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Berlin, 25.12.1963/2017/cw – Es war 22:00 Uhr, am ersten Weihnachtsfeiertag. Nachrichten gehörten seit geraumer Zeit zu meinem Leben, Weihnachten hin oder her. „Hier ist RIAS Berlin, eine Freie Stimme der Freien Welt. Sie hören Nachrichten. Kreuzberg. Nach dem Versuch, die Mauer hinter der Thomaskirche in Berlin-Kreuzberg zu überwinden, starb in den Abendstunden der 18jährige Paul Schultz im Bethanien-Krankenhaus in West-Berlin. Schulz war von Grenzposten der Sowjetzone beschossen und tödlich verletzt worden…“ An den genauen Wortlaut dieser abendlichen Schreckensnachricht am 1. Feiertag kann ich mich nach 54 Jahren nicht mehr genau erinnern. Um so mehr erinnere ich mich an meine Tränen, an meine Wut, meinen Schmerz. Ich wohnte zu diese Zeit in einem kleinen Zimmer in Untermiete in der Biesenthaler Straße 5 in Wedding. Gerhard Weinstein, ein Tunnelbauer, hatte mir dieses Zimmer bei Frau Weber vermittelt, nachdem unser Tunnelbau am Güterbahnhof in der Bernauer Straße gescheitert war.

Ich eilte zur nächsten Telefonzelle, rief bei Prof. Berthold Rubin (1911-1990) in Lichterfelde an. Rubin war Ordinarius für Byzantinistik und Osteuropakunde an der Universität Köln, hatte seinen Wohnsitz aber in Berlin. Er gehörte zu einem kleinen Kreis von Aktivisten, die sofort und ohne lange zu fragen auf Morde an der Mauer reagieren und damit ein Verschweigen verunmöglichen wollten. Rubin war ebenso entsetzt, hatte von dem neuerlichen Mord noch nicht erfahren. Ich sollte erst einmal nach Lichterfelde in sein Haus in die Hildburghauser Straße 109 kommen.

Bedingt durch den Nachtverkehr der BVG kam ich erst gegen 24:00 Uhr bei ihm an. Seine betagte Mutter, eine ehemalige Kammersängerin und erfinderische Inhaberin einiger Patente schimpfte zwar, was wir denn „um diese Zeit“ noch ausrichten wollten, half aber dann doch mit Rat und Tat, als wir nach Mitternacht im Garten ein ca. 2 Meter großes Kreuz zimmerten. Wir müssten doch wenigstes ein paar Tannenzweige anbringen, grummelte die alte Dame und half bei der Anbringung am Kreuz.

Nach dem Mord: Unheimliche Stille vor Ort

Nachdem ich auf der Couch im Wohnzimmer eine unruhige Restnacht hinter mich gebracht hatte, brachen wir gegen 9:00 Uhr im Pkw von Rubin gen Kreuzberg auf. Hinter der Thomaskirche, im Schatten der Mauer, trafen wir auf eine unheimliche, weil nicht erwartete Stille. Nur ein kleiner Polizist aus Westfalen sprach uns an, als wir an einem Baum das Holzkreuz errichten wollten. Er bestätigte das im Radio gehörte Geschehen und das bisher kaum Menschen am Mordort erschienen seien. Er zuckte etwas hilflos mit den Schultern: Es sei eben Weihnachten.

Der freundliche, im Rahmen der polizeilichen Hilfe nach dem Mauerbau aus Westfalen nach Berlin abgeordnet, machte uns darauf aufmerksam, dass wir Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn wir dieses Kreuz „ohne behördliche Genehmigung“ aufstellen würden. „Haben die Mörder von Paul Schultz denn auch nach einer Genehmigung gefragt, bevor sie auf den jungen Mann geschossen haben?“ fragte ich wütend. Der Polizist beruhigte mich, beteuerte, er meine es nur gut mit uns. Wir einigten uns darauf, das Kreuz stehen zu lassen und uns mit der zuständigen Polizeiinspektion in der Friesenstraße in Verbindung zu setzen. Der Uniformierte wollte solange auf das Mahnkreuz aufpassen.

