschäfte, bevor er sich als Rentner zur Ruhe setzen konnte.

Seine Mutter hatte nie mehr nach ihm gefragt, das durch Freunde ausfindig gemachte Grab wollte er nicht mehr sehen. Ebenso nicht mehr seinen Vater. Bis zu seinem Tod bestand er konsequent auf seiner einmal gefundenen Haltung.

Der am 15.Januar 1932 in Berlin-Dahlem geborene Gerhard Weinstein verstarb am 13.April 2020 in Berlin-Wedding.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.532).

Berlin, 06.08.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (9 -Teil 8 siehe 05.08.2019).

Auch dies war einer der Lehrsätze, die der Gandhi-Streiter T.N. Zutshi mir vermittelte: Gandhi habe sinngemäß gesagt, er habe „kein Vertrauen in Appelle, wenn nicht hinter diesen die Kraft stände, etwas persönlich dafür zu opfern, sich selbst dafür einzubringen.“ Und Zutshi, der sehr eindringlich und überzeugend argumentieren konnte, erläuterte auf Nachfrage: Es sei durchaus lobenswert, sich an der Mauer mit einem Schild aufzustellen und damit den DDR-Grenzern seine Forderungen zu vermitteln. Diese würden sich wahrscheinlich ärgern, aber ansonsten würde dies keine Auswirkungen haben. Ginge man aber mit einem solchen Schild „in den Osten, also über die Grenzlinie in das DDR-Gebiet“ würde man dem Gegner die „Ernsthaftigkeit seines Anliegens“ deutlich machen, weil man sogar „keine Angst vor einer mögliche Verhaftung“ hätte, sondern diese vielmehr inkauf nähme.

Der selbstlose Inder aus Benares in Indien hatte seinen Mahatma Gandhi gut studiert. So vermittelte er mir auch die Notwendigkeit, eine solche Aktion immer rechtzeitig öffentlich anzukündigen. Gandhi hatte das so gelehrt: „Gib dem Adressaten deines Anliegens immer die Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren, indem Du diesem die Zeit gibst, auf dein Anliegen einzugehen.“

Legt Eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit

Und wie war das mit der möglichen Angst, mit dem Herzklopfen vor und während einer solchen Aktion? Zutshi erinnerte an sein Credo von 1960 auf dem Alexanderplatz. Dort war er mit einem Schild aufgetreten: „Menschen hinter dem Eisernen Vorhang – Der erste Weg zur Freiheit: Legt Eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit.“ Aber wie meinte Zutshi das in der Praxis? Auch das konnte er überzeugend erklären: „Wenn ein oder zwei Menschen in der DDR auf das nächste Revier gingen, um dort ihre Ablehnung des DDR-Systems zu bekunden, würden diese wahrscheinlich inhaftiert werden. Dann kämen die nächsten DDR-Bürger, um das Gleiche zu bekunden. Schnell würden sich die Hafteinrichtungen so füllen, dass die Diktatur gezwungen wäre, die ersten Häftlinge wieder zu entlassen. Diese würden dann ohne Angst die Ablehnung des kommunistischen Systems öffentlich artikulieren können, ohne erneut verhaftet zu werden.“

Zutshi hielt von 1962 – 1964 vor der Versöhnungskirche jeden Sonntag eine Mahnwache für die Menschen hinter der Mauer ab. Er wurde vor Ort unterstützt. Foto: Ein Bewohner reicht ihm einen Stuhl aus dem Fenster. Im Hintergrud die Versöhnungskirche.
– LyrAg

Fünfundzwanzig Jahre später, 1989, habe ich bedauert, dass T.N. Zutshi den Triumph seiner These nicht mehr erleben konnte. War es nicht so, als hätten die Abertausenden DDR-Bürger diese Zutshi-Worte verinnerlicht, als sie bar jeder Angst mit der Skandierung der Wahrheit auf die Straßen gingen?

