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Berlin/Naples-Florida, 16.10.2012/cw – Er galt als der erfolgreichste Fluchthelfer zur Zeit des Kalten Krieges : Über 1.000 Menschen verdankten ihm den Weg in die ersehnte Freiheit. Am 10.Oktober verstarb Kay Mierendorff in seiner Wahlheimat Naples in Florida, USA. Der am 3. Juni 1946 geborene Neffe des in der Weimarer Republik bekannten SPD-Politikers Carlo (1897 – 1943), nach dem der Mierendorffplatz in Berlin-Charlottenburg benannt ist, starb im Alter von 66 Jahren an einem unheilbaren Krebsleiden.

Die Brüder Kay und Oliver Mierendorff waren seinerzeit im geteilten Berlin in der Szene der Fluchthelfer und Widerständler gegen das SED-Regime ein Begriff. Auch für die Stasi von Erich Mielke gehörten sie zum Führungspersonal der „Agenten, Saboteure und Feinde des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden“ und wurden entsprechend gnadenlos gejagt.

Der Berliner Zeitung (B.Z.) sagte Kay Mierendorff noch im  letzten Jahr, dass er Überzeugungstäter gewesen sei. Ihm sei es nie um Abenteuer gegangen, oft sei es ein Kampf auf Leben und Tod gewesen. Tatsächlich verübte das DDR-MfS noch 1981 einen  Bombenanschlag auf ihn. Thomas Kittan (B.Z., 16.10.2012): „ Seine rechte Hand wurde dabei zerfetzt, das Gesicht war mit Wunden übersät, Bauchdecke, Leber und Darm aufgerissen.

Sein Bruder Oliver war bereits 1972 verhaftet worden und war über zehn Jahre im berüchtigten Zuchthaus Bautzen inhaftiert. „Sippenhaft“ nannte das sein Bruder Kay.

Am Sterbebett von Kay Mierendorff befand sich auch sein engster Freund, Dr. Wulf Rothenbächer, der selbst als Fluchthelfer im Zuchthaus Cottbus einsitzen musste. Rothenbächer gegenüber der B.Z.: „Kay war ein großartiger Mensch. Für die Freiheit anderer riskierte er sein Leben.

Wir, geistige und tätige Begleiter eines tapferen Überzeugungstäters gegen die Unfreiheit schließen uns dieser Aussage mit den folgenden Zeilen des Berliner Dichters Olaf Lunaris an:

Du entfliehst? Eile nicht, bleib Gedankenfreund!                                                                                                             Wenn mir, wie graues Gewölk,                                                                                                                                         Sorge die Stirn umdüstert                                                                                                                                                  Leg Deinen Abglanz auf mich!

Nicht, unsere Kraft zu zerstreuen–                                                                                                                             nicht, um in Träume des Trugs                                                                                                                                                vor unserer Zeit zu entfliehen,                                                                                                                                               wandeln wir hier durch die Nacht.

Komm, laß im  Wandel uns weilen!–                                                                                                                              Wie eine Wasserrose,                                                                                                                                                           schwankend und doch unbenetzt,                                                                                                                                 ruhet Dein Bild auf dem Teich.

(Aus „Klopstock-Variationen“, Heimat 1998, Bechtle-Verlag)

Kay Mierendorff hinterlässt seine zweite Frau Huan Li, zwei Söhne, seinen Bruder Oliver und viele Freunde. Die Urne des Verstorbenen soll am 10. November in Naples/Florida beigesetzt werden.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Für Sie im  Internet

Hier: Eine Information der Redaktion DER TAGESSPIEGEL:

„Wir müssen alles wissen“. Das war einer der Leitsätze von Stasi-Chef Erich Mielke. Er galt für das eigene Land, aber ebenso für das „Operationsgebiet“ – auch im Westteil Berlins und in der Bundesrepublik verfügte das MfS über ein dichtes Netz inoffizieller Mitarbeiter (IM). Eine Straßenkartei der Stasi verzeichnete akribisch, wo die West-Berliner Spitzel wohnten. In der Stasiunterlagenbehörde wird das Dokument derzeit systematisch ausgewertet. Der Tagesspiegel am Sonntag berichtet über das West-Berliner Spitzelnetz – und bildet es ab. Zu lesen ist von den Motiven der willigen Zuträger und darüber, wie die Tochter eines Spions aus dem Ruhrgebiet ihren Frieden mit ihrem Vater fand. Das alles auf einer Doppelseite in unserer Sonntagausgabe oder im ePaper unserer iPhone- und iPad-App bereits ab 19:30 Uhr.

Matthias Schlegel,  Politikredaktion

© 2012 DER TAGESSPIEGEL

Berlin, 26.10.2010/cw – Im Jahre 20 nach der Wiederherstellung der Einheit schwelgt Deutschland in Jubelfeiern zu den Folgen der „Friedlichen Revolution“, die am 3. Oktober in die Wiedervereinigung mündete. Von der Öffentlichkeit bisher wenig beachtet, verliefen die Vorgänge im Jahre 1990 offenbar nicht ohne Seltsamkeiten, die heute ohne Weiteres schlicht als „Skandal“ eingestuft werden dürfen.