Von früheren Demonstrationen kannte ich den Inspektionsleiter, Polizeioberrat Dähne. Er würde uns sicher eine Ausnahmegenehmigung zusichern. Andere Behörden konnten wir wegen der Feiertage und das anschließende Wochenende ohnehin nicht erreichen. Dort angekommen wurde uns bedeutet, Oberrat Dähne liege mit einer Grippe im Bett, sei also nicht erreichbar. Jemand anders sei nicht befugt, eine Entscheidung im Sinne unseres Anliegens zu treffen. Wir sollten uns „am Montag an des zuständige Bezirksamt wenden“. Frustriert kehrten wir an die Thomaskirche zurück, um den Polizisten vor Ort zu informieren. Er teilte mit aller gebotenen dienstlichen Vorsicht unser Unverständnis und versprach, alles Mögliche zu tun, um ein Abbau des Kreuzes zu verhindern. Er wolle ggf, darauf hinweisen, dass eine Genehmigung bereits beantragt sei.

Berthold Rubin teilte zwar meine Empörung, sah aber auch keinen anderen Weg, als bis zum Montag wegen einer Vorsprache beim Bezirksamt Kreuzberg zu warten. Als ich ihm die Idee unterbreitete, zum Wohnort von Willy Brandt (1913-1992) an den Schlachtensee zu fahren, hielt er diese Idee allerdings für etwas verrückt. Wir trennten uns mit dem Versprechen, uns über “Veränderungen“ gegenseitig zu informieren.

Abendroth: Aus der Mauer kein Friedhof machen

Am späten Vormittag traf ich vor dem Wohnsitz in der Marinesiedlung am Schlachtensee ein. Ein Polizist stand etwas gelangweilt vor dem Haus, ließ sich aber freundlich auf eine Erklärung meines Anliegens ein. Ein kurzer Blick auf die Uhr, dann: Willy Brandt ist nicht da, aber seine Frau würde gleich den Hund ausführen, diese könnte ich wohl ansprechen.

Tatsächlich trat Rut Brandt (1920-2006) pünktlich vor das Haus und hörte sich geduldig mein Anliegen an: „Mein Mann ist gerade mit den Söhnen am Schlachtensee spazieren und,“ nach einem kurzen Blick auf die Uhr, „sie können ihm gerne ihr Anliegen vortragen. Sagen sie ihm, sie hätten bereits mit mir gesprochen.“

Es dauerte dann auch nicht lange, als Willy Brandt mit seinen drei Söhnen auf dem Weg vom See her kommend auftauchte. Matthias, der jetzige große Schauspieler, saß auf seiner Schulter, die größeren Söhne Lars und Peter gingen links und rechts neben dem Vater. Wie mit seiner Frau Rut vereinbart, sprach ich den Regierenden Bürgermeister unter Verweis auf das vorherige kurze Gespräch an und trug ihm unsere bürokratischen Schwierigkeiten um die Errichtung eines Mahnkreuzes für den am Vortag ermordeten Paul Schultz vor. Brandt erkundigte sich eingehend nach den Motiven und den Personen, die in das Vorhaben involviert waren. Meinerseits führte ich vorsorglich meine Besorgnis um die mögliche Wiederholung einer unsäglichen vorherigen Diskussion um die Errichtung von Mauerkreuzen an. Brandts parteipolitischer Gegner, der Kreuzberger Bezirksbürgermeister Günther Abendroth (1920 – 1993) hatte sich vehement gegen die Errichtung von Mahnmalen und Kreuzen an der Mauer ausgesprochen, man könne aus dieser „keinen Friedhof machen“. Brandt hatte dieser Sicht energisch widersprochen und darauf hingewiesen, dass „nicht wir die Morde an der Mauer“ provozieren.

Nach einem geduldigen Diskurs fragte Brandt, ob ich denn das Anliegen schon Heinrich Albertz (1915-1993), seinem Stellvertreter und Innensenator, vorgetragen hätte. „Ich weiß zwar, wo Sie wohnen aber nicht, wo Heinrich Albertz wohnt,“ antwortete ich. Brandt konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und fragte dann, ob ich die „Stallwache“ im Rathaus Schöneberg kennen würde. Nachdem ich verneint hatte erklärte er mir den vorhandenen „Notdienst“ im Rathaus und versprach mir eine Klärung. Ich solle in ca. zwei Stunden dort anrufen, man würde mich dann über das Ergebnis unterrichten.

50 Jahre danach: Gedenkkreuz von Unbekannten zerstört

Natürlich hatte ich Sorge, mich bei Rubin zu blamieren, wusste ich doch nicht, wie das Ergebnis der Rücksprache mit Willy Brandt ausgehen würde. Nachdem aber ein Rückruf im Rathaus Schöneberg positiv verlaufen war, rief ich sofort Berthold Rubin an und informierte ihn über den Erfolg. Der engagierte Professor war zunächst sprachlos, versprach aber, umgehend nach Kreuzberg zu fahren.