Lebenslänglich Zuchthaus für Harry Seidel

1964 also, nach meinem Krankenhausaufenthalt, war die Umsteuerung auf eine andere Form des gewaltlosen Widerstandes für mich angezeigt. Zutshi hatte ja bereits mehrfach für den Fluchthelfer und ehemaligen DDR-Radrennsportler Harry Seidel demonstriert, der am 14. November 1962 am Ende eines 70 Meter langen Tunnels, den er im Auftrag der West-Berliner CDU in Kleinmachnow mitgebaut hatte, in einen Hinterhalt des MfS gelangt war. Wenige Wochen später wurde Seidel zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt.
Analog zu seiner Aktion im Oktober 1962 vor der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße konnte Zutshi nach eigenem Bekunden selbst nicht mit dem Schild „Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene in der SBZ“ in die DDR gehen. Die angedrohte Ausweisung als unerwünschter Ausländer hielt ihn davon ab. Er wollte seinen Freunden den gewaltlosen Widerstand vermitteln, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Zutshi mit dem Sohn Harry Seidels. Frau und Sohn lebten bereits in West-Berlin. Foto: LyrAg

Also begann ich mit der Planung meiner ersten Demonstration für die politischen Gefangenen für den zweiten Jahrestag der Verhaftung von Harry Seidel am 14.November 1964. Das erforderte vor allem eine gewissenhafte mentale Vorbereitung, denn ich wollte jeglichen Anflug von Angst vor der bevorstehenden Konfrontation mit der DDR-Diktatur überwinden. Getreu den vermittelten Lehrsätzen kündigte ich die geplante Aktion eine Woche vorher öffentlich an.

Nach einer demonstrativen Kranzniederlegung am Mahnkreuz für Peter Fechter, bei der ich bereits von einem West-Berliner Polizeioffizier daran gehindert wurde, eine Erklärung zu meiner beabsichtigten Demonstration zu verlesen, weil dies „nicht erlaubt“ sei, zog ich in Begleitung zahlreicher Freunde und Unterstützer mit meinem Schild zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße am Moritzplatz.
Wer hatte hier Angst? Und vor Wem?

In die Heinrich-Heine-Straße eingebogen bemerkte ich sofort auffallende Veränderungen am Grenzübergang. Die dortigen Mauerwächter waren nicht nur verstärkt worden, auch standen in vorderster Linie nur Grenzoffiziere ab Dienstgrad Oberleutnant aufwärts. Hatte ich zugegeben auf diesem Weg doch einiges Herzklopfen, so fielen bei Ansicht dieses Szenariums sämtliche Angstgefühle ab: Wer hatte hier denn Angst? Und vor wem? Ein einfacher Arbeiter, als der ich damals bei der BVG tätig war, demonstrierte und die DDR zeigte „mehr Angst als Vaterlandsliebe“? In diesen schicksalhaften Minuten veränderte sich mein Bewusstsein entscheidend: Seither hatte ich niemals mehr Angst vor den Organen der DDR. So konnte ich bis zum Ende dieser zweiten deutschen Diktatur meine Demonstrationen völlig angstfrei durchführen, was eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Grundlage meiner künftigen Aktionen war.#

Bei der ersten Demo für die Freiheit politischer Gefangener 1964 wurde Holzapfel von einem Oberleutnant der DDR-Grenzposten abgewiesen. Foto: LyrAg

Am 14. November 1964 wurde ich, kaum, dass ich den Grenzstrich überschritten hatte, von einem Oberleutnant in Richtung West-Berlin zurückgestoßen, worauf ich diese Demonstration sofort abbrach. Dieser erste gewaltlose Einsatz in einer unmittelbaren Konfrontation mit den DDR-Organen zielte in der Konsequenz in zwei Richtungen: Natürlich nach Ost-Berlin aber auch auf meine Freunde in West-Berlin. Diese hatten nämlich geunkt, ich würde nach dem ersten Schritt über die weiße (sprich „rote“) Linie sofort verhaftet werden, man würde mich für die nächsten Jahre nicht mehr sehen. Es war also für mich und künftige Aktionen sehr wichtig, dieses erste Mal nicht durch unbedachte Reaktionen zu überreizen, sondern meinen Freunden im Westen zu signalisieren: Man kann auch gegen die DDR gewaltlosen Widerstand leisten, ohne gleich verhaftet zu werden.

Allerdings erklärte ich dem abweisenden DDR-Oberleutnant, daß ich wiederkommen würde, um für die Freiheit von Harry Seidel erneut zu demonstrieren. Dabei würde ich mich nicht mehr so schnell zurückweisen lassen.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.451)

Berlin, 03.08.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (6 -Teil 5 siehe 02.08.2019).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Anfang Mai 1963 beendete ich meine Tätigkeit in der Ausstellung „Die Freiheit darf hier nicht enden“. Ein ehemaliger, weil geflüchteter Volkspolizist war schon einige Zeit bestrebt, diese Tätigkeit zu übernehmen. So entstand kein Vakuum und der Betrieb konnte wie gewohnt weiterlaufen. Ohnehin waren hier die Tage gezählt, weil Rainer Hildebrandt seit Wochen nach einem neuen Domizil Ausschau hielt, wobei der Checkpoint Charlie von Beginn der Suche an in seinem besonderen Fokus stand.