Tatjana Sterneberg, wegen Vorbereitung zur Republikflucht 1973 mit ihrem italienischen Verlobten verhaftet und 1974 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, verbüßte ihre Haft in der ehemaligen  DDR-Frauen-Haftanstalt Hoheneck.  Im Jahr 2008 deckte Sterneberg die Stasi-Verstrickung des seinerzeitigen „Leiters des Medizinischen Dienstes“ in der berüchtigten Haftanstalt auf. MUDr. Peter Janata hatte sich unter dem Decknamen „Pit“ der Stasi verpflichtet und über zehn Jahre der Stasi unter Umgehung der ärztliche Schweigepflicht über seine Patienten berichtet. Nach Beendigung seiner Tätigkeit in Hoheneck (1982) wurde Janata

Leiter der Medizinischen Dienste für alle Haft- und Untersuchungshaftanstalten der DDR im Innenministerium. Heute praktiziert Janata von seiner Vergangenheit unangefochten in  einer gut gehenden Praxis in Ahrensfelde bei Berlin.

Nicht anders sein Kollege aus der ehemaligen Haftanstalt Rummelsburg, in der Sternebergs Verlobter seine Haft verbüßen musste. Auch Dr. Erhard Zels verpflichtete sich als IM „Nagel“ der Stasi und praktiziert ebenfalls von seiner Vergangenheit unberührt ausgerechnet nicht weit entfernt von der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Hohenschönhausen.

Beiden gemeinsam ist nicht nur ihre Tätigkeit für die Stasi, sondern die Beauftragung der Beurteilung über die Haftfähigkeit ihres ehemaligen „obersten Dienstherren“ Erich Mielke und hernach des ehemaligen SED-Partei- und DDR-Staats-Chefs Erich Honecker im Jahre 1990. Die Bemühungen Tatjana Sternebergs, die seit Jahren unermüdlich in der Aufarbeitung tätig ist, Einsicht in die seinerzeitigen Gutachten  zu bekommen, wurden bisher von der zuständigen  Staatsanwaltschaft abgeschmettert: Die Vorgänge bzw. Akten seinen geheim und daher der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Das war wohl in den Aufbruchjahren des wiedervereinigten Deutschland noch anders. Jedenfalls berichtete Peter Przybylski in seinem Bestzeller  „Tatort Politbüro – Die Akte Honecker“ (Rowohlt, 1991) immerhin auszugsweise über die Begutachtung der ehemaligen DDR-Größen durch die beiden belasteten Ärzte. Was weder der Autor noch die Öffentlichkeit wahrnahm, war die durch Sterneberg inzwischen aufgedeckte Verstrickung der Gutachter als erfolgreiche Stasi-IM.

Peter Przybylski zitiert aus den Gutachten unter dem Kapitel „Mielkes Festnahme und Haft“ (Seite 27): „In einem ärztlichen Bulletin vom 19. Februar 1990 konstatierten die verantwortlichen Haftärzte Dr. sc. Zels und Dr. Janata: >Besonders am Abend kommt es zu Verwirrtheitszuständen, offenbar auch in Abhängigkeit von der vorausgegangenen psychischen  Belastung des Tages. Die Perspektivlosigkeit im Falle einer Verurteilung ist M. dagegen voll bewusst. Sie führt zu einer depressiven Grundstimmung, die wiederum suizidale Tendenzen verstärken konnte… Aus ärztlicher Sicht ist die Fortsetzung der Untersuchungshaft bei dem Patienten nicht mehr vertretbar<.“ (Az.: 111-1-90, Bd. 03.1).

Und im Kapitel „Ermittlungsverfahren gegen Honecker“ zitiert der Autor: „Dem Gericht lag nicht nur die Diagnose des behandelnden Arztes, Professor Althaus, sondern inzwischen auch die Stellungnahme der Haftärzte Dr. Janata und Dr. Zels vor. Beide hatten Honecker gleich nach der Vernehmung, die auf seine Wunsch hin abgebrochen wurde, untersucht. Fazit: > Nach den von uns vorgenommenen klinischen Untersuchungen bestätigen wir die Meinung von Professor Dr. Althaus, dass der Patient zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht haftfähig ist. Aus unserer Sicht ist eine psychische und physische Rehabilitation unter entsprechenden Bedingungen und ambulanter ärztlicher Betreuung für vorerst 4 Wochen erforderlich<.“ (Seiten 33/34 – Az. Bd. 01.1/1).

„Hier wurden die Böcke zu Gärtnern gemacht,“ stellte Sterneberg, Vorstandsmitglied der Vereinigung 17. Juni fest. „Die Beauftragung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter mit der Begutachtung ihrer einstigen Auftraggeber reiht sich in den Katalog der Bevorzugung ehemaliger Täter gegenüber ihren einstigen  Opfern ein.“ Die Opfer der SED-DDR-Stasi-Diktatur würden „im Schatten der Jubelfeiern zum 20. Jahrestag den berechtigten bitteren Beigeschmack einer schamlosen Verdrängung ihrer Belange“ nicht verlieren. Peter Janata und Erhard Zels würden „nach wie vor mit ihrer Reputation als Ärzte gutes Geld verdienen, während ihre Opfer, die seinerzeit nicht auf entsprechende Begutachtungen vertrauen konnten, mit einem sozialen Almosen abgespeist wurden und vielfach auch heute noch um die Anerkennung ihrer durch die Haft verursachten  gesundheitliche und beruflichen  Folgen  kämpfen müssten,“ so die Sterneberg.

V.i.S.d.P.: Vereinigung 17. Juni (AK) 1953 e.V., Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953 Tatjana Sterneberg: Tel.: 030-30207778

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