Im Gegensatz zum Vormittag war vor Ort an der Thomaskirche ein richtiger Trubel. Der Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers in Berlin, Ernst Lemmer (1898 – 1970), der Oberrat Dähne, weitere Personen, ein Kamerateam und weitere Presseleute waren anwesend, um Blumen und Kränze an dem von uns spontan errichteten Kreuz in Erinnerung an den am Vorabend ermordeten Paul Schultz (1945-1963) aus Neubrandenburg niederzulegen. Ein weiteres Mal war das „Übergehen zur Tagesordnung“ über einen Mord an der Mauer verhindert worden.

Nachtrag: Vom 28.Dezember 1963 bis zum 8. Januar 1964 führte Dieter Wycisk und ich einen Hungerstreik am Kreuz für Paul Schultz durch. Wir forderten mit diesem Hungerstreik in einem Schreiben an den UNO-Generalsekretär die UNO auf, gegen das Morden an der Mauer zu protestieren. Ein zum 50. Jahrestag der Ermordung von Paul Schultz neuerlich errichtetes Holzkreuz wurde nach wenigen Tagen von Unbekannten mutwillig zerstört.

© 2017 Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 0176-48061953 (1.333).

 

Berlin, 9.10.2017/cw – Das weltberühmte Museum „Haus am Checkpoint Charlie“ feiert am 19. Oktober sein 55jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass findet bereits am kommenden Donnerstag (12.Oktober) in den Räumen des Museums eine Feier mit eigens geladenen Gästen, unter diesen Roland Jahn, Leiter der BStU und Alexander Graf Lambsdorff, MdB und derzeit Vizepräsident des Europäischen Parlaments, statt.

Das Museum widmet seine Arbeit nach eigener Darstellung „nicht nur der einstigen Teilung Berlins, Deutschlands und Europas sondern auch dem internationalen gewaltfreien Kampf für Menschenrechte.“ Dieser Kampf wird durch die Hervorhebung   verdienter Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King dokumentiert. Besonderen Raum nimmt dabei die Dokumentation des Befreiungskampfes der Staaten Ost- und Mitteleuropas vom sowjetischen Imperialismus ein, insbesondere die Volksaufstände in der DDR vom 17. Juni 1953, in Ungarn im Herbst 1956, dem „Prager Frühling“ und seine blutige Niederschlagung 1968 und der erfolgreiche Kampf der freien Gewerkschaft Solidarnosc in Polen. Auch die Rehabilitierung mehrerer in der DDR hingerichteter Menschen erreichte die Arbeitsgemeinschaft 13. August. 2013 konnte die Arge schließlich die Freilassung des Pution-Gegners Michail Chodorkowskis wesentlich miterarbeiten. Die Darstellung des Kampfes für Freiheit und Unabhängigkeit in der Ukraine gibt einen Einblick in die aktuelle Menschenrechtsarbeit der ebenfalls von Rainer Hildebrandt gegründeten Arbeitsgemeinschaft 13. August.

Start in einer Wohnung im Wedding

Das von Rainer Hildebrandt begründete Mauermuseum war zunächst unter bescheidenen Verhältnissen im 1. Stock in einer Wohnung in der Wolliner-/Ecker Bernauer Straße eingerichtet und im Oktober 1962 eröffnet worden. Von einem Austritt konnte man direkt über die gegenüberliegende Mauer in den Osten Berlins schauen. Aber auch auf das Gedenkkreuz für den 22jährigen Bernd Lünser, der am 4.Oktober 1961 vom gegenüberliegenden Dach in den Tod sprang. Er hatte das von der Westberliner Feuerwehr aufgespannte Sprungtuch bei seinem Sprung in die Freiheit verfehlt.

Hildebrandt warb eigens den  jungen Maueraktivisten Carl-Wolfgang Holzapfel, der die Ausstellung ab 1.12.1961 leitete, unterstützt von der ehemaligen Hoheneckerin Anneliese Kirks. Kirks war zweimal in der DDR wegen staatsfeindlicher Tätigkeit verurteilt worden und verbüßte zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr insgesamt 10 Jahre in dem berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck im Erzgebirge. Ab Mai 1963 wurde das Museum von Michael Mara, einem geflüchteten ehem. DDR-Grenzer und späteren Redakteur beim Berliner TAGESSPIEGEL geleitet, da Holzapfel sich am Bau eines Fluchtstollens (Oderberger Straße) beteiligte.