Eröffnung des 2. Mauer-Museums 1963 am Checkpoint Charlie : Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) –
Foto: Archiv

Tatsächlich eröffnete er im Sommer das weltberühmt gewordene „Haus Museum am Checkpoint Charlie“. Wenig später, um 1964, wurde die Ausstellung in der Bernauer Straße endgültig geschlossen.

Große Ehre: Aufnahme in die Vereinigung 17. Juni 1953

Nach meinem zweiten Hungerstreik im März war ich von ehemaligen Teilnehmern am Aufstand des 17. Juni 1953 angesprochen und für den gleichnamigen Verein, der nach dem Aufstand gegründet worden war, geworben worden. Diese meinten , ich würde mit meinem Widerstand die Tradition des 17. Juni fortsetzen und wäre deshalb herzlich willkommen. Natürlich fühlte ich mich von dieser Werbung durch „Helden meiner Jugend“ geehrt und trat der Vereinigung bei. Mittlerweile bin ich das „dienstälteste Mitglied“ des Vereins (2019) und stolz darauf.

Auch den Werbungen des Fluchthelfers Gerhard Weinstein gab ich nach der Beendigung meiner Ausstellungsarbeit nach. Hildebrandt hatte mir während dieser Arbeit jedwede Beteiligung an Fluchtunternehmen verboten, weil er dadurch die Ausstellung in Gefahr sah. Was ich damals nicht wußte: Er traf sich zur gleiche Zeit immer wieder mit Fluchthelfern auf dem der Ausstellung gegenüberliegenden Güterbahnhof. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auf dem Güterbahnhof trafen sich zahlreiche Fluchthelfer. Im Bild (Mitte): Anneliese Kirks. G.Weinstein (Rücken) u. der Autor. – Foto: LyrAg

Weinstein machte mich zunächst mit den Usancen vertraut: Der Tunnel wurde aus einem sogen. Kartoffelschuppen vorgetrieben, der unmittelbar hinter der Trennungsmauer des Güterbahnhofs stand, die durch den 13. August zur tatsächlichen Grenzmauer geworden war. Der Zugang war durch die Trennungsmauer nahezu total verborgen, konnte also nicht unbemerkt von den dort patrouillierenden Grenztruppen eingesehen werden. Die Fluchthelfer-Crew, also die unmittelbaren Tunnelbauer, fuhren aus Sicherheitsgründen bereits Sonntagabend ein und erst am Freitagabend wieder aus, um zu starke personale Bewegungen an diesem Ort zu vermeiden. Während unserer Grabungsarbeiten schliefen wir also in einem separaten Raum des Schuppens.

19 Menschen machten sich Hoffnung

Durch den Tunnel sollten insgesamt 19 Menschen in den Westen geholt werden, darunter die inzwischen zweijährige Tochter der Weinsteins und deren Großeltern, bei denen die im Frühjahr 1961 geborene Tochter Liane seit der Trennung am 13. August  wohnte. Ihre Eltern waren vom Mauerbau überrascht worden, als sie gerade in West-Berlin eine Wohnung einrichteten. Seither verweigerten die DDR-Behörden die Zusammenführung der Eltern mit ihrer Tochter.

Auch der Möbelhändler Karl Brix wollte seinem Sohn die Flucht ermöglichen – Foto: LyrAg

Unter den Fluchtwilligen befand sich auch Karlheinz Brix, dessen Vater Karl Brix in der Oranienstraße in Kreuzberg ein Möbelgeschäft betrieb und der uns die notwendigen Holzstempel zur Abstützung des Schachtes zur Verfügung stellte. Auch die Frau des Inhabers einer Zoo-Handlung am Schlesischen Tor sollte die Flucht durch den Tunnel versuchen. Herr Löwe, so sein Name, beteiligte sich dafür an den finanziellen Lasten, die der Tunnelbau verursachte ebenso, wie Prof. Berthold Rubin, der sich als „deutscher Professor“ ideell dazu verpflichtet fühlte.

Da ich nach der Beendigung der Ausstellungsarbeit auch keine Unterkunft mehr hatte, übernachtete ich in der Wohnung von Weinstein. Das Ehepaar hatte mir uneigennützig Gastrecht eingeräumt. Durch diesen Umstand kam ich schließlich Ende Mai auf die Idee, am Wochenende nicht auszufahren, sondern alleine den Tunnel vorzutreiben. Heilige Einfalt! In der Absicht, unser Projekt einem schnelleren Ende zuzuführen, robbte ich also in dem bereits ca. 30 Meter geschaffenen Tunnelgang vor, um dort zu arbeiten. Durch den örtlich vorhandenen Lehmboden konnte ich allerdings mit dem Spaten nur schabend vorgehen. Ein von mir gedachtes zügiges „graben“ war unmöglich. Auch ein zweites Wochenende änderte mental an meiner Resignation nichts. Schließlich gab ich diesen wohlgemeinten aber hoffnungslosen „Alleingang“ auf.

An dieser Stelle  (von re. n. li.)  sollte der Tunnel vorgetrieben werden – Foto: LyrAg

Zuvor hatte ich aber buchstäblich „Blut und Wasser“ geschwitzt. War der alleinige Aufenthalt schon eine gewisse Belastung, auch ich hatte ja von Tunnelaufbrüchen durch DDR-Grenzer gehört oder gelesen, so verstärkte sich eine gewisse Furcht durch beunruhigende Geräusche. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich registrierte, dass diese Geräusche durch die Wendeschleife der Straßenbahn entstanden. Nach dem 13.August 1961 konnte diese nicht mehr nach West-Berlin durchfahren, dadurch war der Bau dieser Kehre notwendig geworden.

Kurz vor dem Bauende: Verrat

Im Juli bemerkte ein auf dem Dach des Kartoffelschuppens stationierter Polizist den Aufbau eines Zeltes mit der Aufschrift „Deutsche Post“ vor dem Gebäude, in dessen Keller wir den Tunnel enden lassen wollten. Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits bis nahe der Hausflucht angekommen. Der Polizist bemerkte durch sein Fernglas, dass die angeblichen Postler unter ihren grauen Postkitteln Militärstiefel trugen und gab sofort Alarm. Alle Arbeiten mussten sofort eingestellt und der Kartoffelschuppen unverzüglich verlassen werden. Wie richtig diese Anweisung war, konnte der Polizist wenig später erkennen: Durch sein Glas erkannte er den am Tunnelbau beteiligten Helmut Karger, der ebenfalls zur Tarnung einen Postkittel trug. Damit war klar: Der Tunnel war verraten worden.

Was ich damals mangels spezieller Kenntnisse noch nicht wußte: Am Tunnelbau Beteiligte und eingesetzte Kuriere, die die Verbindung zu den Fluchtwilligen in Ost-Berlin hielten, wurden aus Sicherheitsgrünen immer strikt getrennt. So erfuhren auch die Kuriere meist in letzter Minute, wo der Tunnel gegraben bzw. sich der Einstieg für die Flüchtlinge befand, während die am Tunnelbau Beteiligten in der Regel die Kuriere nicht kannten. Weinstein hatte diese Sicherheitsmerkmale außeracht gelassen. So arbeitete Karger als ehem. Bundeswehrsoldat einerseits fast regelmäßig am Tunnel mit, andererseits war er einer der zwei offiziellen Kuriere, die die Verbindung zu den Fluchtwilligen hielten. Ein folgenschwerer Fehler.

Gegen die Fluchthelfer und Fluchtwilligen wurden hohe Zuchthausstrafen verhängt: Berliner Morgenpost vom 18. Januar 1964. Archiv LyrAg

21 Menschen, darunter die zwei Kuriere, wurden in den folgenden Tagen verhaftet und später zu hohen Zuchthaustrafen verurteilt. Die Schwiegereltern Weinsteins verbüßten ihre Haft in Hoheneck und Rummelsburg, die zweijährige Liane wurde in ein Heim verbracht. Frau Löwe, die Frau des Zoohändlers, verstarb in der Haft.

Nach dem Verrat machte bei uns die Legende die Runde, nach der Karger in Ost-Berlin ein Techtelmechtel begonnen hatte. Im Bett soll er dieser Frau dann von dem Tunnel erzählt und ihr angeboten haben, sie ebenfalls in den Westen zu schleusen. Diese Frau sollte mit einem Offizier der Grenztruppen verheiratet gewesen sein und diesem von den Fluchtabsichten berichtet haben.