„Im Westen nichts Neues“

Bereits im Frühjahr 1963 hatte Hildebrandt in Begleitung von Holzapfel nach Örtlichkeiten am Checkpoint Charlie Ausschau gehalten, um das Museum weiter ausbauen zu können, was in den beengten Verhältnissen einer Wohnung nicht möglich war. Das zunächst avisierte und stillgelegte Kino an der Ecke Friedrich-/Kochstraße (Die letzte Reklame prangte noch immer an der Fassade: „Im Westen nichts Neues“.) ließ sich nicht verwirklichen. Dafür fand der einstige Begründer der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU)“ schräg gegenüber einen kleinen Eckladen, in dem er seine Ideen einer weltweit einmaligen Dokumentation über das Mauer-Regime umsetzen konnte. Noch im selben Jahr wurde das Museum am Checkpoint Charlie in Anwesenheit des Förderers und Sonderbeauftragten des Bundeskanzlers, Ernst Lemmer, eingeweiht.

In den Folgejahren wurde das Museum permanent erweitert und erstreckt sich inzwischen auf die ganze Häuserfront zwischen der jetzigen Rudi-Dutschke- (einst Koch-)Straße und der Zimmerstraße. Nach dem Tod von Rainer Hildebrandt (9.01.2004) übernahm Alexandra Hildebrandt, seine Frau aus Kiew, die Führung des Hauses. Zusammen mit ihrem jetzigen Ehemann Daniel Dormann führt Alexandra Hildebrandt seither eines der besucherstärksten Museen der Stadt. Dormann war 1999 zusammen mit Alexandra Hildebrandt erstmals in den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft 13. August gewählt worden. Er leitet mit dieser die am 6. Januar 2004 gegründete Rainer-Hildebrandt-Stiftung mit Sitz in der Schweiz.

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin – Tel.: 030-30207785 (1.295).

Von Klaus Hoffmann*

Berlin, 18.10.2015/kh – Er wollte sich von Beginn an nie mit dem Mauerbau abfinden, führte zahlreiche Hungerstreiks durch. Nachdem seine Gesundheit gefährdet war, verlegte sich der Zwanzigjährige auf Demonstrationen „für die Freiheit von (damals) 14.000 politischen Gefangenen in der SbZ.“

Am Jahrestag der Verurteilung des Fluchthelfers Harry Seidel, am 14. November 1964, demonstrierte der damalige Reklamearbeiter bei der BVG, Carl-Wolfgang Holzapfel, am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Mutig ging er mit einem Plakat über den berühmten weißen Strich, der die Trennung des Westen der Stadt vom Ostteil markierte.

1964 von DDR-Grenzposten abgewiesen: "Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene - - Archiv Holzapfel

1964 von DDR-Grenzposten abgewiesen: „Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene –
– Archiv Holzapfel

Nachdem er am 17. Juni 1965 diese Demo trotz der Drohung, verhaftet zu werden, wiederholt hatte, sammelte der mittlerweile volljährig gewordene Menschenrechtler von Hamburg bis München in zwölf Großstädten Unterschriften für die Freilassung der politischen Gefangenen. Unterstützt wurde er dabei vom damaligen Senator in Hamburg, Helmut Schmidt, der Holzapfel bei der Genehmigung, vor dem Hamburger Rathaus Unterschriften sammeln zu dürfen, unterstützte. Ernst Lemmer, ehemaliger Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen und nach dem Mauerbau Beauftragter des Bundeskanzlers in Berlin, leistete die erste Unterschrift; Ex-Bundesjustizminister Ewald Bucher unterschrieb ebenso, wie zahlreiche Oberbürgermeister der besuchten Städte oder auch ein leibhaftiger ehemaliger Oberst der Ungarischen Armee oder die geflüchtete Altistin der Budapester Staatsoper.

Nach seiner Rückkehr stellte Holzapfel über 5.000 Unterschriften aus 27 Staaten der Erde fest, unter diesen Ungarn, Polen, DDR, Großbritannien, Frankreich und USA. Für den Gandhi-Jünger stand daher fest: Eine solche Domo war nur am sogen. Ausländerübergang Checkpoint Charlie möglich: „Menschen in aller Welt fordern: Freiheit für …“. Da die Alliierten ihm aber diesen Übergang für Demonstrationen eigens verboten hatten, durfte Holzapfel seine Demo nicht ankündigen, wie das sonst der Fall war. Er berief sich dabei ebenfalls auf sein Vorbild Mahatma Gandhi, der dafür plädiert hatte, dem Gegner immer die Möglichkeit zu geben, auf eine Forderung einzugehen, sein Gesicht zu wahren.

So plante der junge Arbeiter seine dritte Aktion geheim, informierte nur eine Handvoll zuverlässiger Freunde und als einzigen Journalisten den Chefreporter der BILD-Zeitung, Werner Kahl. Als Holzapfel über den zu Ostberlin gehörenden Bürgersteig in der Zimmerstraße in den alliierten Kontrollpunkt einlief, befand er sich bereits hinter der weißen Grenzlinie. Die Westpolizei, damals Erfüllungsgehilfe der Alliierten, konnte nicht mehr eingreifen.

18.10.1965: Vor 50 Jahren Verhaftung am Checkpoint Charlie - Holzapfel wirdf abgeführt Foto: Archiv

18.10.1965: Vor 50 Jahren Verhaftung am Checkpoint Charlie – Holzapfel wird abgeführt
Foto: Archiv

Der Demonstrant wurde verhaftet und nach einem dreitägigen Prozess am 7. April 1966 für seinen Einsatz gegen die Mauer und die politischen Gefangene zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Bundeskanzler Ludwig Ehrhardt trug sich persönlich am 1. Mai des Jahres vor der Siegessäule in die von Holzapfel begonnene Unterschriftensammlung ein, die von seinen Freunden nach seiner Verhaftung um die Forderung nach seiner Freilassung erweitert worden war.

Heute wissen wir, dass wir zu wenig Menschen hatten, die sich wie Carl-Wolfgang Holzapfel ohne Rücksicht auf ihr eigenes Schicksal für die Menschen in der ehemalige DDR eingesetzt haben. Auch nach fünfzig Jahren: DANKE! (1.044)

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  • Der Autor wurde erstmals 1965 wegen versuchter Republikflucht verhaftet und 1966 eingesperrt. Seit Beginn der 70er Jahre war der Nun-Student in West-Berlin Fluchthelfer (mit dem Astronauten R. Furrer).

V.i.S.d.P.: Klaus Hoffmann, Berlin, Tel.: Redaktion Hoheneck – 030-30207785

Von Carl-Wolfgang Holzapfel

Stuttgart/Berlin, 14.12.2014/cw – Heute vor 100 Jahren wurde Rainer Hildebrandt in Stuttgart geboren. Der am 9. Januar 2004 in Berlin verstorbene Publizist, Museumsgründer, Agenten-Chef, Widerständler und Lebemann war stets umstritten, den Respekt vor seinem Lebenswerk konnte ihm hingegen Freund und Feind nicht versagen.

Keine Blume zum 100. Geburtstag: Der Museumsgründer in der nachgebauten Allierten Baracke - Foto: LyrAg

Keine Blume zum 100. Geburtstag: Der Museumsgründer in der nachgebauten Allierten Baracke – Foto: LyrAg

Hildebrandt wurde als Sohn der Malerin Lily Hildebrandt, einer engen Freundin von Marc Chagall (1887-1985) und des Kunsthistorikers Hans Hildebrandt in der schwäbischen Landeshauptstadt geboren. Sein lebenslanges Faible für die Kunst und seine vielfältige Verbundenheit zu Künstlern war ihm geradezu in die Wiege gelegt worden. Durch die historischen Geschehnisse verlief sein Leben jedoch anders, als vermutlich geplant. Dabei war die Freundschaft der Familien Wolff und Hildebrandt, dieser spielte mit dem späteren Chef der MfS-Auslandsaufklärung, Markus Wolff, im Sandkasten, wohl erst später von – vielleicht – hintergründiger Bedeutung. Stark geprägt und beeinflusst wurde der junge Student (zunächst Physik, später Philosophie und Soziologie) durch Albrecht Haushofer, dessen sogen. Haushofer-Kreis den Attentätern auf Hitler zugeordnet wurde. Hildebrandt wurde nach eigener Darstellung selbst 17 Monate inhaftiert (Wehrkraftzersetzung): In dieser Zeit „habe ich gelernt, gegen das Unrecht zu kämpfen,“ sagte er später über diese Zeit.