Als Faustpfand wurde die Tochter den Eltern vorenthalten

Die zweite, wesentlich spätere Version kam wohl dem Ablauf näher. Nach dieser hatte der zweite Kurier Brausewetter seiner Freundin von dem Tunnel berichtet und diese hatte die Information „weitergereicht“. Daraufhin wurde der Kurier verhaftet und aufgrund seiner Aussagen wenig später auch Helmut Karger, der dann die Staatssicherheit an den geplanten Tunnelausgang führte.

Großeltern verhaftet: Die zweijährige Liane wurde in ein Heim verbracht. – Foto: Privat

Die dramatische Geschichte des in Berlin-Dahlem geborenen Gerhard Weinstein selbst habe ich erst Jahrzehnte später recherchieren können. Weinsteins Großvater war 1943 in Auschwitz ermordet worden. Er selbst war von seiner Mutter im Alter von zwei Jahren 1934 in das Jüdische Waisenhaus in Pankow gegeben worden. Die Dramatik seines Lebens, eine deutsch-jüdische Geschichte, muß an anderer Stelle erzählt werden. Sie erklärt aber auch, warum Weinstein seiner Tochter ein Aufleben ohne Eltern unbedingt ersparen wollte. Aufgrund des tragischen Scheiterns wurde Liane weitere neun, also insgesamt elf Jahre als mögliches Faustpfand der DDR den Eltern vorenthalten. Aus der späteren Einsicht in die Akten der Staatssicherheit ging zweifelsfrei hervor, dass das MfS der DDR bis zuletzt hoffte, über Liane an die als Staatsfeinde eingestuften Eltern heranzukommen.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.448)

Berlin, 31.07.2019/cw – Im Zusammenhang mit der Aktion zum 30.Jahrestag der „Lebendigen Brücke“ : „WIR“ statt „IHR“ am Checkpoint Charlie (12.08.2019, 11:00 Uhr) erreichten mich zahlreiche Anfragen über meinen Weg zum gewaltlosen Widerstand gegen die Mauer. Bis zum 12. August werde ich an dieser Stelle Stationen auf diesem Weg und aus dem Kampf gegen die Berliner Mauer schildern. (3 – Teil 2 siehe 30.07.2019).

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

In den Abendstunden des 9.Dezember 1961 ereignete sich an der Grenze zur DDR in Staaken ein besonders grausamer Mord, als der gerade zwanzigjährige Student Dieter Wohlfahrt (* 05.1941 † 09.12.1961) in eine Falle gelockt und durch DDR-Grenzer erschossen wurde. Der Fluchthelfer wollte ein „letztes Mal Menschen bei ihrer Flucht helfen“, so an dem Abend zu seiner Tante Annemarie Klein, bei der er wohnte. Diesmal sollte die Mutter einer jugendlichen Bekannten durch den Stacheldraht in den Westen geholt werden. Was Wohlfahrt nicht wußte: Die „Mutter“ war ein Spitzel, also Mittel zum Zweck, um den engagierten Studenten in eine Falle zu locken.

Wohlfahrt wuchs bei seiner Mutter in der DDR auf. Durch den Vater besaß er die österreichische Staatsbürgerschaft und konnte so auch nach dem Bau der Mauer jederzeit die Grenze passieren. Als die Mauer gebaut wurde, lebte er bereits bei der Schwester seiner Mutter, Annemarie Klein, die als Oberstudienrätin in West-Berlin wohnte, um ab 1961 an der TU Chemie studieren zu können.

Er fühlte sich einfach der Menschlichkeit verpflichtet: Fluchthelfer Dieter Wohlfahrt – Foto: Archiv LyrAg

An jenem schwarzen Sonntag, dem 13. August 1961, urlaubte der Student mit einem Freund in Spanien. Für ihn stand der Abbruch der Urlaubsidylle ohne Wenn und Aber fest, als er über die Medien vom Bau der Mauer erfuhr. Wohlfahrt stieg sofort in die aktive Fluchthilfe ein, zunächst über die Kanalisation. Als dies durch zusätzliche Maßnahmen der DDR unmöglich wurde, schnitt er an geeigneten Orten der Zonengrenze, also am Rand von Berlin, den dortige Stacheldraht auf, um Menschen in die Freiheit zu verhelfen.