Seine Promotion bei Franz Rupp über „ein arbeitspsychologisches Thema“ war lange Zeit umstritten, weil nicht mehr auffindbar. Anlässlich einer gerichtlichen Auseinandersetzung um einen Zeitungsartikel („Die seltsamen Wege des Rainer Hildebrandt“ von Manfred Plöckinger und Carl-Wolfg. Holzapfel, Deutsche Wochenzeitung, Sommer 1963) konnte Hildebrandt dem Gericht eine Bestätigung der Freien Universität Berlin vorlegen, nach der er berechtigt sei, einen akademischen Titel zu führen.

Das Museum am 14.12. in Lichterglanz getaucht - Vom 100. Geburtstag des Museumsgründers dagegen keine Spur - Foto: LyrAg

Das Museum am 14.12. in Lichterglanz getaucht –
Vom 100. Geburtstag des Museumsgründers dagegen keine Spur – Foto: LyrAg

CIA und KgU

In den Wirren der Nachkriegszeit kam es zur Kontaktaufnahme Rainer Hildebrandts mit dem US-Geheimdient CIA, in deren Folge die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU)“ gegründet wurde, deren Chef Hildebrandt wurde. Über die Umstände dieser Gründung und die Hintergründe seiner engen Zusammenarbeit mit der CIA hat sich Hildebrandt nie konkret ausgelassen. Anregungen, mehrfach auch durch den Autor dieser Erinnerung, seine Biografie über den Widerstand zu schreiben („Das würde John Le Carré in den Schatten stellen!“) kommentierte er mit seinem unnachahmlichen „Ja, meinst du?“

1963 mit Weggefährten in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi, A.Kirks (v.li.) - Foto: LyrAg

1963 mit Weggefährten in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi, A.Kirks (v.li.) – Foto: LyrAg

Über die Geschicke der KgU gibt es seither die unterschiedlichsten Darstellungen. Hildebrandts Einlassungen, nachdem er sich mit dem Nachfolger Tillich über die Formen des Widerstandes zerstritten habe, weil er den „gewaltlosen Kampf“ favorisierte, ist mit Fragezeichen zu versehen. Nachweislich, also unwidersprochen, hat sich Hildebrandt Anfang der sechziger Jahre, nicht zuletzt stark beeinflusst durch den Inder T.N. Zutshi, dieser Form des Widerstandes nach dem Vorbild Gandhis angeschlossen bzw. verpflichtet gefühlt.

Auch die Wirkungen Hildebrandts auf Ereignisse um den 16. und 17. Juni 1953 sind nebulös, er hat sich selbst auch dazu nie nachvollziehbar erklärt. Seine Verdienste um die Erinnerung an den ersten Volksaufstand gegen den Kommunismus in Europa nach dem zweiten Weltkrieg sind hingegen unbestritten, legendär sein Buch „Als die Fesseln fielen“ (Arani Verlag, Berlin 1956) eine erste konkrete Schilderung der Ereignisse durch Akteure des Aufstandes.

Eröffnung am Checkpoint Charlie 1963: Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) - Foto: Archiv

Eröffnung am Checkpoint Charlie 1963: Ernst Lemmer (li.), Hildebrandt (re.) –
Foto: Archiv

Bis zum Mauerbau am 13. August 1961 schlug sich der Publizist mit Beiträgen und Kommentaren (z.B. DER TAGESSPIEGEL) zu aktuellen Themen der deutschen Teilung und durch den Betrieb einer Kaffeestube nahe einem S-Bhf. durch. Diese Boheme-haft anmutende Lebensweise änderte sich schlagartig nach dem Bau der Mauer. Beharrlich sammelte der gelernte „Kalte Krieger“ von Beginn an Dokumente dieses „verbrecherischen Aktes gegen die Menschlichkeit.“ Im Spätsommer 1962 mietete Hildebrandt eine kleine Wohnung an der Bernauer-/Ecke Wolliner Straße im ersten Stock und baute dort seine erste Ausstellung „Es geschah an der Mauer“ auf. Durch einen vorgelagerten Austritt konnten die Ausstellungsbesucher einen weiten Blick in den zugemauerten Teil Ost-Berlins werfen.

Frauen begleiteten den lebenslangen Charmeur

1963: Der erste Ausstellungs-Leiter C.W. Holzapfel beim Ausblick auf die Bernauer Straße - Foto: LyrAg

1963: Der erste Ausstellungs-Leiter C.W. Holzapfel beim Ausblick auf die Bernauer Straße – Foto: LyrAg

In der Akquirierung geeigneter Menschen für seine Projekte war und blieb er zeitlebens unschlagbar. Mit seiner ihm eigenen Überzeugungskraft und seinem unwiderstehlichen Charme, der besonders auf viele seiner Frauen wirkte, die den lebenslangen Charmeur durch sein quirliges Leben begleiteten, wurde er zum Menschenfischer. So sprach er den Autor während dessen ersten Hungerstreik am Mahnmal des erschossenen Maueropfers Günter Litfin an und warb ihn als ersten Leiter der vor der Eröffnung stehenden Ausstellung an. Natürlich zu typisch Hildebrandtschen „ideellen Bedingungen“: Ohne Bezahlung. Die setzte erst im März 1963 ein (mtl. 380 DM), als es Hildebrandt endlich und erstmals gelang, Fördergelder aus Mitteln der Deutschen Klassenlotterie zu erhalten: „Wir sind gerettet,“ so sein glücklicher Kommentar damals.

Bereits im Frühjahr 1963 gelang es der neuerlichen Hass-Figur der DDR, unmittelbar am Checkpoint Charlie Räume anzumieten, um an dieser weltberühmten Nahtstelle des Ost-West-Konfliktes seine zweite Ausstellung zu eröffnen (Wenig später wurde die Ausstellung in der Bernauer Straße aus Kostengründen geschlossen). Diese Neueröffnung fand im Beisein Berliner Prominenz, u.a. dem Berlin-Beauftragten Ernst Lemmer statt und stellte für Hildebrandt einen Durchbruch dar. Zwischenzeitlich hatte er die „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ gegründet, nachdem die Existenz der „Berliner Häftlingskreise“ – unter deren Namen die Ausstellung in der Bernauer Straße eröffnet worden war – u.a. in dem besagten Zeitungsartikel bezweifelt worden war. Somit wurden die seinerzeitigen Kritiker zum Geburtshelfer des Vereins, dessen Erfolgsgeschichte seinesgleichen sucht. Aus den (allerdings kurzfristigen) Kontrahenten wurden übrigens lebenslange Freunde.

Als einziger Freund einen Tag vor der Aktion am 13.08.1989 von CWH eingeweiht: Rainer Hildebrandt (üb. "08" mit PE in der Hand - Foto: LyrAg

Als einziger Freund einen Tag vor der Aktion am 13.08.1989 von CWH eingeweiht: Rainer Hildebrandt (üb. „08“ mit PE in der Hand) – Foto: LyrAg

Sein Lebensstil blieb stets bescheiden

Rainer Hildebrandt wurde häufig sein „laxer Umgang“ mit Finanzen vorgeworfen. Immerhin wurde die Ausstellung „Haus am Checkpoint Charlie“ im Laufe der Zeit zu einem Millionenunternehmen, was das Ehepaar Hildebrandt veranlasste, Anfang dieses Jahrhunderts auf die Gemeinnützigkeit zu verzichten. Dennoch ging dieser hartnäckige Vorwurf fehl. Der Museumsgründer war nie auf Gewinnmaximierung aus, blieb zeitlebens ein Idealist. Der Kampf gegen das Unrecht war sein Lebensinhalt, die Förderung vieler Flüchtlinge und Widerständler sah er als selbstverständlich an. Sein persönlicher Lebensstil blieb stets bescheiden. Sein „Geiz“ gegenüber Beschäftigten war ebenso legendär wie seine mentale Großzügigkeit gegenüber Freunden.

War dieser Mann ein Vorbild? Unter dem Strich kann diese Frage bejaht werden. Trotz vielfacher Fragezeichen, die seine Vita besonders im sogen. Kalten Krieg kennzeichneten (was wohl im engen Zusammenhang mit seinem hartnäckigen Schweigen besonders über die Tätigkeiten der KgU unter seiner Ägide steht) hat Hildebrandt in außergewöhnlicher Weise und beispielhaft dazu beigetragen, das Unrecht des Mauerbaus („Die Mauer ist Unrecht – Fluchthilfe ist die Wiederherstellung eines Rechts“ war eine seiner markanten und vielfach propagierten Aussagen) vor aller Welt zu dokumentieren und das Bewusstsein über dieses Unrecht lebendig zu halten.