Am Abend des 9. Dezember versprach er seiner besorgten Tante, er würde bald wieder zurück sein und es wäre seine letzte Aktion. In Staaken in der Bergstraße angekommen, war die Situation am Fluchtpunkt vergleichsweise übersichtlich. Eine Nylonschnur markierte den tatsächlichen im Rechteck verlaufenen Grenzverlauf, während der Stacheldraht aus wahrscheinlich rationellen Gründen einige Meter dahinter in schräger Linie zur tatsächliche Grenze gezogen worden war.

Nachdem der mutige Student ein vereinbartes Zeichen wahrgenommen hatte, robbte er sich unter der Nylonschnur an den Stacheldraht heran, um diesen aufzuschneiden.  Im Hinterhalt liegende Grenzposten eröffneten das Feuer. Wohlfahrt brach zusammen und blieb am Stacheldraht liegen. Aber er lebte.

Kurze Zeit später fuhr die alarmierte Britische Militär-Polizei, begleitet von Westberliner Polizisten, am Tatort auf. Aber statt Erste Hilfe zu leisten, was die Briten aufgrund alliierter Vereinbarungen ohne weiteres hätten tun können, bauten diese Scheinwerfer auf, um die Szenerie auszuleuchten. So sahen sie im Schweinwerferkegel zu, wie der Zwanzigjährige in der folgenden Stunde verblutete. Erst nachdem die DDR-Grenzposten kein Eingreifen der Briten bemerken konnten, zogen sie den inzwischen verbluteten Fluchthelfer  durch den Stacheldraht auf DDR-Gebiet.

Der Mord an der Mauer

Der weltbekannte Publizist Sebastian Haffner nahm das Sterben dieses jungen Menschen zum Anlass, über diesen „schrecklichen Mord“ in „CHRIST UND WELT“ die dramatischste Anklage zu schreiben, die je zu diesem Thema geschrieben wurde („Der Mord an der Mauer“, 15.12.1961). Haffner beschrieb die kaltherzige Untätigkeit der angerückten britischen MP, die sich einzig darauf kapriziert hatte, die Szenerie des sterbenden Fluchthelfers mit aufgestellten Scheinwerfern auszuleuchten: „Sie haben ihn verrecken lassen.“

Ein schlichtes Kreuz erinnert in der Bergstraße in Staaken an den Tod des einstigen TU-Studenten und selbstlosen Fluchthelfer – Foto: LyrAg

Wohlfahrts Tod war besonders tragisch, weil im Gegensatz zu dem am 17. August 1962 nahe dem Checkpoint Charlie erschossenen Peter Fechter dort in Staaken keine Mauer eine unüberwindlich erscheinende Barriere darstellte. Nur eine Nylonschnur war zwischen den möglichen Helfern und dem verblutenden Dieter Wohlfahrt gespannt. Bis heute wird diesem bis dahin beispiellosen und rüden Mord an einem ausschließlich humanistisch denkenden jungen Menschen und seinem offenbar sinnlosen, weil durch Hilfeverweigerung verursachten Sterben die Aufmerksamkeit verwehrt, die zu Recht bis heute Peter Fechter gewidmet wurde und wird.

Dieter Wohlfahrt war der erste Peter Fechter. Dass seinem dramatischen Tod im Vergleich zu dem des Peter Fechter damals nicht die Aufmerksamkeit zukam, war dem Umstand zu verdanken, das seine Mutter und seine Schwester noch in der DDR lebten. Der österreichische Konsul in Berlin hatte die Medien daher dringend gebeten, sich in der Berichterstattung zurückzuhalten, um die Angehörigen zu schützen.

Damals 17jährig erinnere ich mich noch heute lebhaft an dieses brutale und schockierende Ereignis. Von 1962 bis zu meiner Verhaftung durch DDR-Grenzposten 1965 organisierte ich am vor Ort errichteten Holzkreuz zum jeweiligen Todestag ein Gedenken an den „durch nichts entschuldbaren Mord“, wie es Sebastian Haffner in seinem anklagenden Artikel treffend formuliert hatte. Wir hielten in den dunklen Abendstunden unweit des Stacheldrahtes mit Fackeln jeweils für mehrere Stunden eine Mahnwache.

-Wird fortgesetzt-

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Mobil: 0176-48061953 (1.445)

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