Nach 11 Jahren noch immer keine Ruhestätte zum Trauern

Ohne diesen Mann und seinen festen Glauben an die Werte der Freiheit, ohne seine Beharrlichkeit, von Beginn an unschätzbare Dokumente und Materialien aus dieser Zeit zu sammeln, gäbe es heute keine fast lückenlose Dokumentation über die Geschehnisse während der Existenz der Mauer von 1961 – 1989. Berühmte Politiker und Zeitgenossen, Präsidenten und Monarchen haben ihm dafür ihre Aufwartung gemacht, diesem eindrucksvollen Mann der Widersprüche gedankt – zu Recht.

Stille Demo für die Beisetzung der Urne  2007 am Checkpoint Charlie - Foto.LyrAg

Stille Demo für die Beisetzung der Urne 2007 am Checkpoint Charlie – Foto.LyrAg

Trotzdem bleibt zu seinem 100. Geburtstag Wehmut. Seine sterblichen Überreste harren seit fast elf Jahren nach wie vor im Krematorium Ruhleben in einem Regal der Beisetzung. Seine streitbewehrte Witwe Alexandra weigert sich nach wie vor, seine Urne beizusetzen. Sie besteht auf einem Ruheplatz neben Albrecht Haushofer, dem einstigen väterlichen Freund und Nazi-Opfer. Das Grab Haushofers liegt auf einem bereits Jahre vor Hildebrandts Ableben geschlossenen Friedhof in Berlin-Moabit. Eine naheliegende Beisetzung auf dem Ehrenfeld der Opfer vom 17. Juni 1953, für die der Senat bereits vor vielen Jahren sein Einverständnis erklärt hatte, lehnt die jetzige Direktorin des Museums ab.

Freunde, unter ihnen nicht wenige einstige Fluchthelfer, Flüchtlinge und Weggefährten, können also auch anlässlich seines 100. Geburtstages keinen Blumengruß an einer Grabstätte niederlegen. Auch die Stadt Berlin steht recht hilflos vor der Situation, keine sichtbare Ehrung vornehmen zu können.

So bleibt nur auf diesem Weg der Dank an einen verdienten Bürger Berlins und nicht zuletzt an einen jahrzehntelangen Freund: Wir werden Rainer Hildebrandt, diesen umstrittenen aber aufrechten Freiheitskämpfer nicht vergessen. (906)

Siehe auch: http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/erfuellt-doch-bitte-seinen-letzten-wunsch#

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin/Hohenschönhausen/Bautzen, 18. Oktober 2012/ts – Heute vor 47 Jahren wurde Carl-Wolfgang Holzapfel in den Mittagsstunden am Checkpoint Charlie von Grenzposten der DDR verhaftet. Holzapfel war wiederholt mit einem Schild „Freiheit für Harry Seidel und 14.000 politische Gefangene in der SbZ“ über den berüchtigten „weißen Strich“ in Richtung Ost-Berlin aufgebrochen, um dort gewaltlos für die politischen Gefangenen zu demonstrieren.
Vor dem 18. Oktober 1965 hatte der seinerzeitige Reklamearbeiter bei der BVG in 12 Großstädten der (alten) Bundesrepublik fast 7.000 Unterschriften gesammelt; der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt unterstützte die Aktion, Ernst Lemmer unterschrieb als Erster die Unterschriftenliste beim Start der Aktion in Berlin. Holzapfel sammelte Unterschriften  aus 27 Nationen, darunter Ungarn und Polen, eine Unterschrift war aus der SbZ. Aus diesem Grund hatte er seinen demonstrativen Slogan abgeändert: „Menschen in aller Welt fordern…“ und hatte daher den Ausländerübergang in der Friedrichstraße für seine Aktion bestimmt.
Am 7.April 1966 wurde Holzapfel nach dreitägiger Prozessdauer für sein Engagement vom Stadtgericht in Ost-Berlin (Littenstraße) zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt und Ende 1966 freigekauft. Am 1. Mai 1966 unterschrieb auch Bundeskanzler Ludwig Ehrhardt in Berlin die Forderung nach Freilassung von „Holzapfel, Seidel und 14.000 politischen Gefangenen“.

Heute ist Holzapfel Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 in Berlin (seit 2002). Dem Verein selbst gehört er seit 49 Jahren an.

V.i.S.d.P.: Tatjana Sterneberg, Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Tel.: 030-30207778

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